Die iranische Zivilgesellschaft navigiert zwischen der Skylla autokratischer Machtansprüche von außen und der Charybdis einer sich weiter radikalisierenden Islamischen Republik im Inneren. Welche Formen nimmt der Protest an? Und welche Rolle spielen die Sozialen Medien für die Verarbeitung von Trauer und die Hoffnung auf Veränderung?

  • Roman Seidel

    Roman Seidel ist Islamwissenschaftler und Philosoph. Er forscht am Institut für Arabistik und Islamwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum und im Sonderforschungsbereich „Metaphern der Religion“. Er promovierte an der Universität Zürich mit der Studie „Kant in Teheran“ (2014) und habilitierte sich in Bochum mit einer Arbeit zur persischsprachigen Philosophie der Moderne. Seine Forschung gilt der Philosophie und Geistesgeschichte der islamischen Welt, insbesondere des Iran seit dem 19. Jahrhundert, sowie Metaphern im Koran und in der Koranexegese.

Der im toten Winkel eines totalen Inter­netb­lack­outs verübte Demozid, bei dem die Schergen der Isla­mi­schen Repu­blik inner­halb von zwei Tagen zehn­tau­sende Menschen im eigenen Land ermor­deten, stürzte die irani­sche Gesell­schaft in ein kollek­tives Trauma. Eine Schicht aus Trauer, Wut und Verzweif­lung legte sich wie Asche über das Land. Das Grauen setzte sich fort in Kran­ken­häu­sern, Gefäng­nissen, Fried­höfen. Iran befand sich im Schock­zu­stand, doch die Glut des Wider­standes ist dadurch nicht verlo­schen. Bald schon kam es zum Aufflammen neuer Protest­formen. Der Beginn des Krieges drängte diese durch den Bomben­hagel aus der Luft und die Repres­sion am Boden zunächst zurück, und seit der Feuer­pause scheint die west­liche Bericht­erstat­tung die Menschen in Iran wieder vergessen zu haben. Gerade jetzt aber ist es uner­läss­lich, die wider­stän­dige Zivil­ge­sell­schaft Irans in den Fokus zu rücken.

Wie erzählt man von dieser Wider­stän­dig­keit, die zugleich entschlossen und hoff­nungs­voll wie auch gefährdet erscheint? Wie orien­tiert man sich in diesem Trauma, in dem zusammen mit dem Internet die Uhren in Iran zunächst wie vom Strom der Welt­zeit abge­kop­pelt schienen? Wie agieren die Menschen aus diesen vielen Schock­zu­ständen heraus, um einen Möglich­keits­raum und einen Sinn­ho­ri­zont zurück­zu­ge­winnen, in dem ein Weiter­kämpfen oder auch nur Weiter­leben denkbar erscheint?

Die irani­sche Zivil­ge­sell­schaft als Akteur

Die irani­sche Zivil­ge­sell­schaft navi­giert zwischen der Skylla auto­kra­ti­scher Macht­an­sprüche von außen und der Charybdis einer sich weiter radi­ka­li­sie­renden Isla­mi­schen Repu­blik im Inneren, von der sie sich radikal abgrenzt. Zivil­ge­sell­schaft­liche Akteure, die sich in femi­nis­ti­schen, gewerk­schaft­li­chen, ethni­schen, reli­giösen und anderen Kollek­tiven enga­gieren, stehen unter massivem Druck: durch die „epische Wut“ in Form von Luft­schlägen, durch aggressiv-autoritäre Tendenzen in Teilen der monar­chis­ti­schen Oppo­si­tion und durch den aufge­sta­chelten Zorn der Regime­kräfte, die seit Kriegs­be­ginn die Straßen mit Waffen und Propa­gan­da­be­schal­lung besetzen.

Dennoch liegt die Hoff­nung Irans in eben­dieser viel­stim­migen, soli­da­ri­schen Zivil­ge­sell­schaft. Auf sie gilt es, den Blick zu richten – auf ihre Vulnerabi­lität wie auch ihre Resi­lienz. Mediale Sprach­kon­ven­tionen tragen aller­dings zu deren Ausblen­dung bei: Gängige Schlag­zeilen wie „Iran startet Angriffs­welle“ nutzen eine Country-for-Government-Metonymie, die ein gesamtes Land sprach­lich mit dessen Führung gleich­setzt. Dieser scheinbar neutrale Sprach­ge­brauch erzeugt einen proble­ma­ti­schen kogni­tiven Kurz­schluss – „Iran gleich Regime“ – und bestä­tigt damit implizit den auto­ri­tären Anspruch des Appa­rats, die gesamte Bevöl­ke­rung zu reprä­sen­tieren. Durch dieses Framing verschwindet der eigent­liche Souverän – die Menschen im Iran – aus dem medialen Bewusst­sein, während das Regime durch Inter­net­blo­ckaden und Desin­for­ma­tion ohnehin versucht, die Illu­sion einer geschlos­senen natio­nalen Unter­stüt­zung zu erzeugen. Doch zwischen dem Demozid Anfang Januar und dem Kriegs­aus­bruch Ende Februar traten Wunden und Wille der Menschen offen zutage, und der Wider­stand setzte sich trotz der Fassungs­lo­sig­keit ange­sichts der Gewalt umso inten­siver fort – in Formen, die west­liche Medien, fixiert auf geopo­li­ti­sche Analysen und stei­gende Preise an den Zapf­säulen, gerne über­sehen: öffent­liche Akte der Trauer und Anklage, ziviler Unge­horsam, akri­bi­sche Doku­men­ta­tion staat­li­cher Verbre­chen, das öffent­liche Gedenken an die Getö­teten. Hinzu kommen lite­ra­ri­sche, künst­le­ri­sche, akti­vis­ti­sche und intel­lek­tu­elle Refle­xionen im Inland wie in der Diaspora, die den „blutigen Monat Dey“ des Jahres 1404 im persi­schen Sonnen­ka­lender (Dez2025/Jan2026) bereits mit dem kollek­tiven Gedächtnis der irani­schen Frei­heits­be­we­gung verknüpfen.

Soziale Medien als Doku­men­ta­tion und Erinnerungsarchive

Die ersten Bilder der Leichen­säcke in der Gerichts­me­dizin von Kahrizak wurden im Staats­fern­sehen ausge­strahlt, um die Bevöl­ke­rung einzu­schüch­tern, unter­legt mit dem Narrativ, auslän­di­sche Terro­risten seien für das Massaker vom 8./9. Januar verant­wort­lich. Als sich nach gut zehn Tagen des Black­outs wieder mehr Menschen mit dem Internet verbinden konnten, stellten sich Hinter­blie­bene diesem Narrativ entgegen: Durch das Teilen von Videos, welche die Syste­matik der Gewalt zeigten, machten sie das Regime für die began­genen Verbre­chen verant­wort­lich. Viral ging unter anderem ein etwa 12-minütiges Video, in dem ein Vater zwischen endlosen Reihen von Leichen­sä­cken nach seinem Sohn sucht und verzwei­felt dessen Namen, Sepehr, ruft. Er wurde zur Chiffre für die aus dem Leben geris­senen Jugend­li­chen und das Leid ihrer Ange­hö­rigen, die selbst in der Trauer gede­mü­tigt wurden – durch „Kugel­geld“ für die Aushän­di­gung der Leich­name ihrer Ange­hö­rigen, durch Einschüch­te­rung und Verhaf­tungen bei Beiset­zungen. Bis heute setzt sich die Verhaf­tungs­welle fort, auch Sepehrs Vater wurde inzwi­schen inhaf­tiert. Fact-Finding-Initiativen außer­halb Irans werteten Video­ma­te­rial aus, um Art und Ausmaß der Gewalt zu doku­men­tieren. Auf Webseiten oder Messenger-Kanälen wurden Namens­listen erstellt und laufend aktua­li­siert. Dabei rekon­stru­ierte man, dass einige der Opfer noch inten­siv­me­di­zi­nisch verka­belt waren – vermut­lich also lebend aus Kran­ken­häu­sern verschleppt und anschlie­ßend getötet wurden.

Nach der Schock­starre begannen die Menschen wieder Verbin­dung aufzu­nehmen, in sozialen Medien ebenso wie in ihren Wohn­zim­mern. Man besuchte einander, um das Unvor­stell­bare gemeinsam zu verar­beiten. Gegen­nar­ra­tive in Form zahl­rei­cher Augen­zeu­gen­be­richte aus verschie­denen Städten wurden auf Platt­formen wie Aasoo und Haras­watch veröf­fent­licht – als Zeugnis für die Öffent­lich­keit und fürein­ander. Zugleich entstand eine entschie­dene Bewe­gung gegen das Vergessen: Es wurde der Getö­teten gedacht, indem man alltäg­liche Szenen aus ihren Social-Media-Accounts teilte. Wie ein Lauf­feuer verbrei­teten sich etwa Clips aus dem Leben von Raha Bohlouli­pour, einer 23-jährigen Italie­nisch­stu­dentin der Univer­sität Teheran – lebens­froh in den Fluren der Fakultät, im Unter­richt oder auf der Straße. In ihrem Telegram-Kanal findet sich als letzter Eintrag vom 9. Januar 2026: „Ich konnte mich für einen Moment verbinden und wollte nur schreiben: ‚Frau, Leben, Frei­heit. Für immer‘.“ Am selben Abend wurde sie auf einer Demons­tra­tion von Repres­si­ons­kräften erschossen.

Im Gegen­satz zum Märty­rer­ge­denken der Isla­mi­schen Repu­blik, das Opfer­be­reit­schaft und Jenseits­sehn­sucht in einem Todes­kult verklärt, geht es in dieser Form des Erin­nerns um den Wert des Lebens im Dies­seits, die Würde jedes Einzelnen und die Aufleh­nung gegen das Vergessen. Das Erin­nern ist zugleich öffent­liche Anklage und ein Weg der Soli­da­ri­sie­rung im geteilten Leid. In Fort­füh­rung der Frau-Leben-Freiheit-Bewegung verknüpfen sich Momente aus dem Leben Raha Bohlouli­pours mit Aufnahmen von 2022 aus dem Leben geris­sener junger Menschen wie Jina Amini, Sarina Esmaeilz­adeh oder Nika Shaka­rami zu einem Bilder­strom im kollek­tiven Bewusst­sein des Wider­stands. Damals kursierten Fotos von Frauen und Mädchen, die öffent­lich ihre Kopf­tü­cher verbrannten, Videos von Schü­le­rinnen, die teils mit offenem Haar, teils mit Hidschab gemeinsam im Klas­sen­zimmer die aktu­elle persi­sche Version der anti­fa­schis­ti­schen Hymne „Bella Ciao“ sangen. Auch wurden kurze Clips und Memes von Stra­ßen­pro­testen, Graffiti- , Spray- oder Free-Hug-Aktionen gepostet. Der Protest und dessen Repro­duk­tion im virtu­ellen wie realen Raum schuf 2022 einen Möglich­keits­raum, ein Netz­werk der Soli­da­ri­sie­rung, das auf einem kollek­tiven Gedächtnis aufbaut. Zum Beispiel auf dem Credo der Ange­hö­rigen der im Januar 2020 von den Revo­lu­ti­ons­garden abge­schos­senen ukrai­ni­schen Lini­en­ma­schine Flug 752: „Weder vergeben noch vergessen wir.“ Diese Protest­formen reihen sich ein in die Erin­ne­rung an die Getö­teten der Aban-Proteste (November 2019), bei denen im Schatten eines Internet-Blackouts und weit­ge­hend unbe­achtet über 1.000 Demons­trie­rende von staat­li­chen Repres­si­ons­kräften getötet wurden. Dieser Erin­ne­rungs­strom verbindet sich mit popu­lärer Protest­kultur, etwa den Stücken des trotz mona­te­langer Haft und Folter immer noch in Iran aktiven Rappers Toomaj Salehi. Dieser widmete seinen meta­pho­risch dichten und anspie­lungs­rei­chen Song „Bazmande-ye Aban“ (Hinter­blie­bene des Monats Aban) den Novem­ber­pro­testen. In diesem Song verbindet Salehi das Bekenntnis zu einem plura­lis­ti­schen Iran mit dem Gedenken an frühere Opfer, etwa Neda Agha-Soltan, die 2009 nach den Protesten gegen die mani­pu­lierte Wieder­wahl Ahma­di­ned­schads von einem Scharf­schützen erschossen wurde und deren Bild um die Welt ging.

Protest­formen einer trau­ernden und resi­li­enten Gesellschaft

Gesell­schaft­li­cher Zusam­men­halt durch öffent­liche Anklage, Erin­ne­rung an Unter­drü­ckung, ihre intel­lek­tu­elle Refle­xion sowie die literarisch-künstlerische Verar­bei­tung und Verknüp­fung mit dem kultu­rellen Gedächtnis der irani­schen Frei­heits­be­we­gung prägten 2026 auch die Zeit zwischen Massaker und Kriegs­be­ginn. Schon bald kursierten Musik­stücke, die direkt auf die Ereig­nisse im Januar Bezug nahmen. Neben Toomaj Salehi veröf­fent­lichte Shervin Haji­pour – dessen „Baraye“ (Für/Wegen) zur Hymne der „Frau-Leben-Freiheit“-Bewegung wurde – den Song „Man Irānam“ (Ich bin Iran), dessen Video Porträts der Getö­teten zeigt. Lite­ra­risch zeigte sich Ähnli­ches etwa in Fatemeh Derik­vands Kurz­ge­schichte „Siavash, unbe­trauert“ über ein Eltern­paar, das sein bei Protesten getö­tetes Kind nicht betrauern darf. Der Titel verweist auf die Trau­er­ri­tuale um den Prinzen Siavash im irani­schen Natio­nal­epos Schahn­ameh. Aktu­elle Gedichte thema­ti­sierten den blutigen Monat Dey; zugleich wurde auf Wider­stands­lyrik aus der Schah­zeit Bezug genommen, etwa Mohammad Zoharis „Be Farda“ (An das Morgen), das die unsicht­bare Gegen­wart der Opfer staat­li­cher Gewalt beschwört und von der im Exil lebenden Rapperin und Akti­vistin Bahar Atish vertont wurde. Vom unbe­zwing­baren Wider­stands­geist handelt auch der Protest­song „Sugand“ (Gelöbnis/Schwur) – viel­leicht das popu­lärste Lied der Bewe­gung nach dem Januar-Massaker: Ursprüng­lich im Kontext der Nieder­schla­gung der Grünen Bewe­gung 2009 entstanden, verweist die aktu­elle Version auf das Blutbad der Novem­ber­pro­teste 2019 und erregte durch Auffüh­rung von Musikstudent*innen während der „Frau-Leben-Freiheit“-Bewegung Aufsehen. Seit Januar 2026 verbrei­teten sich zahl­reiche Videos, in denen Schü­le­rinnen und Student*innen das Lied auf dem Campus gemeinsam singen oder es bei Gedenk­mi­nuten abspielen. Beson­ders eindrucks­voll ist eine Klasse, die ihren Lehrer am 40. Todestag seines vom Regime ermor­deten Sohnes mit einer Gedenk­mi­nute über­rascht. Auf Fried­höfen wurden solche Gedenk­feiern oft zu poli­ti­schen Kund­ge­bungen. Geteilte Trauer fällt dort mit der von Musik und Tanz beglei­teten Forde­rung nach Gerech­tig­keit zusammen.

Die Form der Trauer und ihre öffent­liche Verbrei­tung in sozialen Medien sind in diesem Ausmaß neu. Sie erzeugten ein einzig­ar­tiges Zusam­men­ge­hö­rig­keits­ge­fühl einer trau­ma­ti­sierten Gesell­schaft in bewusster Abgren­zung zur Isla­mi­schen Repu­blik. Diese Soli­da­ri­sie­rung begüns­tigte neue Proteste an verschie­denen Hoch­schulen zu Beginn des Semes­ters im Februar 2026. Neben viel­stim­migen Sprech­chören hingen vermehrt Stoff­mäuse in den Bäumen – eine Verball­hor­nung des Revo­lu­ti­ons­füh­rers Ali Khamenei als „Maus-Ali“, der sich wie eine Maus in seinem Bau verkrieche. Das brachte Basij-Angehörige buch­stäb­lich auf die Palme, als sie versuchten, die Mäuse zu entfernen und damit die Verhöh­nung unge­wollt noch verstärkten.

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Hoff­nung

Das Aufbe­gehren auf Fried­höfen, in Klas­sen­zim­mern und Univer­si­täten wird von einem intel­lek­tu­ellen Diskurs begleitet, der die Bedeu­tung der Kata­strophe und des kollek­tiven Traumas reflek­tiert. Dabei wurden Ausdrücke wie „kollek­tive Fürsorge” (Moraqebat-e jam’i), „lebens­freu­dige Trauer“ (Sug-e Shad) und „Wider­stands­ge­dächtnis“ zu Schlüs­sel­be­griffen geprägt und disku­tiert. Kollek­tive Fürsorge meint nicht nur Unter­stüt­zung, sondern die bewusste Praxis, im Schmerz beiein­an­der­zu­bleiben und so Verein­ze­lung und erzwun­genes Vergessen zu unter­laufen. Lebens­freu­dige Trauer trans­for­miert Trauer perfor­mativ – in Klang, Tanz und Öffent­lich­keit – in eine wider­stän­dige Präsenz. Das Wider­stands­ge­dächtnis wiederum ordnet Unrechts­er­fah­rungen in eine histo­ri­sche Konti­nuität staat­li­cher Repres­sion ein: von der Pahlavi-Ära über die Massen­hin­rich­tungen der 1980er Jahre bis zum Demozid im Januar 2026. Es benennt die Opfer, gemahnt der Mecha­nismen der Repres­sion und macht Erin­ne­rung selbst zur Form des Protests.

Das Poli­ti­sche wird – teils mit Bezug zu Hannah Arendt – als Möglich­keits­raum verstanden, der auf gemein­sames Handeln statt Beherr­schung zielt. So bildet sich eine wider­stän­dige Infra­struktur aus Nähe, Erin­ne­rung und geteilter Verletz­lich­keit. Perfor­ma­tive Wider­stands­praxis und Diskurs als Wider­stand agieren hier Hand in Hand. Intel­lek­tu­elle Refle­xion wird dabei – gerade unter den restrik­tiven Bedin­gungen im Iran – zur Inter­ven­tion. Ermög­licht wird dieser Diskurs auch durch Exil­me­dien wie Radio Zamaneh, durch Diskus­si­ons­foren auf Messenger-Diensten und durch nicht­staat­liche Podcast-Formate wie Radio Panorama, das eine beein­dru­ckende Gesprächs­reihe mit Philosoph:innen und Soziolog:innen unter dem Titel „Iran in Trauer“ produ­ziert hat.

Irans zivil­ge­sell­schaft­liche Akteure, so etwa Frie­dens­no­bel­preis­trä­gerin Narges Moham­madi, deren Leben wie das tausender inhaf­tierter Demonstrarant:innen und Aktivist:innen derzeit in akuter Gefahr ist, lehnen Perso­nen­kult und Führungs­fi­guren wie Reza Pahlavi mehr­heit­lich ab. Sie sehen die Stärke dieser Gesell­schaft explizit in ihrer Plura­lität. Zugleich jedoch ist die Zivil­ge­sell­schaft durch auto­ri­täre Ideo­lo­gien im In- und Ausland, durch Massen­in­haf­tie­rungen, Folter und Hinrich­tungen verletzt und massiv in Bedrängnis. Auch der Krieg trifft das Land als Ganzes. Internet-Shutdown, Bombar­de­ments und Mili­tär­prä­senz machen öffent­li­ches soli­da­ri­sches Handeln nahezu unmög­lich. Zugleich droht das Regime mit noch härterer Repres­sion. Seit der Feuer­pause wächst die Sorge vor erneuten Kriegs­hand­lungen, weiteren zivilen Opfern, unbe­re­chen­barer Eska­la­tion und Zerstö­rung. Auch die Angst vor einer Konso­li­die­rung des Regimes wächst.

Dennoch liegt Irans Hoff­nung in dieser verbor­genen, aber entschlos­senen Zivil­ge­sell­schaft. Von außen braucht sie vor allem zivile Unter­stüt­zung, indem man sie in ihrer Plura­lität wahr­nimmt, mit ihren poli­ti­schen Vertreter:innen im Exil – etwa den Teilnehmer:innen des Frei­heits­kon­gresses in London – ins Gespräch kommt. Aus dem kollek­tiven Trauma erwuchsen in den vergan­genen Monaten trotz Repres­sion Hand­lungs­spiel­räume, indem Schmerz in Präsenz, Privat­heit in Öffent­lich­keit und Verein­ze­lung in Soli­da­rität verwan­delt wurde. Dieser Wider­stand ist kein Epiphä­nomen geopo­li­ti­scher Macht­kämpfe, sondern die entschei­dende Mani­fes­ta­tion einer Zivil­ge­sell­schaft, die jeder Fremd­be­stim­mung die Zustim­mung verwei­gert und Zukunft neu imagi­niert. Sie verdient eine mediale Präsenz, die Namen, Gesichter und Prak­tiken dieser Bewe­gung sichtbar hält – gerade, wenn die Flieh­kräfte des Nach­rich­ten­zy­klus sie an den Rand zu drängen drohen.