Die Wahlen der vergangenen Wochen haben gezeigt, wie wenig politische Abwehr allein eine Gesellschaft zusammenhält. Dolly Parton konnte Arbeiterlied und Kapitalismusmärchen zugleich bedeuten. Wie lässt sich eine gemeinsame Welt bauen, ohne jeden Widerspruch zur Mauer werden zu lassen?

  • Paul Mühlbach

    Paul Mühlbach studierte Philosophie in Wien und Berlin, arbeitete mehrere Jahre an der Schaubüh-ne Berlin und ist als freier Dramaturg und Autor tätig.

Am Morgen der Land­tags­wahl in Sachsen-Anhalt ließ sich ein Satz kaum vermeiden: Dies sei ein Schick­salstag der deut­schen Demo­kratie. Eine Demo­kratie, deren Wahr­heit sich an einem einzigen Tag enthüllt, hat sich der poli­ti­schen Logik des Ausnah­me­zu­stands bereits stärker ange­nä­hert, als ihr guttun kann. Bei der Land­tags­wahl erhielt die AfD 43,8 Prozent der Zweit­stimmen, die CDU 17,2. Die AfD lag damit deut­lich vor der CDU, blieb aber unter der abso­luten Mehr­heit. Die eigen­tüm­liche Frage, die sich schon vor der Wahl gestellt hatte, war damit nicht verschwunden. Nicht nur, ob die AfD regieren könnte, sondern was auf der anderen Seite von ihr übrig bleibt, wenn Parteien mit gegen­sätz­li­chen Vorstel­lungen von Gesell­schaft nur dadurch zu einem Lager werden, dass sie diese Regie­rung verhin­dern wollen. Die poli­ti­sche Mitte bezeichnet dann keinen Ort mehr. Sie wird zur Rest­menge. Viel­leicht lag darin schon vor dem Wahl­er­gebnis die größere Verschie­bung. Die extreme Rechte kann Verän­de­rung verspre­chen, während ihre Gegner Konti­nuität verspre­chen müssen. Die einen rekla­mieren das Ereignis, die anderen seine Verhinderung.

Knapp zwei Wochen vor der Wahl war Dolly Parton gestorben. Für einige Tage konnten die Verei­nigten Staaten etwas tun, das ihnen sonst zuneh­mend miss­lingt: dasselbe Ereignis gleich­zeitig erleben. Nicht gleich empfinden, nicht gleich deuten, nicht einmal aus denselben Gründen trauern. Nur gleich­zeitig. Parton gehörte zu jener immer selte­neren Art von Promi­nenz, deren Publikum nicht mit einem Milieu zusam­men­fiel. Man hat sie deshalb gerne apoli­tisch genannt. Viel­leicht war gerade das ihre Politik. Eine Frau, die 9 to 5 geschrieben hat, musste sich über Arbeit nicht von einem Thinktank infor­mieren lassen. Sie sprach über Armut, Frauen, Rassismus und queere Menschen, verschenkte Bücher, finan­zierte medi­zi­ni­sche Forschung und blieb doch außer­halb jener Sprache, in der eine Über­zeu­gung erst dadurch wirk­lich zu werden scheint, dass fest­steht, welchem Lager sie nützt. Sie verwei­gerte nicht das Poli­ti­sche, sondern dessen Eindeu­tig­keit. Deshalb konnte sie für Tennessee, Kirche und Familie stehen und zugleich für Showbiz, platin­blondes Haar und Außen­sei­tertum; Multi­mil­lio­närin sein und Kind der Armut bleiben. Ihre Ober­fläche war so demons­trativ künst­lich, dass jeder darin etwas Authen­ti­sches finden konnte. Viel­leicht beginnt Öffent­lich­keit genau dort: wo dasselbe verschieden gesehen werden kann, ohne dass dabei verlo­ren­geht, was man mitein­ander teilt.

Demo­kratie beginnt dort, wo niemand dauer­haft bean­spru­chen darf, die Gesell­schaft als Ganze zu reprä­sen­tieren. Schon der Wahlakt enthält diese eigen­tüm­liche Zerle­gung: Das souve­räne Volk erscheint nicht als Körper, sondern verschwindet hinter einzelnen Kabinen und kehrt als Zahl zurück. Auto­ri­täre Politik voll­zieht die umge­kehrte Bewe­gung. Aus einer Bevöl­ke­rung voller Wider­sprüche wird ein mora­li­sches Subjekt namens Volk, dem ein einziger Wille zuge­schrieben werden kann. Das wirk­liche Volk irrt, ändert seine Meinung und wider­spricht sich. Das imagi­nierte Volk weiß immer schon, was es will. Es braucht nur jemanden, der behauptet, diesen Willen auszu­spre­chen. Gesell­schaft­liche Wider­sprüche werden so nicht gelöst, sondern für ein Miss­ver­ständnis erklärt. Wir sind eigent­lich eins. Man muss nur noch heraus­finden, wer dieses Wir stört. Darin liegt auch das Unbe­hagen an der Vorstel­lung, Dolly Parton sei die letzte Ameri­ka­nerin gewesen, auf die sich alle einigen konnten. Viel­leicht bestand ihre demo­kra­ti­sche Qualität gerade darin, dass man sich auf sie nicht einigen musste. Sie gehörte vielen, weil niemand endgültig bestimmen konnte, was sie für alle bedeutete.

Dass ausge­rechnet I Will Always Love You diese Figur begleitet, wirkt im Rück­blick beinahe zu passend. Parton schrieb das Lied nicht für einen Geliebten, sondern für Porter Wagoner, den Country Star, in dessen Fern­seh­sen­dung sie sieben Jahre lang aufge­treten war. Er hatte ihr eine Öffent­lich­keit eröffnet und wollte die gemein­same Karriere nicht enden lassen. Als er ihre Tren­nung nicht akzep­tieren wollte, ging sie nach Hause und schrieb ein Lied. Am nächsten Tag sang sie es ihm vor. Er weinte und erklärte, sie könne gehen, wenn er die Aufnahme produ­zieren dürfe. Jahre später verklagte Wagoner sie auf drei Millionen Dollar und bean­spruchte Teile vergan­gener und zukünf­tiger Einnahmen. Parton zahlte schließ­lich eine Million Dollar in Raten. Die viel­leicht berühm­teste Liebes­er­klä­rung der Popge­schichte war zunächst ein Kündi­gungs­schreiben. Sie sagte nicht: Weil ich dich liebe, muss ich bleiben. Sie sagte: Was zwischen uns war, bleibt wahr, obwohl ich gehe. Der Vertrag antwor­tete später mit der gegen­tei­ligen Logik: Wenn das zwischen uns wahr war, gehört ein Teil dessen, was du künftig wirst, weiterhin mir. Bindung wird in Besitz über­setzt. Darin liegt die Versu­chung jeder poli­ti­schen Gemein­schaft. Aus gemein­samer Vergan­gen­heit werden Eigen­tums­rechte an der Zukunft abge­leitet. Weil wir eine Geschichte teilen, sollen wir dieselbe Zukunft schulden. Partons Lied behauptet das Gegen­teil. Eine Bezie­hung kann wirk­lich gewesen sein, ohne für immer dieselbe Form behalten zu müssen.

Dolly Parton eignet sich trotzdem schlecht zur Heiligen der libe­ralen Demo­kratie. Gerade ihre Konsens­fä­hig­keit hatte einen Preis. Sie über­setzte Konflikte häufig in Tugenden. Armut wurde zu Groß­zü­gig­keit, Bildungsnot zu Bücher­spenden, Krank­heit zu privater Hilfe. Der Kapi­ta­lismus liebt seine Heiligen. Wo ein Recht sein könnte, steht am Ende eine Stif­tung. Die reale Güte solcher Taten macht ihre poli­ti­sche Beschränkt­heit schwer zu benennen. Das Buch ist tatsäch­lich da. Das Kind liest es wirk­lich. Nur die gesell­schaft­liche Form bleibt unan­ge­tastet, in der der Zugang zu einem öffent­li­chen Gut vom Anstand einer außer­ge­wöhn­lich reichen Person abhängen kann. Phil­an­thropie versöhnt sich mit dem Wider­spruch, indem sie seine Folgen lindert. Doch die umge­kehrte Kritik wäre ebenso billig. Die Linke besitzt zuweilen eine Bega­bung, im Trost so zuver­lässig die Ideo­logie aufzu­spüren, dass ihr verdächtig wird, wenn Menschen tatsäch­lich getröstet sind. Eine Biblio­thek ersetzt keinen Sozi­al­staat. Eine Gesell­schaft ohne Biblio­theken wird nicht eman­zi­pierter, weil der Wider­spruch nun unver­stellt daliegt.

Politik kann nicht allein darin bestehen, Antago­nismen korrekt zu benennen. Sie muss Formen hervor­bringen, in denen Menschen trotz dieser Antago­nismen eine Welt mitein­ander teilen können. Viel­leicht liegt hier das eigent­liche Problem der deut­schen Gegen­wart. Der Begriff Pola­ri­sie­rung verdeckt es eher, als dass er es erklärt: Er sugge­riert zwei poli­ti­sche Projekte, die um die Zukunft derselben Gesell­schaft streiten. Tatsäch­lich hat sich eine merk­wür­di­gere Arbeits­tei­lung heraus­ge­bildet. Die demo­kra­ti­schen Parteien spre­chen immer häufiger in der Sprache der Notwen­dig­keit, die extreme Rechte in der Sprache der Möglich­keit. Haus­halte müssen konso­li­diert, Wett­be­werbs­fä­hig­keit herge­stellt, Migra­tion gesteuert, Verfahren einge­halten werden. Zukunft erscheint als Excel-Tabelle mit ungüns­tigen Annahmen. Die AfD kann daneben die Vorstel­lung besetzen, dass über­haupt wieder etwas entschieden werden könnte. Sie besitzt damit kein über­zeu­gen­deres Programm, aber zuneh­mend ein ästhe­ti­sches Monopol auf das Poli­ti­sche: Sie darf Wille, Entschei­dung und Verän­de­rung darstellen, während die anderen für Sach­zwang stehen. Die demo­kra­ti­sche Mitte hat gelernt, Kontin­genz als Notwen­dig­keit zu verwalten. Die extreme Rechte verkauft Notwen­dig­keit wieder als Entscheidung.

Eine Demo­kratie kann jedoch nicht dauer­haft nur die Abwe­sen­heit ihrer Gegner sein. Auch die Brand­mauer kann dieses Problem nicht lösen, obwohl sie notwendig bleibt. Sie ist eine Archi­tektur des Nein. Man kann in ihr nicht wohnen. In Sachsen-Anhalt wurde dieser Wider­spruch nach der Wahl beinahe mathe­ma­tisch sichtbar. Die AfD verfügt über 39 von 83 Sitzen; eine Mehr­heit ohne sie ist nur durch Kräfte möglich, deren gegen­sei­tige Abgren­zung bislang Teil ihrer Iden­tität gewesen war. Was als Ausnahme zum Schutz demo­kra­ti­scher Insti­tu­tionen begonnen hat, droht zur Orga­ni­sa­ti­ons­form des Partei­en­sys­tems zu werden. Je notwen­diger diese Abwehr wird, desto dring­li­cher die Frage, was jenseits von ihr entstehen soll.

Darin bekommt die vermeint­lich senti­men­tale Frage nach Dolly Parton ihre poli­ti­sche Schärfe. Was besitzt eine Gesell­schaft gemeinsam, wenn sie aufge­hört hat, sich etwas Gemein­sames zu bauen? Die extreme Rechte antwortet: Herkunft. Der Markt: Geschmack. Der libe­rale Staat: Anträge. Keine dieser Antworten produ­ziert eine gemein­same Welt. Schwimm­bäder, Bürger­ämter, Regio­nal­bahnen, Mensen, Sport­hallen und Warte­zimmer sind nicht demo­kra­tisch, weil sie schön wären. Häufig sind sie häss­lich, schlecht gelüftet, unter­fi­nan­ziert und voller Menschen, mit denen man frei­willig niemals drei Stunden verbringen würde. Darin besteht ihre Würde. Man begegnet Menschen, die man sich nicht ausge­sucht hat. Erst verschwindet das Schwimmbad, dann erscheint das Volk. Als Kausal­theorie ist der Satz Unsinn. Als Beschrei­bung einer poli­ti­schen Form stimmt viel­leicht etwas daran. Wer immer weniger gemeinsam besitzt, kann für die Behaup­tung empfäng­lich werden, wenigs­tens etwas gemeinsam zu sein. Iden­tität ist der billige Ersatz für eine verlo­rene gemein­same Welt.

Die Priva­ti­sie­rung dieser Welt ist auch eine ästhe­ti­sche Bewe­gung. Alles wird kura­tiert. Der Feed kennt meine Meinung, die Play­list meinen Geschmack, das Dating­profil mein Begehren, die Nach­bar­schaft meine Einkom­mens­klasse. Öffent­lich­keit erscheint dem zeit­ge­nös­si­schen Subjekt zuneh­mend als schlecht perso­na­li­sierte User Expe­ri­ence. Die Demo­kratie hat demge­gen­über einen beinahe anstö­ßigen Mangel an Kunden­ori­en­tie­rung. Sie kennt mich nicht gut genug. Viel­leicht ist gerade das ihr Vorzug. Die Welt wurde nicht für mich zusam­men­ge­stellt. Die anderen sind kein Content, den ich blockieren kann. Demo­kratie verlangt deshalb keine vorgän­gige Gemein­sam­keit, sondern Insti­tu­tionen, Gegen­stände und Räume, in denen Verschie­den­heit nicht sofort zur Tren­nung führt.

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Die nost­al­gi­sche Sehn­sucht nach einer Zeit, in der angeb­lich alle Dolly Parton liebten, wäre selbst schon eine Flucht vor dieser Zumu­tung. Nie liebten alle dieselben Sänge­rinnen. Wo es so aussah, waren genü­gend Menschen aus dem „alle“ heraus­ge­rechnet worden. Man sollte nicht wollen, dass alle Dolly lieben. Man sollte wollen, dass sie niemandem allein gehört. Viel­leicht ist I Will Always Love You deshalb tatsäch­lich ein poli­ti­sches Lied. Nicht weil es eine Forde­rung formu­liert, sondern weil es eine Form anbietet. Seine Zärt­lich­keit liegt in der Weige­rung, Bezie­hung und Besitz zu verwech­seln. Parton musste Wagoner nicht hassen, um ihn verlassen zu dürfen. Er konnte für ihre Vergan­gen­heit bedeu­tend bleiben, ohne über ihre Zukunft verfügen zu dürfen. Eine demo­kra­ti­sche Gesell­schaft müsste denselben Satz insti­tu­tio­nell ernst nehmen: I will always love you, und du gehörst mir trotzdem nicht.

Was die Wahl in Sachsen-Anhalt sichtbar gemacht hat, ist nicht an einem Sonntag entstanden. Zwei Wochen später machten die Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern das Bild nicht eindeu­tiger: In Mecklenburg-Vorpommern wurde die AfD mit 38,2 Prozent stärkste Kraft, doch anders als in Sachsen-Anhalt besteht eine Mehr­heit jenseits von ihr. In Berlin gewann die Linke mit 25,7 Prozent; ein mögli­ches rot-rot-grünes Bündnis geriet noch vor ersten Gesprä­chen unter erheb­li­chen öffent­li­chen Druck. Schon diese Gleich­zei­tig­keit spricht gegen die Vorstel­lung, an einem einzelnen Wahl­abend ließe sich die Wahr­heit einer Gesell­schaft ablesen. Das ist das Problem des Wortes Schick­salstag. Es verwech­selt die Sicht­bar­keit einer Entwick­lung mit ihrem Beginn. Ein Land verän­dert sich lange bevor sich diese Verän­de­rung in Prozent­zahlen darstellen lässt: wenn Parteien das Regieren beherr­schen und das Reprä­sen­tieren verlernen, wenn Regie­rung als Fort­set­zung und Oppo­si­tion als Verhin­de­rung erscheint, wenn Insti­tu­tionen zu Dienst­leis­tungen, Öffent­lich­keiten zu Ziel­gruppen und Bürger zu Profilen werden, wenn die demo­kra­ti­sche Mitte genauer sagen kann, wer sie nicht ist, als welche Zukunft sie anbieten will. Dann kann eine Partei, die behauptet, das Volk sei längst vorhanden und müsse nur wieder zu sich selbst kommen, plötz­lich wie die einzige Kraft erscheinen, die über­haupt noch eine Zukunft besitzt.

Das sollte man nicht zum Schicksal erklären. Schicksal ist die poli­ti­sche Form der Alter­na­tiv­lo­sig­keit. Demo­kratie wäre ihr Gegenteil.