Seitdem die USA und Israel den Iran angegriffen haben, fluten Nachrichten im Minutentakt den Raum der öffentlichen Aufmerksamkeit: verwirrende Verlautbarungen von Politiker:innen, widersprüchliche Einschätzungen von Kommentator:innen und aufgeheizte Stellungnahmen in den Sozialen Medien. Hamid R. Ekbia umreisst in seiner Analyse Spannungsfelder innerhalb der Widerstands- und Protestbewegungen, die sich nicht auf eine einfache Gegenüberstellung von linker Opposition und pro-monarchistische Bewegung reduzieren lassen. Trotz aller Wut und Trauer empfiehlt er einen Moment des Innenhaltens und der Distanz, um zu verstehen, was die tapferen Menschen im Iran bewegt, warum und wofür sie schon so lange kämpfen.

Am letzten Febru­artag 2026 erwachte die Welt mit der Nach­richt über den gemein­samen Mili­tär­schlag ameri­ka­ni­scher und israe­li­scher Streit­kräfte auf Befehl von Donald Trump und Benjamin Netan­jahu gegen den Iran – den größten Luft­an­griffen der beiden Länder in der jüngeren Geschichte. Nur wenige Stunden später verkün­deten dieselben Staats­chefs den Tod von Ali Khamenei, dem Obersten Führer des Iran, mutmaß­lich begraben unter den Trüm­mern seines Anwe­sens im Zentrum Teheran, auf das dreißig Bomben abge­worfen worden waren. Die Nach­richt wurde später vom irani­schen Fern­sehen in einer Erklä­rung des Natio­nalen Sicher­heits­rates offi­ziell bestä­tigt. In der Zwischen­zeit begannen auf den Fern­seh­bild­schirmen zwei sehr gegen­sätz­liche Bilder­se­rien aufzu­tau­chen: Die einen Bilder zeigten Iraner:innen im In- und Ausland, die auf den Straßen tanzen und hupen, regie­rungs­feind­liche Parolen skan­dieren und die Inva­sion will­kommen heißen; die anderen zeigten regie­rungs­freund­liche Menschen­mengen, die in Teheran, Beirut, Bagdad, Karat­schi und Kaschmir über den Tod ihres Führers trauern. Die New York Times titelte: „Ayatollah Ali Khamenei, Hard-Line Cleric Who Made Iran a Regional Power, Is Dead at 86“.

In den letzten Wochen bin ich jeden Tag aufge­wacht, habe auf meinem Handy die neuesten Nach­richten aus dem Iran gecheckt, den ganzen Tag über verzwei­felt durch die Nach­richten und Analysen gescrollt und bin mit einem tiefen Gefühl der Sorge und Unsi­cher­heit darüber, was während meines Schlafes auf der Welt passieren könnte, ins Bett gegangen. Ausnahmslos begann jeder Tag mit den Bildern und Berichten über junge Männer, Frauen und Kinder, die von Regie­rungs­agenten und Milizen brutal massa­kriert wurden, mit Eltern, die um ihre gefal­lenen Kinder trauern, tanzen, singen und in tiefem Schmerz Verse aus mythi­schen Sagen vortragen, sowie mit Experten, die den umge­henden Sturz des isla­mi­schen Regimes verspre­chen. Die Inva­sion durch Israel und die USA scheint ein erster Schritt in diese Rich­tung zu sein, und die Menschen haben jedes Recht, sich zu freuen und zu feiern. Ich bin jedoch verwirrt, ratlos und besorgt. Im Folgenden will ich versu­chen, die Gründe dafür zu erläutern.

50 Jahre Aufstände im Iran

Die Iraner:innen begehren auf – schon wieder. In den letzten 150 Jahren war die moderne Geschichte des Iran von Protesten, Rebel­lionen und Aufständen unter­schied­li­cher Dauer, Inten­sität und mit unter­schied­li­chen Ergeb­nissen geprägt: die Konsti­tu­tio­nelle Revo­lu­tion von 1905, der Beschuss des neu gegrün­deten Parla­ments durch den Kadscharen-König Mohammad Ali Schah im Jahr 1908, der Aufstand in der reli­giösen Stadt Mashhad gegen die Einfüh­rung von Hüten nach euro­päi­scher Mode für Männer durch den Grün­dungs­mon­ar­chen der Pahlavi-Dynastie Reza Schah im Jahr 1935, die links- und liberal orien­tierten Proteste der frühen 1950er Jahre, der von Rechten und Reli­giösen ausge­löste Aufstand von 1963, die Revo­lu­tion 1979, die das isla­mi­sche Regime an die Macht brachte, die gewalt­tä­tigen Zusam­men­stösse 1981 zwischen Milizen des Regimes und bewaff­neten Gruppen, die Unruhen in den Städten 1992 und 1995, die Studen­ten­pro­teste von 1999, die Grüne Bewe­gung 2009 gegen die mani­pu­lierte Präsi­dent­schafts­wahl, die wirt­schaft­lich moti­vierten Proteste 2017 und 2019, der Aufstand „Frauen, Leben, Frei­heit“ 2022, der jüngste Aufstand Anfang 2026 zusammen mit parallel statt­fin­denden Kund­ge­bungen der irani­schen Diaspora auf der ganzen Welt und zwischen all diesen großen und kleinen Studen­ten­pro­testen, Streiks von Kran­ken­schwes­tern, Lehrer:innen, Lkw-Fahrern und Rentner:innen, ganz zu schweigen von den Massen­hin­rich­tungen, ausser­ge­richt­li­chen Morden, erzwun­genen Fern­seh­ge­ständ­nissen und tägli­chen Kämpfen zwischen Jugend­li­chen, Frauen und der Sitten­po­lizei der isla­mi­schen Regie­rung – ein dichtes, buntes Geflecht poli­ti­scher Aktionen eines leidenden, aber uner­bitt­li­chen Volkes, das man wirk­lich nur schätzen und bewun­dern kann.

Während sozio­öko­no­mi­sche, poli­ti­sche und kultu­relle Miss­stände während dieser gesamten Zeit eine Konstante waren, lässt sich während der rund fünf­zig­jäh­rigen Herr­schaft des isla­mi­schen Regimes ein Muster zuneh­mender Häufig­keit, Inten­sität und geogra­fi­scher Ausbrei­tung der Proteste sowie stei­gender staat­li­cher Gewalt erkennen. Der bishe­rige Höhe­punkt dieser Entwick­lung war die blut­rüns­tige Ermor­dung von Zehn­tau­senden Männern, Frauen und Kindern im ganzen Land am 7. und 8. Januar 2026 durch das Militär und die Sicher­heits­kräfte der Regie­rung, unter­stützt von auslän­di­schen Söld­nern aus Afgha­ni­stan, dem Irak und dem Libanon.

Diese Ereig­nisse haben in der Öffent­lich­keit ein kollek­tives Gefühl von Trauer, Wut und Angst ausge­löst sowie ernste Fragen über die Zukunft des isla­mi­schen Regimes und, noch eindring­li­cher, über die Zukunft des Iran als Geburtsort einer der ältesten Zivi­li­sa­tionen der Welt aufge­worfen. Auch wenn es schwierig ist, fundierte Vorher­sagen zu treffen, ist es unsere Pflicht als Beobachter:innen, Intel­lek­tu­elle und Bürger:innen einer globa­li­sierten Mensch­heit, einen Schritt zurück­zu­treten und uns auf „Über­ra­schungen und Distanz“ zu einzu­lassen – nach einer Formu­lie­rung des bedeu­tenden Histo­ri­kers Fernand Braudel also Hilfs­mittel, um das zu verstehen, was uns so offen­sicht­lich umgibt, dass wir es nicht mehr klar sehen können. Was, so könnten wir fragen, umgibt uns so offen­sicht­lich, dass wir es momentan im Iran und auf der ganzen Welt nicht klar sehen können?

Was uns umgibt und wir nicht sehen können

Hier ein kurzer Über­blick über das, was uns offen­sicht­lich umgibt: Ein reli­giöses Regime, das auf der Welle der öffent­li­chen Unzu­frie­den­heit mit dem Schah-Regime in den 1970er Jahren an die Macht kommt, verspricht wirt­schaft­li­chen Wohl­stand, soziale Frei­heiten und eine Repu­blik. Was es statt­dessen liefert, ist eine zerrüt­tete Wirt­schaft, die von Miss­wirt­schaft, Korrup­tion, Infla­tion und Armut geprägt ist, ein unter­drü­cke­ri­sches poli­ti­sches System unter der auto­kra­ti­schen Herr­schaft des Klerus. Es herr­schen anhal­tende Verlet­zungen grund­le­gender Menschen­rechte verschie­dener sozialer Gruppen wie Frauen, Kinder und ethni­sche sowie reli­giöse Minder­heiten, ferner Sozial- und Umweltaktivist:innen, Künstler:innen und Intel­lek­tu­elle, Gefan­gene, queere Menschen und zudem sogar auslän­di­sche Tourist:innen und Besucher:innen). Infolge der Politik befinden sich die Umwelt und die Wasser­res­sourcen des Landes in einer kriti­schen Notlage, 40 Prozent der Bevöl­ke­rung leben unter­halb der Armuts­grenze, der Wert der Währung ist seit 1979 um etwa das 20.000-fache gesunken, 80 Prozent der Exporte (einschliess­lich natio­naler Ressourcen wie Öl) befinden sich in den Händen von Eliten und Olig­ar­chen, die mit dem Regime verbunden sind, para­si­täre Stif­tungen kontrol­lieren 55 Prozent des BIP nach dem Prinzip „anfal“, d. h. ohne der Öffent­lich­keit Rechen­schaft abzu­legen, und der Gross­teil der verblei­benden Einnahmen wird für Mili­tär­aus­gaben und die Unter­stüt­zung regio­naler Stell­ver­treter verwendet.

Als Reak­tion auf diese Abwärts­trends haben die Öffent­lich­keit und verschie­dene soziale und poli­ti­sche Gruppen alle Mittel des Enga­ge­ments und der Bürger­be­tei­li­gung ausge­schöpft, um ihre Forde­rungen und Beschwerden zum Ausdruck zu bringen, die jedoch auf taube Ohren stiessen, sodass immer mehr Teile der Gesell­schaft zu Stras­sen­ak­tionen über­ge­gangen sind. Tatsäch­lich wurden die jüngsten Proteste von kleinen Basar­händ­lern ausge­löst, die als tradi­tio­nelle Unter­stützer der isla­mi­schen Herr­schaft gelten. Ihre Proteste entwi­ckelten sich bald zu einem landes­weiten poli­ti­schen Aufstand mit expli­ziten Parolen gegen das Regime und den Obersten Führer. Schnell kam auch ein neues Element hinzu, das den im Exil lebenden Sohn des gestürzten Schahs und mili­tä­ri­sche Inter­ven­tionen der USA unter­stützte, was schluss­end­lich im Massaker vom 8. und 9. Januar mündete.

Das ist, kurz gesagt, was uns umgibt. Aber was sehen wir in Brau­dels Worten nicht klar? Um diese Frage zu beant­worten, möchte ich auf die beiden Hilfs­mittel zurück­greifen, die Braudel zum Verständnis anbietet, und fragen, welche Über­ra­schungen die Entwick­lung dieser Ereig­nisse bereit­hielt und wie wir uns von der Politik des Augen­blicks distan­zieren können, um sie aus einer histo­ri­schen Perspek­tive zu verstehen.

Über­ra­schungen: Demo­grafie, Monar­chie und Imperialismus

Beginnen wir mit den Über­ra­schungen, von denen es viele gibt, aber drei beson­ders hervor­ste­chen: die demo­gra­fi­sche Zusam­men­set­zung der Demonstrant:innen, der Aufstieg der monar­chis­ti­schen Alter­na­tive und der schnelle Eifer der auslän­di­schen Inter­ven­tion. Diese sind mitein­ander verknüpft und nur in Verbin­dung mitein­ander verständ­lich, aber dennoch jede für sich genommen nicht weniger überraschend.

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Von Schurken und Opfern

Das Massaker, das sich im Januar 2026 auf den irani­schen Strassen ereig­nete, wurde durch eine pauschale Anwei­sung des Obersten Führers ermög­licht, „Randa­lierer müssen in ihre Schranken gewiesen werden.“. Die darauf folgende Gewalt durch die Sicher­heits­kräfte des Regimes war beispiellos. Blind rich­tete sie sich gegen Menschen unab­hängig von ihrem Alter, Geschlecht, sozialem Status und sogar der Haltung gegen­über den Protesten. Ältere Menschen, Jugend­liche und sogar Kinder wurden zu legi­timen Zielen. Alle auf der Strasse wurden ins Visier genommen, egal ob es sich um Demonstrant:innen, Umste­hende, Laden­be­sitzer oder Ersthelfer:innen handelte. Frauen wurden an den Haaren gezerrt, an den Kopf getreten und mit Macheten ersto­chen. Ein Feuer­wehr­mann wurde erschossen, als er einen verwun­deten Demons­tranten in Sicher­heit brachte. Verletzte wurden aus ihren Kran­ken­haus­betten geholt, um verhört oder hinge­richtet zu werden. Sogar Ärzt:innen und Kran­ken­schwes­tern wurden bei der Ausübung ihrer Pflichten Opfer der Gewalt. Es ging nicht um Kontrolle; das erklärte Ziel war es, zu töten. Zu diesem Zweck setzten die Sicher­heits­kräfte alle Arten von Waffen und Muni­tion ein: Schuss­waffen, Maschi­nen­ge­wehre, Gummi­ge­schosse, Messer, Macheten, auch Scharf­schützen wurden einsetzt. Die Gesamt­zahl der Opfer steht heute – im März 2026 – noch nicht fest, aber es handelt sich um Zehn­tau­sende, darunter auch Kinder. Das war Gewalt ohne Grenzen!

Aufschluss­reich ist die demo­gra­fi­sche Vertei­lung der mehr als 50.000 fest­ge­nom­menen Personen: 27 Prozent unter 18 Jahren, 77 Prozent unter 30 Jahren und 82 Prozent sind ledig. Von diesen Personen gehörten 65 Prozent zur Mittel­schicht, 32 Prozent zur ärmeren Bevöl­ke­rung und nur 3 Prozent zu den oberen sozio­öko­no­mi­schen Gruppen. Auffällig an diesen Statis­tiken ist nicht die ungleiche sozio­öko­no­mi­sche Vertei­lung, die darauf hindeutet, dass ein grosser Teil der Bevöl­ke­rung eher aus poli­ti­schen als aus wirt­schaft­li­chen Gründen an den Protesten teil­ge­nommen hat, sondern das alar­mie­rend junge Alter der Demonstrant:innen.

Die Teen­ager zwischen 14 und 18 Jahren, oft als Gene­ra­tion Z bezeichnet, sind eine Bevöl­ke­rungs­gruppe ohne poli­ti­sche Erfah­rung und Bindungen, ohne Geschichts­be­wusst­sein oder Erin­ne­rung an die Vergan­gen­heit. Sie sind stark beein­flusst von Mode­er­schei­nungen und Trends aus den sie umge­benden Medien. Ausge­stattet mit Handys und aktiv auf Social Media, folgen sie ihren eigenen Wahr­neh­mungen und haben wenig Respekt vor Auto­ri­täten. Unab­hängig davon, ob man das begrüsst oder kriti­siert, lässt sich die Hand­lungs­fä­hig­keit dieser jungen Menschen nicht leugnen. Aller­dings wurden sie nicht so sehr aufgrund ihrer eigenen Entschei­dung, sondern aufgrund der Zwänge einer sehr unbe­stän­digen und hitzigen Umge­bung zu Opfern der Gewalt.

Diese Gene­ra­tion lässt sich leicht zu Hand­lungen provo­zieren und durch laute Stimmen in eine gewünschte Rich­tung lenken. Von diesen Stimmen gibt es im aktu­ellen Medi­en­öko­system reich­lich und dieje­nigen, die über finan­zi­elle Mittel und logis­ti­sche Unter­stüt­zung verfügen, sichern sich den Löwen­an­teil der Aufmerk­sam­keit des Publi­kums. Da die offi­zi­ellen ideo­lo­gi­schen Medien im Iran kata­stro­phal versagt haben, ist dieser Anteil an auslän­disch finan­zierten alter­na­tiven Medien wie Iran Inter­na­tional gegangen – ein profes­sio­nell betrie­bener und von Israel finan­zierter mehr­spra­chiger TV-Sender, der als Platt­form für die pro-monarchistische Bewe­gung im Iran dient. 

Von Königen und Königsmachern

Die Medi­en­land­schaft liefert eine wich­tige Erklä­rung für den plötz­li­chen Aufstieg von Reza Pahlavi, dessen Aufstieg zum de facto „Anführer“ des aktu­ellen Aufstands viele Beob­achter über­rascht hat, da er als Persön­lich­keit des öffent­li­chen Lebens und auch als Privat­person nur wenige Erfolge vorweisen kann. Pahlavi, der seit seiner Jugend im Exil lebt, ist immer dann auf der poli­ti­schen Bühne erschienen, wenn es zu einem Aufstand gegen das isla­mi­sche Regime kam. So posi­tio­nierte er sich beispiels­weise 2009 als über­zeugter Anhänger der Grünen Bewe­gung, die vom ehema­ligen Premier­mi­nister der isla­mi­schen Regie­rung Mir Hossein Mousavi ange­führt wurde. Im Februar 2023, nach der „Frauen, Leben, Freiheit“-Bewegung, war Pahlavi Teil einer breiten Allianz, die als Georgetown-Koalition bekannt wurde, aber aufgrund interner Meinungs­ver­schie­den­heiten recht schnell wieder ausein­an­der­brach. Seine Rolle änderte sich in der aktu­ellen Bewe­gung dras­tisch, als sein Name zu einem Symbol der Verei­ni­gung grosser Teile der Bevöl­ke­rung inner­halb und ausser­halb des Iran wurde und Menschen­mengen in Hunderten von Städten und Orten im ganzen Land Slogans wie „Dies ist die letzte Schlacht, Pahlavi wird zurück­kehren“ oder sogar „Lang lebe der Schah“ skandierten.

Vor diesem Hinter­grund rief Reza Pahlavi am 7. und 8. Januar 2026 zu öffent­li­chen Demons­tra­tionen auf, wobei die Sinn­haf­tig­keit dieses Aufrufs Gegen­stand heftiger Ausein­an­der­set­zungen ist. Pahl­avis Kritiker:innen werfen ihm mangelndes stra­te­gi­sches Denken vor und bezich­tigen ihn, wehr­lose Menschen in den Tod zu schi­cken, doch wirkt sich diese Kritik offenbar nicht negativ auf seine Anhänger:innen aus, die die Schuld für die Gewalt zu Recht dem isla­mi­schen Regime geben. Diese Stim­mung erklärt auch teil­weise, warum Hundert­tau­sende Menschen aus der irani­schen Diaspora in Europa und Nord­ame­rika seinem Aufruf von 14. Februar 2026 zu Demons­tra­tionen folgten und zu einer beein­dru­ckenden Demons­tra­tion orga­ni­sierter Soli­da­rität zusam­men­fanden. Die gleiche Stim­mung zeigte sich Ende Februar, als an zahl­rei­chen Univer­si­täten im Iran pro-monarchistische Parolen von Studenten zu hören waren – eine Entwick­lung, die viele über­raschte, da Univer­si­täten im Iran tradi­tio­nell Hoch­burgen der linken Politik sind.

Diese Rich­tungs­än­de­rung lässt sich haupt­säch­lich auf zwei mitein­ander verbun­dene Narra­tive zurück­führen, die von der monar­chis­ti­schen Bewe­gung aktiv konstru­iert und propa­giert werden. Erstens, die Verschwö­rungs­theorie über den Sturz des Schahs im Jahr 1979 als Ergebnis einer bösar­tigen Intrige west­li­cher Mächte, insbe­son­dere von Demo­kraten in den Verei­nigten Staaten, die darauf aus gewesen seien, den Monar­chen für seine Rolle beim Öl-Embargo von 1973 zu bestrafen. In dieser Erzäh­lung wird der Schah als Opfer und Jimmy Carter als der Böse­wicht darge­stellt, der ihn vertrieben und Khomeini an die Macht gebracht hat. Wie alle Verschwö­rungs­theo­rien stützt sich sie sich auf sach­liche, aber doch spär­liche „Beweise“ – so z.B. die Verle­gung von Khomeini aus dem Exil in Bagdad nach Paris, wodurch er freie Bahn für die Verbrei­tung seiner Botschaft und zur Erwei­te­rung seines Einflusses erhielt; der G7-Gipfel in Guad­a­lupe, der die Unter­stüt­zung der Gross­mächte vom Schah auf seine Gegner verla­gerte; die anschlies­sende Entsen­dung von General Hauser durch die Carter-Regierung in den Iran, um das Militär zu neutra­li­sieren, usw. Was in dieser Darstel­lung verloren geht, ist, dass die west­li­chen Mächte die Revo­lu­tion nicht geplant hatten, sondern sich erst neu orien­tierten, nachdem das irani­sche Volk 1978 zu Millionen auf die Strasse gegangen war, was im Dezember desselben Jahres zum selbst­ge­wählten Exil des Schahs führte. Tatsäch­lich würdigte Jimmy Carter den Schah am Silves­ter­abend dieses Jahres und beschrieb sein Reich als eine Insel der Stabi­lität in der Region. Wenn wir nicht davon ausgehen, dass der US-Präsident ein Jahr zuvor mit uner­schüt­ter­li­cher Miene gelogen und die Welt und seinen stärksten regio­nalen Verbün­deten im Unklaren gelassen hat, gibt es keinen Grund zu der Annahme, dass er auch nur die geringste Ahnung von der drohenden Gefahr einer reli­giösen Rebel­lion hatte. Indem sie das Gegen­teil behaupten, spannen Verschwö­rungs­theo­re­tiker das Pferd der Revo­lu­tion hinter den Wagen der Geopolitik.

Diese globale Verschwö­rungs­theorie ist ausserdem mit einer zweiten, einer anti-intellektuellen Erzäh­lung über die „57er“ (in Anleh­nung an das Jahr 1357 im persi­schen Kalender, in dem die Revo­lu­tion statt­fand) verbunden, in der die Schah-Gegner besten­falls als Idioten und schlimms­ten­falls als Verräter darstellt werden, die sein Moder­ni­sie­rungs­pro­jekt nicht zu schätzen wussten und statt­dessen einem reak­tio­nären Geist­li­chen wie Khomeini folgten. Die monar­chis­ti­schen Befür­worter dieser Erzäh­lung spre­chen kaum über das Versagen des Schahs, die Gewinne aus dem Ölboom nach­haltig unter der Bevöl­ke­rung zu verteilen, über seine zuneh­menden auto­ri­tären Tendenzen, die Gräu­el­taten seiner Geheim­po­lizei und viele andere Miss­stände und Fehler, die 1978 die Menschen auf die Strasse trieben.

Trotz ihres engstir­nigen, vorein­ge­nom­menen und einsei­tigen Charak­ters finden diese Narra­tive und Verschwö­rungs­theo­rien in der Öffent­lich­keit ein aufge­schlos­senes Publikum, darunter auch grosse Teile der gebil­deten Schicht, deren Erin­ne­rungen an Jahre des Blut­ver­gies­sens und der Gewalt durch das isla­mi­sche Regime ein verzerrtes Bild der Vergan­gen­heit bei ihnen hinter­lassen haben. In dieser Hinsicht ist die Situa­tion im Iran ein weiteres Beispiel der aktu­ellen Welt­po­litik, in der „die histo­ri­sche Erin­ne­rung zu einem weiteren Streit­punkt geworden ist“, wie die Histo­ri­kerin Erika Pani kürz­lich formulierte.

Von Schläch­tern und Rettern

Die Lage hat sich noch weiter verkom­pli­ziert. Die monar­chis­ti­sche Bewe­gung hat es gewagt, zu einer auslän­di­schen Inter­ven­tion im Iran in Form einer mili­tä­ri­schen Inva­sion aufzu­rufen. Die Ironie dieser Posi­tion liegt nicht nur darin, dass sie ein Grund­prinzip des langen irani­schen Kampfes für Auto­nomie und Frei­heit zunich­te­macht, sondern auch in der Tatsache, dass sie auf auslän­di­sche Inter­ven­tion zurück­greift und gleich­zeitig Ausländer für den Aufstieg des isla­mi­schen Regimes verant­wort­lich macht. Der einzige Ausweg aus dieser para­doxen Ironie besteht darin, die ameri­ka­ni­sche Innen­po­litik ins Spiel zu bringen und zu behaupten, dass das isla­mi­sche Regime seinen Erfolg den gemäs­sigten Demo­kraten und nicht den „Falken“ unter den Repu­bli­ka­nern verdanke. Der grösste Verfechter dieser Erzäh­lung in der ameri­ka­ni­schen Politik ist Donald Trump selbst, der seinen demo­kra­ti­schen Vorgän­gern Barack Obama und Joe Biden immer wieder vorwirft, gegen­über dem Regime in Teheran zu nach­sichtig gewesen zu sein. In Trumps impe­ria­lis­ti­scher Vorstel­lung kann sich das irani­sche Volk, auf sich allein gestellt, nicht von der Herr­schaft der brutalen Mullahs befreien, es braucht die Vorboten der Demo­kratie USA und Israel, um es zu retten.

Noch über­ra­schender ist, dass die anhal­tende Verschlech­te­rung der Lebens­be­din­gungen sowie Unter­drü­ckung und Gewalt einen grossen Teil der Iraner:innen hinter der Idee eines Angriffs auslän­di­scher Mächte auf ihr Heimat­land vereint haben. Und zwar nicht irgend­einer auslän­di­schen Macht, sondern jemandem wie Benjamin Netan­jahu, gegen den in seinem eigenen Heimat­land wegen Korrup­ti­ons­vor­würfen ermit­telt wird und gegen den ein Haft­be­fehl des Inter­na­tio­nalen Gerichts­hofs wegen Kriegs­ver­bre­chen und Verbre­chen gegen die Mensch­lich­keit vorliegt. In einer der tragischsten Wendungen der Zeit­ge­schichte hat die impe­ria­lis­ti­sche Logik bei der irani­schen Bevöl­ke­rung Anklang gefunden, die zu grossen Teilen die Inva­soren nicht nur als Retter will­kommen heissen, sondern sogar um ihre Inter­ven­tion bittet. Abge­sehen von Propa­ganda ist natür­lich vor allem das isla­mi­sche Regime für diese grobe Fehl­ein­schät­zung seitens der Öffent­lich­keit verant­wort­lich. Die Begeis­te­rung für eine Inter­ven­tion ist so gross geworden, dass faschis­tisch orien­tierte Monar­chisten im Iran den repu­bli­ka­ni­schen US-Senator Lindsey Graham zu „Onkel Lindsey“ umfunk­tio­niert haben.

Die Freude der Bevöl­ke­rung über den Tod Khameneis zu Beginn der Inva­sion spie­gelt vor allem ihre Wut und ihren Zorn gegen­über dem isla­mi­schen Regime wider, genauso wie das Tanzen der trau­ernden Mütter in Weiss auf den Gräbern ihrer Kinder einige Wochen zuvor ihre Trauer und Empö­rung zum Ausdruck brachte. Khameneis feind­se­lige Haltung gegen­über Israel und dem Westen sowie seine regio­nalen und globalen Ambi­tionen, die Macht des Islam zu verbreiten, brachten das Land in eine Sack­gasse und liessen der Bevöl­ke­rung daher einen scheinbar einfa­chen und schnellen Ausweg, nämlich eine Inva­sion von aussen. Das Gleiche kann man nicht von Experten und Poli­ti­kern sagen, die die öffent­liche Empö­rung und Wut ausnutzten, um der Bevöl­ke­rung die Hand­lungs­fä­hig­keit zu nehmen und sie in die Hände auslän­di­scher Mächte zu legen. Damit radi­ka­li­sierten sie die Situa­tion unwi­der­ruf­lich und setzten das Land der Gefahr von Gewalt und Zerfall aus, während sie gleich­zeitig ihre eigene poli­ti­sche Zukunft aufs Spiel setzten.

Distanz: Geografie, Geopo­litik und Zivilisation

Was lehren uns diese Ironien und Über­ra­schungen in der Zusam­men­set­zung und Ausrich­tung des irani­schen Frei­heits­kampfes? Können wir einen Sinn in ihnen erkennen, indem wir uns Brau­dels zweiter Hilfe zum Verständnis bedienen – nämlich der Distanz? Ein wich­tiger Beitrag Brau­dels zur Geschichts­schrei­bung ist seine Konzep­tion der histo­ri­schen Zeit, die aus drei verschie­denen Struk­turen besteht: dem Ereignis, der Konjunktur und der longue durée. In seinen umfang­rei­chen und inno­va­tiven Schriften zeigte Braudel, wie diese Struk­turen das mensch­liche Handeln bestimmen und es sowohl in mate­ri­eller als auch in mentaler Hinsicht einschränken können. Ohne auf theo­re­ti­sche Details einzu­gehen, möchte ich die aktu­ellen Ereig­nisse – den Aufstand, seine Unter­drü­ckung und die auslän­di­sche Inva­sion des Iran – als mitein­ander verbun­dene Ereig­nisse im Sinne Brau­dels betrachten, die sich im Zusam­men­hang mit der Konjunktur der wirt­schaft­li­chen und geopo­li­ti­schen Entwick­lungen der letzten fünf Jahr­zehnte auf der Welt voll­ziehen. Das betrifft den gleich­zei­tigen Aufstieg des auto­ri­tären Popu­lismus und des reli­giösen Funda­men­ta­lismus rund um den Globus (Islam im Nahen Osten, Chris­tentum in den USA und anderswo, Judentum in Israel, Hindu­ismus in Indien und sogar Buddhismus in Ostasien), das Schei­tern neoli­be­raler Struk­tur­an­pas­sungs­pro­gramme, die keinen Wohl­stand für die soge­nannten Entwick­lungs­län­dern (einschliess­lich Iran) brachten, den Beginn des Neomer­kan­ti­lismus in der Geoöko­nomie und schliess­lich das Aufkommen vernetzter Compu­ter­tech­no­lo­gien und neuer Medien, die die Kriegs­schau­plätze in die Wohn­zimmer gebracht haben sowie asym­me­tri­sche Kriegs­füh­rung ermög­li­chen durch den „demo­kra­ti­sierten“ Einsatz kosten­güns­tiger Droh­nen­tech­no­logie in grossem Mass­stab. Der Aufstieg und Fall des isla­mi­schen Regimes im Iran verkör­pert diese konjunk­tu­rellen Entwick­lungen auf eher ironi­sche Weise und ruft das Bild eines Kreuz­zugs 2.0 hervor.

Diese konjunk­tu­rellen Zyklen lassen sich aus der Perspek­tive der longue durée besser verstehen. In seinen Schriften hebt Braudel geogra­fi­sche und geolo­gi­sche Struk­turen sowie zivi­li­sa­to­ri­sche Phäno­mene als lang­fris­tige Einschrän­kungen histo­ri­scher Prozesse hervor. Hinsicht­lich des Irans wären das seine Lage als geopo­li­ti­sche Brücke zwischen Ost und West sowie sein geophy­si­ka­li­scher Reichtum als Heimat riesiger Öl-, Gas- und Mine­ral­vor­kommen, die in einer zuneh­mend compu­te­ri­sierten Welt stark nach­ge­fragt sind.

Vor drei Jahren habe ich in meinem Artikel auf Geschichte der Gegen­wart über den Aufstand „Frauen, Leben, Frei­heit“ die moderne poli­ti­sche Geschichte des Iran kurz als Macht­kampf zwischen Monar­chen und Mullahs beschrieben. Dieser Kampf, so argu­men­tierte ich, hat die Macht­al­ter­na­tiven, die den Iraner:innen in ihrem langen Kampf um Auto­nomie und Frei­heit zur Verfü­gung standen, weit­ge­hend bestimmt. Derselbe Kampf, so möchte ich heute hinzu­fügen, bestimmt auch das Reper­toire an Mass­nahmen, die von den Iraner:innen in ihrem lang­jäh­rigen Kampf gegen diese beiden Mächte mobi­li­siert und einge­setzt wurden.

Das Hand­lungs­re­per­toire sozialer Bewe­gungen besteht in den begrenzten, routi­nierten und kultu­rell erlernten Instru­menten, mit denen Aktivist:innen Miss­stände anklagen, Forde­rungen stellen und Auto­ri­täten heraus­for­dern, wie z. B. Streiks, Kund­ge­bungen, Peti­tionen, Demons­tra­tionen. Da diese Instru­mente aus früheren Kämpfen über­nommen wurden, sind sie in der Regel über einen längeren Zeit­raum hinweg stabil und werden an spezi­fi­sche poli­ti­sche, soziale und tech­no­lo­gi­sche Kontexte ange­passt. Sie mani­fes­tieren somit gleich­zeitig histo­ri­sche Konti­nuität und Kontextabhängigkeit.

In ihren anhal­tenden Kämpfen haben die Iraner:innen ein breites Spek­trum an krea­tiven Aktionen einge­setzt – von Sit-ins und Streiks über Kund­ge­bungen, von Brand­stif­tung und bewaff­netem Wider­stand bis hin zu Gedichten, Witzen und Slogans sowie anderen sicht­baren und unsicht­baren symbo­li­sche Formen von Protest, wie etwa das beiläu­fige Herun­ter­schlagen der Turbane von Mullahs auf der Strasse im Jahr 2022. Ab 1978 hatte sich eine spezi­fi­sche Form des Protests mit reli­giösen Wurzeln heraus­ge­bildet, bei der der Tod gefal­lener „Märtyrer“ in Trau­er­zügen und an ihrem 40..Todestag gefeiert wurde, was den Protesten eine anhal­tende Dynamik verlieh. Im aktu­ellen Aufstand wurde dieses Ritual trotz aller Gegen­be­mü­hungen des Regimes wieder­be­lebt, aller­dings mit einer inter­es­santen Wendung. Anstatt Schwarz zu tragen, Koran­verse zu rezi­tieren und Predigten von Geist­li­chen zu hören, tanzen die Menschen in weisser Klei­dung wild über den Gräbern ihrer Ange­hö­rigen, während Eltern und andere wütende Reden halten oder Verse aus dem Epos Schāhnāme, dem Buch der Könige, rezi­tieren. Diese Symbole, die aus einer Kombi­na­tion voris­la­mi­scher persi­scher Bräuche und moderner Popkultur entlehnt und zusam­men­ge­führt wurden, werden als Ausdruck des irani­schen Natio­na­lismus gegen die isla­mi­sche Herr­schaft herangezogen.

Monar­chis­ti­sche Medien setzen auf diese Symbole und schmü­cken sie mit rheto­ri­schen Flos­keln über die Einzig­ar­tig­keit der Iraner und Arier. Dabei verschiebt sich das Reper­toire der Aktionen zuneh­mend in Rich­tung eines natio­na­lis­ti­schen, sogar chau­vi­nis­ti­schen Diskurses, der Bilder einer glor­rei­chen Vergan­gen­heit hervor­ruft, die durch die arabi­sche Inva­sion und die isla­mi­sche Herr­schaft verloren gegangen ist.

Seit Ausbruch des Krieges bewegen sich die Diskurse und Prak­tiken auf allen Seiten des Konflikts in Rich­tung Märty­rertum und Reli­gi­ons­krieg. Auf US-amerikanischer Seite gibt es Berichte darüber, dass Soldaten mit Analo­gien zum Welt­un­ter­gang indok­tri­niert werden. Das irani­sche Regime stellt Khamenei als Märtyrer dar, der sein Leben für den Islam geop­fert hat. Und auf pro-monachistischer Seite, inner­halb und ausser­halb des Landes, werden ähnliche Symbole heran­ge­zogen, wenn auch mit anderen Namen und Hintergründen.

Diese kultu­relle Hinwen­dung zum Natio­na­lismus, verbunden mit der poli­ti­schen Hinwen­dung zur Rechten und einem stra­te­gi­schen Bekenntnis zu impe­rialer Inva­sion, hat bei einigen Beobachter:innen Besorgnis über die Aussicht auf einen Aufstieg des Faschismus ausge­löst, insbe­son­dere ange­sichts ausgren­zender und abso­lu­tis­ti­scher Tendenzen unter den Monarchist:innen. Es ist verfrüht, diese Möglich­keit realis­tisch einzu­schätzen, aber das sollte niemanden in falscher Selbst­zu­frie­den­heit wiegen. Vor drei Jahren habe ich auf Geschichte der Gegen­wart vor drei mögli­chen Verein­nah­mungen gewarnt, die den irani­schen Kampf um Auto­nomie und Frei­heit kapern könnten, so wie die Revo­lu­tion von 1978 von reak­tio­nären Mullahs verein­nahmt wurde: Neofa­schismus, falscher libe­raler Femi­nismus und falscher Radi­ka­lismus. Diese Möglich­keiten bestehen leider immer noch.

Dabei sollen histo­ri­sche Analo­gien aus jüngerer und ferner Vergan­gen­heit dabei helfen, die aktu­elle Situa­tion zu verstehen: das post­im­pe­riale Frank­reich als Modell für den Bona­par­tismus, die Weimarer Repu­blik als Modell für den Faschismus, die Sowjet­union als Modell für den syste­mi­schen Zusam­men­bruch, Nord­korea als Modell für eine geschlos­sene Gesell­schaft, der Arabi­sche Früh­ling als Modell für eine koop­tierte soziale Bewe­gung, Irak, Libyen, Syrien und Afgha­ni­stan als Modelle für sozialen Zerfall und Bürger­krieg, Vene­zuela als Modell für impe­riale Inter­ven­tion und Kompro­misse, Chile als Modell für eine fried­liche Verfas­sungs­re­form. Die Tatsache, dass bis auf das letzte, alle diese Beispiele unter­schied­liche Szena­rien des Schei­terns darstellen, spricht für die schwie­rige Lage, in der sich die Iraner:innen in diesem kriti­schen Moment ihrer Geschichte befinden.

 

Ausblick

Um diesen Szena­rien entge­gen­zu­wirken, sollten die oppo­si­tio­nellen Kräfte im Iran mit grosser Dring­lich­keit, aber auch vorsichtig und kreativ handeln. Das dogma­ti­sche Fest­halten an alten Doktrinen und Denk­weisen hat sich als unwirksam erwiesen, um die Massen zu mobi­li­sieren. Dies ist insbe­son­dere eine Heraus­for­de­rung für säku­lare Gruppen und die tradi­tio­nelle „Linke“, die die Welt weiterhin in den veral­teten Begriffen des Kalten Krieges versteht und die Situa­tion als einen oppo­si­tio­nellen Konflikt zwischen „dem Westen und dem Osten“ darstellt. Die Reali­täten unserer Welt sind viel nuan­cierter, die Akteure viel hete­ro­gener und die Optionen viel­fäl­tiger, als dass sie sich für eine solche binäre Logik eignen würden. Es muss auch darauf geachtet werden, dass die Masse der Gläu­bigen und Anhänger des Regimes, die 15 bis 20 Prozent der Bevöl­ke­rung, also 10 bis 15 Millionen Menschen ausma­chen, nicht aus dem Über­gangs­pro­zess ausge­schlossen werden. Der Kreis­lauf der Gewalt muss trotz der monar­chis­ti­schen Rhetorik der Rache durch­bro­chen werden.

Die Menschen im Iran, insbe­son­dere die Jugend, scheinen kein Inter­esse an ideo­lo­gi­schen Kämpfen zwischen „rechts“ und „links“ zu haben. Sie streben nach einem würdigen „normalen“ Leben. In ihren Köpfen ist die Linke eng mit Anti­im­pe­ria­lismus verbunden, der wiederum mit der „Achse des Wider­stands“ des isla­mi­schen Regimes asso­zi­iert wird. Die Jugend­li­chen wollen davon nichts wissen. Sie schenken auch der binären Logik von Innen und Aussen, Insider und Outsider, Inland und Ausland keine Beach­tung. Das Massaker im Januar 2026 durch die Regie­rung hat ihr Verständnis dieser Grenzen als Tatsache grund­le­gend erschüt­tert. Kein Wunder, dass der große Bereich säku­larer und repu­bli­ka­ni­scher Grup­pie­rungen unter der jungen Bevöl­ke­rung nur so wenig Anklang findet und viel von seinem poli­ti­schen Kapital an die Monar­chisten abtritt. Um die Öffent­lich­keit und die Jugend für gemein­same Ziele zu begeis­tern – Wohl­fahrt, Tole­ranz, Umwelt­schutz und eine prospe­rie­rende Mensch­heit –, müssen das Denken und der Diskurs der säku­laren Oppo­si­tion an die Reali­täten der heutigen Welt ange­passt und die Menschen an diese gemein­samen Werte erin­nern werden. Glück­li­cher­weise sind die Menschen zuneh­mend desil­lu­sio­niert von reli­giöser Rhetorik und isla­mi­schen Ambi­tionen. Sie sind ebenso wie impe­riale Vorstel­lungen auf lange Sicht zum Schei­tern verur­teilt, sowie sie es auch in der Vergan­gen­heit waren. Die vorherr­schende Kluft bietet einen güns­tigen Moment für poli­ti­sche, inspi­rie­rende und intel­lek­tu­elle Arbeit.

Für dieje­nigen von uns, die glauben, dass Geschichte von Menschen gemacht wird und nicht von poli­ti­schen Machen­schaften und Intrigen, sind die aktu­ellen Ereig­nisse im Iran eine schmerz­hafte Erin­ne­rung daran, dass unser Glaube viel­leicht nur auf lange Sicht funk­tio­niert – sozu­sagen „am Ende des Tages“. Auf kurze Sicht konsti­tu­iert sich Geschichte aus den Plänen der Besprechungs- und Komman­do­zen­tralen der krie­ge­ri­schen Parteien, den auf Schlacht­fel­dern getrof­fenen Entschei­dungen, den an die Öffent­lich­keit gerich­teten Botschaften und den auf den Bild­schirmen erschei­nenden Bildern. Das ist die Realität des Krieges, wie auch vieler anderer sozialer Phäno­mene unserer Zeit. Man muss kein naiver Realist sein oder sich der Real­po­litik verschreiben, um eine sozi­al­rea­lis­ti­sche Darstel­lung der Geschichte zu liefern.

Ich habe versucht, eine Darstel­lung des gegen­wär­tigen Moments zu geben. Leider ist dies keine Kris­tall­kugel, um die Zukunft vorher­zu­sagen. Es zeigt ledig­lich hinter dem Schleier der Politik, den Nach­rich­ten­wolken und dem Erin­ne­rungs­nebel, worum es in diesem kriti­schen Moment für die Iraner:innen, für die Region, die als Naher Osten bekannt ist, und für die gesamte Mensch­heit geht. Und so bin ich nach wie vor genauso besorgt, verwirrt und gequält wie zu Beginn.