Autofiktion, Autotheorie, Autosoziobiografie – das Schreiben über Gesellschaft durch die eigene Erfahrung, den eigenen Körper hat seit Jahren Konjunktur. Mittlerweile geht die Perspektive über soziologische Fragen hinaus ins Ökologische oder Planetarische, und Wissenschaftler:innen, die zur Klimakrise forschen, versuchen literarische Verfahren zu nutzen, um persönliche, fesselnde und berührende Geschichten zu erzählen. Sie wollen ihre Leser:innen weder in Panik noch in apokalyptische Lähmung versetzen, sondern dazu bringen, sich für eine bessere Zukunft zu engagieren. Wer sich als Teil eines grösseren Ganzen erfährt, wer leidet und mit den nicht-menschlichen Wesen mitfühlt, kommt ins Handeln: das ist die – charmante, aber leider etwas naive – Idee dahinter.
Parallel dazu erscheinen immer mehr Essays, etwa von Birgit Schneider oder Martin Puchner, die angesichts des Klimawandels für neue Erzählungen plädieren, die nachhaltige, regenerative Zukünfte imaginieren, anstatt Horrorvisionen zu entwerfen. Woher dieser plötzliche Glaube an die transformative Kraft des Erzählens herrührt, ist schwer zu sagen; jedenfalls nährt er sich stärker aus dem Konzept des Storytelling, das eigentlich aus dem Marketingbereich kommt und sich längst auch in der medialen Berichterstattung durchgesetzt hat. Darin liegt vielleicht auch der Grund, dass aus dem Feuilleton Kritik laut wird an der Konjunktur der Auto-Genres. Jüngst wurde in der Süddeutschen Zeitung die Frage aufgeworfen, ob solche „Auto-Emissionen“ denn wirklich sein müssen.
Mobilisierung durch Affekte
Mehr oder weniger gleichzeitig sind 2022 und 2023 zwei schmale Bände erschienen, die der dänische Soziologe und Ökokritiker Nicolaj Schultz geschrieben beziehungsweise mitverantwortet hat. Zusammen mit dem 2022 verstorbenen Soziologen und Begründer der Akteur-Netzwerk-Theorie Bruno Latour verfasste er Die ökologische Klasse. Ein Memorandum; parallel dazu publizierte er einen autotheoretischen Text unter dem Titel Landkrank. Beide Bücher sind im Suhrkamp-Verlag erschienen und beide fordern, durch ganz unterschiedliche argumentative und affektive Modalitäten, ein radikales Umdenken in Bezug auf das Zusammenleben menschlicher und nicht-menschlicher Akteur:innen auf dem Planeten. Schultz, 1990 in Arhus geboren, wird nicht nur als „Hoffnungsträger der Soziologie“gefeiert, sondern tritt als Shootingstar unter den public intellectuals in Europa an vielen Festivals auf; unter anderem war er auch an den Solothurner Literaturtagen im Mai dieses Jahres zu Gast.
Das Memorandum fordert eine neue politische Bewegung, die als ökologische Klasse handlungsfähig werden könne, wenn es darum geht, die Zerstörung von Klima und Biodiversität zu stoppen. Latour und Schultz machen dabei „die mangelhafte Ausrichtung der Affekte“ dafür verantwortlich, dass zu wenig unternommen wird. Bisher, so argumentieren sie, bestehe der Erfolg der politischen Ökologie darin, „die Menschen in Panik zu versetzen und diese gleichzeitig aus Langeweile zum Gähnen zu bringen“.
Die Konsequenz daraus sei, dass „Gewissheit, Angst, Schuldgefühle und Befangenheit“, die Affekte, die Latour und Schultz als Reaktion auf die ökologische Krise beobachten, in eine „allgemeine Mobilisierung“ umgesetzt werden müssen. Auch wenn die Autoren betonen, dass sich vor allem die mit der Idee von Freiheit verbundenen Affekte, die sich im Lauf der Geschichte formiert hätten, verändern müssten, handelt es sich bei ihrer Vision letztlich doch in erster Linie um einen epistemologischen Paradigmenwechsel. Denn die Konzepte von Freiheit – sowohl die positiven als auch die negativen –, hingen von einer vorgängigen „Abgrenzung der Individuen und der menschlichen Gemeinschaften“ ab, „die bedeutungslos wird, wenn die Welt, von der man lebt, fordert, in die Welt aufgenommen zu werden, in der man lebt. Sich zu emanzipieren gewinnt eine andere Bedeutung, wenn es darum geht, sich daran zu gewöhnen, dass man schließlich und endlich von dem abhängt, was uns leben lässt!“ In dieser Perspektive ist Ökologie eine soziale Bewegung, und Emanzipation bedeutet „die Befreiung vom engen Register liberaler und sozialistischer Freiheitsideen“.
Autotheorie oder Autosoziobiografie?
In der Welt zu leben, als ein Wesen unter vielen, und nicht von ihr: diese Forderung steht auch im Zentrum von Schultz’ Essay Landkrankheit. Nur wählt er für sein Buch ein anderes Verfahren. Er geht von seiner eigenen Erfahrung aus, in unerträglich heißen Sommernächten, und versucht auf diese Weise, an der Suche nach neuen Erzählungen zu partizipieren, die die Menschheit nicht nur zum Umdenken, sondern auch zum ökologischen Handeln bewegen sollen. Landkrank wird in der deutschsprachigen Rezeption als Autotheorie gelesen, in Analogie zu Maggie Nelsons großartigem und bewegendem Essay The Argonauts (2015). Doch der Vergleich hinkt. Während Nelson von ihrer eigenen Erfahrung mit Liebe und Elternschaft in einer queeren Familie ausgeht, um im Prozess des Schreibens eine neue Sprache für noch nicht festgeschriebene Gefühle zu suchen und sich damit tastend in die Theorie- und Literaturgeschichte einzuschreiben, hat Nikolaj Schultz ganz klar eine pädagogische Mission. Als Sozialwissenschaftler und Klimaexperte, der weiss, dass die Uhr gelinde gesagt auf fünf vor zwölf steht, bedient er sich bei einem zurzeit erfolgreichen Genre, um möglichst viele Leser:innen anzusprechen. Das ist völlig legitim, aber keine Autotheorie. Die deutliche Bezugnahme auf das Memorandum und auf Latours Theorie lässt sich vielmehr als Wink in Richtung Autosoziobiografie verstehen. Der Begriff Autosoziobiografie stammt von der französischen Nobelpreisträgerin Annie Ernaux, die sich in ihren Texten auf Pierre Bourdieu bezieht und durch den soziologischen Blick auf das eigene Leben eine neue literarische Form herausgearbeitet hat. Unterdessen hat sich der Begriff ausgebreitet und von Ernaux abgelöst. Die Literaturwissenschaftler:innen Eva Blome, Philipp Lammers und Sarah Seidel definieren Autosoziobiografie als ein Genre in the making und betonen, dass sich die Aussagen der Erzählsubjekte insofern von denen der herkömmlichen Autobiografie unterscheiden, als sie nicht nur „Deutungshoheit über das eigene Leben, sondern auch gegenüber der sozialen Gegenwart beanspruchen, an der sie als Akteur:innen aktiv mitwirken und der sie sich gleichermaßen ausgesetzt fühlen“. Genau das versucht Schultz auch – wobei er selbst den ethnografischen Aspekt hervorhebt, wenn er sein Schreiben im Nachwort zu Landkrank ethnografiktiv nennt. Auch wenn der Text klar autoethnografische Elemente hat und sich erzählerischen Formen hingibt – das ist wohl mit ,fiktiv‘ gemeint –, wäre die passendste Bezeichnung wohl Autosozioökobiografie.
Schlaflos in Paris
Doch worum geht es überhaupt in Landkrank? Der Text hebt mit einigem Pathos an und versucht das Gefühl, dass der Erzähler Teil einer vielfach verflochtenen Welt ist, zunächst über die Bezugnahme auf literarische Traditionen herbeizuschreiben:
„I have been going to bed late for a while“, beginnt Schultz, Proust zitierend (wobei der Ich-Erzähler in In Swanns Weltgerade früh ins Bett geht), und fügt hinzu: „not by choice, but because the heat in this city [Paris] is unbearable.“ Während Prousts Ich-Erzähler sich im Halbschlaf zwischen Text und Traum auflöst, sind es bei Schultz Körper und Geist, die durch die Hitze eine Transformation erfahren: „The warmth incapacitates my body and mind: everything seems slower, each minute longer, every movement heavier. […] I am not sure which came first, the feeling or the thought, but I know this: the problems have caught up with me. The breeze that was supposed to calm me down has triggered the alarm bell. The fan I cannot sleep without turbocharges my energy consumption, emitting more CO2 into the atmosphere, resulting in yet more heat. Cooling my body down has its price: a cost probably first and most violently paid by somebody else, most likely somewhere in the Global South.“
In einem einzigen Abschnitt vollzieht Schultz hier eine autoökosoziobiografische Geste, mit der er dazu ansetzt, die Geschichte des menschlichen Nachdenkens und Erzählens über die eigene Existenz umzuschreiben. Daraufhin kommt die unhintergehbare ökologische, ökonomische, soziokulturelle Verflochtenheit des Lebens in der Gegenwart zum ersten Mal zur Sprache, die der schlaflose Nicolaj Schultz als planetarische conditio erkennt: „Yesterday morning, I realized that what I always wished for – having my name on the cover of a book, displayed in some Parisian bookstore – sends me hundreds of miles away and plants my feet straight in some ancient woods, contributing to deforestation. With each word printed on paper in black ink transported from afar, volatile organic compounds are released into the atmosphere. With every single page of the book I write, the more deeply intertwined I become with the issues; maybe just a little, but enough to be an active participant in the unfolding of a planetary emergency. Sirens grow louder and then disappear as an ambulance races along the street below. I am now wide awake.“
„Intermixi, ergo sum“
Die Membran zwischen den Gedanken des Ich-Erzählers und seiner Umgebung wird immer dünner, löchriger, wie die Sirene der Ambulanz als Reaktion auf seine Überlegungen zur Klimaschädlichkeit von Büchern überdeutlich macht. Es handelt sich, so zeigt die Szene, bei seinen nächtlichen Sorgen keinesfalls um Paranoia, sondern um nüchterne Erkenntnis der Realität: „I am now wide awake.“
Der Erzähler bemüht sich darum zu belegen, dass seine Gefühle nichts mit Individualpsychologie zu tun haben, dass er seine Landkrankheit, die sich wie Seekrankheit anfühlt, als analytisches Instrument zum Einsatz bringen will: „I lack a sense of direction and have lost my bearings: behind me, in front of me, alongside me, up in the sky and below my feet, I see nothing but signs of this mess. Wherever I fix my gaze or turn my imagination, I recognize the disturbing trails of my own being, its activities and doings.“ Seine Schlaflosigkeit sei auf seine Verwandlung in eine monströse Spezies zurückzuführen, für die er keine Begriffe mehr habe: „The insights from the existential tradition I was fond of as a teenager no longer hit the spot. […] It is not just that I exist for myself, as if I was lodging in some private hotel room full of mirrors. Rather, it seems that I exist from others, like a spider in a web, sustaining myself by catching and feeding off them.“ Aus der Schlaflosigkeit, aus der Sprachlosigkeit heraus entsteht Theorie: „As I weave my silken threads, my being and its trails constantly borrow from, overlap with and obstruct the continuous being of other entities: some of the close, some of them far; some of them human, some of them non-human. Intermixti, ergo sum: I mix, therefore I am, and continue to be. I am living in a door-less house, and beyond my exhausted limbs my being extends, leaves traces, sets traps and forms trails that other beings are forced to travel by.“
Generationenkonflikt
Die Verflechtungszusammenhänge werden im Zusammenspiel von eigener Erfahrung und sozioökologischer Theorie überzeugend herausgearbeitet. Doch warum Schultz in Landkrank die Position der jungen Generation einnimmt und nur ihr die Fähigkeit zuschreibt, sich mit der nicht-menschlichen Welt verwandt zu machen, bleibt theoretisch unbeleuchtet. In der schlaflosen Nacht fällt ihm nämlich ein, dass seine Großmutter am nächsten Tag Geburtstag hat. Eigentlich wäre sie prädestiniert, um ihn zu unterstützen in seinen Krisenmomenten, doch auch sie habe sich verändert, schreibt er, „she too has been transformed into another kind of human, with another present, past and destiny.“ Schultz erinnert sich an die letzte Begegnung mit ihr, an die gegenseitige Verständnislosigkeit in Bezug auf die Klimakrise und das zwangsläufige Schweigen zwischen den Generationen: „Her silence reflected the battles she and her generation fought, the narratives that made them bearable, and the values making them necessary.“ Diese Kämpfe, die Werte – damit ist der Widerstand gegen den Nationalsozialismus gemeint und die Verantwortung, ja Verpflichtung die als Konsequenz aus der Erinnerung an die Shoah hervorgeht. Schultz spricht abstrakt über diese Werte, erwähnt die Shoah nicht explizit, doch allein die Idee, den Kampf gegen den Faschismus gegen Klimaschutz auszuspielen, wirkt verstörend und widerspricht den Forderungen nach der Integration des Ökologischen ins Soziale, die Latour und Schultz im Memorandum formulieren. Schultz spekuliert hingegen, dass seine Grossmutter selbst eingesehen habe, dass ihr Kampf nicht, wie sie immer dachte, nicht im Dienst einer friedlichen Zukunft stand, sondern nachkommende Generationen „in danger and disaster“ gestürzt habe: „They had freed themselves, but at the cost of taking their successors hostage. As my body wrestles with the bedsheets, I realize my future is buried in my grandmother’s past.“
Die höchst problematische Spaltung, die Schultz mit der Beschwörung des Generationengrabens vornimmt – der übrigens so gar nicht besteht, wenn man an die Klimasenior:innen denkt und an die vielen Klimaaktivist:innen und Klimaforschenden, die sich seit den 1980er Jahren massiv engagieren –, bleibt bei ihm so stehen. Er geht nicht auf die sozialen und politischen Implikationen seiner Familienanekdote ein, sondern verwendet den Generationenkonflikt als Ausgangspunkt für Überlegungen zur Temporalität. Das Verhältnis zur planetarischen Zeitlichkeit, zu dem, was im Anthropozän-Diskurs als Deep Time bezeichnet wird, bestimme heute, was Generationen ausmacht. Nicht ähnliche Erfahrungen in Bezug auf historische und kulturelle Ereignisse seien entscheidend, sondern „[…] what ties and unties the knots between generations, what unites or separates them from each other, is the different relationships and temporal horizons of their territorial conditions of liveability: if they had, have or will have such means of subsistence; if they have had them stolen; and what the prospects are of giving or getting them back.“
So gibt Schultz vor allem der Verzweiflung Raum, einem Gefühl, ins Leere zu fallen, weil es nichts mehr gibt, das von Menschen unberührt bleibt. Durch die Hintertür der Affekte als Analyseinstrument für Machtverhältnisse bringt er eine Idee in seinen Text hinein, die allem widerspricht, was Latour sein ganzes Wissenschaftlerleben lang betont hat: dass es nämlich so etwas wie eine unberührte Natur gibt, auf die junge Menschen in ihrer Eigenschaft als romantische Naturkinder ein Recht haben sollen.