Kartografie als Politik: Die Schweiz in 3D, 1883 bis 2016

Vor kurzem ist die neuste, die 3D-Version des Atlas der Schweiz erschienen. Das ist technisch avanciert und beeindruckend – und erinnert an die eminent politische Funktion von Kartografie in der Schweiz: Nicht nur die Nation, auch ihr Raum ist „imaginiert“.



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Vor kurzem ist die neuste Version des Atlas der Schweiz erschienen. Dem neuen Atlas liegt ein virtueller 3D-Globus zugrunde: eine Art Google Earth mit von fachkundiger Hand am Institut für Kartografie und Geoinformation der ETH Zürich kuratierten und aufbereiteten Inhalten. Auch für diesen interaktiven und online frei verfügbaren Atlas gilt, was der langjährige ETH-Professor für Kartografie Eduard Imhof schrieb, als er 1961 mit der Arbeit an der ersten Ausgabe des Atlas der Schweiz begann, der noch in Form einer teuren, grossformatigen Schachtel mit fast 400 Karten in Einzelblättern erscheinen sollte:

Die Karte, der Atlas ist die denkbar konzentrierteste, inhaltsreichste und damit rationellste Form der Vermittlung natürlicher und kultureller, materieller und geistiger Inhalte eines Landes. Das Studium umfangreicher geographischer und statistischer Literatur erfordert viel Zeit und kann trotzdem nicht ersetzen, was eine Karte auf einen Blick bietet. – Eduard Imhof, 1961

Mit seinem Atlas knüpfte Eduard Imhof an eine in der Schweiz besonders lebendige Tradition der Kartenherstellung an. In dieser Tradition ging es stets um mehr als die möglichst akkurate Repräsentation der Landschaft. Auch für Imhofs Atlas traf daher zu, was David Gugerli und Daniel Speich schon über die so genannte Dufour-Karte von 1883 feststellten: Die Vermessung der Schweiz macht als „Topografie der Nation“ das verflochtene „Dreiecksverhältnis zwischen Macht, Wissen und Raum“ sichtbar.

„Imagined Community“ oder „Imagined Place“?

Die aus vielen Einzelblättern zusammengesetzte Dufour-Karte, ein drei auf vier Meter grosses Gesamtbild der Schweiz, war die Hauptattraktion der Landesausstellung von 1883 in Zürich. Dank ihrer sorgfältigen Reliefdarstellung hatte die Karte eine besonders plastische, fast dreidimensionale Wirkung. Die Landesansicht von oben war damals noch weitgehend unbekannt (die ersten Luftaufnahmen aus der Ballongondel Eduard Spelterinis kamen erst 15 Jahre später in Umlauf). Entsprechend beeindruckt zeigte sich das Publikum: „Wess’ Schweizers Brust wird nicht mit gerechtem Stolz erfüllt, wenn er die zu vertheidigende Landesherrlichkeit in der grossartigen, unübertrefflichen Dufourkarte […] repräsentirt sieht und mit einem Blicke umfasst?“ hiess es etwa in der Allgemeinen Schweizerischen Militär-Zeitung. Tatsächlich bezeichnete die Karte auch ein Moment des Nation Buildings: „Über den Umweg der Kartografie und der Topografie“ konnte die Schweiz, so Gugerli und Speich, „auf plastische Weise als geeinte Nation präsentiert werden. […] [D]ie Grenze zwischen dem zusammengewürfelten Kollektiv der Besucher […] und der Imagined community der Nation [wurde] verwischt.“

Dieses auf Benedict Anderson zurückgehende Konzept der „imagined community“ versuchte der Historiker Oliver Zimmer in einem Plädoyer wider die „Überwindung des Nationalstaates“ durch die Europäische „Union der Unaufrichtigkeit“ in einem NZZ–Gastkommentar in einer überraschenden Wendung zu aktualisieren. Gemäss Anderson sind Nationen eine sozial konstruierte Realität: Imaginierte Gemeinschaften, die nur existieren, weil sich Menschen als ein Teil von ihr betrachten. Derart ihrer materiellen Substanz beraubt, lassen sich die Nationen jedoch schlecht gegen die angebliche Brüsseler „Revolution der Machtstrukturen in Europa“ verteidigen. Und so blieb Zimmer nur noch die Mobilisierung des Raumes, um dem Konzept der Nation wieder etwas festeren Boden unter den Füssen zu verleihen: „Von unserer anthropologischen Ausstattung her sind wir ortszentrierte Wesen“. Das „erstaunliche Kunststück menschlicher Projektion“, sich als Teil einer Gemeinschaft zu imaginieren, funktioniere nur dank „realer Ortsbezogenheit“. „Vielleicht hätte Benedict Anderson die Nation besser als ‚imagined place‘ bezeichnet.“

Was ist davon zu halten? Die Schweiz in ihrer gegenwärtigen politischen Form ist noch nicht allzu lange die wichtigste „imagined community“ auf ihrem heutigen Gebiet. Der innere Zusammenhalt des – notabene aus einem Bürgerkrieg hervorgegangenen – Bundesstaats von 1848 blieb bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhundert hinein prekär. Die Bevölkerung identifizierte sich lange Zeit viel stärker mit ihrer Kantonszugehörigkeit, als mit ihrer Nation. Fast noch jünger allerdings ist die Schweiz als „imagined place“: Erst mit dem Kartenwerk General Dufours eroberte sie die Köpfe ihrer Bevölkerung. Die Dufour-Karte implantierte nicht nur den Umriss der Landesgrenzen in die Vorstellungswelt der Zeitgenossen. Ihr ausgeprägtes Relief schärfte zudem die Wahrnehmung der spezifischen Topografie der Schweiz: die einer von Gebirgen, Hügelzügen und Gletschermoränen charakterisierten Alpennation. Dem trug sicher auch der Umstand Rechnung, dass die plastische Geländedarstellung genau an der Grenze der Schweiz aufhörte. So hob sich das „Schwei­zer­al­penland“ (Lavater) deutlich von seinen flach dargestellten Nachbarländern ab – Imagined Place, 1883. „Die landschaftliche Synthese entsteht noch nicht auf dem Papier, sondern erst im Kopfe des Kartenlesers“, wusste Eduard Imhof 1941. Der imaginierte Ort ist, mit anderen Worten, genauso konstruiert wie die „imagined community“.

Eine „geistige Waffe Schweizerischer Selbstbehauptung“

Die Orientierung stiftende Kraft der Karte verrichtete ihren Dienst auch an der Landesausstellung 1939 in Zürich, die ganz auf die geistige Landesverteidigung ausgelegt war. „Wohl selten wurde die Landkarte als Veranschaulichungs- und Werbemittel auf Expositionen in ähnlich starkem Masse […] herangezogen“, hiess es in einer Bilanz, die rund 500 Schweizer Kartendarstellungen in unterschiedlichsten Themengebiete aufzählte. Die Form der Schweiz verband sich mit der Aktivdienstgeneration:  Mit ihrem Umriss, ihren Gebirgskämmen und Bergspitzen mag das Land tatsächlich an das „Stachelschwein“ erinnern, das Hitlerdeutschland einer verbreiteten Erzählung im schweizerischen  Narrativ des bewaffneten Widerstands zufolge erst beim Rückzug einnehmen wollte. Gerade in Zeiten der Unsicherheit und der Krise zeigt sich in der Schweiz ein „Anlehnungsbedürfnis an die Alpen“ (Guy Marchal). Und in der schweizerischen Spielart völkischen Gedankenguts, das sich auch in der geistigen Landesverteidigung manifestierte, charakterisierte die alpine Topografie die Eigenart nicht nur der Schweiz, sondern auch jene ihres „Volkes“. Da die Kategorie der „Rasse“ im mehrsprachigen Vielvölkerstaat für völkisches Blut-und-Boden-Denken nur bedingt anschlussfähig war, kam dem Boden eine umso grössere Bedeutung zu. Der Geograf Emil Egli schrieb in einem 1939 erschienen programmatischen Aufsatz von einer „völkischen Gestaltungskraft des Schweizerbodens […] in allen ethnographischen Belangen.“ Genauer noch: „Was auf Schweizerboden trifft, wird umgewandelt […], alpinisiert“: Imagined Place, 1939.

Die Landesausstellung 1939 gab dem seit längerem gehegten Plan Auftrieb, einen Nationalatlas zusammenzustellen. Er sollte „eine Tat geistiger Landesverteidigung werden. Er soll, ähnlich wie dies unsere unvergeßliche Landesausstellung getan hat, Zeugnis ablegen von der kulturellen Leistungsfähigkeit und von der landschaftlichen und völkischen Eigenart der Schweiz“, so Eduard Imhof. Imhof hatte ein geschärftes Bewusstsein für die akute Gefährdung seiner Schweizer Heimat: 1938 hatte er den „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland aus nächster Nähe miterlebt, da er sich zu der Zeit gerade für einen Gastvortrag in Wien aufhielt. Das „Stück Weltgeschehen“, das er mit einer Mischung aus wissenschaftlicher Neugierde und „stumpfem Grauen“ mitverfolgte, hinterliess einen nachhaltigen Eindruck: der bejubelte Paradezug des „Führers“, der „den Blick steif schräg aufwärts den Wolken zugewendet“ an ihm vorbei fuhr. „Gute alte Wiener“ Fachkollegen, die sich „fassungslos ob des Unterganges ihres österreichischen Staates“ zeigten, Gewaltausbrüche in den Gassen der Hauptstadt der „alten grossen Nation.“ Ebenso bedrückte den Schweizer Patrioten die von nicht wenigen Fachkollegen geteilte Vision eines „Grossdeutschen Reiches“ und neuen Europas. Fritz Machatschek etwa, ehemaliger ETH-Professor für Geografie und glühender Hitler-Verehrer, den Imhof auf seiner Vortragsreise ebenfalls besuchte, argumentierte, dass Europa „dem welthistorisch ewig heran drängenden Slaven- und Mongolentum nur durch engen Zusammenschluss gewachsen“ sei: Imagined Place, 1938.

Die Bedrohung durch die faschistischen Nachbarländer war allerdings längst gebannt, als der Bundesrat 1961 endlich die Finanzierung des Atlas der Schweiz beschloss und Imhofs Institut sowie die eidgenössische Landestopografie mit der Umsetzung beauftragte. Die geistige Landesverteidigung hingegen lebte unter dem Vorzeichen des kalten Krieges weiter. Der Atlas sollte, so Imhof, nicht nur die „weitere geowissenschaftliche Forschung anregen“ und „eine wichtige Hilfe […] für die Regional- und Landesplanung“ sein, sondern „[n]icht zuletzt […] für unser Land ein kulturelles Werbemittel sein, eine geistige Waffe schweizerischer Selbstbehauptung.“

Als Eduard Imhofs Atlas – nach fast zwei Jahrzehnten des Datensammelns und Kartografierens – 1978 endlich vorlag, hatte sich das Land verändert. Mit der Hochkonjunktur der Nachkriegszeit – Beton, Hochhäuser, Autobahnen, modernisierte Landwirtschaft – hatte eine Umgestaltung des Schweizer Landschaftsbildes eingesetzt. Eine Entwicklung, die viele mit Sorge beobachteten. So auch Geograf Emil Egli, dessen Engagement als Naturschützer am Übergang vom konservativen Natur- und Heimatschutz zur neuen Umweltbewegung nach 1968 stand. Egli, für den die Schweiz sein sollte „wie die Landi 1939: nette Dörfer, nicht allzu grosse Städte und keine Wolkenkratzer“ (Jon Mathieu), bezeichnete den Atlas der Schweiz, der ihm für seine NZZ-Rezension erst in einer Teillieferung vorlag, in der NZZ vom 9. April 1967 als „Gebot und Dokument der Zeit. Der weltweite Zivilisationsumbruch rüttelt auch an den Konstanten des schweizerischen Lebensbildes. Es ist kein Zufall, dass […] Werke erscheinen, die mit kartographischer Fixierung […] aus der revolutionär laufenden Entwicklung ein Stehbild des schweizerischen Soseins von heute festhalten wollen.“ Der Atlas sei ein „Gegenwartsbild“ der – offenbar noch einigermassen intakten – Schweiz zur Gestaltung der Zukunft: Imagined Place, 1967.

Imagined Place 2016?

Einen ganz anderen Ansatz verfolgt der neue Online-Atlas der Schweiz, der auf permanente Aktualisierung ausgelegt ist und sogar eine – wenn auch ausbaufähige – Schnittstelle für die Einbindung externer Inhalte bietet. Auch wenn er theoretisch beliebige globale Zusammenhänge darstellen könnte, fokussiert der neue Atlas aufgrund der gegenwärtigen Datenbasis auf gesamtschweizerische Übersichten. Da die speicherplatz-intensiven Landschaftsbilder nicht über die Server-Farm eines kommerziellen Internet-Riesens, sondern über ETH-Rechner angeboten werden, stösst die Auflösung (noch) an Grenzen: das Bild wird beim Hineinzoomen in grössere Massstäbe bald körnig. In den glatt dargestellten kleineren Massstäben hingegen kommt die 3D-Ansicht der Höhenunterschiede so richtig zum Tragen. Damit liegt die Stärke des Atlas – einmal mehr – in der Darstellung beeindruckender Alpenansichten.

Im Atlas der Schweiz lassen sich die Grenzverläufe per Mausklick ausblenden. Dann verschmilzt die Schweiz mit Europa. Dieses schrumpft in der Gesamtansicht zum zerklüfteten Westkap des mit Afrika verbundenen eurasischen Kontinents. Wo Europas Aussengrenzen verlaufen sollen, lässt sich nicht einmal mehr erahnen. Ebensowenig der Verlauf der neu errichteten Nato-Draht-Verbauungen, mit denen wir Europäer so viele Menschen sterben lassen.

Imagine there’s no countries. It isn’t hard to do, heisst es in John Lennons berühmtestem Song: Imagined Place, 1971. Das liegt weit zurück. Fast noch weiter, so scheint es, als 1939.