Seit dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 ist der so genannte Nahostkonflikt noch einmal eskaliert. Die israelische Armee hat den Gazastreifen fast vollständig zerstört. Die Katastrophe hat verschiedene politische Gründe: die radikalisierte israelische Besatzungspolitik, die Weigerung v.a. des Likuds, einer politischen Lösung Hand zu bieten, die Schwächung der Palästinensischen Autonomiebehörde und die Stärkung und Radikalisierung der Hamas.

  • Cyrus Schayegh

    Cyrus Schayegh ist seit 2017 Professor für Internationale Geschichte am Genfer Graduierteninstitut (IHEID). Zuvor war er Associate und Assistant Professor an der Princeton University (2008-2017) sowie Assistant Professor an der American University of Beirut (2005-2008). Er erhielt seinen PhD von der Columbia University (2004) und seinen BA von der Hebräischen Universität Jerusalem (1996). Zu seinen jüngsten Werken gehören Globalizing the U.S. Presidency: Postcolonial Views of John F. Kennedy (Bloomsbury, 2020) und eine Sammlung übersetzter Primärquellen (https://digitalarchive).
Geschichte der Gegenwart
Geschichte der Gegenwart 
Israel/Palästina im Früh­ling 2025: eine histo­ri­sche Einordnung
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Der Zionismus kris­tal­li­sierte sich gegen Ende des 19. Jahr­hun­derts als eine von mehreren Antworten auf die Situa­tion heraus, dass euro­päi­sche Juden auch nach ihrer rechtlich-politischen Eman­zi­pa­tion, erst unter Napo­leon in Frank­reich, dann anderswo, oft Bürger oder Subjekte zweiter Klasse blieben. Zionis­ti­sche Vordenker waren über­zeugt davon, dass der Anti­se­mi­tismus erst verschwinden werde, wenn Juden ihr eigenes Land haben und Euro­päer sie in einem Zeit­alter, in der sess­hafte natio­nale Zuge­hö­rig­keit immer wich­tiger wurde, nicht mehr als bedroh­lich mobilen Fremd­körper ansehen.

Der Zionismus war eine natio­nale Befrei­ungs­be­we­gung. Leo Pinsker (1821-1891), ein führender russi­scher zionis­ti­scher Vordenker, drückte dies 1882 in seinem nach einem Pogrom in Russ­land verfassten Pamphlet Auto­eman­ci­pa­tion! Mahnruf an seine Stam­mes­ge­nossen von einem russi­schen Juden, einem Urtext des Zionismus, so aus:

Das jüdi­sche Volk […] ist überall anwe­send und nirgends zu Hause. […] Unter den lebenden Nationen der Erde stehen die Juden als eine schon seit langem abge­stor­bene Nation da. […Wir müssten] ein für unsere Zwecke passendes, möglichst einheit­li­ches und zusam­men­hän­gendes Terri­to­rium ausfindig machen.

Der poli­ti­sche Erfolg kam 1917 und 1922: Gross­bri­tan­niens Balfour-Deklaration und schließ­lich das Völker­bunds­mandat defi­nierten die Juden – nicht aber „nicht­jü­di­sche Gemein­schaften“ – als „ein Volk“ mit dem poli­ti­schen Recht auf eine „natio­nale Heim­stätte“ in Palästina/Eretz Israel, der Wiege des Juden­tums. Zwei Jahr­zehnte später wurde der Holo­caust für viele Juden der ulti­ma­tive Beweis dafür, dass es einen jüdi­schen Staat braucht. Der Zionismus wurde unter Juden mehr­heits­fähig und bekam in Europa und anderswo, auch den USA, weithin offi­zi­elle Unterstützung.

Da aber Eretz – das Land – Israel/Palästina bewohnt war, war der Zionismus nicht nur eine natio­nale Eman­zi­pa­ti­ons­be­we­gung, sondern gleich­zeitig auch ein Sied­ler­ko­lo­nia­lismus. Ja, ein beson­derer – jüdi­sche Siedler:innen kamen nicht wie z. B. solche in Alge­rien aus ‚ihrem‘ Frank­reich – aber eben doch einer; nämlich für die Palästinenser:innen, von denen viele die Nakba nicht einfach als ein Ereignis der Jahre 1947-49 ansehen, sondern als eine Grund­struktur ihres Lebens begreifen.

Schon 1911 schrieb Najib al-Khuri Nassar in dem von ihm verfassten arabi­schen Pamphlet Zionismus, nachdem sich einige Tausend Zionist:innen verschie­dener Couleurs schon im späto­s­ma­ni­schen Paläs­tina ansie­deln konnten:

Die Juden sind ein verstreutes Volk ohne gemein­same Sprache. Sie haben keine Regie­rung, die sie vereint und vor Not und Gefahren schützt. Und dennoch gelang es einem einzigen Mann [Herzl], sie zu einen und den Angriffs­plan [der Besied­lung Paläs­tinas] zu übernehmen.

Der Sied­ler­ko­lo­nia­lismus schlug sich aber auch in Insti­tu­tionen wie der Pales­tine Jewish Colo­niza­tion Asso­cia­tion (1924) nieder und in Texten wie dem russi­schen Pamphlet „Die eiserne Wand“ (1923) des ideo­lo­gi­schen Vaters des Likuds, Wladimir Jabo­tinsky, der in eine damals intensiv geführte zionis­ti­sche Debatte eingriff über die Frage, ob man Paläs­ti­nenser von der Rich­tig­keit des Zionismus über­zeugen könne:

Jedes Volk kämpft gegen die Kolo­ni­sa­toren […]. So handeln die Araber von Paläs­tina […]. Und zu Paläs­tina hegen sie mindes­tens dieselbe instink­tive Liebe und orga­ni­sche Eifer­sucht wie die Azteken zu ihrem alten Mexiko und die Sioux zu ihren Prärien. […] Sie wissen genauso gut wie wir, was nicht gut für sie ist. […] Ich halte erstens eine Verdrän­gung der Araber aus Paläs­tina in jeder Form für absolut unmög­lich; Paläs­tina wird immer ein Natio­na­li­tä­ten­staat bleiben – was mir voll­ständig genügt, unter der Bedin­gung, daß die Juden zur Mehr­heit werden. […] Die zionis­ti­sche Kolo­ni­sa­tion muß man entweder einstellen oder sie gegen den Willen der einhei­mi­schen Bevöl­ke­rung weiter­führen. […] Wozu die Balfour-Deklaration? Wozu das Mandat? Ihr Sinn und Bedeu­tung besteht für uns darin, daß eine fremde Macht sich verpflichtet hat, solche Sicher­heits­ver­hält­nisse zu schaffen, daß der einhei­mi­schen Bevöl­ke­rung ohne Rück­sicht auf ihre Wünsche die Möglich­keit genommen wäre, die jüdi­sche Kolo­ni­sa­tion admi­nis­trativ oder poli­tisch zu verhin­dern. […] Wir bestehen darauf, daß der Zionismus mora­lisch und gerecht ist. Ist aber der Zionismus mora­lisch, das heißt gerecht, so muß die Gerech­tig­keit ins Leben geführt werden, ohne Rück­sicht, ob A, B und C damit einver­standen sind oder nicht.

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1948 wurde Israel als eine Demo­kratie gegründet, aller­dings als eine funda­mental ungleiche für Israels paläs­ti­nen­si­sche Bürger, da Israel gleich­zeitig als Staat der Juden konzi­piert wurde.

Viel­leicht hätte sich diese Sied­ler­de­mo­kratie positiv entwi­ckeln und inte­gra­tiver werden können. Was dem zuerst im Wege stand und nun sogar die Demo­kratie selbst angreift, ist der Umstand, dass 1967 Israel mit der Beset­zung Gazas und dem West­jor­dan­land noch offen­sicht­li­cher zu einem Kolo­ni­al­staat wurde. Seit zwei Gene­ra­tionen herr­schen Israels Armee und der Inlands­ge­heim­dienst Shin Bet über Millionen von Palästinenser:innen in Gaza (seit 2005 indi­rekt, d. h. durch Kontrolle des Luft­raumes, des Meeres, und gemeinsam mit Ägypten der Land­zu­gänge) und in der Westbank.

Diese Herr­schaft begann 1967 noch im Zeit­alter der Deko­lo­ni­sie­rung und reibt sich heute mit verschie­denen deko­lo­nialen Debatten, in denen Herr­schafts­ver­hält­nisse welt­weit und zu Recht immer mehr Kritik erfuhren und erfahren. Aller­dings stand eine solche Kritik an Israel immer auch unter einem Vorbe­halt. Aus geostra­te­gi­schem und wirt­schaft­li­chem Inter­esse und aufgrund von tiefer Schuld und Schuld­ge­fühlen für den Holo­caust, der von den deut­schen Nazis orga­ni­siert, aber von vielen anderen Euro­päern mitge­tragen wurde, tendieren west­liche Regie­rungen dazu, Israel mit Samt­hand­schuhen anzufassen.

Gründe für das Schei­tern von Verhandlungslösungen

Es gab Lösungs­an­sätze, sicher. Am weitesten kam der Oslo-Prozess der 1990er Jahre. Er schei­terte aus fünf Gründen.

Erstens war die Gross­macht USA aus innen­po­li­ti­schen Gründen und aus Grüden der Staats­raison – Israel ist ein wich­tiger Sicher­heits­partner im Mitt­leren Osten – nie Willens, auf die stär­kere Seite, Israel, genü­gend Druck auszuüben.

Zwei­tens ist der Konflikt kompli­ziert. Er umfasst Fragen der Art und des Ausmasses der Souve­rä­nität des zu schaf­fenden paläs­ti­nen­si­schen Staates; Fragen zur Grenz­zie­hung zwischen Israel und Paläs­tina, die durch die israe­li­sche Mauer im West­jor­dan­land kompli­ziert wird; die Frage, was mit den paläs­ti­nen­si­schen Flücht­lingen ausser­halb Israel/Palästinas geschehen soll; und Fragen zum Status Jerusalems.

Ideo­lo­gisch reflek­tieren beson­ders die zwei letzten Fragen nicht nur den sied­ler­ko­lo­nialen und kolo­nialen, sondern eben auch den national-befreienden Charakter des Zionismus. Jeru­salem ist ein zutiefst symbo­li­scher und reli­giös aufge­la­dener Ort: Eine Rück­kehr der Geflüch­teten und/oder ein offi­zi­elles Einge­stehen der Nakba – beides momentan unvor­stellbar – würden das zionis­ti­sche Projekt nicht nur prak­tisch, sondern auch ideell tangieren. Und: Soll man all diese Fragen gleich­zeitig oder nach­ein­ander verhan­deln? Beides birgt große prak­ti­sche und poli­ti­sche Risiken.

Drit­tens – der wich­tigste Grund – haben israe­li­sche Regie­rungen der Paläs­ti­nen­si­schen Auto­no­mie­be­hörde in Verhand­lungen nie genug ange­boten, und zwar nicht so sehr hinsicht­lich der Land­fläche – hier kamen z. B. 2000 und 2006 valide Ange­bote –, sondern hinsicht­lich der Art von Souve­rä­nität. Damit verbunden ist der Umstand, dass israe­li­sche Regie­rungen, sogar die zentristisch-linken, die Paläs­ti­na­frage eher kurz­fristig mili­tä­risch als lang­fristig poli­tisch angehen. In den Worten Avraham Shaloms, ein im Film The Gate­kee­pers inter­viewter ehema­liger Direktor des Shin Bet, „gab es keine Stra­tegie, nur Taktik.“ Warum? Nicht nur, weil west­liche Regie­rungen unge­nü­gend Druck ausübten, sondern auch, weil Israels Herr­schaft extrem dicht­ma­schig ist. Darum können der Shin Bet und die Armee Atten­tate fast immer verei­teln. Die jüdisch-israelische Bevöl­ke­rung, ein Meister „alltäg­li­cher Sicher­heit“, akzep­tiert das Rest­ri­siko kollektiv, obwohl Atten­tate Indi­vi­duen töten, verwunden und trau­ma­ti­sieren und obwohl die Kollek­tiv­ak­zep­tanz dazu beiträgt, den Konflikt zu verlän­gern, wie etwa die Anthro­po­login Juliana Ochs in Secu­rity and Suspi­cion gezeigt hat.

Vier­tens spielten straff orga­ni­sierte Paläs­ti­nen­ser­grup­pie­rungen, allen voran die Hamas, ab den 1990er Jahren immer wieder eine ‚Spoi­ler­rolle‘. Sie torpe­dierten den PLO-israelischen Frie­dens­pro­zess der 1990er Jahre durch Atten­tate und ein sich abzeich­nendes israelisch-saudisches Rappro­che­ment durch das Massaker vom 7. Oktober 2023. In den 2010er Jahren über­warf sich die Hamas mit dem Iran, Syrien und der Hisbollah; ab den späten 2010er Jahren kam es aber zu einer Annä­he­rung mit dem Iran, der ein israelisch-saudisches Rappro­che­ment genau so fürchtet wie die Hamas. Jene Spoi­ler­rolle spielte die Hamas aus inner­pa­läs­ti­nen­si­schem Macht­kalkül, aus ideo­lo­gi­schen Gründen und wegen ihrer Einschät­zung der Ziele Israels. So sehen sich bis heute die Hamas und die Paläs­ti­nen­si­sche Auto­no­mie­be­hörde vor allem als Rivalen. Der mili­tä­ri­sche Arm der Hamas, der in Gaza das Sagen hat, ist anti­se­mi­tisch und – damit verquickt – glaubt die Hamas nicht daran, dass Israel eine Lösung will, denn die Besied­lung Gazas (bis 2005) und des West­jor­dan­lands, inklu­sive Ostje­ru­sa­lems, schritt und schreitet immer weiter voran. 1990 gab es gut 200.000 Siedler:innen, 2000 knapp 400.000 und heute sind es knapp 750.000.

Die Sied­lungen sind der fünfte Grund, warum Verhand­lungen schei­terten. Zum einen waren natio­nal­re­li­giöse Siedler feder­füh­rend in der Verteu­fe­lung des israe­li­schen Premier­mi­nis­ters Jitz­chak Rabin, die 1995 zu seiner Ermor­dung führte. Zum anderen stellt der schiere Umfang der Siedler sogar für zentristisch-linke israe­li­sche Regie­rungen ein gewal­tiges Problem dar: Kann man Hundert­tau­sende über­haupt aus dem West­jor­dan­land nach Israel zurück­bringen, und zu welchem innen­po­li­ti­schen Preis? Das funda­men­talste Problem der natio­nal­re­li­giösen Siedler – es gibt auch andere – ist jedoch ein anderes. Viele haben sich immer weiter radi­ka­li­siert, was dazu beigetragen hat, Israels Regie­rungs­partei, den Likud, der für Juden einmal liberal war, radikal-nationalistisch zu machen.

Der Rechts­rutsch und seine Folgen

Diese Entwick­lung ist verquickt mit einem brei­teren kulturell-politischen Rechts­rutsch, der 2000 begann, sich in den 2010er Jahren beschleu­nigte, seit 2022 zu einem direkten Angriff auf Israels Demo­kratie geführt hat und die Dauer und das Ausmass der israe­li­schen Reak­tion auf das unsäg­liche Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 zu erklären hilft. Dieser Rechts­rutsch hat drei Hauptgründe.

Zum einen ist da der poli­ti­sche Lang­zeit­schaden der Zweiten Inti­fada (2000-2005), in der sich ziviler Unge­horsam mit Gewalt, inklu­sive Terror­an­schlägen, gepaart hatte. Für viele Paläs­ti­nenser in Gaza und dem West­jor­dan­land war sie die einzig noch mögliche Reak­tion auf Israels fort­schrei­tende Besied­lung und unge­nü­gende Verhand­lungs­an­ge­bote. Für viele Israelis jedoch war sie der endgül­tige Beweis dafür, dass eine Eini­gung mit den Paläs­ti­nen­sern, wenn auch prin­zi­piell wünschens­wert, prak­tisch unmög­lich ist. Die Zweite Inti­fada, in der mehr als 1.000 Israelis starben, brachte das israe­li­sche Frie­dens­lager in die Defen­sive. Es schrumpfte und fiel schliess­lich in sich zusammen. 1992 ergat­terten die zentristisch-linke Partei Labor und die linke Partei Meretz 56 von 120 Sitzen. 2015 waren es noch 29 Sitze. 2022 verschwand Meretz und Labor erhielt nur noch 4 Sitze.

Zum anderen wurde in diesem Klima Israels Herr­schaft im West­jor­dan­land restrik­tiver und gewalt­samer. Die Zweite Inti­fada kostete mehr als 3.000 Paläs­ti­nen­sern das Leben, machte Sicher­heits­kon­trollen und -infra­struk­turen noch engma­schiger und redu­zierte noch stärker die Zahl paläs­ti­nen­si­scher Gast­ar­beiter, die schon ab 1993 gesunken war. Gegen­sei­tige Dehu­ma­ni­sie­rung verschärfte sich. Paläs­ti­nenser erleb(t)en Israelis mehr denn je nur als kolo­niale Besatzer. Israelis wiederum verdrängten die Okku­pa­tion: Die erstickte Stimme Gazas und des West­jor­dan­lands sugge­rierte, dass die Paläs­ti­na­frage hand­habbar sei, weshalb auch zentris­ti­sche Parteien wie Jesch Atid Israels Gret­chen­frage igno­rierten. Gleich­zeitig unter­stützten immer mehr Israelis Gewalt. Nachdem 2016 ein Soldat einen verwundet am Boden liegenden paläs­ti­nen­si­schen Messer­ste­cher, der einen Soldaten verwundet hatte, exeku­tierte, ergab eine Umfrage des Israel Demo­cracy Insti­tute, dass gut 50 % der jüdi­schen Israelis und 70 % der 18-24-jährigen eine sofor­tige Exeku­tion hand­lungs­un­fähig gemachter Terro­risten befürworten.

Ein letzter Grund für Israels Rechts­rutsch ist Benjamin Netan­jahu. Vor allem aus Macht­kalkül haben er und sein Umfeld beson­ders seit dem Beginn poli­zei­li­cher Ermitt­lungen gegen ihn 2016 – er wurde 2019 wegen Betrugs, Vertrau­ens­bruchs und in einem Fall wegen Bestechung ange­klagt – israe­li­sche Linke und Zentristen als Volks­ver­räter verleumdet, wodurch er einen bereits exis­tie­renden Trend legitimiert(e) und verstärkt(e). 2022 über­schritt er den Rubikon und inte­grierte in seine Regie­rung zwei rechts­extreme Parteien. Der Vorläufer der Partei Itamar Ben-Gvirs „Judäi­sche Stärke“ war noch vor 25 Jahren nicht nur verpönt, sondern verboten, und ihr Partei­pro­gramm fordert den „totalen Krieg gegen Israels Feinde ohne Verhand­lungen, Konzes­sionen oder Kompromisse“.

Auch eine links-zionistische Regie­rung hätte auf das abscheu­liche Massaker vom 7. Oktober 2023 mili­tä­risch scharf geant­wortet. Zu tief war die Scham der Offi­ziere, das Massaker nicht verhin­dert zu haben; zu weit verbreitet die Sicht­weise, dass die zionis­ti­sche Befreiung des jüdi­schen Volkes von anti­se­mi­ti­scher Gewalt versagt hatte; zu auto­ma­ti­siert die Gewiss­heit, dass die wieder­her­zu­stel­lende Abschre­ckung massive arabi­sche Opfer braucht.

Aber das unvor­stell­bare Ausmass und die Dauer und Rhetorik des Krieges, der auf dieser israe­li­schen Website doku­men­tiert wird und von vielen auch jüdi­schen Geno­zid­spe­zia­listen wie Omer Bartov als Genozid einge­stuft wird, ist das Resultat der ins Extreme getrie­benen Kolo­ni­al­herr­schaft im West­jor­dan­land und in Gaza des letzten Vier­tel­jahr­hun­derts sowie der poli­ti­schen Bedürf­nisse Netanjahus.

Gegen Letz­tere demons­trieren nun israe­li­sche Kritiker:innen des einsei­tigen Bruches des im Januar 2025 geschlos­senen Waffen­still­standes durch Netan­jahus Regie­rung. Es geht hier weniger um paläs­ti­nen­si­sche Leben als um die israe­li­schen Geiseln und immer mehr auch um die wieder in Fahrt kommende Attacke der Regie­rung auf israe­li­sche Insti­tu­tionen und die israe­li­sche Demo­kratie. Anders als 2023/24 ist nun immer mehr Israelis klar, dass der Gaza­krieg und der Angriff auf ihre Demo­kratie nicht vonein­ander zu trennen sind.

Hoffent­lich wird darauf die Einsicht folgen, dass Kolo­ni­al­herr­schaft für einen selbst untragbar ist – und dass der Zionismus so national-befreiend (und auch erneuert) und so wenig sied­ler­ko­lo­nial wie möglich sein muss. Eine Lösung ist in weiter Ferne – aber sie wird an diesem Punkt beginnen müssen.