Am Morgen der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ließ sich ein Satz kaum vermeiden: Dies sei ein Schicksalstag der deutschen Demokratie. Eine Demokratie, deren Wahrheit sich an einem einzigen Tag enthüllt, hat sich der politischen Logik des Ausnahmezustands bereits stärker angenähert, als ihr guttun kann. Bei der Landtagswahl erhielt die AfD 43,8 Prozent der Zweitstimmen, die CDU 17,2. Die AfD lag damit deutlich vor der CDU, blieb aber unter der absoluten Mehrheit. Die eigentümliche Frage, die sich schon vor der Wahl gestellt hatte, war damit nicht verschwunden. Nicht nur, ob die AfD regieren könnte, sondern was auf der anderen Seite von ihr übrig bleibt, wenn Parteien mit gegensätzlichen Vorstellungen von Gesellschaft nur dadurch zu einem Lager werden, dass sie diese Regierung verhindern wollen. Die politische Mitte bezeichnet dann keinen Ort mehr. Sie wird zur Restmenge. Vielleicht lag darin schon vor dem Wahlergebnis die größere Verschiebung. Die extreme Rechte kann Veränderung versprechen, während ihre Gegner Kontinuität versprechen müssen. Die einen reklamieren das Ereignis, die anderen seine Verhinderung.
Knapp zwei Wochen vor der Wahl war Dolly Parton gestorben. Für einige Tage konnten die Vereinigten Staaten etwas tun, das ihnen sonst zunehmend misslingt: dasselbe Ereignis gleichzeitig erleben. Nicht gleich empfinden, nicht gleich deuten, nicht einmal aus denselben Gründen trauern. Nur gleichzeitig. Parton gehörte zu jener immer selteneren Art von Prominenz, deren Publikum nicht mit einem Milieu zusammenfiel. Man hat sie deshalb gerne apolitisch genannt. Vielleicht war gerade das ihre Politik. Eine Frau, die 9 to 5 geschrieben hat, musste sich über Arbeit nicht von einem Thinktank informieren lassen. Sie sprach über Armut, Frauen, Rassismus und queere Menschen, verschenkte Bücher, finanzierte medizinische Forschung und blieb doch außerhalb jener Sprache, in der eine Überzeugung erst dadurch wirklich zu werden scheint, dass feststeht, welchem Lager sie nützt. Sie verweigerte nicht das Politische, sondern dessen Eindeutigkeit. Deshalb konnte sie für Tennessee, Kirche und Familie stehen und zugleich für Showbiz, platinblondes Haar und Außenseitertum; Multimillionärin sein und Kind der Armut bleiben. Ihre Oberfläche war so demonstrativ künstlich, dass jeder darin etwas Authentisches finden konnte. Vielleicht beginnt Öffentlichkeit genau dort: wo dasselbe verschieden gesehen werden kann, ohne dass dabei verlorengeht, was man miteinander teilt.
Demokratie beginnt dort, wo niemand dauerhaft beanspruchen darf, die Gesellschaft als Ganze zu repräsentieren. Schon der Wahlakt enthält diese eigentümliche Zerlegung: Das souveräne Volk erscheint nicht als Körper, sondern verschwindet hinter einzelnen Kabinen und kehrt als Zahl zurück. Autoritäre Politik vollzieht die umgekehrte Bewegung. Aus einer Bevölkerung voller Widersprüche wird ein moralisches Subjekt namens Volk, dem ein einziger Wille zugeschrieben werden kann. Das wirkliche Volk irrt, ändert seine Meinung und widerspricht sich. Das imaginierte Volk weiß immer schon, was es will. Es braucht nur jemanden, der behauptet, diesen Willen auszusprechen. Gesellschaftliche Widersprüche werden so nicht gelöst, sondern für ein Missverständnis erklärt. Wir sind eigentlich eins. Man muss nur noch herausfinden, wer dieses Wir stört. Darin liegt auch das Unbehagen an der Vorstellung, Dolly Parton sei die letzte Amerikanerin gewesen, auf die sich alle einigen konnten. Vielleicht bestand ihre demokratische Qualität gerade darin, dass man sich auf sie nicht einigen musste. Sie gehörte vielen, weil niemand endgültig bestimmen konnte, was sie für alle bedeutete.
Dass ausgerechnet I Will Always Love You diese Figur begleitet, wirkt im Rückblick beinahe zu passend. Parton schrieb das Lied nicht für einen Geliebten, sondern für Porter Wagoner, den Country Star, in dessen Fernsehsendung sie sieben Jahre lang aufgetreten war. Er hatte ihr eine Öffentlichkeit eröffnet und wollte die gemeinsame Karriere nicht enden lassen. Als er ihre Trennung nicht akzeptieren wollte, ging sie nach Hause und schrieb ein Lied. Am nächsten Tag sang sie es ihm vor. Er weinte und erklärte, sie könne gehen, wenn er die Aufnahme produzieren dürfe. Jahre später verklagte Wagoner sie auf drei Millionen Dollar und beanspruchte Teile vergangener und zukünftiger Einnahmen. Parton zahlte schließlich eine Million Dollar in Raten. Die vielleicht berühmteste Liebeserklärung der Popgeschichte war zunächst ein Kündigungsschreiben. Sie sagte nicht: Weil ich dich liebe, muss ich bleiben. Sie sagte: Was zwischen uns war, bleibt wahr, obwohl ich gehe. Der Vertrag antwortete später mit der gegenteiligen Logik: Wenn das zwischen uns wahr war, gehört ein Teil dessen, was du künftig wirst, weiterhin mir. Bindung wird in Besitz übersetzt. Darin liegt die Versuchung jeder politischen Gemeinschaft. Aus gemeinsamer Vergangenheit werden Eigentumsrechte an der Zukunft abgeleitet. Weil wir eine Geschichte teilen, sollen wir dieselbe Zukunft schulden. Partons Lied behauptet das Gegenteil. Eine Beziehung kann wirklich gewesen sein, ohne für immer dieselbe Form behalten zu müssen.
Dolly Parton eignet sich trotzdem schlecht zur Heiligen der liberalen Demokratie. Gerade ihre Konsensfähigkeit hatte einen Preis. Sie übersetzte Konflikte häufig in Tugenden. Armut wurde zu Großzügigkeit, Bildungsnot zu Bücherspenden, Krankheit zu privater Hilfe. Der Kapitalismus liebt seine Heiligen. Wo ein Recht sein könnte, steht am Ende eine Stiftung. Die reale Güte solcher Taten macht ihre politische Beschränktheit schwer zu benennen. Das Buch ist tatsächlich da. Das Kind liest es wirklich. Nur die gesellschaftliche Form bleibt unangetastet, in der der Zugang zu einem öffentlichen Gut vom Anstand einer außergewöhnlich reichen Person abhängen kann. Philanthropie versöhnt sich mit dem Widerspruch, indem sie seine Folgen lindert. Doch die umgekehrte Kritik wäre ebenso billig. Die Linke besitzt zuweilen eine Begabung, im Trost so zuverlässig die Ideologie aufzuspüren, dass ihr verdächtig wird, wenn Menschen tatsächlich getröstet sind. Eine Bibliothek ersetzt keinen Sozialstaat. Eine Gesellschaft ohne Bibliotheken wird nicht emanzipierter, weil der Widerspruch nun unverstellt daliegt.
Politik kann nicht allein darin bestehen, Antagonismen korrekt zu benennen. Sie muss Formen hervorbringen, in denen Menschen trotz dieser Antagonismen eine Welt miteinander teilen können. Vielleicht liegt hier das eigentliche Problem der deutschen Gegenwart. Der Begriff Polarisierung verdeckt es eher, als dass er es erklärt: Er suggeriert zwei politische Projekte, die um die Zukunft derselben Gesellschaft streiten. Tatsächlich hat sich eine merkwürdigere Arbeitsteilung herausgebildet. Die demokratischen Parteien sprechen immer häufiger in der Sprache der Notwendigkeit, die extreme Rechte in der Sprache der Möglichkeit. Haushalte müssen konsolidiert, Wettbewerbsfähigkeit hergestellt, Migration gesteuert, Verfahren eingehalten werden. Zukunft erscheint als Excel-Tabelle mit ungünstigen Annahmen. Die AfD kann daneben die Vorstellung besetzen, dass überhaupt wieder etwas entschieden werden könnte. Sie besitzt damit kein überzeugenderes Programm, aber zunehmend ein ästhetisches Monopol auf das Politische: Sie darf Wille, Entscheidung und Veränderung darstellen, während die anderen für Sachzwang stehen. Die demokratische Mitte hat gelernt, Kontingenz als Notwendigkeit zu verwalten. Die extreme Rechte verkauft Notwendigkeit wieder als Entscheidung.
Eine Demokratie kann jedoch nicht dauerhaft nur die Abwesenheit ihrer Gegner sein. Auch die Brandmauer kann dieses Problem nicht lösen, obwohl sie notwendig bleibt. Sie ist eine Architektur des Nein. Man kann in ihr nicht wohnen. In Sachsen-Anhalt wurde dieser Widerspruch nach der Wahl beinahe mathematisch sichtbar. Die AfD verfügt über 39 von 83 Sitzen; eine Mehrheit ohne sie ist nur durch Kräfte möglich, deren gegenseitige Abgrenzung bislang Teil ihrer Identität gewesen war. Was als Ausnahme zum Schutz demokratischer Institutionen begonnen hat, droht zur Organisationsform des Parteiensystems zu werden. Je notwendiger diese Abwehr wird, desto dringlicher die Frage, was jenseits von ihr entstehen soll.
Darin bekommt die vermeintlich sentimentale Frage nach Dolly Parton ihre politische Schärfe. Was besitzt eine Gesellschaft gemeinsam, wenn sie aufgehört hat, sich etwas Gemeinsames zu bauen? Die extreme Rechte antwortet: Herkunft. Der Markt: Geschmack. Der liberale Staat: Anträge. Keine dieser Antworten produziert eine gemeinsame Welt. Schwimmbäder, Bürgerämter, Regionalbahnen, Mensen, Sporthallen und Wartezimmer sind nicht demokratisch, weil sie schön wären. Häufig sind sie hässlich, schlecht gelüftet, unterfinanziert und voller Menschen, mit denen man freiwillig niemals drei Stunden verbringen würde. Darin besteht ihre Würde. Man begegnet Menschen, die man sich nicht ausgesucht hat. Erst verschwindet das Schwimmbad, dann erscheint das Volk. Als Kausaltheorie ist der Satz Unsinn. Als Beschreibung einer politischen Form stimmt vielleicht etwas daran. Wer immer weniger gemeinsam besitzt, kann für die Behauptung empfänglich werden, wenigstens etwas gemeinsam zu sein. Identität ist der billige Ersatz für eine verlorene gemeinsame Welt.
Die Privatisierung dieser Welt ist auch eine ästhetische Bewegung. Alles wird kuratiert. Der Feed kennt meine Meinung, die Playlist meinen Geschmack, das Datingprofil mein Begehren, die Nachbarschaft meine Einkommensklasse. Öffentlichkeit erscheint dem zeitgenössischen Subjekt zunehmend als schlecht personalisierte User Experience. Die Demokratie hat demgegenüber einen beinahe anstößigen Mangel an Kundenorientierung. Sie kennt mich nicht gut genug. Vielleicht ist gerade das ihr Vorzug. Die Welt wurde nicht für mich zusammengestellt. Die anderen sind kein Content, den ich blockieren kann. Demokratie verlangt deshalb keine vorgängige Gemeinsamkeit, sondern Institutionen, Gegenstände und Räume, in denen Verschiedenheit nicht sofort zur Trennung führt.
Die nostalgische Sehnsucht nach einer Zeit, in der angeblich alle Dolly Parton liebten, wäre selbst schon eine Flucht vor dieser Zumutung. Nie liebten alle dieselben Sängerinnen. Wo es so aussah, waren genügend Menschen aus dem „alle“ herausgerechnet worden. Man sollte nicht wollen, dass alle Dolly lieben. Man sollte wollen, dass sie niemandem allein gehört. Vielleicht ist I Will Always Love You deshalb tatsächlich ein politisches Lied. Nicht weil es eine Forderung formuliert, sondern weil es eine Form anbietet. Seine Zärtlichkeit liegt in der Weigerung, Beziehung und Besitz zu verwechseln. Parton musste Wagoner nicht hassen, um ihn verlassen zu dürfen. Er konnte für ihre Vergangenheit bedeutend bleiben, ohne über ihre Zukunft verfügen zu dürfen. Eine demokratische Gesellschaft müsste denselben Satz institutionell ernst nehmen: I will always love you, und du gehörst mir trotzdem nicht.
Was die Wahl in Sachsen-Anhalt sichtbar gemacht hat, ist nicht an einem Sonntag entstanden. Zwei Wochen später machten die Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern das Bild nicht eindeutiger: In Mecklenburg-Vorpommern wurde die AfD mit 38,2 Prozent stärkste Kraft, doch anders als in Sachsen-Anhalt besteht eine Mehrheit jenseits von ihr. In Berlin gewann die Linke mit 25,7 Prozent; ein mögliches rot-rot-grünes Bündnis geriet noch vor ersten Gesprächen unter erheblichen öffentlichen Druck. Schon diese Gleichzeitigkeit spricht gegen die Vorstellung, an einem einzelnen Wahlabend ließe sich die Wahrheit einer Gesellschaft ablesen. Das ist das Problem des Wortes Schicksalstag. Es verwechselt die Sichtbarkeit einer Entwicklung mit ihrem Beginn. Ein Land verändert sich lange bevor sich diese Veränderung in Prozentzahlen darstellen lässt: wenn Parteien das Regieren beherrschen und das Repräsentieren verlernen, wenn Regierung als Fortsetzung und Opposition als Verhinderung erscheint, wenn Institutionen zu Dienstleistungen, Öffentlichkeiten zu Zielgruppen und Bürger zu Profilen werden, wenn die demokratische Mitte genauer sagen kann, wer sie nicht ist, als welche Zukunft sie anbieten will. Dann kann eine Partei, die behauptet, das Volk sei längst vorhanden und müsse nur wieder zu sich selbst kommen, plötzlich wie die einzige Kraft erscheinen, die überhaupt noch eine Zukunft besitzt.
Das sollte man nicht zum Schicksal erklären. Schicksal ist die politische Form der Alternativlosigkeit. Demokratie wäre ihr Gegenteil.