Wie lässt sich die Klimakatastrophe mit dem eigenen Körper erzählen? Und wie verändert sich dadurch das Genre der Autofiktion? Nicolaj Schultz' „Landkrank“ gibt einige Aufschlüsse.

  • Christine Lötscher

    Christine Lötscher lehrt Populäre Literaturen und Medien mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendmedien am ISEK - Populäre Kulturen der Universität Zürich und ist Herausgeberin von Geschichte der Gegenwart.

Auto­fik­tion, Auto­theorie, Auto­so­zio­bio­grafie – das Schreiben über Gesell­schaft durch die eigene Erfah­rung, den eigenen Körper hat seit Jahren Konjunktur. Mitt­ler­weile geht die Perspek­tive über sozio­lo­gi­sche Fragen hinaus ins Ökolo­gi­sche oder Plane­ta­ri­sche, und Wissenschaftler:innen, die zur Klima­krise forschen, versu­chen lite­ra­ri­sche Verfahren zu nutzen, um persön­liche, fesselnde und berüh­rende Geschichten zu erzählen. Sie wollen ihre Leser:innen weder in Panik noch in apoka­lyp­ti­sche Lähmung versetzen, sondern dazu bringen, sich für eine bessere Zukunft zu enga­gieren. Wer sich als Teil eines grös­seren Ganzen erfährt, wer leidet und mit den nicht-menschlichen Wesen mitfühlt, kommt ins Handeln: das ist die – char­mante, aber leider etwas naive – Idee dahinter.

Parallel dazu erscheinen immer mehr Essays, etwa von Birgit Schneider oder Martin Puchner, die ange­sichts des Klima­wan­dels für neue Erzäh­lungen plädieren, die nach­hal­tige, rege­ne­ra­tive Zukünfte imagi­nieren, anstatt Horror­vi­sionen zu entwerfen. Woher dieser plötz­liche Glaube an die trans­for­ma­tive Kraft des Erzäh­lens herrührt, ist schwer zu sagen; jeden­falls nährt er sich stärker aus dem Konzept des Storytel­ling, das eigent­lich aus dem Marke­ting­be­reich kommt und sich längst auch in der medialen Bericht­erstat­tung durch­ge­setzt hat. Darin liegt viel­leicht auch der Grund, dass aus dem Feuil­leton Kritik laut wird an der Konjunktur der Auto-Genres. Jüngst wurde in der Süddeut­schen Zeitung die Frage aufge­worfen, ob solche „Auto-Emissionen“ denn wirk­lich sein müssen.

Mobi­li­sie­rung durch Affekte

Mehr oder weniger gleich­zeitig sind 2022 und 2023 zwei schmale Bände erschienen, die der däni­sche Sozio­loge und Ökokri­tiker Nicolaj Schultz geschrieben bezie­hungs­weise mitver­ant­wortet hat. Zusammen mit dem 2022 verstor­benen Sozio­logen und Begründer der Akteur-Netzwerk-Theorie Bruno Latour verfasste er Die ökolo­gi­sche Klasse. Ein Memo­randum; parallel dazu publi­zierte er einen auto­theo­re­ti­schen Text unter dem Titel Land­krank. Beide Bücher sind im renom­mierten Suhrkamp-Verlag erschienen und beide fordern, durch ganz unter­schied­liche argu­men­ta­tive und affek­tive Moda­li­täten, ein radi­kales Umdenken in Bezug auf das Zusam­men­leben mensch­li­cher und nicht-menschlicher Akteur:innen auf dem Planeten. Schultz, 1990 in Arhus geboren, wird nicht nur als „Hoff­nungs­träger der Sozio­logie“gefeiert, sondern tritt als Shoo­ting­star unter den public intellec­tuals in Europa an vielen Festi­vals auf; unter anderem war er auch an den Solo­thurner Lite­ra­tur­tagen im Mai dieses Jahres zu Gast.

Das Memo­randum fordert eine neue poli­ti­sche Bewe­gung, die als ökolo­gi­sche Klasse hand­lungs­fähig werden könne, wenn es darum geht, die Zerstö­rung von Klima und Biodi­ver­sität zu stoppen. Latour und Schultz machen dabei „die mangel­hafte Ausrich­tung der Affekte“ dafür verant­wort­lich, dass zu wenig unter­nommen wird. Bisher, so argu­men­tieren sie, bestehe der Erfolg der poli­ti­schen Ökologie darin, „die Menschen in Panik zu versetzen und diese gleich­zeitig aus Lange­weile zum Gähnen zu bringen“.

Die Konse­quenz daraus sei, dass „Gewiss­heit, Angst, Schuld­ge­fühle und Befan­gen­heit“, die Affekte, die Latour und Schultz als Reak­tion auf die ökolo­gi­sche Krise beob­achten, in eine „allge­meine Mobi­li­sie­rung“ umge­setzt werden müssen. Auch wenn die Autoren betonen, dass sich vor allem die mit der Idee von Frei­heit verbun­denen Affekte, die sich im Lauf der Geschichte formiert hätten, verän­dern müssten, handelt es sich bei ihrer Vision letzt­lich doch in erster Linie um einen epis­te­mo­lo­gi­schen Para­dig­men­wechsel. Denn die Konzepte von Frei­heit – sowohl die posi­tiven als auch die nega­tiven –, hingen von einer vorgän­gigen „Abgren­zung der Indi­vi­duen und der mensch­li­chen Gemein­schaften“ ab, „die bedeu­tungslos wird, wenn die Welt, von der man lebt, fordert, in die Welt aufge­nommen zu werden, in der man lebt. Sich zu eman­zi­pieren gewinnt eine andere Bedeu­tung, wenn es darum geht, sich daran zu gewöhnen, dass man schließ­lich und endlich von dem abhängt, was uns leben lässt!“ In dieser Perspek­tive ist Ökologie eine soziale Bewe­gung, und Eman­zi­pa­tion bedeutet „die Befreiung vom engen Register libe­raler und sozia­lis­ti­scher Freiheitsideen“.

Auto­theorie oder Autosoziobiografie?

In der Welt zu leben, als ein Wesen unter vielen, und nicht von ihr: diese Forde­rung steht auch im Zentrum von Schultz’ Essay Land­krank­heit. Nur wählt er für sein Buch ein anderes Verfahren. Er geht von seiner eigenen Erfah­rung aus, in uner­träg­lich heißen Sommer­nächten, und versucht auf diese Weise, an der Suche nach neuen Erzäh­lungen zu parti­zi­pieren, die die Mensch­heit nicht nur zum Umdenken, sondern auch zum ökolo­gi­schen Handeln bewegen sollen. Land­krank wird in der deutsch­spra­chigen Rezep­tion als Auto­theorie gelesen, in Analogie zu Maggie Nelsons groß­ar­tigem und bewe­gendem Essay The Argo­nauts (2015). Doch der Vergleich hinkt. Während Nelson von ihrer eigenen Erfah­rung mit Liebe und Eltern­schaft in einer queeren Familie ausgeht, um im Prozess des Schrei­bens eine neue Sprache für noch nicht fest­ge­schrie­bene Gefühle zu suchen und sich damit tastend in die Theorie- und Lite­ra­tur­ge­schichte einzu­schreiben, hat Nikolaj Schultz ganz klar eine pädago­gi­sche Mission. Als Sozi­al­wis­sen­schaftler und Klima­ex­perte, der weiss, dass die Uhr gelinde gesagt auf fünf vor zwölf steht, bedient er sich bei einem zurzeit erfolg­rei­chen Genre, um möglichst viele Leser:innen anzu­spre­chen. Das ist völlig legitim, aber keine Auto­theorie. Die deut­liche Bezug­nahme auf das Memo­randum und auf Latours Theorie lässt sich viel­mehr als Wink in Rich­tung Auto­so­zio­bio­grafie verstehen. Der Begriff Auto­so­zio­bio­grafie stammt von der fran­zö­si­schen Nobel­preis­trä­gerin Annie Ernaux, die sich in ihren Texten auf Pierre Bour­dieu bezieht und durch den sozio­lo­gi­schen Blick auf das eigene Leben eine neue lite­ra­ri­sche Form heraus­ge­ar­beitet hat. Unter­dessen hat sich der Begriff ausge­breitet und von Ernaux abge­löst. Die Literaturwissenschaftler:innen Eva Blome, Philipp Lammers und Sarah Seidel defi­nieren Auto­so­zio­bio­grafie als ein Genre in the making und betonen, dass sich die Aussagen der Erzähl­sub­jekte inso­fern von denen der herkömm­li­chen Auto­bio­grafie unter­scheiden, als sie nicht nur „Deutungs­ho­heit über das eigene Leben, sondern auch gegen­über der sozialen Gegen­wart bean­spru­chen, an der sie als Akteur:innen aktiv mitwirken und der sie sich glei­cher­maßen ausge­setzt fühlen“. Genau das versucht Schultz auch – wobei er selbst den ethno­gra­fi­schen Aspekt hervor­hebt, wenn er sein Schreiben im Nach­wort zu Land­krank ethno­gra­fiktiv nennt. Auch wenn der Text klar auto­eth­no­gra­fi­sche Elemente hat und sich erzäh­le­ri­schen Formen hingibt – das ist wohl mit ,fiktiv‘ gemeint –, wäre die passendste Bezeich­nung wohl Autosozioökobiografie.

Schlaflos in Paris

Doch worum geht es über­haupt in Land­krank? Der Text hebt mit einigem Pathos an und versucht das Gefühl, dass der Erzähler Teil einer viel­fach verfloch­tenen Welt ist, zunächst über die Bezug­nahme auf lite­ra­ri­sche Tradi­tionen herbeizuschreiben:

„I have been going to bed late for a while“, beginnt Schultz, Proust zitie­rend (wobei der Ich-Erzähler in In Swanns Weltgerade früh ins Bett geht), und fügt hinzu: „not by choice, but because the heat in this city [Paris] is unbearable.“Während Prousts Ich-Erzähler sich im Halb­schlaf zwischen Text und Traum auflöst, sind es bei Schultz Körper und Geist, die durch die Hitze eine Trans­for­ma­tion erfahren:  „The warmth inca­pa­ci­tates my body and mind: ever­y­thing seems slower, each minute longer, every move­ment heavier. […] I am not sure which came first, the feeling or the thought, but I know this: the problems have caught up with me. The breeze that was supposed to calm me down has trig­gered the alarm bell. The fan I cannot sleep without turbo­charges my energy consump­tion, emit­ting more CO2 into the atmo­sphere, resul­ting in yet more heat. Cooling my body down has its price: a cost probably first and most violently paid by some­body else, most likely some­where in the Global South.“

In einem einzigen Abschnitt voll­zieht Schultz hier eine auto­öko­so­zio­bio­gra­fi­sche Geste, mit der er dazu ansetzt, die Geschichte des mensch­li­chen Nach­den­kens und Erzäh­lens über die eigene Exis­tenz umzu­schreiben. Daraufhin kommt die unhin­ter­geh­bare ökolo­gi­sche, ökono­mi­sche, sozio­kul­tu­relle Verfloch­ten­heit des Lebens in der Gegen­wart zum ersten Mal zur Sprache, die der schlaf­lose Nicolaj Schultz als plane­ta­ri­sche conditio erkennt: „Yesterday morning, I realized that what I always wished for – having my name on the cover of a book, displayed in some Pari­sian book­s­tore – sends me hundreds of miles away and plants my feet straight in some ancient woods, contri­bu­ting to defo­re­sta­tion. With each word printed on paper in black ink trans­ported from afar, vola­tile organic compounds are released into the atmo­sphere. With every single page of the book I write, the more deeply intert­wined I become with the issues; maybe just a little, but enough to be an active parti­ci­pant in the unfol­ding of a plane­tary emer­gency. Sirens grow louder and then disap­pear as an ambu­lance races along the street below. I am now wide awake.“

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„Inter­mixi, ergo sum“

Die Membran zwischen den Gedanken des Ich-Erzählers und seiner Umge­bung wird immer dünner, löch­riger, wie die Sirene der Ambu­lanz als Reak­tion auf seine Über­le­gungen zur Klima­schäd­lich­keit von Büchern über­deut­lich macht. Es handelt sich, so zeigt die Szene, bei seinen nächt­li­chen Sorgen keines­falls um Para­noia, sondern um nüch­terne Erkenntnis der Realität: „I am now wide awake.“

Der Erzähler bemüht sich darum zu belegen, dass seine Gefühle nichts mit Indi­vi­du­al­psy­cho­logie zu tun haben, dass er seine Land­krank­heit, die sich wie Seekrank­heit anfühlt, als analy­ti­sches Instru­ment zum Einsatz bringen will: „I lack a sense of direc­tion and have lost my bearings: behind me, in front of me, along­side me, up in the sky and below my feet, I see nothing but signs of this mess. Wherever I fix my gaze or turn my imagi­na­tion, I reco­gnize the distur­bing trails of my own being, its acti­vi­ties and doings.“ Seine Schlaf­lo­sig­keit sei auf seine Verwand­lung in eine mons­tröse Spezies zurück­zu­führen, für die er keine Begriffe mehr habe: „The insights from the exis­ten­tial tradi­tion I was fond of as a teen­ager no longer hit the spot. […] It is not just that I exist for myself, as if I was lodging in some private hotel room full of mirrors. Rather, it seems that I exist from others, like a spider in a web, sustai­ning myself by catching and feeding off them.“ Aus der Schlaf­lo­sig­keit, aus der Sprach­lo­sig­keit heraus entsteht Theorie: „As I weave my silken threads, my being and its trails constantly borrow from, overlap with and obstruct the conti­nuous being of other enti­ties: some of the close, some of them far; some of them human, some of them non-human. Inter­mixti, ergo sum: I mix, ther­e­fore I am, and continue to be. I am living in a door-less house, and beyond my exhausted limbs my being extends, leaves traces, sets traps and forms trails that other beings are forced to travel by.“

Gene­ra­tio­nen­kon­flikt

Die Verflech­tungs­zu­sam­men­hänge werden im Zusam­men­spiel von eigener Erfah­rung und sozio­öko­lo­gi­scher Theorie über­zeu­gend heraus­ge­ar­beitet. Doch warum Schultz in Land­krank die Posi­tion der jungen Gene­ra­tion einnimmt und nur ihr die Fähig­keit zuschreibt, sich mit der nicht-menschlichen Welt verwandt zu machen, bleibt theo­re­tisch unbe­leuchtet. In der schlaf­losen Nacht fällt ihm nämlich ein, dass seine Groß­mutter am nächsten Tag Geburtstag hat. Eigent­lich wäre sie präde­sti­niert, um ihn zu unter­stützen in seinen Krisen­mo­menten, doch auch sie habe sich verän­dert, schreibt er, „she too has been trans­formed into another kind of human, with another present, past and destiny.“ Schultz erin­nert sich an die letzte Begeg­nung mit ihr, an die gegen­sei­tige Verständ­nis­lo­sig­keit in Bezug auf die Klima­krise und das zwangs­läu­fige Schweigen zwischen den Gene­ra­tionen: „Her silence reflected the battles she and her gene­ra­tion fought, the narra­tives that made them bearable, and the values making them neces­sary.“ Diese Kämpfe, die Werte – damit ist der Wider­stand gegen den Natio­nal­so­zia­lismus gemeint und die Verant­wor­tung, ja Verpflich­tung die als Konse­quenz aus der Erin­ne­rung an die Shoah hervor­geht. Schultz spricht abstrakt über diese Werte, erwähnt die Shoah nicht explizit, doch allein die Idee, den Kampf gegen den Faschismus gegen Klima­schutz auszu­spielen, wirkt verstö­rend und wider­spricht den Forde­rungen nach der Inte­gra­tion des Ökolo­gi­schen ins Soziale, die Latour und Schultz im Memo­randum formu­lieren. Schultz speku­liert hingegen, dass seine Gross­mutter selbst einge­sehen habe, dass ihr Kampf nicht, wie sie immer dachte, nicht im Dienst einer fried­li­chen Zukunft stand, sondern nach­kom­mende Gene­ra­tionen „in danger and disaster“ gestürzt habe: „They had freed them­selves, but at the cost of taking their succes­sors hostage. As my body wrestles with the beds­heets, I realize my future is buried in my grandmother’s past.“

Die höchst proble­ma­ti­sche Spal­tung, die Schultz mit der Beschwö­rung des Gene­ra­tio­nen­gra­bens vornimmt – der übri­gens so gar nicht besteht, wenn man an die Klimasenior:innen denkt und an die vielen Klimaaktivist:innen und Klima­for­schenden, die sich seit den 1980er Jahren massiv enga­gieren –, bleibt bei ihm so stehen. Er geht nicht auf die sozialen und poli­ti­schen Impli­ka­tionen seiner Fami­li­en­an­ek­dote ein, sondern verwendet den Gene­ra­tio­nen­kon­flikt als Ausgangs­punkt für Über­le­gungen zur Tempo­ra­lität. Das Verhältnis zur plane­ta­ri­schen Zeit­lich­keit, zu dem, was im Anthropozän-Diskurs als Deep Time bezeichnet wird, bestimme heute, was Gene­ra­tionen ausmacht. Nicht ähnliche Erfah­rungen in Bezug auf histo­ri­sche und kultu­relle Ereig­nisse seien entschei­dend, sondern „[…] what ties and unties the knots between gene­ra­tions, what unites or sepa­rates them from each other, is the diffe­rent rela­ti­onships and temporal hori­zons of their terri­to­rial condi­tions of livea­bi­lity: if they had, have or will have such means of subsis­tence; if they have had them stolen; and what the pros­pects are of giving or getting them back.“

So gibt Schultz vor allem der Verzweif­lung Raum, einem Gefühl, ins Leere zu fallen, weil es nichts mehr gibt, das von Menschen unbe­rührt bleibt. Durch die Hintertür der Affekte als Analy­se­instru­ment für Macht­ver­hält­nisse bringt er eine Idee in seinen Text hinein, die allem wider­spricht, was Latour sein ganzes Wissen­schaft­ler­leben lang betont hat: dass es nämlich so etwas wie eine unbe­rührte Natur gibt, auf die junge Menschen in ihrer Eigen­schaft als roman­ti­sche Natur­kinder ein Recht haben sollen.