Monika Herceg ist die meistprämierte Dichterin aus dem heutigen Kroatien. Im Interview sprechen Philine Bickhardt und Monika Herceg über die Kindheit im Krieg und über das Nutzen der poetischen Stimme im Alltag. Mit zwei erstmals ins Deutsche übersetzten Gedichten.

  • Monika Herceg

    Monika Herceg (geb. 1990 in Sisak, Kroatien) ist Dichterin, Dramatikerin, Schriftstellerin und Feministin. Sie ist alleinerziehende Mutter zweier Kinder. Im April 2024 hat sie und ihre polnische Übersetzerin den polnischen Preis European Poet of Freedom Gdańsk Literary Award für ihr zweites Buch Jagdverbot (2023 ins Deutsche übersetzt) bekommen.
  • Philine Bickhardt

    Philine Bickhardt ist wissenschaftliche Assistentin am Slavischen Seminar der Universität Zürich. Sie hat Slavistik und Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin, in Sankt Petersburg und Belgrad studiert, zwei Jahre als Freiwillige bei der Menschenrechtsorganisation „Memorial“ gearbeitet sowie als Webredakteurin bei www.novinki.de.

Monika Herceg schreibt in ihren Gedichten über Armut und Gewalt, erzählt Geschichten vom Land und vom Wunsch nach Liebe. Sie debü­tierte 2018 mit dem Gedicht­band Anfangs­ko­or­di­naten (Početne coor­di­nate), veröf­fent­lichte 2019 ihren zweiten Gedicht­band Jagd­verbot (Lovostaj, auf Deutsch 2023 im Eta Verlag erschienen) und 2020 ihren dritten mit dem Titel Die Zeit vor der Zunge (Vrijeme prije jezika). Neben veröf­fent­lichten Dramen­texten (Bring dich um, Vater 2022) und Prosa schreibt sie derzeit an ihrem ersten Roman. Das Inter­view stellt die Autorin erst­mals auf Deutsch vor – mit zwei über­setzten Gedichten aus ihrem letzten Gedichtband.

Philine Bick­hardt: Monika, du bist 1990 in Sisak, einer zentral-südlich gele­genen Stadt in Kroa­tien geboren. Ein Jahr nach deiner Geburt wurde dieses Gebiet von den Krajina-Serben besetzt, später 1995 in der sog. Groß­of­fen­sive „Opera­tion Oluja“ (kroat: Opera­cija Oluja) von der kroa­ti­schen Armee zurück­er­obert. Beschreibe mir ein wenig deine Kind­heit. Welche Rolle spielten Krieg und Flucht?

Monika Herceg: Ich bin nur deshalb in Sisak geboren, weil es die nächst­ge­le­gene Entbin­dungs­klinik war. Ansonsten komme ich aus einem Dorf in der Nähe von Petr­inja, aus dem Dorf Pecki, wo wir ober­halb auf einem Berg lebten. Als ich ein Jahr alt war, mussten wir aus bekannten Gründen fliehen. Diese Flucht ist für sich genommen ein ganzes Märchen, und ich beschäf­tige mich auch in meinem neuen Roman, den ich gerade schreibe, damit. Mit dieser Art von berühmter Flucht, die passiert, wenn die Armee kommt. Und eigent­lich ist das einzige Leben, an das ich mich aus meiner Kind­heit erin­nere, das Leben auf der Flucht, als Geflüch­tete. So vergingen ganze 10 Jahre, und als ich in die fünfte Klasse der Grund­schule kam, gingen wir wieder aufs Land zurück. Insge­samt hatten wir davor drei Wohn­orte und Häuser gewech­selt. Zum Beispiel haben wir eine Zeit lang in einem kleinen Haus gewohnt, wo wir nur ein Plumpsklo hatten, wir hatten nicht einmal eine Toilette. Ich hatte wirk­lich keine Ahnung, was ein Bade­zimmer ist; das war einfach etwas, mit dem man nicht aufge­wachsen ist.

Und zu einem Zeit­punkt zogen wir auch in ein serbi­sches Haus in Petr­inja, denn zu dieser Zeit, als Krieg herrschte, standen die serbi­schen Häuser leer, denn dieser Krieg war in vielerlei Hinsicht schreck­lich. Natür­lich war Serbien in diesem Fall der Aggressor, aber die Kroaten vertrieben die serbi­sche Bevöl­ke­rung, die übrig geblieben war. Das ist wirk­lich kein schöner Teil unserer Geschichte. Auf der einen Seite habe ich also diese Geschichte der stän­digen Vertrei­bung und der voll­stän­digen Armut. So sehr ich auch Jahre später davon entfernt bin, diese Scham, die bleibt; es ist einfach eine große Scham, die über eine übliche Armut in dörf­li­chen Verhält­nissen weit hinausgeht.

Wir lebten mehrere Jahre in Slum-ähnlichen Verhält­nissen. Ich denke, dass Armut etwas ist, das sehr tief prägt, denn für mich ist es bis heute noch schwer, sich an das Gefühl zu gewöhnen, einen vollen Kühl­schrank zu haben. Ich meine, im wahrsten Sinne des Wortes, ich habe Gouda­käse das erste Mal probiert, als ich zum Studium nach Zagreb ging.

Ohne diese Erfah­rung hätte ich heute nicht dieses Gefühl von Entzug, von Abwe­sen­heit der Heimat und von Zuhause. Und uns, die wir es erlebt haben, wird dieses Gefühl wahr­schein­lich bis heute begleiten.

Philine Bick­hardt: Du gehörst einer Gene­ra­tion an, die etwa 30-35 Jahre alt ist und deren Väter aus dem Krieg zurück­ge­kehrt sind, sowohl in Serbien, Bosnien als auch in Kroa­tien und anderen Ländern des ehema­ligen Jugoslawiens.

Monika Herceg:  Als wir in unser Dorf zurück­kamen, hatte mein Vater schon aufge­hört zu arbeiten, er trank viel, er war während des soge­nannten „Heimat­krieges“ Inva­lide geworden, er wurde bei einer Explo­sion verwundet, also hatte er Granat­splitter in seinem Hals und anderswo im Körper, er trank eigent­lich buch­stäb­lich den ganzen Tag. Er starb ziem­lich früh, als ich 15 war, was viel­leicht besser ist, ich weiß nicht, wie das Leben sonst ausge­sehen hätte, denn Alkohol lehrt immer Gewalt. Ich kann mich an den Moment erin­nern, als mein Vater starb, dass sogar meine Mutter sagte, dass wir gerettet seien (und meine Mutter würde noch heute ihre Hand dafür ins Feuer legen, dass er ein groß­ar­tiger Vater und ein groß­ar­tiger Ehemann gewesen sei). Wir blieben übrig, Mama und wir drei Kinder, und sie hat es irgendwie geschafft, uns mit dem biss­chen Geld rauszuholen.

Philine: Wenn du so erzählst… Was bedeuten diese Erin­ne­rungen für dein Schreiben?

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Monika Herceg: Ich habe einige, ein paar Erin­ne­rungen, teil­weise trau­ma­ti­sche und ein biss­chen verrückte Erin­ne­rungen, manche sind viel­leicht schon Fiktion, deshalb hinter­frage ich in meinem zukünf­tigen Roman diese Erin­ne­rungen. So oft erzählen wir uns Geschichten, du wirst schon das Gefühl haben, dass es wirk­lich so passiert ist, und gleich­zeitig erzählen wir uns Geschichten, die sich im Laufe der Zeit ändern, weil wir sie anders haben müssen, wofür ich sehr dankbar bin. Wir sind heute nur die Menschen, die wir sind, da wir die Narra­tive über uns selbst ändern können. Und hier zeigt sich die außer­ge­wöhn­liche Kraft des Erzäh­lens, weshalb wir immer Lite­ratur brau­chen, denn diese Verän­de­rung in der Erzäh­lung über sich selbst geht so tief, dass sie die Erin­ne­rungen tatsäch­lich verändert.

So kann also ein Mensch, der zuvor Opfer war – ein typi­scher Moment in der psycho­the­ra­peu­ti­schen Heilung –, anders über sich selbst erzählen, wenigs­tens im Moment der Reka­pi­tu­la­tion etwas anders machen.

Philine Bick­hardt: Du bekommst eine Agency durchs Umer­zählen oder Neuerzählen…

Monika Herceg: Ja, genau. Und heute können wir, ob in Belgrad oder Zagreb, mit unseren Kindern bereits neue Erfah­rungen und Erin­ne­rungen kreieren. Von damals erin­nere ich nicht viel; Alkohol, Gewalt, ich erin­nere mich, wie die Ziga­retten auf den Boden fielen und brannten. Alles am Rande des Häss­li­chen. Ich grabe gerade sehr viel für meinen Roman – und ich versuche zu schauen, ob ich durch meine Heldin oder meine Heldin durch mich zu diesen Geschichten kommt und vordringen kann. Wir haben damals intuitiv sehr viel gefühlt, ich weiß, dass man uns doll geschlagen hat. Mein Groß­vater, der mit uns lebte, war auch Alko­ho­liker, er schlug Groß­mutter jeden Tag, eine wirk­lich schreck­liche Figur, einfach ein Tyrann.

Ich gehe immer noch zur Psycho­the­rapie – und die körper­li­chen Trau­mata in Form von Körper­schmerzen können mehr erin­nern als das Bewusst­sein. Wir leben in einer Gesell­schaft, in der wir nicht gelernt haben, den Körper zu fühlen. Ich denke, Krieg erzeugt eine große Menge an Dunkel­heit in den Menschen.

Weißt du, es ist schwierig für mich, den Krieg aus diesem Kontext heraus­zu­lösen, es ist einfach eine Tatsache, genau wie Armut eine Tatsache war. Als ich jetzt in der Ukraine war, bekam ich Gänse­haut, ich sehe so viel von dieser Tiefe, von dieser Dunkel­heit; ich denke, sie entfacht die tiefste Gewalt in den Menschen. Ich denke, dieses Gefühl ist unver­kennbar, und es hat mir wirk­lich Angst gemacht, wie sehr es uns umgibt.

Philine Bick­hardt: Du hast den Preis Euro­pean poet of Freedom für deinen zweiten Gedicht­band Lovostaj, der im vergan­genen Jahr in der deut­schen Über­set­zung von Ivana Pajić im Eta Verlag erschienen ist, bekommen. Ich möchte verstehen, was bedeutet das für dich, Euro­pean Poet of Freedom? Was verbin­dest du damit?

Monika Herceg: Wenn man vom Land kommt, hat eine Auszeich­nung an sich nicht so viel Bedeu­tung. Du musst weiter­ma­chen, du musst jetzt Neues schaffen. Die Auszeich­nung kam, ich ging hin zur Verlei­hung, lernte nette Leute kennen, bekam Geld und das wars. Ich betrachte es von dieser Seite aus, dass mein Roman, den ich schreibe, für mich im Moment viel wich­tiger ist, ich lebe immer im Jetzt. Der Roman handelt von Erin­ne­rungen, Trau­mata, aber auch von der Suche nach weib­li­cher Frei­heit, Eman­zi­pa­tion, Sexua­lität, ich lade uns mit diesem Roman offen ein, unsere Stärke, Leiden­schaft, Lust und Orgasmen zu hinter­fragen. Es gibt auch Pausen für den Orgasmus in dem Roman. All das ist etwas, worüber wir nicht genug spre­chen. Für mich war Lovostaj also schon ein Buch, das ich hinter mir gelassen habe und ich bin froh, dass es seine eigenen Wege gefunden hat. Und natür­lich freue ich mich über die Aner­ken­nung meiner Arbeit.

Philine Bick­hardt: Worum geht es in Lovostaj?

Monika Herceg: Was mir klar geworden ist, viel­leicht auch ein biss­chen klarer nach dieser Auszeich­nung, ist die Tatsache, dass wir überall immer noch über all das, was ich in den Gedichten verhandle, spre­chen. Also habe ich Lovostaj 2018 geschrieben, diese Gedichte handeln von Abtrei­bung, sie handeln von der Gewalt an Frauen, sie handeln eigent­lich von den Erfah­rungen einer Frau, und wir sind immer noch an einem Ort, an dem wir noch nicht ange­fangen haben, darüber zu sprechen.

Wir haben immer noch eine syste­ma­ti­sche Unter­drü­ckung, die alles, was passiert, unter den Teppich kehrt, meis­tens wegen Frau­en­feind­lich­keit, natür­lich haben wir mitt­ler­weile auch eine Art Bewusst­sein dafür, aber auf der anderen Seite, schau dir die Femi­zide an, die in Kroa­tien nur zunehmen (Anm. d. Red.: am 14.03.2024 hat das kroa­ti­sche Parla­ment Femizid als eigenen Straf­tat­be­stand aner­kannt). Als ich dieses Buch schrieb und über die Femi­zide schrieb, die passierten, konnte ich mir selbst in Fiktion nicht vorstellen, dass es heute normal sein würde, dass mehrere Situa­tionen von Über­griffen auf Frauen an öffent­li­chen Orten wie Geschäften passieren.

Philine Bick­hardt: Die Stimme der dich­te­ri­schen Frei­heit ist also auch eine moralische?

Monika Herceg: Ich denke, das ist es, was es für mich ist, ich hatte immer in meinem Kopf diese Stimme einer poeti­schen Frei­heit, und seit ich tatsäch­lich auf der Bühne stehe, plädiere ich wirk­lich dafür, dass jeder, der einen kleinen öffent­li­chen Raum hat, ihn gut nutzen muss. In dem Sinne, dass es wichtig ist, sich an Orten zu äußern, auch an denen das nicht erwartet wird. Egal ob es sich um Gewalt an den Außen­grenzen der EU handelt, um die Push-backs von Flücht­lingen durch die kroa­ti­sche Polizei, ob es sich um Femi­zide und um häus­liche Gewalt handelt, ob es der Popu­lismus und der Neo-Faschismus ist, der an unsere Tür in Europa klopft… Gele­gent­lich wird auf kroa­ti­schen rechten Inter­net­por­talen Hetze über mich verbreitet, weil ich in öffent­li­chen TV-Shows Natio­na­lismus kriti­siere oder mich für das Recht auf Abtrei­bung einsetze. Sie machen einen großen Zirkus daraus, aber für mich ist es das Normalste auf der Welt.

Ich habe nicht das Privileg, so zu tun, als ob die Dinge nicht so passieren, wie sie passieren. Ich empfinde wirk­lich diese mora­li­sche und bürger­liche Pflicht, über Dinge zu spre­chen, über die wir spre­chen müssen.

Wieviel hätten wir nach Ausch­witz lernen müssen, so hätten wir auch viel nach Srebre­nica lernen müssen, nach allem was in Jugo­sla­wien passierte; man kann wirk­lich so viele Dinge aufzählen, dass jeder anfangen müsste, sich zu über­geben. Das Schreck­lichste finde ich, wenn Menschen sagen, das sei Meinungs­frei­heit, aber eigent­lich handelt es sich um Tatsa­chen. Das ist sehr, sehr gefähr­lich. Srebre­nica ist eine Tatsache.

Philine Bick­hardt: Du hast Physik studiert und das Studium abge­bro­chen. Und wie du sagst: Es stimmt nicht, dass man immer alles beenden muss, was man begonnen hat. Dennoch scheint dein Inter­esse für physi­ka­li­sche Prozesse, Kosmo­logie und grie­chi­sche Mytho­logie in deinen Gedichten omni­prä­sent zu sein. Etwa wenn im Gedicht „Prolog für die Gyno­phoben“ (in Lovostaj) Newton der berüch­tigte Apfel aus dem bibli­schen Para­dies in die Hände fällt und er das Gesetz der Schwer­kraft erkennt, Eva und Adam die Schöp­fungs­ge­schichte neu erzählen. Und dann lässt du das Gedicht mit dem „Schwarzen Loch“ enden, welches in jedem Moment in der Lage wäre, uns, unseren Planeten und die Mensch­heit in einer Sekunde zu verschlucken.

Monika Herceg: Auch die Philo­so­phie ist mir sehr wichtig. Ich denke, dass es viele Inter­pre­ta­tionen der Welt und der Probleme der Welt in Mythen gibt. Und dass tatsäch­lich, wenn wir von den Mythen ausgehen, die geschrieben wurden und wir sie speziell aus der Situa­tion der weib­li­chen Posi­tion heraus betrachten, wir ein ewiges Fort­be­stehen von Gewalt gegen Frauen beob­achten können. Ein klarer Indi­kator dafür ist, wie gut Täter durch­kommen und wie schreck­lich es den Opfern in all diesen Mythen ergeht.

Und nirgendwo werden sie in dieser Posi­tion wirk­lich erwähnt. Denn es ist wie die Natur der Götter, egal: wenn Zeus entschlossen ist, jemanden zu verge­wal­tigen, ist es nicht schlecht. Es ist die Entschei­dung des Zeus, die Entschei­dung des Gottes. Und ich denke, dass mit dieser Rela­ti­vie­rung, die damals schon besie­gelt wurde, auch andere Dyna­miken besie­gelt wurden, gerade in diesem Kontext der Geschichte der Frauen und Männer. Ich glaube also zutiefst, dass wir anfangen müssen, neue Erzäh­lungen und neue Mythen zu erschaffen, dass wir irgendwie diese weib­liche Kraft in diesen Mythen über­nehmen müssen.

Für mich ist die ganze Welt eigent­lich eine große Geschichte, und die Geschichte beginnt natür­lich irgendwo, sie beginnt in der Kosmo­logie, sie beginnt mit der Erschaf­fung der ersten Welten.

Ich kann die Inter­pre­ta­tionen von Mythen oder Märchen nicht trennen von dem, was auf einer bestimmten Ebene des Kosmos oder auf einer Ebene dieser wissen­schaft­li­chen Erkennt­nisse geschieht, dann kann ich es nicht von Frauen trennen, die sich mit der Wissen­schaft beschäf­tigen. Ich denke, dass die Kunst heute tatsäch­lich nach einer Art Verschmel­zung der Welten und nach einer Art Inter­dis­zi­pli­na­rität schreit, weil wir von all den anderen Welten viel lernen können.

Und ich glaube nicht, dass wir in die Fallen der Poesie tappen sollten und dass Poesie sich ausschließ­lich mit Poesie beschäf­tigen sollte. Ich denke, Poesie muss Welten offen­baren. Wenn das für mich Physik bedeutet, dann ist es viel­leicht Biologie für jemanden anderen.

Philine Bick­hardt: Ich würde gerne mehr über deine Figur der Eva reden, die im bereits genannten Gedicht präsent ist. Aus der ursprüng­li­chen Eva wird sozu­sagen im Laufe des Gedichts eine Schlangen-Eva, die sowohl Adam als auch die Erkenntnis will.

Monika Herceg: Ich denke, dass allge­mein die Posi­tion von Eva sehr inter­es­sant ist, denn sie ist ein gewisser Anfangs­punkt. Das ist ein Kampf eigener Art. Seitdem ich mich vom Vater meiner Kinder getrennt habe, versuche ich auch zu verstehen, was ich brauche. Ich habe zwei Kinder.

Die femi­nis­ti­sche Posi­tion oder die Posi­tion einer eman­zi­pierten Frau schließt die Suche nach einer wich­tigen emotio­nalen Verbin­dung mit emotio­naler Selbst­ver­wirk­li­chung nicht aus. Genau, wie wenn Frauen Mütter sein wollen, ihr Femi­nismus schließt die Mutter­schaft nicht aus. Für mich beinhaltet Femi­nismus natür­lich auch den Kampf für die Befreiung vom Patri­ar­chat und die Selbst­ver­wirk­li­chung für LGBTQIA*-Personen und andere sexu­elle Orientierungen. 

Es ist wichtig, diesen Ort zu öffnen und zu schaffen. Für mich ist Eva dieje­nige, die Adam haben kann, aber auch alles andere. Die Posi­tion von Eva ist etwas, das wir heute inter­pre­tieren könnten. Viele Männer haben tatsäch­lich Angst vor starken Frauen, deswegen auch ein Prolog für Gynophone.

Und das ist etwas, was mich schon immer faszi­niert und inter­es­siert, warum es diese Angst vor starken Frauen gibt. Die Frage ist, ob dieser fiktive Adam Angst vor dieser unge­hor­samen Eva hat.

Philine Bick­hardt: Die beiden hier über­setzen Gedichte stammen aus dem Band Die Zeit vor der Zunge (Vrijeme prije jezika). Was ist diese Zeit vor der Zunge oder die Zeit vor der Sprache, wie es sich auch ins Deut­sche über­setzen lässt?

Monika Herceg: Für mich war es ein Raum für die Suche nach Liebe, ich verstehe Liebe als einen Ort, an dem die Exis­tenz der Sprache nicht notwendig ist, um sich zu verstehen; als eine Raum-Zeit, in der Berüh­rungen, unsere Hand­lungen und das, was wir fühlen, alles denje­nigen sagen kann, die wir lieben. Die Liebe ist für mich die trei­bende Kraft (und damit meine ich nicht nur Part­ner­schaft, eroti­sche Liebe, sondern alles, was sie sein kann), die die Welt verän­dern kann.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

***

 

Theorem über die Zeit (Teorem o vremenu)

Am Anfang schloss die Liebe die Augen und sagte:
Der lange Tag wird sich auf hohle Knochen legen
und blühen werden sie
Die lange Nacht wird sich auf weiche Gelenke legen
und erhärten werden sie
Die junge Zeit wird in die Wirbel sprechen:
ich habe keinen Anfangs­punkt, doch dein ganzes Leben
werde ich so tun, als würde ich fließen

Jahre werden Wunden öffnen
Jahre werden sie schließen

Am Ende wird die Liebe die Augen zukneifen und sagen:
Dein Vater, deine Mutter, dein Sohn, deine Tochter,
Dein gelie­hener Himmel und all die Klumpen der Dunkelheit
anein­an­der­ge­reiht zu einem langen Knochen voll an Luft,
star­köp­fige Wasservögel

Jahr­zehnte sind vergangen und Du und die Zeit haben so getan,
als ob der eine still­steht und der andere sich bewegt
Der Staat ist gestorben, oder zwei, drei
jemand hat das Herz auf die Flagge geworfen und der Krieg begann
und die Jahre tram­pelten über die Stirn
bis die Gedanken zerstreut waren,
die Jahre nähten den Verstand
bis er vernarbte

     Aus dem Kroa­ti­schen von Philine Bickhardt

 

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Hypo­these über das Anfangs­vo­lumen (Hipoteze o volu­menu početka)

Meine Eltern wussten, Liebe ist für die Besseren
nicht für dieje­nigen, die mit der Erde leben
Liebe zeigt sich nicht unter Schau­feln und Äxten,
weil Schlamm alles infi­ziert, was er berührt

Meine Eltern wussten, dass Liebe nicht zwei Holzzimmer
bewohnen kann mit Hühnern und Gänsen,
in denen sie lebten ohne Gedanken
über Aufmerk­sam­keit und Zärt­lich­keit, sie ließen die Kinder
die taube Einsam­keit der Wände berühren

Nichts wussten meine Eltern von Liebe
und dieses Nichts haben sie vor uns gestellt
damit sie uns anschaut wie ein Maul­wurf im Garten
bis wir auf sie mit Hacken einschlagen

      Aus dem Kroa­ti­schen von Philine Bickhardt