In Zeiten eines post-identitären Liberalismus und einer weissen rassischen Identitätspolitik, die auf Verteidigung von Privilegien zielt, werden die ursprünglichen Ziele von Identitätspolitik umkodiert. Ein Essay über Identitätspolitik als Ausgangspunkt einer Gesellschaftskritik, in der partikulare Interessen nicht negiert, sondern abgebildet werden.

  • Patricia Purtschert ist Professorin für Gender Studies und Co-Leiterin des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung an der Universität Bern.

Iden­ti­täts­po­litik ist in aller Munde. Seit der Wahl Donald Trumps wird in den Feuil­le­tons jenseits und dies­seits des Atlan­tiks darüber disku­tiert, ob Hillary Clin­tons Nieder­lage auch der Tatsache zuge­schrieben werden muss, dass ihre Kampagne explizit unter­pri­vi­le­gierte Gruppen adres­siert hat: Frauen, LGBT (Lesben, Schwule, Bise­xu­elle und Trans*) oder People of Color. In einem viel­be­ach­teten Artikel fordert der Histo­riker Mark Lilla einen post-identitären Libe­ra­lismus, der sich auf gemein­schaft­liche Werte zurück­be­sinnt, statt sich an parti­ku­laren Anliegen zu orien­tieren. Ähnlich argu­men­tieren sozia­lis­tisch orien­tierte Linke: Ange­sagt sei eine gemein­same Klas­sen­po­litik, die den Fokus über alle Diffe­renzen hinweg auf ökono­mi­sche Ungleich­heit richte. Diese Einwände sind nicht neu. Seit Jahren zeichnen west­liche Medien das Zerr­bild einer Iden­ti­täts­po­litik, gemäss der privi­le­gierte Linke den eigenen Lebens­stil zum poli­ti­schen Gravi­ta­ti­ons­zen­trum erklärten und dabei sämt­liche drän­genden Fragen der Zeit ausblenden würden. Vergessen bleibt dabei, dass Iden­ti­täts­po­litik als grund­le­gende Kritik an einem libe­ralen Gleich­heits­ver­spre­chen entstanden ist, das für viele Menschen auch heute noch unein­ge­löst bleibt.

Boston, 1979. Photo by Tina Cross, Quelle: abolitionjournal.org

Iden­ti­täts­po­litik bezeichnet ein poli­ti­sches Enga­ge­ment, das von einer gemein­samen Unter­drü­ckungs­er­fah­rung ausgeht. In den USA findet der Begriff seit den späten 1970er Jahren Verwen­dung, wobei die grossen sozialen Bewe­gungen der Nach­kriegs­zeit (die schwarze Bürger­rechts­be­we­gung, die Zweite Frau­en­be­we­gung, die Ameri­ka­ni­sche India­ni­sche Bewe­gung und die Lesben- und Schwu­len­be­we­gung) ex post darunter subsu­miert werden. Dass mit der Poli­ti­sie­rung von Iden­tität zahl­reiche Fall­stricke verbunden sind, damit setzen sich femi­nis­ti­sche, queere und post­ko­lo­niale Denker_innen seit Jahr­zehnten diffe­ren­ziert ausein­ander. Vor diesem Hinter­grund kann es nicht darum gehen, jegli­cher Iden­ti­täts­po­litik das Wort zu reden. Dem ener­gi­schen Ruf nach ihrem „Über­winden“ aber, der zurzeit von vielen Seiten ertönt, soll im Folgenden ein präzi­serer Blick auf den ethi­schen und poli­ti­schen Einsatz von Iden­ti­täts­po­litik entge­gen­ge­setzt werden.

Die Iden­ti­täts­po­litik des Combahee River Collective

Ein frühes Doku­ment der US-amerikanischen Iden­ti­täts­po­litik ist die Erklä­rung des Combahee River Collec­tives von 1977, einer in Boston ange­sie­delten Grup­pie­rung Schwarzer Frauen und Lesben. Die wirkungs­vollste und radi­kalste Politik, so heisst es in der Erklä­rung des Kollek­tivs, gehe von der eigenen Iden­tität aus. Wird mit einer solchen Vorstel­lung poli­ti­schen Handelns nicht genau jene Politik der Nabel­schau kulti­viert, gegen die sich die erwähnte Kritik richtet? Lesen wir weiter: Schwarze Frauen, so heisst es, machten alltäg­lich die Erfah­rung, dass ihr Leben weniger gilt als dasje­nige von anderen. Obwohl sie brutalen und bisweilen mörde­ri­schen Verhält­nissen ausge­setzt sind, finden ihre Nöte, Bedürf­nisse und Forde­rungen kein Gehör in der breiten Öffentlichkeit.

Combahee River Collec­tive, Quelle: lavendermenace.weebly.com

Auch wieder­holt sich die gesell­schaft­liche Weige­rung, sie zur Kenntnis zu nehmen, in den zeit­ge­nös­si­schen Eman­zi­pa­ti­ons­be­we­gungen, welche alle­samt die Befreiung anderer Menschen höher gewichten als dieje­nige schwarzer Frauen: Im Mittel­punkt von sozia­lis­ti­schen Bewe­gungen steht der männ­liche weisse Arbeiter, femi­nis­ti­sche Bewe­gungen gehen von der weissen Mittel­schichts­frau aus, die Lesben­be­we­gung orien­tiert sich an weissen Lesben und schwarze Bewe­gungen richten sich an schwarzen Männern aus. „Unser Haupt­pro­blem“, so heisst es im Text, „besteht darin, dass wir Unter­drü­ckung nicht nur an einer Front bekämpfen, sondern eine ganze Reihe von Unter­drü­ckungs­er­fah­rungen adres­sieren müssen.“ Wenn das Combahee River Collec­tive zum Schluss kommt, es sei für ökono­misch preka­ri­sierte schwarze Frauen ein Wagnis, die eigenen Erfah­rungen zum Ausgangs­punkt poli­ti­schen Handelns zu machen, dann hat dies mit der Befind­lich­keits­rhe­torik, als die Iden­ti­täts­po­litik oft darge­stellt wird, nichts zu tun. Sehr viel aber mit dem Über­leben in einer Gesell­schaft, die dem eigenen Leben wenig Wert beimisst.

Iden­ti­täts­po­litik und alter­na­tives Wissen

Das Spezi­fi­sche an der Situa­tion schwarzer Lesben und Frauen ist nicht, dass sie sich an der Schnitt­stelle unter­schied­li­cher Herr­schafts­lo­giken befinden (denn das gilt für uns alle), sondern dass sie sich dabei immer auf der Seite der Schwä­cheren wieder­finden. Ihre Einsichten werden als parti­kular wahr­ge­nommen und den „allge­mei­neren“ Erfah­rungen US-amerikanischer Bürger_innen, weisser Frauen, weisser Arbeiter, schwarzer Männer oder weisser Lesben unter­ge­ordnet. Sich in dieser Situa­tion auf eine eigene Iden­tität zu beziehen, oder genauer: eine eigene Iden­tität zu erfinden und zu behaupten, heisst nichts anderes, als sich dieser Auslö­schung zu widersetzen.

Alicia Garza, Patrisse Cullors, and Opal Tometi, Kampagne: With Love and Respect: #Scho­l­ar­s­Re­spond to A Vision for Black Lives, Quelle: aaihs.org

Iden­ti­täts­po­litik bedeutet dann, den eigenen Erfah­rungen durch gegen­sei­tige Aner­ken­nung Bedeu­tung zu verleihen, und sie zum Ausgangs­punkt einer Gesell­schafts­kritik zu machen, in der die eigenen Belange nicht negiert, sondern abge­bildet werden. Iden­ti­täts­po­litik hat folg­lich eine weit­rei­chende epis­te­mi­sche Dimen­sion: Sie bringt Erkennt­nisse hervor, die in der bestehenden Wissens­ord­nung nicht zum Vorschein kommen, diese aber weit­rei­chend erschüt­tern können. Denn die Einsicht des Kollek­tivs, dass das Leben schwarzer Frauen in den USA weniger Wert ist als dasje­nige anderer, steht in einem grund­le­genden Wider­spruch zum ameri­ka­ni­schen Selbst­ver­ständnis. Sie zeigt, dass bestimmte Menschen trotz des geltenden Gleich­heits­ver­spre­chens als „less-than-human“ (Judith Butler) behan­delt werden. Gleich­zeitig bereitet ein solches alter­na­tives Wissen den Boden für eine andere Bünd­nis­po­litik. Denn entgegen der Vorstel­lung, Iden­ti­täts­po­litik sei die Kulti­vie­rung reiner Selbst­be­züg­lich­keit, erör­tert das Combahee River Collec­tive ausgiebig die Möglich­keit von Koali­tionen, in denen das revo­lu­tio­näre Wissen schwarzer Femi­nis­tinnen nicht igno­riert, sondern aner­kannt und genutzt wird.

Gleich­heit ist kein gege­bener Massstab

Gefragt nach einem Bespiel, das seine Forde­rung nach einem post-identitären Libe­ra­lismus verdeut­li­chen soll, führt Mark Lilla in einem Inter­view die Ungleich­be­hand­lung schwarzer Auto­fahrer durch die Polizei an. Man müsse einem womög­lich igno­ranten Gegen­über nicht die ganze Geschichte der schwarzen Bürger­rechts­be­we­gung erzählen, um ihn zu über­zeugen, dass die Ungleich­be­hand­lung schwarzer Männer am Steuer unrecht­mässig sei, meint er. Es reiche viel­mehr, auf die Maxime der Gleich­be­hand­lung zu pochen. Dieser Vorschlag klingt vernünftig. Warum greift er dennoch zu kurz? Weil er von einer angeb­lich univer­salen Vorstel­lung von Gleich­heit ausgeht, die wie ein plato­ni­sches Ideal am gemein­samen Ideen­himmel hängt. Gleich­heit ist aber kein Mass­stab, auf den wir uns alle in glei­cher Weise beziehen. Viel­mehr stellt die Defi­ni­tion mensch­li­cher Gleich­heit seit dem späten 18. Jahr­hun­dert einen Schau­platz heftigster sozialer Kämpfe dar: fallen versklavte Menschen darunter, Frauen, Kinder, nicht-weisse, nicht-westliche, nicht-sesshafte und nicht-christliche Menschen?

L to R: Opal Tometi, Alicia Garza und Patrisse Cullors Co-Founder von #Black­Live­s­Matter. (Foto Patrice Cullors), Quelle: kqed.org

Auf Lillas Beispiel ange­wendet bedeutet dies: Der schwarze Auto­fahrer kann nicht davon ausgehen, dass ein weisses Gegen­über mit seinem Kampf um Gleich­heit vertraut ist. Er muss ihm erklären, dass die Polizei unver­hält­nis­mässig viele nicht-weisse Menschen für die Kontrolle selek­tio­niert. Er muss ihm vom weissen Zugriff auf schwarze Körper erzählen, der durch die Skla­verei norma­li­siert worden ist, von der Krimi­na­li­sie­rung schwarzer Männer als Regie­rungs­ele­ment einer segre­gierten Gesell­schaft und von ihrer neoli­be­ralen Fort­füh­rung im „Prison Indus­trial Complex“ (Angela Davis). Er muss ihm darlegen, warum es „Black lives matter“ heissen soll und nicht „All lives matter“, wie dies zuweilen gefor­dert wird, weil es nämlich schwarze Leben sind, die in dieser Gesell­schaft weniger zählen als andere, und weil diese Hier­ar­chie von lebens­wertem Leben aufge­deckt und skan­da­li­siert werden muss, bevor von Gleich­heit gespro­chen werden kann. Er kommt, mit anderen Worten, um iden­ti­täts­po­li­ti­sche Argu­mente nicht herum.

Das Paradox der Emanzipation

Mit Blick auf die moderne Frau­en­be­we­gung hat die Histo­ri­kerin Joan W. Scott vom Paradox der Eman­zi­pa­tion gespro­chen. Die Crux margi­na­li­sierter Menschen besteht demnach darin, dass sie den falschen Univer­sa­lismus der Mehr­heits­ge­sell­schaft nicht ohne Bezug­nahme auf die Diffe­renz anfechten können, in deren Namen sie aus der Allge­mein­heit ausge­schlossen werden. Das ist auch der Grund, warum die Forde­rung nach einem Ende der Iden­ti­täts­po­litik, die zurzeit vor allem von weissen Männern erhoben wird, bei vielen auf Unmut stösst. Der Autor Ta-Nehisi Coates z.B. schreibt lako­nisch, die Probleme weisser Männer gelten immer als „ökono­misch“ rele­vant, während alle anderen angeb­lich nur versuchten, über ihre Gefühle zu spre­chen. Coates kriti­siert damit, dass die Eintei­lung poli­ti­scher Anliegen in wich­tige und unwich­tige, in Haupt- und Neben­wi­der­sprüche aus der Posi­tion jener erfolgt, die im Kampf um Reprä­sen­ta­tion immer schon auf der Gewin­ner­seite stehen. Als erschwe­rend erweist sich dabei, dass mit dieser privi­le­gierten Posi­tion eine epis­te­misch bedeut­same Beschränkt­heit der eigenen Erfah­rung einher­geht: Wer sich selbst nicht im Paradox der Eman­zi­pa­tion wieder­findet, dem fehlt (falls er sie sich nicht über Andere ange­eignet hat) die poli­tisch rele­vante Praxis, aus der Diffe­renz heraus agieren zu müssen.

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Doch auch diese Konstel­la­tion ist in Bewe­gung. Auf die Rolle der Iden­ti­täts­po­litik für die letzten US-amerikanischen Wahlen ange­spro­chen, bestä­tigt der Philo­soph Charles W. Mills, dass diese für den Sieg von Trump ausschlag­ge­bend gewesen sei. Um sogleich anzu­fügen, dass er von der weissen rassi­schen Iden­ti­täts­po­litik spricht, welche die USA von Geburt an geprägt habe.

Mills ist eine von vielen Stimmen, welche Trumps Kampagne als Ausdruck einer weissen Iden­ti­täts­po­litik deuten. Eine solche Analyse verschiebt die Bedeu­tung des Begriffs auf entschei­dende Weise: Denn nicht die gemein­same Unter­drü­ckungs­er­fah­rung, sondern die kollek­tive Vertei­di­gung von Privi­le­gien defi­niert eine weisse Iden­ti­täts­po­litik. Mit dem rheto­ri­schen Dreh gelingt es aber, die Selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der weisse männ­liche Poli­tiker das Univer­sale besetzen, in einer breiten Öffent­lich­keit in Frage zu stellen. Mit einem fulmi­nanten Ergebnis: Wenn Whiteness, so Laila Lalami, nicht mehr als still­schwei­gende Stan­dard­ein­stel­lung gilt, dann mutiert sie zu einer Iden­tität unter anderen. Damit drängt sich die Einsicht auf, dass jede Politik Iden­ti­täts­po­litik ist, auch wenn sie bislang nicht als solche bezeichnet worden ist.

  • Patricia Purtschert ist Professorin für Gender Studies und Co-Leiterin des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung an der Universität Bern.