Am letzten Februartag 2026 erwachte die Welt mit der Nachricht über den gemeinsamen Militärschlag amerikanischer und israelischer Streitkräfte auf Befehl von Donald Trump und Benjamin Netanjahu gegen den Iran – den größten Luftangriffen der beiden Länder in der jüngeren Geschichte. Nur wenige Stunden später verkündeten dieselben Staatschefs den Tod von Ali Khamenei, dem Obersten Führer des Iran, mutmaßlich begraben unter den Trümmern seines Anwesens im Zentrum Teheran, auf das dreißig Bomben abgeworfen worden waren. Die Nachricht wurde später vom iranischen Fernsehen in einer Erklärung des Nationalen Sicherheitsrates offiziell bestätigt. In der Zwischenzeit begannen auf den Fernsehbildschirmen zwei sehr gegensätzliche Bilderserien aufzutauchen: Die einen Bilder zeigten Iraner:innen im In- und Ausland, die auf den Straßen tanzen und hupen, regierungsfeindliche Parolen skandieren und die Invasion willkommen heißen; die anderen zeigten regierungsfreundliche Menschenmengen, die in Teheran, Beirut, Bagdad, Karatschi und Kaschmir über den Tod ihres Führers trauern. Die New York Times titelte: „Ayatollah Ali Khamenei, Hard-Line Cleric Who Made Iran a Regional Power, Is Dead at 86“.
In den letzten Wochen bin ich jeden Tag aufgewacht, habe auf meinem Handy die neuesten Nachrichten aus dem Iran gecheckt, den ganzen Tag über verzweifelt durch die Nachrichten und Analysen gescrollt und bin mit einem tiefen Gefühl der Sorge und Unsicherheit darüber, was während meines Schlafes auf der Welt passieren könnte, ins Bett gegangen. Ausnahmslos begann jeder Tag mit den Bildern und Berichten über junge Männer, Frauen und Kinder, die von Regierungsagenten und Milizen brutal massakriert wurden, mit Eltern, die um ihre gefallenen Kinder trauern, tanzen, singen und in tiefem Schmerz Verse aus mythischen Sagen vortragen, sowie mit Experten, die den umgehenden Sturz des islamischen Regimes versprechen. Die Invasion durch Israel und die USA scheint ein erster Schritt in diese Richtung zu sein, und die Menschen haben jedes Recht, sich zu freuen und zu feiern. Ich bin jedoch verwirrt, ratlos und besorgt. Im Folgenden will ich versuchen, die Gründe dafür zu erläutern.
50 Jahre Aufstände im Iran
Die Iraner:innen begehren auf – schon wieder. In den letzten 150 Jahren war die moderne Geschichte des Iran von Protesten, Rebellionen und Aufständen unterschiedlicher Dauer, Intensität und mit unterschiedlichen Ergebnissen geprägt: die Konstitutionelle Revolution von 1905, der Beschuss des neu gegründeten Parlaments durch den Kadscharen-König Mohammad Ali Schah im Jahr 1908, der Aufstand in der religiösen Stadt Mashhad gegen die Einführung von Hüten nach europäischer Mode für Männer durch den Gründungsmonarchen der Pahlavi-Dynastie Reza Schah im Jahr 1935, die links- und liberal orientierten Proteste der frühen 1950er Jahre, der von Rechten und Religiösen ausgelöste Aufstand von 1963, die Revolution 1979, die das islamische Regime an die Macht brachte, die gewalttätigen Zusammenstösse 1981 zwischen Milizen des Regimes und bewaffneten Gruppen, die Unruhen in den Städten 1992 und 1995, die Studentenproteste von 1999, die Grüne Bewegung 2009 gegen die manipulierte Präsidentschaftswahl, die wirtschaftlich motivierten Proteste 2017 und 2019, der Aufstand „Frauen, Leben, Freiheit“ 2022, der jüngste Aufstand Anfang 2026 zusammen mit parallel stattfindenden Kundgebungen der iranischen Diaspora auf der ganzen Welt und zwischen all diesen großen und kleinen Studentenprotesten, Streiks von Krankenschwestern, Lehrer:innen, Lkw-Fahrern und Rentner:innen, ganz zu schweigen von den Massenhinrichtungen, aussergerichtlichen Morden, erzwungenen Fernsehgeständnissen und täglichen Kämpfen zwischen Jugendlichen, Frauen und der Sittenpolizei der islamischen Regierung – ein dichtes, buntes Geflecht politischer Aktionen eines leidenden, aber unerbittlichen Volkes, das man wirklich nur schätzen und bewundern kann.
Während sozioökonomische, politische und kulturelle Missstände während dieser gesamten Zeit eine Konstante waren, lässt sich während der rund fünfzigjährigen Herrschaft des islamischen Regimes ein Muster zunehmender Häufigkeit, Intensität und geografischer Ausbreitung der Proteste sowie steigender staatlicher Gewalt erkennen. Der bisherige Höhepunkt dieser Entwicklung war die blutrünstige Ermordung von Zehntausenden Männern, Frauen und Kindern im ganzen Land am 7. und 8. Januar 2026 durch das Militär und die Sicherheitskräfte der Regierung, unterstützt von ausländischen Söldnern aus Afghanistan, dem Irak und dem Libanon.
Diese Ereignisse haben in der Öffentlichkeit ein kollektives Gefühl von Trauer, Wut und Angst ausgelöst sowie ernste Fragen über die Zukunft des islamischen Regimes und, noch eindringlicher, über die Zukunft des Iran als Geburtsort einer der ältesten Zivilisationen der Welt aufgeworfen. Auch wenn es schwierig ist, fundierte Vorhersagen zu treffen, ist es unsere Pflicht als Beobachter:innen, Intellektuelle und Bürger:innen einer globalisierten Menschheit, einen Schritt zurückzutreten und uns auf „Überraschungen und Distanz“ zu einzulassen – nach einer Formulierung des bedeutenden Historikers Fernand Braudel also Hilfsmittel, um das zu verstehen, was uns so offensichtlich umgibt, dass wir es nicht mehr klar sehen können. Was, so könnten wir fragen, umgibt uns so offensichtlich, dass wir es momentan im Iran und auf der ganzen Welt nicht klar sehen können?
Was uns umgibt und wir nicht sehen können
Hier ein kurzer Überblick über das, was uns offensichtlich umgibt: Ein religiöses Regime, das auf der Welle der öffentlichen Unzufriedenheit mit dem Schah-Regime in den 1970er Jahren an die Macht kommt, verspricht wirtschaftlichen Wohlstand, soziale Freiheiten und eine Republik. Was es stattdessen liefert, ist eine zerrüttete Wirtschaft, die von Misswirtschaft, Korruption, Inflation und Armut geprägt ist, ein unterdrückerisches politisches System unter der autokratischen Herrschaft des Klerus. Es herrschen anhaltende Verletzungen grundlegender Menschenrechte verschiedener sozialer Gruppen wie Frauen, Kinder und ethnische sowie religiöse Minderheiten, ferner Sozial- und Umweltaktivist:innen, Künstler:innen und Intellektuelle, Gefangene, queere Menschen und zudem sogar ausländische Tourist:innen und Besucher:innen). Infolge der Politik befinden sich die Umwelt und die Wasserressourcen des Landes in einer kritischen Notlage, 40 Prozent der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze, der Wert der Währung ist seit 1979 um etwa das 20.000-fache gesunken, 80 Prozent der Exporte (einschliesslich nationaler Ressourcen wie Öl) befinden sich in den Händen von Eliten und Oligarchen, die mit dem Regime verbunden sind, parasitäre Stiftungen kontrollieren 55 Prozent des BIP nach dem Prinzip „anfal“, d. h. ohne der Öffentlichkeit Rechenschaft abzulegen, und der Grossteil der verbleibenden Einnahmen wird für Militärausgaben und die Unterstützung regionaler Stellvertreter verwendet.
Als Reaktion auf diese Abwärtstrends haben die Öffentlichkeit und verschiedene soziale und politische Gruppen alle Mittel des Engagements und der Bürgerbeteiligung ausgeschöpft, um ihre Forderungen und Beschwerden zum Ausdruck zu bringen, die jedoch auf taube Ohren stiessen, sodass immer mehr Teile der Gesellschaft zu Strassenaktionen übergegangen sind. Tatsächlich wurden die jüngsten Proteste von kleinen Basarhändlern ausgelöst, die als traditionelle Unterstützer der islamischen Herrschaft gelten. Ihre Proteste entwickelten sich bald zu einem landesweiten politischen Aufstand mit expliziten Parolen gegen das Regime und den Obersten Führer. Schnell kam auch ein neues Element hinzu, das den im Exil lebenden Sohn des gestürzten Schahs und militärische Interventionen der USA unterstützte, was schlussendlich im Massaker vom 8. und 9. Januar mündete.
Das ist, kurz gesagt, was uns umgibt. Aber was sehen wir in Braudels Worten nicht klar? Um diese Frage zu beantworten, möchte ich auf die beiden Hilfsmittel zurückgreifen, die Braudel zum Verständnis anbietet, und fragen, welche Überraschungen die Entwicklung dieser Ereignisse bereithielt und wie wir uns von der Politik des Augenblicks distanzieren können, um sie aus einer historischen Perspektive zu verstehen.
Überraschungen: Demografie, Monarchie und Imperialismus
Beginnen wir mit den Überraschungen, von denen es viele gibt, aber drei besonders hervorstechen: die demografische Zusammensetzung der Demonstrant:innen, der Aufstieg der monarchistischen Alternative und der schnelle Eifer der ausländischen Intervention. Diese sind miteinander verknüpft und nur in Verbindung miteinander verständlich, aber dennoch jede für sich genommen nicht weniger überraschend.
Von Schurken und Opfern
Das Massaker, das sich im Januar 2026 auf den iranischen Strassen ereignete, wurde durch eine pauschale Anweisung des Obersten Führers ermöglicht, „Randalierer müssen in ihre Schranken gewiesen werden.“. Die darauf folgende Gewalt durch die Sicherheitskräfte des Regimes war beispiellos. Blind richtete sie sich gegen Menschen unabhängig von ihrem Alter, Geschlecht, sozialem Status und sogar der Haltung gegenüber den Protesten. Ältere Menschen, Jugendliche und sogar Kinder wurden zu legitimen Zielen. Alle auf der Strasse wurden ins Visier genommen, egal ob es sich um Demonstrant:innen, Umstehende, Ladenbesitzer oder Ersthelfer:innen handelte. Frauen wurden an den Haaren gezerrt, an den Kopf getreten und mit Macheten erstochen. Ein Feuerwehrmann wurde erschossen, als er einen verwundeten Demonstranten in Sicherheit brachte. Verletzte wurden aus ihren Krankenhausbetten geholt, um verhört oder hingerichtet zu werden. Sogar Ärzt:innen und Krankenschwestern wurden bei der Ausübung ihrer Pflichten Opfer der Gewalt. Es ging nicht um Kontrolle; das erklärte Ziel war es, zu töten. Zu diesem Zweck setzten die Sicherheitskräfte alle Arten von Waffen und Munition ein: Schusswaffen, Maschinengewehre, Gummigeschosse, Messer, Macheten, auch Scharfschützen wurden einsetzt. Die Gesamtzahl der Opfer steht heute – im März 2026 – noch nicht fest, aber es handelt sich um Zehntausende, darunter auch Kinder. Das war Gewalt ohne Grenzen!
Aufschlussreich ist die demografische Verteilung der mehr als 50.000 festgenommenen Personen: 27 Prozent unter 18 Jahren, 77 Prozent unter 30 Jahren und 82 Prozent sind ledig. Von diesen Personen gehörten 65 Prozent zur Mittelschicht, 32 Prozent zur ärmeren Bevölkerung und nur 3 Prozent zu den oberen sozioökonomischen Gruppen. Auffällig an diesen Statistiken ist nicht die ungleiche sozioökonomische Verteilung, die darauf hindeutet, dass ein grosser Teil der Bevölkerung eher aus politischen als aus wirtschaftlichen Gründen an den Protesten teilgenommen hat, sondern das alarmierend junge Alter der Demonstrant:innen.
Die Teenager zwischen 14 und 18 Jahren, oft als Generation Z bezeichnet, sind eine Bevölkerungsgruppe ohne politische Erfahrung und Bindungen, ohne Geschichtsbewusstsein oder Erinnerung an die Vergangenheit. Sie sind stark beeinflusst von Modeerscheinungen und Trends aus den sie umgebenden Medien. Ausgestattet mit Handys und aktiv auf Social Media, folgen sie ihren eigenen Wahrnehmungen und haben wenig Respekt vor Autoritäten. Unabhängig davon, ob man das begrüsst oder kritisiert, lässt sich die Handlungsfähigkeit dieser jungen Menschen nicht leugnen. Allerdings wurden sie nicht so sehr aufgrund ihrer eigenen Entscheidung, sondern aufgrund der Zwänge einer sehr unbeständigen und hitzigen Umgebung zu Opfern der Gewalt.
Diese Generation lässt sich leicht zu Handlungen provozieren und durch laute Stimmen in eine gewünschte Richtung lenken. Von diesen Stimmen gibt es im aktuellen Medienökosystem reichlich und diejenigen, die über finanzielle Mittel und logistische Unterstützung verfügen, sichern sich den Löwenanteil der Aufmerksamkeit des Publikums. Da die offiziellen ideologischen Medien im Iran katastrophal versagt haben, ist dieser Anteil an ausländisch finanzierten alternativen Medien wie Iran International gegangen – ein professionell betriebener und von Israel finanzierter mehrsprachiger TV-Sender, der als Plattform für die pro-monarchistische Bewegung im Iran dient.
Von Königen und Königsmachern
Die Medienlandschaft liefert eine wichtige Erklärung für den plötzlichen Aufstieg von Reza Pahlavi, dessen Aufstieg zum de facto „Anführer“ des aktuellen Aufstands viele Beobachter überrascht hat, da er als Persönlichkeit des öffentlichen Lebens und auch als Privatperson nur wenige Erfolge vorweisen kann. Pahlavi, der seit seiner Jugend im Exil lebt, ist immer dann auf der politischen Bühne erschienen, wenn es zu einem Aufstand gegen das islamische Regime kam. So positionierte er sich beispielsweise 2009 als überzeugter Anhänger der Grünen Bewegung, die vom ehemaligen Premierminister der islamischen Regierung Mir Hossein Mousavi angeführt wurde. Im Februar 2023, nach der „Frauen, Leben, Freiheit“-Bewegung, war Pahlavi Teil einer breiten Allianz, die als Georgetown-Koalition bekannt wurde, aber aufgrund interner Meinungsverschiedenheiten recht schnell wieder auseinanderbrach. Seine Rolle änderte sich in der aktuellen Bewegung drastisch, als sein Name zu einem Symbol der Vereinigung grosser Teile der Bevölkerung innerhalb und ausserhalb des Iran wurde und Menschenmengen in Hunderten von Städten und Orten im ganzen Land Slogans wie „Dies ist die letzte Schlacht, Pahlavi wird zurückkehren“ oder sogar „Lang lebe der Schah“ skandierten.
Vor diesem Hintergrund rief Reza Pahlavi am 7. und 8. Januar 2026 zu öffentlichen Demonstrationen auf, wobei die Sinnhaftigkeit dieses Aufrufs Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen ist. Pahlavis Kritiker:innen werfen ihm mangelndes strategisches Denken vor und bezichtigen ihn, wehrlose Menschen in den Tod zu schicken, doch wirkt sich diese Kritik offenbar nicht negativ auf seine Anhänger:innen aus, die die Schuld für die Gewalt zu Recht dem islamischen Regime geben. Diese Stimmung erklärt auch teilweise, warum Hunderttausende Menschen aus der iranischen Diaspora in Europa und Nordamerika seinem Aufruf von 14. Februar 2026 zu Demonstrationen folgten und zu einer beeindruckenden Demonstration organisierter Solidarität zusammenfanden. Die gleiche Stimmung zeigte sich Ende Februar, als an zahlreichen Universitäten im Iran pro-monarchistische Parolen von Studenten zu hören waren – eine Entwicklung, die viele überraschte, da Universitäten im Iran traditionell Hochburgen der linken Politik sind.
Diese Richtungsänderung lässt sich hauptsächlich auf zwei miteinander verbundene Narrative zurückführen, die von der monarchistischen Bewegung aktiv konstruiert und propagiert werden. Erstens, die Verschwörungstheorie über den Sturz des Schahs im Jahr 1979 als Ergebnis einer bösartigen Intrige westlicher Mächte, insbesondere von Demokraten in den Vereinigten Staaten, die darauf aus gewesen seien, den Monarchen für seine Rolle beim Öl-Embargo von 1973 zu bestrafen. In dieser Erzählung wird der Schah als Opfer und Jimmy Carter als der Bösewicht dargestellt, der ihn vertrieben und Khomeini an die Macht gebracht hat. Wie alle Verschwörungstheorien stützt sich sie sich auf sachliche, aber doch spärliche „Beweise“ – so z.B. die Verlegung von Khomeini aus dem Exil in Bagdad nach Paris, wodurch er freie Bahn für die Verbreitung seiner Botschaft und zur Erweiterung seines Einflusses erhielt; der G7-Gipfel in Guadalupe, der die Unterstützung der Grossmächte vom Schah auf seine Gegner verlagerte; die anschliessende Entsendung von General Hauser durch die Carter-Regierung in den Iran, um das Militär zu neutralisieren, usw. Was in dieser Darstellung verloren geht, ist, dass die westlichen Mächte die Revolution nicht geplant hatten, sondern sich erst neu orientierten, nachdem das iranische Volk 1978 zu Millionen auf die Strasse gegangen war, was im Dezember desselben Jahres zum selbstgewählten Exil des Schahs führte. Tatsächlich würdigte Jimmy Carter den Schah am Silvesterabend dieses Jahres und beschrieb sein Reich als eine Insel der Stabilität in der Region. Wenn wir nicht davon ausgehen, dass der US-Präsident ein Jahr zuvor mit unerschütterlicher Miene gelogen und die Welt und seinen stärksten regionalen Verbündeten im Unklaren gelassen hat, gibt es keinen Grund zu der Annahme, dass er auch nur die geringste Ahnung von der drohenden Gefahr einer religiösen Rebellion hatte. Indem sie das Gegenteil behaupten, spannen Verschwörungstheoretiker das Pferd der Revolution hinter den Wagen der Geopolitik.
Diese globale Verschwörungstheorie ist ausserdem mit einer zweiten, einer anti-intellektuellen Erzählung über die „57er“ (in Anlehnung an das Jahr 1357 im persischen Kalender, in dem die Revolution stattfand) verbunden, in der die Schah-Gegner bestenfalls als Idioten und schlimmstenfalls als Verräter darstellt werden, die sein Modernisierungsprojekt nicht zu schätzen wussten und stattdessen einem reaktionären Geistlichen wie Khomeini folgten. Die monarchistischen Befürworter dieser Erzählung sprechen kaum über das Versagen des Schahs, die Gewinne aus dem Ölboom nachhaltig unter der Bevölkerung zu verteilen, über seine zunehmenden autoritären Tendenzen, die Gräueltaten seiner Geheimpolizei und viele andere Missstände und Fehler, die 1978 die Menschen auf die Strasse trieben.
Trotz ihres engstirnigen, voreingenommenen und einseitigen Charakters finden diese Narrative und Verschwörungstheorien in der Öffentlichkeit ein aufgeschlossenes Publikum, darunter auch grosse Teile der gebildeten Schicht, deren Erinnerungen an Jahre des Blutvergiessens und der Gewalt durch das islamische Regime ein verzerrtes Bild der Vergangenheit bei ihnen hinterlassen haben. In dieser Hinsicht ist die Situation im Iran ein weiteres Beispiel der aktuellen Weltpolitik, in der „die historische Erinnerung zu einem weiteren Streitpunkt geworden ist“, wie die Historikerin Erika Pani kürzlich formulierte.
Von Schlächtern und Rettern
Die Lage hat sich noch weiter verkompliziert. Die monarchistische Bewegung hat es gewagt, zu einer ausländischen Intervention im Iran in Form einer militärischen Invasion aufzurufen. Die Ironie dieser Position liegt nicht nur darin, dass sie ein Grundprinzip des langen iranischen Kampfes für Autonomie und Freiheit zunichtemacht, sondern auch in der Tatsache, dass sie auf ausländische Intervention zurückgreift und gleichzeitig Ausländer für den Aufstieg des islamischen Regimes verantwortlich macht. Der einzige Ausweg aus dieser paradoxen Ironie besteht darin, die amerikanische Innenpolitik ins Spiel zu bringen und zu behaupten, dass das islamische Regime seinen Erfolg den gemässigten Demokraten und nicht den „Falken“ unter den Republikanern verdanke. Der grösste Verfechter dieser Erzählung in der amerikanischen Politik ist Donald Trump selbst, der seinen demokratischen Vorgängern Barack Obama und Joe Biden immer wieder vorwirft, gegenüber dem Regime in Teheran zu nachsichtig gewesen zu sein. In Trumps imperialistischer Vorstellung kann sich das iranische Volk, auf sich allein gestellt, nicht von der Herrschaft der brutalen Mullahs befreien, es braucht die Vorboten der Demokratie USA und Israel, um es zu retten.
Noch überraschender ist, dass die anhaltende Verschlechterung der Lebensbedingungen sowie Unterdrückung und Gewalt einen grossen Teil der Iraner:innen hinter der Idee eines Angriffs ausländischer Mächte auf ihr Heimatland vereint haben. Und zwar nicht irgendeiner ausländischen Macht, sondern jemandem wie Benjamin Netanjahu, gegen den in seinem eigenen Heimatland wegen Korruptionsvorwürfen ermittelt wird und gegen den ein Haftbefehl des Internationalen Gerichtshofs wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorliegt. In einer der tragischsten Wendungen der Zeitgeschichte hat die imperialistische Logik bei der iranischen Bevölkerung Anklang gefunden, die zu grossen Teilen die Invasoren nicht nur als Retter willkommen heissen, sondern sogar um ihre Intervention bittet. Abgesehen von Propaganda ist natürlich vor allem das islamische Regime für diese grobe Fehleinschätzung seitens der Öffentlichkeit verantwortlich. Die Begeisterung für eine Intervention ist so gross geworden, dass faschistisch orientierte Monarchisten im Iran den republikanischen US-Senator Lindsey Graham zu „Onkel Lindsey“ umfunktioniert haben.
Die Freude der Bevölkerung über den Tod Khameneis zu Beginn der Invasion spiegelt vor allem ihre Wut und ihren Zorn gegenüber dem islamischen Regime wider, genauso wie das Tanzen der trauernden Mütter in Weiss auf den Gräbern ihrer Kinder einige Wochen zuvor ihre Trauer und Empörung zum Ausdruck brachte. Khameneis feindselige Haltung gegenüber Israel und dem Westen sowie seine regionalen und globalen Ambitionen, die Macht des Islam zu verbreiten, brachten das Land in eine Sackgasse und liessen der Bevölkerung daher einen scheinbar einfachen und schnellen Ausweg, nämlich eine Invasion von aussen. Das Gleiche kann man nicht von Experten und Politikern sagen, die die öffentliche Empörung und Wut ausnutzten, um der Bevölkerung die Handlungsfähigkeit zu nehmen und sie in die Hände ausländischer Mächte zu legen. Damit radikalisierten sie die Situation unwiderruflich und setzten das Land der Gefahr von Gewalt und Zerfall aus, während sie gleichzeitig ihre eigene politische Zukunft aufs Spiel setzten.
Distanz: Geografie, Geopolitik und Zivilisation
Was lehren uns diese Ironien und Überraschungen in der Zusammensetzung und Ausrichtung des iranischen Freiheitskampfes? Können wir einen Sinn in ihnen erkennen, indem wir uns Braudels zweiter Hilfe zum Verständnis bedienen – nämlich der Distanz? Ein wichtiger Beitrag Braudels zur Geschichtsschreibung ist seine Konzeption der historischen Zeit, die aus drei verschiedenen Strukturen besteht: dem Ereignis, der Konjunktur und der longue durée. In seinen umfangreichen und innovativen Schriften zeigte Braudel, wie diese Strukturen das menschliche Handeln bestimmen und es sowohl in materieller als auch in mentaler Hinsicht einschränken können. Ohne auf theoretische Details einzugehen, möchte ich die aktuellen Ereignisse – den Aufstand, seine Unterdrückung und die ausländische Invasion des Iran – als miteinander verbundene Ereignisse im Sinne Braudels betrachten, die sich im Zusammenhang mit der Konjunktur der wirtschaftlichen und geopolitischen Entwicklungen der letzten fünf Jahrzehnte auf der Welt vollziehen. Das betrifft den gleichzeitigen Aufstieg des autoritären Populismus und des religiösen Fundamentalismus rund um den Globus (Islam im Nahen Osten, Christentum in den USA und anderswo, Judentum in Israel, Hinduismus in Indien und sogar Buddhismus in Ostasien), das Scheitern neoliberaler Strukturanpassungsprogramme, die keinen Wohlstand für die sogenannten Entwicklungsländern (einschliesslich Iran) brachten, den Beginn des Neomerkantilismus in der Geoökonomie und schliesslich das Aufkommen vernetzter Computertechnologien und neuer Medien, die die Kriegsschauplätze in die Wohnzimmer gebracht haben sowie asymmetrische Kriegsführung ermöglichen durch den „demokratisierten“ Einsatz kostengünstiger Drohnentechnologie in grossem Massstab. Der Aufstieg und Fall des islamischen Regimes im Iran verkörpert diese konjunkturellen Entwicklungen auf eher ironische Weise und ruft das Bild eines Kreuzzugs 2.0 hervor.
Diese konjunkturellen Zyklen lassen sich aus der Perspektive der longue durée besser verstehen. In seinen Schriften hebt Braudel geografische und geologische Strukturen sowie zivilisatorische Phänomene als langfristige Einschränkungen historischer Prozesse hervor. Hinsichtlich des Irans wären das seine Lage als geopolitische Brücke zwischen Ost und West sowie sein geophysikalischer Reichtum als Heimat riesiger Öl-, Gas- und Mineralvorkommen, die in einer zunehmend computerisierten Welt stark nachgefragt sind.
Vor drei Jahren habe ich in meinem Artikel auf Geschichte der Gegenwart über den Aufstand „Frauen, Leben, Freiheit“ die moderne politische Geschichte des Iran kurz als Machtkampf zwischen Monarchen und Mullahs beschrieben. Dieser Kampf, so argumentierte ich, hat die Machtalternativen, die den Iraner:innen in ihrem langen Kampf um Autonomie und Freiheit zur Verfügung standen, weitgehend bestimmt. Derselbe Kampf, so möchte ich heute hinzufügen, bestimmt auch das Repertoire an Massnahmen, die von den Iraner:innen in ihrem langjährigen Kampf gegen diese beiden Mächte mobilisiert und eingesetzt wurden.
Das Handlungsrepertoire sozialer Bewegungen besteht in den begrenzten, routinierten und kulturell erlernten Instrumenten, mit denen Aktivist:innen Missstände anklagen, Forderungen stellen und Autoritäten herausfordern, wie z. B. Streiks, Kundgebungen, Petitionen, Demonstrationen. Da diese Instrumente aus früheren Kämpfen übernommen wurden, sind sie in der Regel über einen längeren Zeitraum hinweg stabil und werden an spezifische politische, soziale und technologische Kontexte angepasst. Sie manifestieren somit gleichzeitig historische Kontinuität und Kontextabhängigkeit.
In ihren anhaltenden Kämpfen haben die Iraner:innen ein breites Spektrum an kreativen Aktionen eingesetzt – von Sit-ins und Streiks über Kundgebungen, von Brandstiftung und bewaffnetem Widerstand bis hin zu Gedichten, Witzen und Slogans sowie anderen sichtbaren und unsichtbaren symbolische Formen von Protest, wie etwa das beiläufige Herunterschlagen der Turbane von Mullahs auf der Strasse im Jahr 2022. Ab 1978 hatte sich eine spezifische Form des Protests mit religiösen Wurzeln herausgebildet, bei der der Tod gefallener „Märtyrer“ in Trauerzügen und an ihrem 40..Todestag gefeiert wurde, was den Protesten eine anhaltende Dynamik verlieh. Im aktuellen Aufstand wurde dieses Ritual trotz aller Gegenbemühungen des Regimes wiederbelebt, allerdings mit einer interessanten Wendung. Anstatt Schwarz zu tragen, Koranverse zu rezitieren und Predigten von Geistlichen zu hören, tanzen die Menschen in weisser Kleidung wild über den Gräbern ihrer Angehörigen, während Eltern und andere wütende Reden halten oder Verse aus dem Epos Schāhnāme, dem Buch der Könige, rezitieren. Diese Symbole, die aus einer Kombination vorislamischer persischer Bräuche und moderner Popkultur entlehnt und zusammengeführt wurden, werden als Ausdruck des iranischen Nationalismus gegen die islamische Herrschaft herangezogen.
Monarchistische Medien setzen auf diese Symbole und schmücken sie mit rhetorischen Floskeln über die Einzigartigkeit der Iraner und Arier. Dabei verschiebt sich das Repertoire der Aktionen zunehmend in Richtung eines nationalistischen, sogar chauvinistischen Diskurses, der Bilder einer glorreichen Vergangenheit hervorruft, die durch die arabische Invasion und die islamische Herrschaft verloren gegangen ist.
Seit Ausbruch des Krieges bewegen sich die Diskurse und Praktiken auf allen Seiten des Konflikts in Richtung Märtyrertum und Religionskrieg. Auf US-amerikanischer Seite gibt es Berichte darüber, dass Soldaten mit Analogien zum Weltuntergang indoktriniert werden. Das iranische Regime stellt Khamenei als Märtyrer dar, der sein Leben für den Islam geopfert hat. Und auf pro-monachistischer Seite, innerhalb und ausserhalb des Landes, werden ähnliche Symbole herangezogen, wenn auch mit anderen Namen und Hintergründen.
Diese kulturelle Hinwendung zum Nationalismus, verbunden mit der politischen Hinwendung zur Rechten und einem strategischen Bekenntnis zu imperialer Invasion, hat bei einigen Beobachter:innen Besorgnis über die Aussicht auf einen Aufstieg des Faschismus ausgelöst, insbesondere angesichts ausgrenzender und absolutistischer Tendenzen unter den Monarchist:innen. Es ist verfrüht, diese Möglichkeit realistisch einzuschätzen, aber das sollte niemanden in falscher Selbstzufriedenheit wiegen. Vor drei Jahren habe ich auf Geschichte der Gegenwart vor drei möglichen Vereinnahmungen gewarnt, die den iranischen Kampf um Autonomie und Freiheit kapern könnten, so wie die Revolution von 1978 von reaktionären Mullahs vereinnahmt wurde: Neofaschismus, falscher liberaler Feminismus und falscher Radikalismus. Diese Möglichkeiten bestehen leider immer noch.
Dabei sollen historische Analogien aus jüngerer und ferner Vergangenheit dabei helfen, die aktuelle Situation zu verstehen: das postimperiale Frankreich als Modell für den Bonapartismus, die Weimarer Republik als Modell für den Faschismus, die Sowjetunion als Modell für den systemischen Zusammenbruch, Nordkorea als Modell für eine geschlossene Gesellschaft, der Arabische Frühling als Modell für eine kooptierte soziale Bewegung, Irak, Libyen, Syrien und Afghanistan als Modelle für sozialen Zerfall und Bürgerkrieg, Venezuela als Modell für imperiale Intervention und Kompromisse, Chile als Modell für eine friedliche Verfassungsreform. Die Tatsache, dass bis auf das letzte, alle diese Beispiele unterschiedliche Szenarien des Scheiterns darstellen, spricht für die schwierige Lage, in der sich die Iraner:innen in diesem kritischen Moment ihrer Geschichte befinden.
Ausblick
Um diesen Szenarien entgegenzuwirken, sollten die oppositionellen Kräfte im Iran mit grosser Dringlichkeit, aber auch vorsichtig und kreativ handeln. Das dogmatische Festhalten an alten Doktrinen und Denkweisen hat sich als unwirksam erwiesen, um die Massen zu mobilisieren. Dies ist insbesondere eine Herausforderung für säkulare Gruppen und die traditionelle „Linke“, die die Welt weiterhin in den veralteten Begriffen des Kalten Krieges versteht und die Situation als einen oppositionellen Konflikt zwischen „dem Westen und dem Osten“ darstellt. Die Realitäten unserer Welt sind viel nuancierter, die Akteure viel heterogener und die Optionen vielfältiger, als dass sie sich für eine solche binäre Logik eignen würden. Es muss auch darauf geachtet werden, dass die Masse der Gläubigen und Anhänger des Regimes, die 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung, also 10 bis 15 Millionen Menschen ausmachen, nicht aus dem Übergangsprozess ausgeschlossen werden. Der Kreislauf der Gewalt muss trotz der monarchistischen Rhetorik der Rache durchbrochen werden.
Die Menschen im Iran, insbesondere die Jugend, scheinen kein Interesse an ideologischen Kämpfen zwischen „rechts“ und „links“ zu haben. Sie streben nach einem würdigen „normalen“ Leben. In ihren Köpfen ist die Linke eng mit Antiimperialismus verbunden, der wiederum mit der „Achse des Widerstands“ des islamischen Regimes assoziiert wird. Die Jugendlichen wollen davon nichts wissen. Sie schenken auch der binären Logik von Innen und Aussen, Insider und Outsider, Inland und Ausland keine Beachtung. Das Massaker im Januar 2026 durch die Regierung hat ihr Verständnis dieser Grenzen als Tatsache grundlegend erschüttert. Kein Wunder, dass der große Bereich säkularer und republikanischer Gruppierungen unter der jungen Bevölkerung nur so wenig Anklang findet und viel von seinem politischen Kapital an die Monarchisten abtritt. Um die Öffentlichkeit und die Jugend für gemeinsame Ziele zu begeistern – Wohlfahrt, Toleranz, Umweltschutz und eine prosperierende Menschheit –, müssen das Denken und der Diskurs der säkularen Opposition an die Realitäten der heutigen Welt angepasst und die Menschen an diese gemeinsamen Werte erinnern werden. Glücklicherweise sind die Menschen zunehmend desillusioniert von religiöser Rhetorik und islamischen Ambitionen. Sie sind ebenso wie imperiale Vorstellungen auf lange Sicht zum Scheitern verurteilt, sowie sie es auch in der Vergangenheit waren. Die vorherrschende Kluft bietet einen günstigen Moment für politische, inspirierende und intellektuelle Arbeit.
Für diejenigen von uns, die glauben, dass Geschichte von Menschen gemacht wird und nicht von politischen Machenschaften und Intrigen, sind die aktuellen Ereignisse im Iran eine schmerzhafte Erinnerung daran, dass unser Glaube vielleicht nur auf lange Sicht funktioniert – sozusagen „am Ende des Tages“. Auf kurze Sicht konstituiert sich Geschichte aus den Plänen der Besprechungs- und Kommandozentralen der kriegerischen Parteien, den auf Schlachtfeldern getroffenen Entscheidungen, den an die Öffentlichkeit gerichteten Botschaften und den auf den Bildschirmen erscheinenden Bildern. Das ist die Realität des Krieges, wie auch vieler anderer sozialer Phänomene unserer Zeit. Man muss kein naiver Realist sein oder sich der Realpolitik verschreiben, um eine sozialrealistische Darstellung der Geschichte zu liefern.
Ich habe versucht, eine Darstellung des gegenwärtigen Moments zu geben. Leider ist dies keine Kristallkugel, um die Zukunft vorherzusagen. Es zeigt lediglich hinter dem Schleier der Politik, den Nachrichtenwolken und dem Erinnerungsnebel, worum es in diesem kritischen Moment für die Iraner:innen, für die Region, die als Naher Osten bekannt ist, und für die gesamte Menschheit geht. Und so bin ich nach wie vor genauso besorgt, verwirrt und gequält wie zu Beginn.