Im Zeichen der Resilienz: 9/11, elastische Bürger und der Nahostkonflikt

Resilienz-Trainings, wie sie seit gut zehn Jahren von amerikanischen Soldaten und israelischen Schulkindern absolviert werden, entstammen einem neuen, in den USA entwickelten, psychologischen Ansatz. Sie entsprechen einem neuen Gesellschaftsvertrag, der aus der existenziellen Verunsicherung des Westens nach 9/11 entstand.



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Al-Qaidas Terroranschlag auf die New Yorker Twin Towers am 11. September 2001 gehörte zu den Ereignissen, die die Vorstellungen davon, was möglich und was unmöglich ist, was erwartet werden kann und was nicht, grundlegend veränderten. Der Anschlag führte nicht nur dazu, dass der damalige Präsident der USA einen „globalen Krieg gegen den Terror“ erklärte; vielmehr hörte der gesamte Westen im Anschluss an 9/11 auf, sich als den friedlichen und sicheren Teil der Welt zu verstehen, als den er sich nach dem Fall der Berliner Mauer imaginierte. Stattdessen begann er, sich als verletzlich zu verstehen, als unkontrollierbaren Kräften der Gewalt und der Zerstörung ausgesetzt.

In diesem Kontext erlangte das Konzept der Resilienz in öffentlichen und wissenschaftlichen Diskursen eine Popularität, die es bis dahin nicht gehabt hatte. „Resilienz“ wurde zu einem neuen Schlagwort der Psychologie, der Politik, der Finanzwelt und anderer Gesellschaftsbereiche. Abgeleitet vom lateinischen resilire, das „zurückspringen“ bedeutet, bezeichnet der Begriff die Fähigkeit von Einzelpersonen und Gruppen, Widrigkeiten standzuhalten und sich vom Effekt massiver Gewalttaten oder Naturkatastrophen rasch erholen zu können. Resilient zu sein, heisst dabei nicht, gegen die Folgen von Terror und Katastrophen immun zu sein und nicht leiden zu müssen; es meint, keine langfristigen Schäden zu erleiden und in kurzer Zeit wieder in die Routine zurück zu finden.

Ein neuer Gesellschaftsvertrag

Das Konzept der Resilienz passt gut zum Neoliberalismus. Es bildet gewissermassen den Kern eines neuen Gesellschaftsvertrags, der dem Staat neue Aufgaben zuschreibt und ihn zugleich weitgehend von denjenigen befreit, die ihm in früheren Gesellschaftsverträgen übertragen wurden. Im 17. und 18. Jahrhundert nahm die Metapher des Vertrags eine herausragende Stellung im modernen politischen Denken ein. Der Vertrag wurde zum Prisma, durch das führende westliche Denker die Rechte der Bürger und ihre Verpflichtungen gegenüber dem Staat legitimierten. Das einstige Konzept dieses Gesellschaftsvertrags stellt den Staat als Ergebnis eines rationalen und freien Bündnisses zwischen den Bürgern dar, dessen Ziel darin liegt, ihnen Sicherheit und Freiheit zu gewähren.

Dieses Arrangement veränderte sich Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem therapeutischen Gesellschaftsvertrag; nunmehr sollte der Staat seinen Bürgern nicht nur Freiheit und Sicherheit, sondern auch Gesundheit und Fürsorge gewähren. Das Bild des autonomen Menschen, der mit anderen und der Regierung einen Vertrag abschliesst, um sich vor Gewalt zu schützen, wurde im Verlauf des 20. Jahrhunderts vermehrt durch die Figur des verletzlichen Menschen ersetzt, der vom Staat nicht nur geschützt, sondern, wenn nötig, auch betreut und behandelt werden sollte.

Der 11. September 2001 beförderte einen neuen, dritten Gesellschaftsvertrag, der um das Konzept der Resilienz kreist. Im Gegensatz zur ersten klassischen Variante fehlt in diesem der Horizont einer friedlichen Zukunft, und im Gegensatz zum zweiten sozialstaatlich-therapeutischen Gesellschaftsvertrag zieht sich der Staat weitgehend von der Betreuerrolle zurück. Seine neue Aufgabe besteht stattdessen darin, die Bürger auf Katastrophen vorzubereiten, um solchen ohne besondere staatliche Hilfe bestmöglich widerstehen zu können. Dieser neue – neoliberale – Gesellschaftsvertrag basiert damit auf der Annahme, dass unkontrollierbare Gewalt und Naturkatastrophen eine unvermeidliche Komponente der politischen Realität des 21. Jahrhunderts bilden. Er geht ausserdem davon aus, dass Katastrophen es dem Staat verunmöglichen, seine therapeutische Aufgabe zu erfüllen. Was bleibt, ist Vorsorge.

Im Mittelpunkt des neuen resilienzorientierten Gesellschaftsvertrags steht der „elastische“ Bürger. Dieser zeichnet sich angeblich durch eine hohe physische, emotionale und kognitive Belastbarkeit aus. Auch in Zeiten der Katastrophe bleibt er aktiv, optimistisch und hilfsbereit. Er ist in seiner Community verwurzelt, bleibt in ihr engagiert und wird die Katastrophe durch gemeinsames Engagement mit anderen Mitgliedern seiner Community überwinden. Zusammen mit dem Einzelnen erscheint deshalb die Community nach dem 11. September als grundlegende Einheit des neoliberalen Gesellschaftsvertrags. Diese Vision wird paradigmatisch in einer Studie der Federal Emergency Management Agency (FEMA), der nationalen Koordinationsstelle der Vereinigten Staaten für Katastrophenhilfe, deutlich. Dieser Bericht, der aus dem Jahr 2012 stammt und der die USA im Jahr 2030 imaginiert, basiert auf der Arbeit eines riesigen Teams von etwa 800 Experten und Vertretern verschiedener zivilgesellschaftlicher Einrichtungen. Demzufolge sollen die Vereinigten Staaten bis dahin eine „Kultur der Resilienz“ entwickelt haben, die auf einem Verbund von Communities basiert, die den Bürgern alle wesentlichen Dienstleistungen bieten, die sie vor und nach Katastrophen benötigen. 

Resilienz und Trauma

Die Konjunktur des Resilienz-Konzepts hängt allerdings nicht nur mit Katastrophen und Terrorattacken zusammen, sondern auch mit veränderten wissenschaftlichen Annahmen über die posttraumatische Wirkung gewaltsamer Ereignisse. Zunächst gingen Studien, die im direkten Anschluss an 9/11 erarbeitet worden waren, davon aus, dass fast die gesamten Vereinigten Staaten durch dieses Ereignis traumatisiert worden seien. In der Folge richtete die Regierung ein Department for Homeland Security ein, das sich der Resilienzsteigerung der amerikanischen Gesellschaft gegen die verschiedensten Bedrohungen widmen sollte. Nachdem sich jedoch zeigte, dass die Annahmen über die Verbreitung posttraumatischer Belastungsstörungen überzogen waren, begannen amerikanische Medien die Resilienz der US-Bürger zu preisen, flankiert von Psychiater und Psychologen, die parallel dazu verschiedene Resilienz-Theorien entwickelten. Die beiden prestigeträchtigsten amerikanischen Wochenzeitschriften, Time-Magazine und Newsweek, bekräftigten zum 10. Jahrestag des Angriffs auf die Twin Towers durch ihre Titelgeschichten, dass Resilienz das zentrale Merkmal des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts sei. Gemeint war vor allem psychische Resilienz. 

Positive Psychology und „zurückspringende“ Soldaten

Diese Fokussierung auf psychische Elastizität als einer natürlichen Ressource, die trainiert und gestärkt werden kann, wurde von der Positive Psychology inspiriert – ein Ansatz, den der renommierte Psychologe Martin Seligman in Philadelphia im Verlauf der 1990er Jahre in die US-amerikanische Fachwissenschaft eingeführt hatte. Er beabsichtigte, die psychologische Forschung und Praxis von ihrem vorwiegenden Interesse an Pathologien, d.h. krankhaften, negativen Aspekten des Seelenlebens, abzubringen und ihre Aufmerksamkeit auf positive Eigenschaften, wie Talente und psychische Stärken zu lenken, darunter Neugier, Einfallsreichtum, Heldentum, Fairness, Ausdauer oder auch Hoffnung.

Seligman gelang es, die amerikanische Armee für seinen Ansatz zu interessieren. Diese finanziert und realisiert mittlerweile das umfangreichste und teuerste Resilienz-Programm der Welt. Im Sommer 2008 verabschiedete sie ein resilienzorientiertes Interventionsprogramm, das auf Erkenntnissen der Positive Psychology beruht, und dessen Kosten derzeit auf knapp 150 Millionen US-Dollar geschätzt werden. Sein Ziel besteht darin, die psychische Elastizität der US-amerikanischen Soldaten zu stärken. Mithilfe einer vom US-Militär entwickelten Resilienz-Software, dem Global Assessment Tool, messen die teilnehmenden Soldaten ihre psychischen und physischen Stärken. Eine weitere Software soll ihre geistige und körperliche Resilienz trainieren. Zusätzlich zu diesem interaktiven Tool können sie sich an sogenannte Masters of Resilience wenden, die in ihrer Einheit dienen. Meist handelt es sich um Kameraden, die zehntägige Resilienz-Workshops absolvieren und dann als Resilienz-Ausbilder fungieren.

Das computergestützte Trainingsprogramm ist holistisch ausgerichtet und bezieht emotionale, physische, familiäre, soziale und spirituelle Aspekte ein. Es evaluiert, ob Soldaten persönliche Probleme zu lösen versuchen oder ihnen auszuweichen. Es fragt danach, ob sie fähig sind, intime Beziehungen auf Vertrauen aufzubauen, und es prüft, welche Ernährungsgewohnheiten die Soldaten pflegen, wie sie schlafen und sich um ihre Fitness kümmern. Und es ermittelt, ob sie bereit sind, auf Grundlage eines gemeinsamen Glaubens einer Gemeinschaft anzugehören, in der sie anderen Menschen näherkommen.

Daten, die den Erfolg des Programms belegen könnten, gibt es bisher nicht. Und trotzdem läuft es weiter. Es scheint, dass der Erfolg solcher Programme nicht von empirisch belegbaren Resultaten abhängt, sondern vom Bedürfnis des Westens, unvorhersehbaren Katastrophen und Terroranschlägen eine Praxis der Resilienz entgegenzusetzen, die jedermann zugänglich sein soll.

„Civil Resilience“

Die Verknüpfung des Resilienz-Diskurses mit dem Sicherheitsdenken des Westens und dessen Feindbild, dem radikalen Islam, verlieh dem Konzept eine herausragende Stellung im israelischen psycho-politischen Diskurs. Israel war zur Zeit von 9/11 schon knapp ein Jahr lang ergebnislos damit beschäftigt, die Al-Aqsa Intifada, den bewaffneten Aufstand der Palästinenser, die unter Militärbesatzung in Westjordanien und im Gazastreifen leben, abzuwehren. Der damalige stellvertretende Leiter des Nationalen Sicherheitsrates, Reuven Gal, kündigte daraufhin Ende 2003 Massnahmen zur Evaluierung der Resilienz der israelischen Gesellschaft an. Daraufhin begannen verschiedene israelische Einrichtungen damit, die gesellschaftliche und nationale Resilienz Israels mit diversen Methoden zu messen. Im Jahr 2010 wurden diese Messungen vereinheitlicht; seither besitzt Israel ein Standardinstrument zur Festlegung der Resilienz der Bevölkerung. Dennoch ist nicht immer klar, was und wie gemessen wird. Ebenso wenig geht es nur darum, Resilienz zu messen; vielmehr soll diese auch gestärkt werden.

Diese Aufgabe machten sich israelische Psychologen und Psychiater nach den zweiten Libanonkrieg von 2006 verstärkt zu eigen, als Raketen der Hisbolla die Zivilbevölkerung des Nordens in Schrecken versetzten. Die Israel Trauma Coalition, eine Organisation, die Dutzende von psychiatrischen und psychologischen Ambulatorien umfasst, veröffentlichte im Jahr 2009 ein Dokument unter dem Titel Civil Resilience Network. Es schlägt vor, die israelische Gesellschaft zur besseren Bewältigung schwerer Krisen als zivilgesellschaftliches Netzwerk – d.h. ohne eine klare staatliche Hierarchie – zu organisieren.

Eingerichtet wurde deshalb ein professionelles Netzwerk von 15 Community Resilienz-Zentren, die sowohl entlang der nördlichen Grenze Israels als auch in Kleinstädten und Dörfern nah am Gazastreifen situiert sind. Diese Resilienz-Zentren sind grösstenteils Nachfolger von Notfall- oder Trauma-Zentren, wie sie nach früheren Kriegserfahrungen entstanden sind. Ihre Verwandlung in Resilienz-Zentren war nicht nur semantisch; sie schlug sich auch in einer Neuorientierung therapeutischer Praktiken nieder. Auch ihr Zielpublikum verändert sich: Im Vordergrund stehen nicht länger Erwachsene, sondern Schulkinder.

Die Katastrophe normalisieren: Resilienz-Techniken in der Schule

Nirgendwo sonst auf der Welt finden Resilienz-Praktiken zur Förderung der psychischen Widerstandskraft von Kindern und Jugendlichen einen ähnlich hohen Verbreitungsgrad wie in Israel – nicht nur relativ zur Bevölkerung gesehen, sondern auch in absoluten Zahlen. Mehrere Millionen israelischer Kinder haben in den letzten Jahren Resilienz-Übungen absolviert, in der Annahme, dass dadurch langfristige psychische Folgen von Raketenangriffen und Terroranschlägen gemindert werden können.

Wie das Resilienz-Programm der amerikanischen Armee, ist auch jenes der israelischen Schulen holistisch. Es zielt darauf ab, Emotionen zu etwas Greifbarem zu machen, das gesehen oder berührt werden kann. Der Angst wird dabei eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Einerseits wollen Resilienz-Praktiken das Bewusstsein für Emotionen schärfen, über die man unter Bedrohung die Kontrolle verlieren kann. In Trainings werden diese Gefühle aktiviert und die Schüler dazu angeleitet, ihnen in Tonerde oder Plastilin eine Form zu geben. Andererseits sollen Gefühle auch kontrolliert und verarbeitet werden. Mit der Hilfe von Ballonen und Seifenblasen lernen israelische Schulkinder beispielsweise auf ihren Atem zu achten, um sich bewusst zu werden, wie sich dessen Tempo beschleunigt, wenn sie sich unter Druck fühlen. Insgesamt sollen israelische Kinder in Resilienz-Trainings die Fähigkeit einüben, unter Raketenbeschuss Gedanken und Gefühle, Körper und Seele in Einklang zu bringen. Ob diese holistische Kompetenz tatsächlich vor langfristigen psychischen Schäden schützt, kann man nicht wissen.

Auf palästinensischer Seite scheint es keine vergleichbaren Programme zu geben, um Kinder vor den langfristigen Folgen der israelischen Militärbesatzung und Bombardierungen zu schützen. Palästinenser sind auch in den israelischen Resilienz-Programmen kaum präsent. Zwar bringen Resilienz-Workshops Lehrern und Schülern bei, wie sie reflexiv mit ihren Ängsten umgehen können, sie bieten indes keinen Raum, um über den Nahost-Konflikt nachzudenken und um sich beispielsweise darüber klar zu werden, dass palästinensische Schüler aus demselben Material geschnitzt sind wie sie selber und dass auch sie Angst spüren. Wenn es darum geht, Soldaten auf den Krieg vorzubereiten, kann man diese Einseitigkeit möglicherweise nachvollziehen. Bei Schulkindern ist dieser Ansatz jedoch problematisch: Er verstärkt eine kollektive Identität, deren Gemeinsamkeit darin besteht, Opfer der Gewalt der Anderen zu sein, wie auch die Tendenz, Palästinenser ausschliesslich als Aggressor wahrzunehmen. Israelische Resilienz-Programme erwähnen nicht, dass die Palästinenser auch Opfer israelischer Gewalt sind. Durch all das, was ungesagt bleibt, stärken Resilienz-Programme die Sicht, dass der Nahostkonflikt Israel von seinen Feinden aufgezwungen wird und dass es keine Möglichkeit gibt, diese Situation grundlegend zu ändern.

Da Resilienz-Programme generell so angelegt sind, dass sie von der Unausweichlichkeit einer bevorstehenden Katastrophe ausgehen, zeichnen die an israelischen Schulen durchgeführten Trainings den Nahostkonflikt als ein solches – zur ständigen Prüfung der nationalen Ausdauer und des Heroismus hochstilisiertes – unvermeidliches Szenario. Es mag sein, dass die in den Schulen des Landes eingeübten holistischen Resilienz-Praktiken israelischen Schulkindern tatsächlich helfen, besser mit der Gewalt umzugehen, die sie erleben. Gleichzeitig üben sich die Schüler aber auch in der Rolle des „starken Opfers“. So wirken diese Übungen auf höchst problematische Weise identitätsstiftend und tragen dazu bei, einen Konflikt aufzurechtzuerhalten, vor dessen Folgen sie die Schüler schützen wollen. Holistische Praktiken führen nicht unbedingt zu einem umfassenden und komplexen Verständnis des politischen Umfelds, in dem sie eingeübt werden. Sie können einem solchen Verständnis durchaus im Wege stehen.