• Werner Baumann ist Historiker, promovierte und publizierte zur modernen Agrargeschichte der Schweiz. Er arbeitete als Lehrer und Rektor an einem Gymnasium. 2018 erschien von ihm im Chronos Verlag: Ein Mann des Volkes. Aufstieg und Fall des Thurgauer Politikers Ulrich Baumann (1851–1904).

Die soge­nannte „Hornkuh-Initiative“ fordert, dass Bauern, deren Kühe und Ziegen Hörner tragen, eine Entschä­di­gung für den Mehr­auf­wand aus dem Topf der Agrar­sub­ven­tionen erhalten sollen. Dass so etwas in der Verfas­sung stehen soll, liegt am schwei­ze­ri­schen System der Volks­in­itia­tiven – alle voran­ge­henden Vorstösse, das Thema auf Geset­zes­stufe zu regeln, sind im Bundesrat und im Parla­ment geschei­tert.

Die Debatte über die Initia­tive wurde von den einen eher spöt­tisch geführt (nach dem Motto: „schon wieder eine skur­rile Agrar­sub­ven­tion“), bei andern weckt sie Emotionen. „Es geht um das Herz, nicht um den Verstand“, sagt der Initiant, der Berg­bauer Armin Capaul, den die NZZaS als „Berg­bauer, Hippie, Hornkuh-Rebell“ porträ­tierte. Auf der Sach­ebene hat die Debatte bis jetzt nicht viel gebracht. Wir wissen jetzt zwar, dass Bundesrat Johann Schneider-Ammann Tier­arzt­sohn ist und deshalb die Ansicht vertei­digte, dass Hörner nicht nur mehr Kosten bedeuten, sondern auch gefähr­lich sind. Die Initia­tive sei aus der Sicht des Tier­wohls ein „Eigen­goal“, weil Kühe mit Hörnern wohl vermehrt im Stall ange­bunden würden. Laut Schneider-Ammann gibt es keinen wissen­schaft­li­chen Beweis, dass die Tiere unter der Enthor­nung litten oder dass ihr Wohl­ergehen und ihre Gesund­heit beein­träch­tigt würden.

Das bestreiten die Befür­worter, und die NZZ musste nüch­tern fest­stellen: „Das Kuhhorn ist fast nicht erforscht.“ Gerade deshalb müssten, wie Capaul sein beschei­denes Ziel beschrieb, die heute noch exis­tie­renden 10% Horn­kühe erhalten werden, damit im Fall von neuen Erkennt­nissen Rück­züch­tungen über­haupt noch möglich wären. Denn es gibt gegen­wärtig einen Trend, die Kühe gene­tisch hornlos zu züchten, womit für manche das Problem gelöst wäre. Ausserdem geht es den Befür­wor­tern der Initia­tive grund­sätz­lich darum, „dass Haltungs­be­din­gungen dem Tier ange­passt werden und nicht das Tier den Haltungs­be­din­gungen“.

Eine kurze Geschichte der Kuh

Mädchen mit Kuh, Obera­argau im frühen 20. Jahr­hun­dert; Quelle: derbund.ch

Damit sind wir beim Kern der Frage, die in der Geschichte der Tier­hal­tung auf die eine oder andere Weise seit langem eine Rolle spielt. In der Schweiz gilt dies beson­ders für die Kühe. Seit ihre Bewohner im Spät­mit­tel­alter von deut­schen Adligen als „Kuhschweizer“ verspottet wurden, verbindet sich das Bild der Schweiz in viel­fäl­tiger Art mit der Kuh. Lange stand diese nur im „Hirten­land“ der Alpen und Voralpen im Zentrum der Land­wirt­schaft und damit der Wirt­schaft. Im Zug der Indus­tria­li­sie­rung, als Dampf­schiff und Eisen­bahn den einhei­mi­schen Getrei­debau unren­tabel machten, wurde die Milch­wirt­schaft auch im Flach­land zum beherr­schenden agrar­wirt­schaft­li­chen Zweig, dem die anderen Zweige als Neben­pro­duk­tion (Schlacht­vieh, Schweine zur Verwer­tung der Schotte) oder Rohstoff­lie­fe­ranten (Vieh­zucht, Ackerbau) unter­ge­ordnet waren. So nahm der Rind­vieh­be­stand seit der Mitte des 19. Jahr­hun­derts stark zu, bis er mit über zwei Millionen in den 1970er Jahren den Höhe­punkt erreichte. Wich­tiger und inter­es­santer als ihre Anzahl sind aller­dings die Verän­de­rungen, welche die Tiere und ihre Haltung im Lauf der Zeit durch­machten, oft parallel zur Gesell­schaft des Landes. 

In vorin­dus­tri­eller Zeit waren Kuhr­assen lokal, ange­passt an die natür­li­chen Gege­ben­heiten und die Bedürf­nisse der Halter. Während man im Acker­bau­ge­biet des Flach­lands die Kühe vor allem als Zugkräfte – daneben zur Produk­tion von Dünger und für die Selbst­ver­sor­gung mit Milch und Fleisch – brauchte und also starke, schwere Tiere bevor­zugte, war in den Bergen leichtes Vieh gefragt. Das Räti­sche Grau­vieh ist ein Beispiel für eine kleine, genüg­same und anpas­sungs­fä­hige Rasse, die zudem dank des geringen Gewichts und der relativ grossen Klauen die verletz­li­chen Böden der Alpen schonten. Diese Viel­falt der lokalen Rassen und Schläge wurde zuneh­mend verdrängt mit den syste­ma­ti­schen Zucht­be­mü­hungen, die Mitte des 19. Jahr­hun­derts mit der Umstel­lung auf Milch­wirt­schaft einsetzten und sich in Vieh­zucht­ge­nos­sen­schaften mani­fes­tierten; das Grau­vieh etwa verschwand in den zwan­ziger Jahren des 20. Jahr­hun­derts aus dem Kanton Grau­bünden.

Kuhkampf im Wallis; Quelle: 1815.ch

Mit Blick auf diese zuneh­mende Homo­ge­ni­sie­rung der Vieh­rassen konnte Ernst Laur, der als Agrar­wis­sen­schaftler und als Direktor des Schwei­ze­ri­schen Bauern­ver­bandes die Deutungs­ho­heit in der Schweizer Land­wirt­schaft bean­spruchte, nach dem Zweiten Welt­krieg fest­stellen: „Die Schweiz besitzt vier Rinder­rassen.“ Das erschien so selbst­ver­ständ­lich wie die vier Landes­spra­chen, und wie diese waren die Kuhr­assen weit­ge­hend nach Landes­teilen verbreitet. Haupt­säch­lich in der west­li­chen Hälfte der Schweiz war das rötlich-weiss gefleckte Simmen­taler Vieh anzu­treffen, das gut die Hälfte des Rind­vieh­be­stands ausmachte. Das Braun­vieh domi­nierte die zentralen und östli­chen Landes­teile und machte etwa 40 Prozent aus. Nur kleine Bedeu­tung hatte das inzwi­schen ausge­stor­bene Schwarz­fleck­vieh in Teilen des Kantons Frei­burg und das schwarze Eringer Vieh im Unter­wallis, das noch heute mit seinen Kämpfen die Folk­lore berei­chert.

Zuneh­mende Funk­tio­na­li­sie­rung

Jersey-Kuh; Quelle: praxis-agrar.de

Eine viel­fäl­tige Nutzung stand auch noch lange nach der Ausbrei­tung der Milch­wirt­schaft im Zentrum der Zucht­be­mü­hungen: Die Tiere sollten nicht nur Milch liefern, sondern auch Fleisch, und über­dies stark genug zur Arbeit sein, besass doch noch 1905 nur ein gutes Viertel der Bauern­be­triebe Zugpferde. Doch anderswo war die Entwick­lung bereits weiter fort­ge­schritten. In den USA beob­ach­tete der Land­wirt­schafts­lehrer und spätere ETH-Professor Hans Moos bereits 1894, dass dort „einzelne ausschliess­liche Leis­tungen der Tiere“ bevor­zugt wurden. Die Jersey-Kuh, für die Ameri­kaner das voll­endete Bild einer Milchkuh, schien Moos jedoch „eine aus Haut, Knochen und Euter bestehende Milch­ma­schine“. Diese Tendenz wurde in der Schweiz erst nach dem Zweiten Welt­krieg deut­lich. Als die Moto­ri­sie­rung der Land­wirt­schaft die Zugtiere über­flüssig machte, zielte die Züch­tung zunächst auf die „milch­be­tonte Zwei­nut­zungskuh“, seit den sech­ziger Jahren zuneh­mend aber nur auf Milch (oder Fleisch). Erleich­tert wurde gezielte Zucht auf bestimmte Eigen­schaften hin durch die künst­liche Besa­mung, die seit den sech­ziger Jahren prak­ti­ziert wurde. Der Wider­stand gegen diese Methode in gewissen bäuer­li­chen Kreisen speiste sich aus einem Unbe­hagen über die Funk­tio­na­li­sie­rung der Tiere.

Brown-Swiss-Kuh; Quelle: pinterest.com

Der Haupt­trend war jedoch diese Funk­tio­na­li­sie­rung. Ende der sech­ziger Jahre kam die Brown-Swiss-Kuh auf, eine – aus ursprüng­lich nach Amerika expor­tiertem Schweizer Braun­vieh – auf hohe Milch­leis­tung gezüch­tete Rasse, die nun vermehrt ins Schweizer Braun­vieh einge­kreuzt wurde; es folgten schwarz­ge­fleckte Holstein-Rinder und Red Holstein, die als noch leis­tungs­fä­higer gelten. Die Kühe wurden – wie Hans Moos beschrieben hatte – magerer, ihr Euter wurden grösser, immer neue Milch­leis­tungs­re­korde wurden verzeichnet.

Die Tech­ni­sie­rung schritt in den folgenden Jahr­zehnten weiter voran: Embryo­transfer beschleu­nigte die forcierte Züch­tung, Melkro­boter tauchten auf, und die fort­ge­schrit­tensten Kuhställe verwan­delten sich allmäh­lich in Modelle einer total tech­ni­sierten Welt. Der öster­rei­chi­sche Schrift­steller Bern­hard Kathan beschrieb sie 2009 als „schöne neue Kuhstall­welt“, in welcher die Kühe durch ihre Bedürf­nisse, nicht mehr durch Stock und Peit­sche gelenkt würden. Sie bewegen sich in einem System aus Gängen mit Schranken, Zugangs­sperren, Daten­er­he­bungen und funk­tio­nellen Stationen wie Melkro­boter, Kraft­fut­ter­aus­gabe, Besa­mung und Ruhe­zonen, gesteuert durch Fluss­dia­gramme, ange­lockt durch Konsum­an­ge­bote wie Menschen im Super­markt. Der compu­ter­ge­steu­erte Kuhstall wird bei Kathan zum „Modell tota­li­tärer Herr­schaft“, zum Vorschein einer Bedro­hung, der auch die mensch­liche Gesell­schaft ausge­setzt sei. Die Kuh wird dabei in ganz anderem Sinn als in früheren Zeit zum Zeichen gesell­schaft­li­cher Entwick­lung.

Auch im Spiel­zeug ist die Indus­tria­li­sie­rung der Kuhhal­tung ange­kommen; Quelle: spielwarenladen.ch

Auch wenn man die Paral­lelen nicht so weit treiben will, so ist doch unbe­stritten, dass die Kühe und das Verhältnis Mensch-Tier sich funda­mental verän­dert haben. Die Charak­ter­kühe, die vom Bauern mit Namen gerufen werden, sind numme­rierten, apathi­schen, wie sediert wirkenden Tieren mit leerem Blick gewi­chen, am Hals tragen sie anstelle einer Glocke einen Trans­ponder, der über einen Computer die Nahrungs­auf­nahme über­wacht. „Das Band zwischen Mensch und Tier“, so Kathan, „ist endgültig gerissen.“ Die tech­ni­sche Anlage wirkt leben­diger als die Lebe­wesen, die sie verwaltet. Kathan sieht darin „eine histo­ri­sche Schnitt­stelle, an der das Maschi­nelle zuneh­mend lebendig und das als lebend Verstan­dene den Gesetz­mäs­sig­keiten der Maschine unter­worfen wird“.

Mitt­ler­weile zeichnet sich jedoch eine weitere tech­ni­sche Pointe ab, welche diese „schöne neue Kuhstall­welt“ bereits wieder obsolet machen könnte. Die Entwick­lung von Milch, Eiweiss und Fleisch aus dem Biotech­labor ist weit fort­ge­schritten und könnte die Tier­hal­tung verdrängen. Zwar scheint die Akzep­tanz bei Konsu­menten noch ein Hindernis zu sein, aber wer möchte ausschliessen, dass auch diese Welle die Welt dereinst über­rollt. So weit sind wir aller­dings noch nicht.

Gegen­trends

Wenn in der Schweiz die Entwick­lung zur voll compu­ter­ge­steu­erten Kuhhal­tung weniger weit fort­ge­schritten ist als in andern Ländern, so ist das sicher bedingt durch den klein- und mittel­bäu­er­li­chen Charakter der Land­wirt­schaft, aber auch – und damit verbunden – durch Gegen­strö­mungen, die mit ökolo­gi­schen und kultu­rellen Argu­menten schon seit den sech­ziger Jahren in eine andere Rich­tung zielen – von KonsumentInnen- und Produ­zen­tIn­nen­seite. So wider­setzten sich manche Züch­te­rInnen der funk­tio­nalen Hoch­leis­tungs­zucht und forderten die Reiner­hal­tung des Schweizer Braun­viehs und des Simmen­taler Fleck­viehs. Ökolo­gi­sche Argu­mente der Anpas­sung des Viehs an die natür­liche Umge­bung führten auch dazu, dass 1985 das leichte Grau­vieh aus dem Tirol, wo es sich erhalten hatte, nach Grau­bünden rück­im­por­tiert wurde und dort immer häufiger anzu­treffen ist.

Auch die Haltung von (gene­tisch horn­losen!) schot­ti­schen Angus-Rindern auf extensiv genutzten Böden gehört in dieses Kapitel, bis hin zur exoti­schen Lösung, dass ein Bauer im Unter­wallis auf früher drai­nierten, jetzt abge­nutzten und versump­fenden Torf­böden Wasser­büffel hält. Das alles führte dazu, dass heute die unter­schied­lichsten Kuhherden auf den Schweizer Weiden anzu­treffen sind – Diver­sität ist längst auch im Kuhstall ange­kommen. 

Zurück also zur Hornkuh-Initiative: Diese gehört genau in diesen Zusam­men­hang des Wider­stands gegen die Funk­tio­na­li­sie­rung der Nutz­tiere. Aus ihm speisen sich die Emotionen und die Sympa­thien, die die Inita­tive weckt – so sehr, dass manche Prognosen gar ein Ja vorher­sagen. Für viele Abstim­mende könnte dafür letzt­lich auch die Skepsis gegen die zuneh­mende Funk­tio­na­li­sie­rung nicht nur der Kühe ausschlag­ge­bend sein.

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