In der ersten Folge des „Bildersommers“ von Geschichte der Gegenwart ging es um die Deutung von Paul Klees „Angelus novus“ durch Walter Benjamin. Der Engel blickt auf die Trümmer der Vergangenheit. Er steht mit dem Rücken zur Zukunft im Moment der Gegenwart. Wenn wir vor dem Bild stehen, schauen wir mithin in die Zukunft, wobei die Sicht durch den Engel verstellt ist. Walter Benjamin sah das Katastrophische – aus der Perspektive zu Beginn des Zweiten Weltkriegs – auch im technischen Fortschritt begründet. „Der Begriff des Fortschritts ist in der Idee der Katastrophe zu fundieren. Daß es ‚so weiter‘ geht, ist die Katastrophe. Sie ist nicht das jeweils Bevorstehende, sondern das jeweils Gegebene.“ Die Möglichkeit, das Gegebene zu durchbrechen, sah Benjamin nur in unvorhersehbaren Ausnahmezuständen. „Die Rettung hält sich an den kleinen Sprung in der kontinuierlichen Katastrophe.“ Die Vorstellung, dass es „so weitergeht“ und daraus eine Katastrophe erwächst, ist ein Leitmotiv zahlreicher Klimagrafiken.

Will Steffen, Johan Rockström, Katherine Richardson und Hans Joachim Schellnhuber et al: „Stabilitätslandschaft, die den Weg des Erdsystems aus dem Holozän und damit aus dem Zyklus von Eis- und Zwischeneiszeiten zu seiner heutigen Position im wärmeren Anthropozän zeigt“, Grafik aus dem Fachartikel „Trajectories of the Earth System in the Anthropocene“, PNAS 2018. CC BY-NC-ND 4.0
Die hier gezeigte dreidimensionale Abbildung ist eine vollkommen neue Bildfindung, um zwei mögliche Entwicklungen des Klimasystems der Erde aufzuzeigen. Je nachdem, wie die Gesellschaften weiter handeln, kann sich das Klimasystem der Erde in die eine oder andere Richtung entwickeln. Entweder erreicht es eine neue Stabilität oder es kippt über die Schwelle ins „Hothouse Earth“. Die Grafik stammt aus dem 2018 als „Hothouse Earth Paper“ bekannt gewordenen wissenschaftlichen Artikel einer Gruppe von Klimaforscher*innen, darunter Will Steffen, Johan Rockström, Katherine Richardson und Hans Joachim Schellnhuber, die auf diesem Gebiet alle große Bekanntheit haben. Nach Workshops mit Expert*innen wurde die Grafik maßgeblich von Johan Rockström und Will Steffen konzipiert und dann mit der Unterstützung eines Designers ausgeführt. Ein Vorbild für diese ungewöhnliche Darstellung gab es nicht – sie sticht aus den vielen Grafiken heraus, die in den letzten Jahrzehnten in der Klimaforschung erzeugt wurden.
Die Klimaforschung hat in den letzten rund vierzig Jahren (damals traten Forscher*innen erstmals mit der Erkenntnis vom menschengemachten Klimawandel an die Öffentlichkeit), zahlreiche Bilder hergestellt, die zeigen, in welcher Klimageschichte sich der Planet Erde befindet. Sie sind alle zweidimensional. Kurvendiagramme präsentieren seither in jedem Klimabericht die neu berechneten Szenarien der Durchschnittstemperaturen bis zum Jahr 2100, wenn der gegenwärtige CO2-Verbrauch ungebremst weitergeht, oder wenn es gelingen würde, diesen massiv einzudämmen. In den Kurven gibt es immer einen Punkt, der die Gegenwart markiert und somit jede*n Erdbewohner*in im jeweiligen Heute situiert. Dieser Punkt ist der Turning Point. Er bewirkt eine Bildrhetorik, wenngleich die Sprache der wissenschaftlichen Bilder nüchtern bleibt. Im Rahmen der politischen Klimakonferenzen ruft dieser Punkt nach politischen Handlungen, die eine Zukunft ermöglichen, in der ein gutes Leben noch möglich ist.
In den Kurvengrafiken verläuft links vom Gegenwartspunkt – und auf diesen zu – eine schwarze Linie, die im Jahr 1950 beginnt (vgl. z.B. IPCC, The Physical Basis, SMP.7, 2013). Während es für die Zeit nach 1950 Daten gibt, die verlässlich und zahlreich genug sind, um eine relativ klar konturierte Linie der weltweiten Durchschnittstemperatur zeichnen zu können, ist diese Datenlage für die Zukunft natürlich nicht zu haben. Deshalb wechselt für die Zukunft das Wissensregime von Messdaten zu Szenarien, die jedoch auf den Daten der Vergangenheit sowie auf physikalischen Modellen des Klimas beruhen. Vom Gegenwartspunkt aus fächern sich in den Kurvendiagrammen dann oft zwei Korridore für die Zukunft auf: Der ansteigende Korridor ist rot, während das sich stabilisierende Spektrum blau gezeichnet ist. Dies sind die zwei Szenarien einer 4-Grad-Welt (rot) bzw. einer 1,5 Grad-Welt (blau). Neben den Kurven gibt es auch Karten, die die Szenarien zukünftig ansteigender Temperaturen mit Weltkarten veranschaulichen (z. B. im Klimabericht AR4 (Figure SPM.6) von 2007 oder im AR5 (Figure SPM7) von 2014 oder im AR6 von 2023 (Figure SPM2)). Diese sind in unterschiedlichen Schattierungen von Rot eingefärbt (mit sehr wenigen blauen Regionen). Um die Anomalie der immer höheren Temperaturrekorde im Farbspektrum von Blau (kühl) und Rot (warm) noch darstellen zu können, wurde die Farbpalette in den letzten Jahrzehnten um die Farben Magenta und Dunkelrot ergänzt.
Ich schlage vor, derartige Bilder als Kosmogramme zu betrachten. Diesen Begriff hat der Kulturanthropologe und Wissenschaftshistoriker John Tresch 2015 für gegenwärtige Fragestellungen fruchtbar gemacht. Als Kosmologie wird eine bestimmte Weltsicht bezeichnet, die Auskunft über das Schicksal der Welt als Ganzes gibt. Oftmals integriert sie astronomische Beobachtungen und Messungen in eine universelle Erzählung des Kosmos. Die Lehre vom Kosmos erzählt nicht nur vom Ursprung und Beginn der Welt und des Universums, sondern auch von ihrem Ende. Ein Kosmogramm wiederum ist eine schematische Figur, die eine Kosmologie darstellt. Traditionell ist sie für eine meditative, kontemplative Verwendung gedacht. Auch wenn die Datenkarten der Klimatologie nicht für einen solchen Gebrauch vorgesehen sind, erachte ich es als produktiv, derartige Bilder mit einer kosmologischen Perspektive zu interpretieren. Betrachtet als Kosmogramme, erscheinen die roten Klimakurven und -karten als „materialisierte Kosmologie“, wie John Tresch es nennt.
Was das Klimadiagramm von „Hothouse Earth“ erzählt
Was könnte die eingangs erwähnte Abbildung für eine Geschichte der Gegenwart bedeuten? Ihr langer Titel lautet „Stabilitätslandschaft, die den Weg des Erdsystems aus dem Holozän und damit aus dem Zyklus von Eis- und Zwischeneiszeiten zu seiner heutigen Position im wärmeren Anthropozän zeigt“ (Übersetzung B.S.). Betrachtet als Kosmogramm erzählt das Schaubild aus dem „Hothouse Earth Paper“, wie sich das Klima der Erde ausgehend von der Blue Marble zum drohendem Hothouse Earth entwickelt. Dies erinnert an die narrative Struktur eines Triptychons, wie es zum Beispiel bei einem dreiflügeligen Altar wie dem „Jüngsten Gericht“(um 1470) von Hans Memling dargestellt ist, wenngleich es auch Differenzen gibt.

Hans Memling artist QS:P170,Q106851, Das Jüngste Gericht (Memling), als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons
Das Paradies/Holozän: Der Blaue Planet ist die Erde im Hintergrund des Bildes, die im Holozän verortet ist. Die Holozän-Welt ist die, von der wir kommen. Sie ist das Bild der Erde, aus der wir uns selbst vertrieben haben, zu der wir niemals zurückkehren können. Gleichzeitig hält das Bild des Blauen Planeten die Hoffnung auf eine klimatisch stabile Zukunft lebendig – wenn die Menschheit ihren schädlichen Lebensstil radikal verändert. Das Endgericht/Anthropocene: Dieser Moment ist durch die zweite Erde im Anthropozän symbolisiert. Das ehemals stabile Klima auf dem Planeten der Gegenwart ist durch die Folgen der fossilen Kulturen und ihre „Human Emissions“ gefährdet, also den ökologischen Sünden und Sünder*innen. Die Verdammten/Hothouse Earth: Der Höllensturz ist in der Grafik durch den drohenden Kipppunkt des „Planetary Threshold“ wiedergegeben, jedoch nicht mit dem Bild eines weiteren Planeten ausgeführt. Ist diese Grenze erreicht, stürzt der Planet visuell in die rot gefärbte Tiefe. Das Bild zeigt klar, dass die Erde dann für Menschen kaum mehr bewohnbar ist. Das neue Paradies/Stewardship Earth: Was den Planeten wieder in einen stabilen Zustand führen würde, ist mit „Earth System Stewardship“ überschrieben. Der Steward, der an R. Buckminster Fullers „Operating Manual for Spaceship Earth“ (1969) erinnert, steht für eine verantwortungsvolle Haushalterschaft zum Schutz der Klimastabilität. Der Steward ist aber auch mit der biblischen Figur des Hirten verwandt. Die Grafik setzt die Hoffnung der Wissenschaftler auf eine solche Haushalterschaft ins Bild. Nur wenn möglichst viele Gesellschaften kollektiv einen wirkungsvollen Beitrag zum schnellen Ende des fossilen Zeitalters leisten würden, ließe sich das Klima der Erde noch stabilisieren.
Von der Ästhetik zum Handeln
Auch die Enzyklika aus dem Jahr 2015 mit dem Titel „Laudato Si – Über die Sorge für das gemeinsame Haus“ von Papst Franziskus unterliegt der archetypischen, erzählerischen Struktur, wie sie in den Klimabildern anklingt. Ich möchte jedoch abschließend eine andere Referenz in die Popkultur verfolgen. Als ich 2023 beim Konzert der Tour Songs of A Lost World der Post-Punk-Band The Cure war, eröffnete diese den Abend mit einem Flug von der Erde ins Weltall als riesige Projektion im Hintergrund der Band, die das Konzert während vieler Stücke begleitete. Die Erde als Blue Marble, ein so oft gesehenes und dadurch bereits durchsichtig gewordenes Bild, verzauberte hier erneut, weil die atmosphärische Musik es ermöglichte, den Blick aus dem All noch einmal in übersteigerter Form wahrnehmbar zu machen. Das Konzert beendete die Band (vor einer ebenso langen Zugabe) jedoch mit dem gigantischen Konterfei eines roten Mondes vor schwarzem Grund für ihr fast zehn Minuten langes Stück „End Song“. Auch wenn ein Blutmond nicht für das Weltenende steht, verschmolz das Bild eines rot gefärbten Planeten in meinem Kopf mit Assoziationen einer heißen, unbewohnbaren Erde. Der Anblick wurde durch die ständige Wiederholung der klagenden und seufzenden E-Gitarren mit dem Cure-typischen verzerrten, heulenden Sound episch aufgeladen. Die Post-Punk Kultur des Gothic-Genres hilft, Themen wie Tod, Vergänglichkeit, Weltenende und Niedergang mit Hilfe von Musik zu verarbeiten, wie es Eugene Thacker in seinem Buch „Der Staub des Planeten“ beschrieb. The Cure, und insbesondere der gealterte Sänger Robert Smith, inszeniert den „End Song“ als Abgesang auf das eigene Leben. Als Smith nach langen sieben Minuten endlich zu singen beginnt, wendet er durch das Bild im Hintergrund das Kosmische ins persönlich Nihilistische, das Zuschreiten auf sein eigenes Ende ins Weltenende:
„And I’m outside in the dark
staring at the blood red moon.
Remembering the hopes and dreams I had
and all I had to do.
And wondering what became of that boy
and the world he called his own.
I’m outside in the dark
wondering how I got so old.
It’s all gone, it’s all gone.
Nothing left of all I loved.
It all feels wrong.
It’s all gone, it’s all gone, it’s all gone.
No hopes, no dreams, no world
[…]
Left alone with nothing, the end of every song.
Left alone with nothing.
Nothing.
Nothing.“
Nach dem Song verlässt Robert Smith die Bühne, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Um die emotionale Verarbeitung der Klimakrise zu beschreiben, hat die Psychologie immer wieder auf die fünf Phasen der Trauer hingewiesen. Diese beschreiben einen Zyklus, der damit beginnt, dass wir die Diagnose nicht wahrhaben wollen und die Überbringer der Botschaft anzweifeln. Dazu gehören auch das Leugnen und Verdrängen. Weitere Schritte sind Zorn, der daraus resultiert, dass die Krankheit gerade mich ereilt, Verhandeln, um Auswege und Lösungen zu suchen, und Trauer über die eigene Krankheit und letztlich den eigenen Tod. Wenn ich die Diagnose begriffen habe – und dazu braucht es Zeit –, kann eine weitere Phase folgen: die der Akzeptanz.
Auch wenn klar ist, dass die egozentrische Analogie von der Endlichkeit des eigenen Lebens mit der des Planeten nur eine Krücke sein kann, kann diese tragen. Die Klimakatastrophe ist nicht zukünftig, sondern gegenwärtig und sie ist ein Ereignis, das in einem kosmischen Narrativ steht, indem sie das Schicksal der Erde als Ganzes betrifft. Sie kann zu einem Ende aller Songs, Bilder und Geschichten werden. Dieser Konsequenz gibt auch die Hothouse Earth-Grafik ein Bild. Wer die Katastrophe leugnet, schützt sich vielleicht selbst, wird aber nichts ändern. „Vom Wissen zum Handeln“ – dieser Satz war lange leitend in der Geschichte der Dringlichkeit für die Kommunikation des Klimawissens. Er drückt den Glauben an die rational zwingende Macht des Turning Points aus, wie ihn Kipppunkte oder das 1,5-Grad-Ziel immer neu veranschaulichen: Seht diese Bilder! Die Welt steht am Abgrund und wir müssen jetzt gemeinsam handeln! Zielführender könnte es sein, auch die Wege von der Ästhetik zum Handeln zu beschreiten, wie es die hier gezeigte Grafik erlaubt, oder von der Musik aus, die ein Verständnis über das Fühlen aufzeigt und ermöglicht, Trauer zu verarbeiten.