Hornkuh oder nicht?

Am 25. November stimmt die Schweiz über die „Hornkuh-Initiative“ ab. Die politisch interessierte Bevölkerung eines global vernetzten Industriestaats diskutiert über Aussehen und Befindlichkeit von Kühen - man kann sich darüber wundern. Doch ist das vielleicht weniger abwegig, als es erscheint.



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Die sogenannte „Hornkuh-Initiative“ fordert, dass Bauern, deren Kühe und Ziegen Hörner tragen, eine Entschädigung für den Mehraufwand aus dem Topf der Agrarsubventionen erhalten sollen. Dass so etwas in der Verfassung stehen soll, liegt am schweizerischen System der Volksinitiativen – alle vorangehenden Vorstösse, das Thema auf Gesetzesstufe zu regeln, sind im Bundesrat und im Parlament gescheitert.

Die Debatte über die Initiative wurde von den einen eher spöttisch geführt (nach dem Motto: „schon wieder eine skurrile Agrarsubvention“), bei andern weckt sie Emotionen. „Es geht um das Herz, nicht um den Verstand“, sagt der Initiant, der Bergbauer Armin Capaul, den die NZZaS als „Bergbauer, Hippie, Hornkuh-Rebell“ porträtierte. Auf der Sachebene hat die Debatte bis jetzt nicht viel gebracht. Wir wissen jetzt zwar, dass Bundesrat Johann Schneider-Ammann Tierarztsohn ist und deshalb die Ansicht verteidigte, dass Hörner nicht nur mehr Kosten bedeuten, sondern auch gefährlich sind. Die Initiative sei aus der Sicht des Tierwohls ein „Eigengoal“, weil Kühe mit Hörnern wohl vermehrt im Stall angebunden würden. Laut Schneider-Ammann gibt es keinen wissenschaftlichen Beweis, dass die Tiere unter der Enthornung litten oder dass ihr Wohlergehen und ihre Gesundheit beeinträchtigt würden.

Das bestreiten die Befürworter, und die NZZ musste nüchtern feststellen: „Das Kuhhorn ist fast nicht erforscht.“ Gerade deshalb müssten, wie Capaul sein bescheidenes Ziel beschrieb, die heute noch existierenden 10% Hornkühe erhalten werden, damit im Fall von neuen Erkenntnissen Rückzüchtungen überhaupt noch möglich wären. Denn es gibt gegenwärtig einen Trend, die Kühe genetisch hornlos zu züchten, womit für manche das Problem gelöst wäre. Ausserdem geht es den Befürwortern der Initiative grundsätzlich darum, „dass Haltungsbedingungen dem Tier angepasst werden und nicht das Tier den Haltungsbedingungen“.

Eine kurze Geschichte der Kuh

Damit sind wir beim Kern der Frage, die in der Geschichte der Tierhaltung auf die eine oder andere Weise seit langem eine Rolle spielt. In der Schweiz gilt dies besonders für die Kühe. Seit ihre Bewohner im Spätmittelalter von deutschen Adligen als „Kuhschweizer“ verspottet wurden, verbindet sich das Bild der Schweiz in vielfältiger Art mit der Kuh. Lange stand diese nur im „Hirtenland“ der Alpen und Voralpen im Zentrum der Landwirtschaft und damit der Wirtschaft. Im Zug der Industrialisierung, als Dampfschiff und Eisenbahn den einheimischen Getreidebau unrentabel machten, wurde die Milchwirtschaft auch im Flachland zum beherrschenden agrarwirtschaftlichen Zweig, dem die anderen Zweige als Nebenproduktion (Schlachtvieh, Schweine zur Verwertung der Schotte) oder Rohstofflieferanten (Viehzucht, Ackerbau) untergeordnet waren. So nahm der Rindviehbestand seit der Mitte des 19. Jahrhunderts stark zu, bis er mit über zwei Millionen in den 1970er Jahren den Höhepunkt erreichte. Wichtiger und interessanter als ihre Anzahl sind allerdings die Veränderungen, welche die Tiere und ihre Haltung im Lauf der Zeit durchmachten, oft parallel zur Gesellschaft des Landes. 

In vorindustrieller Zeit waren Kuhrassen lokal, angepasst an die natürlichen Gegebenheiten und die Bedürfnisse der Halter. Während man im Ackerbaugebiet des Flachlands die Kühe vor allem als Zugkräfte – daneben zur Produktion von Dünger und für die Selbstversorgung mit Milch und Fleisch – brauchte und also starke, schwere Tiere bevorzugte, war in den Bergen leichtes Vieh gefragt. Das Rätische Grauvieh ist ein Beispiel für eine kleine, genügsame und anpassungsfähige Rasse, die zudem dank des geringen Gewichts und der relativ grossen Klauen die verletzlichen Böden der Alpen schonten. Diese Vielfalt der lokalen Rassen und Schläge wurde zunehmend verdrängt mit den systematischen Zuchtbemühungen, die Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Umstellung auf Milchwirtschaft einsetzten und sich in Viehzuchtgenossenschaften manifestierten; das Grauvieh etwa verschwand in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts aus dem Kanton Graubünden.

Mit Blick auf diese zunehmende Homogenisierung der Viehrassen konnte Ernst Laur, der als Agrarwissenschaftler und als Direktor des Schweizerischen Bauernverbandes die Deutungshoheit in der Schweizer Landwirtschaft beanspruchte, nach dem Zweiten Weltkrieg feststellen: „Die Schweiz besitzt vier Rinderrassen.“ Das erschien so selbstverständlich wie die vier Landessprachen, und wie diese waren die Kuhrassen weitgehend nach Landesteilen verbreitet. Hauptsächlich in der westlichen Hälfte der Schweiz war das rötlich-weiss gefleckte Simmentaler Vieh anzutreffen, das gut die Hälfte des Rindviehbestands ausmachte. Das Braunvieh dominierte die zentralen und östlichen Landesteile und machte etwa 40 Prozent aus. Nur kleine Bedeutung hatte das inzwischen ausgestorbene Schwarzfleckvieh in Teilen des Kantons Freiburg und das schwarze Eringer Vieh im Unterwallis, das noch heute mit seinen Kämpfen die Folklore bereichert.

Zunehmende Funktionalisierung

Eine vielfältige Nutzung stand auch noch lange nach der Ausbreitung der Milchwirtschaft im Zentrum der Zuchtbemühungen: Die Tiere sollten nicht nur Milch liefern, sondern auch Fleisch, und überdies stark genug zur Arbeit sein, besass doch noch 1905 nur ein gutes Viertel der Bauernbetriebe Zugpferde. Doch anderswo war die Entwicklung bereits weiter fortgeschritten. In den USA beobachtete der Landwirtschaftslehrer und spätere ETH-Professor Hans Moos bereits 1894, dass dort „einzelne ausschliessliche Leistungen der Tiere“ bevorzugt wurden. Die Jersey-Kuh, für die Amerikaner das vollendete Bild einer Milchkuh, schien Moos jedoch „eine aus Haut, Knochen und Euter bestehende Milchmaschine“. Diese Tendenz wurde in der Schweiz erst nach dem Zweiten Weltkrieg deutlich. Als die Motorisierung der Landwirtschaft die Zugtiere überflüssig machte, zielte die Züchtung zunächst auf die „milchbetonte Zweinutzungskuh“, seit den sechziger Jahren zunehmend aber nur auf Milch (oder Fleisch). Erleichtert wurde gezielte Zucht auf bestimmte Eigenschaften hin durch die künstliche Besamung, die seit den sechziger Jahren praktiziert wurde. Der Widerstand gegen diese Methode in gewissen bäuerlichen Kreisen speiste sich aus einem Unbehagen über die Funktionalisierung der Tiere.

Der Haupttrend war jedoch diese Funktionalisierung. Ende der sechziger Jahre kam die Brown-Swiss-Kuh auf, eine – aus ursprünglich nach Amerika exportiertem Schweizer Braunvieh – auf hohe Milchleistung gezüchtete Rasse, die nun vermehrt ins Schweizer Braunvieh eingekreuzt wurde; es folgten schwarzgefleckte Holstein-Rinder und Red Holstein, die als noch leistungsfähiger gelten. Die Kühe wurden – wie Hans Moos beschrieben hatte – magerer, ihr Euter wurden grösser, immer neue Milchleistungsrekorde wurden verzeichnet.

Die Technisierung schritt in den folgenden Jahrzehnten weiter voran: Embryotransfer beschleunigte die forcierte Züchtung, Melkroboter tauchten auf, und die fortgeschrittensten Kuhställe verwandelten sich allmählich in Modelle einer total technisierten Welt. Der österreichische Schriftsteller Bernhard Kathan beschrieb sie 2009 als „schöne neue Kuhstallwelt“, in welcher die Kühe durch ihre Bedürfnisse, nicht mehr durch Stock und Peitsche gelenkt würden. Sie bewegen sich in einem System aus Gängen mit Schranken, Zugangssperren, Datenerhebungen und funktionellen Stationen wie Melkroboter, Kraftfutterausgabe, Besamung und Ruhezonen, gesteuert durch Flussdiagramme, angelockt durch Konsumangebote wie Menschen im Supermarkt. Der computergesteuerte Kuhstall wird bei Kathan zum „Modell totalitärer Herrschaft“, zum Vorschein einer Bedrohung, der auch die menschliche Gesellschaft ausgesetzt sei. Die Kuh wird dabei in ganz anderem Sinn als in früheren Zeit zum Zeichen gesellschaftlicher Entwicklung.

Auch wenn man die Parallelen nicht so weit treiben will, so ist doch unbestritten, dass die Kühe und das Verhältnis Mensch-Tier sich fundamental verändert haben. Die Charakterkühe, die vom Bauern mit Namen gerufen werden, sind nummerierten, apathischen, wie sediert wirkenden Tieren mit leerem Blick gewichen, am Hals tragen sie anstelle einer Glocke einen Transponder, der über einen Computer die Nahrungsaufnahme überwacht. „Das Band zwischen Mensch und Tier“, so Kathan, „ist endgültig gerissen.“ Die technische Anlage wirkt lebendiger als die Lebewesen, die sie verwaltet. Kathan sieht darin „eine historische Schnittstelle, an der das Maschinelle zunehmend lebendig und das als lebend Verstandene den Gesetzmässigkeiten der Maschine unterworfen wird“.

Mittlerweile zeichnet sich jedoch eine weitere technische Pointe ab, welche diese „schöne neue Kuhstallwelt“ bereits wieder obsolet machen könnte. Die Entwicklung von Milch, Eiweiss und Fleisch aus dem Biotechlabor ist weit fortgeschritten und könnte die Tierhaltung verdrängen. Zwar scheint die Akzeptanz bei Konsumenten noch ein Hindernis zu sein, aber wer möchte ausschliessen, dass auch diese Welle die Welt dereinst überrollt. So weit sind wir allerdings noch nicht.

Gegentrends

Wenn in der Schweiz die Entwicklung zur voll computergesteuerten Kuhhaltung weniger weit fortgeschritten ist als in andern Ländern, so ist das sicher bedingt durch den klein- und mittelbäuerlichen Charakter der Landwirtschaft, aber auch – und damit verbunden – durch Gegenströmungen, die mit ökologischen und kulturellen Argumenten schon seit den sechziger Jahren in eine andere Richtung zielen – von KonsumentInnen- und ProduzentInnenseite. So widersetzten sich manche ZüchterInnen der funktionalen Hochleistungszucht und forderten die Reinerhaltung des Schweizer Braunviehs und des Simmentaler Fleckviehs. Ökologische Argumente der Anpassung des Viehs an die natürliche Umgebung führten auch dazu, dass 1985 das leichte Grauvieh aus dem Tirol, wo es sich erhalten hatte, nach Graubünden rückimportiert wurde und dort immer häufiger anzutreffen ist.

Auch die Haltung von (genetisch hornlosen!) schottischen Angus-Rindern auf extensiv genutzten Böden gehört in dieses Kapitel, bis hin zur exotischen Lösung, dass ein Bauer im Unterwallis auf früher drainierten, jetzt abgenutzten und versumpfenden Torfböden Wasserbüffel hält. Das alles führte dazu, dass heute die unterschiedlichsten Kuhherden auf den Schweizer Weiden anzutreffen sind – Diversität ist längst auch im Kuhstall angekommen. 

Zurück also zur Hornkuh-Initiative: Diese gehört genau in diesen Zusammenhang des Widerstands gegen die Funktionalisierung der Nutztiere. Aus ihm speisen sich die Emotionen und die Sympathien, die die Initative weckt – so sehr, dass manche Prognosen gar ein Ja vorhersagen. Für viele Abstimmende könnte dafür letztlich auch die Skepsis gegen die zunehmende Funktionalisierung nicht nur der Kühe ausschlaggebend sein.