Immer wieder werden Afroamerikaner:innen Opfer von Polizeigewalt. Dies lässt sich nicht allein mit veralteten Polizeitaktiken oder Alltagsrassismus erklären. Vielmehr finden sich hier die Echos historischer Praktiken, die vor allem schwarze Mobilität kriminalisieren.

  • Sebastian Jobs ist Professor für die Geschichte Nordamerikas am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien (FU Berlin). In seiner Forschung beschäftigt er sich mit der Geschichte der Sklaverei im atlantischen Raum, Formen des Widerstands und des Eigen-Sinns sowie mit Alltagsgeschichte. Derzeit schließt er ein Forschungsprojekt zu Gerüchten über Sklavenaufstände im amerikanischen Süden ab.
Geschichte der Gegenwart
Geschichte der Gegenwart
„There’s a black male running down the street.“ Zur Krimi­na­li­sie­rung schwarzer Mobi­lität in den USA
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    Proteste nach dem Tod von Daunte Wright, der bei einer Verkehrs­kon­trolle in Minne­sota erschossen wurde, 04/2021; Quelle: spiegel.de

Michael Brown, Tamir Rice, Eric Garner, Phil­ando Castile, Breonna Taylor, George Floyd. Diese Namen – und viele andere mehr – stehen für die schwarzen Opfer rassis­ti­scher Poli­zei­ge­walt in den USA. In Reak­tion auf ihren Tod haben Bürger­rechts­or­ga­ni­sa­tionen und -bewe­gungen wie Black Lives Matter im vergan­genen Jahr laut­stark gegen eine veral­tete und unzu­rei­chende Ausbil­dung von Polizist:innen, gegen struk­tu­rellen und insti­tu­tio­nellen Rassismus sowie rassis­ti­sche Feind­bilder gegen­über Afroamerikaner:innen protes­tiert und grund­le­gende Reformen im Poli­zei­be­trieb einge­for­dert. Dieser Protest gegen Poli­zei­ge­walt hat 2020 eine neue Inten­sität erreicht und große Zustim­mung in der Gesell­schaft erfahren. Gleich­wohl sind Forde­rungen nach Verän­de­rungen nicht neu. In den vergan­genen Jahr­zehnten gab es immer wieder Gerichts­pro­zesse und Unter­su­chungs­kom­mis­sionen, die Miss­ständen nach­gingen und mit guten Vorsätzen Reform­vor­schläge für Poli­zei­ar­beit formu­lierten: 2020 in Minnea­polis, 2014 in Ferguson, 1991 in Los Angeles, als Rodney King von einer Gruppe von Poli­zisten brutal zusam­men­ge­schlagen wurde, oder schon 1967 im Bericht der Katzen­bach Commis­sion. Sie zeigen eine lange Geschichte unzu­rei­chender Fehler­ana­lysen und Lösungs­vor­schläge. Verän­de­rungen und Verbes­se­rungen kommen, wenn über­haupt, eher schlep­pend voran. Wenn die Probleme seit mehr als einem halben Jahr­hun­dert bekannt und benannt sind, warum ist es so schwierig sie zu beheben?

Schwarze Mobi­lität und ihre lange Geschichte

Für unser Bild von Poli­zei­ge­walt in den USA ist es zum einen zentral, die alltäg­liche Diskri­mi­nie­rung gegen Afroamerikaner:innen an Schulen, im Gesund­heits­system oder auf dem Immo­bi­li­en­markt zu verstehen. Jürgen Mart­schukat hat an dieser Stelle im letzten Jahr tref­fend auf die meta­pho­ri­sche und tatsäch­liche Atemnot von schwarzen Amerikaner:innen hinge­wiesen, die während der Covid-Krise in den USA sichtbar wurde. Ein anderer Aspekt, der hilft Poli­zei­ge­walt besser zu verstehen, ist die Geschichte schwarzer Mobi­lität, ihrer Kontrolle und Sank­tio­nie­rung in Nord­ame­rika. In den brutalen Über­griffen auf Afroamerikaner:innen spie­geln sich nicht nur diskri­mi­nie­rende Haltungen und Erwar­tungen von Polizist:innen wider – der gene­relle Krimi­na­li­täts­ver­dacht, dem vor allem schwarze Männer in den Verei­nigten Staaten ausge­setzt sind, ist nur eine Erklä­rung für die Eska­la­tionen, die vor allem aus Verkehrs­kon­trollen im öffent­li­chen Raum entstehen. Das beinahe mythisch aufge­la­dene Auto, das wie kaum ein anderer Gegen­stand des alltäg­li­chen Lebens in den USA für indi­vi­du­elle Frei­heit und Selbst­be­stim­mung steht, wird beson­ders für schwarze Männer immer wieder zur Falle und zum Raum großer Gefähr­dung, weil sie bei Verkehrs­kon­trollen regel­mäßig und syste­ma­tisch ange­halten werden.

Dies hat histo­ri­sche Wurzeln, die bis weit in die Kolo­ni­al­zeit Nord­ame­rikas zurück­rei­chen. Durch ihre lange Geschichte haben sich die Methoden, mit denen schwarze Menschen über­wacht werden, tief in den Alltag der USA einge­schrieben. Prak­tiken, die „driving while Black“ zu einer Bedro­hung für Leib und Leben machen, haben ihre Herkunft in der Geschichte der Skla­verei, wo die Über­wa­chung schwarzer Körper nicht allein staat­li­chen Insti­tu­tionen oblag. Ihre Unter­drü­ckung basierte auf einem erwei­terten Poli­zei­kon­zept, in dem nicht nur Beamte oder offi­ziell Beauf­tragte für die Sicher­heit der (weiß domi­nierten) Gemein­schaft Verant­wor­tung über­nahmen, sondern an der poten­ziell alle weißen Bürger:innen teil­hatten. Dieses weit­rei­chende Verständnis von Poli­zie­rungs­macht spie­gelt sich bis heute in Gewalt­akten gegen schwarze Amerikaner:innen wider und steht der konstruk­tiven Kritik an Poli­zei­ar­beit im Weg.

Slave Codes und der ‚Zweck‘ schwarzer Mobilität

The Slavery Code of the District of Columbia, 1862; Quelle: loc.gov

In der zweiten Hälfte des 17. Jahr­hun­derts begannen briti­sche Kolo­nien wie Barbados, Jamaika oder Caro­lina, deren Wirt­schaft zu einem über­wie­genden Teil auf der Ausbeu­tung von schwarzen Menschen beruhte, „Sitten und Gebräuche“ des Lebens dieser Versklavten staat­lich zu ordnen und ihnen einen recht­li­chen Rahmen zu geben. Neben Bestim­mungen über Alltags­leben wie Klei­dung oder Heirat von Versklavten wurden in diesen soge­nannten Slave Codes bestimmte Straf­tat­be­stände wie Dieb­stahl oder Brand­stif­tung detail­liert aufge­führt und die dafür vorge­se­henen Strafen defi­niert. Im Zentrum dieser Gesetze standen vor allem Bestim­mungen über die Bewe­gungs­frei­heit von Versklavten. Der Caro­lina Slave Code (1712) regelte beispiels­weise gleich im zweiten Abschnitt, dass sich Schwarze nicht jenseits der Grenzen einer Plan­tage bewegen dürften, es sei denn, sie trügen eine schrift­liche Erlaubnis ihrer ‚Besitzer:innen‘ („a ticket, or leave in writing“) bei sich. Zusätz­lich mussten solche Ausgänge mit einem konkreten Auftrag wie einem Boten­gang begründet werden – schwarze Mobi­lität war also notwen­di­ger­weise an einen konkreten Zweck gebunden und fremd­be­stimmt, sie verblieb unter dem Verdacht einer Straftat wie Flucht oder Rebellion.

In diesem Sinne war jede weiße Person berech­tigt, diese Nach­weise zu kontrol­lieren und Bestim­mungen wie nächt­liche Ausgangs­sperren entspre­chend mit Gewalt durch­zu­setzen – d.h. Versklavte an ihre ‚Besitzer:innen‘ zu über­stellen. Von Beginn des 18. Jahr­hun­derts an wurden diese Rege­lungen bis zum Ende des Bürger­kriegs 1865 stetig erneuert und erwei­tert, die Einschrän­kung von Mobi­lität und das damit begrün­dete Poli­zei­ver­ständnis blieb ein zentrales Element der Codes: Der Ausgangs­pass stellte schwarze Mobi­lität grund­sätz­lich unter Verdacht, zwei­felte ihre Legi­ti­mität an und schränkte gewalt­voll die Räume ein, inner­halb derer sich Afroamerikaner:innen bewegen konnten. Beson­ders in Zeiten gefühlter Bedro­hung fand die Poli­zie­rung solcher Bewe­gungen in orga­ni­sierter Form statt: durch die Mobi­li­sie­rung von soge­nannten Slave Patrols.

Slave Patrols: Eine frühe Form der Polizei

Sklaven müssen auf einer Straße in New Orleans ihre Pässe zeigen, 1863; Quelle: lccn.loc.gov

Slave Patrols waren eine der ersten Poli­zei­truppen in Nord­ame­rika. Vor allem in den Südstaaten, wo der Bevöl­ke­rungs­an­teil von Afroamerikaner:innen teil­weise bei fünfzig Prozent lag, bestand ihr Haupt­zweck darin, flüch­tige Versklavte zu stellen sowie Revolten entge­gen­zu­treten. Diese Truppen konnten bei Bedarf mobi­li­siert werden, um auf eine Krise zu reagieren. Sie waren lokal orga­ni­siert und folgten klaren Hier­ar­chien mit mili­tä­ri­schen Orga­ni­sa­ti­ons­prin­zi­pien. Bewaff­nung und Muni­tion stellten die jewei­ligen Patrouillen teil­weise selbst oder sie wurden bei Bedarf von Behörden wie den Gouver­neuren der Kolo­nien oder Staaten unter­stützt. Viele Orte in den Südstaaten hatten für diesen Zweck eigens ein Arsenal oder Waffen­ma­gazin einge­richtet. Jeder weiße Mann, der fähig war eine Waffe zu tragen, war verpflichtet in solchen Milizen zu dienen; dafür erhielten die Betei­ligten meist eine kleine finan­zi­elle Aufwands­ent­schä­di­gung. Vor allem waren es eher arme weiße Männer, die sich hier ein Zubrot verdienten und ihren eigenen sozialen Status aufwer­teten, indem sie die Hier­ar­chie der Südstaaten selbst mit Macht durch­setzen konnten.

Diese Ermäch­ti­gung und die Möglich­keit zur Teil­habe, die verpflich­tende Kompli­zen­schaft in der Durch­set­zung rassis­ti­scher Struk­turen wurden zu einer bestän­digen Demons­tra­tion vermeint­li­cher weißer Über­le­gen­heit und Ungleich­heit. Der weiße Kontroll­blick war damit nicht auf staat­liche Behörden beschränkt: Slave Patrols waren eine Art privater Polizei, an der die gesamte weiße männ­liche Bevöl­ke­rung in den Südstaaten teil­hatte. Jeder­mann betei­ligte sich an der Bestim­mung und Sank­tio­nie­rung schwarzer Mobi­lität sowie der engen Räume, inner­halb derer sich schwarze Menschen legitim bewegen durften. Im Slave Patrol Statute von Loui­siana (1835) wurde fest­ge­legt, dass grund­sätz­lich alle Versklavten fest­zu­nehmen und körper­lich zu bestrafen seien, die sich in Wäldern oder Sümpfen aufhielten, beson­ders wenn sie mit Fackeln oder offenem Feuer hantierten. Aus Angst vor Brand­stif­tung oder Aufruhr stand der Aufent­halt von Schwarzen in solchen undurch­sich­tigen Räumen unter Gene­ral­ver­dacht. Schwarze Mobi­lität war grund­sätz­lich illegitim.

Über­wa­chung nach dem Ende der Sklaverei

Bewaff­nete Mitglieder des Kuk Klux Klan, 1868; Quelle: encyclopediavirginia_org

Nach dem Ende des Bürger­kriegs 1865 fand die Idee privater Poli­zie­rung von schwarzen Männern und Frauen ihre Fort­set­zung in den Über­griffen des Ku Klux Klan. Diese Terror­or­ga­ni­sa­tion setzte es sich zum Ziel, auch nach Abschaf­fung der Skla­verei den Akti­ons­ra­dius von Afroamerikaner:innen gewalt­voll zu begrenzen – und der Klan konsti­tu­ierte sich aus einer ähnli­chen Anhän­ger­schaft wie vorher die Slave Patrols: weiße Männer, zwischen zwanzig und vierzig Jahren alt, die mit Billi­gung und oft auch Betei­li­gung lokaler Geschäfts­leute das Recht selbst in die Hand nahmen und ange­sichts neuer Gesetze die alten rassis­ti­schen Ordnungen aufrecht­erhalten wollten. In den Gewalt­akten des KKK sollte schwarzen Menschen ‚ihr‘ Platz zuge­wiesen werden, in Lynchings wurde später vermeint­liche white supre­macy auch nach dem Ende der Skla­verei brutal herge­stellt und öffent­lich zur Schau gestellt. Der KKK stand damit in seinem Selbst­ver­ständnis als Bürger­wehr in der Tradi­tion von Slave Codes und Slave Patrols, die ihre Macht aus einem erwei­terten Poli­zei­ver­ständnis bezogen. Wie Helen Gibson in ihrem Forschungs­pro­jekt über schwarze Auto­mo­bi­lität in den USA zeigt, stellte freie und selbst­be­stimmte Mobi­lität von Afroamerikaner:innen im weißen Blick bis weit ins 20. Jahr­hun­dert eine Bedro­hung dar – sei es im lust­vollen Joyri­ding, im Urlaubstrip mit dem Auto oder sogar in der Arbeit als Chauffeur.

Poli­zei­re­form und die Echos des kolo­nialen Erbes

Als Ahmaud Arbery am 23. Februar 2020 in der Nähe seines Hauses in Bruns­wick, Georgia, zum Joggen aufbrach, rief einer seiner Nach­barn den Notruf der Polizei an: „There’s a black male running down the street. […] Stop!” Sekunden später war Arbery tot – verfolgt, gestellt und erschossen von zwei selbst ernannten Ordnungs­hü­tern auf einem Pickup-Truck. Dieser vermeint­liche Akt der Selbst­ver­tei­di­gung, wie ihn Anwälte der Täter recht­fer­tigten, erin­nert stark an die verdachts­ori­en­tierte Ille­gi­ti­mität schwarzer Mobi­lität, der schon früher mit einer bürger­li­chen und allge­meinen Über­wa­chung von Raum und Ordnung begegnet wurde. Die histo­risch einge­übte Selbst­er­mäch­ti­gung in der privaten Siche­rung der eigenen Nach­bar­schaft gegen verdäch­tige schwarze Subjekte findet sich bis heute. Der Gene­ral­ver­dacht, den das Erbe der Kolo­ni­al­zeit dem ameri­ka­ni­schen Alltag einge­schrieben hat, macht gerade schwarze Männer zu Objekten alltäg­li­cher Über­wa­chung und eröffnet den Eska­la­ti­ons­raum für die Gewalt von Poli­zisten gegen Afroamerikaner:innen. Die rassis­ti­sche Poli­zei­ge­walt ist in den USA inso­fern kein Sonder­fall in einer ansonsten um Reformen bemühten Gesell­schaft. Immer wieder behaupten vor allem konser­va­tive Kommentator:innen, es handele sich um die Taten einiger weniger Ausreißer („bad apples“). Schaut man jedoch in die Geschichte schwarzer Mobi­lität, so ist diese Poli­zei­ar­beit die Fort­set­zung von Kontroll­prak­tiken, die von breitem Konsens getragen werden und weit in die Kolo­ni­al­zeit Nord­ame­rikas zurück­rei­chen. Somit wird jeder traffic stop zu einem schmerz­haften Echo des rassis­ti­schen Erbes dieses Landes, zu einer modernen slave patrol. Poli­zei­re­formen können nur im Aner­kennen dieser histo­ri­schen Reso­nanzen auf gesamt­ge­sell­schaft­li­cher Ebene beginnen. Eine weitere Unter­su­chungs­kom­mis­sion wird das Problem kaum beheben können.

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  • Sebastian Jobs ist Professor für die Geschichte Nordamerikas am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien (FU Berlin). In seiner Forschung beschäftigt er sich mit der Geschichte der Sklaverei im atlantischen Raum, Formen des Widerstands und des Eigen-Sinns sowie mit Alltagsgeschichte. Derzeit schließt er ein Forschungsprojekt zu Gerüchten über Sklavenaufstände im amerikanischen Süden ab.