Hoffnung ohne Optimismus. Ein Blick auf 11/9 mit Terry Eagleton

Kann man angesichts widriger Zeitumstände zwar alles andere als optimistisch, dafür aber entschieden hoffnungsvoll sein? Hoffnung ist eine Haltung, die wir nicht aufgeben dürfen, weil sie uns politisch sensibel macht für gegenwärtiges Unrecht.



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Langsam verfliegt der Jetlag nach einer mehrtägigen Reise in die USA. Boston, das elitäre Herz Neuenglands, und San Antonio, das Zentrum von Süd-Texas, waren die Stationen. Sie bilden zugleich das politische Spektrum der Vereinigten Staaten einigermassen treffsicher ab, sodass auf meinem kleinen akademischen Ausflug der Linksliberalismus des Nordostens vom religiös-politischen Konservatismus im Süden abgelöst wurde. Nun war es offensichtlich nicht irgendeine Zeit, zu der ich über den Atlantik flog.

Boston – San Antonio

Gut drei Wochen nach der Wahl von Donald J. Trump zum 45. Präsidenten mag sich der erste Schock gelegt haben; umso spürbarer war nun die konsolidierte Fassungslosigkeit auf dem einen Ende und die recht verbissene Hoffnung auf eine überaus vage Besserung der Lage auf der anderen. Schon vor der Abreise fragte ich mich: In welches Land reist man da nun eigentlich? In eines, das sich an der Ostküste selbst nicht mehr versteht, oder das an der mexikanischen Grenze Ausschreibungen für Firmen lanciert, die sich auf Mauerbau spezialisiert haben?

Wenige Tage vor Abflug fiel mir das neue Buch des englischen Literaturtheoretikers Terry Eagleton in die Hände: Hope without Optimism (2015), was im Deutschen als Hoffnungsvoll, aber nicht optimistisch wiedergegeben wird. Und so begleitete mich die Lektüre dieser bestens geschriebenen Studie durch Amerika, das bereits unter Obama von jener vielzitierten „Kühnheit der Hoffnung“ (der Audacity of Hope) lebte und dem nun ein neuer, womöglich verhängnisvoller „change“ versprochen wird. Beides, der zukunftsträchtige Predigtton des nun scheidenden Präsidenten und der TV-erprobte Populismus seines Nachfolgers mögen auf je ihre Weise äusserst amerikanische Phänomene sein. Und gerade dadurch dokumentieren sie die oft kommentierte Spaltung in den ganz und gar nicht „Vereinigten Staaten“, sodass Neuengland und Texas für die rivalisierenden Lager innerhalb der gegenwärtigen Politikszene stehen. Wer es mit ‚Boston‘ und nicht mit ‚San Antonio‘ hält, ist unweigerlich mit der Frage konfrontiert, wie nun auf die noch sehr unüberschaubare Situation zu reagieren ist. Hoffnungsvoll, aber nicht optimistisch?

Hoffnung – !?

Die lebensweltliche Bedeutung der Hoffnung steht ausser Frage, obgleich sie ideenpolitisch nie zum prominenten Arsenal unseres gesellschaftlichen und intellektuellen Selbstverständnisses gehörte. Sicher, es gab immer wieder Konjunkturen der Hoffnung, doch Einwände wie fehlender Realitätssinn, Anfälligkeit für geschichtsphilosophische Ideologien oder generell die schiere Kriterienlosigkeit des Hoffens wiegen schwer. So schwer, dass die Hoffnung als politische Grundstimmung nach ihrem kurzzeitigen Höhenflug in den 1960er Jahren in eine Rezession geriet, von der sie sich bis heute kaum erholen konnte. Und doch macht der Kurzauftritt der Hoffnung – man denke an Ernst Blochs Das Prinzip Hoffnung (1954/59), Jürgen Moltmanns Theologie der Hoffnung (1964) oder Gabriel Marcels Homo Viator (bereits 1945) – darauf aufmerksam, dass sie ein Seismograph für’s Kontrafaktische ist. Denn die Hoffnung lebt nicht von der Übereinstimmung mit dem, „was der Fall“ ist, sondern verweist auf das, was der Fall sein könnte.

Auch die damaligen Hoffnungsdiskurse von Bloch, Moltmann und anderen lebten von der Spannung zwischen den historisch kontaminierten Fakten der Nachkriegszeit und den ‚Kontrafakten‘, wie sie von den revolutionären Kräften imaginiert, allerdings selten realisiert wurden. Eine ähnliche Spannung gilt es in unserer Zeit, in die hinein Eagleton schreibt, zu verarbeiten. Die Hoffnung, ja Erwartung auf eine liberale Ordnung globalen Zuschnitts hat sich nach der ‚Wende‘ um 1990 nicht erfüllt. Die heutigen Gegenbewegungen von Abschottung, Nationalismus und Xenophobie werden als Reaktion, ja als populistische Rückseite jener friedlichen Revolution angesehen. Es scheint, als könnte man heute nur noch hoffen, dass man hoffen dürfte, was man damals zu hoffen meinte. Auch Eagletons Buch ist wohl ein Seismograph unserer Gegenwart, und es wirft die Frage auf, ob Hoffnung eine Antwort auf die Ereignisse und Zustände unserer Tage sein kann. Und wenn ja, was das konkret hiesse?

Gegen die Banalität des Optimismus

Zunächst verdeutlicht Eagleton, was es nicht bedeutet: Er grenzt Hoffnung – wie der Titel des Buches ankündigt – strikt vom schalen Optimismus ab. Diese Differenzierung ist nicht nur begrifflich notwendig, sondern drängt sich auch hinsichtlich der Reaktionen auf eine Lage auf, die alle herausfordert, sich positiv auf Künftiges zu beziehen. In einer derartigen Situation befinden auch wir uns. Selbst viele AnhängerInnen Hillary Clintons, sogar einige Bernie-Sanders-JüngerInnen schwenken in eine Stimmung ein, die man landläufig als Zweckoptimismus bezeichnet: Man müsse nun ja, so hört man, auf das Bessere (nicht unbedingt Beste) hoffen, man glaube noch immer an Amerika und seine Versprechen.

Es ist kaum zu entscheiden, ob solche Haltungen etwas zutiefst Wahres artikulieren oder ob sie unter das fallen, was Eagleton „unverbesserliche Zuversicht“ nennt. Nicht nur von einer albernen Fröhlichkeit möchte er die Hoffnung freihalten, sondern auch von einem leeren Glauben an den guten Verlauf der künftigen Geschichte. Diese Sicht umfasst für Eagleton drei konstruktive Aspekte: Zum einen sei Hoffnung insofern rational, als sie durch Gründe untermauert sei; eine blinde Hoffnung bleibe ein Widerspruch in sich und münde im besten Fall in kuriose Ignoranz des Realen, im schlechteren Fall hingegen in die Immunisierung gegenüber dem, was zu tun wäre. Zum zweiten sei die prinzipiell fehlbare Hoffnung mit Anstrengung verbunden. Im Kontrast zum passiven Optimismus verlange sie von uns das Bemühen ab, sich für das Erhoffte tatkräftig einzusetzen. Und zum dritten bewahre sich der Hoffende eine Sensibilität für die Verzweifelten, für die der reine Optimist kein Sensorium habe. Gerade dies bezeuge eine Ernsthaftigkeit, die die Brisanz der Hoffnung gegenüber jedem Triumpfalismus festhalte.

Was ist Hoffnung?

Gegenüber Philosophen der Hoffnung wie Immanuel Kant oder Ernst Bloch schärft Eagleton ein, dass Hoffnung nicht selbst zur Struktur der Wirklichkeit gehöre. Denn jene Gegenstimmen erweckten den Eindruck, sie würden in ihrer Fortschrittsgläubigkeit die Hoffnung als Teil unserer natürlichen Ausstattung ontologisieren. Und ebenso weist Eagleton die Ansicht zurück, Hoffnung sei intrinsisch gut. Die These von der Fehlbarkeit der Hoffnung verpflichte auf das Eingeständnis, in bestimmten Szenarien die Hoffnung fahren zu lassen.

Eagleton ist sich bewusst, dass ‚Hoffnung‘ in ein Begriffsnetz gehört, das nur schwer voneinander abgrenzbare Terme enthält, die unsere Relation zur Zukunft einfangen. Dabei konzentriert er sich darauf, Hoffen und Wünschen ins Verhältnis zu setzen. Das liegt deshalb nahe, weil er mit der alten scholastischen Definition sympathisiert, welche Hoffnung „als aktives Bekenntnis zur Wünschbarkeit und Realisierbarkeit eines bestimmten Ziels“ charakterisiert. Dabei könnten Hoffen und Wünschen in Konflikt geraten, wenn man sich etwa wünscht zu rauchen, aber hofft, der Neigung zu widerstehen. Zudem könne man immer etwas wünschen, aber auf es zu hoffen sei exklusiver. Und schliesslich meine das Hoffen nicht nur die Antizipation des Erhofften, sondern auch das Engagement für jenes Antizipierte. Hoffen koste etwas, wünschen hingegen sei, so Eagleton, „gratis“.

Was also ist Hoffnung? Diese sokratische Frage lässt verschiedene Antworten zu, wobei Eagleton drei zumindest berührt, ohne sich zwischen ihnen zu entscheiden: Hoffen kann als Emotion verstanden werden, die reaktiv bleibt. Hoffen kann als Disposition verstanden werden, wobei sie dann zumeist den trainierbaren Tugenden zugeordnet wird. Hoffen kann aber auch als Tätigkeit verstanden werden, sodass wiederum das aktive Element des Hoffens in den Vordergrund rückt.

An jenem Dienstag der Präsidentenwahl durchforstete ich wie so viele andere Menschen ungläubig die Nachrichten. Dabei führte die tiefsitzende Irritation über das, was man da lesen konnte, doch immer wieder dazu, Freunden zu schreiben, die die eigene Fassungslosigkeit teilten. Einer von ihnen sagte, zuletzt habe er sich an 9/11 so gefühlt – welch bittere Ironie, dass die Daten nun invertiert sind: 11/9, ein ohnehin geschichtsträchtiger Tag. Womit wir zurückkehren aus dem amerikanischen Trumpismus in unsere europäische Zerrissenheit, die uns nach dem Brexit und den überall schwelenden Radikalisierungen auch nicht mit einer gemeinsamen Stimme sprechen lässt. Und all dies nun gepaart mit der Frage, was man selbst tun könnte und woher sich dieses Engagement eigentlich speisen sollte in Zeiten, die jede Hoffnung so sehr unter Druck setzen.

Hoffnung wider alle Hoffnung, auch heute?

Seinem letzten Kapitel hat Eagleton den Titel „Hoffnung wider alle Hoffnung“ gegeben. Er spielt damit auf eine Formel des Apostel Paulus an, der im Römerbrief summiert: „Hoffnung, wo nichts zu hoffen war“ (4,18). Die produktive Pointe dieser zweideutigen Hoffnung liegt  darin, dass wir es mit zwei Begriffen des Hoffens zu tun haben: einerseits mit einer Hoffnung, die sich auf konkrete Ereignisse richtet (hoffen, dass x), und andererseits mit einer, sagen wir, Meta-Hoffnung, die eine Weise des Existierens bezeichnet (in Hoffnung leben). Nicht Gegenstände – das Erhoffte – stehen dann im Zentrum, sondern der Bezug zu ihnen in der Hoffnung als Akt des Hoffens; nicht einzelne Hoffnungen auf etwas Partikulares, sondern ein Modus der Nachdenklichkeit und Umsicht, der eine hoffnungsvolle Einstellung zu buchstäblich allem umfasst.

Nun konfrontiert uns Eagleton jedoch mit der unglücklichen Alternative, zwischen oberflächlichem Optimismus und rational errechneter Hoffnung zu wählen. Könnte es demgegenüber nicht eine ausgewogene Bestimmung zwischen beiden Polen geben, die die Hoffnung erst zu dem macht, was sie sein kann: eine Tugend verantwortlichen Engagements mit Blick auf das, was ist und sein wird? Dass wir auf etwas hoffen, könnte schon voraussetzen, dass wir hoffnungsvoll leben. Die (Meta-)Hoffnung existentieller Orientierung bildete dann die lebensweltliche Bedingung dafür, uns überhaupt auf etwas Konkretes hoffend beziehen zu können – und nicht umgekehrt.

„Hoffnung wider alle Hoffnung“ meint dann, dass Hoffnung als grundlegende Lebensorientierung sich gerade nicht aus einzelnen Beispielen ergibt oder von ihnen dementiert wird. Vielmehr meint es, dass oft in Opposition zu ihnen dennoch gehofft werden kann. Das gilt auch für die Zeit des Trumpismus und all seiner abendländischen Parallelen. Wer die Fassungslosigkeit in ‚Boston‘ teilt und wer die blinden Hoffnungen in ‚San Antonio‘, aber auch die dort latente, oftmals explizite Aggression verabscheut, kann nicht mehr unpolitisch sein. Es wäre vermessen, aus diesem Engagement der Hoffnung ein Programm destillieren zu wollen – ich kann es jedenfalls nicht. Aus der durch die Hoffnung etablierten Spannung zwischen dem, was ist, und dem, wie es sein könnte, ergibt sich solch ein Katalog auch nicht unmittelbar. Die Hoffnung steht daher nicht für eine materiale Füllung politisch-gesellschaftlicher Aktion, sondern für deren motivationalen Hintergrund: nicht wie wir uns engagieren können, klärt die Hoffnung, sondern sie begründet zunächst, warum wir es tun müssen.

Erst daraus, auf welche Weise wir die Spannung zwischen Jetzt und Dann beschreiben, ergeben sich Überlegungen, wie jene hoffnungsvolle Motivation konkret werden kann. Die Rationalität der Hoffnung verbietet nun einmal den postfaktischen Gestus, von dem auch Trump lebt. Die Anstrengung, die das Hoffen mit sich bringt, schliesst aus, nur Empfänger, nicht auch verantwortlicher Bürger sein zu wollen. Und die Nachdenklichkeit der Hoffnung sensibilisiert für die, die nicht und nicht mehr hoffen können, und muss dem Chauvinismus, Rassismus, ja der Grosskotzigkeit jenes neuen politischen Typus, zu dem auch der nächste amerikanische Präsident gehört, den Kampf ansagen.

Die so differenzierte Hoffnung könnte uns nicht nur eine Sprache geben, in der wir unsere Zeit in Gedanken fassen, sondern die uns eine Einstellung finden lässt, wie wir weder leeren Optimismen noch rein kalkulierten Einzelhoffnungen erliegen – sondern tatsächlich mit der „Kühnheit der Hoffnung“ leben. Hoffnungsvoll, aber nicht optimistisch ist also ein wunderbarer Titel, nur womöglich aus anderen Gründen als denen, die Eagleton vorschweben.