Grenzen sind zuallererst symbolisch. Ihre Wirkungsmacht verfestigt sich in kulturellen Repertoires, etwa in Filmen, die die Unterscheidung zwischen eigen und fremd hochhalten. Ein besonderes Beispiel bieten Zombie-Filme, denn sie befeuern die reaktionären Angstbilder von migrierenden Menschenmassen.

  • Marlon Lieber ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für England- und Amerikastudien der Goethe-Universität Frankfurt. Sein Buch Reading „Race“ Relationally: Embodied Dispositions and Social Structures in Colson Whitehead’s Novels erscheint 2023 bei transcript.

„Eine Grenze“, schreibt die im südte­xa­ni­schen Rio Grande Valley aufge­wach­sene Dich­terin Wendy Trevino „ist, wie race, eine grau­same Fiktion“. Aufrecht­erhalten werden könne sie, heißt es in ihrem Gedicht­zy­klus Brazi­lian Is Not a Race, nur durch „Gewalt, die niemand mit etwas anderem als Gewalt verwech­seln kann“. Diese trans­for­miere mensch­liche Bezie­hungen, könne gar neue Kate­go­rien von Menschen produ­zieren. Wendy Trevino begreift Grenzen folg­lich nicht bloß als repressiv, sondern erkennt die produk­tive Kraft der Grenz­zie­hung: Als „Sortier­ma­schine“ trifft die Grenze Unter­schei­dungen zwischen jenen Subjekten, deren freie Mobi­lität gewähr­leistet wird, und anderen, deren Bewe­gungs­frei­heit unter­bunden wird. Grenzen sind ein Teil der mate­ri­ellen Infra­struktur eines „Bewe­gungs­re­gimes“, das diese Subjekt­ka­te­go­rien in der Praxis (re)produziert.

Europas Grenzen

Tweet von @KeremSchamberg

Dieser Prozess geht, wie Trevino eindrück­lich beschreibt, nicht ohne Gewalt vonstatten. Das UN-Flüchtlingshilfswerk schätzt beispiels­weise, dass in der ersten Hälfte dieses Jahres bereits 1.200 Menschen beim Versuch, Europa zu errei­chen, im Mittel­meer ertrunken seien. Gewalt kann hier als unter­las­sene Hilfe­leis­tung auftreten oder als Krimi­na­li­sie­rung der Seenot­ret­tung. Gleich­zeitig greifen Grenzschützer*innen auch zu unmit­telbar gewalt­tä­tigen Methoden, wenn etwa mit Hand­schellen gefes­selte Geflüch­tete ins offene Meer geworfen werden. Zwar geschieht dies meist fernab der Öffent­lich­keit, doch kommt es auch vor, dass die Gewalt, mit der die „Festung Europa“ gesi­chert wird, spek­ta­ku­läre Bilder produ­ziert, die öffent­liche Reak­tionen hervor­rufen. Lassen sich diese Einzel­schick­sale arti­ku­lieren, beson­ders wenn die Opfer Kinder sind – und insbe­son­dere solche, die als nicht-Schwarz posi­tio­niert werden – werden Affekte wie Mitleid oder Empö­rung produ­ziert.

Am 24. Juni dieses Jahres starben mindes­tens 37 Menschen, größ­ten­teils aus dem Sudan, bei dem Versuch, die Grenze der spani­schen Exklave Melilla zu passieren. Selbst lang­jäh­rige Beobachter*innen, die mit der Gewalt des euro­päi­schen Grenz­re­gimes vertraut sind, waren erschro­cken ob der Bruta­lität des „Massa­kers“. In einer gemein­samen Erklä­rung des Rats für Migra­tion und medico inter­na­tional heißt es: „Es ist das Bild aufge­häufter mensch­li­cher Leiber, von Halb­toten und Toten, das ein neues Niveau der Feind­schaft und Entmensch­li­chung demonstriert.“ 

Poster „World War Z“, Quelle: amazon.com

Im rechts­kon­ser­va­tiven poli­ti­schen Lager lässt sich eine gewisse Scha­den­freude nicht über­sehen. So teilte ein selbst­er­nannter „paläo­li­ber­tärer“ Twitter-Nutzer ein Bild, auf dem ein Foto der Geflüch­teten, die versu­chen, den Grenz­zaun in Melilla zu über­winden, neben ein Werbe­poster für den Film World War Z (2013) gesetzt ist. Beide Bilder zeigen eine Masse aufge­häufter Leiber, die vor blauem Himmel in Gestalt dunkler Silhou­etten zu erkennen ist, was es nahezu unmög­lich macht, indi­vi­du­elle Körper zu unter­scheiden. Die entmensch­li­chende Gleich­set­zung flüch­tender Menschen und fiktiver Untoter besorgt der Nutzer (dessen Name ich nicht nenne, um seinem Account keine zusätz­liche Reich­weite zu verschaffen) mit der Bild­über­schrift „Wenn aus Filmen Realität wird“. Als kultu­relle Reprä­sen­ta­tion dient mithin die Gattung des Zombie­films, das heißt als „Linse“ und „Blau­pause“: Sie liefert sowohl ein Klas­si­fi­ka­ti­ons­muster als auch eine Hand­lungs­an­wei­sung. Flüch­tende werden entin­di­vi­dua­li­siert und dehu­ma­ni­siert; die Ausübung von Gewalt gegen sie legi­ti­miert, ja als notwendig dargestellt.

Mons­tröse Mobilität

Ein Blick auf die Grund­struktur der Zombie­er­zäh­lung zeigt, dass sie wesent­lich durch die Bedro­hung durch exzes­sive Mobi­lität und deren Einhe­gung durch bestimmte Grenzen orga­ni­siert ist. Carl Swanson zufolge markiert eine Grenze in der Zombie­er­zäh­lung einen Über­le­bens­raum, in dem mensch­liche Charak­tere vor den untoten, anste­ckenden „Anti­cha­rak­teren“, d.h. den Zombies geschützt sind. Inhalt­lich mögen die Charak­tere durch die fleisch­fres­senden Monster bedroht sein, auf der Ebene der Narra­tion hingegen muss das Handeln der Menschen die Möglich­keit des Fort­schrei­tens der Erzäh­lung selbst gewähr­leisten – denn ohne hand­lungs­fä­hige Charak­tere kann nicht(s) erzählt werden.

George A. Romeros „Night of the Living Dead“ (1968), Quelle: codigoespagueti.com

Die Grenzen, welche einen Raum schaffen, in dem die Erzäh­lung voran­schreiten kann, können solide Mauern oder hastig vor Fenster gena­gelte Bretter sein. Früher oder später müssen sie aller­dings fallen, was zu action­rei­chen Flucht­se­quenzen führt, die mit dem Errei­chen eines neuen Über­le­bens­raumes – oder dem Tod der Charak­tere – enden. Swanson unter­scheidet zwischen zwei Formen der Grenz­über­schrei­tung, einem „soft breach“ und einem „hard breach“. Ersterer entsteht, wenn ein Zombie den Raum der Erzäh­lung betritt, ohne eine unmit­tel­bare Gefahr darzu­stellen. Ein „hard breach“ tritt ein, wenn die Mauern fallen und die Charak­tere kämpfen oder fliehen müssen. Unab­hängig von der konkreten Geschichte, die eine Zombie­er­zäh­lung erzählt, kenn­zeichnet seit George A. Romeros Night of the Living Dead (1968) diese Struktur die Gattung der Zombie-Filme.

Der Hollywood-Blockbuster World War Z (Marc Forster, 2013) arti­ku­liert die Logik der Zombie­er­zäh­lung explizit als Angst vor der Über­schrei­tung von natio­nal­staat­li­chen Grenzen durch anste­ckende Anti­sub­jekte. Auf der Suche nach dem Ursprung des Virus, der Menschen in Zombies verwan­delt, reist der Prot­ago­nist Gerry Lane (gespielt von Brad Pitt) nach Jeru­salem. Die Stadt ist umgeben von einer hohen Mauer, da die israe­li­sche Regie­rung früh auf Berichte von Zombies reagiert hat. Während Lane durch die Stadt geführt wird, strömen schutz­su­chende Palästinenser*innen in die Stadt. Spontan beginnt ein reli­gi­ons­über­grei­fendes gemein­sames Singen, was aller­dings schnell die Zombies anlockt. Diese brechen schließ­lich in Form einer enormen mensch­li­chen Welle über die Mauer – ein klas­si­scher „hard breach“, der Lane zur Flucht zwingt.

Die der Zombie­er­zäh­lung inhä­rente Notwen­dig­keit der Vergren­zung wird in World War Z auf beson­ders perfide Weise insze­niert. Der „soft breach“ wird hier nicht durch temporär harm­lose Zombies ausge­löst, sondern durch mensch­liche Charak­tere. Doch ist es in der Logik des Films die falschen Kate­gorie Mensch – musli­mi­sche Palästinenser*innen –, die eine Grenze passieren, welche sie eigent­lich aussor­tieren sollte. Das Angebot, schutz­su­chende Geflüch­tete aufzu­nehmen, zeitigt, so der Film, fatale Konse­quenzen. Ein „soft breach“, der darin besteht, den Anderen will­kommen zu heißen, muss hier zu einem „hard breach“ und somit zum Unter­gang der poli­ti­schen Gemein­schaft führen. Kaum verwun­der­lich also, dass der Film Anklang im rechten Lager findet.

Figu­ra­tionen der Mobilität

Doch wäre es falsch, den Blick ausschließ­lich auf die exzes­sive Mobi­lität der Monster zu richten. Die Zombie­er­zäh­lung kann nur weiter­gehen, wenn die „rich­tigen“ Subjekte beweg­lich bleiben. Die Rolle des mobilen Subjekts erfüllt Gerry Lane. Anders als der Viro­loge Dr. Fass­bach, der zunächst scheinbar die beste Chance ist, das Virus aufzu­halten, aber beim ersten Anblick der Zombies in Panik gerät und sich verse­hent­lich mit der eigenen Waffe erschießt, bleiben Lanes Bewe­gungen auch in gefähr­li­chen Situa­tionen stets maßvoll und kontrolliert. 

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Diese Gegen­über­stel­lung der exzes­siven Mobi­lität der entindividualisiert-irrationalen Masse und der kontrol­lierten Bewe­gung des ratio­nalen Subjekts struk­tu­riert aber nicht nur World War Z, sondern ist notwen­dige Konse­quenz der erzäh­le­ri­schen Grund­struktur der Gattung: Beweg­lich­keit ist (überlebens-)notwendig, erfor­dert aber strenge Selbst­re­gu­la­tion, während unkon­trol­lierte Mobi­lität Leben und Erzäh­lung bedroht und mit allen Mitteln einge­hegt werden muss.

Damit aber greifen Zombie­er­zäh­lungen ein Motiv auf, das den Versuch der modernen poli­ti­schen Philo­so­phie, das libe­rale Subjekt zu konzep­tua­li­sieren, tief geprägt hat. Wie die Poli­tik­wis­sen­schaft­lerin Hagar Kotef zeigt, wurden im poli­ti­schen Denken des Libe­ra­lismus Frei­heit und Bewe­gungs­fä­hig­keit als eng verschränkt gedacht, dabei aber von der exzes­siven Mobi­lität „unbän­diger Subjekte“ abge­grenzt. Und während Thomas Hobbes noch den Staat in der Pflicht sah, der exzes­siven Mobi­lität Grenzen zu setzen, war es für John Locke nament­lich das Grund­ei­gentum, welches als Garant für freie, ratio­nale Subjek­ti­vität und mode­rierte Mobi­lität figu­rierte. Lockes im Kontext der Kolo­ni­sie­rung Nord­ame­rikas entstan­dene Eigen­tums­theorie behan­delt indi­gene Bevöl­ke­rungen, die das Land gemein­schaft­lich bewirten, als grund­sätz­lich irra­tional. Ihre über­schüs­sige und daher exzes­sive, nicht in der Frei­heit und Ratio­na­lität des Privat­ei­gen­tums veran­kerte Mobi­lität musste für ihn als Bedro­hung erscheinen.

Eine ähnliche Gefahr erblickte Locke jedoch auch inner­halb Englands, wo sich zeit­gleich die Enteig­nung der Land­be­völ­ke­rung – von Marx eindring­lich als soge­nannte „ursprüng­liche Akku­mu­la­tion“ beschrieben – vollzog. Auch hier entstand eine eigentums- und vor allem land­lose, gezwun­ge­ner­maßen hoch­mo­bile Klasse, die Locke wie viele seiner bürger­li­chen Zeitgenoss*innen als überaus bedroh­lich wahr­nahm. Er sah jedoch in der Auswan­de­rung in die nord­ame­ri­ka­ni­schen Kolo­nien eine Lösung für dieses Problem, da die land­losen Engländer*innen dort zu Eigentümer*innen werden konnten – was wiederum die Vertrei­bung der indi­genen Bevöl­ke­rung bedeu­tete. Dieses Zusam­men­spiel der Enteig­nungen in England und in den Kolo­nien sorgte nach Kotef für eine „konstante Produk­tion ‚exzes­siver‘ Bewe­gungen“. Die Konsti­tu­tion des libe­ralen, Eigentum besit­zenden Subjekts und seines besitz­losen, irra­tio­nalen und daher gefähr­li­chen Anderen fielen zusammen.

Die Figu­ren­kon­stel­la­tion der Zombie­er­zäh­lung spie­gelt also Figu­ra­tionen der Mobi­lität, die ihren Ursprung in der Geschichte von Kapi­ta­lismus und Sieder­ko­lo­nia­lismus haben. Übli­cher­weise verweist die Zombie­for­schung auf die Geschichte des vorre­vo­lu­tio­nären Saint-Domingue, wo es der Kontext der Plan­ta­gen­skla­verei war, in dem die Figur des fremd­ge­steu­erten lebenden Toten Gestalt annahm. Aller­dings findet sich in den Geschichten kari­bi­scher Zombies kein Äqui­va­lent zur Erzähl­struktur des maßgeb­lich von Romero beein­flussten jüngeren Zombie­films – zumal die Untoten in Night of the Living Dead noch als Ghouls und nicht als Zombies bezeichnet werden.

Poster, „Union Pacific“ (1939), Quelle: filmaffinity.com

Viel­leicht also sind die Ahnen der lebenden Toten der Gegen­wart weniger kari­bi­sche Sklaven als viel­mehr die besitz­losen, oft buch­stäb­lich noma­di­schen Armen Europas und die „Wilden“ Nord­ame­rikas. Tatsäch­lich finden sich etwa in älteren Western­filmen regel­mäßig Bilder, welche die Ikono­gra­phie des Zombie­films anti­zi­pieren. Man muss nur die Bela­ge­rung dreier Weißer in einem von „India­nern“ umringten Eisen­bahn­wagon in Union Pacific (1939) mit dem Ansturm der Zombies auf die schutz­bie­tende Hütte in Night of the Living Dead verglei­chen: Beide Filme wech­seln zwischen Außen­auf­nahmen der sich irra­tional bewe­genden „Wilden“ und Einstel­lungen inner­halb des Über­le­bens­raums, wobei wieder­holt Hände durch Fenster und andere Öffnungen greifen und die „posi­tiven“ Charak­tere bedrohen.

Eine Welt ohne Zombies

Es ist wohl kein Zufall, dass in den späten 1960ern und am Vorabend des „langen Abschwungs“ (Robert Brenner), welcher den Nach­kriegs­boom beenden sollte, das Motiv enteig­neter, exzessiv mobiler Anti­sub­jekte im Western­film von bloßen Momenten zu einer eigenen Gattung wurden. Ebenso wenig sollte es verwun­dern, dass jüngere Zombie­filme explizit ökolo­gi­sche Themen und die gewalt­same Siche­rung von Grenzen thema­ti­sieren. Sie anti­zi­pieren in der filmi­schen Erzäh­lung, dass in naher Zukunft die Klima­ka­ta­strophe tatsäch­lich weite Teile der Welt unbe­wohnbar machen und Flucht­be­we­gungen in schier unvor­stell­barem Ausmaß auslösen wird.

Zwei­fellos exis­tieren Grenz­re­gime ganz unab­hängig von kultu­rellen Reprä­sen­ta­tionen. Letz­tere können aber Deutungs­muster anbieten, welche die Wahr­neh­mung grenz­über­schrei­tender Bewe­gungen als „exzes­sive“, nur durch den Einsatz tödli­cher Gewalt zu stop­pende Mobi­lität reifi­zieren. Inner­halb der manichäi­schen Welt der Zombie­er­zäh­lung kann es keine Soli­da­rität zwischen Lebenden und lebenden Toten geben. Anstatt die Logik der Gattung zu affir­mieren, wie es der eingangs erwähnte Tweet macht, muss diese mitsamt ihrer dehu­ma­ni­sie­renden Darstel­lung des Anderen zurück­ge­wiesen werden. 

George A. Romero selbst, dessen Filme immer schon selbst­kri­tisch die Ideo­logie der Zombies hinter­fragten, scheint dies erkannt zu haben, wenn er den lebenden Toten nach und nach so etwas wie einen Subjekt­status zuspricht. In Land of the Dead (2005) verzichtet der Prot­ago­nist am Ende darauf, Gewalt gegen die sich bereits entfer­nenden Zombies anzu­wenden, da er die Gemein­sam­keit zwischen sich und ihnen erkennt: „Sie suchen nur einen Ort, wo sie hinkönnen“, sagt er. „So wie wir“. Dies anzu­er­kennen, hieße nichts weniger als die „Barbarei“ exis­tie­render Grenz­re­gime abzulehnen.