Der 1848er-Revolutionär und spätere US-Politiker Carl Schurz gilt in Deutschland als Held und demokratisches Vorbild. Unter den Tisch fällt dabei sein Anteil in der Etablierung der Rassentrennung in den US-Südstaaten und dem versuchten Ethnozid an indigenen Gemeinschaften.

  • Julius Wilm forscht als Postdoc am Sonderforschungsbereich 1199 der Universität Leipzig zu Demokratisierung und imperialer Politik der USA am Übergang zum 20. Jahrhundert. Zu seinen neueren Veröffentlichungen gehört eine interaktive Webkarte über den Zusammenhang von Homestead-Siedlungen und indigener Marginalisierung im US-Westen zwischen 1863 und 1912.
Geschichte der Gegenwart
Geschichte der Gegenwart 
Jenseits der Legende vom guten Deut­schen: Carl Schurz in den USA
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Carl Schurz als Gene­ral­major der Unions­truppen im Ameri­ka­ni­schen Bürger­krieg; Quelle: thoughtco.com

Vier­und­fünfzig Straßen, vier Schulen, eine Kaserne und mehrere Einrich­tungen der deutsch-amerikanischen Freund­schaft sind in der Bundes­re­pu­blik nach Carl Schurz (1829-1906) benannt. Und während vielerlei Statuen und Stra­ßen­be­nen­nungen heute in die Kritik stehen, erfährt Schurz 2022 sogar neue Ehrungen: Bundes­prä­si­dent Frank-Walter Stein­meier will eine Büste von Schurz am Schloss Bellevue aufstellen lassen, und das Bundes­land Nordrhein-Westfalen fördert die Erin­ne­rung an den „bedeutende[n] Vorkämpfer unserer heutigen Demo­kratie“ und sein „Enga­ge­ment für Menschen­rechte und gegen Rassismus“ (so NRW-Heimatministerin Ina Schar­ren­bach) mit 145.000 Euro.

Im Kontrast zur hiesigen Begeis­te­rung sind Teile von Schurz’ Lebens­werk in den USA aktuell ein Thema kriti­scher histo­ri­scher Aufar­bei­tung: Anfang April legte die von US-Innenministerin Deb Haaland beauf­tragte Federal Boar­ding School Initia­tive in Washington einen Bericht zur jahr­zehn­te­langen Zwangs­ver­schi­ckung indi­gener Kinder und deren Umer­zie­hung in staat­li­chen Inter­naten vor. Haaland, die aus Arizona stammt und zum Laguna Pueblo gehört, ist die erste indi­gene Innenministerin.

U.S. Secretary of the Inte­rior Deb Haaland; Quelle: instyle.com

Die Juristin schreibt: „Dieser Versuch, die Iden­tität, Sprache und Kultur der Native Ameri­cans auszu­lö­schen, zeigt sich nach wie vor in den Ungleich­heiten, mit denen unsere Gemein­schaften konfron­tiert sind. Dazu gehören lang­an­hal­tende genera­tio­nen­über­grei­fende Trau­mata, Zyklen der Gewalt und des Miss­brauchs, Verschwinden, vorzei­tige Todes­fälle und weitere nicht doku­men­tierte physi­sche und psychi­sche Auswir­kungen.“ Am Aufbau dieser brutalen Assi­mi­lie­rungs­an­stalten, ebenso wie am erzwun­genen Ausver­kauf der verblie­benen Reser­vate, hatte Schurz als Innen­mi­nister von 1877 bis 1881 einen heraus­ra­genden, wenn nicht sogar einen entschei­denden Anteil. Als Senator arbei­tete er zudem der Einfüh­rung der Rassen­tren­nung im Süden zu. In Deutsch­land sind diese Seiten des gefei­erten Vorbildes bis heute nahezu unbekannt.

Hinter­gründe und Verklärungen

Quelle: amazon.de

Seine Berühmt­heit in Deutsch­land verdankt der 1829 in Erftstadt-Liblar gebo­rene Schurz dem Enga­ge­ment als demo­kra­ti­scher Revo­lu­tionär 1848 in Bonn. Nach der nieder­ge­schla­genen Revo­lu­tion befreite er 1850 in einer spek­ta­ku­lären Aktion seinen Univer­si­täts­lehrer und Freund Gott­fried Kinkel aus dem Span­dauer Zucht­haus und floh mit ihm nach Groß­bri­tan­nien. 1852 zog Schurz weiter in die USA wo er sich bald als Redner der neuge­grün­deten Repu­bli­ka­ni­schen Partei und Agitator der Skla­ven­be­freiung einen Namen machte. Nach dem Wahl­sieg Abraham Lincolns 1860 wurde Schurz zunächst US-Botschafter in Spanien und nahm später am Bürger­krieg im Range eines Gene­rals teil. In der Nach­kriegs­zeit folgten Stationen als Senator aus Missouri (1869-1875), streit­barer Jour­na­list und schließ­lich als Innen­mi­nister unter Präsi­dent Ruther­ford B. Hayes (1877-1881).

Aus Sicht seiner vorwie­gend deut­schen oder deutsch-amerikanischen Biografen bilden Schurz’ Jahre als Senator und Minister – mit kleinen Abstri­chen – eine bruch­lose Fort­set­zung seiner frei­heit­li­chen Bestre­bungen aus der 1848er Revo­lu­tion und der Zeit des US-amerikanischen Bürger­krieges. Über Schurz’ Amts­füh­rung als Minister schreibt der Schrift­steller Uwe Timm in dem 2021 von Frank-Walter Stein­meier heraus­ge­ge­benen Sammel­band Wegbe­reiter der Demo­kratie:

Er bemühte sich um die Gleich­stel­lung der Afro­ame­ri­kaner. Hinzu kommt der im Sinne der Aufklä­rung zu verste­hende, aus heutiger Sicht proble­ma­ti­sche Versuch, die Indianer sess­haft zu machen, sie zu ‚zivi­li­sieren‘. Er wies ihnen wie sein Vorgänger Reser­vate zu, entzog aber dem Kriegs­mi­nis­te­rium die Zustän­dig­keit für diese und unter­stellte sie der zivilen Verwaltung.

Im Modus der demo­kra­ti­schen Kompro­miss­fin­dung habe Schurz sich für benach­tei­ligte Minder­heiten einge­setzt – teil­weise mit heute proble­ma­ti­sierten Methoden, aber immerhin bleibe die gute Absicht. Leider stimmt beides nicht.

Afroamerikaner:innen im Süden

Während des US-amerikanischen Bürger­kriegs und unmit­telbar danach trat Schurz als ener­gi­scher Vertreter einer robusten Recon­struc­tion der besiegten Südstaaten auf: Bundes­truppen sollten die poli­ti­sche Teil­habe und Frei­heit der eben befreiten ehema­ligen Versklavten sicher­stellen. Bereits 1871 vollzog Schurz jedoch als Senator eine Kehrt­wende: Entgegen der repu­bli­ka­ni­schen Partei­linie warb er nun offensiv für den Rückzug der Bundes­truppen und die Wieder­her­stel­lung der „poli­ti­schen Selbst­be­stim­mung“ der Südstaaten. Ein Gesetz zur Verfol­gung des Ku-Klux-Klans lehnte er ab. Die Inter­ven­tion des Bundes im Süden stelle eine gefähr­liche Ansamm­lung staat­li­cher Macht dar, die Korrup­tion alle Türen öffne, argu­men­tierte Schurz. Zudem verhin­dere die unge­rechte poli­ti­sche Ausgren­zung der südli­chen Eliten, dass sich ein gedeih­li­ches Mitein­ander von Schwarzen und Weißen einstellen könne. Der Histo­riker Eric Foner schreibt dazu: „Schurz glaubte aufrichtig, dass die Rechte der Schwarzen unter einer solchen Regie­rung sicherer sein würden als unter dem Regime der Recon­struc­tion. Aber ob er sich dessen bewusst war oder nicht, sein Programm hatte keine andere Bedeu­tung als eine Rück­kehr zur weißen Vorherrschaft.“

Schurz-Denkmal in West Harlem, New York City; Quelle: de.foursquare.com

Schurz‘ naiven Glauben strafte spätes­tens das tatsäch­liche Ende der Recon­struc­tion Lügen. 1877, also mit dem Beginn seiner Amts­zeit als Minister, zog sich die US-Regierung aus dem Süden zurück, woraufhin Afroamerikaner:innen mit Gewalt aus dem poli­ti­schen Leben verdrängt und auf Jahr­zehnte hinaus poli­tisch und wirt­schaft­lich in ein Dasein als niedere Kaste gezwungen wurden. Die entschei­denden Maßnahmen auf der Bundes­ebene fielen nicht in Schurz’ Ressort, aber die Etablie­rung des Systems der weißen Vorherr­schaft hatte er zuvor jahre­lang beför­dert. Und auch die Resul­tate verun­si­cherten ihn noch Jahre später nicht in seiner Über­zeu­gung. Über eine Reise durch den Süden berich­tete er später:

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Im Jahr 1885 … fand ich eine wunder­bare Verän­de­rung. Die Menschen, Weiße und Schwarze, arbei­teten ernst­haft und mit erstaun­li­chen Ergeb­nissen. Ich fand die Union in einem neuen Patrio­tismus wirk­lich wieder­her­ge­stellt. Es war in der Tat ein neuer Süden. Ich erkun­digte mich sorg­fältig nach den Bezie­hungen zwischen Weißen und Schwarzen. Ich stellte fest, dass die Freund­schaft zwischen ihnen stetig wuchs und zu posi­tiven Ergeb­nissen führte.

An die Stelle der Kritik an Verskla­vung und rassis­ti­scher Unter­drü­ckung trat hier die Verharm­lo­sung des Systems der Rassen­tren­nung, das bis in die 1960er-Jahre Afroamerikaner:innen gewaltsam in Armut und Recht­lo­sig­keit nieder­hielt und dem Schurz selbst poli­tisch den Weg bereitet hatte. 

Indi­gene im Westen

Als Schurz 1877 sein Minis­teramt antrat, waren fast alle indi­genen Völker und Nationen, wie sie sich selbst nannten, bereits unter erzwun­genen Verträgen in Reser­vate verbracht worden. Vor diesem Hinter­grund fand eine Debatte um eine Neube­stim­mung der soge­nannten ‚India­ner­po­litik‘ statt. Einer­seits gab es weiterhin Begehr­lich­keiten nach Land. Ande­rer­seits forderten huma­ni­täre Reformer ein Umdenken ange­sichts von blutigen Mili­tär­ak­tionen und weit­ver­brei­tetem Elend in den Reservaten.

Im Amt machte sich Schurz die huma­ni­täre Rhetorik zu eigen, legte jedoch zugleich eine restrik­tive Stoß­rich­tung für Reformen fest. Keines­wegs dürfe man von der US-Regierung erwarten, unter­schrie­bene Verträge von nun an einzu­halten oder gar Indi­genen recht­lich neue Klage­mög­lich­keiten gegen Über­griffe einzu­räumen, wie mancher Menschen­freund das fordere. Auch erteilte er Förder­maß­nahmen eine Absage, die indi­genen Gemein­schaften soweit gewünscht und in selbst­be­stimmtem Ausmaß ermög­li­chen sollten, inner­halb der Mehr­heits­ge­sell­schaft Erfolg zu finden. Statt­dessen setzte Schurz auf Schritte, die eine Assi­mi­la­tion erzwingen sollten: Die Auftei­lung der Reser­vate in Privat­par­zellen („Allot­ment“), der Verkauf des nicht verteilten Landes an weiße Siedler, die Verschi­ckung indi­gener Kinder zur Umer­zie­hung in Inter­nate sowie die Auflö­sung aller indi­genen Orga­ni­sa­tionen. Erst am Ende dieser Auflö­sung käme recht­liche Gleich­heit infrage.

Unter Reformer:innen gab es nicht wenige Anhänger von erzwun­genen Assi­mi­la­tionen, wie Schurz sie bewarb und ins Werk setzte. Doch wie der Histo­riker C. Joseph Genetin-Pilawa zeigt, gab es auch viele Kritiker, wie die National Indian Defense Asso­cia­tion, die auf unmit­tel­bare Rechts­gleich­heit drängte. Orga­ni­sa­tionen auf Schurz’ Linie wie die Indian Rights Asso­cia­tion, die offen weiße Expan­si­ons­in­ter­essen bediente, konnten sich für ihren Finanz­be­darf auf die Spen­den­be­reit­schaft von Bergbau- und Eisen­bahn­ge­sell­schaften verlassen, wodurch sie – neben der Schüt­zen­hilfe aus dem Innen­mi­nis­te­rium – über ungleich bessere Möglich­keiten verfügten, für ihre Sache zu werben. Unum­stritten war die Linie von Schurz aber nie.

Assi­mi­lierte Indi­gene in der Carlisle Indian School in Penn­syl­vania; Quelle: billofrightsinstitute.org

In Schurz’ Amts­zeit grün­dete das Innen­mi­nis­te­rium 1879 die Carlisle Indian Indus­trial School in Penn­syl­vania, in der junge Indi­gene fernab von Eltern und Familie in die Zivi­li­sa­tion einge­führt werden sollten. Schon bei der Ankunft wurde den Schüler:innen die Haare abge­schnitten. Gespräche in der eigenen Sprache und nicht­christ­liche reli­giöse Prak­tiken waren verboten. Schurz wurde nicht müde, das Expe­ri­ment zu bewerben und die Errich­tung eines ganzen Systems von Inter­naten zu fordern: „Das wilde Aussehen der India­ner­jungen und -mädchen weicht schnell einem gepflegten Erschei­nungs­bild. Eine neue Intel­li­genz, die ihre Gesichter erhellt, verwan­delt ihren Ausdruck.“ 

Eben­falls im Jahr 1879 schickte Schurz einen Gesetz­ent­wurf an den Kongress, demzu­folge Reser­vate unter Indi­genen in 65-Hektar-Parzellen aufge­teilt und der Rest Sied­lern zum Verkauf ange­boten werden sollte. Der Verkauf sollte zwangs­weise erfolgen – trotzdem folgte der Schritt angeb­lich nur den Wünschen von Indi­genen selbst, so Schurz in seinem Bericht des Folge­jahres: „Von allen Seiten werden Anfragen von India­nern an das Minis­te­rium heran­ge­tragen,“ ihnen indi­vi­du­elle Eigen­tums­titel zuzuteilen.

Die Beru­fung auf indi­gene Bedürf­nisse war eine offen­sicht­liche Lüge, wie auch zeit­ge­nös­si­sche Kritiker:innen bemerkten, denn schon unter dem geltenden Recht war es Indi­genen möglich, indi­vi­duell einen verkauf­baren Land­titel zu erwerben. Helen Jackson, eine promi­nente Refor­merin aus Boston und Autorin des bekannten Buches A Century of Dishonor (1881) hielt Schurz’ Beru­fung auf Indi­gene für „ein schönes Beispiel seiner Heuchelei“ und erklärte in einem Brief: „der berühmte Gesetz­ent­wurf, den er ausge­ar­beitet und einge­bracht hat, […] ist ein schänd­li­cher Entwurf. Er würde, wie (der Ponca-Anführer, J.W.) White Eagle sagte, ‚den Indianer wie einen Vogel rupfen.‘“ Zu demselben Schluss kam 1881 auch der bekannte Ethno­loge Lewis H. Morgan. Das notwen­dige Resultat der Parzel­lie­rung und der freien Verkäuf­lich­keit von Land wäre „unzwei­fel­haft, dass die Indianer sich in kürzester Zeit von jedem Fuß Land trennen und in Armut verfallen würden“.

Im Gegen­satz zu seiner Beru­fung auf angeb­li­chen Zuspruch, hielt Schurz an anderer Stelle fest, dass selbst­ver­ständ­lich keine Rück­sicht genommen werden könne auf die Ansichten „unzi­vi­li­sierter Indianer“. Es sei „nicht zu erwarten, dass sie aus ihrem eigenen Bewusst­sein heraus verstehen, was das Beste für ihr Wohl­ergehen ist. Wir müssen in hohem Maße die notwen­digen Über­le­gungen für sie anstellen und sie dann auf möglichst humane Weise dazu bringen, unsere Schluss­fol­ge­rungen zu akzep­tieren.“ Auch wenn Schurz Wert darauf legte, dass Indi­gene über Zeit weiße Kultur­tech­niken frei­willig über­nehmen würden, ging er keines­wegs davon aus, dass Assi­mi­la­tion zu einer Inte­gra­tion auf Augen­höhe führen könne. Viel­mehr war die Aufnahme der Indi­genen in die Mehr­heits­ge­sell­schaft in niederen Posi­tionen vorge­sehen: „Wir können aus einem Indianer nie etwas anderes machen als einen (auf Reser­vaten einge­setzten, J.W.) Poli­zisten oder einen zweit­klas­sigen Farmer. Durch das System, das wir so erfolg­reich auf den Weg gebracht haben, können wir getrost darauf hoffen, die Indianer so lange zu absor­bieren, bis sie in der großen weißen Familie völlig verschwunden sind.”

Inserat für güns­tiges „India­ner­land“, 1911: Quelle: wikipedia.org

Im Geiste dieser rassis­ti­schen Anma­ßung und unbe­irrt von kriti­schen Stimmen weiteten Schurz’ Nach­folger die Verschi­ckung indi­gener Kinder in spezi­elle Inter­nate immer weiter aus. Der Kongress erließ 1887 den General Allot­ment Act, unter dem bis 1934 ein Reservat nach dem anderen für den Ausver­kauf frei­ge­geben wurde. Rund zwei Drittel der 1887 verblie­benen indi­genen Lände­reien gingen verloren. Senator Henry L. Dawes, der das verab­schie­dete Gesetz einbrachte, bekannte frei­mütig: „Der Keim stammt von Minister Schurz.“

Schurz in der deut­schen Erinnerung

Von refor­me­ri­schen Ideen und Seiten­hieben auf die gewalt­tä­tigsten Auswüchse von weißem Rassismus hat Schurz‘ zeit­le­bens nie völlig abge­lassen. Unter Hinweis auf solche späteren Zeug­nisse hat sich eine deut­sche und deutsch-amerikanische biogra­phi­sche Lite­ratur ausge­bildet, die sein Wirken in der Nach­bür­ger­kriegs­zeit als direkte Fort­set­zung des Frei­heits­kampfes von 1848 darstellt. Carl Schurz gilt ihr als demo­kra­ti­sches Vorbild, da er Zeit seines Lebens Werte nicht nur prokla­miert, sondern wenn nötig sogar unter Einsatz des eigenen Lebens durch­ge­setzt habe. Im Wesent­li­chen prägt dieses Bild noch immer die deut­sche Erin­ne­rung. Schurz’ Beiträge zur Errich­tung des Systems der Rassen­tren­nung und dem versuchten Ethnozid an indi­genen Gemein­schaften kommen darin nicht vor.

Im Sinne einer anti­ras­sis­ti­schen und nicht von natio­nalen Grenzen einge­hegten Erin­ne­rungs­kultur wäre es indes erfor­der­lich – und ange­sichts der hier­zu­lande reich­lich vorhan­denen Ehrungen geboten –, Schurz’ wider­sprüch­liche Entwick­lung vom Antisklaverei-Aktivisten zum pater­na­lis­tisch argu­men­tie­renden Rassisten breiter zur Kenntnis zu nehmen und zu proble­ma­ti­sieren. Aktu­elle Aufar­bei­tungs­be­stre­bungen in den USA bieten anschau­li­ches Mate­rial zu den Folgen seiner Politik. Darüber hinaus könnte man sein Beispiel zum Anlass nehmen, um die folgen­reiche Begren­zung histo­ri­scher wie aktu­eller Demo­kra­tie­vor­stel­lungen zu thema­ti­sieren: Schurz war keines­wegs der einzige 1848er, der ganz selbst­ver­ständ­lich einen Ausgleich mit weißen Südstaa­ten­eliten und west­li­chen Sied­lern suchte, die auf den Zugang zu weiteren indi­genen Lände­reien drängten. Afroamerikaner:innen und Indi­gene aner­kannte er von vorn­herein nicht als ernst­zu­neh­mende Gesprächs­partner, und die Reformen, die er teil­weise sogar in ihrem Namen einfor­derte, zielten auf Auslö­schung und radi­kale Marginalisierung.

 

  • Julius Wilm forscht als Postdoc am Sonderforschungsbereich 1199 der Universität Leipzig zu Demokratisierung und imperialer Politik der USA am Übergang zum 20. Jahrhundert. Zu seinen neueren Veröffentlichungen gehört eine interaktive Webkarte über den Zusammenhang von Homestead-Siedlungen und indigener Marginalisierung im US-Westen zwischen 1863 und 1912.