Handspiel

Der „Doppeladler“-Torjubel von Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri ist mehr als Ausdruck einer von Migration geprägten Schweiz. In ihm zeigt sich eine Art von Fussball, die nationale Rivalitäten aufs Äusserste kultiviert und Versöhnung verhindert.



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Fussball bewegt. Mehr noch als der Fussball bewegt aber die Nation. Gerade die Fussball-Weltmeisterschaft der Männer stellt nicht nur die Popularität des Ballsports und die Vermarktungsfähigkeiten des Weltfussballverbands unter Beweis, sondern auch die Anziehungskraft des Nationalen. Wer wollte schon die im Vergleich zu Champions-League-Spielen höheren Fernseheinschaltquoten mit der an „der WM“ gebotenen fussballerischen Leistung erklären? Wenig erstaunlich also, dass in der Schweiz über den Torjubel der schweizerischen Nationalspieler Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri heftig debattiert wurde. Die beiden Fussballer hatten nach ihren Treffern im Spiel gegen Serbien den Doppeladler der albanischen Flagge mit ihren Händen nachempfunden. Für viele in der Schweiz ein Unding, schliesslich habe man für eine, nämlich die schweizerische, Nation zu spielen – dann aber auch bitte beim Schweizerpsalm sein Äusserstes zu geben.

Die Diskussion ist nicht neu. Für weite Teile der Schweizer Öffentlichkeit ist es ein Problem, wenn Migranten ihren Mehrfachzugehörigkeiten im Schweizer Trikot Ausdruck verleihen. Vor einigen Jahren sah sich sogar der Schweizer Fussballverband dazu veranlasst, den Gebrauch des «Doppeladlers» zu reglementieren. Doch wer die Diskussion um den Torjubel auf die Frage der Legitimität von Mehrfachzugehörigkeiten reduziert, wird den Komplexitäten der schweizerischen Einwanderungsgesellschaft nicht gerecht. Nicht alle Äusserungen von Migranten lassen sich in diesen althergebrachten Deutungsrahmen zwängen. Zur Verteidigung der beiden Spieler wies man in den Sozialen Medien humoristisch auf Wappenvögel in „urschweizerischen“ Kontexten hin, wertete den Torjubel als antirassistischen Akt oder solidarisierte sich im progressiven Selbstverständnis. Letzteres hatte der „Nati“-Captain Stephan Lichtsteiner bereits im Spiel vorgemacht. Doch damit ist es nicht getan. Stattdessen sollte man einen Blick auf die Verhältnisse im postjugoslawischen Sport wagen.

Nationalismen im postjugoslawischen Sport

Schaute man sich unmittelbar nach dem Spiel serbische Onlineportale an, konnte man den Eindruck gewinnen, dass die Aufmerksamkeit vor allem dem Spiel der serbischen Mannschaft und der Leistung des Schiedsrichters galt. Der Schweizer Torjubel bewegte wenig. Angesichts der Berichterstattung im Vorfeld der Partie konnte das erstaunen, schliesslich wurde auch in der Schweiz die Erwartung an ein „heisses“ Spiels geschürt. Doch gerade das Ausbleiben grösserer Reaktionen auf die Geste macht deutlich, wie sehr man sich im ehemals jugoslawischen Raum an die nationalistische Dramatisierung von sportlichen Duell gewöhnt hat.

Dies gilt insbesondere für den Männer-Fussball, der die meisten Zuschauer anzieht und wieder einmal Männern die Verteidigung der nationalen Ehren anvertraut. Wie überall war Fussball auch schon vor dem Zerfall Jugoslawiens nicht unpolitisch, seine Rhetorik oft kriegerisch. Seit seinen Anfängen war er zudem mit nationalen Bewegungen verknüpft. In den von den Zerfallskriegen geprägten jugoslawischen Nachfolgestaaten geriet er allerdings vollends zu einer Bühne, auf der Fangruppen sportlichen Wettbewerb mit nationalistischer Militanz und Geschichtspolitik engführten. In ihren Choreografien schworen sie der nationalen Sache die Treue und deuteten Quislinge und Faschisten aus dem Zweiten Weltkrieg, als Jugoslawien von den Achsenmächten zerschlagen und besetzt wurde, zu patriotischen und antikommunistischen Helden um.

Das lässt sich auch an der laufenden Weltmeisterschaft beobachten. Im Spiel gegen die Mannschaft von Costa Rica waren serbische Fans mit dem Banner einer militärischen Einheit zu sehen, die von einem „Grossserbien“ träumte und faktisch mit den Besatzern kollaborierte. Derweil zeigten Aufnahmen, wie kroatische Spieler in der Kabine ihren Sieg über Argentinien mit einem Lied der rechten Band „Thompson“ feierten, dessen erste Textzeile mit der Grussparole der faschistischen Ustaša-Bewegung identisch ist. Zwar gelang es nationalistischen Fussballfans nur in Kroatien und insbesondere Serbien zeitweise zu relevanten politischen Akteuren aufzusteigen, doch die Form ihrer Botschaften stösst auf grenzüberschreitende Zustimmung. So findet der in serbischen Stadien populäre Schlachtruf „Tötet den Albaner!“ andernorts seine Entsprechung: Letztes Jahr sangen etwa die Fans der kosovarischen und kroatischen Mannschaft in einem Qualifikationsspiel für die Weltmeisterschaft: „Tötet den Serben!“

Fussballspiele und Mordaufrufe

Ein Wandel erfolgt nur langsam, was sich auch an der Regelmässigkeit zeigt, mit der Strafen über die betreffenden Fussballverbände verhängt werden. Insbesondere bei Spielen zwischen Mannschaften mit den Farben der ehemaligen Kriegsgegner wird die nationale Konfrontation stets aufs Neue zur Schau gestellt. Ein Beispiel hierfür sind die Qualifikationsspiele im Rahmen der Weltmeisterschaft 2014 zwischen der kroatischen und serbischen Mannschaft, die ohne Gästepublikum ausgetragen werden mussten. Die mediale Aufmerksamkeit konnte ganz von den einheimischen Fans gepachtet werden, die sich jeweils als schlechte Gastgeber erwiesen. Im Hinspiel in Zagreb ordnete das Haupttransparent den Match in einen angeblich über tausend Jahre währenden kroatischen Abwehrkampf ein. In der serbischen Hauptstadt sorgten die Fans hingegen für Aufsehen, indem sie das im Kroatienkrieg von serbischen Truppen weitgehend zerstörte Vukovar für Serbien beanspruchten.

Hohe Wogen schlug das Länderspiel zwischen Serbien und Albanien im Rahmen der Qualifikation zur Europameisterschaft 2016: Eine Drohne trug die auf ein Banner gedruckten Umrisse eines weite Teile des Westbalkans einschliessenden „Grossalbaniens“ über das Feld. Das Publikum reagierte mit der Intonation von „Tötet den Albaner!“ und das Spiel musste nach einem Platzsturm abgebrochen werden. Angesichts solcher Exzesse ist es nicht überraschend, dass in der serbischen Öffentlichkeit heftige Reaktionen auf den „Doppeladler“ ausblieben. Die Geste wurde angesichts solch offener Bekenntnisse zum Massenmord eher als vergleichsweise harmloser Ausdruck der eigenen Zugehörigkeit verstanden.

Instrumentalisierungen des Fussballs von allen Seiten

Solche gewaltbereiten Fangruppen sind auch im ehemals jugoslawischen Raum keine Sympathieträger. Dennoch liegt der Akzent der Berichterstattung der in der Region dominanten Medien auf den Verfehlungen der Anhänger der gegnerischen Mannschaft. Es ist der ehemalige Kriegsgegner, den die Sportberichterstattung droht, als unverbesserlich und hasserfüllt hinzustellen. Auch aufgrund solcher eingespielten Erwartungen erklärt sich das Interesse der serbischen Öffentlichkeit an Spielern der Schweizer Fussballmannschaft mit albanischem Migrationshintergrund. Mit ihm stehen in erster Linie nationale Rivalitäten im Vordergrund und damit immer auch der politische Konflikt zwischen den Nationen, der sich hauptsächlich um das mehrheitlich von Albanern bewohnte und für den serbischen Nationalmythos zentrale Kosovo dreht. Vor zehn Jahren rief die ehemals serbische Provinz ihre Unabhängigkeit aus, die Serbien bis heute nicht anerkennt. Erschwert wird eine Annäherung auch, weil sich die serbische Gesellschaft einer adäquaten Auseinandersetzung mit der in den Neunzigern eskalierten Repressionspolitik gegenüber der kosovo-albanischen Bevölkerung verweigert, obwohl diese zur Flucht und Vertreibung von über einer Million Menschen führte. Dessen eingedenk sollte man sich mit überharten Urteilen gegen Xhaka und Shaqiri zurückhalten. Der Jubel ist auch Ausdruck einer von dieser Gewaltpolitik gezeichneten Biografie.

Zugleich wird auch im Kosovo fast ausschliesslich den „eigenen“ Opfern gedacht. Und überall wird die konfrontative Stimmung nicht zuletzt von politischen Eliten aufrechterhalten. Der um eine populistische Aussage nie verlegene serbische Präsident und mächtigste Mann im Staat Aleksandar Vučić witzelte vor der Weltmeisterschaft vielsagend, dass er einen deutlichen Sieg gegen die Schweiz erwarte. Der albanische Premierminister Edi Rama, der über eine Vereinigung Albaniens und Kosovos wiederholt laut nachgedacht hatte, feierte wiederum die Bilder des Torjubels als Foto des Tages. Die Schweizer Mannschaft trug allerdings nicht nur für Politiker, die aus serbisch-albanischen Konfrontationen Kapital schlagen, zunehmend die Züge eines albanischen und damit in den Konflikt involvierten Teams. In kroatischen und bosnischen Onlineportalen nahmen Kommentarschreiber den Sieg „der Albaner“ über die serbische Auswahl mit Genugtuung zur Kenntnis. So sehr sich in diesen Äusserungen auch die Perspektiven von Auswanderergesellschaften spiegeln, die den Bezug der Diaspora zur „alten Heimat“ betonen, so sehr zeigen sie auch, wie stark die Feindschaften der jugoslawischen Zerfallskriege im öffentlichen Bewusstsein präsent bleiben und im Sport fortgeschrieben werden.

Das gefährliche Spiel nicht mitspielen

Deswegen ist „der Doppeladler“ keine Bagatelle. Ihn ausgerechnet im Spiel gegen Serbien zu zelebrieren, bedeutete den sportlichen Triumph zu einem über das Spielfeld hinausweisenden, nationalen Erfolg umzudeuten. Wohlgemerkt: eines (erneuten) albanischen Siegs über Serben. Dass die Botschaft nicht nur die Fans im Stadion, die sie ausgepfiffen, erreichen sollte, machten beide Spieler mit ihren zwischenzeitlich in den sozialen Medien veröffentlichten Fotos ihres Jubels deutlich, die unter nationalen Vorzeichen verärgert respektive euphorisiert kommentiert werden. Grundsätzlich sind derartige Überhöhungen sportlicher Wettkämpfe keine Besonderheit des postjugoslawischen Raums. Allerdings sind sie dort auch aufgrund der Kriege der jüngsten Vergangenheit besonders ausgeprägt und tragen ihren Teil zu einer anhaltenden Entfremdung und andauernden nationalistischen Mobilisierung bei. Bei diesem Spiel sollte man nicht mitspielen.