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  • Galia Plotkin Amrami ist Dozentin am Institut für Erziehungswissenschaft der Ben-Gurion-Universität des Negev in Be’er Sheva. Sie erforscht die Wechselwirkungen zwischen professionellem Diskurs, nationalem Ethos, Religion und Ethik in der Arbeit von Psychologen und Psychiatern in den Bereichen der Pädagogik, Absorption von Einwanderern, Traumabehandlung und Resilienzbildung.

  • José Brunner ist Professor Emeritus an der Buchmann Fakultät für Rechtswissenschaft und dem Cohn Institut für Wissenschaftsgeschichte und -philosophie der Universität Tel Aviv. Er forscht hauptsächlich zur Politik des Trauma-Diskurses und der Psychoanalyse wie auch zu psychologischen Erklärungen des Nationalsozialismus und der Praxis der Wiedergutmachung für Holocaust-Überlebende in Israel und Deutschland.

Al-Qaidas Terror­an­schlag auf die New Yorker Twin Towers am 11. September 2001 gehörte zu den Ereig­nissen, die die Vorstel­lungen davon, was möglich und was unmög­lich ist, was erwartet werden kann und was nicht, grund­le­gend verän­derten. Der Anschlag führte nicht nur dazu, dass der dama­lige Präsi­dent der USA einen „globalen Krieg gegen den Terror“ erklärte; viel­mehr hörte der gesamte Westen im Anschluss an 9/11 auf, sich als den fried­li­chen und sicheren Teil der Welt zu verstehen, als den er sich nach dem Fall der Berliner Mauer imagi­nierte. Statt­dessen begann er, sich als verletz­lich zu verstehen, als unkon­trol­lier­baren Kräften der Gewalt und der Zerstö­rung ausge­setzt.

In diesem Kontext erlangte das Konzept der Resi­lienz in öffent­li­chen und wissen­schaft­li­chen Diskursen eine Popu­la­rität, die es bis dahin nicht gehabt hatte. „Resi­lienz“ wurde zu einem neuen Schlag­wort der Psycho­logie, der Politik, der Finanz­welt und anderer Gesell­schafts­be­reiche. Abge­leitet vom latei­ni­schen resi­lire, das „zurück­springen“ bedeutet, bezeichnet der Begriff die Fähig­keit von Einzel­per­sonen und Gruppen, Widrig­keiten stand­zu­halten und sich vom Effekt massiver Gewalt­taten oder Natur­ka­ta­stro­phen rasch erholen zu können. Resi­lient zu sein, heisst dabei nicht, gegen die Folgen von Terror und Kata­stro­phen immun zu sein und nicht leiden zu müssen; es meint, keine lang­fris­tigen Schäden zu erleiden und in kurzer Zeit wieder in die Routine zurück zu finden.

Ein neuer Gesell­schafts­ver­trag

Thomas Hobbes „Levia­than“ – eine der ersten vertrags­theo­re­ti­schen Schriften der Neuzeit; Quelle: wikipedia.org

Das Konzept der Resi­lienz passt gut zum Neoli­be­ra­lismus. Es bildet gewis­ser­massen den Kern eines neuen Gesell­schafts­ver­trags, der dem Staat neue Aufgaben zuschreibt und ihn zugleich weit­ge­hend von denje­nigen befreit, die ihm in früheren Gesell­schafts­ver­trägen über­tragen wurden. Im 17. und 18. Jahr­hun­dert nahm die Meta­pher des Vertrags eine heraus­ra­gende Stel­lung im modernen poli­ti­schen Denken ein. Der Vertrag wurde zum Prisma, durch das führende west­liche Denker die Rechte der Bürger und ihre Verpflich­tungen gegen­über dem Staat legi­ti­mierten. Das eins­tige Konzept dieses Gesell­schafts­ver­trags stellt den Staat als Ergebnis eines ratio­nalen und freien Bünd­nisses zwischen den Bürgern dar, dessen Ziel darin liegt, ihnen Sicher­heit und Frei­heit zu gewähren.

Dieses Arran­ge­ment verän­derte sich Anfang des 20. Jahr­hun­derts zu einem thera­peu­ti­schen Gesell­schafts­ver­trag; nunmehr sollte der Staat seinen Bürgern nicht nur Frei­heit und Sicher­heit, sondern auch Gesund­heit und Fürsorge gewähren. Das Bild des auto­nomen Menschen, der mit anderen und der Regie­rung einen Vertrag abschliesst, um sich vor Gewalt zu schützen, wurde im Verlauf des 20. Jahr­hun­derts vermehrt durch die Figur des verletz­li­chen Menschen ersetzt, der vom Staat nicht nur geschützt, sondern, wenn nötig, auch betreut und behan­delt werden sollte.

Der 11. September 2001 beför­derte einen neuen, dritten Gesell­schafts­ver­trag, der um das Konzept der Resi­lienz kreist. Im Gegen­satz zur ersten klas­si­schen Vari­ante fehlt in diesem der Hori­zont einer fried­li­chen Zukunft, und im Gegen­satz zum zweiten sozialstaatlich-therapeutischen Gesell­schafts­ver­trag zieht sich der Staat weit­ge­hend von der Betreu­er­rolle zurück. Seine neue Aufgabe besteht statt­dessen darin, die Bürger auf Kata­stro­phen vorzu­be­reiten, um solchen ohne beson­dere staat­liche Hilfe best­mög­lich wider­stehen zu können. Dieser neue – neoli­be­rale – Gesell­schafts­ver­trag basiert damit auf der Annahme, dass unkon­trol­lier­bare Gewalt und Natur­ka­ta­stro­phen eine unver­meid­liche Kompo­nente der poli­ti­schen Realität des 21. Jahr­hun­derts bilden. Er geht ausserdem davon aus, dass Kata­stro­phen es dem Staat verun­mög­li­chen, seine thera­peu­ti­sche Aufgabe zu erfüllen. Was bleibt, ist Vorsorge.

Im Mittel­punkt des neuen resi­li­en­z­ori­en­tierten Gesell­schafts­ver­trags steht der „elas­ti­sche“ Bürger. Dieser zeichnet sich angeb­lich durch eine hohe physi­sche, emotio­nale und kogni­tive Belast­bar­keit aus. Auch in Zeiten der Kata­strophe bleibt er aktiv, opti­mis­tisch und hilfs­be­reit. Er ist in seiner Commu­nity verwur­zelt, bleibt in ihr enga­giert und wird die Kata­strophe durch gemein­sames Enga­ge­ment mit anderen Mitglie­dern seiner Commu­nity über­winden. Zusammen mit dem Einzelnen erscheint deshalb die Commu­nity nach dem 11. September als grund­le­gende Einheit des neoli­be­ralen Gesell­schafts­ver­trags. Diese Vision wird para­dig­ma­tisch in einer Studie der Federal Emer­gency Manage­ment Agency (FEMA), der natio­nalen Koor­di­na­ti­ons­stelle der Verei­nigten Staaten für Kata­stro­phen­hilfe, deut­lich. Dieser Bericht, der aus dem Jahr 2012 stammt und der die USA im Jahr 2030 imagi­niert, basiert auf der Arbeit eines riesigen Teams von etwa 800 Experten und Vertre­tern verschie­dener zivil­ge­sell­schaft­li­cher Einrich­tungen. Demzu­folge sollen die Verei­nigten Staaten bis dahin eine „Kultur der Resi­lienz“ entwi­ckelt haben, die auf einem Verbund von Commu­nities basiert, die den Bürgern alle wesent­li­chen Dienst­leis­tungen bieten, die sie vor und nach Kata­stro­phen benö­tigen. 

Resi­lienz und Trauma

Cover des Time Magazin zum 10. Jahrestag von 09/11; Quelle: amazon.com

Die Konjunktur des Resilienz-Konzepts hängt aller­dings nicht nur mit Kata­stro­phen und Terror­at­ta­cken zusammen, sondern auch mit verän­derten wissen­schaft­li­chen Annahmen über die post­trau­ma­ti­sche Wirkung gewalt­samer Ereig­nisse. Zunächst gingen Studien, die im direkten Anschluss an 9/11 erar­beitet worden waren, davon aus, dass fast die gesamten Verei­nigten Staaten durch dieses Ereignis trau­ma­ti­siert worden seien. In der Folge rich­tete die Regie­rung ein Depart­ment for Home­land Secu­rity ein, das sich der Resi­li­enz­stei­ge­rung der ameri­ka­ni­schen Gesell­schaft gegen die verschie­densten Bedro­hungen widmen sollte. Nachdem sich jedoch zeigte, dass die Annahmen über die Verbrei­tung post­trau­ma­ti­scher Belas­tungs­stö­rungen über­zogen waren, begannen ameri­ka­ni­sche Medien die Resi­lienz der US-Bürger zu preisen, flan­kiert von Psych­iater und Psycho­logen, die parallel dazu verschie­dene Resilienz-Theorien entwi­ckelten. Die beiden pres­ti­ge­träch­tigsten ameri­ka­ni­schen Wochen­zeit­schriften, Time-Magazine und News­week, bekräf­tigten zum 10. Jahrestag des Angriffs auf die Twin Towers durch ihre Titel­ge­schichten, dass Resi­lienz das zentrale Merkmal des ersten Jahr­zehnts des 21. Jahr­hun­derts sei. Gemeint war vor allem psychi­sche Resi­lienz. 

Posi­tive Psycho­logy und „zurück­sprin­gende“ Soldaten

Diese Fokus­sie­rung auf psychi­sche Elas­ti­zität als einer natür­li­chen Ressource, die trai­niert und gestärkt werden kann, wurde von der Posi­tive Psycho­logy inspi­riert – ein Ansatz, den der renom­mierte Psycho­loge Martin Seligman in Phil­adel­phia im Verlauf der 1990er Jahre in die US-amerikanische Fach­wis­sen­schaft einge­führt hatte. Er beab­sich­tigte, die psycho­lo­gi­sche Forschung und Praxis von ihrem vorwie­genden Inter­esse an Patho­lo­gien, d.h. krank­haften, nega­tiven Aspekten des Seelen­le­bens, abzu­bringen und ihre Aufmerk­sam­keit auf posi­tive Eigen­schaften, wie Talente und psychi­sche Stärken zu lenken, darunter Neugier, Einfalls­reichtum, Heldentum, Fair­ness, Ausdauer oder auch Hoff­nung.

US-Army Trai­ning and Doctrine Command; Quelle: uihere.com

Seligman gelang es, die ameri­ka­ni­sche Armee für seinen Ansatz zu inter­es­sieren. Diese finan­ziert und reali­siert mitt­ler­weile das umfang­reichste und teuerste Resilienz-Programm der Welt. Im Sommer 2008 verab­schie­dete sie ein resi­li­en­z­ori­en­tiertes Inter­ven­ti­ons­pro­gramm, das auf Erkennt­nissen der Posi­tive Psycho­logy beruht, und dessen Kosten derzeit auf knapp 150 Millionen US-Dollar geschätzt werden. Sein Ziel besteht darin, die psychi­sche Elas­ti­zität der US-amerikanischen Soldaten zu stärken. Mithilfe einer vom US-Militär entwi­ckelten Resilienz-Software, dem Global Assess­ment Tool, messen die teil­neh­menden Soldaten ihre psychi­schen und physi­schen Stärken. Eine weitere Soft­ware soll ihre geis­tige und körper­liche Resi­lienz trai­nieren. Zusätz­lich zu diesem inter­ak­tiven Tool können sie sich an soge­nannte Masters of Resi­li­ence wenden, die in ihrer Einheit dienen. Meist handelt es sich um Kame­raden, die zehn­tä­gige Resilienz-Workshops absol­vieren und dann als Resilienz-Ausbilder fungieren.

Das compu­ter­ge­stützte Trai­nings­pro­gramm ist holis­tisch ausge­richtet und bezieht emotio­nale, physi­sche, fami­liäre, soziale und spiri­tu­elle Aspekte ein. Es evalu­iert, ob Soldaten persön­liche Probleme zu lösen versu­chen oder ihnen auszu­wei­chen. Es fragt danach, ob sie fähig sind, intime Bezie­hungen auf Vertrauen aufzu­bauen, und es prüft, welche Ernäh­rungs­ge­wohn­heiten die Soldaten pflegen, wie sie schlafen und sich um ihre Fitness kümmern. Und es ermit­telt, ob sie bereit sind, auf Grund­lage eines gemein­samen Glau­bens einer Gemein­schaft anzu­ge­hören, in der sie anderen Menschen näher­kommen.

Daten, die den Erfolg des Programms belegen könnten, gibt es bisher nicht. Und trotzdem läuft es weiter. Es scheint, dass der Erfolg solcher Programme nicht von empi­risch beleg­baren Resul­taten abhängt, sondern vom Bedürfnis des Westens, unvor­her­seh­baren Kata­stro­phen und Terror­an­schlägen eine Praxis der Resi­lienz entge­gen­zu­setzen, die jeder­mann zugäng­lich sein soll.

„Civil Resi­li­ence“

Die Verknüp­fung des Resilienz-Diskurses mit dem Sicher­heits­denken des Westens und dessen Feind­bild, dem radi­kalen Islam, verlieh dem Konzept eine heraus­ra­gende Stel­lung im israe­li­schen psycho-politischen Diskurs. Israel war zur Zeit von 9/11 schon knapp ein Jahr lang ergeb­nislos damit beschäf­tigt, die Al-Aqsa Inti­fada, den bewaff­neten Aufstand der Paläs­ti­nenser, die unter Mili­tär­be­sat­zung in West­jor­da­nien und im Gaza­streifen leben, abzu­wehren. Der dama­lige stell­ver­tre­tende Leiter des Natio­nalen Sicher­heits­rates, Reuven Gal, kündigte daraufhin Ende 2003 Mass­nahmen zur Evalu­ie­rung der Resi­lienz der israe­li­schen Gesell­schaft an. Daraufhin begannen verschie­dene israe­li­sche Einrich­tungen damit, die gesell­schaft­liche und natio­nale Resi­lienz Israels mit diversen Methoden zu messen. Im Jahr 2010 wurden diese Messungen verein­heit­licht; seither besitzt Israel ein Stan­dard­in­stru­ment zur Fest­le­gung der Resi­lienz der Bevöl­ke­rung. Dennoch ist nicht immer klar, was und wie gemessen wird. Ebenso wenig geht es nur darum, Resi­lienz zu messen; viel­mehr soll diese auch gestärkt werden.

Diese Aufgabe machten sich israe­li­sche Psycho­logen und Psych­iater nach den zweiten Liba­non­krieg von 2006 verstärkt zu eigen, als Raketen der Hisbolla die Zivil­be­völ­ke­rung des Nordens in Schre­cken versetzten. Die Israel Trauma Coali­tion, eine Orga­ni­sa­tion, die Dutzende von psych­ia­tri­schen und psycho­lo­gi­schen Ambu­la­to­rien umfasst, veröf­fent­lichte im Jahr 2009 ein Doku­ment unter dem Titel Civil Resi­li­ence Network. Es schlägt vor, die israe­li­sche Gesell­schaft zur besseren Bewäl­ti­gung schwerer Krisen als zivil­ge­sell­schaft­li­ches Netz­werk – d.h. ohne eine klare staat­liche Hier­ar­chie – zu orga­ni­sieren.

Einge­richtet wurde deshalb ein profes­sio­nelles Netz­werk von 15 Commu­nity Resilienz-Zentren, die sowohl entlang der nörd­li­chen Grenze Israels als auch in Klein­städten und Dörfern nah am Gaza­streifen situ­iert sind. Diese Resilienz-Zentren sind gröss­ten­teils Nach­folger von Notfall- oder Trauma-Zentren, wie sie nach früheren Kriegs­er­fah­rungen entstanden sind. Ihre Verwand­lung in Resilienz-Zentren war nicht nur seman­tisch; sie schlug sich auch in einer Neuori­en­tie­rung thera­peu­ti­scher Prak­tiken nieder. Auch ihr Ziel­pu­blikum verän­dert sich: Im Vorder­grund stehen nicht länger Erwach­sene, sondern Schul­kinder.

Die Kata­strophe norma­li­sieren: Resilienz-Techniken in der Schule

Nirgendwo sonst auf der Welt finden Resilienz-Praktiken zur Förde­rung der psychi­schen Wider­stands­kraft von Kindern und Jugend­li­chen einen ähnlich hohen Verbrei­tungs­grad wie in Israel – nicht nur relativ zur Bevöl­ke­rung gesehen, sondern auch in abso­luten Zahlen. Mehrere Millionen israe­li­scher Kinder haben in den letzten Jahren Resilienz-Übungen absol­viert, in der Annahme, dass dadurch lang­fris­tige psychi­sche Folgen von Rake­ten­an­griffen und Terror­an­schlägen gemin­dert werden können.

Abbil­dung aus einem israe­li­schen Resi­li­ence Manual

Wie das Resilienz-Programm der ameri­ka­ni­schen Armee, ist auch jenes der israe­li­schen Schulen holis­tisch. Es zielt darauf ab, Emotionen zu etwas Greif­barem zu machen, das gesehen oder berührt werden kann. Der Angst wird dabei eine beson­dere Aufmerk­sam­keit geschenkt. Einer­seits wollen Resilienz-Praktiken das Bewusst­sein für Emotionen schärfen, über die man unter Bedro­hung die Kontrolle verlieren kann. In Trai­nings werden diese Gefühle akti­viert und die Schüler dazu ange­leitet, ihnen in Tonerde oder Plas­tilin eine Form zu geben. Ande­rer­seits sollen Gefühle auch kontrol­liert und verar­beitet werden. Mit der Hilfe von Ballonen und Seifen­blasen lernen israe­li­sche Schul­kinder beispiels­weise auf ihren Atem zu achten, um sich bewusst zu werden, wie sich dessen Tempo beschleu­nigt, wenn sie sich unter Druck fühlen. Insge­samt sollen israe­li­sche Kinder in Resilienz-Trainings die Fähig­keit einüben, unter Rake­ten­be­schuss Gedanken und Gefühle, Körper und Seele in Einklang zu bringen. Ob diese holis­ti­sche Kompe­tenz tatsäch­lich vor lang­fris­tigen psychi­schen Schäden schützt, kann man nicht wissen.

Auf paläs­ti­nen­si­scher Seite scheint es keine vergleich­baren Programme zu geben, um Kinder vor den lang­fris­tigen Folgen der israe­li­schen Mili­tär­be­sat­zung und Bombar­die­rungen zu schützen. Paläs­ti­nenser sind auch in den israe­li­schen Resilienz-Programmen kaum präsent. Zwar bringen Resilienz-Workshops Lehrern und Schü­lern bei, wie sie reflexiv mit ihren Ängsten umgehen können, sie bieten indes keinen Raum, um über den Nahost-Konflikt nach­zu­denken und um sich beispiels­weise darüber klar zu werden, dass paläs­ti­nen­si­sche Schüler aus demselben Mate­rial geschnitzt sind wie sie selber und dass auch sie Angst spüren. Wenn es darum geht, Soldaten auf den Krieg vorzu­be­reiten, kann man diese Einsei­tig­keit mögli­cher­weise nach­voll­ziehen. Bei Schul­kin­dern ist dieser Ansatz jedoch proble­ma­tisch: Er verstärkt eine kollek­tive Iden­tität, deren Gemein­sam­keit darin besteht, Opfer der Gewalt der Anderen zu sein, wie auch die Tendenz, Paläs­ti­nenser ausschliess­lich als Aggressor wahr­zu­nehmen. Israe­li­sche Resilienz-Programme erwähnen nicht, dass die Paläs­ti­nenser auch Opfer israe­li­scher Gewalt sind. Durch all das, was unge­sagt bleibt, stärken Resilienz-Programme die Sicht, dass der Nahost­kon­flikt Israel von seinen Feinden aufge­zwungen wird und dass es keine Möglich­keit gibt, diese Situa­tion grund­le­gend zu ändern.

Da Resilienz-Programme gene­rell so ange­legt sind, dass sie von der Unaus­weich­lich­keit einer bevor­ste­henden Kata­strophe ausgehen, zeichnen die an israe­li­schen Schulen durch­ge­führten Trai­nings den Nahost­kon­flikt als ein solches – zur stän­digen Prüfung der natio­nalen Ausdauer und des Hero­ismus hoch­sti­li­siertes – unver­meid­li­ches Szenario. Es mag sein, dass die in den Schulen des Landes einge­übten holis­ti­schen Resilienz-Praktiken israe­li­schen Schul­kin­dern tatsäch­lich helfen, besser mit der Gewalt umzu­gehen, die sie erleben. Gleich­zeitig üben sich die Schüler aber auch in der Rolle des „starken Opfers“. So wirken diese Übungen auf höchst proble­ma­ti­sche Weise iden­ti­täts­stif­tend und tragen dazu bei, einen Konflikt aufzu­recht­zu­er­halten, vor dessen Folgen sie die Schüler schützen wollen. Holis­ti­sche Prak­tiken führen nicht unbe­dingt zu einem umfas­senden und komplexen Verständnis des poli­ti­schen Umfelds, in dem sie eingeübt werden. Sie können einem solchen Verständnis durchaus im Wege stehen.

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