Sherryl Vint forscht an der UCLA Riverside zu Science Fiction und gehört zu den profiliertesten Wissenschaftler:innen in diesem Feld. Ihre Arbeit zeichnet sich dadurch aus, dass sie Science Fiction (SF) nicht anhand einer Taxonomie eines nach Merkmalen definierten Genres, sondern als dynamischen Prozess versteht, der durch soziale und politische Diskurse mitgestaltet wird und an der Wissensproduktion um das Verhältnis von Technologie und Gesellschaft beteiligt ist. Die Auseinandersetzung mit SF ermöglicht für sie deshalb auf einzigartige Weise eine Kulturanalyse der Gegenwart. Dabei betont sie das breite Spektrum der Texte und ihrer Rezeption, das von technokratischen Fortschrittsfantasien bis hin zu kritischen feministischen und afrofuturistischen Perspektiven reicht, und analysiert die Wechselwirkungen zwischen diesen Diskursen. In ihren Studien Science Fiction: A Guide for the Perplexed (2014) und Bodies of Tomorrow (2007) zeigte sie auf, wie Science Fiction als Werkzeug dient, um die technologischen und gesellschaftlichen Veränderungen der Gegenwart zu begreifen. Dabei liegt der Kern von Science Fiction darin, eine Vision der Welt, wie sie anders sein könnte, zu entwerfen und die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, auszuloten.
Christine Lötscher: Sherryl Vint, Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung seit vielen Jahren mit Beziehungen zwischen dem Menschlichen und dem Nicht-Menschlichen in der Science Fiction, mit Feminismus und Posthumanismus. Ihr aktuelles Projekt ist nun aber dem Verhältnis von Finanzen, Wirtschaft und Verschwörungstheorien gewidmet. Was hat sich in Ihrem Blick auf das spekulative Erzählen verändert?
Sherryl Vint: Ich muss sagen, ich wurde von den Ereignissen überrollt. Als ich in den 1990ern als junge Person zur Science-Fiction-Forschung gekommen bin, war ich unzufrieden mit der Welt, wie ich sie damals erlebt habe. Der Aktivismus nahm zu, unter anderem in Protesten gegen die WTO (World Trade Organization), und es breitete sich das Gefühl aus, dass die Zukunft anders aussehen könnte als das, was die neoliberale Weltordnung der 1980er Jahre gebracht hatte. In den USA wurde diese Bewegung durch 9/11 weitgehend ausgelöscht.
Meine Arbeit war lange einer Science Fiction verpflichtet, die alternative Werte und Lebensformen imaginierte und kultivierte. Aber in den letzten zehn Jahren habe ich gesehen, wie Science Fiction viel mainstreamiger wurde und wie Praktiken aus Science-Fiction-Fandoms in die reale Politik Eingang gefunden haben – insbesondere in der Tech-Branche, die Dystopien oft als Handbücher missversteht. Da habe ich eine Verantwortung gespürt, kritische Analysen zum Diskurs beizutragen, die nicht meinen eigenen politischen Positionen entsprechen.
Christine Lötscher: Würden Sie sagen, dass Science Fiction inzwischen populistische Bewegungen oder Verschwörungsdiskurse inspiriert?
Sherryl Vint: Ich verstehe Science Fiction inzwischen weniger als inhaltliches Genre, sondern mehr als rhetorische Strategie, als Haltung zur Welt, die sich für Kontingenz, Geschichte und Möglichkeitsräume interessiert. Diese Möglichkeitsräume können Menschen jeder ideologischen Richtung nutzen. Akademiker:innen haben sich stark auf progressive SF konzentriert, während die Tech-Industrie sich eher für technokratische SF interessiert hat. Ich würde sogar sagen, dass die positiven Visionen – feministische, afrofuturistische, indigene, klimautopische, dekoloniale SF – heute den Großteil aller Veröffentlichungen im Bereich literarische SF ausmachen. Es gab vor 15 Jahren einen Streit um die Hugo Awards, bei der technokratische weiße Autoren das Genre für sich zurückerobern wollten, doch die Community wehrte sich dagegen, was dazu geführt hat, dass sich das Genre stärker in Richtung einer hoffnungsvollen SF bewegt. Das technokratische, kapitalistische Segment ist also nicht das wichtigste – aber sehr einflussreich, weil es von mächtigen Stimmen außerhalb des akademischen Betriebs gefördert wird. Damit meine ich vor allem die Tech-Industrie, die über die Ressourcen verfügt, um ihre Visionen tatsächlich umzusetzen.
Christine Lötscher: Was bedeutet das für die Lektüre von SF? Wie lesen wir diese Texte – nicht nur als Akademiker:innen, sondern als interessierte Öffentlichkeit? In einer medialen Realität, in der Verschwörungstheorien, Desinformation und Halbwahrheiten, um den von Nicola Gess geprägten Begriff zu verwenden, verbreitet werden, scheint mir eine kritische Lektürepraxis zentral zu sein.
Sherryl Vint: Lesen ist immer polysemisch; Satire, Kritik – all das existiert nebeneinander. Was für mich eine Dystopie war, ist für andere eine erstrebenswerte Zukunft. Es gibt online etwa das „Torment Nexus“-Meme. Diskurse wie dieser haben mich zu der Einsicht gebracht, dass wir die verschiedenen affektiven Investitionen in SF beachten müssen.
Christine Lötscher: Wie sieht das konkret aus?
Sherryl Vint: Ein Bereich meiner Forschung betrifft „Smart Cities“ oder „Future Cities“, die von den gleichen Tech-Venture-Capital-Kreisen gefördert werden, die KI, Überwachung und ähnliche Projekte vorantreiben. Es ist ein science-fiktionaler Stadtentwurf, oft losgelöst vom Nationalstaat, wie z. B. das Projekt „California Forever“ (jetzt „East Solano“), das von technokratischen Visionen geprägt war – und jetzt behauptet, für die Arbeiterklasse zu sein. Die technokratische Elite aus der SF wird hier real.
Christine Lötscher: Sie sprechen viel über Narrativverschiebungen von Realität zu Popkultur und zurück. Was bedeutet das für die Wissenschaft der Narration und für die SF-Forschung?
Sherryl Vint: Technologien, die vor 40-60 Jahren als futuristisch galten, sind heute Alltag. SF und „ernste“ Literatur waren lange getrennt; jetzt ist Technik Teil des Alltags, etwa Automatisierung, KI, Überwachung, Klimawandel – all das ist Gegenwart. Das hat SF mainstreamtauglich gemacht. Gleichzeitig ist die Medienwelt fragmentiert in Nischen, sodass sich „bespoke realities“ ergeben, wie Renée DiRestra sagt: Jede:r konsumiert Medien, die das eigene Weltbild bestätigen, und das führt zu einer Verwischung von Imagination und Ideologie.
Christine Lötscher: Das führt zu Verschwörungstheorien. Sie haben zum QAnon-Phänomen geforscht, zur Verbindung von Fan-Praktiken und Verschwörungserzählungen. Können Sie das kurz erklären?
Sherryl Vint: Ich habe beobachtet, dass es Parallelen zwischen Fanpraktiken und gewissen konspirativen politischen Engagements gibt. Das wurde besonders am 6. Januar 2021 deutlich. Teilnehmer:innen am Sturm auf das Kapitol sahen sich als Revolutionäre, obwohl diese Verbindung ahistorisch und realitätsfern ist. Es handelte sich um eine Art „1776-Cosplay“. Das Gemeinschaftsgefühl und die Zugehörigkeit, die QAnon bietet, erinnert an die positiven Affekte in Fandoms, auch wenn die Visionen und Ziele von Fans und Verschwörungstheoretiker:innen völlig unterschiedlich sind. Bei QAnon geht es weniger um die Inhalte als um die Gemeinschaft, um das Gefühl, wichtig zu sein und gehört zu werden – ähnlich wie bei queer fandoms oder bei der Identifikation mit der Star-Trek-Föderation beziehungsweise der Star-Wars-Rebellen-Allianz.
Christine Lötscher: Ist das eine Form von Eskapismus, sich aus demokratischen Prozessen herauszuziehen?
Sherryl Vint: Ich würde nicht von Eskapismus reden. Es geht darum, die Realität selbst narrativ umzudeuten, darin einen Sinn zu finden angesichts ökonomischer und kultureller Marginalisierung. Anders als Fandoms, die einen alternativen, angenehmen Raum schaffen, muss QAnon als eine narrative Partizipation an der Realität verstanden werden, die das Ziel hat, die Wirklichkeit durch Performanz zu verändern.
Christine Lötscher: Was bedeutet das alles für Ihre Rolle als Professorin in den USA?
Sherryl Vint: Ich weiß das ehrlich gesagt selbst nicht. Dieses Jahr bin ich in Europa und genieße eine andere Öffentlichkeit. Die USA, die ich verlassen habe, sind nicht dieselben wie die, in die ich später zurückgekehrt bin, da die zweite Trump-Amtszeit anders verläuft und die Higher Education frontal angegriffen wird. Das Ziel der MAGA-Politik und der Silicon-Valley-Technokraten ist es, die Universitäten als alternative Machtzentren zu zerstören, sodass alle Narrationen künftig von ihnen kontrolliert werden. Das macht die Zukunft des kritischen Denkens sehr ungewiss.
Christine Lötscher: Denken Sie, die Anti-Gender-Bewegung ist strategisch orchestriert, z. B. wie Judith Butler in Who’s Afraid of Gender? es beschreibt, auch mit Allianzen zu Putin und anderen Autokraten?
Sherryl Vint: Ich habe dazu weniger geforscht, aber ich würde sagen, es handelt sich nicht um eine konspirative Koordination auf höchster Ebene, sondern um parallel entstehende Bestrebungen der Wiederherstellung patriarchaler Macht. Sie erkennen sich dann als Verbündete, wie bei Viktor Orbán und seiner „illiberalen Demokratie“, und vernetzen sich. Wirtschaftlich gibt es gezielte Programme, z .B. die Koch-Brüder, wie Jane Mayer in Dark Money (2016) zeigt: Organisationen, Think Tanks, die marktfundamentalistische Ideologie strategisch verbreiten. Es sind absichtsvolle politische Projekte, die als Gegenbewegung zum New Deal entstanden sind. Es handelt sich weniger um Verschwörungen als vielmehr um Machtpolitik.
Christine Lötscher: Machtpolitik mit klaren ökonomischen Interessen. Das Thema Wirtschaft taucht in der Diskussion um SF bisher aber kaum auf, im Gegensatz zum Anthropozän, Klima und Technologie – gibt es eine wachsende Forschung dazu?
Sherryl Vint: Die Forschung dazu entsteht langsam, aber ursprünglich waren Ökonomie und Finanzen eher ein Randthema. Nach der Finanzkrise 2008 kamen mehr Forschende dazu. Überhaupt bräuchten Geisteswissenschaftler:innen und Sozialwissenschaftler:innen mehr ökonomische Bildung, denn Popkultur dreht sich oft um die Vermarktung von Produkten und um Konsum. An den US-Wirtschaftsfakultäten wird Makroökonomie als marktorthodoxe Wissenschaft gelehrt. Historische und soziale Fragen kommen wenig vor, denn die Disziplin will sich als naturwissenschaftliche, wertneutrale Wissenschaft begreifen. Viele der Diskurse um Schlagworte wie „woke“, „DEI“, etc. sind die einzigen Narrative um Umverteilung. Klasse spielt kaum eine Rolle, aber gerade die anti-woke Bewegung artikuliert die tatsächlichen ökonomischen Probleme vieler, die durch die Globalisierung verloren haben und keine andere Sprache als Anti-DEI dafür zur Verfügung zu haben scheinen.
Christine Lötscher: Sie haben einen großen Teil dieses Jahres in Polen verbracht, an der Uni Warschau; wie sehen Sie das in Europa?
Sherryl Vint: Sehr ähnlich, denke ich. Auch in Deutschland, bei den AfD-Wähler:innen, richtet sich die Aggression gegen Migrant:innen, weil sie vermeintlich alles bekommen und Umverteilung ihnen zugutekommt. Das strukturelle Klassenproblem wird selten explizit diskutiert.
Christine Lötscher: Findet sich das in der SF? Wird man auf der Suche nach einer marxistischen Analyse in SF-Romanen fündig?
Sherryl Vint: Ja, bei einigen Autor:innen durchaus, etwa bei China Miéville, der auch als sozialistischer Kandidat in Großbritannien antrat und mit seinem revolutionären Online-Magazin Salvage einen marxistischen Diskurs pflegt. Es gibt SF, die verschiedene Wirtschaftsformen imaginiert, aber nicht immer linke, progressive – sehr oft sind es auch libertäre. Hier muss auch Kim Stanley Robinson genannt werden. Er verbindet Ökologie und Wirtschaft, indem er einen klimafreundlichen, auf Aushandlungen beruhenden Kapitalismus erfindet.
Christine Lötscher: Lassen sich ökonomische Strukturen in unserer Kultur überhaupt anders denken?
Sherryl Vint: Ökonomische Strukturen sind so selbstverständlich geworden, dass uns die kritische Sprache dafür fehlt. Dies ist das Ergebnis aktiver neoliberaler Orthopraxie, die den Menschen an die Märkte anpasst, statt umgekehrt. Oft wird die Meritokratie als alternativlos vorausgesetzt, aber die Bedingungen sind für Menschen je nach ihrer sozialen Herkunft extrem unterschiedlich, und dies wiederum führt zu Ressentiments, wie man sie bei MAGA-Anhänger:innen und ähnlichen Bewegungen sehen kann. Mark Fisher spricht in diesem Zusammenhang von „capitalist realism“ – und meint damit die Vorstellung, dass keine Alternative zum Kapitalismus denkbar ist.
Christine Lötscher: Wo sehen Sie in der SF alternative Wirtschaftsformen?
Sherryl Vint: Viele ökologische SF-Romane entwerfen Degrowth-Szenarien, etwa Notes from the Burning Age (2021) von Claire North oder The Ministry for the Future (2020) von Kim Stanley Robinson; ein Roman, der sich auf hochkomplexe Weise mit unterschiedlichen Massnahmen zur Anpassung an den Klimawandel und zur Eindämmung der Folgen auseinandersetzt. Und dann gibt es einen feministischen Zugang, der eher lokale Communitys und ihre alternativen, nachhaltigen Weisen des Zusammenlebens entwirft. Ich denke hier an Carrie Vaughns Bannerless (2017), einen postapokalyptischen Roman über Agrargemeinschaften in Kalifornien.
Christine Lötscher: Sie erwähnten in einem Workshop mit Doktorand:innen an der Uni Zürich, dass Sie eine „first generation academic“ sind. Wie hat Bildung Ihre Perspektive verändert?
Sherryl Vint: Ich bin in einer ländlichen, wenig diversen Community aufgewachsen. Die Uni war für mich die Gelegenheit, andere Perspektiven kennenzulernen, mich mit Geschichte, mit unterschiedlichen Organisationsformen von Gemeinschaft zu befassen. SF verwendet oft die Operation des „cognitive estrangement“, um das Vertraute zur Unkenntlichkeit zu verzerren. Ein solches kritisches Verfremden kann politisch sehr wirksam sein. Alle sollten diese Möglichkeit bekommen in ihrer Bildungsbiografie – nicht für ein Einheitsdenken, sondern für echte kritische Erfahrung und neue Chancen.
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