Klimadiagramme sind mehr als visualisierte Daten, sie entwerfen ihre eigenen Narrative und prägen unser visuelles Verständnis der Klimakrise. Birgit Schneider analysiert, wie die Bilder emotionale Zugänge zur Klimakrise schaffen und zum Handeln aufrufen.

  • Birgit Schneider

    Birgit Schneider ist Kultur- und Medienwissenschaftlerin und lehrt als Professorin an der Universität Potsdam. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Bilder und Wahrnehmungsweisen des Klimas zwischen Wissenschaft, Politik, Kunst und Medien, die Kommunikation des Klimawandels, Bilder der Ökologie sowie medien- und naturästhetische Fragen. Ihre Monographie „Der Anfang einer neuen Welt. Wie wir uns vom Klimawandel erzählen, ohne zu verstummen“ erschien 2023.
Geschichte der Gegenwart
Geschichte der Gegenwart 
Hothouse Earth: Dass es so weiter­geht, ist die Katastrophe
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In der ersten Folge des „Bilder­som­mers“ von Geschichte der Gegen­wart ging es um die Deutung von Paul Klees „Angelus novus“ durch Walter Benjamin. Der Engel blickt auf die Trümmer der Vergan­gen­heit. Er steht mit dem Rücken zur Zukunft im Moment der Gegen­wart. Wenn wir vor dem Bild stehen, schauen wir mithin in die Zukunft, wobei die Sicht durch den Engel verstellt ist. Walter Benjamin sah das Kata­stro­phi­sche – aus der Perspek­tive zu Beginn des Zweiten Welt­kriegs – auch im tech­ni­schen Fort­schritt begründet. „Der Begriff des Fort­schritts ist in der Idee der Kata­strophe zu fundieren. Daß es ‚so weiter‘ geht, ist die Kata­strophe. Sie ist nicht das jeweils Bevor­ste­hende, sondern das jeweils Gege­bene.“ Die Möglich­keit, das Gege­bene zu durch­bre­chen, sah Benjamin nur in unvor­her­seh­baren Ausnah­me­zu­ständen. „Die Rettung hält sich an den kleinen Sprung in der konti­nu­ier­li­chen Kata­strophe.“ Die Vorstel­lung, dass es „so weiter­geht“ und daraus eine Kata­strophe erwächst, ist ein Leit­motiv zahl­rei­cher Klimagrafiken.

Will Steffen, Johan Rock­ström, Kathe­rine Richardson und Hans Joachim Schellnhuber et al: „Stabi­li­täts­land­schaft, die den Weg des Erdsys­tems aus dem Holozän und damit aus dem Zyklus von Eis- und Zwischen­eis­zeiten zu seiner heutigen Posi­tion im wärmeren Anthro­pozän zeigt“, Grafik aus dem Fach­ar­tikel „Trajec­to­ries of the Earth System in the Anthro­po­cene“, PNAS 2018. CC BY-NC-ND 4.0

Die hier gezeigte drei­di­men­sio­nale Abbil­dung ist eine voll­kommen neue Bild­fin­dung, um zwei mögliche Entwick­lungen des Klima­sys­tems der Erde aufzu­zeigen. Je nachdem, wie die Gesell­schaften weiter handeln, kann sich das Klima­system der Erde in die eine oder andere Rich­tung entwi­ckeln. Entweder erreicht es eine neue Stabi­lität oder es kippt über die Schwelle ins „Hothouse Earth“. Die Grafik stammt aus dem 2018 als „Hothouse Earth Paper“ bekannt gewor­denen wissen­schaft­li­chen Artikel einer Gruppe von Klimaforscher*innen, darunter Will Steffen, Johan Rock­ström, Kathe­rine Richardson und Hans Joachim Schellnhuber, die auf diesem Gebiet alle große Bekannt­heit haben. Nach Work­shops mit Expert*innen wurde die Grafik maßgeb­lich von Johan Rock­ström und Will Steffen konzi­piert und dann mit der Unter­stüt­zung eines Desi­gners ausge­führt. Ein Vorbild für diese unge­wöhn­liche Darstel­lung gab es nicht – sie sticht aus den vielen Grafiken heraus, die in den letzten Jahr­zehnten in der Klima­for­schung erzeugt wurden. 

Die Klima­for­schung hat in den letzten rund vierzig Jahren (damals traten Forscher*innen erst­mals mit der Erkenntnis vom menschen­ge­machten Klima­wandel an die Öffent­lich­keit), zahl­reiche Bilder herge­stellt, die zeigen, in welcher Klima­ge­schichte sich der Planet Erde befindet. Sie sind alle zwei­di­men­sional. Kurven­dia­gramme präsen­tieren seither in jedem Klima­be­richt die neu berech­neten Szena­rien der Durch­schnitts­tem­pe­ra­turen bis zum Jahr 2100, wenn der gegen­wär­tige CO2-Verbrauch unge­bremst weiter­geht, oder wenn es gelingen würde, diesen massiv einzu­dämmen. In den Kurven gibt es immer einen Punkt, der die Gegen­wart markiert und somit jede*n Erdbewohner*in im jewei­ligen Heute situ­iert. Dieser Punkt ist der Turning Point. Er bewirkt eine Bild­rhe­torik, wenn­gleich die Sprache der wissen­schaft­li­chen Bilder nüch­tern bleibt. Im Rahmen der poli­ti­schen Klima­kon­fe­renzen ruft dieser Punkt nach poli­ti­schen Hand­lungen, die eine Zukunft ermög­li­chen, in der ein gutes Leben noch möglich ist. 

In den Kurven­gra­fiken verläuft links vom Gegen­warts­punkt – und auf diesen zu – eine schwarze Linie, die im Jahr 1950 beginnt (vgl. z.B. IPCC, The Physical Basis, SMP.7, 2013). Während es für die Zeit nach 1950 Daten gibt, die verläss­lich und zahl­reich genug sind, um eine relativ klar kontu­rierte Linie der welt­weiten Durch­schnitts­tem­pe­ratur zeichnen zu können, ist diese Daten­lage für die Zukunft natür­lich nicht zu haben. Deshalb wech­selt für die Zukunft das Wissens­re­gime von Mess­daten zu Szena­rien, die jedoch auf den Daten der Vergan­gen­heit sowie auf physi­ka­li­schen Modellen des Klimas beruhen. Vom Gegen­warts­punkt aus fächern sich in den Kurven­dia­grammen dann oft zwei Korri­dore für die Zukunft auf: Der anstei­gende Korridor ist rot, während das sich stabi­li­sie­rende Spek­trum blau gezeichnet ist. Dies sind die zwei Szena­rien einer 4-Grad-Welt (rot) bzw. einer 1,5 Grad-Welt (blau). Neben den Kurven gibt es auch Karten, die die Szena­rien zukünftig anstei­gender Tempe­ra­turen mit Welt­karten veran­schau­li­chen (z. B. im Klima­be­richt AR4 (Figure SPM.6) von 2007 oder im AR5 (Figure SPM7) von 2014 oder im AR6 von 2023 (Figure SPM2)). Diese sind in unter­schied­li­chen Schat­tie­rungen von Rot einge­färbt (mit sehr wenigen blauen Regionen). Um die Anomalie der immer höheren Tempe­ra­tur­re­korde im Farb­spek­trum von Blau (kühl) und Rot (warm) noch darstellen zu können, wurde die Farb­pa­lette in den letzten Jahr­zehnten um die Farben Magenta und Dunkelrot ergänzt. 

Ich schlage vor, derar­tige Bilder als Kosmo­gramme zu betrachten. Diesen Begriff hat der Kultur­anthro­po­loge und Wissen­schafts­his­to­riker John Tresch 2015 für gegen­wär­tige Frage­stel­lungen fruchtbar gemacht. Als Kosmo­logie wird eine bestimmte Welt­sicht bezeichnet, die Auskunft über das Schicksal der Welt als Ganzes gibt. Oftmals inte­griert sie astro­no­mi­sche Beob­ach­tungen und Messungen in eine univer­selle Erzäh­lung des Kosmos. Die Lehre vom Kosmos erzählt nicht nur vom Ursprung und Beginn der Welt und des Univer­sums, sondern auch von ihrem Ende. Ein Kosmo­gramm wiederum ist eine sche­ma­ti­sche Figur, die eine Kosmo­logie darstellt. Tradi­tio­nell ist sie für eine medi­ta­tive, kontem­pla­tive Verwen­dung gedacht. Auch wenn die Daten­karten der Klima­to­logie nicht für einen solchen Gebrauch vorge­sehen sind, erachte ich es als produktiv, derar­tige Bilder mit einer kosmo­lo­gi­schen Perspek­tive zu inter­pre­tieren. Betrachtet als Kosmo­gramme, erscheinen die roten Klima­kurven und -karten als „mate­ria­li­sierte Kosmo­logie“, wie John Tresch es nennt.

Was das Klima­dia­gramm von „Hothouse Earth“ erzählt

Was könnte die eingangs erwähnte Abbil­dung für eine Geschichte der Gegen­wart bedeuten? Ihr langer Titel lautet „Stabi­li­täts­land­schaft, die den Weg des Erdsys­tems aus dem Holozän und damit aus dem Zyklus von Eis- und Zwischen­eis­zeiten zu seiner heutigen Posi­tion im wärmeren Anthro­pozän zeigt“ (Über­set­zung B.S.). Betrachtet als Kosmo­gramm erzählt das Schau­bild aus dem „Hothouse Earth Paper“, wie sich das Klima der Erde ausge­hend von der Blue Marble zum drohendem Hothouse Earth entwi­ckelt. Dies erin­nert an die narra­tive Struktur eines Tripty­chons, wie es zum Beispiel bei einem drei­flü­ge­ligen Altar wie dem „Jüngsten Gericht“(um 1470) von Hans Memling darge­stellt ist, wenn­gleich es auch Diffe­renzen gibt.

Hans Memling artist QS:P170,Q106851, Das Jüngste Gericht (Memling), als gemein­frei gekenn­zeichnet, Details auf Wiki­media Commons

Das Paradies/Holozän: Der Blaue Planet ist die Erde im Hinter­grund des Bildes, die im Holozän verortet ist. Die Holozän-Welt ist die, von der wir kommen. Sie ist das Bild der Erde, aus der wir uns selbst vertrieben haben, zu der wir niemals zurück­kehren können. Gleich­zeitig hält das Bild des Blauen Planeten die Hoff­nung auf eine klima­tisch stabile Zukunft lebendig – wenn die Mensch­heit ihren schäd­li­chen Lebens­stil radikal verän­dert. Das Endgericht/Anthropocene: Dieser Moment ist durch die zweite Erde im Anthro­pozän symbo­li­siert. Das ehemals stabile Klima auf dem Planeten der Gegen­wart ist durch die Folgen der fossilen Kulturen und ihre „Human Emis­sions“ gefährdet, also den ökolo­gi­schen Sünden und Sünder*innen. Die Verdammten/Hothouse Earth: Der Höllen­sturz ist in der Grafik durch den drohenden Kipp­punkt des „Plane­tary Thres­hold“ wieder­ge­geben, jedoch nicht mit dem Bild eines weiteren Planeten ausge­führt. Ist diese Grenze erreicht, stürzt der Planet visuell in die rot gefärbte Tiefe. Das Bild zeigt klar, dass die Erde dann für Menschen kaum mehr bewohnbar ist. Das neue Paradies/Stewardship Earth: Was den Planeten wieder in einen stabilen Zustand führen würde, ist mit „Earth System Steward­ship“ über­schrieben. Der Steward, der an R. Buck­minster Fullers „Opera­ting Manual for Space­ship Earth“ (1969) erin­nert, steht für eine verant­wor­tungs­volle Haus­hal­ter­schaft zum Schutz der Klima­sta­bi­lität. Der Steward ist aber auch mit der bibli­schen Figur des Hirten verwandt. Die Grafik setzt die Hoff­nung der Wissen­schaftler auf eine solche Haus­hal­ter­schaft ins Bild. Nur wenn möglichst viele Gesell­schaften kollektiv einen wirkungs­vollen Beitrag zum schnellen Ende des fossilen Zeit­al­ters leisten würden, ließe sich das Klima der Erde noch stabilisieren.

Von der Ästhetik zum Handeln

Auch die Enzy­klika aus dem Jahr 2015 mit dem Titel „Laudato Si – Über die Sorge für das gemein­same Haus von Papst Fran­ziskus unter­liegt der arche­ty­pi­schen, erzäh­le­ri­schen Struktur, wie sie in den Klima­bil­dern anklingt. Ich möchte jedoch abschlie­ßend eine andere Refe­renz in die Popkultur verfolgen. Als ich 2023 beim Konzert der Tour Songs of A Lost World der Post-Punk-Band The Cure war, eröff­nete diese den Abend mit einem Flug von der Erde ins Weltall als riesige Projek­tion im Hinter­grund der Band, die das Konzert während vieler Stücke beglei­tete. Die Erde als Blue Marble, ein so oft gese­henes und dadurch bereits durch­sichtig gewor­denes Bild, verzau­berte hier erneut, weil die atmo­sphä­ri­sche Musik es ermög­lichte, den Blick aus dem All noch einmal in über­stei­gerter Form wahr­nehmbar zu machen. Das Konzert been­dete die Band (vor einer ebenso langen Zugabe) jedoch mit dem gigan­ti­schen Konterfei eines roten Mondes vor schwarzem Grund für ihr fast zehn Minuten langes Stück „End Song“. Auch wenn ein Blut­mond nicht für das Welten­ende steht, verschmolz das Bild eines rot gefärbten Planeten in meinem Kopf mit Asso­zia­tionen einer heißen, unbe­wohn­baren Erde. Der Anblick wurde durch die stän­dige Wieder­ho­lung der klagenden und seuf­zenden E-Gitarren mit dem Cure-typischen verzerrten, heulenden Sound episch aufge­laden. Die Post-Punk Kultur des Gothic-Genres hilft, Themen wie Tod, Vergäng­lich­keit, Welten­ende und Nieder­gang mit Hilfe von Musik zu verar­beiten, wie es Eugene Thacker in seinem Buch „Der Staub des Planeten“ beschrieb. The Cure, und insbe­son­dere der geal­terte Sänger Robert Smith, insze­niert den „End Song“ als Abge­sang auf das eigene Leben. Als Smith nach langen sieben Minuten endlich zu singen beginnt, wendet er durch das Bild im Hinter­grund das Kosmi­sche ins persön­lich Nihi­lis­ti­sche, das Zuschreiten auf sein eigenes Ende ins Weltenende:

And I’m outside in the dark
staring at the blood red moon.
Remem­be­ring the hopes and dreams I had
and all I had to do.
And wonde­ring what became of that boy
and the world he called his own.
I’m outside in the dark
wonde­ring how I got so old.
It’s all gone, it’s all gone.
Nothing left of all I loved.
It all feels wrong.
It’s all gone, it’s all gone, it’s all gone.
No hopes, no dreams, no world

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[…]

Left alone with nothing, the end of every song.
Left alone with nothing.
Nothing.
Nothing.“

Nach dem Song verlässt Robert Smith die Bühne, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Um die emotio­nale Verar­bei­tung der Klima­krise zu beschreiben, hat die Psycho­logie immer wieder auf die fünf Phasen der Trauer hinge­wiesen. Diese beschreiben einen Zyklus, der damit beginnt, dass wir die Diagnose nicht wahr­haben wollen und die Über­bringer der Botschaft anzwei­feln. Dazu gehören auch das Leugnen und Verdrängen. Weitere Schritte sind Zorn, der daraus resul­tiert, dass die Krank­heit gerade mich ereilt, Verhan­deln, um Auswege und Lösungen zu suchen, und Trauer über die eigene Krank­heit und letzt­lich den eigenen Tod. Wenn ich die Diagnose begriffen habe – und dazu braucht es Zeit –, kann eine weitere Phase folgen: die der Akzeptanz.

Auch wenn klar ist, dass die egozen­tri­sche Analogie von der Endlich­keit des eigenen Lebens mit der des Planeten nur eine Krücke sein kann, kann diese tragen. Die Klima­ka­ta­strophe ist nicht zukünftig, sondern gegen­wärtig und sie ist ein Ereignis, das in einem kosmi­schen Narrativ steht, indem sie das Schicksal der Erde als Ganzes betrifft. Sie kann zu einem Ende aller Songs, Bilder und Geschichten werden. Dieser Konse­quenz gibt auch die Hothouse Earth-Grafik ein Bild. Wer die Kata­strophe leugnet, schützt sich viel­leicht selbst, wird aber nichts ändern. „Vom Wissen zum Handeln“ – dieser Satz war lange leitend in der Geschichte der Dring­lich­keit für die Kommu­ni­ka­tion des Klima­wis­sens. Er drückt den Glauben an die rational zwin­gende Macht des Turning Points aus, wie ihn Kipp­punkte oder das 1,5-Grad-Ziel immer neu veran­schau­li­chen: Seht diese Bilder! Die Welt steht am Abgrund und wir müssen jetzt gemeinsam handeln! Ziel­füh­render könnte es sein, auch die Wege von der Ästhetik zum Handeln zu beschreiten, wie es die hier gezeigte Grafik erlaubt, oder von der Musik aus, die ein Verständnis über das Fühlen aufzeigt und ermög­licht, Trauer zu verarbeiten.