Mit der neuen National Security Strategy kehren die USA zu einer Politik offener Machtdemonstration in Lateinamerika zurück. Doch die Wiederbelebung der Monroe-Doktrin offenbart weniger Stärke als vielmehr die Unsicherheit einer schwindenden Vormacht.

  • Simon Gerards Iglesias

    Simon Gerards Iglesias ist promovierter Wirtschaftshistoriker am Institut der deutschen Wirtschaft. Er studierte Politische Ökonomie und Wirtschaftsgeschichte an den Universitäten Mannheim, Heidelberg, Göttingen und Buenos Aires. In seiner Forschung beschäftigt er sich u.a. mit globalen Ordnungsfragen, Handel und Geopolitik. 2024 erschien seine Dissertationsschrift mit dem Titel: "Wissen über Arbeit in Krisenzeiten. Argentinien und die ILO, 1919-1950", transcript: Bielefeld.

US-amerikanische Inter­ven­tionen in Latein­ame­rika sind nicht neu. Zahl­reiche Staaten haben im Laufe des 20. Jahr­hun­derts mal direkt, mal indi­rekt einen durch die USA durch­ge­führten oder gestützten Putsch durch­lebt, wodurch sich ein in Teilen tief­sit­zendes Miss­trauen gegründet hat. Der Fall Vene­zuela ist dennoch bemer­kens­wert. Mit dem mili­tä­ri­schen Schlag und der Fest­nahme des Präsi­denten Maduro durch Spezi­al­kräfte am 3. Januar 2026 wird unmit­telbar das Realität, was mit der Veröf­fent­li­chung der National Secu­rity Stra­tegy (NSS) am 5. Dezember 2025 kodi­fi­ziert wurde: die offen vorge­tra­gene extra­ter­ri­to­riale Einmi­schung in andere Länder sowie ein erneuert formu­lierter Führungs­an­spruch der Verei­nigten Staaten – welt­weit, vor allem aber in der „west­li­chen Hemi­sphäre“, womit die Länder des ameri­ka­ni­schen Doppel­kon­ti­nents gemeint sind.

All dies läuft auf ein offenes, brachiales Durch­setzen US-amerikanischer Inter­essen hinaus: ein America First, das ohne verläss­liche Alli­anzen auskommen will und gar nicht erst den Anspruch erhebt, für Demo­kratie, Menschen­rechte oder das Völker­recht einzu­treten, wie es in den Jahr­zehnten zuvor der Fall war. Anders gewendet markiert die NSS die radi­kale Abkehr von den nach 1945 etablierten Insti­tu­tionen und Ordnungs­prin­zi­pien, die eine von den USA getra­gene und nach 1991 erwei­terte libe­rale Welt­ord­nung stützten. 

Die Monroe-Doktrin und ihr langer Schatten

Unter Trump und der MAGA-Bewegung besinnen sich die Verei­nigten Staaten auf eine Politik zurück, die ihre Außen­be­zie­hungen im 19. und frühen 20. Jahr­hun­dert geprägt hat. Die Monroe-Doktrin wird erneut zur zentralen außen­po­li­ti­schen Maxime – ein Konzept, das im 19. Jahr­hun­dert zur Abwehr des euro­päi­schen Kolo­nia­lismus konzi­piert wurde. 1823 vom fünften gleich­na­migen US-Präsidenten formu­liert, sollte die Monroe-Doktrin die außen­po­li­ti­schen Leit­li­nien der Verei­nigten Staaten auf dem ameri­ka­ni­schen Doppel­kon­ti­nent bis ins 20. Jahr­hun­dert bestimmen und eine Re-Kolonialisierung Mittel- und Südame­rikas durch die Euro­päer verhin­dern. Sie fiel zeit­lich zusammen mit der terri­to­rialen Expan­sion der USA nach Westen und Süden, insbe­son­dere mit dem Krieg gegen Mexiko zwischen 1846 und 1848, in dessen Folge Mexiko umfang­reiche Gebiets­ab­tre­tungen hinnehmen musste.

Monroe-Doctrine: My, my, such possi­bi­li­ties! Uncle Sam and Teddy bear [Theo­dore Roose­velt] mapping trade routes around South America. Quelle: Library of Congress

Im Laufe der Jahr­zehnte wurde die ursprüng­liche Monroe-Doktrin durch zahl­reiche Korol­lare ergänzt, also präsi­diale Erwei­te­rungen und Neuin­ter­pre­ta­tionen, die jeweils den Zeit­geist wider­spie­gelten und zugleich die oft wider­sprüch­li­chen Ziele der US-amerikanischen Außen­po­litik sichtbar machten. So betonte Benjamin Harrison während seiner Präsi­dent­schaft den Pan-Amerikanismus, der sich unter anderem in der Ausrich­tung der ersten Inter­ame­ri­ka­ni­schen Konfe­renz in Washington im Jahr 1889 mani­fes­tierte. Diese markierte den Auftakt einer bis zum Zweiten Welt­krieg andau­ernden Phase verstärkter inter­ame­ri­ka­ni­scher Zusam­men­ar­beit, in der die Verei­nigten Staaten zumin­dest rheto­risch auf Ausgleich und Inter­es­sen­bün­de­lung zwischen den Staaten des ameri­ka­ni­schen Doppel­kon­ti­nents setzten.

Gleich­zeitig wurden die USA nach dem Spanisch-Amerikanischen Krieg von 1898 durch die Über­nahme Kubas, Puerto Ricos und der Phil­ip­pinen faktisch selbst zu einer Kolo­ni­al­macht. Mit dem 1914 eröff­neten Pana­ma­kanal bean­spruchten sie zudem Gebiete außer­halb ihres Kern­ter­ri­to­riums als eigenen Einfluss- und Gewalt­be­reich, den sie durch die dauer­hafte Statio­nie­rung von Truppen absi­cherten. Präsi­dent Theo­dore Roose­velt, auf den sich der heutige US-Präsident bezieht, formu­lierte diesen hege­mo­nialen Anspruch offen, indem er Inter­ven­tionen der Verei­nigten Staaten in andere Länder des Doppel­kon­ti­nents damit recht­fer­tigte, dass sie der Stabi­lität der Region und den Inter­essen der ameri­ka­ni­schen Staaten insge­samt dienten.

Mit Woodrow Wilson versuchte ein US-Präsident nach dem Ersten Welt­krieg einen welt­po­li­ti­schen Führungs­an­spruch der Verei­nigten Staaten zu begründen, der auf fried­li­chen inter­na­tio­nalen Ausgleich sowie auf die Souve­rä­nität der Völker zielte. Auf den ersten Blick stand dies im Gegen­satz zur offensiv ausge­rich­teten Monroe-Doktrin, die primär der Durch­set­zung US-amerikanischer Inter­essen diente. Tatsäch­lich veran­kerten die Grün­dungs­sta­tuten des Völker­bundes und der Inter­na­tio­nalen Arbeits­or­ga­ni­sa­tion (ILO) Elemente der Monroe-Doktrin, obwohl die USA den Orga­ni­sa­tionen anfangs gar nicht beitraten. Sie bestä­tigten dennoch implizit den Führungs­an­spruch der USA auf dem ameri­ka­ni­schen Doppel­kon­ti­nent, was diese insti­tu­tio­na­li­sierte Welt­ord­nung in den Augen Latein­ame­rikas von Anfang an ambi­va­lent erschienen ließ.

Einen anderen Weg schlug Präsi­dent Franklin D. Roose­velt ein. Mit der Good Neigh­bour Policy setzte er die bereits unter seinem Vorgänger Herbert Hoover einge­lei­tete Kehrt­wende in den Bezie­hungen zu den südli­chen Nach­bar­staaten fort. Ziel war es, in Abgren­zung zu einem von Faschismus und Natio­na­lismus durch­seuchten Europa die ameri­ka­ni­schen Staaten insge­samt zu stärken, indem Koope­ra­tionen geschaffen wurden, die der Findung gemein­samer Posi­tionen und Inter­essen dienten. Der ameri­ka­ni­sche Doppel­kon­ti­nent verstand sich in dieser Phase als neues zivi­li­sa­to­ri­sches Zentrum der Welt, von dem inter­na­tio­nale Koope­ra­tion, Inter­es­sen­bün­de­lung und Frie­dens­si­che­rung ausgehen sollten.

Vom anti­kom­mu­nis­ti­schen Boll­werk zum verges­senen Hinterhof

Im 20. Jahr­hun­dert, vor allem in der zweiten Hälfte, wurde die Monroe-Doktrin erneut zu einem Instru­ment aktiver Einmi­schung. Unter dem Vorzei­chen des Kalten Krieges inter­ve­nierten die Verei­nigten Staaten wieder­holt in latein­ame­ri­ka­ni­schen Staaten, um ihnen unlieb­same, häufig links­ge­rich­tete Regie­rungen zu stürzen. Demo­kra­ti­sche Selbst­be­stim­mung wurde dabei regel­mäßig dem Primat der Sicher­heits­po­litik im Kalten Krieg unter­ge­ordnet. Der US-unterstützte Putsch Pino­chets gegen Salvador Allende in Chile steht exem­pla­risch dafür. 

Doch die Sicher­heits­dok­trin war nie losge­löst von ökono­mi­schen Inter­essen, wie der Fall Jacobo Árbenz in Guate­mala in den 1950er Jahren zeigt. Hier war es unmiss­ver­ständ­lich die United Fruit Company, die ange­sichts einer Agrar­re­form Verluste verzeich­nete und infol­ge­dessen für einen Regi­me­ch­ange unter dem Vorwand der Sicher­heits­po­litik eintrat, ohne dass hinrei­chend Beweise dafür vorlagen. 

Sie können uns unter­stützen, indem Sie diesen Artikel teilen: 

Seit jeher begrün­deten die Außen­be­zie­hungen der USA zu Latein­ame­rika auch Macht­po­litik. So wurde Mittel- und Südame­rika zum stra­te­gi­schen Vorhof – nicht nur in der Wahr­neh­mung Washing­tons, sondern auch aus Sicht der Sowjet­union, die ihrer­seits versuchte, in diese Einfluss­zone vorzu­dringen. Mit dem „War on Drugs“ kam in den 1970er und 80er Jahren ein trans­na­tio­nales Element hinzu, das den Fokus der Sicher­heits­po­litik und Außen­po­litik in Südame­rika auf nicht­staat­liche Akteure lenkte. 

Diese Hinwen­dung zu hybriden Sicher­heits­be­dro­hungen verstärkte sich nach dem Ende des Kalten Krieges, als mit dem angeb­li­chen „Ende der Geschichte“ (Francis Fuku­yama) der System­kon­flikt scheinbar über­wunden wurde. Der globale Einsatz für Demo­kratie und freie Handels­wege sowie der Kampf gegen den trans­na­tio­nalen Terro­rismus wurden zur Prio­rität. Entspre­chend deut­lich zeigte sich in der US-Außenpolitik eine Inter­es­sen­ver­la­ge­rung , in deren Folge Mittel- und Südame­rika abseits der Drogen­pro­ble­matik kaum mehr eine Rolle zu spielen schien. Durch Globa­li­sie­rung, die Verbrei­tung der Markt­wirt­schaft und globale Vernet­zung durch das Internet schienen geopo­li­ti­sche Blöcke ein Relikt der Vergan­gen­heit und ökono­misch unat­traktiv zu sein, insbe­son­dere in Zeiten sich öffnender Märkte in Asien, einschließ­lich der Einbin­dung Chinas in die Welt­han­dels­or­ga­ni­sa­tion 2001. 

Dies führte zu einem Bedeu­tungs­ver­lust der USA als Handels­partner und Investor in Latein­ame­rika sowie zur Vernach­läs­si­gung des geogra­fisch nahen Raums als stra­te­gi­schem Inter­es­sensort. Allein durch das Walten der Markt­kräfte erschienen große Teile Latein­ame­rikas als unat­trak­tiver Inves­ti­ti­ons­standort: hohe Kosten, wenig rentable Indus­trie, zudem – wie die USA – selbst Expor­teure land­wirt­schaft­li­cher Erzeug­nisse. Mit der NAFTA gab es zudem in Nord­ame­rika selbst einen attrak­tiven zusätz­li­chen Inte­gra­ti­ons­raum. Als Handels- und Inves­ti­ti­ons­partner gerieten die USA südlich des Isthmus von Panama immer mehr ins Hinter­treffen. Der Anteil der USA am Außen­handel der Merco­sur­staaten belief sich im Jahr 2000 auf 21 Prozent und schmolz bis 2024 auf 12 Prozent zusammen. Genau entge­gen­ge­setzt stieg China als Handels­partner auf, dessen Anteil wuchs im glei­chen Zeit­raum von 2 auf 24 Prozent.

Die „Trump Corollary“

Vor diesem histo­ri­schen Hinter­grund erhält die in der National Secu­rity Stra­tegy 2025 einge­führte soge­nannte „Trump Corol­lary“ ihre eigent­liche Bedeu­tung. Sie stellt weniger eine Neuerfin­dung ameri­ka­ni­scher Außen­po­litik dar als viel­mehr eine bewusste Reak­ti­vie­rung der Monroe-Doktrin unter den Bedin­gungen einer verän­derten Welt­ord­nung, von Trump halb scherz­haft als „Donroe-Doktrin“ titu­liert. Der Begriff signa­li­siert den Anspruch, „ameri­ka­ni­sche Stärke und ameri­ka­ni­sche Prio­ri­täten“ wieder­her­zu­stellen und jede Einmi­schung „nicht-hemisphärischer Wett­be­werber“ in der west­li­chen Hemi­sphäre zu unter­binden. Ein klarer Finger­zeig auf die Volks­re­pu­blik China, das für einen Groß­teil der latein­ame­ri­ka­ni­schen Staaten wich­tigster Handels­partner ist und zudem über Infrastruktur- und Rohstoff­pro­jekte bereits tief mit der Wirt­schafts­struktur Südame­rikas verwoben ist. Unmiss­ver­ständ­lich heißt es, man werde verhin­dern, dass „externe Mächte stra­te­gisch rele­vante Vermö­gens­werte kontrol­lieren oder mili­tä­ri­sche Fähig­keiten in der Region positionieren“.

Dabei geht es nicht mehr primär um terri­to­riale Kontrolle, sondern um den Zugriff auf Liefer­ketten, kriti­sche Rohstoffe und infra­struk­tu­relle Knoten­punkte. Zölle, Handels­ab­kommen und Inves­ti­ti­ons­re­gime werden explizit als sicher­heits­po­li­ti­sche Instru­mente begriffen. „Soft Power“ erfährt in diesem Zusam­men­hang eine bemer­kens­werte Umdeu­tung: Sie besteht nicht mehr in Attrak­ti­vität, norma­tiver Anzie­hungs­kraft oder insti­tu­tio­neller Einbin­dung, sondern in der Fähig­keit, ökono­mi­sche Abhän­gig­keiten gezielt zu erzeugen und zu nutzen. Die Verei­nigten Staaten bean­spru­chen, der wirt­schaft­liche und sicher­heits­po­li­ti­sche „Partner erster Wahl“ in der Hemi­sphäre zu sein – explizit in Abgren­zung zu China, dessen wach­sende Präsenz in Latein­ame­rika als stra­te­gi­scher Fehler der vergan­genen Jahr­zehnte darge­stellt wird, der nun korri­giert werden müsse. 

Auffällig ist dabei die Doppel­stra­tegie, die die Trump Corol­lary prägt. Nach innen verbindet sie einen ausge­prägten Isola­tio­nismus – Abschot­tung, restrik­tive Migra­ti­ons­po­litik, kultu­relle Abwehr­dis­kurse – mit einem nach außen gerich­teten hege­mo­nialen Anspruch. Latein­ame­rika nimmt dabei eine Schlüs­sel­rolle ein: Es ist die erste Region, die in der neuen Sicher­heits­dok­trin ausführ­lich behan­delt wird. Nach Jahren der Vernach­läs­si­gung, so heißt es program­ma­tisch, werde die Monroe-Doktrin erneut durch­ge­setzt, um die ameri­ka­ni­sche Vormacht­stel­lung in der west­li­chen Hemi­sphäre wieder­her­zu­stellen und den Zugang zu stra­te­gisch wich­tigen Räumen zu sichern. Inter­ven­tio­nismus wird dabei ausdrück­lich als notwen­diges Mittel aner­kannt; eine strikte Bindung an das Prinzip der Nicht­ein­mi­schung wird als unver­einbar mit den globalen Inter­essen der Verei­nigten Staaten zurückgewiesen.

Der entschei­dende Unter­schied liegt jedoch darin, dass sich die welt­po­li­ti­schen Rahmen­be­din­gungen funda­mental verän­dert haben. Latein­ame­rika ist heute nicht mehr der frag­men­tierte, von inneren Konflikten und mangelnder Staat­lich­keit geprägte Raum des frühen 19. Jahr­hun­derts. Die Staaten der Region verfügen über gefes­tigte Staat­lich­keit, große Binnen­märkte und erheb­liche wirt­schaft­liche Bedeu­tung. Mercosur, die Anden­ge­mein­schaft und Mexiko reprä­sen­tieren zusammen mehr als eine halbe Milli­arde Menschen und spielen eine zentrale Rolle bei der Förde­rung jener Rohstoffe (Lithium, Kupfer, Seltene Erden), die für die globale Trans­for­ma­tion zur Klima­neu­tra­lität unver­zichtbar sind.

 

Die National Secu­rity Stra­tegy ist vor allem ein Ausdruck von Amerikas Schwäche

Gerade diese verän­derte Akteurs­fä­hig­keit wird in der Trump Corol­lary syste­ma­tisch unter­schätzt. Zwar erfahren die meisten latein­ame­ri­ka­ni­schen Staaten in der US-Zollpolitik eine vergleichs­weise milde Behand­lung, was auf den ersten Blick als Annä­he­rung inter­pre­tiert werden könnte. Doch zugleich werden unlieb­same Regie­rungen gezielt unter Druck gesetzt – durch Straf­zölle (Kolum­bien, Brasi­lien), poli­ti­sche Beein­flus­sung von Wahlen (Honduras, El Salvador) oder offene Partei­nahme bei Finanz­kre­diten (Argen­ti­nien). Vene­zuela bildet dabei den Extrem­fall einer offen feind­se­ligen Politik, die poli­ti­sche Gegner­schaft mit stra­te­gi­schen und ökono­mi­schen Inter­essen verbindet. Andere Länder, wie Brasi­lien oder Kolum­bien, geraten weniger wegen sicher­heits­po­li­ti­scher Risiken als aufgrund poli­ti­scher Miss­bil­li­gung unter Druck. Präsi­dent Lula in Brasi­lien hat dabei den Spieß umge­dreht: Anders als im Falle Kolum­biens blieb die brasi­lia­ni­sche Regie­rung dem Zoll­druck aus Washington stand­haft, wohl wissend, dass die Rohstoff­ex­porte recht leicht umge­lenkt werden konnten und für US-amerikanische Verbrau­cher eine Kaffee­preis­stei­ge­rung von 45 Prozent inner­halb eines Jahres kaum zumutbar war. 

Die Trump Corol­lary offen­bart damit weniger die Rück­kehr einer unan­ge­foch­tenen ameri­ka­ni­schen Vormacht als viel­mehr deren wach­sende Unsi­cher­heit. Mili­tä­ri­sche Drohungen, ökono­mi­scher Zwang und eine aggres­sive Zoll­po­litik erweisen sich bereits kurz­fristig als kost­spielig für die Verei­nigten Staaten selbst. Lang­fristig unter­mi­nieren sie jene „Soft Power“, deren Stär­kung die National Secu­rity Stra­tegy zugleich rheto­risch beschwört. Der Versuch, neue Abhän­gig­keits­ver­hält­nisse zu schaffen, erzeugt Skepsis und fördert die Abwen­dung von Washington.

Gerade darin liegt eine histo­ri­sche Ironie: Die impe­riale Semantik der Trump Corol­lary trifft auf eine zuneh­mend frag­men­tierte Ordnung, in der Latein­ame­rika über mehr Hand­lungs­op­tionen verfügt als je zuvor. Bis Mitte des 20. Jahr­hun­derts war Europa der zentrale Bezugs­punkt der Region, anschlie­ßend wurden die USA zur domi­nie­renden Macht. Zwar können die USA heute noch ihre mili­tä­ri­sche Stärke und ihr finanz­wirt­schaft­li­ches Gewicht einsetzen, doch sie sehen sich zuneh­mend durch konkur­rie­rende Mächte, insbe­son­dere China, heraus­ge­for­dert.. Für andere Akteure – nicht zuletzt für die Euro­päi­sche Union – eröffnet sich damit die Möglich­keit, als lang­fristig verläss­li­cherer und fairer Partner aufzu­treten. Ob dies gelingt, wird weniger von mili­tä­ri­scher Stärke abhängen als von der Fähig­keit, jene Form koope­ra­tiver Ordnungs­po­litik anzu­bieten, von der sich die Verei­nigten Staaten mit der Trump Corol­lary zuneh­mend verabschieden.