Hidden in Plain Sight. Lissabon und das portugiesische Kolonialreich

Lissabon ist in Bewegung. Immer mehr Touristen kommen, angelockt vom postimperialen Charme der Stadt. Doch was bedeutet die koloniale Vergangenheit für die Touristen – und was für die Bewohner einer Stadt, die in Nostalgie schwelgt?



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Wann waren Sie zuletzt in Lissabon? Ach, Sie fahren demnächst hin? Genau wie ich. Und fünf Millionen andere, die dieses Jahr dieselbe Wahl treffen. Damit kommen auf einen Einwohner der portugiesischen Hauptstadt neun ausländische Touristen. Zum Vergleich: In London sind es vier, und selbst im Barcelona der „Generation easyJet“ sind es „nur“ fünf. Seit zehn Jahren wächst Portugals Tourismusbranche rasant, die Besucherzahlen haben sich verdoppelt. Im Jahr 2018 kamen fast dreizehn Millionen – in ein Land, in dem knapp über zehn Millionen Menschen leben. Während der Badetourismus der Algarve-Küste dabei weiter eine wichtige Rolle spielt, verzeichnen die „heimliche Hauptstadt“ Porto und Lissabon den deutlichsten Zuwachs.

Oscars für Disneyland

Nicht alle sind davon begeistert. Sicher, die Regierung und die Tourismusbranche feiern jede neue Auszeichnung – 2018 erhielt Portugal gleich sechzehn „Oscars“ der World Travel Awards. Und viele Portugies*innen haben endlich wieder mehr Geld in der Tasche. Die ausländischen Besucher sind der wichtigste Motor der wirtschaftlichen Erholung. Sie stopfen manche Löcher, die die Finanz- und Wirtschaftskrise und die von der EU erzwungene Sparpolitik nach 2011 in öffentliche Kassen und private Portemonnaies gerissen hatten. Andererseits aber haben viele Portugies*innen es satt, sich in den Straßen der Hauptstadt einen Weg durch die Touristentrauben zu bahnen. Sie kritisieren steigende Mieten und Immobilienpreise, die Verwandlung von Wohnraum in Airbnbs, die Verdrängung einkommensschwacher Menschen aus dem Zentrum, kurzum: den Verlust an historisch gewachsener Stadtgesellschaft, deren „authentischen“ Charme die city branding-Strategen bewerben. Oder, wie die NZZ kürzlich klagte: „Lissabons labyrinthische Altstadt entwickelt sich zum touristischen Disneyland.“

Doch was suchen die Disneyland-Besucher? Was zeigt man ihnen? Und was sehen sie nicht, jedenfalls nicht wirklich – obwohl sie dauernd darauf stoßen? Deutlich sichtbar und doch gut versteckt ist die folgende Tatsache: Lissabon ist eine postimperiale Stadt. Sie war fünfhundert Jahre lang das Zentrum eines nach Asien, Südamerika, und Afrika ausgreifenden Kolonialreiches. Und sie war es länger als Paris, Brüssel, Amsterdam oder London. Dort gaben die Kolonialministerien und -museen sich bis spätestens Mitte der 1960er-Jahre neue Namen, weil es kein französisches, belgisches, niederländisches oder britisches Kolonialreich mehr gab. In Portugal kam die Befreiung erst 1974: Die Nelkenrevolution, ausgelöst von den sozialen und politischen Verwerfungen des in Angola, Mosambik und Guinea-Bissau geführten Kolonialkrieges (1961-74), besiegelte das Ende dieses letzten Imperiums der europäischen Geschichte. Auf seine Spuren treffen Besucher der Stadt auch heute noch überall.

Postimperiale Stadt

Die imperiale Vergangenheit gehört zum touristischen Markenkern Lissabons. So kommt zum Beispiel kein Besucher um einen Ausflug in den Stadtteil Belém herum. Dort erinnert zunächst das Hieronymus-Kloster an die als nobles Abenteuer präsentierten „Entdeckungsfahrten“ der Seefahrer und Eroberer des 15. und 16. Jahrhunderts, Portugals „goldenem Zeitalter“. Unweit des Klosters können sich Tourist*innen unter den Palmen des Jardim Botânico Tropical erholen. Bei seiner Eröffnung 1914 hieß der Park noch „Garten der Überseegebiete“ und stellte die Pflanzenvielfalt des Imperiums aus. 1940 kam dann, in einer zeittypischen Parallelisierung, die Menschenvielfalt dazu: Inmitten der tropischen Flora stellte man rassenanthropologisch-typisierende Büsten auf, die die phänotypische und kulturelle Vielfalt der in Asien und Afrika unter portugiesischer Herrschaft lebenden Kolonisierten auch in Lissabon erfahrbar machen sollten. Zwischen den Ruinen alter Gewächshäuser stehen diese Büsten im Park heute weiter unkommentiert – und auch vom „menschlichen Zoo“ der aus den Kolonien herbeigeschafften Indigenen, den der Park 1940 während der „Ausstellung der portugiesischen Welt“ beherbergte, ist nirgendwo ein Wort zu lesen.

Doch lassen wir die Tourist*innen weiterziehen: Vom Jardim Botânico Tropical geht es in südwestlicher Richtung einmal quer über die Praça do Império. Dort ragt der imposante Padrão dos Descobrimentos auf, das als Bug einer Karavelle gestaltete Denkmal der Entdeckungen, vor dem sich Hunderte täglich selbst oder gegenseitig fotografieren, hinter ihnen das Wasser des Tejo und Heinrich der Seefahrer. Auf dem Boden vor dem Denkmal läuft man über ein riesiges Mosaik aus farbigen Kalksteinen. Es stellt eine Kompassrose mit Weltkarte dar – eine weitere Würdigung portugiesischen „Entdeckergeistes“ und ein Geschenk des Südafrikas der Rassentrennung an Portugals Diktator António de Salazar. Eingeweiht wurde das Ensemble im Jahr 1960, ein Jahr vor dem Beginn des Befreiungskrieges in Angola.

Portugal konnte die Kriege in Angola, Mosambik und Guinea-Bissau politisch nur verlieren. Auf dem langen Weg zu dieser Einsicht töteten portugiesische Soldaten Zehntausende Afrikaner*innen und vertrieben Hunderttausende. Zugleich starben auch 8831 meist wehrpflichtige Portugiesen, weitere 50000 wurden verwundet und teils dauerhaft verstümmelt – praktisch jede Familie war direkt betroffen. Diese Toten haben ihr eigenes Denkmal, und seit 1994 steht es nur einige Hundert Meter vom Padrão dos Descobrimentos, und zugleich nur wenige Schritte von der Torre de Belém entfernt, einem weiteren Relikt Portugals frühneuzeitlicher Kolonialexpansion und das Wahrzeichen der Stadt. Allein, die physische Nähe hilft nicht: Touristen und Einheimische kommen kaum je zum Monumento aos Combatentes do Ultramar. Den Besuch des Denkmals für die Kolonialkriege empfehlen die meisten Reiseführer nicht, auf tripadvisor hält es derzeit Platz 87; es ist somit praktisch unsichtbar.

Hidden in Plain Sight

Kurzum, Lissabons imperiales Erbe wird sehr selektiv wahrgenommen. Seine materiellen Überreste bleiben entweder unmarkiert und übersehen, oder sie sind von einer Kolonialromantik überzuckert, die oft nur oberflächlich an gegenwärtige Sprachregelungen angepasst wurde. Von der Gewalt des Kolonialismus und seinem gewaltsamen Ende schweigt die Erinnerungskultur, seine Anfänge feiert sie als fruchtbaren Kulturkontakt: Die Portugiesen, heute die Einwohner eines kleinen, überalterten, und wirtschaftlich schwachen Landes, sind in dieser Erzählung die Pioniere einer säkularen Fortschrittsbewegung, die in einem fünfhundertjährigen Dialog der Kulturen von den Entdeckungsreisen bis zur Gegenwart der Globalisierung führt.

Dieses Recycling imperialer Überlegenheitskomplexe hatten bereits zehn Millionen Besucher der Expo ’98 kennengelernt. Das Gelände der Weltausstellung von 1998 ist bis heute ein Besuchermagnet. In nächster Nähe trägt die zweitlängste Brücke Europas den Namen Vasco da Gamas, der 1498 den Seeweg nach Indien erkundet hatte. Doch so heißt auch das riesige Einkaufszentrum, das auf dem Gelände entstanden ist. Überhaupt der Konsum: In einer Snack-Bar nahe des Museu do Oriente, dessen Preziosen die „portugiesische Präsenz“ in Asien als ästhetisches Spektakel aufbereiten, kann man leckere Toasts kaufen. Sie heißen Vasco da Gama, Gil Eanes, Diogo Cão, oder Pedro Álvares de Cabral: die großen Entdecker als wechselnder Mix von Schinken, Käse, Thunfisch, Tomaten und Blattsalat. Ein Sightseeing-Anbieter wiederum offeriert Stadtrundfahrten in Bussen, die optisch den Schiffen der frühneuzeitlichen „Entdecker“ nachempfunden sind: Caravels on wheels.

Und dann ist da die Toponymie: Viele Straßen und Plätze sind nach Militärs und Beamten mit kolonialer Karriere benannt. Die Avenida Mouzinho de Albuquerque zum Beispiel erinnert an den von manchen als Kolonialheld verehrten Sozialdarwinisten und Kavallerieoffizier, dessen Soldaten bei der „Pazifizierungskampagne“ in Mosambik 1895 Tausende töteten. Den meisten Tourist*innen sagt sein Name nichts. Doch auch die Einheimischen kritisieren diese Banalisierung der Vergangenheit bislang kaum einmal öffentlich – geschichtspolitischer Streit wie der ums „afrikanische Viertel“ oder die „M-Straße“ in Berlin hat Lissabon bisher kaum erreicht. Das Imperium ist da, omnipräsent, es bleibt zugleich aber unreflektiert, unsichtbar. Hidden in plain sight.

Neue Sichtbarkeit

In den letzten Jahren allerdings drängt das Erbe des Imperiums auch in neuer Weise in den öffentlichen Raum. Das hat viel mit den Menschen zu tun, die aus den ehemaligen Kolonien nach Lissabon eingewandert sind oder als Vertreter der „zweiten Generation“ dort geboren wurden. Sie betreiben zum Beispiel kapverdische, goesische und chinesische Restaurants. Das lockt die Touristen von den Gassen Alfamas auf die andere Seite des Lissaboner Burghügels, nach Mouraria und Martim Moniz, wo nicht nur der fado zu Hause ist, sondern auch eine lebhafte Stadtkultur, deren Diversität manche an London oder Paris erinnern mag. Vereine wie Renovar a Mouraria versuchen dieses Neben- und Miteinander zu pflegen, die Touristen für die sozialen Probleme des Stadtviertels zu sensibilisieren, und es zugleich vor der Gentrifizierung zu schützen.

Lissabons People of Color sind auch zentrale Akteure in einem globalen hype, der sich um batida entwickelt hat, ein Überbegriff für elektronische Musik, darunter der extrem tanzbare kuduro, die oft von der afrikanischen, vor allem angolanischen Diaspora gemacht wird. Natürlich ändert die Begeisterung für Clubkultur und harte Beats aus den Lissabonner Vorstädten nicht die strukturelle Benachteiligung Schwarzer Menschen. Im Gegenteil, so die Kritiker, sie macht Differenz konsumierbar und verstärkt die Touristifizierung. Ob die New York Times oder der britische Guardian, alle finden die Stadt sei hip, billig, und innovativ – „the new capital of cool.“ Doch zugleich bietet Lissabons Musikszene eine genuine Plattform für neue Stimmen, die ganz andere postimperiale Erfahrungen und Ausdrucksformen in den öffentlichen Raum tragen.

Dabei sind migrantische Küche und Popkultur längst nicht alles. Nach einer Reihe von Polizeiübergriffen, deren rassistische Gewaltkultur an die USA der Black Lives Matter-Proteste erinnert, demonstrierten am 21. Januar 2019 zum ersten Mal ungefähr 300 Jugendliche aus Lissabons armer Peripherie auf der Avenida da Liberdade, der Prachtstraße der Hauptstadt. Sie wehrten sich gegen die brutale Willkür der Polizisten, die sie als koloniales Erbe anprangerten. Zugleich gerät der postimperiale Mythos von Portugal als einer Gesellschaft, die vermeintlich keinen Rassismus kennt, auf breiter Front unter Beschuss: Immer mehr Aktivist*innen, aber auch Akademiker*innen oder Journalist*innen wie Joana Gorjão Henriques benennen den strukturellen Rassismus auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt, in Justiz und Bildungssystem, oder im Staatsbürgerschaftsrecht. Dieser mit Vehemenz geführte Streit über den Alltagsrassismus hat längst die Mainstream-Medien erreicht. Die Vergangenheit spielt dabei eine zentrale Rolle. Forscher*innen wie Elsa Peralta erkunden kritisch die imperiale Stadtgeografie, geben aber auch der massenhaften Rückwanderung portugiesischer Kolonialsiedler in den 1970er-Jahren und ihren ambivalenten Folgen neue Sichtbarkeit.

Der Verein Schwarzer Menschen Djass – Associação de Afrodescendentes wiederum gewann 2017 breite Unterstützung für sein Projekt, mitten in Lissabon ein Denkmal für die Opfer des atlantischen Sklavenhandels zu errichten, in dem Portugal jahrhundertelang eine traurige Schlüsselrolle spielte. Im selben Jahr schlug allerdings auch der sozialdemokratische Bürgermeister vor, ein Museum für die portugiesischen Entdeckungsfahrten bauen zu lassen. Neu war nicht die Stoßrichtung des geplanten Museu das Descobertas, sondern die Antwort darauf: Schnell entbrannte eine breit geführte und kontroverse Debatte über den (Un-)Sinn dieser geschichtspolitischen Initiative.

Millionen Tourist*innen konsumieren das imperiale Erbe Lissabons, doch die so genannten „Schattenseiten“ dieser Geschichte – Gewalt und Rassismus – sind vielen bestenfalls undeutlich bewusst. Genau das aber könnte sich jetzt ändern. Seit kurzem erneuert sich der Umgang mit dieser Vergangenheit in Portugals (Stadt-)Öffentlichkeit. Der Wandel kommt allmählich, aber deutlich – und die teils heftigen Diskussionen über das Imperium und seine Folgen werden die Wahrnehmung Lissabons auch im Ausland verändern. Hoffentlich. Es ist ein guter Moment, sich in die komplexe Geschichte der Stadt zu vertiefen. Und die Augen und Ohren weit aufzumachen, sobald Sie dort sind.