US-amerikanische Interventionen in Lateinamerika sind nicht neu. Zahlreiche Staaten haben im Laufe des 20. Jahrhunderts mal direkt, mal indirekt einen durch die USA durchgeführten oder gestützten Putsch durchlebt, wodurch sich ein in Teilen tiefsitzendes Misstrauen gegründet hat. Der Fall Venezuela ist dennoch bemerkenswert. Mit dem militärischen Schlag und der Festnahme des Präsidenten Maduro durch Spezialkräfte am 3. Januar 2026 wird unmittelbar das Realität, was mit der Veröffentlichung der National Security Strategy (NSS) am 5. Dezember 2025 kodifiziert wurde: die offen vorgetragene extraterritoriale Einmischung in andere Länder sowie ein erneuert formulierter Führungsanspruch der Vereinigten Staaten – weltweit, vor allem aber in der „westlichen Hemisphäre“, womit die Länder des amerikanischen Doppelkontinents gemeint sind.
All dies läuft auf ein offenes, brachiales Durchsetzen US-amerikanischer Interessen hinaus: ein America First, das ohne verlässliche Allianzen auskommen will und gar nicht erst den Anspruch erhebt, für Demokratie, Menschenrechte oder das Völkerrecht einzutreten, wie es in den Jahrzehnten zuvor der Fall war. Anders gewendet markiert die NSS die radikale Abkehr von den nach 1945 etablierten Institutionen und Ordnungsprinzipien, die eine von den USA getragene und nach 1991 erweiterte liberale Weltordnung stützten.
Die Monroe-Doktrin und ihr langer Schatten
Unter Trump und der MAGA-Bewegung besinnen sich die Vereinigten Staaten auf eine Politik zurück, die ihre Außenbeziehungen im 19. und frühen 20. Jahrhundert geprägt hat. Die Monroe-Doktrin wird erneut zur zentralen außenpolitischen Maxime – ein Konzept, das im 19. Jahrhundert zur Abwehr des europäischen Kolonialismus konzipiert wurde. 1823 vom fünften gleichnamigen US-Präsidenten formuliert, sollte die Monroe-Doktrin die außenpolitischen Leitlinien der Vereinigten Staaten auf dem amerikanischen Doppelkontinent bis ins 20. Jahrhundert bestimmen und eine Re-Kolonialisierung Mittel- und Südamerikas durch die Europäer verhindern. Sie fiel zeitlich zusammen mit der territorialen Expansion der USA nach Westen und Süden, insbesondere mit dem Krieg gegen Mexiko zwischen 1846 und 1848, in dessen Folge Mexiko umfangreiche Gebietsabtretungen hinnehmen musste.

Monroe-Doctrine: My, my, such possibilities! Uncle Sam and Teddy bear [Theodore Roosevelt] mapping trade routes around South America. Quelle: Library of Congress
Gleichzeitig wurden die USA nach dem Spanisch-Amerikanischen Krieg von 1898 durch die Übernahme Kubas, Puerto Ricos und der Philippinen faktisch selbst zu einer Kolonialmacht. Mit dem 1914 eröffneten Panamakanal beanspruchten sie zudem Gebiete außerhalb ihres Kernterritoriums als eigenen Einfluss- und Gewaltbereich, den sie durch die dauerhafte Stationierung von Truppen absicherten. Präsident Theodore Roosevelt, auf den sich der heutige US-Präsident bezieht, formulierte diesen hegemonialen Anspruch offen, indem er Interventionen der Vereinigten Staaten in andere Länder des Doppelkontinents damit rechtfertigte, dass sie der Stabilität der Region und den Interessen der amerikanischen Staaten insgesamt dienten.
Mit Woodrow Wilson versuchte ein US-Präsident nach dem Ersten Weltkrieg einen weltpolitischen Führungsanspruch der Vereinigten Staaten zu begründen, der auf friedlichen internationalen Ausgleich sowie auf die Souveränität der Völker zielte. Auf den ersten Blick stand dies im Gegensatz zur offensiv ausgerichteten Monroe-Doktrin, die primär der Durchsetzung US-amerikanischer Interessen diente. Tatsächlich verankerten die Gründungsstatuten des Völkerbundes und der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) Elemente der Monroe-Doktrin, obwohl die USA den Organisationen anfangs gar nicht beitraten. Sie bestätigten dennoch implizit den Führungsanspruch der USA auf dem amerikanischen Doppelkontinent, was diese institutionalisierte Weltordnung in den Augen Lateinamerikas von Anfang an ambivalent erschienen ließ.
Einen anderen Weg schlug Präsident Franklin D. Roosevelt ein. Mit der Good Neighbour Policy setzte er die bereits unter seinem Vorgänger Herbert Hoover eingeleitete Kehrtwende in den Beziehungen zu den südlichen Nachbarstaaten fort. Ziel war es, in Abgrenzung zu einem von Faschismus und Nationalismus durchseuchten Europa die amerikanischen Staaten insgesamt zu stärken, indem Kooperationen geschaffen wurden, die der Findung gemeinsamer Positionen und Interessen dienten. Der amerikanische Doppelkontinent verstand sich in dieser Phase als neues zivilisatorisches Zentrum der Welt, von dem internationale Kooperation, Interessenbündelung und Friedenssicherung ausgehen sollten.
Vom antikommunistischen Bollwerk zum vergessenen Hinterhof
Im 20. Jahrhundert, vor allem in der zweiten Hälfte, wurde die Monroe-Doktrin erneut zu einem Instrument aktiver Einmischung. Unter dem Vorzeichen des Kalten Krieges intervenierten die Vereinigten Staaten wiederholt in lateinamerikanischen Staaten, um ihnen unliebsame, häufig linksgerichtete Regierungen zu stürzen. Demokratische Selbstbestimmung wurde dabei regelmäßig dem Primat der Sicherheitspolitik im Kalten Krieg untergeordnet. Der US-unterstützte Putsch Pinochets gegen Salvador Allende in Chile steht exemplarisch dafür.
Doch die Sicherheitsdoktrin war nie losgelöst von ökonomischen Interessen, wie der Fall Jacobo Árbenz in Guatemala in den 1950er Jahren zeigt. Hier war es unmissverständlich die United Fruit Company, die angesichts einer Agrarreform Verluste verzeichnete und infolgedessen für einen Regimechange unter dem Vorwand der Sicherheitspolitik eintrat, ohne dass hinreichend Beweise dafür vorlagen.
Seit jeher begründeten die Außenbeziehungen der USA zu Lateinamerika auch Machtpolitik. So wurde Mittel- und Südamerika zum strategischen Vorhof – nicht nur in der Wahrnehmung Washingtons, sondern auch aus Sicht der Sowjetunion, die ihrerseits versuchte, in diese Einflusszone vorzudringen. Mit dem „War on Drugs“ kam in den 1970er und 80er Jahren ein transnationales Element hinzu, das den Fokus der Sicherheitspolitik und Außenpolitik in Südamerika auf nichtstaatliche Akteure lenkte.
Diese Hinwendung zu hybriden Sicherheitsbedrohungen verstärkte sich nach dem Ende des Kalten Krieges, als mit dem angeblichen „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama) der Systemkonflikt scheinbar überwunden wurde. Der globale Einsatz für Demokratie und freie Handelswege sowie der Kampf gegen den transnationalen Terrorismus wurden zur Priorität. Entsprechend deutlich zeigte sich in der US-Außenpolitik eine Interessenverlagerung , in deren Folge Mittel- und Südamerika abseits der Drogenproblematik kaum mehr eine Rolle zu spielen schien. Durch Globalisierung, die Verbreitung der Marktwirtschaft und globale Vernetzung durch das Internet schienen geopolitische Blöcke ein Relikt der Vergangenheit und ökonomisch unattraktiv zu sein, insbesondere in Zeiten sich öffnender Märkte in Asien, einschließlich der Einbindung Chinas in die Welthandelsorganisation 2001.
Dies führte zu einem Bedeutungsverlust der USA als Handelspartner und Investor in Lateinamerika sowie zur Vernachlässigung des geografisch nahen Raums als strategischem Interessensort. Allein durch das Walten der Marktkräfte erschienen große Teile Lateinamerikas als unattraktiver Investitionsstandort: hohe Kosten, wenig rentable Industrie, zudem – wie die USA – selbst Exporteure landwirtschaftlicher Erzeugnisse. Mit der NAFTA gab es zudem in Nordamerika selbst einen attraktiven zusätzlichen Integrationsraum. Als Handels- und Investitionspartner gerieten die USA südlich des Isthmus von Panama immer mehr ins Hintertreffen. Der Anteil der USA am Außenhandel der Mercosurstaaten belief sich im Jahr 2000 auf 21 Prozent und schmolz bis 2024 auf 12 Prozent zusammen. Genau entgegengesetzt stieg China als Handelspartner auf, dessen Anteil wuchs im gleichen Zeitraum von 2 auf 24 Prozent.
Die „Trump Corollary“
Vor diesem historischen Hintergrund erhält die in der National Security Strategy 2025 eingeführte sogenannte „Trump Corollary“ ihre eigentliche Bedeutung. Sie stellt weniger eine Neuerfindung amerikanischer Außenpolitik dar als vielmehr eine bewusste Reaktivierung der Monroe-Doktrin unter den Bedingungen einer veränderten Weltordnung, von Trump halb scherzhaft als „Donroe-Doktrin“ tituliert. Der Begriff signalisiert den Anspruch, „amerikanische Stärke und amerikanische Prioritäten“ wiederherzustellen und jede Einmischung „nicht-hemisphärischer Wettbewerber“ in der westlichen Hemisphäre zu unterbinden. Ein klarer Fingerzeig auf die Volksrepublik China, das für einen Großteil der lateinamerikanischen Staaten wichtigster Handelspartner ist und zudem über Infrastruktur- und Rohstoffprojekte bereits tief mit der Wirtschaftsstruktur Südamerikas verwoben ist. Unmissverständlich heißt es, man werde verhindern, dass „externe Mächte strategisch relevante Vermögenswerte kontrollieren oder militärische Fähigkeiten in der Region positionieren“.
Dabei geht es nicht mehr primär um territoriale Kontrolle, sondern um den Zugriff auf Lieferketten, kritische Rohstoffe und infrastrukturelle Knotenpunkte. Zölle, Handelsabkommen und Investitionsregime werden explizit als sicherheitspolitische Instrumente begriffen. „Soft Power“ erfährt in diesem Zusammenhang eine bemerkenswerte Umdeutung: Sie besteht nicht mehr in Attraktivität, normativer Anziehungskraft oder institutioneller Einbindung, sondern in der Fähigkeit, ökonomische Abhängigkeiten gezielt zu erzeugen und zu nutzen. Die Vereinigten Staaten beanspruchen, der wirtschaftliche und sicherheitspolitische „Partner erster Wahl“ in der Hemisphäre zu sein – explizit in Abgrenzung zu China, dessen wachsende Präsenz in Lateinamerika als strategischer Fehler der vergangenen Jahrzehnte dargestellt wird, der nun korrigiert werden müsse.
Auffällig ist dabei die Doppelstrategie, die die Trump Corollary prägt. Nach innen verbindet sie einen ausgeprägten Isolationismus – Abschottung, restriktive Migrationspolitik, kulturelle Abwehrdiskurse – mit einem nach außen gerichteten hegemonialen Anspruch. Lateinamerika nimmt dabei eine Schlüsselrolle ein: Es ist die erste Region, die in der neuen Sicherheitsdoktrin ausführlich behandelt wird. Nach Jahren der Vernachlässigung, so heißt es programmatisch, werde die Monroe-Doktrin erneut durchgesetzt, um die amerikanische Vormachtstellung in der westlichen Hemisphäre wiederherzustellen und den Zugang zu strategisch wichtigen Räumen zu sichern. Interventionismus wird dabei ausdrücklich als notwendiges Mittel anerkannt; eine strikte Bindung an das Prinzip der Nichteinmischung wird als unvereinbar mit den globalen Interessen der Vereinigten Staaten zurückgewiesen.
Der entscheidende Unterschied liegt jedoch darin, dass sich die weltpolitischen Rahmenbedingungen fundamental verändert haben. Lateinamerika ist heute nicht mehr der fragmentierte, von inneren Konflikten und mangelnder Staatlichkeit geprägte Raum des frühen 19. Jahrhunderts. Die Staaten der Region verfügen über gefestigte Staatlichkeit, große Binnenmärkte und erhebliche wirtschaftliche Bedeutung. Mercosur, die Andengemeinschaft und Mexiko repräsentieren zusammen mehr als eine halbe Milliarde Menschen und spielen eine zentrale Rolle bei der Förderung jener Rohstoffe (Lithium, Kupfer, Seltene Erden), die für die globale Transformation zur Klimaneutralität unverzichtbar sind.
Die National Security Strategy ist vor allem ein Ausdruck von Amerikas Schwäche
Gerade diese veränderte Akteursfähigkeit wird in der Trump Corollary systematisch unterschätzt. Zwar erfahren die meisten lateinamerikanischen Staaten in der US-Zollpolitik eine vergleichsweise milde Behandlung, was auf den ersten Blick als Annäherung interpretiert werden könnte. Doch zugleich werden unliebsame Regierungen gezielt unter Druck gesetzt – durch Strafzölle (Kolumbien, Brasilien), politische Beeinflussung von Wahlen (Honduras, El Salvador) oder offene Parteinahme bei Finanzkrediten (Argentinien). Venezuela bildet dabei den Extremfall einer offen feindseligen Politik, die politische Gegnerschaft mit strategischen und ökonomischen Interessen verbindet. Andere Länder, wie Brasilien oder Kolumbien, geraten weniger wegen sicherheitspolitischer Risiken als aufgrund politischer Missbilligung unter Druck. Präsident Lula in Brasilien hat dabei den Spieß umgedreht: Anders als im Falle Kolumbiens blieb die brasilianische Regierung dem Zolldruck aus Washington standhaft, wohl wissend, dass die Rohstoffexporte recht leicht umgelenkt werden konnten und für US-amerikanische Verbraucher eine Kaffeepreissteigerung von 45 Prozent innerhalb eines Jahres kaum zumutbar war.
Die Trump Corollary offenbart damit weniger die Rückkehr einer unangefochtenen amerikanischen Vormacht als vielmehr deren wachsende Unsicherheit. Militärische Drohungen, ökonomischer Zwang und eine aggressive Zollpolitik erweisen sich bereits kurzfristig als kostspielig für die Vereinigten Staaten selbst. Langfristig unterminieren sie jene „Soft Power“, deren Stärkung die National Security Strategy zugleich rhetorisch beschwört. Der Versuch, neue Abhängigkeitsverhältnisse zu schaffen, erzeugt Skepsis und fördert die Abwendung von Washington.
Gerade darin liegt eine historische Ironie: Die imperiale Semantik der Trump Corollary trifft auf eine zunehmend fragmentierte Ordnung, in der Lateinamerika über mehr Handlungsoptionen verfügt als je zuvor. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war Europa der zentrale Bezugspunkt der Region, anschließend wurden die USA zur dominierenden Macht. Zwar können die USA heute noch ihre militärische Stärke und ihr finanzwirtschaftliches Gewicht einsetzen, doch sie sehen sich zunehmend durch konkurrierende Mächte, insbesondere China, herausgefordert.. Für andere Akteure – nicht zuletzt für die Europäische Union – eröffnet sich damit die Möglichkeit, als langfristig verlässlicherer und fairer Partner aufzutreten. Ob dies gelingt, wird weniger von militärischer Stärke abhängen als von der Fähigkeit, jene Form kooperativer Ordnungspolitik anzubieten, von der sich die Vereinigten Staaten mit der Trump Corollary zunehmend verabschieden.