Das Gedenken an den Holocaust verbindet sich auch mit dem Anspruch, Antisemitismus zu erkennen und zu bekämpfen. Schließt das Kritik an Israel aus? Der israelische Historiker Alon Confino sieht in der gegenwärtigen deutschen Erinnerungspolitik ein Problem, das dringend gelöst werden muss.

  • Alon Confino ist Professor für Geschichte und Jüdische Studien sowie Direktor des Instituts für Holocaust-, Genozid- und Erinnerungsstudien an der University of Massachusetts, Amherst. Er forscht zur neueren deutschen und europäischen Geschichte, zum Holocaust und Genozid, zum Zionismus und zum israelisch-palästinensischen Konflikt. Seine letzte Monografie war: „A World Without Jews: The Nazi Imagination from Persecution to Genocide” (2014).

Dirk Moses hat einen drin­gend benö­tigten und gedan­ken­rei­chen Text über die deut­sche Praxis des Holocaust-Gedenkens und dessen Miss­brauch geschrieben. „Der deut­sche Kate­chismus“, wie Moses ihn nennt, wird von „selbst­er­nannten Hohe­pries­tern“ getragen, die unter anderem behaupten, der Holo­caust sei einzig­artig, der Anti­se­mi­tismus ein von anderen Formen des Rassismus klar unter­scheid­bares Vorur­teil und Anti­zio­nismus sei Anti­se­mi­tismus gleichzusetzen.

Ein Kontext, in dem Moses’ Essay zu verstehen ist, ist mithin die Debatte über den Anti­se­mi­tismus. Der Grund, warum diese Debatte unge­fähr im letzten Jahr­zehnt so hitzig geworden ist, liegt nicht so sehr daran, dass die Fälle von Anti­se­mi­tismus in die Höhe geschnellt sind, sondern dass das Thema Israel und Paläs­tina untrennbar mit dem Thema Anti­se­mi­tismus selbst verwoben ist. Wir reden ja deshalb so viel über Anti­se­mi­tismus, weil wir uns nicht einig sind, wie er zu defi­nieren ist: Wie unter­scheidet man zwischen anti­se­mi­ti­schen Äuße­rungen und legi­timer Kritik an Israel, so hart und schmerz­haft sie für manche auch sein mag? Poin­tiert ausge­drückt besteht die Heraus­for­de­rung darin, einer­seits die spezi­fi­sche Erin­ne­rung an den Holo­caust am Leben zu erhalten und Anti­se­mi­tismus zu bekämpfen, wo er auftaucht, und andrer­seits den univer­sellen Wert, der aus dem Holo­caust hervor­ging, einzu­lösen: dass gleiche Rechte und Garan­tien für ein Leben frei von Diskri­mi­nie­rung für alle Menschen grund­le­gend sind – Rechte, die den Paläs­ti­nen­sern heute von Israel verwei­gert werden.

Dieses Geflecht in Span­nung zu halten, ohne es zu zerbre­chen, ist das, was Deut­sche, Juden und viele andere trennt, weil es eine unmög­liche Aufgabe ist: Kein Argu­ment kann es recht­fer­tigen, einer Gruppe von Menschen gleiche Rechte zu verwei­gern – schon gar nicht die Erin­ne­rung an den Holo­caust. Der Wert von Moses’ Inter­ven­tion in diesem intel­lek­tu­ellen und poli­ti­schen Moment der wissen­schaft­li­chen und öffent­li­chen Debatte über Anti­se­mi­tismus in Deutsch­land, Europa, den USA, Israel, Paläs­tina und darüber hinaus liegt darin, darauf hinzu­weisen, wie in Deutsch­land die Erin­ne­rung an den Holo­caust, die wir mit Werten wie Mensch­lich­keit, Gerech­tig­keit und Rechten zu verbinden versu­chen, dennoch zu einem legi­ti­mie­renden Schutz­schild und einer Recht­fer­ti­gung für die Diskri­mi­nie­rung von Paläs­ti­nen­sern durch israe­li­sche Juden geworden ist. In meinen Augen ist das heute das drin­gendste und wich­tigste Problem des deut­schen Umgangs mit der Vergangenheit.

Die Immu­ni­sie­rung Israels gegen Kritik

Deutsch­lands Geschichte der Vergan­gen­heits­auf­ar­bei­tung hat sich, sehr grob skiz­ziert, von einer anfäng­li­chen Verwei­ge­rung, sich zu seinen Verbre­chen zu bekennen, ab den 1970er Jahren zu einer beein­dru­ckenden sozialen, kultu­rellen und poli­ti­schen Bewe­gung entwi­ckelt, die die NS-Verbrechen einräumte und sich zu ihnen bekannte, wie Helmut Walser Smith in seinem Beitrag zur Debatte betont. Sie ist zu einem Modell dafür geworden, wie man mit einer gewalt­samen natio­nalen Vergan­gen­heit lebt. Seit etwa zwanzig Jahre zeichnet sich in Deutsch­land jedoch noch eine andere Entwick­lung des auf den Anti­se­mi­tismus bezo­genen Erin­nerns ab, die Dirk Moses klar erkannte: Sie heiligt Israels Status als immun gegen histo­ri­sche und evidenz­ba­sierte Argu­mente und dessen Verständ­nis­lo­sig­keit für die Erfah­rung der unter der Besat­zung lebenden Paläs­ti­nenser. Diese Verschie­bung der jüngsten Erin­ne­rungs­po­litik mit Begriffen zu iden­ti­fi­zieren, die der Sprache des Heiligen und des Profanen entliehen sind, ist nicht falsch – denn genau in dieser Sprache stellen sich die Anhänger dieses Glau­bens selbst dar.

Ich verstehe, woher dieses deut­sche Empfinden kommt, und zwar aus dem Wunsch, für den Holo­caust zu sühnen. Es spie­gelt auf einer gewissen Ebene ein deut­sches Gefühl – und Gefühl ist hier das rich­tige Wort –, dass die Deut­schen ihren eigenen Ansichten über Juden nicht ganz trauen können und es daher besser ist, sich ganz auf die Seite Israels zu stellen und es bedin­gungslos zu unter­stützen. Doch damit igno­rieren sie die Meinungs­viel­falt unter Juden in der Frage von Israel und Paläs­tina. Es gibt dazu kaum einen Konsens. Viele Juden in Israel und anderswo lehnen die israe­li­sche Politik der Diskri­mi­nie­rung der Paläs­ti­nenser ab. Warum reprä­sen­tieren offi­zi­elle deut­sche Akteure und deut­sche Medien diese Posi­tion nicht, geschweige denn, dass sie sie über­nehmen würden?

Dieser die offi­zi­elle Politik wie auch die Haltung der Medien in Deutsch­land domi­nie­rende Ansatz basiert auf dem Axiom, eine Lektion des Holo­causts bestehe darin, dass Juden und Israel (oder genauer gesagt: israe­li­sche Juden) immer im Recht seien. Es wäre aller­dings ein Gebot der Weis­heit, keine mensch­liche Gruppe so zu verehren, als wäre diese allen mora­li­schen Vorwürfen und aller histo­ri­scher Verant­wor­tung enthoben. Aus dem Holo­caust zu lernen, dass alle Menschen ein Leben in Würde und mit grund­le­genden Rechten verdienen, außer gerade jene, denen diese Rechte von israe­li­schen Juden verwei­gert werden, ist eine mora­li­sche Farce und ein Hohn. Ich bin ein israe­li­scher Jude, der in Amerika lebt. Ich bin genauso miss­trau­isch gegen­über Philo­se­miten, die denken, dass Israel nichts falsch machen könne, wie gegen­über Anti­se­miten, die denken, dass Juden ewig schuld seien. Hüte dich ebenso vor denen, die dich heilig­spre­chen, wie vor jenen, die dich entmensch­li­chen. Mir ist es lieber, israe­li­sche Juden als Menschen zu behan­deln, die genau wie alle anderen Menschen nach ihrem Tun beur­teilt werden – in dem sich notwen­di­ger­weise gute und nicht so gute Taten mischen –, und dafür auch verant­wort­lich gemacht werden.

Eine Frage der Realität

Dieje­nigen, die dieses einschrän­kende Verständnis der Erin­ne­rung an den Holo­caust, Israels und des Anti­se­mi­tismus teilen, haben faktisch jede ernst­hafte Debatte über diese Themen in Deutsch­land erstickt. Sie sehen jüdi­sche Israelis reflex­artig als Opfer und schalten paläs­ti­nen­si­sche Stimmen in Deutsch­land syste­ma­tisch aus. Das macht sie blind für die Tatsache, dass es zwischen dem Jordan und dem Mittel­meer zwei natio­nale Gruppen von etwa 6,8 Millionen Juden und 6,8 Millionen Paläs­ti­nen­sern gibt – das heißt eine Gruppe, die alle Rechte hat und diese auf verschie­dene Weise der anderen verwei­gert (etwa durch syste­mi­schen Rassismus gegen­über den paläs­ti­nen­si­schen Bürgern Israels, die Besat­zung im West­jor­dan­land oder die Blockade des Gaza­strei­fens, die der Schaf­fung eines riesigen Gefäng­nisses gleich­kommt). Allge­meiner gespro­chen und um dem außer­or­dent­lich aufschluss­rei­chen Beitrag von Frank Biess zu dieser Debatte zu folgen, setzt sich die Erin­ne­rung an den Holo­caust in Deutsch­land heute in einer Form fort, die nicht-jüdische und nicht ethnisch-weiße Deut­sche, die einen wach­senden Teil der deut­schen Gesell­schaft ausma­chen, aus der Debatte ausschließt.  

Wenn es eine Lehre aus dem Holo­caust gibt, dann dieje­nige, dass alle Menschen gleiche Rechte und ein Leben in Würde verdienen. Das Beharren auf glei­chen Rechten für Paläs­ti­nenser (unter welchem poli­ti­schen Arran­ge­ment auch immer) kann nicht als anti­se­mi­tisch ange­sehen werden. Die Situa­tion in Israel und Paläs­tina durch Begriffe wie „Apart­heid“ und „Sied­ler­ko­lo­nia­lismus“ zu kenn­zeichnen, kann disku­tiert und bestritten werden, ebenso wie die Posi­tionen der gewalt­freien sozialen Bewe­gung BDS oder jene von paläs­ti­nen­si­schen Stimmen, die ihre Erfah­rung und ihre Politik formu­lieren – aber sie sind nicht anti­se­mi­tisch. Bill Niven hat Moses dafür kriti­siert, dass er an einige dieser Themen nicht hinrei­chend ausge­wogen heran­ge­gangen sei. Zu diffe­ren­zieren ist immer ein kluger Rat. Aber ich möchte darauf hinweisen, dass es hier nicht um Ausge­wo­gen­heit geht, sondern darum, in Deutsch­land zuzu­geben, dass diese Themen einen legi­timen Teil der Ausein­an­der­set­zung bilden, und Ausge­wo­gen­heit – oder Komple­xität – nicht als Argu­ment benutzt werden dürfen, um die gewalt­tä­tige Realität von Besetzten und Besat­zern zu kaschieren. Die israe­li­sche Menschen­rechts­gruppe B’tselem veröf­fent­lichte kürz­lich einen detail­lierten Bericht (A Regime of Jewish Supre­macy from the Jordan River to the Medi­ter­ra­nean Sea: This is Apart­heid), dem ein ähnli­cher von Human Rights Watch folgte (A Thres­hold Crossed: Israeli Autho­ri­ties and the Crimes of Apart­heid and Perse­cu­tion). Diese Exper­ten­gut­achten sollten disku­tiert und debat­tiert werden; es sind keine ketze­ri­schen Doku­mente, die man ins Feuer wirft. Bücher zu verbrennen, ist, meta­pho­risch gespro­chen, nicht die Antwort; die einzige ist, sich der Geschichte zu stellen.

Anti­se­mi­tismus?

Deut­sche, die solche apolo­ge­ti­schen Ansichten vertreten, haben die Unver­fro­ren­heit, Juden, Israelis und andere, die anderer Meinung sind als sie, als Anti­se­miten zu beschimpfen. Sie teilen die reflex­ar­tige Reak­tion, Anti­zio­nismus mit Anti­se­mi­tismus gleich­zu­setzen. Doch wir sollten den Kampf gegen Anti­se­mi­tismus von den Ausein­an­der­set­zungen über Zionismus und Anti­zio­nismus und über die israe­li­sche Politik trennen. Anti­se­mi­tismus ist eine Form von Rassismus oder Diskri­mi­nie­rung und niemals akzep­tabel. Zionismus hingegen ist, wie jede Form von Natio­na­lismus, immer disku­tabel. Das wich­tigste Prinzip in diesen Ausein­an­der­set­zungen muss die Unter­stüt­zung der Gleich­be­rech­ti­gung aller Einwohner sein, die zwischen dem Jordan und dem Mittel­meer leben. Wie diese Bewohner sich entscheiden, diese Rechte poli­tisch aufzu­teilen – in einem Staat, in zwei Staaten, in einer Konfö­de­ra­tion oder irgend­einem anderen poli­ti­schen Arran­ge­ment –, ist ihre Sache. Eine weite histo­ri­sche Perspek­tive ist in diesem Zusam­men­hang hilf­reich. Juden sind seit langer Zeit über die Frage der jüdi­schen Selbst­be­stim­mung gespalten. Sollen wir, als ein Erbe des Holo­caust, Hannah Arendt, Martin Buber und Judah Magnes als Anti­se­miten betrachten, weil sie sich eine jüdi­sche Heimat nicht als exklu­siven jüdi­schen, sondern als bina­tio­nalen Staat vorstellten?

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Die restrik­tiven deut­schen Ansichten über Anti­se­mi­tismus, Israel und Paläs­tina haben die Regie­rungs­po­litik auf Bundes- und lokaler Ebene beein­flusst. Die deut­sche Regie­rung unter­stützt das IHRA-Dokument (Inter­na­tional Holo­caust Remem­brance Alli­ance) von 2016 zum Thema Anti­se­mi­tismus, das unge­achtet der ursprüng­li­chen Absichten seiner Verfasser inzwi­schen zu einer Waffe geworden ist, um Kritik an Israel zum Schweigen zu bringen. Der Bundestag hat eine Reso­lu­tion verab­schiedet, in der die BDS-Bewegung als anti­se­mi­tisch bezeichnet wird. Es wird gefor­dert, mit einer Stimme zu spre­chen. Ein deut­scher Kollege schrieb mir vor ein paar Wochen während der jüngsten Gewalt in Israel und Gaza: „Dies ist eine neue Etappe in der Geschichte unserer Demo­kratie; die Medien spre­chen alle mit einer Stimme, aber sie scheinen dies nicht unter starkem Zwang von oben zu tun, sondern weil jeder den anderen über­treffen und ausste­chen will, wenn es darum geht, den Anti­se­mi­tismus in Deutsch­land zu bekämpfen.“

Es hat Gegen­wind gegeben. Im Dezember 2020 lancierten deut­sche Kultur­ein­rich­tungen die „Initia­tive GG 5.3 Welt­of­fen­heit“ für Meinungs­frei­heit in Kunst und Wissen­schaft, dieje­nigen einge­schlossen, die einen Boykott Israels unter­stützen wollen. Die im März 2021 veröf­fent­lichte „Jeru­sa­lemer Erklä­rung gegen Anti­se­mi­tismus“ (JDA), zu deren Verfas­sern ich gehörte, gab Richt­li­nien zur Unter­schei­dung zwischen anti­se­mi­ti­scher Rede und legi­timer Kritik an Israel vor. Die mehr als 300 Unter­zeichner, renom­mierte Namen aus den Berei­chen Holocaust-, Nazi-, Antisemitismus-, Juden- und Israel­for­schung, teilen die Verpflich­tung, Anti­se­mi­tismus zu bekämpfen, Meinungs­frei­heit zu schützen und gleiche Rechte für alle Bewohner des Heiligen Landes zu fordern. Einige Reak­tionen auf diese Initia­tive in Deutsch­land waren jenseits von Gut und Böse und rich­teten sich insbe­son­dere gegen deut­sche Kollegen. Der Frank­furter Bürger­meister Uwe Becker, Chef der Deutsch-Israelischen Gesell­schaft und Anti­se­mi­tis­mus­be­auf­tragter des Landes Hessen, veröf­fent­lichte kürz­lich einen Artikel, in dem er den JDA-Unterzeichnern vorwarf, die Zerstö­rung Israels zu unter­stützen. Wir befinden uns im Reich gewalt­tä­tiger Fanta­sien, und man fühlt sich unan­ge­nehm an frühere anti­se­mi­ti­sche Phan­tasmen erin­nert: Wieder sind die Juden – diesmal jene auf der Linken – allmächtig und für alles Böse verantwortlich.

Eine andere Erinnerungspolitik

Wir brau­chen eine andere deut­sche Erin­ne­rung an den Holo­caust und eine andere Ausein­an­der­set­zung mit dem Anti­se­mi­tismus, mit Israel und mit Paläs­tina – für Deut­sche, Juden und Paläs­ti­nenser. Deutsch­land hat vor einigen Tagen ange­kün­digt, dass es den Genozid, den es in Namibia in den frühen 1900er Jahren begangen hat, aner­kennt und Wieder­gut­ma­chung leisten wird. Dies rückt eines der Elemente von Moses’ „Kate­chismus“ – die Einzig­ar­tig­keit des Holo­caust – in ein anderes Licht. Wie Udi Green­berg in seinem Beitrag zur Debatte anmerkte, erfor­dert die Aner­ken­nung des Geno­zids in Namibia von den Deut­schen nicht, von ihrer Auffas­sung der beson­deren Rolle des Holo­causts für die Bildung der deut­schen natio­nalen Iden­tität abzu­rü­cken. Eine solch kluge Verbin­dung, die manchen bis heute wider­sprüch­lich erscheint – nämlich die Fähig­keit, gleich­zeitig den Völker­mord in Namibia anzu­er­kennen, ohne den Holo­caust zu schmä­lern –, wäre in Deutsch­land nun aller­dings auch ange­zeigt, um das Holocaust-Gedenken und die Kritik an Israels Verlet­zung der Menschen­rechte und der poli­ti­schen Rechte der Paläs­ti­nenser zusammenzuführen.

Der Holo­caust hat den Deut­schen eine blei­bende mora­li­sche Verpflich­tung aufer­legt, diesen zu erin­nern und Anti­se­mi­tismus zu bekämpfen. Gleich­zeitig ist die Geschichte des Anti­se­mi­tismus seit der Grün­dung des Staates Israel nicht einfa­cher, sondern kompli­zierter geworden. Die Bedin­gungen für die jüdi­schen Gemeinden in der Diaspora als Minder­heiten in ihren jewei­ligen Staaten sind nicht zu verglei­chen mit jenen der Juden als einer souve­ränen Mehr­heit im Staat Israel. Auf der ganzen Welt werden Juden als Minder­heit in Staaten von Anti­se­miten ange­griffen, während Israel den Paläs­ti­nen­sern in der Vergan­gen­heit und in der Gegen­wart Unrecht zuge­fügt hat und weiter zufügt. Juden können sowohl Opfer sein als auch andere zum Opfer machen. Diese Komple­xität sollte man zur Kenntnis nehmen.

Die Deut­schen sollten nach einem Weg suchen, den Anti­se­mi­tismus zu bekämpfen und das Gedenken an den Holo­caust zu pflegen, aber zugleich auch die Kritik an Israel wegen der Verwei­ge­rung glei­cher Rechte für Paläs­ti­nenser als legi­timen Teil der Ausein­an­der­set­zung aner­kennen. Das bedeutet nicht, dass man mit dieser Kritik einver­standen sein muss. Es wäre jedoch ein erster Schritt hin zu einer ernst­haften öffent­li­chen Diskus­sion darüber, wie man die rich­tigen Worte findet, um die Verpflich­tung zur Erin­ne­rung an den Holo­caust und die Kritik an Israel wegen der Verwei­ge­rung glei­cher Rechte für die Paläs­ti­nenser mitein­ander in ein Verhältnis zu bringen. Dies ist eine heikle, schwie­rige Heraus­for­de­rung; es ist aber nicht unmög­lich, wenn der dafür notwen­dige mora­li­sche und zivile Mut vorhanden ist, sich der Vergan­gen­heit immer wieder neu zu stellen. Wenn es eine Lehre gibt, die man aus dem Holo­caust ziehen kann, dann ist es dieje­nige, dass diese Heraus­for­de­rung die Anstren­gung wert ist.

Der Beitrag der Wissenschaft

Die Grenze zwischen wissen­schaft­li­chem Streben und poli­ti­schem Enga­ge­ment ist in dieser Debatte oft unscharf, ganz so, wie sie im Histo­ri­ker­streit Mitte der 1980er Jahre über die Einzig­ar­tig­keit des Holo­caust und des „Dritten Reiches“ verwischt wurde. Akade­miker in Deutsch­land sollten ihre Stimme erheben; Regie­rungs­ver­treter und Medi­en­leute sollten auf Wissen­schafter hören und die Arbeit lokaler Akti­visten zur Kenntnis nehmen. Sa’ed Atshan und Katha­rine Galor porträ­tieren in ihrem Buch The Moral Triangle: Germans, Israelis, Pales­ti­nians (2020) dieses konflikt­reiche Terrain am Beispiel von Berlin, wo sie Räume aufspüren, in denen Deut­sche, Israelis und Paläs­ti­nenser gemeinsam aktiv und soli­da­risch sind, was dabei hilft, wech­sel­sei­tige Aner­ken­nung und wieder­her­stel­lende Gerech­tig­keit (resto­ra­tive justice) zu schaffen.

In der Wissen­schaft haben sich die Felder der Holocaust-, der Israel- und der Palästina-Studien in Rich­tung einer inte­gra­tiven Geschichte bewegt. Ein erster Anlauf­punkt dafür ist das wegwei­sende, von Bashir Bashir und Amos Gold­berg gemeinsam heraus­ge­ge­bene Buch The Holo­caust and the Nakba: A New Grammar of Trauma and History (2018), das Gegen­stand von Diskus­si­ons­foren im Journal of Geno­cide Rese­arch und in der Zeit­schrift Central Euro­pean History war. Die Debatten über das Thema sind fruchtbar und gehen weiter. Meines Erach­tens ist es nicht die Frage, ob man die beiden Ereig­nisse – den Holo­caust und die Nakba, d.h. die Vertrei­bung der Paläs­ti­nenser aus dem israe­li­schen Staats­ge­biet von 1948 – gemeinsam erfor­schen sollte, sondern wie man dies aufschluss­reich tun kann. Die beiden Ereig­nisse sind in ihrem Ausmaß und ihrem histo­ri­schen Charakter völlig unter­schied­lich; es geht nicht darum, sie zu verglei­chen, sondern ihre bedeu­tungs­ge­la­denen Bezie­hungen in der Geschichte und der Erin­ne­rung nach­zu­zeichnen, nicht zuletzt, weil die Zeit­ge­nossen schon damals und auch später sie auf unter­schied­liche Weise als aufein­ander bezogen betrach­teten. Wich­tige wissen­schaft­liche Arbeiten haben verschie­dene Stränge dieser Bezie­hungen zwischen Europa, Deutsch­land, Israel und Paläs­tina jenseits eines binären und mora­li­sie­renden Verständ­nisses zusam­men­ge­tragen, so nament­lich das kürz­lich von Bashir Bashir und Leila Farsakh heraus­ge­ge­bene Buch The Arab and the Jewish Ques­tions: Geogra­phies of Enga­ge­ment in Pales­tine and Beyond (2020).

Die offi­zi­elle deut­sche Erin­ne­rung an den Holo­caust und ihr Umgang mit Anti­se­mi­tismus, Israel und Paläs­tina, wie sie sich heute darstellen, sind hingegen auf dem Weg ins Nichts. Es mangelt an Mensch­lich­keit für die Opfer, egal wer sie sind. Es kann in unserer Welt keine Recht­fer­ti­gung dafür geben, einer bestimmten Gruppe von Menschen gleiche Rechte zu verwei­gern. Die Verwei­ge­rung dieser Rechte implizit oder explizit mit der Erin­ne­rung an den Holo­caust zu recht­fer­tigen, ist eine krei­schende Dissonanz.

 

Über­set­zung: Svenja Golter­mann und Philipp Sarasin 
Dieser Text erschien zuerst auf dem New Fascism Syllabus, wo die Diskus­sion über den Essay von A. Dirk Moses im angel­säch­si­schen Raum geführt wird. 
  • Alon Confino ist Professor für Geschichte und Jüdische Studien sowie Direktor des Instituts für Holocaust-, Genozid- und Erinnerungsstudien an der University of Massachusetts, Amherst. Er forscht zur neueren deutschen und europäischen Geschichte, zum Holocaust und Genozid, zum Zionismus und zum israelisch-palästinensischen Konflikt. Seine letzte Monografie war: „A World Without Jews: The Nazi Imagination from Persecution to Genocide” (2014).