Monika Herceg schreibt in ihren Gedichten über Armut und Gewalt, erzählt Geschichten vom Land und vom Wunsch nach Liebe. Sie debütierte 2018 mit dem Gedichtband Anfangskoordinaten (Početne coordinate), veröffentlichte 2019 ihren zweiten Gedichtband Jagdverbot (Lovostaj, auf Deutsch 2023 im Eta Verlag erschienen) und 2020 ihren dritten mit dem Titel Die Zeit vor der Zunge (Vrijeme prije jezika). Neben veröffentlichten Dramentexten (Bring dich um, Vater 2022) und Prosa schreibt sie derzeit an ihrem ersten Roman. Das Interview stellt die Autorin erstmals auf Deutsch vor – mit zwei übersetzten Gedichten aus ihrem letzten Gedichtband.
Philine Bickhardt: Monika, du bist 1990 in Sisak, einer zentral-südlich gelegenen Stadt in Kroatien geboren. Ein Jahr nach deiner Geburt wurde dieses Gebiet von den Krajina-Serben besetzt, später 1995 in der sog. Großoffensive „Operation Oluja“ (kroat: Operacija Oluja) von der kroatischen Armee zurückerobert. Beschreibe mir ein wenig deine Kindheit. Welche Rolle spielten Krieg und Flucht?
Monika Herceg: Ich bin nur deshalb in Sisak geboren, weil es die nächstgelegene Entbindungsklinik war. Ansonsten komme ich aus einem Dorf in der Nähe von Petrinja, aus dem Dorf Pecki, wo wir oberhalb auf einem Berg lebten. Als ich ein Jahr alt war, mussten wir aus bekannten Gründen fliehen. Diese Flucht ist für sich genommen ein ganzes Märchen, und ich beschäftige mich auch in meinem neuen Roman, den ich gerade schreibe, damit. Mit dieser Art von berühmter Flucht, die passiert, wenn die Armee kommt. Und eigentlich ist das einzige Leben, an das ich mich aus meiner Kindheit erinnere, das Leben auf der Flucht, als Geflüchtete. So vergingen ganze 10 Jahre, und als ich in die fünfte Klasse der Grundschule kam, gingen wir wieder aufs Land zurück. Insgesamt hatten wir davor drei Wohnorte und Häuser gewechselt. Zum Beispiel haben wir eine Zeit lang in einem kleinen Haus gewohnt, wo wir nur ein Plumpsklo hatten, wir hatten nicht einmal eine Toilette. Ich hatte wirklich keine Ahnung, was ein Badezimmer ist; das war einfach etwas, mit dem man nicht aufgewachsen ist.
Und zu einem Zeitpunkt zogen wir auch in ein serbisches Haus in Petrinja, denn zu dieser Zeit, als Krieg herrschte, standen die serbischen Häuser leer, denn dieser Krieg war in vielerlei Hinsicht schrecklich. Natürlich war Serbien in diesem Fall der Aggressor, aber die Kroaten vertrieben die serbische Bevölkerung, die übrig geblieben war. Das ist wirklich kein schöner Teil unserer Geschichte. Auf der einen Seite habe ich also diese Geschichte der ständigen Vertreibung und der vollständigen Armut. So sehr ich auch Jahre später davon entfernt bin, diese Scham, die bleibt; es ist einfach eine große Scham, die über eine übliche Armut in dörflichen Verhältnissen weit hinausgeht.
Wir lebten mehrere Jahre in Slum-ähnlichen Verhältnissen. Ich denke, dass Armut etwas ist, das sehr tief prägt, denn für mich ist es bis heute noch schwer, sich an das Gefühl zu gewöhnen, einen vollen Kühlschrank zu haben. Ich meine, im wahrsten Sinne des Wortes, ich habe Goudakäse das erste Mal probiert, als ich zum Studium nach Zagreb ging.
Ohne diese Erfahrung hätte ich heute nicht dieses Gefühl von Entzug, von Abwesenheit der Heimat und von Zuhause. Und uns, die wir es erlebt haben, wird dieses Gefühl wahrscheinlich bis heute begleiten.
Philine Bickhardt: Du gehörst einer Generation an, die etwa 30-35 Jahre alt ist und deren Väter aus dem Krieg zurückgekehrt sind, sowohl in Serbien, Bosnien als auch in Kroatien und anderen Ländern des ehemaligen Jugoslawiens.
Monika Herceg: Als wir in unser Dorf zurückkamen, hatte mein Vater schon aufgehört zu arbeiten, er trank viel, er war während des sogenannten „Heimatkrieges“ Invalide geworden, er wurde bei einer Explosion verwundet, also hatte er Granatsplitter in seinem Hals und anderswo im Körper, er trank eigentlich buchstäblich den ganzen Tag. Er starb ziemlich früh, als ich 15 war, was vielleicht besser ist, ich weiß nicht, wie das Leben sonst ausgesehen hätte, denn Alkohol lehrt immer Gewalt. Ich kann mich an den Moment erinnern, als mein Vater starb, dass sogar meine Mutter sagte, dass wir gerettet seien (und meine Mutter würde noch heute ihre Hand dafür ins Feuer legen, dass er ein großartiger Vater und ein großartiger Ehemann gewesen sei). Wir blieben übrig, Mama und wir drei Kinder, und sie hat es irgendwie geschafft, uns mit dem bisschen Geld rauszuholen.
Philine: Wenn du so erzählst… Was bedeuten diese Erinnerungen für dein Schreiben?
Monika Herceg: Ich habe einige, ein paar Erinnerungen, teilweise traumatische und ein bisschen verrückte Erinnerungen, manche sind vielleicht schon Fiktion, deshalb hinterfrage ich in meinem zukünftigen Roman diese Erinnerungen. So oft erzählen wir uns Geschichten, du wirst schon das Gefühl haben, dass es wirklich so passiert ist, und gleichzeitig erzählen wir uns Geschichten, die sich im Laufe der Zeit ändern, weil wir sie anders haben müssen, wofür ich sehr dankbar bin. Wir sind heute nur die Menschen, die wir sind, da wir die Narrative über uns selbst ändern können. Und hier zeigt sich die außergewöhnliche Kraft des Erzählens, weshalb wir immer Literatur brauchen, denn diese Veränderung in der Erzählung über sich selbst geht so tief, dass sie die Erinnerungen tatsächlich verändert.
So kann also ein Mensch, der zuvor Opfer war – ein typischer Moment in der psychotherapeutischen Heilung –, anders über sich selbst erzählen, wenigstens im Moment der Rekapitulation etwas anders machen.
Philine Bickhardt: Du bekommst eine Agency durchs Umerzählen oder Neuerzählen…
Monika Herceg: Ja, genau. Und heute können wir, ob in Belgrad oder Zagreb, mit unseren Kindern bereits neue Erfahrungen und Erinnerungen kreieren. Von damals erinnere ich nicht viel; Alkohol, Gewalt, ich erinnere mich, wie die Zigaretten auf den Boden fielen und brannten. Alles am Rande des Hässlichen. Ich grabe gerade sehr viel für meinen Roman – und ich versuche zu schauen, ob ich durch meine Heldin oder meine Heldin durch mich zu diesen Geschichten kommt und vordringen kann. Wir haben damals intuitiv sehr viel gefühlt, ich weiß, dass man uns doll geschlagen hat. Mein Großvater, der mit uns lebte, war auch Alkoholiker, er schlug Großmutter jeden Tag, eine wirklich schreckliche Figur, einfach ein Tyrann.
Ich gehe immer noch zur Psychotherapie – und die körperlichen Traumata in Form von Körperschmerzen können mehr erinnern als das Bewusstsein. Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir nicht gelernt haben, den Körper zu fühlen. Ich denke, Krieg erzeugt eine große Menge an Dunkelheit in den Menschen.
Weißt du, es ist schwierig für mich, den Krieg aus diesem Kontext herauszulösen, es ist einfach eine Tatsache, genau wie Armut eine Tatsache war. Als ich jetzt in der Ukraine war, bekam ich Gänsehaut, ich sehe so viel von dieser Tiefe, von dieser Dunkelheit; ich denke, sie entfacht die tiefste Gewalt in den Menschen. Ich denke, dieses Gefühl ist unverkennbar, und es hat mir wirklich Angst gemacht, wie sehr es uns umgibt.
Philine Bickhardt: Du hast den Preis European poet of Freedom für deinen zweiten Gedichtband Lovostaj, der im vergangenen Jahr in der deutschen Übersetzung von Ivana Pajić im Eta Verlag erschienen ist, bekommen. Ich möchte verstehen, was bedeutet das für dich, European Poet of Freedom? Was verbindest du damit?
Monika Herceg: Wenn man vom Land kommt, hat eine Auszeichnung an sich nicht so viel Bedeutung. Du musst weitermachen, du musst jetzt Neues schaffen. Die Auszeichnung kam, ich ging hin zur Verleihung, lernte nette Leute kennen, bekam Geld und das wars. Ich betrachte es von dieser Seite aus, dass mein Roman, den ich schreibe, für mich im Moment viel wichtiger ist, ich lebe immer im Jetzt. Der Roman handelt von Erinnerungen, Traumata, aber auch von der Suche nach weiblicher Freiheit, Emanzipation, Sexualität, ich lade uns mit diesem Roman offen ein, unsere Stärke, Leidenschaft, Lust und Orgasmen zu hinterfragen. Es gibt auch Pausen für den Orgasmus in dem Roman. All das ist etwas, worüber wir nicht genug sprechen. Für mich war Lovostaj also schon ein Buch, das ich hinter mir gelassen habe und ich bin froh, dass es seine eigenen Wege gefunden hat. Und natürlich freue ich mich über die Anerkennung meiner Arbeit.
Philine Bickhardt: Worum geht es in Lovostaj?
Monika Herceg: Was mir klar geworden ist, vielleicht auch ein bisschen klarer nach dieser Auszeichnung, ist die Tatsache, dass wir überall immer noch über all das, was ich in den Gedichten verhandle, sprechen. Also habe ich Lovostaj 2018 geschrieben, diese Gedichte handeln von Abtreibung, sie handeln von der Gewalt an Frauen, sie handeln eigentlich von den Erfahrungen einer Frau, und wir sind immer noch an einem Ort, an dem wir noch nicht angefangen haben, darüber zu sprechen.
Wir haben immer noch eine systematische Unterdrückung, die alles, was passiert, unter den Teppich kehrt, meistens wegen Frauenfeindlichkeit, natürlich haben wir mittlerweile auch eine Art Bewusstsein dafür, aber auf der anderen Seite, schau dir die Femizide an, die in Kroatien nur zunehmen (Anm. d. Red.: am 14.03.2024 hat das kroatische Parlament Femizid als eigenen Straftatbestand anerkannt). Als ich dieses Buch schrieb und über die Femizide schrieb, die passierten, konnte ich mir selbst in Fiktion nicht vorstellen, dass es heute normal sein würde, dass mehrere Situationen von Übergriffen auf Frauen an öffentlichen Orten wie Geschäften passieren.
Philine Bickhardt: Die Stimme der dichterischen Freiheit ist also auch eine moralische?
Monika Herceg: Ich denke, das ist es, was es für mich ist, ich hatte immer in meinem Kopf diese Stimme einer poetischen Freiheit, und seit ich tatsächlich auf der Bühne stehe, plädiere ich wirklich dafür, dass jeder, der einen kleinen öffentlichen Raum hat, ihn gut nutzen muss. In dem Sinne, dass es wichtig ist, sich an Orten zu äußern, auch an denen das nicht erwartet wird. Egal ob es sich um Gewalt an den Außengrenzen der EU handelt, um die Push-backs von Flüchtlingen durch die kroatische Polizei, ob es sich um Femizide und um häusliche Gewalt handelt, ob es der Populismus und der Neo-Faschismus ist, der an unsere Tür in Europa klopft… Gelegentlich wird auf kroatischen rechten Internetportalen Hetze über mich verbreitet, weil ich in öffentlichen TV-Shows Nationalismus kritisiere oder mich für das Recht auf Abtreibung einsetze. Sie machen einen großen Zirkus daraus, aber für mich ist es das Normalste auf der Welt.
Ich habe nicht das Privileg, so zu tun, als ob die Dinge nicht so passieren, wie sie passieren. Ich empfinde wirklich diese moralische und bürgerliche Pflicht, über Dinge zu sprechen, über die wir sprechen müssen.
Wieviel hätten wir nach Auschwitz lernen müssen, so hätten wir auch viel nach Srebrenica lernen müssen, nach allem was in Jugoslawien passierte; man kann wirklich so viele Dinge aufzählen, dass jeder anfangen müsste, sich zu übergeben. Das Schrecklichste finde ich, wenn Menschen sagen, das sei Meinungsfreiheit, aber eigentlich handelt es sich um Tatsachen. Das ist sehr, sehr gefährlich. Srebrenica ist eine Tatsache.
Philine Bickhardt: Du hast Physik studiert und das Studium abgebrochen. Und wie du sagst: Es stimmt nicht, dass man immer alles beenden muss, was man begonnen hat. Dennoch scheint dein Interesse für physikalische Prozesse, Kosmologie und griechische Mythologie in deinen Gedichten omnipräsent zu sein. Etwa wenn im Gedicht „Prolog für die Gynophoben“ (in Lovostaj) Newton der berüchtigte Apfel aus dem biblischen Paradies in die Hände fällt und er das Gesetz der Schwerkraft erkennt, Eva und Adam die Schöpfungsgeschichte neu erzählen. Und dann lässt du das Gedicht mit dem „Schwarzen Loch“ enden, welches in jedem Moment in der Lage wäre, uns, unseren Planeten und die Menschheit in einer Sekunde zu verschlucken.
Monika Herceg: Auch die Philosophie ist mir sehr wichtig. Ich denke, dass es viele Interpretationen der Welt und der Probleme der Welt in Mythen gibt. Und dass tatsächlich, wenn wir von den Mythen ausgehen, die geschrieben wurden und wir sie speziell aus der Situation der weiblichen Position heraus betrachten, wir ein ewiges Fortbestehen von Gewalt gegen Frauen beobachten können. Ein klarer Indikator dafür ist, wie gut Täter durchkommen und wie schrecklich es den Opfern in all diesen Mythen ergeht.
Und nirgendwo werden sie in dieser Position wirklich erwähnt. Denn es ist wie die Natur der Götter, egal: wenn Zeus entschlossen ist, jemanden zu vergewaltigen, ist es nicht schlecht. Es ist die Entscheidung des Zeus, die Entscheidung des Gottes. Und ich denke, dass mit dieser Relativierung, die damals schon besiegelt wurde, auch andere Dynamiken besiegelt wurden, gerade in diesem Kontext der Geschichte der Frauen und Männer. Ich glaube also zutiefst, dass wir anfangen müssen, neue Erzählungen und neue Mythen zu erschaffen, dass wir irgendwie diese weibliche Kraft in diesen Mythen übernehmen müssen.
Für mich ist die ganze Welt eigentlich eine große Geschichte, und die Geschichte beginnt natürlich irgendwo, sie beginnt in der Kosmologie, sie beginnt mit der Erschaffung der ersten Welten.
Ich kann die Interpretationen von Mythen oder Märchen nicht trennen von dem, was auf einer bestimmten Ebene des Kosmos oder auf einer Ebene dieser wissenschaftlichen Erkenntnisse geschieht, dann kann ich es nicht von Frauen trennen, die sich mit der Wissenschaft beschäftigen. Ich denke, dass die Kunst heute tatsächlich nach einer Art Verschmelzung der Welten und nach einer Art Interdisziplinarität schreit, weil wir von all den anderen Welten viel lernen können.
Und ich glaube nicht, dass wir in die Fallen der Poesie tappen sollten und dass Poesie sich ausschließlich mit Poesie beschäftigen sollte. Ich denke, Poesie muss Welten offenbaren. Wenn das für mich Physik bedeutet, dann ist es vielleicht Biologie für jemanden anderen.
Philine Bickhardt: Ich würde gerne mehr über deine Figur der Eva reden, die im bereits genannten Gedicht präsent ist. Aus der ursprünglichen Eva wird sozusagen im Laufe des Gedichts eine Schlangen-Eva, die sowohl Adam als auch die Erkenntnis will.
Monika Herceg: Ich denke, dass allgemein die Position von Eva sehr interessant ist, denn sie ist ein gewisser Anfangspunkt. Das ist ein Kampf eigener Art. Seitdem ich mich vom Vater meiner Kinder getrennt habe, versuche ich auch zu verstehen, was ich brauche. Ich habe zwei Kinder.
Die feministische Position oder die Position einer emanzipierten Frau schließt die Suche nach einer wichtigen emotionalen Verbindung mit emotionaler Selbstverwirklichung nicht aus. Genau, wie wenn Frauen Mütter sein wollen, ihr Feminismus schließt die Mutterschaft nicht aus. Für mich beinhaltet Feminismus natürlich auch den Kampf für die Befreiung vom Patriarchat und die Selbstverwirklichung für LGBTQIA*-Personen und andere sexuelle Orientierungen.
Es ist wichtig, diesen Ort zu öffnen und zu schaffen. Für mich ist Eva diejenige, die Adam haben kann, aber auch alles andere. Die Position von Eva ist etwas, das wir heute interpretieren könnten. Viele Männer haben tatsächlich Angst vor starken Frauen, deswegen auch ein Prolog für Gynophone.
Und das ist etwas, was mich schon immer fasziniert und interessiert, warum es diese Angst vor starken Frauen gibt. Die Frage ist, ob dieser fiktive Adam Angst vor dieser ungehorsamen Eva hat.
Philine Bickhardt: Die beiden hier übersetzen Gedichte stammen aus dem Band Die Zeit vor der Zunge (Vrijeme prije jezika). Was ist diese Zeit vor der Zunge oder die Zeit vor der Sprache, wie es sich auch ins Deutsche übersetzen lässt?
Monika Herceg: Für mich war es ein Raum für die Suche nach Liebe, ich verstehe Liebe als einen Ort, an dem die Existenz der Sprache nicht notwendig ist, um sich zu verstehen; als eine Raum-Zeit, in der Berührungen, unsere Handlungen und das, was wir fühlen, alles denjenigen sagen kann, die wir lieben. Die Liebe ist für mich die treibende Kraft (und damit meine ich nicht nur Partnerschaft, erotische Liebe, sondern alles, was sie sein kann), die die Welt verändern kann.
Vielen Dank für das Gespräch!
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Theorem über die Zeit (Teorem o vremenu)
Am Anfang schloss die Liebe die Augen und sagte:
Der lange Tag wird sich auf hohle Knochen legen
und blühen werden sie
Die lange Nacht wird sich auf weiche Gelenke legen
und erhärten werden sie
Die junge Zeit wird in die Wirbel sprechen:
ich habe keinen Anfangspunkt, doch dein ganzes Leben
werde ich so tun, als würde ich fließen
Jahre werden Wunden öffnen
Jahre werden sie schließen
Am Ende wird die Liebe die Augen zukneifen und sagen:
Dein Vater, deine Mutter, dein Sohn, deine Tochter,
Dein geliehener Himmel und all die Klumpen der Dunkelheit
aneinandergereiht zu einem langen Knochen voll an Luft,
starköpfige Wasservögel
Jahrzehnte sind vergangen und Du und die Zeit haben so getan,
als ob der eine stillsteht und der andere sich bewegt
Der Staat ist gestorben, oder zwei, drei
jemand hat das Herz auf die Flagge geworfen und der Krieg begann
und die Jahre trampelten über die Stirn
bis die Gedanken zerstreut waren,
die Jahre nähten den Verstand
bis er vernarbte
Aus dem Kroatischen von Philine Bickhardt
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Hypothese über das Anfangsvolumen (Hipoteze o volumenu početka)
Meine Eltern wussten, Liebe ist für die Besseren
nicht für diejenigen, die mit der Erde leben
Liebe zeigt sich nicht unter Schaufeln und Äxten,
weil Schlamm alles infiziert, was er berührt
Meine Eltern wussten, dass Liebe nicht zwei Holzzimmer
bewohnen kann mit Hühnern und Gänsen,
in denen sie lebten ohne Gedanken
über Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit, sie ließen die Kinder
die taube Einsamkeit der Wände berühren
Nichts wussten meine Eltern von Liebe
und dieses Nichts haben sie vor uns gestellt
damit sie uns anschaut wie ein Maulwurf im Garten
bis wir auf sie mit Hacken einschlagen
Aus dem Kroatischen von Philine Bickhardt