In Japan wird ein neues Zeitalter begrüsst

Japan ist mit einem neuen Kaiser auch in eine neue Epoche und Zeitrechnung eingetreten. Was aber bedeutet es, im Jahr 2019, in einer Zeit zu leben, die sich vom Rest der Welt unterscheidet. Eine sehr persönliche Inaugenscheinnahme.



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Wie Politiker so lieben es auch Historikerinnen und Historiker, vom Anbruch neuer Zeitalter zu sprechen: Jeder Regierungswechsel und diplomatische Neubeginn, jede Sozialreform, Innovation im Erziehungswesen oder neue Umweltvorschrift hat das Potential, als entscheidende Neuerung gewertet zu werden. Beim Niederschreiben dieser Zeilen, am Morgen des 1. Mai in der umtriebigen Stadt Fukuoka, wacht Japan aber tatsächlich in einem neuen Zeitalter auf. Die Flaggen sind gesetzt. Die Regenwolken haben sich verzogen. Ein neuer Kaiser sitzt auf dem Chrysanthemen-Thron.

Die Stimmung sei wie an einem Neujahrstag, erklärt mir ein ehemaliger Lehrer beim Frühstück: Er sei guter Laune (ii kibun). Aber wir beide wissen nicht, mit welcher Formel wir uns an diesem historischen Tag begrüssen sollen, denn das moderne Japan kannte noch keinen imperialen Machtwechsel, ohne den Tod des zuvor regierenden Monarchen. Auch Neujahrswünsche scheinen fehl am Platz, zu einer Zeit im Jahr, in der die Kirschblüte bereits vorbei ist. Und ausserdem sollen unsere Worte etwas ausdrücken, das mehr als nur ein Jahr umfasst. «HAPPY NEW ERA» (auf Englisch) empfiehlt eine bekannte Elektrohandelskette weiter die Strasse herunter. Wir könnten auch aufstehen, den Geist der gestern um Mitternacht in Tokio unter schaukelnden Regenschirmen versammelten Menge aufnehmen, und uns über unsere Miso-Suppen und Gurken zurufen: «Rei-Wa! Rei-Wa!»

Was letzte Nacht im Inneren des kaiserlichen Palastes geschah, ist auf der einen Seite eher belanglos: Ein älterer Herr übergab seine rein symbolische Herrschaft an den Sohn. Die Welt dreht sich weiter. «Ach ja, ich mache mir nicht wirklich was draus» (nani mo omowanai) war der überraschende Refrain, den ich während meines einmonatigen Aufenthaltes in Japan immer wieder hörte. Überraschend deshalb, weil die Medien und auch Premierminister Abe Shinzō ein ganz anderes Bild zeichneten. Abe sagte etwa am 1. April, Epochenbezeichnungen «sind wichtig für die geistige Einheit des Japanischen Volkes».

Auf der anderen Seite aber ist der Übergang vom Jahr 31 der Heisei-Ära («Frieden überall») zum Gründungsjahr der Reiwa-Ära («verheissungsvolle Harmonie») wichtig, nämlich um zu verstehen, wie in Japan Vergangenheiten konzeptualisiert werden. Fragen Sie irgendjemanden meines Alters nach dem Geburtsjahr der Eltern und die Antwort wird in Form der imperialen Zeitrechnung ausfallen, zum Beispiel: mein Vater ist in Shōwa 16 geboren und meine Mutter in Shōwa 23 (Shōwa bedeutet übersetzt so viel wie «erleuchteter Friede»). Fragen Sie nach den 30ern in der Shōwa-Ära, und die meisten Leute werden ihnen vom im kollektiven Gedächtnis fest verankerten Höhepunkt des sogenannten Nachkriegswunders erzählen – von einem Jahrzehnt des städtischen Aufbaus, von Kühlschränken in den Küchen und von Familien, welche sich auf ihren neuen schwarz-weiss Fernsehern die Olympischen Spiele 1964 in Tokio anschauen (Shōwa 39).

Das unterscheidet sich stark davon, in welchen Zeitbezügen ein Grossteil der Europäer oder Nordamerikaner über die Vergangenheit spricht. Niemand, den ich in Grossbritannien kenne, stellt seine Lebensgeschichte zum Beispiel in ein Verhältnis zu spezifischen Jahrzehnten der Herrschaft Elisabeths II. – die «Elisabethanischen 30er», wenn man so will, waren ungefähr die 1980er-Jahre. Diese Zeiteinteilung ist nicht einzigartig für das Vereinigte Königreich, die Thatcher-Regierung während des Jahrzehnts hingegen schon. Aber zu sagen, man sei «ein Kind Thatchers» ist eher ein politisches Statement – positiv oder negativ – denn mit der Aussage zu vergleichen, man sei ein Kind der Shōwa-Ära. Es ist sogar möglich, wie mir jemand in Tokio versicherte, ein Gegner von Kaisertum und Tennō-Herrschaft zu sein und gleichzeitig stolz darauf, dass die kaiserliche Zeitrechnung Japan als «verschieden vom Rest der Welt» markiert.

Der kaiserliche Kalender bedeutet vielen Japanerinnen und Japanern mehr als allein sein offizieller Status. So ist die Frage, mit welcher Formel die Bevölkerung das neue Zeitalter begrüsst, auch eine Frage danach, welche unterschiedlichen Interpretationen des «Globalen» der gegenwärtigen Geschichte inhärent sind: Was bedeutet es auf einer persönlichen Ebene, in Begriffen des historischen Gedächtnisses, als ein Akt der Übersetzung und als Momentaufnahme davon, wie Geschichte gemacht wird, in einer Zeit verschieden vom Rest der Welt zu leben?

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«Was halten Sie von Reiwa», frage ich eine Nachbarin meines Schwiegervaters, eine Frau Anfang siebzig. Sie lacht: «Ich erlebe nun schon das dritte Zeitalter! Shōwa, dann Heisei und nun Reiwa.» Sie hält inne, hier auf der ruhigen Hauptstrasse jener Stadt, deren Bevölkerung in den Shōwa 20ern, als sie geboren wurde, aus allen Nähten geplatzt ist. «Aber das war es dann wohl auch für mich.»

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Als Heisei auf sein Ende zusteuerte, habe ich Freunde und Bekannte in ganz Japan gebeten, mir zu erzählen, was diese Ära für sie bedeutet hat. Einige begannen dann über Ereignisse aus Geschichte und Vergangenheit zu sprechen. «Ich erinnere mich an den Tod von Kaiser Shōwa», sagte eine Frau in ihren Vierzigern. «In diesem Jahr ist ja dann auch die Berliner Mauer gefallen.» Andere sprachen über Naturkatastrophen in dieser Zeit – Heisei zeichnete sich durch die massiven Erdbeben von 1995 und 2011 aus – oder über den Schock der Giftgasattacken in der Tokioter U-Bahn von 1995, oder, was am häufigsten erwähnt wurde, das Platzen der Nachkriegs-Wirtschaftsblase 1990, gerade zu dem Zeitpunkt, als Kaiser Akihito formell die Thronfolge antrat. Japans ökonomischer Niedergang, insbesondere in den wirtschaftlichen Peripherien, prägte das Zeitalter als Ganzes.

Einige Freunde sprachen davon, was Heisei für sie persönlich bedeutet. «Ich habe in meiner derzeitigen Firma im ersten Jahr von Heisei (Heisei gannen) angefangen», erzählte mir ein 53-jähriger Geschäftsmann. «Mein Leben als vollwertiges, arbeitendes Mitglied der japanischen Gesellschaft stimmt also mit der Herrschaftszeit seiner kaiserlichen Majestät überein.» Der Wechsel in ein neues Zeitalter ist für ihn daher auch eine Gelegenheit, sich Gedanken über die Verflechtung von nationaler und individueller Geschichte zu machen. Er benutzte den Begriff fushime (節目), um seine Wahrnehmung der neuen Phase in seinem Leben und dem der Nation zu beschreiben, wobei das erste Schriftzeichen des Wortes auch den Wechsel der Jahreszeiten oder die Modulation in einer Melodie evoziert. Ein anderer Mann Mitte Vierzig bezeichnete das neue Zeitalter als einen «Unterbrechungspunkt» (kugiri), eine Verschnaufpause in der längeren Erzählung seines Lebens.

Für mich wird Heisei immer Heisei 10 sein. Ich kam zum ersten Mal nach Japan, um hier für längere Zeit zu leben, und das war ein Schritt, der mein Leben unwiderruflich verändert hat. Etwas profaner gesagt, der kurze Ausdruck Heisei 10 war für einen Japanisch-Lernenden viel einfacher zugänglich als das ausschweifende Neunzehnhundertachtundneunzig – damals, als ich versuchte, einzelne Regentropfen aus der riesigen Wolke des Unwissens einzufangen.

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«Meine Nichte ist am 7. Januar geboren, genau an dem Tag, an dem Kaiser Shōwa von uns gegangen ist», erwähnt der Geschäftsmann. «Mein Grossvater väterlicherseits, der in der Meiji-Ära geboren ist, schlug vor, das offizielle Geburtsdatum zu ändern. Er empfand es als ungebührlich, dass das Baby für eine Reinkarnation Seiner Kaiserlichen Majestät gehalten werden könnte.»

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Die kaiserliche japanische Zeitrechnung ist Teil einer Kulturtechnik, die in der Sinosphäre während Jahrhunderten gebräuchlich war. In China, dem intellektuellen, kulturellen und politischen Herzen Asiens, wechselte die Zeitrechnung auf Befehl des Kaisers, des Himmelssohnes. Ein neues Zeitalter begann nicht nur nach dem Tod oder bei der Abdankung des Herrschers (seltener einer Herrscherin), sondern auch bei günstigen oder ungünstigen Abschnitten im Chinesischen Kalender, oder zu Zeiten, wenn das Reich der Mitte Naturkatastrophen, zum Beispiel politische Unruhen, Epidemien oder schlechte Ernten erlebte. Das japanische Staatswesen übernahm diese Praxis im siebten Jahrhundert, als sich der Einfluss der Tang-Herrschaft in vielen Aspekten des herrschaftlichen und rituellen Lebens bemerkbar machte, was bis heute in mehr oder weniger starker Ausprägung gilt.

Der zweifellos wichtigste imperiale Epochen-Wechsel in der modernen japanischen Geschichte fand in den späten 1860er-Jahren mit der Meiji-Restauration statt, als Rebellen aus Westjapan das Tokugawa-Shogunat stürzten, und das Kaiserreich dem damals 16-jährigen Mutsuhito «zurückgaben», es in ihren Worten «restaurieren». Mein Aufenthalt in Tokio fällt mit einer wunderbaren Ausstellung von satirischen Druckgrafiken aus dieser Periode an der International Christian University zusammen. Gezeichnet für die gewöhnlichen Bürger von Edo (Edokko) zeigen sie den Kaiser als dicklichen Jungen, der auf den Schultern oder in den Armen von Soldaten der Rebellenarmee getragen wird. Es handelt sich um eine alles andere als respektvolle Ikonographie – wobei der Sieg der westlichen Gebiete über das Shogunat hier allerdings nicht, wie sonst durchaus üblich, einer überlegenen Macht aufgrund von Fürzen zugeschrieben wird.

Eine der letzten Druckgrafiken in der Ausstellung zeigt (zumindest behauptet sie das, denn sie ist vor dem Ereignis entstanden) die kaiserliche Prozession, mit der der Kind-Kaiser in die Residenz seiner neuen «östlichen Kapitale» einzog. Das Umbenennen von Edo in «Tō-kyō», und der Einmarsch des Kaisers in die Stadt im November 1868 waren zwei von vielen symbolischen Transformationen, welche den endgültigen Sturz der Tokugawa ankündigten. Eine weitere war der neue Epochen-Name, ausgerufen im Oktober 1868: Meiji, die «strahlende Herrschaft». Die Satiriker aus Edo stürzten sich umgehend auf den Namen und änderten in einem Wortspiel sowohl die Reihenfolge der chinesischen Schriftzeichen als auch deren Leserichtung: «Was von oben nach unten gelesen ´strahlende Herrschaft´ bedeuten mag, heisst von unten nach oben gelesen allerdings ‘niemand herrscht’».

Der Kaiserthron mochte restauriert worden sein, doch die Meiji-Bürokraten strebten Neuerungen an. Ab 1868 sollte es nur noch eine Epochenbezeichnung pro Herrschaft geben, ein deutlicher Kontrast zu Kaiser Meijis Vater Kōmei, der während seiner tumultartigen Regentschaft von 1846 bis 1867 auf nicht weniger als sieben Zeitalter-Namen zurückblickte. Der Rücktritt des Kaisers wurde ebenfalls untersagt – bis Kaiser Akihito dieses Gesetz mit einer unerwarteten politischen Intervention im Sommer von Heisei 28 (2016) in Frage stellte.

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Eine Kollegin führt mich durch die Waseda-Universität in Tokio. «Wann ist dieses Gebäude erbaut worden?», frage ich. «1945», antwortet sie. «So kurz nach dem Krieg?», frage ich etwas verwundert nach. «Nein, warte», denkt sie nochmals über ihre Übersetzung nach, «Ich meine 1970. Entschuldige, ich dachte Shōwa 45.»

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In den Medien kursiert die Geschichte, dass der Kronprinz und designierte Kaiser Naruhito, darüber informiert, dass die kommende Ära den Namen «Reiwa» erhalten solle, mit einem kurzen Nicken geantwortet habe: «Verstanden». Das war insofern beruhigend, weil alle anderen überhaupt nichts verstanden.

Als ich selbst die Ankündigung am 1. April beim Erwachen hörte, dachte ich bei Reiwa zunächst an das Schriftzeichen für das Wort meirei, was so viel wie «befehlen» bedeutet. «Befehlen» (令, rei) gefolgt von «Harmonie» (和, wa) ist eine Philosophie, die ich bei der Erziehung meiner Kinder anwende, allerdings bisher mit wenig praktischem Erfolg. Obwohl ich natürlich kein Philologe bin, war ich nicht der einzige, der zu einer falschen Schlussfolgerung gelangt war. Laut einem Bericht in der englischsprachigen Japan Times vom 3. April musste der Aussenminister berichtigen, dass rei nichts zu tun habe mit «Ordnung» oder «befehlen», wie Ausländer fälschlicherweise angenommen hatten, sondern eher mit «schön» übersetzt werden müsse. Denn, guter Tradition entsprechend, wird die Bezeichnung eines neuen Zeitalters aus einem uralten literarischen Werk ausgewählt, dessen Bedeutung sich dem gewöhnlichen Mann und der gewöhnlichen Frau auf der Strasse (ganz zu schweigen von den Ausländern) nicht unbedingt erschliessen würde. Hier läge ein Potential für Fehlinterpretationen.

Allerdings folgte die Wahl von «Reiwa» keinesfalls guter Tradition. Die Verwaltung von Premierminister Abe machte sehr deutlich, dass mit Reiwa Neuland betreten wurde, dass dieses Mal nicht, wie sonst üblich, ein antiker chinesischer Text zu Rate gezogen wurde, um der neuen Epoche einen Namen zu geben, sondern die Bezeichnung aus einem japanischen Klassiker stammte. Es handelt sich um das Man’yōshū, die älteste und berühmteste Anthologie von japanischen Gedichten aus dem 8. Jahrhundert, und zwar um den Vers:

初春月、気淑風

Shoshun no reigetsu ni shite, ki yoku kaze yawaragi

Während eines verheissungsvollen Monats im Frühling ist die Luft frisch und die Brise ruhig

Der Vers bezieht sich auf ein Frühlingsfest im Westen Japans – übrigens nicht weit von Fukuoka gelegen – und auf das Pflaumenblütenfest.

Während Abe und einige andere umgehend die Lesart «Schönheit» als richtige Interpretation verbreiteten, was ganz zufällig mit seiner eigenen, seit langem gepflegten Phrase von Japan als «schönem Land» im Einklang steht, waren sich die Experten weniger einig. Einige betonten, dass nur einmal in der Geschichte, soweit bekannt, rei als neue Epochenbezeichnung in Betracht gezogen worden war, und zwar 1864. Es hiess, Kaiser Kōmei mochte vor allem «Rei-Toku», aber das Shogunat wies den Namen zurück, weil er implizierte, der Kaiser «herrsche» über die «Tokugawa» (was beweist, dass das Schriftzeichen rei eben doch die Mitbedeutung ‘Befehl’ oder ‘Ermahnung’ haben kann). Andere Experten bemerkten, dass trotz aller Betonung des japanischen Ursprungs der Epochenbezeichnung, der entsprechende Abschnitt aus dem Man’yōshū in klassischem Chinesisch verfasst sei – der lingua franca der ostasiatischen Eliten bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Reiwa taucht sogar in einem früheren chinesischen Text auf, dem Wen Xuan («Auswahl gepflegter Literatur»).

Der Punkt ist folgender: die Wahl von Reiwa sagt uns nur wenig über die japanische Literatur des 8. Jahrhunderts, einer Zeit, in der das Konzept «Japan» ohnehin mehr Imagination denn Realität war. Sie sagt uns hingegen alles über die Vorstellung der japanischen Führungsriege hinsichtlich Japans Platz im 21. Jahrhundert: das Beharren auf Frieden (sogar in einer Zeit, in der Abe für eine Reform des «Friedensartikels» in der gegenwärtigen Verfassung eintritt); der Wunsch nach Abgrenzung von China; das Bestreben, die Einheit japanischer Kultur zu betonen; sowie die Botschaft an die jüngere Generation von Bürgern, Japan dem Rest der Welt näher zu bringen. Ironischerweise ist der Kaiser bei all diesen Anliegen offenbar nur noch von sekundärer Bedeutung.

Historikern der Meiji-Ära (1868–1912) kommt manches davon seltsam vertraut vor. Mit den obskuren Debatten der letzten Wochen über chinesische Klassiker, über die Aneignung von Übersetzungen und über neue Zeitepochen, hatte auch ich zum ersten Mal einen kleinen Eindruck davon, wie es sich vielleicht angefühlt haben mag, in Meiji-Japan zu leben.

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«Um ehrlich zu sein, es war wirklich nervig», sagt ein Mann, «ich musste jedes einzelne Dokument neu mit dem Schriftzeichen Reiwa Gannen (Reiwa Gründungsjahr) datieren, was aber die meisten Programme automatisch mit der Zahl Reiwa 1 falsch korrigierten. So musste ich alles von Hand zurückkorrigieren auf Gannen». Ein anderer Freund zückt den Führerschein aus seiner Brieftasche. Er läuft in Heisei 32 ab. «Aber es wird nie ein Heisei 32 geben», grübelt er, «heisst das jetzt, dass er für immer gültig bleibt?»

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Fukuoka ist übersät mit Emblemen der neuen Epoche. Wohin man schaut, gibt es Flaggen mit der aufgehenden Sonne. Eine Fahne zelebriert das Gründungsjahr von Reiwa und weist zugleich darauf hin, dass heute das Jahr 2679 des imperialen Kalenders ist – begonnen mit der wohl fiktiven Errichtung des Japanischen Kaiserreichs (660 v.u.Z.). Und vom Erhabenen geht es direkt zum Komischen: Es gibt Werbung für Reiwa-Süssigkeiten, für Reiwa-Vergünstigungen im Restaurant und wie wäre es, mehr elektronischen Zubehör zu kaufen, um Reiwa zu feiern? Sogar Kriminelle feiern mit einer Adaption des telefonischen Enkeltricks mit: Unter dem falschen Vorwand, dass für die neue Ära die Kreditkarten neu ausgestellt werden müssten, erschwindeln sie Kartendaten.

Zur gleichen Zeit hängen im höhlenartigen Untergrund-Shoppingcenter von Tenjin mehrere Schilder, welche auf «GW フェア», den «Markt der Goldenen Woche» hinweisen, der die noch nie dagewesenen zehn aufeinander folgenden Feiertage ankündigt, die die Regierung ihren Bürgern geschenkt (oder anbefohlen?) hat. Im Stil eines Gemäldes der italienischen Renaissance ergreift auf der linken Seite eine Frau eine übergrosse Eiswaffel, während auf der rechten Seite ein fromm dreinblickender Mann das Schriftzeichen für «Reiwa» in den Händen hält. Es ist eine verwirrende Ikonographie selbst für diejenigen von uns, die sich mit dem ostasiatischen Gebrauch von Bildern aus der europäischen Vergangenheit auskennen.

Des Erhabenen und Lächerlichen ungeachtet handelt es sich hier um wichtige Zeichen für Historiker. Denn der letzte Monat war ein Mikrokosmos dafür, wie Geschichte gemacht wird: durch die «Neudatierung» und «Überschreibung» von Sprache, durch die Kommerzialisierung der Vergangenheit ebenso wie durch ihren strittigen Gebrauch sowie durch Individuen, welche versuchen, ihr eigenes Leben in die grösseren Narrative von Gesellschaft und Staat einzubinden.

Trotz ihres rechtlichen Status werden Epochenbezeichnungen im modernen Japan wohl vermehrt überflüssig werden, weil die digitale Welt im Gregorianischen Kalender funktioniert; aber sie bieten weiterhin eine zeitliche Struktur, in die sowohl gewöhnliche Bürgerinnen und Bürger als auch die Regierungselite ihre vielfältigen Vorstellungen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einschreiben können. In einer globalisierten Welt ist es nützlich zu bedenken, dass für manchen Menschen in Japan das Jahr 1989 nicht primär das Jahr des Mauerfalls war. Und dann, in diesem seltsamen Übergangsmonat Mitte 2019, bemüht sich die Regierung darum, die Aufmerksamkeit ihrer Bürger zugleich auf die zeitlichen Implikationen eines westjapanischen Gedichtes aus dem 8. Jahrhundert zu lenken, als auch auf die globale Party, die Tokio 2020 bedeuten wird. Wenn wir den Aufruf zum Schreiben «globaler» Geschichte ernst nehmen, müssen wir Historikerinnen und Historiker mehr Aufmerksamkeit auf die lokalen Artikulationen divergierender Zeitregime lenken. Japan soll hier keinen Endpunkt der Anstrengung markieren, sondern die Art und Weise, wie die Japanerinnen und Japaner ihr neues Zeitalter begrüsst haben, kann ein sinnvoller Ausgangspunkt sein.

Nach unserem gutgelaunten Frühstück bemerke ich eine Versammlung in einem nahegelegenen Park. Es wehen Fahnen der Japanischen Kommunistischen Partei – wohl eine anti-kaiserlicher Demonstration, so nehme ich an. Als wir uns dann aber nähern, sehen wir, dass es sich um eine öffentliche Zusammenkunft zur Feier der Werktätigen handelt. Natürlich! Es ist ja nicht nur der 1. Mai von Reiwa Gannen, sondern auch der weltweite Feiertag der Arbeiterbewegung – eine Erinnerung daran, dass auch andere Zeitregime in die Geschichte der Gegenwart eingeflochten sind.

Ein Mann stellt sich ans Mikrophon: «Guten Morgen, alle zusammen», beginnt er.

Japan, 1.- 4. Mai 2019.

 (aus dem Englischen von David Hänggi-Aragai)