Wer sich Russland unterwirft, der soll mit "Frieden" belohnt werden. Wer für proeuropäische Parteien stimmt, dem drohe das Schicksal der Ukraine. Also Krieg. So schürte die prorussische Partei "Georgischer Traum" vor der Wahl Angst. Philomena Grassl über die Proteste in Georgien und die Wut über die Angstmacherei prorussischer Akteure.

  • Philomena Grassl

    Philomena Grassl lebt in Tbilisi. Sie hat u.a. an der HU Berlin Kulturen Mittel- und Osteuropas studiert und arbeitet nun am Goethe-Institut in Georgien im Bereich Kultur und kultureller Dialog in den Konfliktregionen im Südkaukasus und der Republik Moldau.
Geschichte der Gegenwart
Geschichte der Gegenwart 
"In einer Diktatur kann es keinen Frieden geben" - Über den Miss­brauch des Wortes 'Frieden' in Georgien
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Die 78-jährige spani­sche Schau­spie­lerin Marisa Paredes, Muse und Star in mehreren Almodovar-Filmen, war im Oktober 2024 Ehren­gast beim Film­fes­tival im west­ge­or­gi­schen Kutaissi. In einem Inter­view sagte sie, ange­spro­chen auf auto­ri­täre Tendenzen in Geor­gien und anderswo: 

Als Franco damals erst­mals ein Refe­rendum durch­führte, hatte das den Slogan: ‚25 Jahre Frieden‘. Ich frage mich: Was für ein Frieden? Das war eine Diktatur, das war niemals Frieden! In einer Diktatur kann es keinen Frieden geben. 

Es scheint, dass der Frie­dens­be­griff von auto­ri­tären und tota­li­tären Regimen gerne genutzt wird, um ihre Macht ideo­lo­gisch zu recht­fer­tigen. In der Sowjet­union war der Slogan „Миру – мир!“ („Frieden für die Welt“) seit dem Zweiten Welt­krieg überall auf Plakaten zu sehen, die UdSSR stili­sierte sich zur Säule für den Welt­frieden. Max Hork­heimer schrieb 1950 über die Verwen­dung des Begriffs Frieden in der Sowjet­union: „Frie­dens­aufruf und Ächtung der Atom­waffe sind ein Stück der Sowjet­pro­pa­ganda, die darauf abzielt, aller­orten die humanen Regungen dafür zu mißbrauchen, daß der Wider­stand gegen die Gewalt gebro­chen werde, die von der Sowjet­union ausgeht“. 

Russi­sche Soldaten treten auch heute gerne als „Peace­keeper“ auf, sogar während sie ganze Städte zerbomben. Viktor Orban spielte in seinem letzten Wahl­kampf ebenso bewusst mit den Begriffen Krieg und Frieden – ohne ihn gäbe es Krieg, mit ihm Frieden und Sicher­heit. So beschul­digte er in einem State­ment die EU, Krieg zu wollen, und er sei der Einzige, der Frieden bewahren würde. In Deutsch­land ist es eine „Frie­dens­be­we­gung“, die diese russi­schen Narra­tive immer noch vom rechten bis zum – angeb­lich – linken Spek­trum verbreitet. Sahra Wagen­knecht nutzt die Angst vor Krieg im Wahl­kampf mit derselben Rhetorik: „Krieg oder Frieden – Sie haben die Wahl!“ 2014, während des Kyiver Maidans, wurde auf den anfäng­lich von Jürgen Elsässer und Ken Jebsen orga­ni­sierten Montags­de­mons­tra­tionen offen „Frieden mit Russ­land“ gefor­dert. Die damals groß gestar­tete russi­sche Propaganda-Maschinerie wurde auf den Kund­ge­bungen mit Russland-Fahnen und die orange-schwarzen St. Georgs-Bändchen, die symbo­lisch für die Schlä­ger­trupps des soge­nannten Anti-Maidan in der Ukraine standen, unter­stützt. Seit 2022 hat dieser falsche Pazi­fismus wieder einen neuen Aufschwung bekommen, vor allem mit der Forde­rung, der Ukraine keine Waffen mehr zu liefern. Heute möchten die deut­schen „Pazifist:innen“ das Leid in der Ukraine durch unter­las­sene Hilfe­leis­tung beenden. Viel­leicht geht es aber auch nur darum, sich an den egois­ti­schen Gedanken zu klam­mern, dass Russ­land sich mit der Ukraine und ein paar weiteren post-sowjetischen Staaten zufrieden gibt – und so die alte Frie­dens­ord­nung wieder herge­stellt wird.

In Geor­gien ist „Frieden“ seit dem russi­schen Angriffs­krieg auf die Ukraine noch stärker zu einem aufge­la­denen Begriff geworden, seit die Olig­ar­chen­partei „Geor­gi­scher Traum“ ihre ideo­lo­gi­sche Recht­fer­ti­gung (neben reli­giöser Homo­phobie) nur noch auf dieses eine Wort redu­ziert hat. Im Februar 2022 stellte sich die Regie­rung noch offi­ziell auf die Seite der Ukraine und betonte das Mitge­fühl Geor­giens, wenn auch, ohne direkte Unter­stüt­zung zu leisten. Statt­dessen sollten die poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Bezie­hungen mit Russ­land stetig ausge­baut werden, dies mit dem Argu­ment, sich nicht eben­falls in den Krieg hinein­ziehen lassen zu wollen. Als Teil der Weih­nachts­de­ko­ra­tion stand 2022 in über­großen Buch­staben um die St. Georgs-Statue am Frei­heits­platz: TBILISI – CITY OF PEACE. 

Der Bürger­meister Kacha Kaladze meinte zynisch, nachdem es Kritik aus der Bevöl­ke­rung gab, er verstehe nicht, wie man denn gegen Frieden sein könne. Damit unter­stellte er schon damals den oppo­si­tio­nellen Gruppen, gegen diesen Frieden zu sein und eine „zweite Front“ gegen Russ­land errichten zu wollen. Das Frie­dens­nar­rativ wurden in den folgenden zwei Jahren immer häufiger und immer zyni­scher verwendet und hatte seinen Höhe­punkt in einer Wahl­kampf­kam­pagne des „Geor­gi­schen Traums“ im Herbst 2024. Die Partei plaka­tierte das gesamte Land mit Bildern zerstörter Städte, Schulen, Schwimm­bäder und Kirchen aus der Ukraine, das sie mit einem geor­gi­schen unbe­schä­digten „Gegen­über“ kontras­tierte. Darunter die jewei­lige Aufschrift: „Nein zum Krieg! Wähle Frieden!“ 

Ukrai­ni­sche Kirche in Boho­ro­dyt­schne mit der Unter­schrift: Nein zum Krieg! Rechts: 2004 gebaute Sameba-Kirche in Tbilisi mit der Unter­schrift: Wähle Frieden! (Foto: radiotavisupleba.ge)

Die Angst vor Russland

In Geor­gien, das 2008 einen Krieg mit Russ­land erlebte und sich histo­risch in einer sehr ähnli­chen Rolle wie die Ukraine befindet, ist die Angst vor Russ­land, das direkt oder auf hybride Weise immer wieder angreift, als ein wieder­keh­rendes kollek­tives Trauma in der Gesell­schaft verfes­tigt. Auch an den Bürger­krieg Anfang der 90er Jahre kann man sich gut erin­nern, als im Zentrum der Haupt­stadt Tbilisi aufein­ander geschossen wurde und para­mi­li­tä­ri­sche Gruppen das Parla­ment bela­gerten. Die Bürger:innen Geor­giens kennen das Gefühl der exis­ten­zi­ellen Bedro­hung, wenn russi­sche Panzer einfahren. Sie kennen die Leiden des Krieges, des wirt­schaft­li­chen Zusam­men­bruchs und der Armut. Der Angriffs­krieg in der Ukraine hat in dem kleinen Land, das Russ­land mili­tä­risch nichts entge­gen­zu­setzen hat, diese alten Trau­mata wieder aufleben lassen. Die Plakat-Kampagne des „Geor­gi­schen Traums“ hat auf nichts anderes abge­zielt: Der Bevöl­ke­rung sollte klar und deut­lich veran­schau­licht werden, was dem Land blüht wenn nicht sie, eine russ­land­freund­liche Regie­rung, an der Macht bleibt. Im Grunde war es eine Drohung, die mit den stän­digen Drohungen Vladimir Putins gegen­über dem Westen zu verglei­chen ist. Der „Geor­gi­sche Traum“ hat sich damit einmal mehr radi­ka­li­siert und ist auf den Zug Russ­lands aufge­sprungen, all denje­nigen mit Zerstö­rung und Auslö­schung zu drohen, die noch wagen, ihre Stimme zu erheben. Bei vielen Georgier:innen hat diese Stra­tegie eine Zeit lang funk­tio­niert. Und die Aussage „Am wich­tigsten ist doch, dass wir Frieden haben!“ war in den letzten zwei Jahren eine oft zitierte Phrase in Gesprä­chen über die poli­ti­sche Lage. 

Die Über­win­dung der Angst

Foto: Tako Robak­idze, chai-khana (chaikhana.media):

Kurz darauf, am 26. Oktober 2024, wurden in Geor­gien die Wahlen auf viel­fäl­tige Weise und unter Einsatz von physi­scher Gewalt in erschre­ckendem Ausmaß gefälscht und mani­pu­liert. Obwohl die Oppo­si­ti­ons­blöcke mit ziem­li­cher Sicher­heit die Mehr­heit der Stimmen erhielten, schluss­fol­gerten west­liche Beobachter:innen bereits kurz nach dem verkün­deten Wahl­er­gebnis, dass in Geor­gien die Angst vor Russ­land gesiegt habe. Der große Aufschrei ließ nach der Wahl­fäl­schung auf sich warten, der Schock und die Verzweif­lung lähmten die Gesell­schaft zunächst. Die Oppo­si­tion schaffte es nicht, eine wirk­lich kriti­sche Masse zu den von ihr orga­ni­sierten Protesten zu bringen. Erst als am 28. November der nunmehr selbst­er­nannte Premier­mi­nister Irakli Kobach­idze verkün­dete, die Beitritts­ver­hand­lungen mit der EU bis 2028 auf Eis zu legen, wurde aus den Protesten ein breiter Aufstand der geor­gi­schen Gesell­schaft. Davor gab es auf den Demons­tra­tionen noch Bühnen, Redner:innen und von oppo­si­tio­nellen Gruppen finan­ziertes Equip­ment, jetzt gibt es niemanden mehr, der Reden hält oder die Menschen zu etwas aufruft. Konstant befinden sich auf dem Rustaveli-Boulevard abends um die 200.000 Demons­trie­rende, die mit Gasmasken, Schutz­brillen und Feuer­werks­kör­pern gegen einen prorus­si­schen Kurs des Landes kämpfen. Die Versuche des Macht­ap­pa­rates, mit Gewalt gegen die Demons­trie­renden vorzu­gehen und somit die breite Masse einzu­schüch­tern, haben bisher nur das Gegen­teil hervor­ge­rufen: Mehr Menschen gehen auf die Straße, unter ihnen sogar einige, die im Oktober noch den „Geor­gi­schen Traum“ gewählt haben. 

Die Stim­mung auf dem Rust­aveli ist fröh­lich und ermu­ti­gend, die Protes­tie­renden passen aufein­ander auf und orga­ni­sieren sich selbst. Partei­fahnen oder bestimmte Blöcke gibt es hier nicht, junge und alte Menschen stehen neben­ein­ander aus dem glei­chen Grund und mit dem glei­chen Ziel: die Unab­hän­gig­keit Geor­giens zu wahren, und die Inte­gra­tion in das russi­sche Impe­rium zu verhin­dern. Infor­ma­tionen werden über Telegram-Kanäle und Facebook-Gruppen geteilt, wo zum Beispiel Eltern nach­fragen, wie sie ihre verhaf­teten Kinder finden können, oder Tipps gepostet werden, wie man sich verhält, wenn die Polizei vor der Tür steht. Die Wut auf die Polizei und vor allem die soge­nannten Robo-Cops, die ganz im Stile der russi­schen „Omon“ wahllos Protes­tie­rende brutal verprü­geln und fest­nehmen wird von allen geteilt. Kürz­lich wurde eine Liste mit Namen und Fotos von Mitglie­dern der Spezi­al­ein­heiten veröf­fent­licht – in einem kleinen Land, in dem jeder jeden über ein paar Ecken kennt, kann dieses Shaming der Polizei die betei­ligten Einzel­per­sonen unter Druck setzen. Es gibt bereits Rück­tritte von Beamten des Innen­mi­nis­te­riums, langsam scheint sich in den staat­li­chen Insti­tu­tionen etwas zu bewegen. Die proeu­ro­päi­sche Präsi­dentin Salome Sura­bish­vili bleibt trotz allem ruhig und besonnen; sie hat vor, im Amt zu bleiben, bis Neuwahlen unter inter­na­tio­naler Verwal­tung abge­halten werden und ein legi­times Parla­ment zusammenkommt. 

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Foto: Tako Robak­idze, chai-khana (chaikhana.media)

Die Über­macht Bidzina Ivanish­vilis und seiner Partei scheint plötz­lich nicht mehr so groß, und das Regime hat eine rote Linie über­schritten, von der es kein Zurück mehr gibt. Die Angst hat sich in Wut verwan­delt, und den angeb­li­chen Frieden, den man bewahren sollte, gibt es endgültig nicht mehr, seit die De-facto-Regierung einen Krieg gegen die geor­gi­sche Bevöl­ke­rung ange­fangen hat. Über 400 Menschen wurden bereits verhaftet, über zwei Drittel davon wurden nach der Gefan­gen­nahme geschlagen und gefol­tert. Jede Nacht jagen die Spezi­al­ein­heiten Demons­trie­rende durch das Zentrum der Stadt, im Live-Fernsehen werden Mütter gezeigt, denen die Söhne entrissen werden. Unter Tags kommt die Polizei zu Aktivist:innen nach Hause, auch Journalist:innen werden gezielt ange­griffen. Die in die Enge getrie­bene Gruppe um Ivanish­vili hat nichts mehr außer Gewalt und Terror anzu­bieten, mit ihrem gleich­zei­tigen Friedens-Gerede werden sie in der Gesell­schaft keine Wirkung mehr erzielen. 

Die geor­gi­sche Gesell­schaft zeigt jetzt ihre Stärke und ihren Zusam­men­halt, zu dem sie keine Anführer und keine Finan­zie­rung braucht – nur ein paar Feuer­werks­körper, die symbo­lisch stehen für ein endgül­tiges Aussterben der alten, sowje­ti­schen Denk­weise, und einen wirk­li­chen Neuan­fang ankün­digen. Jetzt geht es darum, dass der Druck von innen stand­halten kann, und von außen entschieden mit einer Nicht-Anerkennung der ille­gi­timen Regie­rung und persön­li­chen Sank­tionen gegen die Verant­wort­li­chen reagiert wird, damit die zentrale Forde­rung, Neuwahlen abzu­halten, erfüllt wird. Denn mit dem „Geor­gi­schen Traum“ kann es weder Frieden noch Stabi­lität geben.