Herdologie, oder Worum syt dir so truurig?

Prähistorische Geschlechterdebatten und salopper Rassismus in den Medien: Soll man sich darüber ärgern, gar "Kritik üben"? Nicht immer und nicht nur: Sich an seinen Gegnern abzuarbeiten, macht abhängig, traurig und handlungsunfähig.



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In den Medien sind reaktionäre Weltanschauungen derzeit täglich zu hören oder zu lesen. Ob anti-muslimischer Rassismus oder prähistorische Geschlechterdebatten, zu denen wie jüngst im Schweizer Fernsehen tief-rechte Exponenten eingeladen werden – es scheint das Normalste auf der Welt, dass solche Stimmen zu bester Sendezeit ihre Ansichten vom Stapel lassen dürfen. Die Grenzen des Sagbaren haben sich verschoben. Und das hat Auswirkungen auf die Praxis.

Was tun? Was tun gegen solche zunehmend lauten Positionen? Man kann versuchen, sie zu ignorieren, man kann sie kritisieren – oder aber ironisieren. Wie bei besagtem Bespiel des Schweizer Fernsehens: Die Sendung „Arena“ wirkte mit ihrem Titel („Frauen am Herd?“) und den geladenen Gästen derart rückschrittlich und lächerlich, dass unter den Hashtags #SRFarena und #FrauAmHerd tagelang Herdbilder, Kochtöpfe, glückliche Hausfrauen oder solidarische Männer am (oder im!) Herd gepostet wurden. Es war ein Spass. Natürlich wird auf diese Weise das Patriarchat nicht gestürzt, immerhin wurden nur Profilbildli geändert und Rezepte getwittert. Konservative Geschlechtermodelle sind in der Schweiz nachhaltig und tief verankert. Aber während ein paar Stunden wurden sichtbar, dass nicht alle das gutheissen.

Hate goes Party

Strategien der Ironisierung wurden in den letzten Jahren immer wieder erfolgreich eingesetzt, um auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam zu machen. Zum Beispiel an den so genannten „Slutwalks“, an denen Frauen sich die negative Zuschreibung „Schlampe“ (slut) satirisch aneigneten und an ‚Schlampenmärschen‘ gegen sexualisierte Gewalt protestierten.

Ähnlich selbstbewusst wurde in den 1990er Jahren der Begriff „Kanacke“ von Exil-Türken besetzt, und in Deutschland veranstalteten jüngst Journalist_innen mit ausländischen Namen so genannte „Hate Poetry“-Abende: Anstatt sich von den rassistischen Anfeindungen, die sie täglich per Mail oder Kommentaren erreichen, zermürben zu lassen, rezitierten sie die Hasskommentare öffentlich. Hate goes Party, es war eine Riesengaudi mit Schampus und Girlanden. Das ist nicht nur befreiend für Betroffene, sondern auch eine wichtige Botschaft an Rassist_innen: Wir lassen uns weder unsere Stimme nehmen noch die Stimmung verderben.

Vielleicht ist das in dieser beängstigenden Zeit genau das, was man sich nicht nehmen lassen sollte: Ein wenig Spass und der Versuch, angesichts der bestürzenden Entwicklungen nicht zu erstarren, nicht zu verhärten. Vielleicht aber sollten wir noch einen Schritt weiter gehen, noch mutiger werden. Der Literaturtheoretiker und Philosoph Jean-François Lyotard forderte in Intensitäten (1978), Kritik gänzlich einzustellen. Es könne nicht um noch mehr kritische Theorie gehen, schrieb er, denn Kritik lasse sich immer auf die Logik dessen ein, was kritisiert wird, „sie richtet sich im Feld des Anderen ein und akzeptiert, selbst in dem Moment, da sie ihn bekämpft, die Dimension, die Richtungen und den Raum des Anderen“. Ähnlich formulierte es der Philosoph Gilles Deleuze in Tausend Plateaus (1980): Kritik ersticke jegliche Versuche im Keim, neue Konzepte zu entwerfen: „Wann immer man mir mit einem Einwand kommt, möchte ich am liebsten sagen: ‚Einverstanden, einverstanden, gehen wir weiter…‘. Mit den meisten Einwänden verhält es sich wie mit den allgemeinen Fragen: Sie bringen uns nicht weiter“.

Deleuze bemerkte provokativ, dass kein Buch, das gegen etwas ist, jemals Bedeutung erlangt habe: „Es zählen allein die Bücher für etwas Neues“. Folgt man Deleuze, ist es letztlich nicht der Mühe wert, gegen die Widersinnigkeiten zu protestieren, „man kann sie nicht bekämpfen, wenn sie einmal da sind. Es ist wichtiger, andere Dinge zu tun und mit denen zu arbeiten, die in dieselbe Richtung gehen.“ Eine ähnliche Haltung hat auch die Philosophin Wanda Tommasi, wenn sie fordert, die innere Fixierung auf die Macht der ‚Gegner‘ zu lockern, sich von ihren Massstäben und Richtungen zu lösen. Denn: Sich permanent an diesen abzuarbeiten, führe zu einer Art „rebellischen Abhängigkeit“, einer zwanghaften Rebellion, die sich ununterbrochen auf das bezieht, was sie ablehnt. Und das bedeute letztlich Selbstbeschränkung. Tommasi plädiert stattdessen dafür, sich so weit wie möglich in die Position des Subjekts zu begeben. Damit meint sie nicht, die Tatsache der Diskriminierung zu leugnen, man müsse sich aber vergegenwärtigen, dass es selbst in der ausweglosesten Situation einen Rest Freiheit, Subjektivität und selbstbestimmtes Handeln geben kann.

Herr/Knecht

Diese Freiheit entsteht zum Beispiel, wenn vorherrschende Massstäbe oder Diskurs-Logiken abgelehnt werden. Wie das funktionieren kann, hat die afro-amerikanische Schriftstellerin und Theoretikerin Toni Morrison in einem TV-Interview vorgemacht: Als der (weisse) Moderator Morrison fragte, wie sie mit dem Problem der rassistischen Diskriminierung umgehe, antwortete sie: „I don’t have a problem with discrimination. You have a problem!“ Morrison gab den Ball zurück und erklärte, nicht die Schwarzen, sondern die Weissen hätten das Problem, denn es sei nicht nur fundamental würdelos, sondern ein Zeichen grosser Schwäche, Privilegien und Stärke aus einem System ziehen zu müssen, das andere herabsetzt.

Morrison weigerte sich auf diese Weise, die erfahrene Diskriminierung als Effekt einer starken weissen Macht/Suprematie zu verstehen, und lenkte stattdessen den Blick auf die oft unsichtbare Tatsache, dass eine solche Macht grundsätzlich fragil ist. Ähnlich argumentiert auch Tommasi, wenn sie schreibt, die Macht der Herrschenden sei immer anfällig, denn sie sei letztlich darauf angewiesen, von den Beherrschten anerkannt zu werden.

Anhand von Hegels Dialektik zwischen Herr und Knecht zeigt Tommasi das Paradox der Macht auf: Auch ein Selbstbewusstsein, das sich für absolut hält, sei von etwas abhängig, nämlich von der Anerkennung durch ein anderes Selbstbewusstsein. Deshalb sei es eine wirkungsvolle Strategie für Marginalisierte und Unterdrückte, diese Anerkennung und Kooperation innerlich (und wenn möglich auch äusserlich) zu verweigern. Und zwar dadurch, dass sie die eigene Verschiedenheit von den vorherrschenden Kräften betonen.

So gesehen liegt das subversive Potential nicht so sehr in einer möglichst präzisen Kritik, und auch nicht im hilflosen Jammern und Augenverdrehen ob der herrschenden Verhältnisse. Eine solche Haltung wiederholt letztlich ebendiese Verhältnisse, verbleibt in ihrem Spektrum. Das vorherrschende System wird vielmehr dann wirkungsvoll angegriffen und infrage gestellt, wenn diejenigen, die marginalisiert werden sollen, sich abwenden, die vorgegebenen Diskurse verlassen und ihre Verschiedenheit stärken. Es geht darum, ein eigensinniges ‚Aussen‘ zu entfalten, das von den ‚Gegnern‘ nichts fragt und nichts fordert. Es geht darum, die Geschichte von anderen Subjektwerdungen zu erzählen und zu leben, und ihnen Autorität und Bedeutung zu verleihen.