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Hong­kongs Proteste, postkolonial

Seit dem Früh­jahr 2019 erlebt die ehema­lige briti­sche Kron­ko­lonie Hong­kong massen­haft Proteste, die sich im Laufe der vergan­genen sechs Monate zuneh­mend verschärften. Die Polizei verschoss über 10.000 Tränen­gas­kar­tu­schen und verhaf­tete mehr als 5.000 Menschen, es gab unzäh­lige Verletzte, und am 8. November starb Chow Tsz-lok, der mutmaß­lich durch einen Einsatz der Polizei bedrängt aus einem Park­haus stürzte. Die  Hong­konger Proteste eröffnen eine ganze Reihe von grund­sätz­li­chen Fragen: nach den Stra­te­gien und Inhalten poli­ti­schen Protests, nach der Bedeu­tung demo­kra­ti­scher Grund­rechte und deren Bedro­hung, aber auch nach den Prak­tiken der Aneig­nung, Produk­tion und Verbrei­tung von Wissen in der gegen­wär­tigen poli­ti­schen Meinungs­bil­dung und Diskus­sion. Welt­weit erfährt Hong­kong eine enorme mediale Aufmerk­sam­keit, die von Soli­da­ri­täts­be­kun­dungen bis hin zur Dämo­ni­sie­rung der Proteste als anti-chinesischer Terro­rismus reichen. So ungleich und so unter­schied­lich poli­tisch moti­viert die Posi­tio­nie­rungen auch sein mögen: Sie alle über­sehen, welche Rolle Hong­kongs kolo­niales Erbe, seine impe­ri­al­ge­schicht­li­chen Verflech­tungen und deren Nach­wir­kungen in diesen Protesten immer noch spielen. 

Zwischen China und kolo­nialer Vergangenheit

Kritik an der poli­ti­schen Führung Hong­kongs und VR Chinas im Zusam­men­hang mit dem Auslie­fe­rungs­ge­setz (vgl. dazu hier und hier), aber auch den massiven Einschrän­kungen demo­kra­ti­scher Grund­rechte ist fraglos notwendig. Auch die Forde­rung nach einem univer­sellen Wahl­recht ist zwin­gend. Im kolo­nialen Hong­kong wurde der Gouver­neur Hong­kongs von der Briti­schen Krone in London aus entsandt; ganz ähnlich wird heut­zu­tage der oder die Chief Execu­tive, derzeit Carry Lam Cheng Yuet-ngor, vom Staatsrat der Volks­re­pu­blik China ernannt. Der/die Chief Execu­tive ernennt weiterhin die Kabi­netts­mit­glieder, und auch im Legis­la­tivrat wird nur über die Hälfte der Sitze per freier Wahl bestimmt; die andere Hälfte wird durch so genannte „func­tional consti­tu­en­cies“ besetzt, also Inter­es­sens­gruppen der führenden Handels-, Industrie-, und Finanzbranchen. 

An diese Gemein­sam­keit der Abhän­gig­keiten und Fremd­be­stim­mung im Wahl­system des kolo­nialen und des heutigen Hong­kong erin­nert auch der Kommentar eines Protes­tie­renden bzw. Sympa­thi­santen der Proteste, der nur unter dem Namen Tony bekannt ist. In Bezug auf den Slogan „Libe­rate Hong Kong“ (光復香港) weist Tony auf die verschie­denen Bedeu­tungen von „libe­rate“ (光復) im Kanto­ne­si­schen hin, dass eben auch „wieder­her­stellen“ heißen kann und auch in diesem Sinne von den Protes­tie­renden verwendet wird. Daran knüpft Tony die rheto­ri­sche Frage, was denn eigent­lich vor dem Hinter­grund der struk­tu­rellen Ungleich­heit im kolo­nialen Hong­kong – insbe­son­dere im Bezug auf das Wahl­system – wieder­her­ge­stellt werden soll. Er gibt selbst die Antwort: „No matter how dark Hong Kong’s reality gets, there is no need for us to roman­ti­cize our colo­nial past.”

Vor derar­tigen Roman­ti­sie­rungen und einer Verklä­rung von Hong­kongs kolo­nialer Geschichte warnt auch ein Hong­konger anar­chis­ti­sches Kollektiv, das schon bei „Occupy Central“ und in dem „Umbrella Move­ment“ aktiv war. Das Kollektiv wies bereits zu Beginn der ersten großen Protest­mär­sche im Juni 2019 darauf hin, dass der Protest stark natio­na­lis­ti­sche Tendenzen habe. Das gemein­same Ziel der Abschaf­fung des Auslie­fe­rungs­ge­setzes, die Empö­rung über Poli­zei­ge­walt und die Kritik an der Inkom­pe­tenz und Peking-Hörigkeit der poli­ti­schen Führung Hong­kongs igno­riere zudem unter­schied­liche poli­ti­sche Über­zeu­gungen. Das punk­tu­elle, nicht unbe­dingt nach­hal­tige Zusam­men­ge­hö­rig­keits­ge­fühl verschleiere dabei die Tatsache, dass die Protes­tie­renden, von denen Studien zufolge beinahe drei Viertel aus einer gut gebil­deten Mittel­schicht kommen, auch dadurch moti­viert seien, ihre Privi­le­gien und ihren Besitz zu vertei­digen. Dies erkläre auch, so das Kollektiv, warum nicht unbe­dingt alle sozialen Schichten den Protest unter­stützen und warum dieser auch nicht in eine umfas­sende Kritik an den Hong­konger Besitz- und Produk­ti­ons­ver­hält­nissen einge­bettet ist. Viel­mehr repro­du­ziere der Protest ein Bedro­hungs­sze­nario, in dem die Kommu­nis­ti­sche Partei Chinas über kurz oder lang die kapi­ta­lis­ti­sche, als freiheitlich-demokratisch imagi­nierte Ordnung Hong­kongs – sprich: das roman­ti­sierte frühere, eben eigent­lich kolo­niale Hong­kong – durch rigide Kontrolle oder gar Enteig­nungen zerstöre.

Hete­ro­gener Protest

Inter­es­san­ter­weise gründet der lokal­pa­trio­ti­sche Mythos Hong­kongs als Insel des Wohl­stands, der Frei­heit und des Rechts­staats in genau dieser Logik. Und das hat histo­ri­sche Gründe, denn die meisten Hong­konger bzw. deren Vorfahren migrierten in verschie­denen Krisen­zeiten vom „Fest­land“ nach Hong­kong, unter anderem nach den Opium­kriegen, dem chine­si­schen Bürger­krieg und insbe­son­dere während der Kultur­re­vo­lu­tion. Die geogra­fi­sche und kultu­relle Nähe Hong­kongs zu China, aber insbe­son­dere die briti­sche Kolo­ni­al­herr­schaft schufen die Rahmen­be­din­gungen für eine erfolg­reiche Migra­tion, die zwar nicht unbe­dingt poli­ti­sches Mitspra­che­recht, zumin­dest aber wirt­schaft­li­chen Aufschwung und Vermö­gens­si­cher­heit ermög­lichte. Der gras­sie­rende Natio­na­lismus in Hong­kongs Protesten und der Anspruch auf Siche­rung bestimmter Rechte und Privi­le­gien kann also nicht von Hong­kongs kolo­nialer Geschichte getrennt gedacht werden. 

„Chinazi“, Hong­kong 2019; Foto: R. Kramm

„Capi­ta­lism is shit“, Hong­kong 2019; Foto: R. Kramm

Die Proteste in Hong­kong sind viel zu hete­rogen, um sie über­haupt als Bewe­gung zu bezeichnen. Aber mögli­cher­weise liegen in dieser Unein­heit­lich­keit auch gleich­zeitig die Stärken und Schwä­chen der Proteste. Denn einer­seits können die Protes­tie­renden durch ihre dezen­trierte Kommu­ni­ka­tion über soziale Medien und spon­tane Orga­ni­sa­tion von Demons­tra­tionen staat­liche Kontrollen umgehen und somit die Proteste fort­setzen. Ande­rer­seits verun­mög­li­chen aber offenbar genau diese Umstände, ein klares poli­ti­sches Programm zu entwi­ckeln, und fördern mögli­cher­weise sogar, dass einige Protes­tie­rende diffuse Forde­rungen arti­ku­lieren und diese vermi­schen. So kann der Wunsch nach demo­kra­ti­scher Mitbe­stim­mung durch eine unre­flek­tierte Polemik gegen VR Chinas poli­ti­sche wie auch wirt­schaft­liche Einfluss­nahme nicht nur an Schärfe, sondern auch an Inhalt verlieren, beson­ders dann, wenn diese sich in verstö­renden Slogans wie „Chinazi“ (zu lesen als: China=Nazi) und einem seman­ti­schen Spiel mit Wort­hülsen wie „Capi­ta­lism is Shit – CCP is Capi­ta­list“ erschöpfen. 

Frem­den­feind­lich­keit und Kolonialnostalgie

Darüber hinaus stachelt die Konstruk­tion einfa­cher Feind­bilder einen Konflikt an, der bereits etliche Male in stark „frem­den­feind­li­cher“, gegen Fest­land­chi­nesen gerich­teter Gewalt endete. Gezielt zerstörten einige Protest­gruppen Filialen von Firmen, die von Fest­land­chi­nesen in Hong­kong geleitet werden. Zudem kam es bereits zu einer ganzen Reihe von Zwischen­fällen, bei denen festland-chinesische und lokal-kantonesische Hongkonger_innen gewalt­tätig anein­an­der­ge­rieten, sich mit Stöcken und Stangen schlugen oder gar mit Messern und Brand­be­schleu­niger atta­ckierten. Zudem verpassen die Protes­tie­renden durch unklare Benen­nung der herr­schenden Verhält­nisse die Chance einer grund­sätz­li­chen Analyse und Kritik der Hong­konger Lebens­welt. Gerade die junge Genera­tion hätte allen Grund dazu: das krass kompe­ti­tive Bildungs­wesen, die zuneh­menden Verschär­fungen auf dem Arbeits- und Immo­bi­li­en­markt sowie das abseh­bare Ende der „one system, two countries“-Vereinbarung im Jahr 2047 bieten keine guten Aussichten auf eine erfolg­reiche wirt­schaft­liche Karriere, gesi­cherte soziale Mobi­lität, menschen­wür­dige Wohn­ver­hält­nisse oder auch poli­ti­sche Eman­zi­pa­tion. Das Verspre­chen des freiheitlich-demokratischen kapi­ta­lis­ti­schen Systems auf ein Leben in rela­tiver Sicher­heit, in Wohl­stand und Frei­heit kann also nicht einmal im Kleinen und zu Lebzeiten im Alltag junger Hong­konger einge­löst werden. China dafür die allei­nige Schuld zu geben greift schlichtweg zu kurz.

Bereits seit dem frühen Sommer 2019 begannen einige Protes­tie­rende, die Euro­päi­sche Union und viel­mehr noch das Verei­nigte König­reich und die USA als – zumin­dest einst­malig – führende Länder der selbst­er­nannten freien Welt um Unter­stüt­zung zu bitten. Auf den Demons­tra­tionen tauchten Hong­kongs Kolo­ni­al­flagge, aber vermehrt auch auslän­di­sche natio­nale Flaggen auf, insbe­son­dere der Union Jack sowie Stars & Stripes oder Hi no maru, respek­tive die Flaggen des UK, der USA und Japans. Gerade im Kontext Hong­kongs können derar­tige Symbole zu kolo­nialen Versatz­stü­cken werden. Insbe­son­dere dann, wenn diese in ein Netz von nicht unpro­ble­ma­ti­schen Symbolen und Perform­anzen einge­woben sind. So zum Beispiel als Studie­rende am 9. November des Toten Chow Tsz-lok gedachten und dazu das Lied „Last Post“ spielten, einen Song aus dem British Empire des 19. Jahr­hun­derts, das auch im Common­wealth immer noch bei Mili­tär­be­stat­tungen verwendet wird – insbe­son­dere um Soldaten zu ehren, die im Krieg gefallen sind. „Last Post“ stellt einen eindeu­tigen Bezug zur impe­rialen Geschichte her, und betont als Abschieds­gruss der geden­kenden Studie­renden zugleich einen männ­lich domi­nierten, martia­li­schen Charakter der Proteste, indem die „front-liner“ (eine Bezeich­nung für die Protes­tie­renden in den ersten Reihen der Demons­tra­tionen) als Soldaten im Krieg insze­niert werden.

Pepe-Graffito in der Univer­sität Hong­kong, 2019; Foto: R. Kramm

Pepe the frog

Und dann ist da Pepe der Frosch! Pepe entstand 2005 als Comic­figur, wurde jedoch vor allem als Meme bekannt, das spätes­tens 2016 zu einem wich­tigen Motiv der Alt-Right Bewe­gung wurde und das immer noch in rechts­po­pu­lis­ti­schen und dezi­diert rechts­ex­tremen Kreisen zirku­liert. In den USA wird Pepe als Symbol für white supre­macy gehan­delt, und die Anti-Defamation League hat Pepe als Hass­symbol kate­go­ri­siert. Die viel­fäl­tigen Gestal­tungs­mög­lich­keiten sowie die einfache Verbrei­tung über die sozialen Medien sind sicher­lich der Grund für die Aneig­nung und Popu­la­rität Pepes in Hong­kong. Zudem ist der Umstand, dass Pepe in den USA ein Alt-Right-Symbol geworden ist, unter vielen jungen Hongkonger_innen offenbar nicht bekannt oder es stört sie nicht. Andere argu­men­tieren, dass Pepe seine rechts-nationalistische und rechts­ex­treme Bedeu­tung verloren habe bzw. diese in Hong­kong nicht zutreffe. In diesem Zusam­men­hang wird auch gerne auf den Protest-Slogan „Be water, my friend“ verwiesen, ein Motto von Bruce Lee, womit die poli­ti­sche Flui­dität der stark hete­ro­genen Proteste ausge­drückt werden soll.

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Pepe am Meiji-Schrein, Tokyo 2019; Foto: R. Kramm

Bei aller Liebe zu Aneig­nungs­prak­tiken, Umdeu­tungen und Mehr­deu­tig­keit: die Wahl Pepes als zentraler Charakter der Hong­konger Proteste ist zumin­dest unglück­lich. Darüber hinaus verweist Pepe in Hong­kong auf eine weitere Dimen­sion der kolo­nialen Vergan­gen­heit. Denn die Verwen­dung von Pepe als Figur der Hong­konger Proteste kann nicht nur in Hong­kong selbst, sondern auch in Japan beob­achtet werden. Und zwar nicht irgendwo, sondern am schin­tois­ti­schen Meiji-Schrein in Tokyo! Der Meiji Jingū, erbaut 1920 zur Ehrung des Meiji-Kaisers, war und ist ein zentraler Ort in Japans natio­na­lis­ti­schem und impe­ria­lis­ti­schem Schrein-System, durch das der Staat Shintō als Staats­ideo­logie im Zuge der Meiji-Restauration etablierte und bis 1945 prak­ti­zierte, und in welchem schin­tois­ti­sche Schreine eine poli­ti­sche Funk­tion zur Vereh­rung des Kaisers erhielten. 

Die Rolle Japans

Und genau an diesem Ort haben Hong­konger Touristen auf kleinen Holz­tä­fel­chen, so genannten ema, ihren Wunsch nach der Befreiung Hong­kongs zusammen mit Porträts von Pepe bekundet. Ema sind in schin­tois­ti­schen Schreinen in Japan weit verbreitet. Auf ihnen können Menschen ihre Wünsche aufschreiben und dann an einer bestimmten Stelle am Schrein oder Tempel aufhängen, wo die Holz­tä­fel­chen für die Gott­heiten (kami) aber auch für Priester und andere Besucher_innen sichtbar sind. Bevor die Tafeln in einem Feuer rituell verbrannt werden, erfüllen ema somit die doppelte Funk­tion der Kommu­ni­ka­tion eines Wunsches um „dies­welt­li­chen Wohl­taten“ (genze riyaku), der sich an die Götter, aber eben auch an die Gemeinde bzw. die Öffent­lich­keit richtet.

Der Ausdruck des Wunsches nach der Befreiung Hong­kongs durch Japan birgt, gelinde gesagt, eine gewisse Ironie. Japan hatte sich in der ersten Hälfte des zwan­zigsten Jahr­hun­derts schon einmal als Befreier Asiens insze­niert, und dabei spielte Shintō keine unwich­tige Rolle. Schin­tois­ti­sche Schreine und Riten waren inte­graler Bestand­teil impe­ria­lis­ti­scher Assi­mi­lie­rungs­po­litik im japa­ni­schen Empire. Ausle­gungen des Shintō waren auch Teil von Japans panasia­ti­scher Ideo­logie, die den Völkern Asiens unter Japans Führung eine Befreiung vom Joch der west­li­chen Kolo­ni­al­herr­schaft versprach. Japans Ideo­logen spra­chen von einer Groß­ost­asia­ti­schen Wohl­stands­sphäre (daitōa kyōeiken), in die sie auch Hong­kong inte­grierten. Im Dezember 1941 besetzte die Kaiser­lich Japa­ni­sche Armee Hong­kong für „drei Jahre und acht Monate“ (三年零八個月), ein Ausdruck der bis heute als Metonymie für die Besat­zungs­zeit verwendet wird. 

Die japa­ni­schen Besatzer regierten Hong­kong im Kriegs­recht, inter­nierten briti­sche Soldaten und Zivi­listen und begingen auch verein­zelt Massaker – wie unter der briti­schen Kolo­ni­al­herr­schaft hatte die über­wie­gend chine­si­sche Bevöl­ke­rung Hong­kongs auch diesmal am meisten zu leiden. Befreiung sieht anders aus. Und vor allem vor dem Hinter­grund von Japans Aggres­sion im Zweiten Welt­krieg mit Massen­tö­tungen, Zwangs­ar­beit und Sexskla­verei, die japa­ni­sche Soldaten, Poli­zisten und Kolo­ni­al­be­amte beson­ders in China auf brutalste Art und Weise prak­ti­zierten, ist ein Wunsch nach Hong­kongs Befreiung durch Japan nicht mehr nur unglück­lich. Er ist geschmacklos, histo­risch verblendet und tatsäch­lich gefähr­lich. Pepes Alt-Right Ballast, gepaart mit der Verherr­li­chung von Japans Impe­ria­lismus, den rechts­ex­treme Natio­na­listen in Japan damals wie heute an Shintō-Schreinen zele­brieren, spielt rechter Propa­ganda und Geschichts­re­vi­sio­nismus direkt in die Hände.

Pepe-Graffito in der Univer­sität Hong­kong, 2019; Foto: R. Kramm

Zurück in die Vergangenheit?

Die Hong­konger Proteste sind untrennbar mit Hong­kongs kolo­nialer Vergan­gen­heit verwoben. Und die Protes­tie­renden im post­ko­lo­nialen Hong­kong sollten sich fragen, an welche Geschichten sie ihre Protest­prak­tiken anknüpfen und welche Bilder sie gene­rieren und repro­du­zieren wollen. Oder ganz groß gespro­chen: Welche Formen sozialer Orga­ni­sa­tion stellen sie sich vor und wer kann, soll und darf daran teil­haben? Frei­lich – demo­kra­ti­sche Grund­rechte sind in Hong­kong vergleichs­weise einge­schränkt. Aller­dings verblendet die Forde­rung nach „Libe­ra­tion“, in der im Kanto­ne­si­schen bewusst oder unwis­send auch die Bedeu­tung der „Wieder­her­stel­lung“ einer früheren, kolo­nialen Ordnung mitschwingt, dass die Mehr­heit der Menschen in Hong­kong noch nie so frei war. Das soll keines­wegs heißen, dass die Forde­rungen der Proteste nach mehr Demo­kratie bereits erfüllt sind; ganz im Gegen­teil ist es wichtig, noch mehr poli­ti­sche Eman­zi­pa­tion und Parti­zi­pa­tion zu fordern, aber eben nicht, indem Hong­kongs Geschichte zur Gegen­wart wird.