"Hass ist wie ein Bumerang". Ein Gespräch mit dem polnischen Aktivisten Franciszek Sterczewski

Der polnische Architekt und Stadtaktivist Franciszek Sterczewski war der Initiator der „Lichterketten-Proteste“ in Poznań (Posen). Jörg Scheller sprach mit ihm über die politische Situation in Polen, die Sprache der Politik und seine gewaltlosen, post-parteiischen Formen des Widerstands.



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Jörg Scheller: Franciszek, du bist Initiator und, zusammen mit anderen, Organisator der sogenannten „Lichterketten-Proteste“ in Poznań. Tausende Menschen aus allen Gesellschaftsschichten nahmen daran teil, um ihre Unzufriedenheit über die Polarisierung der polnischen Gesellschaft und die Politik der regierenden rechts-nationalistischen Partei PiS [Prawo i Sprawiedliwość, Recht und Gerechtigkeit] auszudrücken. Wie bist du auf die Idee gekommen, die Menschen auf dem Plac Wolności [Freiheitsplatz] zu versammeln? Was sind deine Absichten?

Franciszek Sterczewski (*1988) ist Architekt und Aktivist sowie Organisator der Lichterketten-Proteste in Poznań.

Franciszek Sterczewski: Ich hatte über das Internet von den Kerzenprotesten vor dem Obersten Gericht in Warschau erfahren. Diese wurden von der Polnischen Richtervereinigung „Iustitia“ organisiert. Ich rief die Vereinigung an und fragte, ob sie die gleiche Aktion in Poznań durchführen wollten, und dass ich das unterstützen würde. Sie antworteten: Nein, wir konzentrieren uns auf Warschau. Also nur zu, mach es selbst! Und so entschloss ich mich dazu, nicht zuletzt, weil ich bereits langjährige Erfahrung im Organisieren öffentlicher Anlässe in Poznań und im Versammeln von Leuten habe. Doch wie sollte ich das genau machen? Ich wusste, dass die Menschen aggressive, polarisierende Sprüche rufen würden, darum legte ich einige Grundregeln fest: keine Fahnen, keine Parolen, nur Schweigen. Nur im Schweigen konnten wir überhaupt beieinander sein. Es ist das einzige Geräusch, das wir alle verstehen können. Ich dachte, dass etwa fünfhundert Leute kommen würden. Doch Tausende kamen. Das war im Juli, und so fing es an.

Schweigen kann auch eine Form der Kommunikation sein. Je nach Kontext nimmt es eine sehr spezifische Bedeutung an.

Genau. Und manchmal ist es viel lauter als die vulgäre Sprache der heutigen Politik. Nicht nur in Polen – auch die Sprache von Donald Trump, Geert Wilders oder Marine Le Pen. Und ich habe wirklich genug von dieser Sprache.

Die Verrohung der politischen Sprache ist erschreckend. Verbale Gewalt ist Türöffner der physischen Gewalt. Und diese Tür steht bereits weit offen…

Im März dieses Jahres fuhr ich nach Danzig, um das Museum des Zweiten Weltkriegs zu besuchen. Ich wollte das Museum sehen, bevor die PiS („Prawo i Sprawiedliwość», die regierende „Recht und Gerechtigkeits“-Partei) die Ausstellung verändern würde. Fünf Stunden verbrachte ich dort, es ist eine riesige Ausstellung. Am Anfang gibt es einen Bereich zur Vorkriegszeit und der Propaganda in den totalitären Staaten, beispielsweise in Deutschland, Italien, Russland. Es wurde offensichtlich, dass Krieg mit Worten beginnt, mit medialer Propaganda und mit der Art und Weise, wie die Menschen miteinander reden. Das hat mich wahnsinnig beeindruckt. Wir müssen für eine gute Sprache kämpfen. Wir können nicht einfach dasitzen und abwarten, was als nächstes passiert.

Viele Leute denken, dass die Sprache kein Thema ist. Weil sie so allgegenwärtig ist. Alle benutzen sie. Wir denken darüber nicht wirklich nach, weil das Sprechen so natürlich scheint wie das Atmen. Doch Sprache ist alles andere als natürlich. Wir müssen Veränderungen in der Sprache sorgfältig beobachten und darauf reagieren. Was beispielsweise Trump tut, ist mitunter weniger gefährlich, als was er sagt und wie er es sagt. Als Politiker hat er es immerhin mit institutionalisierter Gewaltentrennung und Kontrolle zu tun. Im Bereich der Sprache aber, in seinen Reden, Interviews und besonders auf den Social-Media-Kanälen, kann er Krawall schlagen, wie es ihm nur gefällt.

Es handelt sich dabei um eine schwere Krankheit, die wir nicht von einem Tag auf den anderen kurieren können. Hier geht es um Jahre und Jahre harter Arbeit. Ich träume von einer Graswurzelbewegung in Polen, die nicht darauf aus ist, die große Politik auf einen Schlag zu verändern. Die Wipfel der Bäume werden wir nicht ändern, aber vielleicht können wir im Wurzelwerk etwas bewegen. Und ich bin echt schockiert, dass die politische Opposition in Polen so etwas nicht sieht. Sie verfügt über keine fundierte Diagnose der Gesellschaft; die PiS aber schon. Die PiS weiß genau, wo die Grundbedürfnisse der Menschen liegen. Die Menschen brauchen Wohnungen, also hat die PiS das Programm Mieszkanie+ eingeführt [ein subventioniertes Wohnprogramm]. Die Menschen haben Kinder, also haben sie das Programm 500+ eingeführt [eine finanzielle Unterstützung für Familien, vergleichbar mit dem Kindergeld in Deutschland]. Das ist eigentlich sehr sozialistisch…

…obwohl die PiS sich als antisozialistisch und antikommunistisch inszeniert. Glaubst du, dass diese Programme auf längere Frist nachhaltig sind?

Ich weiß nicht, ob sie Polen wirklich verändern werden – vielleicht sind sie nur symbolisch. Es wird noch einige Jahre dauern, bevor man das beurteilen kann. Trotzdem, alleine die Art, wie die PiS über die Programme spricht – sie kommunizieren wirklich mit den weniger Privilegierten, den gewöhnlichen Menschen und Familien. Sie haben eine positive Strategie, ein positives Programm, nicht nur negative Kritik. Und ich denke, dass die liberale und linke Opposition kein positives Programm hat. Sie haben keine klare Vision, oder vielleicht teilen sie diese auch einfach nicht mit. Sie sehen, dass der Patient krank ist, doch sie wissen nicht, wie sie ihn heilen sollen. Sie wollen ihm den Arm amputieren, weil er gebrochen ist.

Aus der Außenperspektive scheint die politische Opposition in Polen tatsächlich eher schwach und ineffizient.

Ich sage dir, was die Opposition in Poznań im Moment macht. Die liberale Partei Nowoczesna [Die Moderne] trommelte viele Leute zusammen. Sie hatten ein riesiges Poster mit den Gesichtern derjenigen PiS-PolitikerInnen, die für das neue Gesetz gestimmt hatten, also das Gesetz, das dem Justizminister die Kontrolle über das Oberste Gericht gibt. Natürlich ist dieses Gesetz eine Katastrophe. Aber die Gesichter auf einem Poster abzubilden, das ist wie in einem Western-Film – Wanted, dead or alive! Ist das nicht verrückt? Sie nennen sich Nowoczesna, also „die Moderne“, aber sie verwenden Strategien aus dem 19. Jahrhundert!

Und wenn sich jemand widerspricht, profitieren die GegnerInnen davon ungemein …

Genau. Deshalb hatte ich auch Angst, dass diese Menschenmenge zu einem PiS-Büro geht und die Fensterscheiben einschlägt oder so etwas. Das wäre das Schlimmste – oder eher das Beste, nämlich für die PiS. Es würde sie zu Opfern machen. Hass, egal in welcher Form, hat die Energie eines Bumerangs: Er kehrt zu Dir zurück. Aber das ist natürlich sehr schwer zu kommunizieren. Jeder und jede fühlt sich heute zunehmend berechtigt, Hass nach außen zu tragen. Und sie sehen nicht, dass dieser Hass zu ihnen zurückkommen und sie heimsuchen wird.

Das bringt uns zurück zur Frage der Kommunikation. Wie hat sich die Kommunikation mit und unter den Protestierenden auf dem Plac Wolności entwickelt?

An den Aktionen entwickelten wir tatsächlich eine andere Kommunikationsform. Als ich zusammen mit Richterin Olimpia Barańska-Małuszek von der Vereinigung „Iustitia“ das erste mal auf den Plac Wolności ging, setzten wir nicht mal ein Lautsprechersystem ein. Ich erzählte den Anwesenden einfach, weshalb ich gekommen war, und dass diejenigen, die mit mir einig waren, ein Licht anzünden sollten. Małuszek las eine Stellungnahme der RichterInnen vor. Das war alles.

Das war am Tag Eins. Aber bestimmt gab es danach kritische Stimmen. Ich kann mir vorstellen, dass viele Leute argumentierten, dass Schweigen als politischer Aktivismus nicht ausreiche.

Tatsächlich beschwerten sich einige Personen: Was wollt ihr mit diesem Schweigen bezwecken?! Das wird keinen Eindruck auf die PiS machen! Also dachte ich, gut, machen wir etwas Lärm. Aber ich sah den Hass in dieser wütenden Menge. Wir mussten einen Weg finden, mit den Emotionen umzugehen und die Spannung zu verringern. Am ersten Tag hieß ich alle Leute willkommen: „Ich begrüße alle Politiker, ich begrüße alle Mechaniker, ich begrüße alle Lehrerinnen, ich begrüße alle Anwältinnen, ich begrüße alle gesellschaftlichen Klassen“, und so weiter. Denn meiner Meinung nach hat jedeR Anspruch auf ein unabhängiges Justizsystem. Das ist ein grundlegendes Menschenrecht. Deshalb begrüßte ich alle. Doch während ich das tat, begannen die Leute zu klatschen. Was dazu führte, dass sie gar nicht verstehen konnten, wen ich da begrüßte. Also führte ich am zweiten Tag ein neues Schema ein. Ich sagte: „Ich begrüße die Mechaniker“ und forderte die Menge auf, einmal zu klatschen. Dann sagte ich: „die Köchinnen“. Ein Klatschen. „Die Lehrer.“ Ein Klatschen. Und so weiter. So wurde es mehr zu einer Art Hip-Hop-Performance – okay Leute, ich will euch hören! Es war wirklich sehr lustig, denn wir haben Linke, Rechte und Gemäßigte begrüßt – eben alle, wie ich schon gesagt habe. Ich habe mich auch bewusst rechter beziehungsweise der PiS-Sprache bedient. Ich sagte: „Ich begrüße Vegetarier, Radfahrerinnen und Intellektuelle“, das heißt all jene, die von den PiS-PolitikerInnen herabgesetzt werden.

Ich nehme an, die Veranstaltung beschränkte sich nicht auf das Begrüßen der Versammelten?

Nach der Begrüßung riefen wir nicht nur negative, sondern auch positive Parolen und konkrete Forderungen, etwa „Wir wollen das Veto!“ [des polnischen Präsidenten Andrzej Duda gegen die PiS-Reformen]. Wir haben aber keine verunglimpfende Sprache verwendet. Das war absolut verboten. Danach gab es einen weiteren Teil: Alle waren eingeladen, vor der Menge zu sprechen. Das heißt, alle außer den PolitikerInnen. Ich wollte verhindern, dass die Versammlung durch Parteipolitik instrumentalisierte wurde. Also haben alle möglichen Leute gesprochen, SoziologInnen, RichterInnen, eben alle möglichen BürgerInnen. Ich freute mich über die Medienpräsenz. Die Medien haben live vom Plac Wolności gesendet, während vollkommen zufällige Menschen ihre Meinung öffentlich kundtaten. Natürlich waren auch PiS-WählerInnen darunter, was in krassem Gegensatz zum fortwährenden polnisch-polnischen Krieg im Parlament stand. Ich hatte das nicht erwartet. Es entpuppte sich aber immerhin als Versuch, eine Brücke über den Graben zu bauen, der die PiS-WählerInnen von den linken und Mitte-Links-WählerInnen trennt. Wir sind alle verschieden. Doch es ist möglich, zusammenzuleben, solange wir uns nicht radikalisieren.

Meinen eigenen Beobachtungen zufolge offenbart sich die Radikalisierung der polnischen Gesellschaft, besonders der sogenannten „Mitte der Gesellschaft“, vor allem an Veranstaltungen zu Ehren wichtiger Ereignisse der polnischen Geschichte.

In dieser Hinsicht ist ein Vergleich zwischen Poznań und Warschau interessant. Am 11. November feiert Poznań den Martinstag. Unsere Hauptstraße trägt den Namen des heiligen Martins. Der Martinstag ist ein Familienanlass, alle essen Rogale Świętomarcińskie [Posener Martinshörnchen, eine lokale Spezialität], haben Spaß und lauschen den Konzerten vor dem Schloss, das von den Deutschen als Residenz für Kaiser Wilhelm II. erbaut wurde. Es ist erstaunlich, dass niemand mehr dieses Gebäude als ein deutsches Gebäude versteht. Es ist jetzt ein Posener Gebäude.

Allerdings feiert Polen am 11. November auch den Unabhängigkeitstag. Es gibt zahllose Veranstaltungen, Reden von Politikern, Armeeparaden und so weiter. Alle sind fürchterlich ernst, obwohl es ein Tag der Freude sein sollte. NationalistInnen instrumentalisieren diesen Tag für ihre spezifische Parteipolitik. Der Unabhängigkeitsmarsch in Warschau ist wirklich angsteinflößend, denn einige Anführer des Marsches skandieren oft rassistische und xenophobe Parolen…

Was nicht einmal Sinn ergibt, wenn man an die patriotischen Ideen des ersten Präsidenten der Zweiten Polnischen Republik (1918–1939/45), Józef Piłsudski (1867–1935), denkt. Er war einerseits ein militanter und autoritärer sozialnationalistischer Romantiker, andererseits aber ein Philosemit. Seine Vision des neuen unabhängigen Polens war eine multikulturelle, multiethnische Republik in der Tradition der „Goldenen Ära“ des 16. und 17. Jahrhunderts.

Wir haben in Polen zwei sich zuwiderlaufende patriotische Traditionen. Eine stammt, wie du gesagt hast, von Józef Piłsudski. Die andere kommt von Roman Dmowski [1864-1939], der ein äußerst chauvinistischer und antisemitischer Politiker war. Die PiS reiht sich in diese Tradition des Nationalismus ein. Es ist kein Zufall, dass der Unabhängigkeitsmarsch in Warschau am Dmowski-Kreisel [Rondo Romana Dmowskiego] beginnt. So feiert Warschau den 11. November. Einmal gab es auch einen nationalistischen Marsch in Poznań. Die Teilnehmer riefen: „Poznań ist eine nationale Stadt!“. Ich habe einen Kommentar auf Facebook veröffentlicht, in dem ich schrieb: „Poznań ist eine internationale Stadt! Das ist, was ihr rufen solltet!“ Denn im 20. Jahrhundert war die Internationale Messe Poznań der Motor der Stadt und formte deren Identität. Auch heute ist die Messe noch wichtig, aber im Kommunismus und sogar vor dem Zweiten Weltkrieg war sie Hauptantrieb der Stadt. Es gibt nicht viele Städte in Polen mit so internationalen Verbindungen. Poznań war – und ist immer noch –  ein Fenster zur Welt. Unser internationaler Charakter ist unsere Identität. Wer das nicht sieht, ist kein Patriot, sondern ein Heuchler. Und ich bin stolz darauf, dass Poznań keine Stadt ist, wo die Leute TV-Übertragungswagen anzünden oder sich Scharmützel mit der Polizei liefern. Hier bauen wir einen Geist der Zusammengehörigkeit.

Würdest du Poznań als eine Hochburg des liberalen, internationalen Polens bezeichnen?

Vielleicht ist es das, aber die Stadt ist auch gespalten. Unser Stadtpräsident Jacek Jaśkowiak ist zum Teil mitverantwortlich dafür, dass sich diese Spaltung noch verstärkt. Manchmal forciert er sein progressives Programm zu stark. Er hat gute Ideen, schafft es aber nicht, diese ausreichend zu kommunizieren. Er macht vieles richtig, doch er erklärt zuwenig, weshalb er das macht, was er macht. Wrocław (Breslau), Słupsk und Trójmiasto [Dreistadt, die Metropolregion der Städte Gdańsk (Danzig), Gdynia und Sopot] sind ebenfalls liberale Städte. Słupsk zum Beispiel wird von Robert Biedroń regiert, dem Hoffnungsträger der polnischen Linken, der sich hervorragend auf das Kommunizieren seiner Ideen versteht. Es gibt also mehr als nur Poznań. Nichtsdestotrotz gibt es in Wrocław auch radikale Nationalisten. Vor nicht allzu langer Zeit haben sie sogar eine Juden-Puppe verbrannt! Es ist unglaublich. In Poznań sind wir vielleicht etwas vernünftiger. Natürlich gibt es hier Rechte und natürlich auch radikale Gruppierungen. Aber ich denke, dass sie weniger zahlreich sind als woanders.

Im 18. Jahrhundert waren es genau die inneren Streitigkeiten und die Uneinigkeit der PolInnen, was dem Niedergang und schließlich den drei Teilungen der Rzeczpospolita (Republik) den Weg bereitete. Hätten die polnischen Adligen ein Einheitsgefühl oder zumindest das Verständnis dafür gezeigt, dass eine Zusammengehörigkeit notwendig war, wäre es Preußen, Russland und Österreich nicht so leichtgefallen, die polnischen Gebiete zu erobern und unter sich aufzuteilen. Und jetzt spalten die Nationalisten die Nation für das angebliche Wohl der Nation. Droht Polen die Gefahr, dass sich die Geschichte wiederholt oder eher: wiederholt wird? Und siehst du eure über- oder post-parteilichen Aktivitäten in der Zivilgesellschaft als Versuch, das zu verhindern?

Letztes Jahr feierten wir das 60-jährige Jubliäum des Posener Aufstands gegen den Kommunismus. Es war einer der traurigsten Tage meines Lebens. In Poznań gab es eine Veranstaltung mit dem Staatspräsidenten Andrzej Duda [der enge Verbindungen zur PiS hat und als Marionette von PiS-Parteipräsident Jarosław Kaczyński gilt] und dem ehemaligen polnischen Präsidenten Lech Wałęsa [einer der Anführer der Solidarność-Bewegung, die das Ende der Sowjetunion einleitete], an der Tausende von Menschen teilnahmen. Die Veranstaltung fand vor dem Denkmal des Posener Aufstands in der Nähe des Schlosses statt. Während Wałęsas Rede klatschten einige Leute. Andere buhten Wałęsa aus und riefen „Geh nach Hause, Bolek!“ [Wałęsas Codename als mutmaßlicher Agent des polnischen Geheimdiensts im Kommunismus]. Während Dudas Rede war die Situation umgekehrt. Einige Leute klatschten, während andere buhten und „Geh nach Hause!“ riefen. Das war keine Gesellschaft. Es war eine Zusammenkunft feindlicher Stämme. Jeder Stamm hatte seine eigenen Grundsätze und seine eigene Flagge. Außerdem war eine Gruppe von Radikalen da, Fußballfans, die riefen: „Eins mit der Sichel, eins mit dem Hammer!“, was so viel heißt wie: Nieder mit dem Kommunismus! Aber das war eine Minderheit, vielleicht fünfzig Leute. Für mich war der Graben zwischen den restlichen TeilnehmerInnen viel trauriger. Ich dachte: „Ach du meine Güte, der Bürgerkrieg ist nur noch eine Frage der Zeit!“ Ich hatte Angst vor einem polnischen Maidan. Ich denke, dass ein Maidan-Szenario in Warschau durchaus möglich ist. Deshalb wollte ich dieses Jahr, als ich die Proteste in Poznań zu organisieren begann, eine Alternative zu Teilung und Polarisierung aufzeigen.