It’s #identity politics, stupid!

In Zeiten eines post-identitären Liberalismus und einer weissen rassischen Identitätspolitik, die auf Verteidigung von Privilegien zielt, werden die ursprünglichen Ziele von Identitätspolitik umkodiert. Ein Essay über Identitätspolitik als Ausgangspunkt einer Gesellschaftskritik, in der partikulare Interessen nicht negiert, sondern abgebildet werden.



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Identitätspolitik ist in aller Munde. Seit der Wahl Donald Trumps wird in den Feuilletons jenseits und diesseits des Atlantiks darüber diskutiert, ob Hillary Clintons Niederlage auch der Tatsache zugeschrieben werden muss, dass ihre Kampagne explizit unterprivilegierte Gruppen adressiert hat: Frauen, LGBT (Lesben, Schwule, Bisexuelle und Trans*) oder People of Color. In einem vielbeachteten Artikel fordert der Historiker Mark Lilla einen post-identitären Liberalismus, der sich auf gemeinschaftliche Werte zurückbesinnt, statt sich an partikularen Anliegen zu orientieren. Ähnlich argumentieren sozialistisch orientierte Linke: Angesagt sei eine gemeinsame Klassenpolitik, die den Fokus über alle Differenzen hinweg auf ökonomische Ungleichheit richte. Diese Einwände sind nicht neu. Seit Jahren zeichnen westliche Medien das Zerrbild einer Identitätspolitik, gemäss der privilegierte Linke den eigenen Lebensstil zum politischen Gravitationszentrum erklärten und dabei sämtliche drängenden Fragen der Zeit ausblenden würden. Vergessen bleibt dabei, dass Identitätspolitik als grundlegende Kritik an einem liberalen Gleichheitsversprechen entstanden ist, das für viele Menschen auch heute noch uneingelöst bleibt.

Identitätspolitik bezeichnet ein politisches Engagement, das von einer gemeinsamen Unterdrückungserfahrung ausgeht. In den USA findet der Begriff seit den späten 1970er Jahren Verwendung, wobei die grossen sozialen Bewegungen der Nachkriegszeit (die schwarze Bürgerrechtsbewegung, die Zweite Frauenbewegung, die Amerikanische Indianische Bewegung und die Lesben- und Schwulenbewegung) ex post darunter subsumiert werden. Dass mit der Politisierung von Identität zahlreiche Fallstricke verbunden sind, damit setzen sich feministische, queere und postkoloniale Denker_innen seit Jahrzehnten differenziert auseinander. Vor diesem Hintergrund kann es nicht darum gehen, jeglicher Identitätspolitik das Wort zu reden. Dem energischen Ruf nach ihrem „Überwinden“ aber, der zurzeit von vielen Seiten ertönt, soll im Folgenden ein präziserer Blick auf den ethischen und politischen Einsatz von Identitätspolitik entgegengesetzt werden.

Die Identitätspolitik des Combahee River Collective

Ein frühes Dokument der US-amerikanischen Identitätspolitik ist die Erklärung des Combahee River Collectives von 1977, einer in Boston angesiedelten Gruppierung Schwarzer Frauen und Lesben. Die wirkungsvollste und radikalste Politik, so heisst es in der Erklärung des Kollektivs, gehe von der eigenen Identität aus. Wird mit einer solchen Vorstellung politischen Handelns nicht genau jene Politik der Nabelschau kultiviert, gegen die sich die erwähnte Kritik richtet? Lesen wir weiter: Schwarze Frauen, so heisst es, machten alltäglich die Erfahrung, dass ihr Leben weniger gilt als dasjenige von anderen. Obwohl sie brutalen und bisweilen mörderischen Verhältnissen ausgesetzt sind, finden ihre Nöte, Bedürfnisse und Forderungen kein Gehör in der breiten Öffentlichkeit.

Auch wiederholt sich die gesellschaftliche Weigerung, sie zur Kenntnis zu nehmen, in den zeitgenössischen Emanzipationsbewegungen, welche allesamt die Befreiung anderer Menschen höher gewichten als diejenige schwarzer Frauen: Im Mittelpunkt von sozialistischen Bewegungen steht der männliche weisse Arbeiter, feministische Bewegungen gehen von der weissen Mittelschichtsfrau aus, die Lesbenbewegung orientiert sich an weissen Lesben und schwarze Bewegungen richten sich an schwarzen Männern aus. „Unser Hauptproblem“, so heisst es im Text, „besteht darin, dass wir Unterdrückung nicht nur an einer Front bekämpfen, sondern eine ganze Reihe von Unterdrückungserfahrungen adressieren müssen.“ Wenn das Combahee River Collective zum Schluss kommt, es sei für ökonomisch prekarisierte schwarze Frauen ein Wagnis, die eigenen Erfahrungen zum Ausgangspunkt politischen Handelns zu machen, dann hat dies mit der Befindlichkeitsrhetorik, als die Identitätspolitik oft dargestellt wird, nichts zu tun. Sehr viel aber mit dem Überleben in einer Gesellschaft, die dem eigenen Leben wenig Wert beimisst.

Identitätspolitik und alternatives Wissen

Das Spezifische an der Situation schwarzer Lesben und Frauen ist nicht, dass sie sich an der Schnittstelle unterschiedlicher Herrschaftslogiken befinden (denn das gilt für uns alle), sondern dass sie sich dabei immer auf der Seite der Schwächeren wiederfinden. Ihre Einsichten werden als partikular wahrgenommen und den „allgemeineren“ Erfahrungen US-amerikanischer Bürger_innen, weisser Frauen, weisser Arbeiter, schwarzer Männer oder weisser Lesben untergeordnet. Sich in dieser Situation auf eine eigene Identität zu beziehen, oder genauer: eine eigene Identität zu erfinden und zu behaupten, heisst nichts anderes, als sich dieser Auslöschung zu widersetzen.

Identitätspolitik bedeutet dann, den eigenen Erfahrungen durch gegenseitige Anerkennung Bedeutung zu verleihen, und sie zum Ausgangspunkt einer Gesellschaftskritik zu machen, in der die eigenen Belange nicht negiert, sondern abgebildet werden. Identitätspolitik hat folglich eine weitreichende epistemische Dimension: Sie bringt Erkenntnisse hervor, die in der bestehenden Wissensordnung nicht zum Vorschein kommen, diese aber weitreichend erschüttern können. Denn die Einsicht des Kollektivs, dass das Leben schwarzer Frauen in den USA weniger Wert ist als dasjenige anderer, steht in einem grundlegenden Widerspruch zum amerikanischen Selbstverständnis. Sie zeigt, dass bestimmte Menschen trotz des geltenden Gleichheitsversprechens als „less-than-human“ (Judith Butler) behandelt werden. Gleichzeitig bereitet ein solches alternatives Wissen den Boden für eine andere Bündnispolitik. Denn entgegen der Vorstellung, Identitätspolitik sei die Kultivierung reiner Selbstbezüglichkeit, erörtert das Combahee River Collective ausgiebig die Möglichkeit von Koalitionen, in denen das revolutionäre Wissen schwarzer Feministinnen nicht ignoriert, sondern anerkannt und genutzt wird.

Gleichheit ist kein gegebener Massstab

Gefragt nach einem Bespiel, das seine Forderung nach einem post-identitären Liberalismus verdeutlichen soll, führt Mark Lilla in einem Interview die Ungleichbehandlung schwarzer Autofahrer durch die Polizei an. Man müsse einem womöglich ignoranten Gegenüber nicht die ganze Geschichte der schwarzen Bürgerrechtsbewegung erzählen, um ihn zu überzeugen, dass die Ungleichbehandlung schwarzer Männer am Steuer unrechtmässig sei, meint er. Es reiche vielmehr, auf die Maxime der Gleichbehandlung zu pochen. Dieser Vorschlag klingt vernünftig. Warum greift er dennoch zu kurz? Weil er von einer angeblich universalen Vorstellung von Gleichheit ausgeht, die wie ein platonisches Ideal am gemeinsamen Ideenhimmel hängt. Gleichheit ist aber kein Massstab, auf den wir uns alle in gleicher Weise beziehen. Vielmehr stellt die Definition menschlicher Gleichheit seit dem späten 18. Jahrhundert einen Schauplatz heftigster sozialer Kämpfe dar: fallen versklavte Menschen darunter, Frauen, Kinder, nicht-weisse, nicht-westliche, nicht-sesshafte und nicht-christliche Menschen?

Auf Lillas Beispiel angewendet bedeutet dies: Der schwarze Autofahrer kann nicht davon ausgehen, dass ein weisses Gegenüber mit seinem Kampf um Gleichheit vertraut ist. Er muss ihm erklären, dass die Polizei unverhältnismässig viele nicht-weisse Menschen für die Kontrolle selektioniert. Er muss ihm vom weissen Zugriff auf schwarze Körper erzählen, der durch die Sklaverei normalisiert worden ist, von der Kriminalisierung schwarzer Männer als Regierungselement einer segregierten Gesellschaft und von ihrer neoliberalen Fortführung im „Prison Industrial Complex“ (Angela Davis). Er muss ihm darlegen, warum es „Black lives matter“ heissen soll und nicht „All lives matter“, wie dies zuweilen gefordert wird, weil es nämlich schwarze Leben sind, die in dieser Gesellschaft weniger zählen als andere, und weil diese Hierarchie von lebenswertem Leben aufgedeckt und skandalisiert werden muss, bevor von Gleichheit gesprochen werden kann. Er kommt, mit anderen Worten, um identitätspolitische Argumente nicht herum.

Das Paradox der Emanzipation

Mit Blick auf die moderne Frauenbewegung hat die Historikerin Joan W. Scott vom Paradox der Emanzipation gesprochen. Die Crux marginalisierter Menschen besteht demnach darin, dass sie den falschen Universalismus der Mehrheitsgesellschaft nicht ohne Bezugnahme auf die Differenz anfechten können, in deren Namen sie aus der Allgemeinheit ausgeschlossen werden. Das ist auch der Grund, warum die Forderung nach einem Ende der Identitätspolitik, die zurzeit vor allem von weissen Männern erhoben wird, bei vielen auf Unmut stösst. Der Autor Ta-Nehisi Coates z.B. schreibt lakonisch, die Probleme weisser Männer gelten immer als „ökonomisch“ relevant, während alle anderen angeblich nur versuchten, über ihre Gefühle zu sprechen. Coates kritisiert damit, dass die Einteilung politischer Anliegen in wichtige und unwichtige, in Haupt- und Nebenwidersprüche aus der Position jener erfolgt, die im Kampf um Repräsentation immer schon auf der Gewinnerseite stehen. Als erschwerend erweist sich dabei, dass mit dieser privilegierten Position eine epistemisch bedeutsame Beschränktheit der eigenen Erfahrung einhergeht: Wer sich selbst nicht im Paradox der Emanzipation wiederfindet, dem fehlt (falls er sie sich nicht über Andere angeeignet hat) die politisch relevante Praxis, aus der Differenz heraus agieren zu müssen.

Doch auch diese Konstellation ist in Bewegung. Auf die Rolle der Identitätspolitik für die letzten US-amerikanischen Wahlen angesprochen, bestätigt der Philosoph Charles W. Mills, dass diese für den Sieg von Trump ausschlaggebend gewesen sei. Um sogleich anzufügen, dass er von der weissen rassischen Identitätspolitik spricht, welche die USA von Geburt an geprägt habe.

Mills ist eine von vielen Stimmen, welche Trumps Kampagne als Ausdruck einer weissen Identitätspolitik deuten. Eine solche Analyse verschiebt die Bedeutung des Begriffs auf entscheidende Weise: Denn nicht die gemeinsame Unterdrückungserfahrung, sondern die kollektive Verteidigung von Privilegien definiert eine weisse Identitätspolitik. Mit dem rhetorischen Dreh gelingt es aber, die Selbstverständlichkeit, mit der weisse männliche Politiker das Universale besetzen, in einer breiten Öffentlichkeit in Frage zu stellen. Mit einem fulminanten Ergebnis: Wenn Whiteness, so Laila Lalami, nicht mehr als stillschweigende Standardeinstellung gilt, dann mutiert sie zu einer Identität unter anderen. Damit drängt sich die Einsicht auf, dass jede Politik Identitätspolitik ist, auch wenn sie bislang nicht als solche bezeichnet worden ist.