Der im toten Winkel eines totalen Internetblackouts verübte Demozid, bei dem die Schergen der Islamischen Republik innerhalb von zwei Tagen zehntausende Menschen im eigenen Land ermordeten, stürzte die iranische Gesellschaft in ein kollektives Trauma. Eine Schicht aus Trauer, Wut und Verzweiflung legte sich wie Asche über das Land. Das Grauen setzte sich fort in Krankenhäusern, Gefängnissen, Friedhöfen. Iran befand sich im Schockzustand, doch die Glut des Widerstandes ist dadurch nicht verloschen. Bald schon kam es zum Aufflammen neuer Protestformen. Der Beginn des Krieges drängte diese durch den Bombenhagel aus der Luft und die Repression am Boden zunächst zurück, und seit der Feuerpause scheint die westliche Berichterstattung die Menschen in Iran wieder vergessen zu haben. Gerade jetzt aber ist es unerlässlich, die widerständige Zivilgesellschaft Irans in den Fokus zu rücken.
Wie erzählt man von dieser Widerständigkeit, die zugleich entschlossen und hoffnungsvoll wie auch gefährdet erscheint? Wie orientiert man sich in diesem Trauma, in dem zusammen mit dem Internet die Uhren in Iran zunächst wie vom Strom der Weltzeit abgekoppelt schienen? Wie agieren die Menschen aus diesen vielen Schockzuständen heraus, um einen Möglichkeitsraum und einen Sinnhorizont zurückzugewinnen, in dem ein Weiterkämpfen oder auch nur Weiterleben denkbar erscheint?
Die iranische Zivilgesellschaft als Akteur
Die iranische Zivilgesellschaft navigiert zwischen der Skylla autokratischer Machtansprüche von außen und der Charybdis einer sich weiter radikalisierenden Islamischen Republik im Inneren, von der sie sich radikal abgrenzt. Zivilgesellschaftliche Akteure, die sich in feministischen, gewerkschaftlichen, ethnischen, religiösen und anderen Kollektiven engagieren, stehen unter massivem Druck: durch die „epische Wut“ in Form von Luftschlägen, durch aggressiv-autoritäre Tendenzen in Teilen der monarchistischen Opposition und durch den aufgestachelten Zorn der Regimekräfte, die seit Kriegsbeginn die Straßen mit Waffen und Propagandabeschallung besetzen.
Dennoch liegt die Hoffnung Irans in ebendieser vielstimmigen, solidarischen Zivilgesellschaft. Auf sie gilt es, den Blick zu richten – auf ihre Vulnerabilität wie auch ihre Resilienz. Mediale Sprachkonventionen tragen allerdings zu deren Ausblendung bei: Gängige Schlagzeilen wie „Iran startet Angriffswelle“ nutzen eine Country-for-Government-Metonymie, die ein gesamtes Land sprachlich mit dessen Führung gleichsetzt. Dieser scheinbar neutrale Sprachgebrauch erzeugt einen problematischen kognitiven Kurzschluss – „Iran gleich Regime“ – und bestätigt damit implizit den autoritären Anspruch des Apparats, die gesamte Bevölkerung zu repräsentieren. Durch dieses Framing verschwindet der eigentliche Souverän – die Menschen im Iran – aus dem medialen Bewusstsein, während das Regime durch Internetblockaden und Desinformation ohnehin versucht, die Illusion einer geschlossenen nationalen Unterstützung zu erzeugen. Doch zwischen dem Demozid Anfang Januar und dem Kriegsausbruch Ende Februar traten Wunden und Wille der Menschen offen zutage, und der Widerstand setzte sich trotz der Fassungslosigkeit angesichts der Gewalt umso intensiver fort – in Formen, die westliche Medien, fixiert auf geopolitische Analysen und steigende Preise an den Zapfsäulen, gerne übersehen: öffentliche Akte der Trauer und Anklage, ziviler Ungehorsam, akribische Dokumentation staatlicher Verbrechen, das öffentliche Gedenken an die Getöteten. Hinzu kommen literarische, künstlerische, aktivistische und intellektuelle Reflexionen im Inland wie in der Diaspora, die den „blutigen Monat Dey“ des Jahres 1404 im persischen Sonnenkalender (Dez2025/Jan2026) bereits mit dem kollektiven Gedächtnis der iranischen Freiheitsbewegung verknüpfen.
Soziale Medien als Dokumentation und Erinnerungsarchive
Die ersten Bilder der Leichensäcke in der Gerichtsmedizin von Kahrizak wurden im Staatsfernsehen ausgestrahlt, um die Bevölkerung einzuschüchtern, unterlegt mit dem Narrativ, ausländische Terroristen seien für das Massaker vom 8./9. Januar verantwortlich. Als sich nach gut zehn Tagen des Blackouts wieder mehr Menschen mit dem Internet verbinden konnten, stellten sich Hinterbliebene diesem Narrativ entgegen: Durch das Teilen von Videos, welche die Systematik der Gewalt zeigten, machten sie das Regime für die begangenen Verbrechen verantwortlich. Viral ging unter anderem ein etwa 12-minütiges Video, in dem ein Vater zwischen endlosen Reihen von Leichensäcken nach seinem Sohn sucht und verzweifelt dessen Namen, Sepehr, ruft. Er wurde zur Chiffre für die aus dem Leben gerissenen Jugendlichen und das Leid ihrer Angehörigen, die selbst in der Trauer gedemütigt wurden – durch „Kugelgeld“ für die Aushändigung der Leichname ihrer Angehörigen, durch Einschüchterung und Verhaftungen bei Beisetzungen. Bis heute setzt sich die Verhaftungswelle fort, auch Sepehrs Vater wurde inzwischen inhaftiert. Fact-Finding-Initiativen außerhalb Irans werteten Videomaterial aus, um Art und Ausmaß der Gewalt zu dokumentieren. Auf Webseiten oder Messenger-Kanälen wurden Namenslisten erstellt und laufend aktualisiert. Dabei rekonstruierte man, dass einige der Opfer noch intensivmedizinisch verkabelt waren – vermutlich also lebend aus Krankenhäusern verschleppt und anschließend getötet wurden.
Nach der Schockstarre begannen die Menschen wieder Verbindung aufzunehmen, in sozialen Medien ebenso wie in ihren Wohnzimmern. Man besuchte einander, um das Unvorstellbare gemeinsam zu verarbeiten. Gegennarrative in Form zahlreicher Augenzeugenberichte aus verschiedenen Städten wurden auf Plattformen wie Aasoo und Haraswatch veröffentlicht – als Zeugnis für die Öffentlichkeit und füreinander. Zugleich entstand eine entschiedene Bewegung gegen das Vergessen: Es wurde der Getöteten gedacht, indem man alltägliche Szenen aus ihren Social-Media-Accounts teilte. Wie ein Lauffeuer verbreiteten sich etwa Clips aus dem Leben von Raha Bohloulipour, einer 23-jährigen Italienischstudentin der Universität Teheran – lebensfroh in den Fluren der Fakultät, im Unterricht oder auf der Straße. In ihrem Telegram-Kanal findet sich als letzter Eintrag vom 9. Januar 2026: „Ich konnte mich für einen Moment verbinden und wollte nur schreiben: ‚Frau, Leben, Freiheit. Für immer‘.“ Am selben Abend wurde sie auf einer Demonstration von Repressionskräften erschossen.
Im Gegensatz zum Märtyrergedenken der Islamischen Republik, das Opferbereitschaft und Jenseitssehnsucht in einem Todeskult verklärt, geht es in dieser Form des Erinnerns um den Wert des Lebens im Diesseits, die Würde jedes Einzelnen und die Auflehnung gegen das Vergessen. Das Erinnern ist zugleich öffentliche Anklage und ein Weg der Solidarisierung im geteilten Leid. In Fortführung der Frau-Leben-Freiheit-Bewegung verknüpfen sich Momente aus dem Leben Raha Bohloulipours mit Aufnahmen von 2022 aus dem Leben gerissener junger Menschen wie Jina Amini, Sarina Esmaeilzadeh oder Nika Shakarami zu einem Bilderstrom im kollektiven Bewusstsein des Widerstands. Damals kursierten Fotos von Frauen und Mädchen, die öffentlich ihre Kopftücher verbrannten, Videos von Schülerinnen, die teils mit offenem Haar, teils mit Hidschab gemeinsam im Klassenzimmer die aktuelle persische Version der antifaschistischen Hymne „Bella Ciao“ sangen. Auch wurden kurze Clips und Memes von Straßenprotesten, Graffiti- , Spray- oder Free-Hug-Aktionen gepostet. Der Protest und dessen Reproduktion im virtuellen wie realen Raum schuf 2022 einen Möglichkeitsraum, ein Netzwerk der Solidarisierung, das auf einem kollektiven Gedächtnis aufbaut. Zum Beispiel auf dem Credo der Angehörigen der im Januar 2020 von den Revolutionsgarden abgeschossenen ukrainischen Linienmaschine Flug 752: „Weder vergeben noch vergessen wir.“ Diese Protestformen reihen sich ein in die Erinnerung an die Getöteten der Aban-Proteste (November 2019), bei denen im Schatten eines Internet-Blackouts und weitgehend unbeachtet über 1.000 Demonstrierende von staatlichen Repressionskräften getötet wurden. Dieser Erinnerungsstrom verbindet sich mit populärer Protestkultur, etwa den Stücken des trotz monatelanger Haft und Folter immer noch in Iran aktiven Rappers Toomaj Salehi. Dieser widmete seinen metaphorisch dichten und anspielungsreichen Song „Bazmande-ye Aban“ (Hinterbliebene des Monats Aban) den Novemberprotesten. In diesem Song verbindet Salehi das Bekenntnis zu einem pluralistischen Iran mit dem Gedenken an frühere Opfer, etwa Neda Agha-Soltan, die 2009 nach den Protesten gegen die manipulierte Wiederwahl Ahmadinedschads von einem Scharfschützen erschossen wurde und deren Bild um die Welt ging.
Protestformen einer trauernden und resilienten Gesellschaft
Gesellschaftlicher Zusammenhalt durch öffentliche Anklage, Erinnerung an Unterdrückung, ihre intellektuelle Reflexion sowie die literarisch-künstlerische Verarbeitung und Verknüpfung mit dem kulturellen Gedächtnis der iranischen Freiheitsbewegung prägten 2026 auch die Zeit zwischen Massaker und Kriegsbeginn. Schon bald kursierten Musikstücke, die direkt auf die Ereignisse im Januar Bezug nahmen. Neben Toomaj Salehi veröffentlichte Shervin Hajipour – dessen „Baraye“ (Für/Wegen) zur Hymne der „Frau-Leben-Freiheit“-Bewegung wurde – den Song „Man Irānam“ (Ich bin Iran), dessen Video Porträts der Getöteten zeigt. Literarisch zeigte sich Ähnliches etwa in Fatemeh Derikvands Kurzgeschichte „Siavash, unbetrauert“ über ein Elternpaar, das sein bei Protesten getötetes Kind nicht betrauern darf. Der Titel verweist auf die Trauerrituale um den Prinzen Siavash im iranischen Nationalepos Schahnameh. Aktuelle Gedichte thematisierten den blutigen Monat Dey; zugleich wurde auf Widerstandslyrik aus der Schahzeit Bezug genommen, etwa Mohammad Zoharis „Be Farda“ (An das Morgen), das die unsichtbare Gegenwart der Opfer staatlicher Gewalt beschwört und von der im Exil lebenden Rapperin und Aktivistin Bahar Atish vertont wurde. Vom unbezwingbaren Widerstandsgeist handelt auch der Protestsong „Sugand“ (Gelöbnis/Schwur) – vielleicht das populärste Lied der Bewegung nach dem Januar-Massaker: Ursprünglich im Kontext der Niederschlagung der Grünen Bewegung 2009 entstanden, verweist die aktuelle Version auf das Blutbad der Novemberproteste 2019 und erregte durch Aufführung von Musikstudent*innen während der „Frau-Leben-Freiheit“-Bewegung Aufsehen. Seit Januar 2026 verbreiteten sich zahlreiche Videos, in denen Schülerinnen und Student*innen das Lied auf dem Campus gemeinsam singen oder es bei Gedenkminuten abspielen. Besonders eindrucksvoll ist eine Klasse, die ihren Lehrer am 40. Todestag seines vom Regime ermordeten Sohnes mit einer Gedenkminute überrascht. Auf Friedhöfen wurden solche Gedenkfeiern oft zu politischen Kundgebungen. Geteilte Trauer fällt dort mit der von Musik und Tanz begleiteten Forderung nach Gerechtigkeit zusammen.
Die Form der Trauer und ihre öffentliche Verbreitung in sozialen Medien sind in diesem Ausmaß neu. Sie erzeugten ein einzigartiges Zusammengehörigkeitsgefühl einer traumatisierten Gesellschaft in bewusster Abgrenzung zur Islamischen Republik. Diese Solidarisierung begünstigte neue Proteste an verschiedenen Hochschulen zu Beginn des Semesters im Februar 2026. Neben vielstimmigen Sprechchören hingen vermehrt Stoffmäuse in den Bäumen – eine Verballhornung des Revolutionsführers Ali Khamenei als „Maus-Ali“, der sich wie eine Maus in seinem Bau verkrieche. Das brachte Basij-Angehörige buchstäblich auf die Palme, als sie versuchten, die Mäuse zu entfernen und damit die Verhöhnung ungewollt noch verstärkten.
Hoffnung
Das Aufbegehren auf Friedhöfen, in Klassenzimmern und Universitäten wird von einem intellektuellen Diskurs begleitet, der die Bedeutung der Katastrophe und des kollektiven Traumas reflektiert. Dabei wurden Ausdrücke wie „kollektive Fürsorge” (Moraqebat-e jam’i), „lebensfreudige Trauer“ (Sug-e Shad) und „Widerstandsgedächtnis“ zu Schlüsselbegriffen geprägt und diskutiert. Kollektive Fürsorge meint nicht nur Unterstützung, sondern die bewusste Praxis, im Schmerz beieinanderzubleiben und so Vereinzelung und erzwungenes Vergessen zu unterlaufen. Lebensfreudige Trauer transformiert Trauer performativ – in Klang, Tanz und Öffentlichkeit – in eine widerständige Präsenz. Das Widerstandsgedächtnis wiederum ordnet Unrechtserfahrungen in eine historische Kontinuität staatlicher Repression ein: von der Pahlavi-Ära über die Massenhinrichtungen der 1980er Jahre bis zum Demozid im Januar 2026. Es benennt die Opfer, gemahnt der Mechanismen der Repression und macht Erinnerung selbst zur Form des Protests.
Das Politische wird – teils mit Bezug zu Hannah Arendt – als Möglichkeitsraum verstanden, der auf gemeinsames Handeln statt Beherrschung zielt. So bildet sich eine widerständige Infrastruktur aus Nähe, Erinnerung und geteilter Verletzlichkeit. Performative Widerstandspraxis und Diskurs als Widerstand agieren hier Hand in Hand. Intellektuelle Reflexion wird dabei – gerade unter den restriktiven Bedingungen im Iran – zur Intervention. Ermöglicht wird dieser Diskurs auch durch Exilmedien wie Radio Zamaneh, durch Diskussionsforen auf Messenger-Diensten und durch nichtstaatliche Podcast-Formate wie Radio Panorama, das eine beeindruckende Gesprächsreihe mit Philosoph:innen und Soziolog:innen unter dem Titel „Iran in Trauer“ produziert hat.
Irans zivilgesellschaftliche Akteure, so etwa Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi, deren Leben wie das tausender inhaftierter Demonstrarant:innen und Aktivist:innen derzeit in akuter Gefahr ist, lehnen Personenkult und Führungsfiguren wie Reza Pahlavi mehrheitlich ab. Sie sehen die Stärke dieser Gesellschaft explizit in ihrer Pluralität. Zugleich jedoch ist die Zivilgesellschaft durch autoritäre Ideologien im In- und Ausland, durch Masseninhaftierungen, Folter und Hinrichtungen verletzt und massiv in Bedrängnis. Auch der Krieg trifft das Land als Ganzes. Internet-Shutdown, Bombardements und Militärpräsenz machen öffentliches solidarisches Handeln nahezu unmöglich. Zugleich droht das Regime mit noch härterer Repression. Seit der Feuerpause wächst die Sorge vor erneuten Kriegshandlungen, weiteren zivilen Opfern, unberechenbarer Eskalation und Zerstörung. Auch die Angst vor einer Konsolidierung des Regimes wächst.
Dennoch liegt Irans Hoffnung in dieser verborgenen, aber entschlossenen Zivilgesellschaft. Von außen braucht sie vor allem zivile Unterstützung, indem man sie in ihrer Pluralität wahrnimmt, mit ihren politischen Vertreter:innen im Exil – etwa den Teilnehmer:innen des Freiheitskongresses in London – ins Gespräch kommt. Aus dem kollektiven Trauma erwuchsen in den vergangenen Monaten trotz Repression Handlungsspielräume, indem Schmerz in Präsenz, Privatheit in Öffentlichkeit und Vereinzelung in Solidarität verwandelt wurde. Dieser Widerstand ist kein Epiphänomen geopolitischer Machtkämpfe, sondern die entscheidende Manifestation einer Zivilgesellschaft, die jeder Fremdbestimmung die Zustimmung verweigert und Zukunft neu imaginiert. Sie verdient eine mediale Präsenz, die Namen, Gesichter und Praktiken dieser Bewegung sichtbar hält – gerade, wenn die Fliehkräfte des Nachrichtenzyklus sie an den Rand zu drängen drohen.