Dorota Sajewska

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Dorota Sajewska ist Theater- und Kultur­wissen­schaft­lerin, sie lehrt an der Universität Zürich Polonistik und Interart (Osteuropa). Sie ist Mitglied des Zentrums Künste und Kultur­theorie (ZKK).

Am 3. Oktober 2016 fand die wohl größte Mobi­li­sie­rung der polni­schen Gesell­schaft seit der Soli­dar­ność-Bewe­gung statt. Zehn­tau­sende von Polinnen und Polen strömten auf die Straßen von Warschau, Krakau, Gdańsk, Poznań, Wrocław oder Łódź, um gegen das totale Abtrei­bungs­verbot sowie die Bestra­fung von Frauen, die einen Schwan­ger­schafts­ab­bruch durch­führen lassen, zu protes­tieren. Der Schwarze Protest – wie er wegen der schwarzen Klei­dung aller im heutigen Polen um die verlo­rene Frei­heit und Demo­kratie Trau­ernden genannt wurde – nahm die Form eines Gene­ral­streiks vor allem des weib­li­chen Teils der polni­schen Gesell­schaft an. Die über die geplanten Geset­zes­än­de­rungen empörten, ja wütenden Frauen fassten den Entschluss, am ersten Okto­ber­montag ihre Arbeits­plätze zu verlassen, um an den Demons­tra­tionen teil­zu­nehmen und für die noch verblie­bene Auto­nomie zu kämpfen. Das klare „Nein!”, das am 24. Oktober in der zweiten Runde des Schwarzen Protests wieder­holt wurde, rich­tete sich gegen einen Staat, der die Hälfte der Gesell­schaft ihrer Rechte beraubt und wie Objekte behan­delt.

Reaktualisierung der Politik der 20er und 30er Jahre

Poster für den “Schwarzen Protest”, Quelle: pogotowie.tumblr.com

Die Tatsache, dass die polni­schen Frauen nicht selbst über ihren Körper bestimmen dürfen, sondern das Parla­ment, die Polizei, die Justiz und die Ärzte, ist in Polen kein neues Phänomen. Im staat­li­chen Bestra­fungs­willen ist viel­mehr eine Wieder­ho­lung des Zustands aus den 1920er Jahren zu erkennen. 1918, nach der Wieder­erlan­gung der Unab­hän­gig­keit Polens erhielten die Polinnen zwar das Stimm- und Wahl­recht, das voll­stän­dige Abtrei­bungs­verbot inklu­sive Bestra­fung blieb im neuen Nach­kriegs­staat jedoch bis 1932 in Kraft. Erst die konse­quente Kampagne der säku­laren polni­schen Intel­li­genz, zu deren wich­tigsten Vertre­tern der Autor der Frau­en­hölle Tadeusz Boy-Żeleński und die polnisch-jüdi­sche Femi­nistin Irena Krzy­wicka gehörten, führte zur Lega­li­sie­rung der Abtrei­bung bei medi­zi­ni­scher Indi­ka­tion oder nach Verge­wal­ti­gung oder Inzest, was das polni­sche Abtrei­bungs­ge­setz seiner­zeit zu einem der libe­ralsten in ganz Europa machte. Das libe­ra­li­sierte Recht war jedoch in einem wesent­li­chen Punkt nicht zufrie­den­stel­lend, da es soziale Ungleich­heiten nicht berück­sich­tigte: Meis­tens bekamen nur die reichen Frauen ein ärzt­li­ches Attest für eine „medi­zi­ni­sche Indi­ka­tionen“, so dass die ille­galen und oft mit tragi­schen Folgen durch­ge­führten Schwan­ger­schafts­ab­brüche bei den Arbei­te­rinnen nach wie vor üblich waren. Um ein Recht auf Schwan­ger­schafts­ab­bruch, das alle sozialen Schichten umfasst, durch­zu­setzen, war also weiterhin eine massive Aufklä­rungs­ar­beit notwendig, u.a. in Form von Bera­tungs­stellen für eine bewusste Mutter­schaft, die wiederum von Intel­lek­tu­ellen geleistet wurde.

Es handelte sich dabei eigent­lich um ein Paradox der poli­ti­schen Trans­for­ma­tionen in Polen nach 1918: Die Libe­ra­li­sie­rung des Abtrei­bungs­rechts, selbst wenn sie zu keiner Reduk­tion von ille­galen Schwan­ger­schafts­ab­brü­chen unter den armen Gesell­schafts­schichten führte, war anschei­nend nur wegen des damals stark posi­tio­nierten euge­ni­schen Diskurses möglich. Die Abtrei­bungs­zu­las­sung geschah trotz der stark katho­lisch geprägten Gesell­schaft und der fort­schrei­tenden Mili­ta­ri­sie­rung des Staates unter der Führung von Józef Piłsudski. Der Marschall der Zweiten Polni­schen Repu­blik, der seit dem Maiputsch 1926 bis zu seinem Tode 1935 dikta­to­risch regierte, versuchte unter der Parole der Sanacja – der Gene­sung, die zur mora­li­schen Heilung des öffent­li­chen Lebens hätte führen sollen – nicht nur die poli­ti­sche Oppo­si­tion, sondern auch ukrai­ni­sche und weiß­rus­si­sche Minder­heiten mit poli­zei­staat­li­chen Maßnahmen zu unter­drü­cken. Seine Art der Macht­aus­übung stieß damals auf Bewun­de­rung bei einem jungen deut­schen Poli­tiker, Joseph Goeb­bels. Dieser wurde am 15. Juni 1934 in Warschau von Piłsudski offi­ziell empfangen, nachdem er einen Vortrag zur Rolle Nazi-Deutsch­lands bei der Stabi­li­sie­rung des Frie­dens (!) in Europa gehalten hatte. Der Verlauf des Gesprächs zwischen Piłsudski und Goeb­bels ist unbe­kannt geblieben. Erhalten hat sich jedoch eine Foto­grafie, die die Begeg­nung der beiden Poli­tiker doku­men­tiert und die sich heute in den Samm­lungen des Bundes­ar­chivs befindet. Zu den Über­resten des Ereig­nisses gehören auch schrift­liche Spuren der Proteste von polni­schen Intel­lek­tu­ellen (wie Tadeusz Kotar­biński oder Antoni Słonimski) und anderen Bürgern aus Warschau, die auf den Straßen ihre Empö­rung über die Einla­dung des engsten Mitar­bei­ters von Hitler mani­fes­tierten.

Poster für den “Schwarzen Protest”, Quelle: pogotowie.tumblr.com

Dieses Ereignis wurde im kultu­rellen Gedächtnis Polens voll­kommen verkannt. Die neuesten Verstöße der polni­schen Regie­rung gegen Frei­heit und Demo­kratie sind viel­leicht ein guter Anlass, um daran zu erin­nern. Denn es ist gerade der ehema­lige Minis­ter­prä­si­dent und graue Eminenz Jarosław Kaczyński, der nach dem Vorbild von Piłsudskis Sanacja-Polen die Ressen­ti­ments gegen Oppo­si­tio­nelle und Minder­heiten wieder­be­lebt. Obwohl Kaczynski weder in den Regie­rungs­struk­turen noch im Parla­ment eine offi­zi­elle Funk­tion innehat, versteht er sich selbst als Nach­folger des Marschalls sowie als Allein­erbe des Souve­rä­ni­täts­prin­zips der Zweiten Polni­schen Repu­blik. Ein zweiter Bezugs­punkt (und zugleich Ort der Wieder­ho­lung) bildet für Kaczyński die polni­sche katho­li­sche Kirche mit der zentralen Figur von Papst Johannes Paul II. Dank Kaczyński, der zum Vollzug einer natio­na­lis­tisch-konser­va­tiven Wende in Polen beige­tragen hat, ohne die poli­ti­sche Verant­wor­tung dafür zu über­nehmen, gewinnt die Kirche ihre poli­ti­sche Macht aus den 80er und 90er Jahre des 20. Jahr­hun­derts zurück. So steckt hinter der soge­nannten „Verschär­fung“ des Abtrei­bungs­ge­setzes ein 67-jähriger, unver­hei­ra­teter, kinder­loser Mann, der zusammen mit kirch­li­chen Patri­ar­chen den Körper der Frau erneut zum Schlacht­feld der von Männer­bünden gesteu­erten und auf Angst beru­henden Politik macht.

Traumatisierung durch die Kirche

Die abge­trie­benen Föten bildeten bereits das Leit­motiv der poli­ti­schen Trans­for­ma­tion in Polen um 1989. Es wurde als solches jedoch nicht erkannt – weder von der polni­schen Gesell­schaft noch von den west­li­chen Beob­ach­tern. Der Jubel über die wieder­erlangte Unab­hän­gig­keit Polens und die allge­meine Kapi­ta­lis­mu­seu­phorie verdrängten bzw. verdeckten die konse­quente Gehirn­wä­sche, die die katho­li­sche Kirche in Polen betrieb. Das bis heute geltende Anti-Abtrei­bungs­ge­setz, das Schwan­ger­schafts­ab­brüche nur bei Gefahr für Leben oder Gesund­heit der Mutter, nach Verge­wal­ti­gung oder Inzest oder bei Miss­bil­dungen des Fötus erlaubt, wurde am 7. Januar 1993 einge­führt. Dies war aber das Ergebnis einer ganz bewussten Stra­tegie, die schon in den 1980er Jahren mit wesent­li­cher Unter­stüt­zung von Papst Johannes Paul II. initi­iert wurde. Der Papst setzte als Beschützer des unge­bo­renen Lebens Abtrei­bung mit Mord gleich. Die katho­li­sche Kirche, die einer­seits als Zufluchtsort der poli­ti­schen Oppo­si­tion in Polen fungierte, ande­rer­seits als Erzie­hungs­an­stalt für die durch den Kommu­nismus „verdor­bene“ Gesell­schaft, verwan­delte sich nach 1989 in die wich­tigste mora­li­sche Instanz, für die das Thema „Schwan­ger­schafts­ab­bruch“ eine zentrale Rolle spielte. Den Höhe­punkt der Gehirn­wä­sche bildete der Film The Silent Scream, die wohl bekann­teste ameri­ka­ni­sche Pro-Life-Film­pro­duk­tion von 1984, in der der Vorgang einer Abtrei­bung durch Ultra­schall­auf­nahmen des Uterus mit Anspruch auf eine detail­lierte und „wahr­haf­tige“ Doku­men­ta­tion präsen­tiert wurde.

Poster für den “Schwarzen Protest”, Quelle: pogotowie.tumblr.com

Der entsetz­liche, von vielen Medi­zi­nern und Psycho­logen scharf kriti­sierte Film, in dem ein Gynä­ko­loge den Schwan­ger­schafts­ab­bruch aus der Perspek­tive des angeb­lich leidenden Opfers – des schrei­enden zwölf Wochen alten Fötus – erklärt, wurde Anfang der 1990er Jahre in Polen verbreitet. Dies geschah – nach dem Muster und höchst­wahr­schein­lich mit finan­zi­eller Unter­stüt­zung aus den USA (der Film wurde sogar im Weißen Haus in Anwe­sen­heit von Ronald Reagan vorge­führt) – sowohl in Kirchen als auch in öffent­li­chen Schulen. Das Ziel­pu­blikum waren jugend­liche Frauen. Diese verbre­che­ri­sche Propa­gan­daar­beit der Kirche von damals kann ich selbst bezeugen. Als Teen­ager wurde ich gezwungen, diesen „Doku­film“ zu schauen: das Eindringen der Stahlin­stru­mente in die Gebär­mutter, das Zerdrü­cken des Fötus, der beschleu­nigte Herz­schlag der Frau und der angeb­liche Schrei des abge­trie­benen Fötus. Diese Bilder und Geräu­sche blieben in meiner Erin­ne­rung haften, so dass ich noch heute, als 41-jährige Frau, den Film Bild für Bild „nach­er­zählen“ kann.

Schwarzer Protest als Chance für eine Säkularisierung Polens

Die Bedeu­tung des Films – sowohl der Bilder an sich als auch der Verbrei­tungs­me­thode und die Rezep­ti­ons­ge­schichte – wurde meines Erach­tens poli­tisch unter­schätzt, weil solche medialen Provo­ka­tionen bei der Analyse der „großen Politik“ meis­tens außer Acht gelassen werden. Es steht aber außer Zweifel, dass der massen­haft vorge­führte Film mit den dras­ti­schen Szenen „der Ermor­dung des unschul­digen Kindes“ bei den polni­schen Frauen, die zu kommu­nis­ti­schen Zeiten einen Schwan­ger­schafts­ab­bruch durch­führen ließen, ein massives Schuld­ge­fühl hinter­ließ und zahl­reiche Jugend­liche trau­ma­ti­sierte. Die Propa­gan­daar­beit der Kirche berei­tete somit effektiv die Verschär­fung des Abtrei­bungs­ge­setzes von 1993 vor und brachte die Befür­worter des Rechts auf Schwan­ger­schafts­ab­bruch für viele Jahre zum Schweigen. Die psychi­sche Gewalt, die die Kirche mit ihrer Propa­ganda gegen die polni­schen Frauen ausübte, machte das Thema „Abtrei­bung“ zu einem der größten Tabus der polni­schen Gesell­schaft. Dieses Tabu blieb auch während der vergan­genen fünf­und­zwanzig Jahre der Libe­ra­li­sie­rung bestehen. Wie klas­si­sche Opfer waren wir bisher nicht imstande, uns gegen die Macht der Kirche zu erheben und sie vor supra­na­tio­nalen Rechts­or­ganen wie etwa dem Euro­päi­schen Gerichtshof für Menschen­rechte anzu­klagen, obwohl die massive Verbrei­tung von The Silent Scream gegen jegliche Schutz­rechte von Jugend­li­chen verstieß.

Poster für den “Schwarzen Protest”, Quelle: pogotowie.tumblr.com

Das Abtrei­bungs­ge­setz von 1993, das zu den strengsten in der EU gehört, funk­tio­niert mit der schwei­genden Akzep­tanz der polni­schen Mehr­heit eigent­lich bis heute. Erst die para­noide Idee, das aktu­elle Gesetz noch einmal extrem zu verschärfen, um, so Kaczyński, allen Föten das Recht auf die Taufe ermög­li­chen zu können, rief soziale Unruhen hervor. Diese radi­kale Aberken­nung der Subjek­ti­vität der polni­schen Bürge­rinnen im Jahre 2016 gab den entschei­denen Anstoß für eine Aufleh­nung gegen die heutige Regie­rung Polens und die in Wirk­lich­keit mitre­gie­rende katho­li­schen Kirche. Die Menge der demons­trie­renden wütenden Polinnen, die enorme Unter­stüt­zung von Frauen aus der ganzen Welt erhielten, ist viel­leicht ein erstes Zeichen für einen ernst­haften Prozess der Säku­la­ri­sie­rung Polens, die sich durch den weib­li­chen Teil der polni­schen Gesell­schaft voll­ziehen könnte. Der Schwarze Protest, der in seiner poli­ti­schen Energie der Empörten an andere kriti­sche soziale Bewe­gungen der letzten Jahre – wie etwa die Indi­gnados oder das Occupy Move­ment – erin­nert, bestärkt auch die Hoff­nung auf supra­na­tio­nale Alter­na­tiven der poli­ti­schen Orga­ni­sa­tion gegen die globale natio­na­lis­tisch-konser­va­tive Wende, die durch Kapi­ta­lismus, Medien und Kirche unter­stützt wird.

Dorota Sajewska

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Dorota Sajewska ist Theater- und Kultur­wissen­schaft­lerin, sie lehrt an der Universität Zürich Polonistik und Interart (Osteuropa). Sie ist Mitglied des Zentrums Künste und Kultur­theorie (ZKK).