Die Erforschung ‚weiblicher’ Körperprozesse und Gefühle hat auch den Effekt, Frauen an bestimmte Geschlechterrollen zu binden. Das gilt besonders für die Phase der Schwangerschaft. Die heutige Vorstellung, Schwangere litten unter hormonellen Stimmungsschwankungen, hat eine wechselhafte Geschichte. Wie entstand dieses Klischee?

  • Lisa Malich ist Psycho­login und Histori­kerin an der Uni­versi­tät zu Lübeck. Sie forscht zur Gefühls­geschichte der Schwanger­schaft sowie zur Wissens­geschichte der klini­schen Psycho­logie.

Schwan­gere werden angeb­lich von Hormonen beherrscht. Das sagen sie selbst und das sagen andere. Ihr Bauch wächst, ihr Appetit steigt, sie weinen, sie sind glück­lich oder werden depressiv – alles aufgrund ihrer hormo­nellen Situa­tion. Dabei wird den so genannten Schwan­ger­schafts­hor­monen mal die Rolle der ratio­na­lis­ti­schen Erfül­lungs­ge­hilfen attes­tiert, die zum Beispiel die embryo­nale Versor­gung sicher­stellen, mal werden sie als Agenten des Chaos ange­sehen, die Körper und Geist über­schwemmen. Dass die Gefühle von (schwan­geren) Frauen auf ihren Körper redu­ziert werden, beginnt im ausge­henden 18. Jahr­hun­dert, in der Forma­ti­ons­zeit der medi­zi­ni­schen Geburts­hilfe. Das Befinden von Frauen während der Schwan­ger­schaft wurde in medi­zi­ni­schen Diskursen immer mehr zum Thema, und damit einher gingen verschie­dene Ideen über den emotio­nalen Zustand von Schwan­geren, die sich in der Ratge­ber­li­te­ratur, medi­zi­ni­schen Lehr­bü­chern und wissen­schaft­li­chen Texten zeigen und die deut­lich machen: Der Effekt dieser Ideen war (und ist) es unter anderem, die Geschlech­terkli­schees der sich heraus­bil­denden bürger­li­chen Geschlech­ter­ord­nung zu zementieren.

Reiz­bare Verstimmung

Im 18. und 19. Jahr­hun­dert domi­nierte zunächst die Vorstel­lung, dass Schwan­gere auf Grund ihres Nerven­sys­tems zu einer Stim­mungs­ver­schlech­te­rung und Reiz­bar­keit neigen würden. Die Mutter­liebe als posi­tives Element kam in der Fach­li­te­ratur in diesem Zusam­men­hang kaum zur Sprache, zumal die Schwan­ger­schaft an sich zunächst weder für die Medizin noch für die Bevöl­ke­rungs­po­litik eine große Bedeu­tung hatte. Die medi­zi­ni­sche Geburts­hilfe konzen­trierte sich primär auf die Entbin­dung, folg­lich bekamen viele Ärzte ihre Pati­en­tinnen – meist zahlungs­fä­hige Frauen aus Bürgertum und Adel – während der Schwan­ger­schaft kaum zu Gesicht. Auch die bevöl­ke­rungs­po­li­ti­schen Schriften befassten sich noch wenig mit der Schwan­ger­schaft, sie zielten zunächst auf eine Stei­ge­rung des ‚gesunden Anteils der Bevölkerung’.

Johann Fried­rich August Tisch­bein: Portrait einer Familie, ca. 1795-1800; Quelle: rmn.fr

Erste Maßnahmen rich­teten sich ab dem 18. Jahr­hun­dert darauf, die hohe Säug­lings­sterb­lich­keit zu verrin­gern, für die vor allem das Ammen­wesen verant­wort­lich gemacht wurde. Die Frauen sollten ihre Kinder gefäl­ligst selbst stillen, und damit rückte auch die Idee der ‚Mutter­liebe’ ins Zentrum der Debatte. Ein wich­tiger Wegbe­reiter war der Schweizer Aufklä­rungs­phi­lo­soph Jean-Jaques Rous­seau, der das Stillen roman­ti­sierte und die Kind­heit als eine eigen­stän­dige Phase der Entwick­lung verstand, die einer beson­deren Pflege durch die Prot­ago­nistin ‚Mutter’ bedurfte. Die Mutter­liebe fand nun in viele zeit­ge­nös­si­sche Ratgeber und medi­zi­ni­sche Lehr­bü­cher Eingang, jedoch nur für die Zeit nach der Geburt. In den Abschnitten zur Schwan­ger­schaft fehlte sie weiterhin.

Die Diagnose von der schlechten Stim­mung während der Schwan­ger­schaft passte zu der sich formie­renden bürger­li­chen Geschlech­ter­ord­nung: Zur Verhin­de­rung der angeb­lich ‚nervösen Verstim­mung’ der Schwan­geren sollten diese ihre ‚reiz­baren Nerven’ möglichst schonen. Das heißt, sie sollten sich am besten ruhig und genügsam im weib­lich konno­tierten privaten Raum aufhalten, fernab von den poten­zi­ellen Aufre­gungen des männ­lich konno­tierten öffent­li­chen Lebens.

Stim­mungs­ver­bes­se­rung und Muttergefühl

Ab 1900 erscheinen Schwan­gere in der medi­zi­ni­schen Fach­li­te­ratur und den Ratge­bern dann ausge­gli­chener. Allmäh­lich entstand die Vorstel­lung einer posi­tiven schwan­geren Emotio­na­lität, und zugleich wurde nun die Unter­schei­dung zwischen Schwan­geren mit ‚gesunden Anlagen’ und vermeint­lich dege­ne­rierten Frauen wich­tiger. Fest­ge­macht wurde diese Diffe­renz erneut am Körper, das Bezugs­system verschob sich jedoch: Nicht mehr die Stim­mung, sondern die körper­liche Konsti­tu­tion und die Erban­lagen galten nun als entschei­dend. Ansätze der Eugenik und Rassen­hy­giene, Ideen einer mögli­chen ‚Hinauf­züch­tung des Volkes’, die im Natio­nal­so­zia­lismus eine mörde­ri­sche Zuspit­zung erfahren sollten, hatten hier einen Ursprung.

Nach Meinung der dama­ligen Experten entschied die Konsti­tu­tion über den Zustand des Nerven­sys­tems – und nur dieje­nigen Schwan­geren mit zwei­fel­hafter Anlage neigten gemäß medi­zi­ni­scher Lehr­mei­nung zur Verstim­mung, während sich „erbge­sunde“ Frauen einer stabilen Stim­mung erfreuten, durch ihren Zustand zufrie­dener, gesünder und robuster wurden. Vorhe­rige nervöse Leiden sollten durch die Schwan­ger­schaft sogar behoben werden und mütter­liche Gefühle hielten nun auch Einzug in die Phase der Schwan­ger­schaft. Zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts findet sich bereits verein­zelt die Idee, ‚Mutter­in­stinkte’ würden durch die Kinds­be­we­gungen wie mecha­ni­sche Reflexe ausgelöst.

Gertrude Käse­bier: Mutter­glück, Foto­grafie, 1903; Quelle: photoseed.com

Die Schwan­ger­schaft wurde zuneh­mend in den Bereich der Medizin inte­griert, die durch die Etablie­rung der Sozi­al­ver­si­che­rung und Kran­ken­kassen auch für brei­tere Bevöl­ke­rungs­schichten zugäng­li­cher wurde. Schließ­lich wurde 1929 der erste endo­krine Schwan­ger­schafts­test einge­führt und es entstanden Ideen einer insti­tu­tio­na­li­sierten präpar­talen Vorsorge für alle Schwan­gere. Dieser Prozess hatte mehrere Folgen: Nicht nur kamen Medi­ziner (und erste Medi­zi­ne­rinnen) in inten­si­veren Kontakt zu Schwan­geren in unter­schied­li­chen Lebens­si­tua­tionen. Die zuneh­mende Medi­ka­li­sie­rung von Schwan­ger­schaft führte auch dazu, dass neue Gebiete der Forschung gesucht und gefunden wurden – Emotio­na­lität war eines davon.

Durch die parallel aufkom­menden heftigen Debatten über ein mögli­ches Recht auf Abtrei­bung geriet die schwan­gere Emotio­na­lität noch mehr ins Visier. Der Medi­ziner Paul Willy Siegel, der 1919 als einer der ersten Forscher die Exis­tenz eines „Mutter­schafts­ge­fühls“ in der Schwan­ger­schaft postu­lierte, argu­men­tierte folgen­der­massen gegen Abtrei­bung und für die „Erhal­tung unserer Volks­kraft“: Wenn gesunde Frauen spätes­tens nach Einsetzen der Kinds­be­we­gungen Mutter­glück empfinden, würde ein zuvor geäu­ßerter Wunsch nach einem Abort verschwinden. Auf diese Weise konnten Frauen zu Schwan­ger­schafts­be­ginn darauf vertröstet werden, dass ihre nega­tiven Gefühle nicht ‚echt’ seien, würde doch im späteren Schwan­ger­schafts­ver­lauf der ‚natür­liche Mutter­in­stinkt’ und die Stim­mungs­ver­bes­se­rung einsetzen.

Nach dem Zweiten Welt­krieg inten­si­vierte sich – vor allem in Ratge­ber­li­te­ratur und medi­zi­ni­schen Diskursen in West­deutsch­land, Öster­reich und der Schweiz – die Vorstel­lung, Schwan­ger­schaft würde grund­sätz­lich zu einer Stim­mungs­ver­bes­se­rung führen, von höchstem Mutter­glück und tiefster Liebe war nun die Rede. Die Schwan­gere sollte zudem von Ruhe erfüllt sein, sich von der äußeren Welt zurück­ziehen und sich emotional nach innen hin zum Kind wenden. Dieses Emoti­ons­muster korre­spon­dierte mit den Geschlech­ter­rollen der 1950er und 1960er Jahren. Gerade in West­deutsch­land kam es in den Nach­kriegs­jahren zum Rückzug ins Idyll des Privaten, in dem tradi­tio­na­lis­ti­sche Weib­lich­keits­bilder und die Haus­frau­enehe wieder verbind­liche Ziele darstellten. Die schwan­gere Physis brachte, nach idealer Vorstel­lung im medi­zi­ni­schen Diskurs, die schwan­gere Psyche dazu, sich in eine glück­liche Haus­frau und Mutter zu verwandeln.

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Hormo­nelle Stimmungsschwankungen

Zu Beginn der 1980er Jahre voll­zogen sich zwei weitere Prozesse: Hormone, die in der Ratge­ber­li­te­ratur zu Schwan­ger­schaft bislang selten erwähnt worden waren, gewannen nun eine zentrale Bedeu­tung als Erklä­rung für körper­liche Phäno­mene. Es etablierte sich zuneh­mend die Idee der hormo­nellen Stim­mungs­schwan­kungen. Die Schwan­gere schien zwischen emotio­nalen Aufs und Abs gefangen, sie war zerrissen zwischen tränen­rei­cher Mutter­liebe und plötz­li­chen Wutan­fällen. Hier zeigte sich ein deut­li­cher Bruch zur Roman­ti­sie­rung schwan­gerer Gefühle, wie sie noch in der ersten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts vorge­herrscht hatte. Statt­dessen wurden nun posi­tive Gefühle wie begin­nende Mutter­liebe ironi­siert, man macht sich lustig darüber, bezeich­nete sie als über­trieben und sentimental.

Hier zeigt sich die eingangs erwähnte Rede von der ‚Irra­tio­na­lität’, also die Vorstel­lung, Frauen seien während der Schwan­ger­schaft nicht ganz zurech­nungs­fähig, die als Resultat eines gesell­schaft­li­chen Wandels gewertet werden kann. Erneut hatte sich die gesell­schaft­liche Rolle der Frau verän­dert, Bildungs­grad und Erwerbs­tä­tig­keit stiegen, das Leit­bild der Haus­frau wurde in Frage gestellt und ein neues Ideal propa­giert: das der ewig attrak­tiven Frau, die Kind und Karriere scheinbar mühelos verbindet. Zudem führten stagnie­rende Einkom­mens­ver­hält­nisse dazu, dass auch in der Mittel­schicht mehr Mütter erwerbs­tätig sein mussten. Die meisten entschieden sich für die Teil­zeit­be­schäf­ti­gung, was die idea­li­sierten Karrie­re­mög­lich­keiten wiederum erheb­lich einschränkte. Bis heute arbeiten in Deutsch­land etwa 69 Prozent der Mütter in Teil­zeit, die meisten geben als Grund für diese Beschäf­ti­gungs­form das Verein­bar­keits­pro­blem an. Dem stehen nur 6 Prozent von Vätern in Teil­zeit entgegen.

Film­plakat, 2016; Quelle: pinterest.com

Das aktu­elle Ideal der Super-Karriere-Mom steht in starkem Gegen­satz zur struk­tu­rellen Situa­tion, in der der Aufstieg von Frauen oft verhin­dert wird, in der ihre Kompe­tenzen nied­riger bewertet werden oder es meis­tens Männer sind, die die besser bezahlten Jobs haben. Die Vorstel­lung der hormo­nell bedingten Stim­mungs­schwan­kungen hat dieses Span­nungs­ver­hältnis anschei­nenden aufge­griffen, das im neuen Mutter­bild zum Ausdruck kommt: Zwar werden Mutter­ge­fühle weiterhin als natur­ge­mäßer Teil der Schwan­ger­schaft ange­sehen, aber sie werden nicht mehr so geschätzt wie zuvor. Denn sie erscheinen nun als irra­tional und als Hindernis zum wirk­li­chen Erfolg.

Aber auch die Schwangeren- und Geburts­me­dizin verän­derte sich. Die Medi­ka­li­sie­rung der Schwan­ger­schaft, die in den 1960er Jahren mit der Über­nahme von medi­zi­ni­scher Vorsorge als Kassen­leis­tung wich­tige Hürden genommen hatte, war zuneh­mend vom Risi­ko­kon­zept und Präven­ti­ons­tech­niken geprägt. Dabei stand aller­dings nicht immer das Risiko für die Schwan­gere selbst im Vorder­grund, sondern das medi­zi­ni­sche Inter­esse rich­tete sich oft auf die Risi­ko­mi­ni­mie­rung für das Unge­bo­rene oder, präziser, für die Figur des Fetus, die ab den 1970er Jahren mit immer mehr medi­zi­ni­scher wie kultu­reller Bedeu­tung aufge­laden wurde.

Stress und Rohmilchkäse

Der Fokus auf die fetale Gesund­heit beein­flusste Prak­tiken der Schwan­ger­schaft erheb­lich. Ab den 1970ern entwi­ckelte sich ein immer detail­lier­teres Regel­werk mögli­chen Risi­ko­ver­hal­tens, etwa Ziga­ret­ten­rauch, geringste Alko­hol­mengen oder zu viel Stress und Rohmilch­käse. So bestand schon bald die Haupt­ri­si­ko­quelle für den Fetus primär im Verhalten von Schwan­geren, was wiederum die Proble­ma­ti­sie­rung ihrer Psyche begüns­tigte: Ihre Entschei­dungen und ihre emotio­nale Spon­ta­nität schienen zu zahl­rei­chen Schäden beim Kind führen zu können. In diesem Sinne kann die Vorstel­lung der hormo­nellen Irra­tio­na­lität auch als Ausdruck des gestie­genen Miss­trauens in das schwan­gere Gefühls­leben verstanden werden.

Beyoncé, schwanger, 2017; Quelle: vox.com

Auch das heutige Wissen zu hormo­nellen Stim­mungs­schwan­kungen in der Schwan­ger­schaft ist also Ausdruck bestimmter Weib­lich­keits­kon­zepte. Dabei sind vor allem zwei Aspekte zentral: Erstens führen die aktu­ellen Vorstel­lungen schwan­gerer Gefühle dazu, dass gesell­schaft­liche Probleme – die unge­lösten Fragen nach der Arbeits­tei­lung bei der Kinder­er­zie­hung etwa, oder die zwei­fel­haften Verspre­chen medi­zi­ni­scher Risi­ko­mi­ni­mie­rung – in den Frau­en­körper verlegt werden. Aus poli­ti­schen Wider­sprü­chen wird so hormo­nelle Irra­tio­na­lität. Zwei­tens zeugt der aktu­elle Diskurs zur hormo­nellen Irra­tio­na­lität davon, dass mit der zuneh­menden Eman­zi­pa­tion von Frauen auch eine gewisse Re-Traditionalisierung einher­geht. Zwar können viele Frauen zuneh­mend selbst­be­stimmt handeln. Gleich­zeitig verweisen die Diskurse der Hormone sie auch wieder verstärkt auf ihre ange­stammten Plätze. Denn auf diesem Wege wird Frauen das alte Rollen­bild der hyper-verantwortlichen Mutter in Körper und Psyche einge­schrieben – und zwar bereits während der Schwangerschaft.

  • Lisa Malich ist Psycho­login und Histori­kerin an der Uni­versi­tät zu Lübeck. Sie forscht zur Gefühls­geschichte der Schwanger­schaft sowie zur Wissens­geschichte der klini­schen Psycho­logie.