US-amerikanische Eliteuniversitäten wie Harvard sehen sich inmitten in einem doppelten Kulturkampf. Einerseits wird der Kampf gegen Antisemitismus von rechts instrumentalisiert, andererseits müssen Einschüchterungen und Diskriminierungen gegenüber jüdischen Studierenden ernst genommen werden.

  • Sebastian Musch

    Sebastian Musch ist Alfred Landecker Lecturer am Historischen Seminar und Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück. Promotion an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg zur Wahrnehmung des Buddhismus bei deutsch-jüdischen Denkern. Unter anderem Stationen in Mailand, Haifa, Berkeley und Oxford. Zuletzt Harry Starr Fellow in Judaica an der Harvard University.

Die anti­se­mi­ti­sche Welle, die seit dem 7. Oktober 2023 und dem darauf­fol­genden Krieg im Gaza-Streifen viele west­liche Länder erfasst hat, machte auch vor Harvard, der nach eigenem Selbst­ver­ständnis welt­weit führenden Univer­sität, keinen Halt. Die Liste an beschä­menden Vorfällen ist lang und reicht vom öffent­li­chen Bedrängen jüdi­scher Studie­render mit Kippa bis hin zur Verbrei­tung anti­se­mi­ti­scher Kari­ka­turen durch Studie­ren­den­gruppen. Diese anti­se­mi­ti­schen Vorfälle werden aller­dings von rechten Akteur*innen für ihre eigenen Zwecke poli­ti­siert und instru­men­ta­li­siert; die Angriffe auf Harvard sind Teil einer größeren Offen­sive gegen die US-amerikanischen Elite­uni­ver­si­täten von rechtsaußen.

Harvard und das „Jüdi­sche Problem“

Als Inbe­griff akade­mi­scher Exzel­lenz und der WASP-Kultur, also der White-Anglosaxon-Protestant Leistungs- und Funk­ti­ons­eliten, die die Univer­sität und das Land lange domi­nierten, war der jüdi­sche Erfolg in Harvard lange auch ein Ausdruck des gesell­schaft­li­chen Aufstiegs der Jüdinnen und Juden in den USA. Obwohl die jüdi­sche Gemein­schaft in den USA nur zwei Prozent der Bevöl­ke­rung ausmacht, waren in den 1960er Jahren an die 25 Prozent der Studie­renden in Harvard jüdisch. Noch heute liegt der Anteil jüdi­scher Studie­render in Harvard bei rund 10 Prozent.

Dabei mussten jüdi­sche Studie­rende in Harvard und anderen Ivy-League-Universitäten lange mit einem tief veran­kerten Anti­se­mi­tismus kämpfen. Damals – genau wie heute – stand die Frage nach der jüdi­schen Präsenz in Harvard im Fokus gesell­schaft­li­cher Auseinandersetzungen.

Wie der US-Historiker Jerome Karabel, Harvard-Absolvent und Sozio­lo­gie­pro­fessor an der Univer­sity of Cali­fornia at Berkeley, in seinem Buch The Chosen – The Hidden History of Admis­sion and Exclu­sion at Harvard, Yale, and Princeton zeigte, wurde ab den 1920er Jahren versucht, den Anteil jüdi­scher Studie­render nach unten zu drücken. Aus Angst, die WASP-Eliten würden ihre Söhne (weniger ihre Töchter, denn Harvard nahm damals nur verein­zelt Frauen auf) auf anderen Ivy League-Universitäten schi­cken, schlug der dama­lige Präsi­dent A. Lawrence Lowell 1922 eine Quote vor, mit dem Ziel, die Prozent­zahl jüdi­scher Studie­render von über 20 Prozent – und stei­gend – auf rund 15 Prozent zu drücken. Der Streit über das „Jewish problem“ spal­tete die Univer­sität und wurde teil­weise über die Presse ausge­tragen. Letzt­end­lich hatte Lowell Erfolg. Jüdi­sche Bewerber*innen wurden bei der Vergabe von Stipen­dien benach­tei­ligt. Durch seine Initia­tive wurden zudem die ausle­gungs­be­dürf­tige Kate­gorie „character“ – sowie später „perso­na­lity“ und „leader­ship“ Teil des Zulas­sungs­ver­fah­rens. Hinter diesen Chif­fren verbargen sich anti­se­mi­ti­sche Stereo­type. Jüdi­schen Bewerber*innen um Studi­en­plätze wurde entweder zu viel oder zu wenig Charakter, oder auch einfach der falsche Charakter beschieden. Charak­ter­for­mung in dem Sinne, wie sie sich Lowell vorstellte, erfolgte in einem WASP-Haushalt, nicht in den oftmals migran­tisch geprägten jüdi­schen Fami­lien, deren Abkömm­linge mit exzel­lenten akade­mi­schen Leis­tungen nach Harvard drängten.

Als Lowell das Amt des Univer­si­täts­prä­si­denten 1933 nach 24 Jahren abgab, war der Prozent­satz jüdi­scher Studie­render auf rund 12 Prozent gesunken. Auch unter der Ägide des neuen Präsi­denten James B. Conant ändert sich zunächst wenig. Bis 1941 stagnierte die Anzahl jüdi­scher Studie­render. Erst in der Nach­kriegs­zeit kam es zu einer meri­to­kra­ti­schen Wende, um deren genaue Ausfor­mung jahre­lange gestritten wurde, und zu einer wirk­li­chen Öffnung des Zulas­sungs­ver­fahren sowie zu der Trans­for­ma­tion Harvards zu einer inter­na­tio­nalen Univer­sität und globalen Marke. Die Anzahl jüdi­scher Studie­render stieg bis 1952 wieder auf 25 Prozent und blieb jahr­zehn­te­lang ähnlich hoch, sinkt aber wiederum seit einigen Jahren. Dies ist aller­dings weniger auf Anti­se­mi­tismus als auf demo­gra­fi­sche und bildungs­po­li­ti­sche Entwick­lungen zurück­zu­führen. Mitt­ler­weile machen andere Minder­heiten, vor allem asia­ti­sche Amerikaner*innen mit beinahe 30 Prozent und Afroamerikaner*innen mit 10 bis 14 Prozent einen Groß­teil der Studie­ren­dens­schaft aus.

Wie Karabel in seinem Buch zeigt, waren die Ausein­an­der­set­zungen um die Zulas­sungen in Harvard nur ein Teil eines größeren Diskurses um die Verlust­ängste der WASP-Eliten, die ihre Privi­le­gien und ihren gesell­schaft­li­chen und ökono­mi­schen Status durch die aufstre­bende jüdi­sche Gemein­schaft, oftmals erst vor einer oder zwei Gene­ra­tionen in die USA immi­griert, bedroht sahen. Damals wie heute waren – wenn auch unter verän­derten Vorzei­chen – Kultur­kampf und Anti­se­mi­tismus in Harvard eng verknüpft. Ging es damals darum, gesell­schaft­liche Räume gegen ein jüdi­sches Eindringen zu vertei­digen, wird heute der Kampf gegen Anti­se­mi­tismus genutzt, um vermeint­lich libe­rale und progres­sive Räume anzu­greifen und für den Rechts­kon­ser­va­tismus zurückzuerobern.

Ein Campus unter Druck von (rechts)außen

In das Licht der welt­weiten Öffent­lich­keit gerieten die anti­se­mi­ti­schen Vorfälle in Harvard Mitte Dezember 2023. In einer öffent­li­chen Kongress­an­hö­rung wurden die Univer­si­täts­prä­si­den­tinnen Clau­dine Gay (Harvard), Sally Korn­bluth (M.I.T.) und Liz Magill (Univer­sity of Penn­syl­vania) zu den anti­se­mi­ti­schen Vorfällen an den drei Univer­si­täten befragt. Von der fünf­stün­digen Befra­gung durch die Kongress­ab­ge­ord­neten machte ein kurzer Ausschnitt die Runde durch die Sozialen Medien, in dem die drei Präsi­den­tinnen wieder­holt von der Trump-nahen Abge­ord­neten Elise Stefanik (Harvard-Abschluss) gefragt wurden, ob der „call for geno­cide of Jews“, also der „Aufruf zum Völker­mord an den Juden“, gegen den jewei­ligen Code of Conduct, den Verhal­tens­kodex, zu dem sich alle Studie­renden verpflichten, verstoße. Den drei Univer­si­täts­prä­si­den­tinnen gelang es nicht, darauf eine über­zeu­gende Antwort zu geben. Auch auf die wieder­holte Nach­frage Stefa­niks verwies Gay auf den Kontext, in dem anti­se­mi­ti­sche Aussagen getroffen würden. Sie stellte also die Frage, ob auf „speech“ auch „conduct“ folge, in den Mittel­punkt. Dies konnte nicht nur als offene Einla­dung verstanden werden, eben von jener anti­se­mi­ti­schen Rede auf dem Campus Gebrauch zu machen, sondern hinter­ließ auch den verhee­renden Eindruck, dass Harvard bei anti­se­mi­ti­schen Vorfällen einen Laissez Faire-Ansatz verfolge.

Die Präsi­dentin der Univer­sity of Penn­syl­vania trat inner­halb von Tagen auf öffent­li­chen Druck hin zurück. Clau­dine Gay wurde zunächst durch die oberste Körper­schaft der Univer­sität, der soge­nannten Harvard Corpo­ra­tion, der Rücken gestärkt. Doch in den folgenden Wochen wurden Plagi­ats­vor­würfe gegen Clau­dine Gay laut. Eine maßgeb­liche Rolle in der Kampagne gegen Clau­dine Gay spielte der Akti­vist und selbst­er­nannte cultural warrior Chris­to­pher Rufo (mit Abschluss von Harvard Exten­sion, dem offenen Weiter­bil­dungs­pro­gramm der Univer­sität), der auf seinem Blog die ersten Plagiatsvorwürfe veröf­fent­licht hatte.

Bei den vermeint­li­chen Plagiaten handelte es sich teil­weise um Peti­tessen, teil­weise um grobe Verstöße gegen Harvards eigenes Regel­werk für Studie­rende. Letzt­end­lich wurde der Druck von Alumni/Alumnae und Spender*innen auf die reichste Univer­sität welt­weit mit einem Endow­ment von über 50 Milli­arden Dollar zu groß: Im Januar 2024 trat Clau­dine Gay zurück. Ihre Amts­zeit war die kürzeste in der Geschichte der Univer­sität. Seitdem ist Harvard nur teil­weise zur Ruhe gekommen.

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Während­dessen versuchten externe Akteur*innen die Stim­mung auf dem Campus anzu­heizen. Zeit­weise fuhr zum Beispiel ein Last­wagen rund um den Campus in Cambridge, Massa­chu­setts, der von der rechts­kon­ser­va­tiven Gruppe Accu­racy in Media finan­ziert wurde, und Studie­rende, die nach dem 7. Oktober ein einsei­tiges anti-israelisches State­ment unter­schrieben hatten, mit Fotos und Namen als „Harvard’s leading Anti­se­mites“ titu­lierte. Viele Veran­stal­tungen zu Israel und Paläs­tina waren nur noch für Univer­si­täts­an­ge­hö­rige zugänglich.

Die Univer­sität versuchte, den Anse­hens­ver­lust mehr­gleisig anzu­gehen. Zum einen setzte sie auf Dialog und Debatte. Eine kaum über­schau­bare Reihe an Veran­stal­tungen zu Israel/Palästina ergänzten seitdem das Curri­culum. Taskforces gegen Anti­se­mi­tismus und anti­mus­li­mi­schen Rassismus wurden einge­richtet. Pro-palästinensische und pro-israelische Demons­tra­tionen fanden während des Früh­jahrs­se­mes­ters auf dem Campus mehr­mals wöchent­lich statt. Im Früh­jahr wurde auf dem Campus auch ein pro-palästinensisches Protest­camp errichtet. Mit einer Mischung aus Straf­maß­nahmen gegen die kampie­renden Student*innen und Zuge­ständ­nissen gelang es der Univer­si­täts­ver­wal­tung, eine Eska­la­tion zu vermeiden. Zu den gewalt­samen Auflö­sungen wie an der Columbia Univer­sity und der Univer­sity of Cali­fornia, Los Angeles, kam es nicht, und das Encamp­ment in Harvard Yard wurde Mitte Mai von den Demonstrant*innen abge­baut. Es wurden zudem Gäste quer über das poli­ti­sche Spek­trum einge­laden, wie zum Beispiel die UN-Sonderberichterstatterin für Paläs­tina Fran­cesca Alba­nese sowie der jüdi­sche Publi­zist Peter Beinart, der es mit isra­el­kri­ti­schen Posi­tionen zu einiger Promi­nenz gebracht hat, ebenso wie Jared Kushner, jüdi­scher Schwie­ger­sohn von Donald Trump und während Trumps Präsi­dent­schaft für die US-amerikanische Politik im Nahen Osten mitverantwortlich.

Die Angriffe von Rechts­außen sind mit solchen klein­tei­ligen Maßnahmen aber nur begrenzt abwehrbar, geht es doch eigent­lich um nicht weniger als einen ideo­lo­gi­schen Umbau der US-amerikanischen Eliteuniversitäten.

„What if Harvard is bad for America?“

Der konser­va­tive Think Tank American Enter­prise Insti­tute veröf­fent­lichte jüngst einen Kommentar mit dem Titel „What if Harvard is bad for America?“ Ist dies die konser­va­tive Abkehr von der von mittel­inks bis mitte­r­echts getra­genen Idoli­sie­rung der US-amerikanischen Ivy-League-Universitäten und das Ende ihrer – gesamt­ge­sell­schaft­lich durchaus proble­ma­ti­schen – Funk­tion bei der Elitenbildung?

Die rechts­kon­ser­va­tiven Klagen, an den Elite­uni­ver­si­täten laufe der libe­rale Geist Amok, sind nicht neu und haben promi­nente Vorläufer. Der konser­va­tive Vordenker William F. Buckley, Jr. hatte 1951 in seinem Buch God and Man at Yale die Elite­uni­ver­sität in New Haven als Hort des Athe­ismus und Libe­ra­lismus darge­stellt. In den letzten Jahren gab einige Bestre­bungen, durch Neugrün­dungen Alter­na­tiven zu den Ivy League-Universitäten zu schaffen. Doch bisher blieb es meist bei Potem­kin­schen Dörfern: schicke Webseiten mit Werbe­vi­deos und einge­flo­genen Gastprofessor*innen, die aller­dings selten gewillt waren, ihre Posi­tionen an den etablierten, angeb­lich links­do­mi­nierten privaten und staat­li­chen Univer­si­täten aufzu­geben. Eine ernst­hafte Konkur­renz zu den Etablierten ist bisher nicht entstanden. Auch ist damit nicht so schnell zu rechnen. Harvard und Yale verdanken ihre Stel­lung jahr­zehn­te­langen, wenn nicht jahr­hun­der­te­alten Pfad­ab­hän­gig­keiten. Das soziale und kultu­relle Kapital der Ivy League-Universitäten baut vor allem – neben den extra­or­bi­tanten Endow­ments – auf der schwer zu repli­zie­renden Grund­zutat Repu­ta­tion auf.

Das seit Buckley konstante konser­va­tive Lamento über die vorherr­schende vermeint­liche linke Gott­lo­sig­keit, genauso wie das in jüngerer Zeit evozierte Schreck­ge­spenst des „Neomar­xismus“, konnten also bisher der Anzie­hungs­kraft einer Ivy League-Erziehung wenig anhaben. Die Domi­nanz der Wall Street und des Beltway, also der Finanz- und Poli­ti­kel­iten, durch Absolvent*innen dieser Insti­tu­tionen scheint unge­bro­chen. Auch die konser­va­tive Elite rekru­tierte sich weiterhin aus Harvard, Yale et al: von George W. Bush (Harvard-Abschluss), über die Sena­toren Ted Cruz (Harvard-Abschluss) und J.D. Vance (Yale-Abschluss) bis hin zu den konser­va­tiven ebenso wie libe­ralen Richter*innen am Obersten Gerichtshof, die beinahe alle in Harvard oder Yale ihr Jura­stu­dium absol­viert haben. Und selbst Trump lässt ja kaum eine Gele­gen­heit aus, sein Studium an der Univer­sity of Penn­syl­vania, eben­falls eine Ivy League-Universität, zu erwähnen.

Erfolgs­ver­spre­chender scheint den Rechten die Revo­lu­tion von innen: Das System der Elite­uni­ver­si­täten soll nicht zerstört, sondern umge­baut werden. Eine exem­pla­ri­sche Über­nahme einer Bildungs­an­stalt findet man bereits in Florida. Das ursprüng­lich als progressiv und LGTBQ+-friendly bekannte New College of Florida, eine kleine Insti­tu­tion an der Küste vom Golf von Mexiko, wurde Opfer einer feind­li­chen Über­nahme, als Ron DeSantis (Harvard-Abschluss und Yale-Abschluss), Governor von Florida, kurzer­hand das Kura­to­rium des Colleges entließ und neu mit ideo­lo­gi­schen Gefolgs­män­nern und -frauen besetzte. Darunter auch Chris­to­pher Rufo, dessen Quali­fi­ka­tion zur Aufsicht einer akade­mi­schen Insti­tu­tion man doch als sehr begrenzt einstufen muss. Seitdem wurden die Grund­sätze Diver­sity, Equity, and Inclu­sion (=DIE) aus der insti­tu­tio­nellen Selbst­ver­pflich­tung gestri­chen und das mit der Umset­zung beauf­tragte DEI-Office des Colleges geschlossen und das Curri­culum umge­krem­pelt. Ein großer Teil der ursprüng­li­chen Studie­renden und Professor*innen hat das College verlassen. Der Präsi­dent des New College of Florida, Richard Corcoran, hat unter­dessen ange­kün­digt, dass jüdi­sche Studie­rende aus Harvard, die vor dem dortigen Anti­se­mi­tismus fliehen würden, am New College keine Studi­en­ge­bühren zahlen müssten. Ob Studie­rende das Angebot schon ange­nommen haben, ist bislang nicht bekannt.

Gegen Instru­men­ta­li­sie­rung und gegen Antisemitismus

Aus dem Beispiel des New College of Florida lässt sich eine rechte Vision für die US-amerikanischen Bildungs­in­sti­tu­tionen nach dem Kultur­kampf, nach der Austrei­bung von DEI und „woke­ness“, destil­lieren. Als nächstes also Harvard?

Doch vor der Revo­lu­tion von innen müssen die altehr­wür­digen Mauern der Ivy League-Universität ins Wanken gebracht werden. Die ist zumin­dest teil­weise bereits gelungen. Als Antwort auf die scharf geführten Debatten der letzten Monate hat Harvard sich kürz­lich zur insti­tu­tio­nellen Neutra­lität verpflichtet und wird in Zukunft keine poli­ti­schen State­ments zu Ange­le­gen­heiten – wie zum Beispiel in der Vergan­gen­heit nach dem Tod von George Floyd oder dem russi­schen Angriff auf die Ukraine – abgeben, die die akade­mi­schen Aufgaben der Univer­sität nicht direkt berühren. Die rechten cultural warriors werten dies als ihren Erfolg. Zudem ist in diesem Jahr ist die Anzahl der Bewer­bungen auf das grund­stän­dige (under­gra­duate) Studium in Harvard gesunken – um 5 Prozent. Ein signi­fi­kanter Rück­gang, um dessen Deutung noch gerungen wird. Dass die Debatten um Anti­se­mi­tismus dem Ansehen der Univer­sität geschadet haben, lässt sich nicht bestreiten. Somit ist der Rück­gang der Bewer­bungen auch eine Warnung an die Universitätsleitung.

Mit ihrer zöger­li­chen Haltung gegen­über den anti­se­mi­ti­schen Vorfällen im Zuge der Proteste gegen den Krieg im Gaza­streifen hat die Univer­sität es den rechten cultural warriors lange genug leicht gemacht. In einem Ende Juni veröf­fent­lichten Bericht beklagt die eigens einge­rich­tete Task Force zur Bekämp­fung von Anti­se­mi­tismus ein Klima der Einschüch­te­rung und Diskri­mi­nie­rung seit dem Terror­an­schlag vom 7.Oktober 2024 gegen­über jüdi­schen und insbe­son­dere israe­li­schen Studie­renden in Harvard. Hier nicht klare Kante zu zeigen und die Kritik am Anti­se­mi­tismus den rechten cultural warriors zu über­lassen, schadet der Univer­sität sowie der pro-palästinensischen Protest­be­we­gung, die sich so leicht als anti­se­mi­tisch dele­gi­ti­mieren lässt. Vor allem aber schadet es den betrof­fenen jüdi­schen Studie­renden, die ein Recht auf ein Studium ohne Anti­se­mi­tismus an der ältesten Univer­sität auf US-amerikanischen Boden haben und deren Erfah­rungen zu lange kaum Beach­tung geschenkt wurde.