Als Putin die russische Öffentlichkeit auf den Einmarsch in die Ukraine vorbereitete, griff er immer wieder die Idee auf, Ukrainer:innen und Russ:innen seien „ein Volk“. Eine eigenständige nationale Identität der Ukrainer:innen hingegen sei nichts anderes sei als eine Verschwörung von Feinden, die es auf die Existenz Russlands abgesehen hätten. Auch wenn es wenig mit den historischen Tatsachen zu tun hat, gibt dieses Geschichtsnarrativ Aufschluss über die Weltsicht der Eliten Russlands. Denn es ist untrennbar mit der Entstehung des Russischen Reiches, seiner Geographie und der Art seiner kolonialen Herrschaft über andere Nationen verbunden.
Ich werde einige Thesen formulieren, die als Ausgangspunkt dienen sollen, um folgende Fragen zu durchdenken: Welche Rolle nimmt die Ukraine im russischen nationalen und imperialen Projekt ein? Was bedeutet die Selbstidentifikation als „Russ:in“, und warum ist ohne ein Überdenken dieser Selbstidentifikation kein demokratisches Russland möglich? Und können russischsprachige Ukrainer:innen dazu beitragen, Russland zu demokratisieren?
Der Westen als das „Andere“…
Russland schloss sich recht spät, im 18. Jahrhundert, dem Club der westlichen Großmächte an. Während Europa gerade dabei war, tiefgreifende Modernisierungsprozesse zu durchlaufen, wurde der imaginierte „Westen“ als Inkarnation begehrter Größe für die russischen Eliten zum einzigen bedeutsamen „Anderen“. Dabei verkannten sie allerdings zum einen das Wesen dieser Modernisierungsprozesse – und zum anderen die geographischen Gegebenheiten. Für die westlichen Eliten wurde es angesichts der anwachsenden Forderungen nach Volkssouveränität, die Frankreich auf den Kopf stellten und über den europäischen Kontinent schwappten, immer schwieriger, ihre Legitimität mit dynastischer Logik zu begründen und das aufkommende nationalstaatliche Denken zu ignorieren. So mussten sie einen Balanceakt vollbringen: Einerseits ihre Imperien bewahren, um ihr Gewicht in der internationalen Arena zu halten, andererseits Nationen aufbauen, um sich die innenpolitische Legitimation zu sichern.
Doch für Übersee-Imperien wie Frankreich oder Großbritannien war es nicht unbedingt ein Widerspruch, eine Nation zu bilden und gleichzeitig das Imperium zu bewahren und auszudehnen: Ihre Metropolen waren durch Meere und Ozeane von den eroberten Besitzungen getrennt. Die Aufrechterhaltung einer scharfen physischen und symbolischen Distanz zu den Kolonien machte es möglich, den Bürgern der Metropolen politische Rechte zu gewähren, ohne die Mechanismen der Ausbeutung und Dominanz in den Kolonien grundsätzlich in Frage zu stellen. Im kontinentalen Russischen Reich, wo alle ethnischen, sozialen und geographischen Grenzen verschwommen waren, wäre eine solche Strategie zum Scheitern verurteilt gewesen. Insofern ließ das neue, von den national-demokratischen Revolutionen eingeläutete Modell der Modernität das autokratische Russische Reich gegenüber seinen westlichen Bündnispartnern immer wieder als minderwertig erscheinen.

Nikolai Karazin, „Unterwerfung der Kasachen unter russische Herrschaft“, 1891, Quelle: eurasianet.org
Aus der Geographie des Russischen Reiches ergab sich ein weiteres Problem. Die von Russland im 17. und 18. Jahrhundert eroberten Territorien der Polnisch-Litauischen Adelsrepublik waren politisch und geographisch näher am „Westen“, und damit auch an dem dominierenden Modell der Modernität, als das russische Kernland selbst. Es war schwer, ihre Bewohner:innen den Strategien kolonialer Orientalisierung zu unterwerfen, die Russland anwandte, wenn es mit den „Eingeborenen“ Sibiriens, des Kaukasus und Zentralasiens zu tun hatte. Russland musste also einen Vorrat von Diskursen und Praktiken anlegen, der es erlaubte, eine zivilisatorische Überlegenheit nicht nur gegenüber den „Eingeborenen“ im Osten, sondern auch gegenüber den Bewohner:innen der westlichen Territorien des Reiches zu beanspruchen. Dies bedeutete in erster Linie, auf diejenigen Eigenschaften abzuheben, die sie von dem der revolutionären Sünde anheimgefallenen Westen unterscheiden würden, und all das stärker zu gewichten, was sie mit der russischen Autokratie einen würde. Genau deswegen waren die Russifizierungsmaßnahmen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts forciert wurden, zuallererst gegen die Bewohner:innen der westlichen Randgebiete, die orthodoxen „Kleinruss:innen“ (Ukrainer:innen) und Belarus:innen gerichtet, die zunehmend als unverzichtbare, aber zugleich untergeordnete Teile des „dreieinigen russischen Volkes“ markiert wurden.
… und das russische Nationalbewusstsein
Die gebildeten Eliten des Zarenreiches waren bestrebt, die Bevölkerung zu konsolidieren und zu mobilisieren, erkannten dabei aber zumindest in Ansätzen das für das Imperium gefährliche demokratische Potenzial eines „nation building“. Daher kamen sie mit einem Surrogat für die „Nation“ auf – nämlich durch den Rückgriff auf das bereits im 17. Jahrhundert entwickelte, aber erst im 19. Jahrhundert zu politischer Wirkmächtigkeit gekommene Konzept des orthodoxen, aus „Großruss:innen“, „Kleinruss:innen“ und „Weißruss:innen“ bestehenden „dreieinigen Volkes“ als organische Interessenseinheit der Kirche, des Monarchen und seiner Untertanen. Eine politische Subjektivität brauchte ein solches „Volk“ nicht, da sein Wesen sich auf einer geistigen und kulturellen Einheit zu speisen hatte. Sobald sich jedoch russische Intellektuelle auf die Suche nach einer kulturell einheitlichen, geistig vereinten und historischen verwurzelten russischen „Nation“ machten, stießen sie zwangsläufig auf den kulturell und sozial zutiefst uneinheitlichen Charakter der imperialen Gesellschaft. Dieser offensichtliche Widerspruch bewegte sie jedoch nicht dazu, die Grundlagen ihrer Weltanschauung zu überdenken: Das europäische nationenzentrierte Weltbild hatte sich bereits zu fest in ihrem Bewusstsein verankert.
Um die Einheit von „Volksgeist“ und „Volkskörper“ zu stärken, schlugen sie vor, zu seinen vom Westen unverdorbenen „Ursprüngen“ zurückzukehren. Dabei stand als Symbol der russischen kulturellen und historischen Authentizität einzig der Mythos von der mittelalterlichen Kyiver Rus und ihrem slavisch-russischen Volk zu Verfügung. Dieser Mythos, obwohl erst Mitte des 17. Jahrhunderts von Kyiver Geistlichen kreiert, wurde immer wieder für den Kampf gegen die polnische Aristokratie aktualisiert.
So begann sich ab den 1840er Jahren in den Köpfen gebildeter Russ:innen ein Komplex von Vorstellungen über sich und die Welt abzuzeichnen, in dem sich die Grenze zwischen ihnen selbst und dem bedeutsamen, aber unerreichbaren westlichen „Anderen“ herausbildete. Die von der Dissonanz zwischen dem Ideal der Nation und der Realität des Imperiums ausgelöste Frustration führte viele sich als europäisch verstehende Intellektuelle Russlands dazu, sich gegen den imaginierten Westen zu positionieren, indem sie das Territorium der heutigen Ukraine als Quelle russischer nationaler Authentizität in Beschlag nahmen.
Der Widerspruch zwischen der Heterogenität des kontinentalen Imperiums und dem Bedürfnis, als Nationalstaat zu gelten, führte in der Praxis dazu, dass es keine Kohärenz in der Wahrnehmung wie in der Beherrschung des imperialen Staates gab. Daraus resultierten wiederum zunehmende Widersprüche und eine Instabilität innerhalb des Landes. Da jedoch die Eliten davon ausgingen, dass das „russische Volk“ von einer intrinsischen Einheit beseelt und in Liebe zum Zaren geeint sei, und zugleich demokratische Institutionen, die diese Annahme einem Realitätscheck unterziehen könnten, fehlten, begann man, innere Probleme ausschließlich als Werk von Feinden zu sehen, die die natürliche Harmonie zwischen Herrscher und Untertanen zerstören wollen würden. Als Feind traten dabei der „Westen“ und seine Agenten auf den Plan und die Ukraine wurde schon im 19. Jahrhundert zu jenem verwundbaren Teil, der vom nationalen Körper losgerissen werde, um Russland zu schwächen und ihm den Status als Großmacht zu versagen.
Die Ukraine als imaginäres Zentrum der russischen Grösse
Auf diese Weise entstand im 18. und 19. Jahrhundert eine bestimmte Auswahl an Ideen über das „Russisch-Sein“, die die konkrete politische Aufgabe, die sich vor den Eliten des russischen Imperiums aufgetan hatte, lösen sollten. Diese Aufgabe bestand darin, das traditionelle Reich von den westlichen „Seuchen“, den nationalen und demokratischen Revolutionen, fernzuhalten. Die Ukraine erschien in diesem Blickwinkel als Verkörperung der kulturell authentischen russischen Nation und der historischen Kontinuität russischer Staatlichkeit und wurde damit zum Bollwerk der „russischen“ (imperialen und autokratischen) Zivilisation vor der „westlichen“ (nationalen und demokratischen) Gefahr.
Darüber hinaus diente die von orthodoxen Slaven besiedelte Ukraine dem Russischen Reich als demographisches Reservoir von „russischen“ Orthodoxen, die man losschicken konnte, um andere Randgebiete des Reiches zu kolonisieren und zu „zivilisieren“, um so das wuchernde imperiale Territorium zusammenzuhalten. Und nicht zuletzt war die Ukraine mit ihren reichen Naturressourcen eine reale Stütze der wirtschaftlichen und militärischen Macht des Russischen Reiches, die notwendig war, um auf internationaler Ebene als Großmacht auftreten zu können. All das führte dazu, dass sich am Ende des 19. Jahrhunderts im Bewusstsein der politischen Eliten endgültig die Vorstellung verfestigte, dass die Schaffung eines russischen nationalen Kernterritoriums durch die Assimilation der ukrainischen Bevölkerung das einzige Mittel sei, um das Imperium zu bewahren und mit dem imaginierten Westen auf Augenhöhe aufzutreten. So fand sich die Ukraine im Zentrum der Vorstellungen russischer politischer und intellektueller Eliten wieder, wenn es darum ging, wie Russland innere Stabilität und äußere Größe erlangen sollte. In Folge dessen wurden die Ukrainer:innen nicht nur ins Projekt des russischen Imperiums, sondern auch in das der russischen Nation eingeflochten. In diesem Sinne unterschied sich ihre Rolle im Selbstbild der politischen Eliten Russlands von der aller anderen Völker des Imperiums.
Schöne Literatur als Realitätsersatz
Die oben beschriebene Weltwahrnehmung ist in erster Linie ein Projekt der Eliten, die auch heute die gleichen Narrative für ihre politischen Zwecke mobilisieren. Aber heißt dies, dass sie bloß als Top-Down-Manipulation wirkmächtig wird? Ich wage zu behaupten, dass diese Manipulationen nicht jedes Mal mit der Leichtigkeit funktionieren würden, mit der Russ:innen zum Beispiel der Annexion der Krim applaudierten, wenn die entsprechenden Vorstellungen nicht ins Verständnis von „Russisch-Sein“ eingeschrieben wären.
Koloniale Expansion, eine nicht konsequente Modernisierung, die Versuche, den zaristischen Absolutismus in einem Europa der bürgerlichen Revolutionen und Republiken zu bewahren – all diese Prozesse haben die Selbst- und Weltsicht der intellektuellen Eliten des Reiches geprägt. Der Messianismus, das Anti-Westlertum, die Negierung der Ukraine als selbständiges Subjekt waren die Produkte dieses historischen Kontexts. Das Problem liegt darin, dass all das nach und nach zum absoluten und unverrückbaren Wesenskern russischer Identität geworden ist. Das „Russisch-Sein“ als eine Ansammlung von Vorstellungen ist zwar eine Schöpfung von Politikern und Intellektuellen des 19. Jahrhunderts, aber mit der Verbreitung von allgemeiner Bildung im 20. Jahrhundert fanden diese Vorstellung von sich und der Welt Einzug ins Selbstbild breiter Bevölkerungskreise. Die im 18. und 19. Jahrhundert entwickelten Diskurse wurden in der sowjetischen, vor allem der post-stalinschen Epoche zu klassischen Beispielen russischer Kultur und werden als kanonische Beispiele russischer Schaffenskraft jenseits allen historischen Kontextes gesehen. Angesichts des Mangels an Institutionen, die notwendig zum Aufbau eines Nationalstaates gehören– Staatsbürgerrecht, repräsentative Demokratie und andere Errungenschaften der bürgerlichen Revolutionen des 19. Jahrhunderts –, wurde in Russland die nationale Identität vor allem entlang literarischer Texte aufgebaut.
Dieser Literaturzentrismus ist der Versuch, eine Gruppenidentität zu erlangen, wo keine Mittel zu ihrem realen Aufbau verfügbar sind – wie etwa Presse- oder Versammlungsfreiheit. Der Literaturkult, zusammen mit dem Fehlen bürgerlicher und politischer Freiheiten, hat dem russischen Nationalismus einen bösen Streich gespielt, indem er das „Russisch-Sein“ mit einer unverrückbaren und zugleich absolut anachronistischen Auswahl von Ideen und Begriffen verknüpfte.
Die postsowjetische Zeit
Die in den friedlichen Revolutionen von 1989-1990 in Osteuropa so virulente Idee der staatsbürgerlichen Nation, die auf kollektiver Teilnahme am politischen Leben begründet ist und an die das neue Russland nach dem Ende der Sowjetunion hätte anknüpfen können, wurde in postsowjetischer Zeit rasch entwertet. Die neuen oligarchischen Eliten haben den demokratischen Diskurs bloß genutzt, um nationales Vermögen zu plündern, und als Ergebnis fingen viele russische Bürger:innen an, Demokratie mit Verfall zu assoziieren. Zur gleichen Zeit gewannen in der Gesellschaft Konzepte der Nation, die den diskreditierten Ideen des Liberalismus und der Demokratie zuwiderliefen, an Boden. Intellektuelle fingen an, ihre Inspiration aus den Werken monarchistischer Emigranten und konservativer Denker zu schöpfen, die zu Sowjetzeiten verboten waren, nun aber den Buchmarkt überfluteten. Dadurch erfolgte eine unkritische Verinnerlichung der politischen Konzepte und Mythologien des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts durch das postsowjetische Lesepublikum. Es ist zentral, dass die Ukraine – entweder als Ganzes oder Teile von ihr – in diesen wieder zum Leben erweckten Narrativen ins Gewebe der imaginierten russischen Nation eingewoben war.
Als Putin und seine Mannschaft an die Macht gekommen waren, verzichteten sie auf ein einheitliches Konzept einer russischen Nation. So konnten sie sich die Möglichkeit offenlassen, je nach politischem Bedarf unterschiedliche diskursive Hebel zu betätigen. Doch der Großteil der diskursiven Instrumente in ihrem Arsenal appellierte an das Ressentiment und das Gefühl, die nationale Zusammensetzung Russland stimme nicht mit den nationalistischen ideologischen Prämissen überein. Dieses Narrativ speiste nationalistische Bestrebungen zur vorgeblichen Wiederherstellung dieser Identität von „Volk“ und Territorium und schuf die Illusion einer Interessensgleichheit zwischen Staat und Bevölkerung. Und auch wenn diese Mythenschöpfung zunächst lediglich zur gesellschaftlichen Mobilisierung gedacht war, haben Ideologien die Eigenschaft, außer Kontrolle zu geraten und auch ihre Schöpfer mit sich zu reißen.
Der untote Leichnam des russischen Ressentiments
Man stellt sich unfreiwillig die Frage: Kann man überhaupt ein demokratisches und nicht imperialesRussland aufbauen, ohne die Ideologeme in Frage zu stellen, die das imperiale Projekt immer und immer wieder auferstehen lassen? Kann Russland sich verändern, wenn der russische Durchschnittsbürger weiterhin denkt, dass sein Volk eine einmalige Mission habe, wenn er weiterhin von seiner „staatstragenden Rolle“ in den Geschichtslehrbüchern und von seiner „besonderen Mission“ in den Werken „großer russischer Schriftsteller“ liest, wenn er weiterhin Gedichte lernt wie jenes von Fëdor Tjutčev, wonach man „Russland nicht mit dem Verstand begreifen, nicht mit allgemeinen Maß messen“ könne?
Ohne eine grundlegende kritische Neubewertung werden diese Narrative des nationalen Selbstbewusstseins immer und immer wieder den verwesenden Leichnam des russischen Ressentiments an die Oberfläche treiben, sobald die Machthaber wieder einmal das Bedürfnis danach haben und entsprechende Impulse geben sollten. Ohne das Bewusstsein für die historische Kontextualität der für „Russ:innen“ kanonischen Vorstellungen von ihnen selbst und der sie umgebenden Welt, ohne ihre kritische Dekonstruktion und vor allen ohne stabile Institutionen, die diese Dekonstruktion möglich machen würden, riskiert ein „Russland der Zukunft“, wie es sich russische Oppositionelle aktuell ausmalen, wieder einmal den Weg zu gehen, den es schon mehrmals gegangen ist: von Versuchen demokratischer Umgestaltung hin zur Diktatur. Es versteht sich von selbst, dass sich diese Dekonstruktionsprozesse nicht auf einen kleinen Kreis der „Auserwählten“ beschränken dürfen. Eine unabdingbare Voraussetzung dafür ist nicht zuletzt die Überwindung der erschreckenden sozialen Ungleichheit, die nicht nur die Bejahung des Krieges, sondern auch die unmittelbare Teilnahme an ihm möglich macht.
Die ukrainische Unabhängigkeit und die imperiale Blindheit
Ein Schlüsselfaktor, der zu Russlands Fehlkalkulation in seiner „Militäroperation“ führte, war es, den Ukrainer:innen jede Handlungsfähigkeit abzusprechen. Mit dem massiven Widerstand der ukrainischen Bevölkerung konfrontiert, konnten russische Nationalist:innen mit Entsetzen beobachten, wie ihre imaginäre Welt der ewigen und intrinsischen Einheit der Russ:innen und der Ukrainer:innen in sich zusammenfällt. Als Putin plante, Kyiv in drei Tagen einzunehmen, vergaß er, ein kleines Detail zu berücksichtigen: Die Ukraine ist nicht von den fiktiven, dümmlichen Bauern aus sowjetischen Filmen bevölkert. Dort leben reale Menschen, die sich in den 30 Jahren Unabhängigkeit an demokratische Wahlen gewöhnt und sogar an mehreren Revolutionen gegen autoritäre und korrupte Herrscher teilgenommen hatten. In diesem Prozess haben sie eine eigene, von Russland unabhängige Gemeinschaft horizontaler Solidarität – eine Nation – geschaffen, die viele von ihnen zu verteidigen bereit sind.
Die imperiale Blindheit betrifft nicht nur die pro Putin und pro Krieg eingestellte Teile der russischen Öffentlichkeit, sondern auch den Großteil der Vertreter der Titularnation. Die Stimmen der Bürger:innen von Staaten, die Russland zu ihrer Einflusssphäre zählt, sowie der Vertreter:innen ethnischer Minderheiten innerhalb Russlands selbst, finden bei diesen kaum Gehör, unabhängig von ihrer Einstellung zu Putin und zum Krieg. Wenn man in einem Diskurs geboren und aufgewachsen ist, der Russland ausschließlich als „Nationalstaat“ kategorisiert, ist es kaum möglich zu sehen, dass Russland von Millionen bewohnt wird, die sich im „russischen“ nationalen Projekt nicht repräsentiert sehen, vor allem wenn dieses die Form eines militarisierten Ethnonationalismus annimmt. Dies bedeutet, dass wenn es einmal wieder eine Staatskrise geben sollte, die russischen Intellektuellen aufgrund ihrer imperialen Blindheit dem Zusammenbruchs ihres Imperiums, das sie für einen Nationalstaat halten, einmal mehr hilflos zusehen werden.
Ist eine russische dekoloniale und emanzipatorische Kultur möglich?
Die Ukrainer:innen müssen sich damit abfinden, dass die Russ:innen weiterhin ihre Nachbar:innen bleiben. Es ist also in ihrem Interesse, dass diese ein nicht aggressives Staatswesen aufbauen und ein solches Bild von sich und von der Welt entwickeln, das die Souveränität der Nachbarstaaten nicht in Frage stellt. In der Ukraine gibt es eine Gemeinschaft, die Impulse für weitere Veränderungen in Russland geben kann: Die russischsprachigen Ukrainer:innen, die teilweise in ebenjenem russischen imperialen Diskurs aufgewachsen sind, die aber zugleich Zugang zu alternativen, antiimperialen Narrativen gefunden haben. Der Krieg hat Millionen von Ukrainer:innen die Erfahrung von Solidarität, Selbstorganisation und horizontaler Vernetzung gegeben, im Zuge dessen sich eine politische „Nation“ formiert, wenn wir eine solche als politische Solidargemeinschaft betrachten.
Diese Ukrainer:innen könnten den Russ:innen demonstrieren, wie man ein politisches Gemeinwesen aufbauen und ohne Imperium leben kann. Sie könnten dafür die russische Sprache nutzen, die kein exklusives Eigentum der Russ:innen und schon gar nicht Putins ist, um mit ihrer Hilfe eine emanzipatorische Kultur zu schaffen und Russland zugleich das Monopol auf die russische Sprache zu nehmen. Die Provinzialisierung und Appropriation der russischen Sprache eröffnet auch neue Möglichkeiten für Kontakte zwischen ehemaligen Subalternen Russlands und für deren kollektiven Widerstand gegen das imperiale Zentrum. Womöglich könnte eine solche russische Sprache zum Instrument der Subversion werden, zu einem Schlüssel für die Umwandlung des Raumes eines ehemaligen Imperiums in einen Raum radikaler Befreiung.
Scharfsinnige Analyse. Hoffen wir, dass diejenigen Recht behalten, die schon vor zwei Jahren die Ukraine das Algerien Russlands nannten: den Anfang des Endes des Imperiums. Und wünschen wir den Russen und den von ihnen kolonisierten Völkern den Mut und die Entschlossenheit, die bürgerliche Revolution zu vollziehen. Erst von hier aus lässt sich der Kapitalismus überwinden, wie schon Marx lehrte.