Kann man Rassismus importieren? Flüchtlinge und die „Hierarchie der Ausländer“ in den 1960er Jahren

Immer häufiger hört man, dass Einwanderer rassistische Einstellungen mitbringen. Selbst wenn das der Fall ist: Wie werden aus Haltungen Handlungen? Welche Rolle spielt dabei der strukturelle Rassismus in den Aufnahmegesellschaften? Die Schweiz bietet dazu ein aufschlussreiches historisches Beispiel.



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Seit einiger Zeit hört man immer häufiger den Vorwurf, dass Flüchtlinge aus dem Nahen Osten Rassismus und Antisemitismus in europäische Gesellschaften „importieren“ würden. Dahinter steht die Vorstellung, dass es sich bei Rassismus um Einstellungen handelt, die Menschen wie Gepäck mit sich tragen. Jüngste empirische Studien werfen aus rassismustheoretischer Sicht dazu viele Fragen auf. Doch selbst wenn man von der Annahme ausgeht, dass ein bestimmter Anteil der Geflüchteten rassistische Einstellungen mit sich bringt, und sich darin nicht gross von den BewohnerInnen der europäischen Aufnahmegesellschaften unterscheidet, erklärt dies noch lange nicht, wie aus Haltungen Handlungen werden.

Um dieser Frage nachzugehen, darf man nicht nur auf die ‚Importeure‘ schauen, sondern muss – um im Bild zu bleiben – auch den ‚Zielmarkt‘ analysieren, in den die ‚Ware‘ eingeführt wird. Die Forschung zeigt, dass es nicht ausreicht, auf Einstellungen von Individuen zu schauen, wenn man verstehen will, was Rassismus ist und wie er funktioniert. Viel wichtiger ist es, die gesellschaftlichen Strukturen zu analysieren, die rassistische Einstellungen fördern, verbreiten, reproduzieren, ja sogar hervorbringen. Sie bilden den Rahmen dafür, dass aus Einstellungen Handlungen, Gewohnheiten, ja sogar Institutionen werden, durch die Menschen aufgrund von Faktoren wie Aussehen, Namen, Sprache, Nationalität, Religion, Kleidung, Habitus diskriminiert werden. Wenn die Debatte um „importierten Rassismus“ also mehr sein soll, als ein altbekanntes Manöver, bei dem ‚die Ausländer‘ zur eigenen Entlastung als Sündenböcke an den medialen Pranger gestellt werden – nach dem Motto: „Die sind viel rassistischer (oder alternativ: sexistischer, nationalistischer) als wir!“ – dann muss man genauer hinschauen. Wie – so die eigentliche Frage – kann man über „importierten Rassismus“ sprechen, ohne rassistisch zu sein?

Der helvetische Rassismus und die Hierarchie der Ausländer

Ein Kennzeichen der öffentlichen Debatten um Flucht und Migration in der Schweiz in den letzten Jahren ist ihre erstaunliche Amnesie – als stünde man jedes Mal wieder vor einer Herausforderungslage ohne historische Vorläufer. Dabei wäre ein Blick in die Geschichte, zum Beispiel der sogenannten „Ungarnflüchtlinge“, durchaus lehrreich.

Als Tausende von Ungarn, nach dem Einmarsch der Sowjets 1956 in die Schweiz flohen, wurden sie offiziell als Verbündete im Kampf gegen den Kommunismus willkommen geheissen. Im gesellschaftlichen Alltag trafen sie jedoch auf tiefverankerte Ressentiments gegenüber „Fremden“. Emil Pintér, ein ungarischer Psychiater, der selbst in die Schweiz geflohen war, untersuchte in den 1960er Jahren das psychische Leid seiner Landsleute in Hinblick auf diese widersprüchliche Situation in der Schweiz. Aus Hunderten von Interviews mit den Betroffenen ermittelte er die Position der „Ungarnflüchtlinge“ in einem sozialen Feld, das er die „Hierarchie der Ausländer“ nannte:

Die Figur des „Durchschnittsschweizers“ bildet das normative Zentrum in der Hierarchie der Ausländer. Alle Anwesenden in der Gesellschaft werden an diesem weissen, christlichen, bürgerlichen Massstab gemessen, der so strukturgebend ist, dass er im Alltag unausgesprochen bleiben kann. Dabei werden laut Pintér selbst innerhalb des „Schweizervolks“ bestimmte Gruppen als Aussenseiter fremdmarkiert:

Welsche und Tessiner in der deutschen Schweiz, Juden, Katholiken (in protestantischen Gegenden), Kommunisten, Nonkonformisten aller Art, Frauenstimmrechtler (in konservativen Gegenden), Träger ‚unbürgerlicher Berufe‘, charakterliche Außenseiter, Taubstumme, Gebrechliche usw.  – Emil Pintér, 1969

Die unterste Stufe des Fremdseins bilden die „Ausländer nicht-weisser Rasse“ (noch  Anfang der 1970er Jahre wurde in der Schweiz in der Forschung von Rasse gesprochen). Seine eigenen Landsleute verortete Pintér unter den deutschen und französischen Einwanderern, aber über den „mediterranen Fremdarbeitern“, die zu der Zeit der Studie zu Hundertausenden in Schweizer Fabriken und Betrieben arbeiten. Rund ein halbes Jahrhundert nach der sogenannten Schwarzenbach-Initiative gegen „Überfremdung“ erscheint es kaum mehr vorstellbar, dass man damals wegen der südeuropäischen Gastarbeiter genauso in Panik geriet, wie dann in den 1980ern in Anbetracht der „Asylschwemme“, in den 1990ern aufgrund der „Balkanflüchtlinge“ und heute angesichts der „Flüchtlingskrise“.

Pintérs Schalenmodell des helvetischen Rassismus müsste entsprechend aktualisiert, weiter ausdifferenziert und vor allem dynamisch gedacht werden. Die Figuren in den jeweiligen Schalen haben sich aufgrund von historischen Ereignissen aber auch aufgrund der Art und Weise, wie die ‚Fremden‘ jeweils ihre Handlungsspielräume nutzen, um sich zu positionieren oder auch zu wehren, immer wieder verändert und verschoben. Doch selbst wenn sich der helvetische Rassismus fortwährend wandelt, ist er in der konzentrischen Grundstruktur historisch erstaunlich langlebig. So lässt sich etwa eine direkte Linie von rassistischen Kulturkreis-Vorstellungen aus dem europäischen Kolonialismus – in den die Schweiz bekanntlich nicht nur mental involviert war – bis hin zum sogenannten „Drei-Kreise-Modell“ der offiziellen Schweizer Migrationspolitik in den 1990er Jahren ziehen.

Rassismus als Assimilationsstrategie

Menschen, die in die Schweiz flüchten bzw. migrieren, stehen vor der Herausforderung, sich in die bestehende Hierarchie der Ausländer einzufügen. Dabei bringen sie gewisse angeborene, ererbte, erlernte bzw. sozialisierte ‚Assets‘ mit sich, aufgrund derer sie bestimmte Positionen in diesem Feld einnehmen können, und andere nicht: Hautfarbe, Aussehen, Sprache, Nationalität, Religion, Habitus. Je grösser das ökonomische, soziale und kulturelle Kapital von eingewanderten Menschen – sprich Wohlstand, Netzwerke und Bildung –, desto grösser der Bewegungsspielraum. Dabei gilt es, das Zusammenspiel von ‚positiven‘ rassistischen Attributionen („Asiaten sind intelligent und strebsam“) und negativen Zuschreibungen („Nordafrikaner sind kriminell“) im Auge zu behalten. Die Möglichkeit einzelner Individuen und Gruppen, die exotistischen Begierden, Projektionen und Konsumwünsche der Dominanzkultur zu bedienen, – etwa durch ethnic business –, kann gerade auch im Kontext des Multikulturalismus die Ausgangslage in der Ausländerhierarchie verbessern. Doch ein Aufstieg ins helvetische Zentrum, ein wirkliches Gleichwerden mit dem innersten Kreis – egal ob man es nun Assimilation oder Integration nennt – ist in diesem System nur unter sehr spezifischen Bedingungen für sehr wenige möglich.

Der Durchschnittsschweizer ist ein kaum zu fassendes und zugleich erstaunlich robustes Phantasma. Daher erscheint es für viele ‚Fremde‘ zuweilen attraktiver, eine andere Strategie der sozialen Selbstaufwertung zu wählen: Abgrenzung gegen unten. So hatten nicht nur die ungarischen, sondern auch die tschechoslowakischen und tibetischen Geflüchteten in den 1950/60er Jahren die Option, sich gegenüber den unter Kommunismus-Verdacht stehenden Italienern zu profilieren. Mit dem Anwachsen der aussereuropäischen Asylmigration ab den 1980er/90er Jahren bot sich dann diesen ehemaligen „Fremdarbeitern“ und auch ihren Kindern die Chance, sich von den noch fremderen „Muslimen“ abzusetzen. Man muss hier allerdings aufpassen, keine empirisch haltlosen Klischees und urbanen Mythen zu reproduzieren (z.B. „Secondos sind rassistischer als richtige Schweizer“), die längst eine Entlastungsfunktion erfüllen. Man muss vielmehr sehr genau hinschauen, wer in welcher Situation bereit ist, die ausgestreckte Hand des helvetischen Rassismus zu ergreifen und sich gegen „noch fremdere Fremde“ zu profilieren – und wer nicht.

Ein wichtiger Faktor, der die Bereitschaft zu einem solchen, letztlich systemkonformen Verhalten erhöht, sind – wenig überraschend – rassistische Einstellungen bei denjenigen, die einen Aufstieg in der Ausländerhierarchie anvisieren. Da macht es zunächst keinen Unterschied, ob diese Einstellungen durch die Sozialisation in der Schweiz erworben oder durch Immigration „importiert“ werden, bzw. ob beides sich gegenseitig verstärkt. So stammten die meisten Gastarbeiterfamilien aus ehemaligen europäischen Kolonialmächten wie Italien, Spanien, Portugal, wo der jeweilige gesellschaftliche Rassismus ähnlich wie in der Schweiz auf der Vorstellung weisser, christlicher Überlegenheit beruht. Antisemitische, antimuslimische, antischwarze, antiziganistische und andere Rassismen gibt es nicht nur in Westeuropa.

Dass Rassismus heute jedoch ein globales Phänomen mit sehr vielen Formen und Ausprägungen ist, hat in der Tat sehr viel mit der Jahrhunderte währenden weltweiten Vorherrschaft des europäischen Kolonialismus zutun. So ist der heutige Antisemitismus im Nahen Osten trotz der präkolonialen Vorgeschichte nur zu verstehen, wenn man die Rolle des europäischen Kolonialismus im 19. und 20. Jahrhundert und auch die Verwicklungen mit dem Nationalsozialismus mitdenkt. Der vermeintliche Import von Antisemitismus durch muslimische Geflüchtete entpuppt sich bei genauerer historischer Betrachtung wenn nicht als Re-Import, so zumindest als Produkt einer komplexen globalen Verflechtungsgeschichte. In welcher Weise jedoch diese Einstellungen nach der Einwanderung in die Schweiz und in andere Länder relevant werden, hängt vor allem von den strukturellen Bedingungen und Anreizen der Aufnahmegesellschaften ab.

Rassistische Einstellungen werden tendenziell dann verstärkt, wenn sie auf entsprechende Gelegenheitsstrukturen treffen. Dies ist etwa der Fall, wenn rassistische Einstellungen zur Abgrenzung nach unten bzw. zur eigenen Aufwertung eingesetzt werden können (etwa wenn sich christliche gegenüber muslimischen Flüchtlingen profilieren können, Iraner gegenüber Türken und Arabern, Südeuropäer gegenüber Nordafrikanern, Kroaten gegenüber Albanern usw. usf.). Auch die antisemitischen Einstellungen muslimischer Einwanderer, die aktuell in den Medien skandalisiert werden, stossen in europäischen Ländern in vielfältiger Weise auf Resonanz. So gibt es viele Überschneidungspunkte mit dem einheimischen Antisemitismus, der nicht nur in der Schweiz von links bis rechts virulent ist, aber kaum öffentlich thematisiert wird.

Paradoxer Rassismus

Diese selektive Wahrnehmung in Europa hat eine paradoxe Konsequenz: Das Selbstbild humanitärer Gesellschaften, die vermeintlich „aus dem Holocaust gelernt“ und den Rassismus überwunden hätten, fördert Rassismus. David Goldberg nennt dies Racial Europeanization. Europa braucht ein Gegenüber, von dem man sich abgrenzen und dem es die Schuld für das Fortbestehen von Rassismus und Antisemitismus geben kann. Tragischerweise erhöht diese Konstellation das identitätsstiftende Potenzial von antisemitischen Haltungen und Handlungen gerade für Gruppen, die hier aufgrund von Rassismus marginalisiert werden – also nicht nur, aber auch Geflüchtete aus muslimischen Ländern. Unter solchen Bedingungen verstärken sich importierter und hausgemachter Rassismus gegenseitig.

Wenn heute selbst ‚ausländerfreundliche‘ Stimmen aus dem normativen Zentrum heraus selektiv den importierten Rassismus und Antisemitismus „der Flüchtlinge“ beklagen und mit Integrationskursen beikommen wollen, dann zeigt dies, wie tief die strukturelle Ignoranz gegenüber dem hiesigen Rassismus und Antisemitismus bzw. dem (post)kolonialen Erbe reicht. Die einzige Chance, heute in europäischen Ländern wie der Schweiz über „importierten Rassismus“ zu sprechen, ohne dabei in das Fahrwasser rechter Diskurse zu geraten, besteht darin, Rassismus als gesellschaftliche Struktur, in die alle in unterschiedlicher Weise auch über die eigenen Landesgrenzen hinaus verstrickt sind, zu verstehen und zu untersuchen.