Putins Behauptung, die Idee einer eigenständigen nationalen Identität der Ukraine sei nichts als eine Verschwörung der westlichen Feinde Russlands, lässt tief blicken. Denn sie ist untrennbar mit der Entstehung des Russischen Reiches, seiner Geographie und der Art seiner kolonialen Herrschaft über andere Nationen verbunden.

  • Hanna Perekhoda

    Hanna Perekhoda ist Assistentin am Institut d'études politiques an der Universität Lausanne. Sie forscht zur imperialen Geschichte, der Geschichte der Revolution von 1917 und des russischen und ukrainischen Nationalismus. Ihre Beiträge zu russisch-ukrainischen Beziehungen wurden u.a. in Jacobin, New Politics, OpenDemocracy, Le Courrier d’Europe Centrale, Politis, European Alternatives Journal, Widerspruch und anderen Zeitschriften publiziert.

Als Putin die russi­sche Öffent­lich­keit auf den Einmarsch in die Ukraine vorbe­rei­tete, griff er immer wieder die Idee auf, Ukrainer:innen und Russ:innen seien „ein Volk“. Eine eigen­stän­dige natio­nale Iden­tität der Ukrainer:innen hingegen sei nichts anderes sei als eine Verschwö­rung von Feinden, die es auf die Exis­tenz Russ­lands abge­sehen hätten. Auch wenn es wenig mit den histo­ri­schen Tatsa­chen zu tun hat, gibt dieses Geschichts­nar­rativ Aufschluss über die Welt­sicht der Eliten Russ­lands. Denn es ist untrennbar mit der Entste­hung des Russi­schen Reiches, seiner Geogra­phie und der Art seiner kolo­nialen Herr­schaft über andere Nationen verbunden. 

Ich werde einige Thesen formu­lieren, die als Ausgangs­punkt dienen sollen, um folgende Fragen zu durch­denken: Welche Rolle nimmt die Ukraine im russi­schen natio­nalen und impe­rialen Projekt ein? Was bedeutet die Selbst­iden­ti­fi­ka­tion als „Russ:in“, und warum ist ohne ein Über­denken dieser Selbst­iden­ti­fi­ka­tion kein demo­kra­ti­sches Russ­land möglich? Und können russisch­spra­chige Ukrainer:innen dazu beitragen, Russ­land zu demokratisieren?

Der Westen als das „Andere“…

Russ­land schloss sich recht spät, im 18. Jahr­hun­dert, dem Club der west­li­chen Groß­mächte an. Während Europa gerade dabei war, tief­grei­fende Moder­ni­sie­rungs­pro­zesse zu durch­laufen, wurde der imagi­nierte „Westen“ als Inkar­na­tion begehrter Größe für die russi­schen Eliten zum einzigen bedeut­samen „Anderen“. Dabei verkannten sie aller­dings zum einen das Wesen dieser Moder­ni­sie­rungs­pro­zesse – und zum anderen die geogra­phi­schen Gege­ben­heiten. Für die west­li­chen Eliten wurde es ange­sichts der anwach­senden Forde­rungen nach Volks­sou­ve­rä­nität, die Frank­reich auf den Kopf stellten und über den euro­päi­schen Konti­nent schwappten, immer schwie­riger, ihre Legi­ti­mität mit dynas­ti­scher Logik zu begründen und das aufkom­mende natio­nal­staat­liche Denken zu igno­rieren. So mussten sie einen Balan­ceakt voll­bringen: Einer­seits ihre Impe­rien bewahren, um ihr Gewicht in der inter­na­tio­nalen Arena zu halten, ande­rer­seits Nationen aufbauen, um sich die innen­po­li­ti­sche Legi­ti­ma­tion zu sichern. 

Doch für Übersee-Imperien wie Frank­reich oder Groß­bri­tan­nien war es nicht unbe­dingt ein Wider­spruch, eine Nation zu bilden und gleich­zeitig das Impe­rium zu bewahren und auszu­dehnen: Ihre Metro­polen waren durch Meere und Ozeane von den eroberten Besit­zungen getrennt. Die Aufrecht­erhal­tung einer scharfen physi­schen und symbo­li­schen Distanz zu den Kolo­nien machte es möglich, den Bürgern der Metro­polen poli­ti­sche Rechte zu gewähren, ohne die Mecha­nismen der Ausbeu­tung und Domi­nanz in den Kolo­nien grund­sätz­lich in Frage zu stellen. Im konti­nen­talen Russi­schen Reich, wo alle ethni­schen, sozialen und geogra­phi­schen Grenzen verschwommen waren, wäre eine solche Stra­tegie zum Schei­tern verur­teilt gewesen. Inso­fern ließ das neue, von den national-demokratischen Revo­lu­tionen einge­läu­tete Modell der Moder­nität das auto­kra­ti­sche Russi­sche Reich gegen­über seinen west­li­chen Bünd­nis­part­nern immer wieder als minder­wertig erscheinen.

Nikolai Karazin, „Unter­wer­fung der Kasa­chen unter russi­sche Herr­schaft“, 1891, Quelle: eurasianet.org

Aus der Geogra­phie des Russi­schen Reiches ergab sich ein weiteres Problem. Die von Russ­land im 17. und 18. Jahr­hun­dert eroberten Terri­to­rien der Polnisch-Litauischen Adels­re­pu­blik waren poli­tisch und geogra­phisch näher am „Westen“, und damit auch an dem domi­nie­renden Modell der Moder­nität, als das russi­sche Kern­land selbst. Es war schwer, ihre Bewohner:innen den Stra­te­gien kolo­nialer Orien­ta­li­sie­rung zu unter­werfen, die Russ­land anwandte, wenn es mit den „Einge­bo­renen“ Sibi­riens, des Kaukasus und Zentral­asiens zu tun hatte. Russ­land musste also einen Vorrat von Diskursen und Prak­tiken anlegen, der es erlaubte, eine zivi­li­sa­to­ri­sche Über­le­gen­heit nicht nur gegen­über den „Einge­bo­renen“ im Osten, sondern auch gegen­über den Bewohner:innen der west­li­chen Terri­to­rien des Reiches zu bean­spru­chen. Dies bedeu­tete in erster Linie, auf dieje­nigen Eigen­schaften abzu­heben, die sie von dem der revo­lu­tio­nären Sünde anheim­ge­fal­lenen Westen unter­scheiden würden, und all das stärker zu gewichten, was sie mit der russi­schen Auto­kratie einen würde. Genau deswegen waren die Russi­fi­zie­rungs­maß­nahmen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahr­hun­derts forciert wurden, zual­ler­erst gegen die Bewohner:innen der west­li­chen Rand­ge­biete, die ortho­doxen „Kleinruss:innen“ (Ukrainer:innen) und Belarus:innen gerichtet, die zuneh­mend als unver­zicht­bare, aber zugleich unter­ge­ord­nete Teile des „drei­ei­nigen russi­schen Volkes“ markiert wurden. 

… und das russi­sche Nationalbewusstsein

Die gebil­deten Eliten des Zaren­rei­ches waren bestrebt, die Bevöl­ke­rung zu konso­li­dieren und zu mobi­li­sieren, erkannten dabei aber zumin­dest in Ansätzen das für das Impe­rium gefähr­liche demo­kra­ti­sche Poten­zial eines „nation buil­ding“. Daher kamen sie mit einem Surrogat für die „Nation“ auf – nämlich durch den Rück­griff auf das bereits im 17. Jahr­hun­dert entwi­ckelte, aber erst im 19. Jahr­hun­dert zu poli­ti­scher Wirk­mäch­tig­keit gekom­mene Konzept des ortho­doxen, aus „Großruss:innen“, „Kleinruss:innen“ und „Weißruss:innen“ bestehenden „drei­ei­nigen Volkes“ als orga­ni­sche Inter­es­sens­ein­heit der Kirche, des Monar­chen und seiner Unter­tanen. Eine poli­ti­sche Subjek­ti­vität brauchte ein solches „Volk“ nicht, da sein Wesen sich auf einer geis­tigen und kultu­rellen Einheit zu speisen hatte. Sobald sich jedoch russi­sche Intel­lek­tu­elle auf die Suche nach einer kultu­rell einheit­li­chen, geistig vereinten und histo­ri­schen verwur­zelten russi­schen „Nation“ machten, stießen sie zwangs­läufig auf den kultu­rell und sozial zutiefst unein­heit­li­chen Charakter der impe­rialen Gesell­schaft. Dieser offen­sicht­liche Wider­spruch bewegte sie jedoch nicht dazu, die Grund­lagen ihrer Welt­an­schauung zu über­denken: Das euro­päi­sche natio­nen­zen­trierte Welt­bild hatte sich bereits zu fest in ihrem Bewusst­sein verankert.

Um die Einheit von „Volks­geist“ und „Volks­körper“ zu stärken, schlugen sie vor, zu seinen vom Westen unver­dor­benen „Ursprüngen“ zurück­zu­kehren. Dabei stand als Symbol der russi­schen kultu­rellen und histo­ri­schen Authen­ti­zität einzig der Mythos von der mittel­al­ter­li­chen Kyiver Rus und ihrem slavisch-russischen Volk zu Verfü­gung. Dieser Mythos, obwohl erst Mitte des 17. Jahr­hun­derts von Kyiver Geist­li­chen kreiert, wurde immer wieder für den Kampf gegen die polni­sche Aris­to­kratie aktualisiert.

So begann sich ab den 1840er Jahren in den Köpfen gebil­deter Russ:innen ein Komplex von Vorstel­lungen über sich und die Welt abzu­zeichnen, in dem sich die Grenze zwischen ihnen selbst und dem bedeut­samen, aber uner­reich­baren west­li­chen „Anderen“ heraus­bil­dete. Die von der Disso­nanz zwischen dem Ideal der Nation und der Realität des Impe­riums ausge­löste Frus­tra­tion führte viele sich als euro­pä­isch verste­hende Intel­lek­tu­elle Russ­lands dazu, sich gegen den imagi­nierten Westen zu posi­tio­nieren, indem sie das Terri­to­rium der heutigen Ukraine als Quelle russi­scher natio­naler Authen­ti­zität in Beschlag nahmen.

Der Wider­spruch zwischen der Hete­ro­ge­nität des konti­nen­talen Impe­riums und dem Bedürfnis, als Natio­nal­staat zu gelten, führte in der Praxis dazu, dass es keine Kohä­renz in der Wahr­neh­mung wie in der Beherr­schung des impe­rialen Staates gab. Daraus resul­tierten wiederum zuneh­mende Wider­sprüche und eine Insta­bi­lität inner­halb des Landes. Da jedoch die Eliten davon ausgingen, dass das „russi­sche Volk“ von einer intrin­si­schen Einheit beseelt und in Liebe zum Zaren geeint sei, und zugleich demo­kra­ti­sche Insti­tu­tionen, die diese Annahme einem Reali­täts­check unter­ziehen könnten, fehlten, begann man, innere Probleme ausschließ­lich als Werk von Feinden zu sehen, die die natür­liche Harmonie zwischen Herr­scher und Unter­tanen zerstören wollen würden. Als Feind traten dabei der „Westen“ und seine Agenten auf den Plan und die Ukraine wurde schon im 19. Jahr­hun­dert zu jenem verwund­baren Teil, der vom natio­nalen Körper losge­rissen werde, um Russ­land zu schwä­chen und ihm den Status als Groß­macht zu versagen.

Sie können uns unter­stützen, indem Sie diesen Artikel teilen: 

Die Ukraine als imagi­näres Zentrum der russi­schen Grösse

Auf diese Weise entstand im 18. und 19. Jahr­hun­dert eine bestimmte Auswahl an Ideen über das „Russisch-Sein“, die die konkrete poli­ti­sche Aufgabe, die sich vor den Eliten des russi­schen Impe­riums aufgetan hatte, lösen sollten. Diese Aufgabe bestand darin, das tradi­tio­nelle Reich von den west­li­chen „Seuchen“, den natio­nalen und demo­kra­ti­schen Revo­lu­tionen, fern­zu­halten. Die Ukraine erschien in diesem Blick­winkel als Verkör­pe­rung der kultu­rell authen­ti­schen russi­schen Nation und der histo­ri­schen Konti­nuität russi­scher Staat­lich­keit und wurde damit zum Boll­werk der „russi­schen“ (impe­rialen und auto­kra­ti­schen) Zivi­li­sa­tion vor der „west­li­chen“ (natio­nalen und demo­kra­ti­schen) Gefahr.

Darüber hinaus diente die von ortho­doxen Slaven besie­delte Ukraine dem Russi­schen Reich als demo­gra­phi­sches Reser­voir von „russi­schen“ Ortho­doxen, die man losschi­cken konnte, um andere Rand­ge­biete des Reiches zu kolo­ni­sieren und zu „zivi­li­sieren“, um so das wuchernde impe­riale Terri­to­rium zusam­men­zu­halten. Und nicht zuletzt war die Ukraine mit ihren reichen Natur­res­sourcen eine reale Stütze der wirt­schaft­li­chen und mili­tä­ri­schen Macht des Russi­schen Reiches, die notwendig war, um auf inter­na­tio­naler Ebene als Groß­macht auftreten zu können. All das führte dazu, dass sich am Ende des 19. Jahr­hun­derts im Bewusst­sein der poli­ti­schen Eliten endgültig die Vorstel­lung verfes­tigte, dass die Schaf­fung eines russi­schen natio­nalen Kern­ter­ri­to­riums durch die Assi­mi­la­tion der ukrai­ni­schen Bevöl­ke­rung das einzige Mittel sei, um das Impe­rium zu bewahren und mit dem imagi­nierten Westen auf Augen­höhe aufzu­treten. So fand sich die Ukraine im Zentrum der Vorstel­lungen russi­scher poli­ti­scher und intel­lek­tu­eller Eliten wieder, wenn es darum ging, wie Russ­land innere Stabi­lität und äußere Größe erlangen sollte. In Folge dessen wurden die Ukrainer:innen nicht nur ins Projekt des russi­schen Impe­riums, sondern auch in das der russi­schen Nation einge­flochten. In diesem Sinne unter­schied sich ihre Rolle im Selbst­bild der poli­ti­schen Eliten Russ­lands von der aller anderen Völker des Imperiums.

Schöne Lite­ratur als Realitätsersatz

Die oben beschrie­bene Welt­wahr­neh­mung ist in erster Linie ein Projekt der Eliten, die auch heute die glei­chen Narra­tive für ihre poli­ti­schen Zwecke mobi­li­sieren. Aber heißt dies, dass sie bloß als Top-Down-Manipulation wirk­mächtig wird? Ich wage zu behaupten, dass diese Mani­pu­la­tionen nicht jedes Mal mit der Leich­tig­keit funk­tio­nieren würden, mit der Russ:innen zum Beispiel der Anne­xion der Krim applau­dierten, wenn die entspre­chenden Vorstel­lungen nicht ins Verständnis von „Russisch-Sein“ einge­schrieben wären.

Kolo­niale Expan­sion, eine nicht konse­quente Moder­ni­sie­rung, die Versuche, den zaris­ti­schen Abso­lu­tismus in einem Europa der bürger­li­chen Revo­lu­tionen und Repu­bliken zu bewahren – all diese Prozesse haben die Selbst- und Welt­sicht der intel­lek­tu­ellen Eliten des Reiches geprägt. Der Messia­nismus, das Anti-Westlertum, die Negie­rung der Ukraine als selb­stän­diges Subjekt waren die Produkte dieses histo­ri­schen Kontexts. Das Problem liegt darin, dass all das nach und nach zum abso­luten und unver­rück­baren Wesens­kern russi­scher Iden­tität geworden ist. Das „Russisch-Sein“ als eine Ansamm­lung von Vorstel­lungen ist zwar eine Schöp­fung von Poli­ti­kern und Intel­lek­tu­ellen des 19. Jahr­hun­derts, aber mit der Verbrei­tung von allge­meiner Bildung im 20. Jahr­hun­dert fanden diese Vorstel­lung von sich und der Welt Einzug ins Selbst­bild breiter Bevöl­ke­rungs­kreise. Die im 18. und 19. Jahr­hun­dert entwi­ckelten Diskurse wurden in der sowje­ti­schen, vor allem der post-stalinschen Epoche zu klas­si­schen Beispielen russi­scher Kultur und werden als kano­ni­sche Beispiele russi­scher Schaf­fens­kraft jenseits allen histo­ri­schen Kontextes gesehen. Ange­sichts des Mangels an Insti­tu­tionen, die notwendig zum Aufbau eines Natio­nal­staates gehören– Staats­bür­ger­recht, reprä­sen­ta­tive Demo­kratie und andere Errun­gen­schaften der bürger­li­chen Revo­lu­tionen des 19. Jahr­hun­derts –, wurde in Russ­land die natio­nale Iden­tität vor allem entlang lite­ra­ri­scher Texte aufgebaut. 

Dieser Lite­ra­tur­zen­trismus ist der Versuch, eine Grup­pen­iden­tität zu erlangen, wo keine Mittel zu ihrem realen Aufbau verfügbar sind – wie etwa Presse- oder Versamm­lungs­frei­heit. Der Lite­ra­tur­kult, zusammen mit dem Fehlen bürger­li­cher und poli­ti­scher Frei­heiten, hat dem russi­schen Natio­na­lismus einen bösen Streich gespielt, indem er das „Russisch-Sein“ mit einer unver­rück­baren und zugleich absolut anachro­nis­ti­schen Auswahl von Ideen und Begriffen verknüpfte.

Die post­so­wje­ti­sche Zeit

Die in den fried­li­chen Revo­lu­tionen von 1989-1990 in Osteu­ropa so viru­lente Idee der staats­bür­ger­li­chen Nation, die auf kollek­tiver Teil­nahme am poli­ti­schen Leben begründet ist und an die das neue Russ­land nach dem Ende der Sowjet­union hätte anknüpfen können, wurde in post­so­wje­ti­scher Zeit rasch entwertet. Die neuen olig­ar­chi­schen Eliten haben den demo­kra­ti­schen Diskurs bloß genutzt, um natio­nales Vermögen zu plün­dern, und als Ergebnis fingen viele russi­sche Bürger:innen an, Demo­kratie mit Verfall zu asso­zi­ieren. Zur glei­chen Zeit gewannen in der Gesell­schaft Konzepte der Nation, die den diskre­di­tierten Ideen des Libe­ra­lismus und der Demo­kratie zuwi­der­liefen, an Boden. Intel­lek­tu­elle fingen an, ihre Inspi­ra­tion aus den Werken monar­chis­ti­scher Emigranten und konser­va­tiver Denker zu schöpfen, die zu Sowjet­zeiten verboten waren, nun aber den Buch­markt über­flu­teten. Dadurch erfolgte eine unkri­ti­sche Verin­ner­li­chung der poli­ti­schen Konzepte und Mytho­lo­gien des späten 19. und frühen 20. Jahr­hun­derts durch das post­so­wje­ti­sche Lese­pu­blikum. Es ist zentral, dass die Ukraine – entweder als Ganzes oder Teile von ihr – in diesen wieder zum Leben erweckten Narra­tiven ins Gewebe der imagi­nierten russi­schen Nation einge­woben war.

Als Putin und seine Mann­schaft an die Macht gekommen waren, verzich­teten sie auf ein einheit­li­ches Konzept einer russi­schen Nation. So konnten sie sich die Möglich­keit offen­lassen, je nach poli­ti­schem Bedarf unter­schied­liche diskur­sive Hebel zu betä­tigen. Doch der Groß­teil der diskur­siven Instru­mente in ihrem Arsenal appel­lierte an das Ressen­ti­ment und das Gefühl, die natio­nale Zusam­men­set­zung Russ­land stimme nicht mit den natio­na­lis­ti­schen ideo­lo­gi­schen Prämissen überein. Dieses Narrativ speiste natio­na­lis­ti­sche Bestre­bungen zur vorgeb­li­chen Wieder­her­stel­lung dieser Iden­tität von „Volk“ und Terri­to­rium und schuf die Illu­sion einer Inter­es­sens­gleich­heit zwischen Staat und Bevöl­ke­rung. Und auch wenn diese Mythen­schöp­fung zunächst ledig­lich zur gesell­schaft­li­chen Mobi­li­sie­rung gedacht war, haben Ideo­lo­gien die Eigen­schaft, außer Kontrolle zu geraten und auch ihre Schöpfer mit sich zu reißen.

Der untote Leichnam des russi­schen Ressentiments

Man stellt sich unfrei­willig die Frage: Kann man über­haupt ein demo­kra­ti­sches und nicht impe­ria­les­Russ­land aufbauen, ohne die Ideo­lo­geme in Frage zu stellen, die das impe­riale Projekt immer und immer wieder aufer­stehen lassen? Kann Russ­land sich verän­dern, wenn der russi­sche Durch­schnitts­bürger weiterhin denkt, dass sein Volk eine einma­lige Mission habe, wenn er weiterhin von seiner „staats­tra­genden Rolle“ in den Geschichts­lehr­bü­chern und von seiner „beson­deren Mission“ in den Werken „großer russi­scher Schrift­steller“ liest, wenn er weiterhin Gedichte lernt wie jenes von Fëdor Tjutčev, wonach man „Russ­land nicht mit dem Verstand begreifen, nicht mit allge­meinen Maß messen“ könne?

Ohne eine grund­le­gende kriti­sche Neube­wer­tung werden diese Narra­tive des natio­nalen Selbst­be­wusst­seins immer und immer wieder den verwe­senden Leichnam des russi­schen Ressen­ti­ments an die Ober­fläche treiben, sobald die Macht­haber wieder einmal das Bedürfnis danach haben und entspre­chende Impulse geben sollten. Ohne das Bewusst­sein für die histo­ri­sche Kontex­tua­lität der für „Russ:innen“ kano­ni­schen Vorstel­lungen von ihnen selbst und der sie umge­benden Welt, ohne ihre kriti­sche Dekon­struk­tion und vor allen ohne stabile Insti­tu­tionen, die diese Dekon­struk­tion möglich machen würden, riskiert ein „Russ­land der Zukunft“, wie es sich russi­sche Oppo­si­tio­nelle aktuell ausmalen, wieder einmal den Weg zu gehen, den es schon mehr­mals gegangen ist: von Versu­chen demo­kra­ti­scher Umge­stal­tung hin zur Diktatur. Es versteht sich von selbst, dass sich diese Dekon­struk­ti­ons­pro­zesse nicht auf einen kleinen Kreis der „Auser­wählten“ beschränken dürfen. Eine unab­ding­bare Voraus­set­zung dafür ist nicht zuletzt die Über­win­dung der erschre­ckenden sozialen Ungleich­heit, die nicht nur die Beja­hung des Krieges, sondern auch die unmit­tel­bare Teil­nahme an ihm möglich macht.

Die ukrai­ni­sche Unab­hän­gig­keit und die impe­riale Blindheit

Ein Schlüs­sel­faktor, der zu Russ­lands Fehl­kal­ku­la­tion in seiner „Mili­tär­ope­ra­tion“ führte, war es, den Ukrainer:innen jede Hand­lungs­fä­hig­keit abzu­spre­chen. Mit dem massiven Wider­stand der ukrai­ni­schen Bevöl­ke­rung konfron­tiert, konnten russi­sche Nationalist:innen mit Entsetzen beob­achten, wie ihre imagi­näre Welt der ewigen und intrin­si­schen Einheit der Russ:innen und der Ukrainer:innen in sich zusam­men­fällt. Als Putin plante, Kyiv in drei Tagen einzu­nehmen, vergaß er, ein kleines Detail zu berück­sich­tigen: Die Ukraine ist nicht von den fiktiven, dümm­li­chen Bauern aus sowje­ti­schen Filmen bevöl­kert. Dort leben reale Menschen, die sich in den 30 Jahren Unab­hän­gig­keit an demo­kra­ti­sche Wahlen gewöhnt und sogar an mehreren Revo­lu­tionen gegen auto­ri­täre und korrupte Herr­scher teil­ge­nommen hatten. In diesem Prozess haben sie eine eigene, von Russ­land unab­hän­gige Gemein­schaft hori­zon­taler Soli­da­rität – eine Nation – geschaffen, die viele von ihnen zu vertei­digen bereit sind.

Die impe­riale Blind­heit betrifft nicht nur die pro Putin und pro Krieg einge­stellte Teile der russi­schen Öffent­lich­keit, sondern auch den Groß­teil der Vertreter der Titu­lar­na­tion. Die Stimmen der Bürger:innen von Staaten, die Russ­land zu ihrer Einfluss­sphäre zählt, sowie der Vertreter:innen ethni­scher Minder­heiten inner­halb Russ­lands selbst, finden bei diesen kaum Gehör, unab­hängig von ihrer Einstel­lung zu Putin und zum Krieg. Wenn man in einem Diskurs geboren und aufge­wachsen ist, der Russ­land ausschließ­lich als „Natio­nal­staat“ kate­go­ri­siert, ist es kaum möglich zu sehen, dass Russ­land von Millionen bewohnt wird, die sich im „russi­schen“ natio­nalen Projekt nicht reprä­sen­tiert sehen, vor allem wenn dieses die Form eines mili­ta­ri­sierten Ethno­na­tio­na­lismus annimmt. Dies bedeutet, dass wenn es einmal wieder eine Staats­krise geben sollte, die russi­schen Intel­lek­tu­ellen aufgrund ihrer impe­rialen Blind­heit dem Zusam­men­bruchs ihres Impe­riums, das sie für einen Natio­nal­staat halten, einmal mehr hilflos zusehen werden.

Ist eine russi­sche deko­lo­niale und eman­zi­pa­to­ri­sche Kultur möglich?

Die Ukrainer:innen müssen sich damit abfinden, dass die Russ:innen weiterhin ihre Nachbar:innen bleiben. Es ist also in ihrem Inter­esse, dass diese ein nicht aggres­sives Staats­wesen aufbauen und ein solches Bild von sich und von der Welt entwi­ckeln, das die Souve­rä­nität der Nach­bar­staaten nicht in Frage stellt. In der Ukraine gibt es eine Gemein­schaft, die Impulse für weitere Verän­de­rungen in Russ­land geben kann: Die russisch­spra­chigen Ukrainer:innen, die teil­weise in eben­jenem russi­schen impe­rialen Diskurs aufge­wachsen sind, die aber zugleich Zugang zu alter­na­tiven, anti­im­pe­rialen Narra­tiven gefunden haben. Der Krieg hat Millionen von Ukrainer:innen die Erfah­rung von Soli­da­rität, Selbst­or­ga­ni­sa­tion und hori­zon­taler Vernet­zung gegeben, im Zuge dessen sich eine poli­ti­sche „Nation“ formiert, wenn wir eine solche als poli­ti­sche Soli­dar­ge­mein­schaft betrachten. 

Diese Ukrainer:innen könnten den Russ:innen demons­trieren, wie man ein poli­ti­sches Gemein­wesen aufbauen und ohne Impe­rium leben kann. Sie könnten dafür die russi­sche Sprache nutzen, die kein exklu­sives Eigentum der Russ:innen und schon gar nicht Putins ist, um mit ihrer Hilfe eine eman­zi­pa­to­ri­sche Kultur zu schaffen und Russ­land zugleich das Monopol auf die russi­sche Sprache zu nehmen. Die Provin­zia­li­sie­rung und Appro­pria­tion der russi­schen Sprache eröffnet auch neue Möglich­keiten für Kontakte zwischen ehema­ligen Subal­ternen Russ­lands und für deren kollek­tiven Wider­stand gegen das impe­riale Zentrum. Womög­lich könnte eine solche russi­sche Sprache zum Instru­ment der Subver­sion werden, zu einem Schlüssel für die Umwand­lung des Raumes eines ehema­ligen Impe­riums in einen Raum radi­kaler Befreiung.

Über­set­zung aus dem Russi­schen: Gleb J. Albert