„Good Mothering Through Breastfeeding“, so lautet das Motto der La Leche League (LLL), der weltweit grössten Organisation zur Förderung des Stillens. Gegründet 1956 in den USA besteht sie heute mit Ablegern in 80 Ländern, darunter die Schweiz und Deutschland, und arbeitet in offiziellen Partnerschaften mit der WHO und UNICEF zusammen. Das Motto findet sich in nur leicht verändertem Wortlaut bis heute in den Publikationen der LLL und steht sinnbildlich für deren Philosophie. Es deutet ausserdem auf einen grundsätzlichen Punkt hin, den ich in diesem Artikel verfolgen möchte: Die LLL war von Anfang an nicht nur eine Organisation zur Förderung des Stillens, sondern verknüpfte das Stillen explizit mit normativen Vorstellungen zur Mutterschaft.
Um diese normative Unterfütterung der Stillkampagne der LLL zu verstehen, ist die Gründungs- und Etablierungsphase der LLL in den 1950er und 60er-Jahre und eine Verortung im damaligen historischen Kontext zentral, besonders in Bezug auf das Dogma der scientific motherhood und dem zeitgenössischen Diskurs des mother-blamings. Inzwischen hat sich die LLL heutigen Veränderungen angepasst und ihre Philosophie weiterentwickelt. Auf ihrer Webseite proklamiert sie Engagement und Verpflichtung zu Inklusion, Diversität und Zugänglichkeit für alle. Dies war jedoch nicht immer so.
Sieben stillende Mütter erlangen internationalen Einfluss
Die LLL wurde 1956 in einem Vorort von Chicago von sieben jungen katholischen Müttern gegründet. Ursprünglich als lokale Gruppe gedacht, beruhend auf dem Prinzip des Mutter-zu-Mutter-Supportes, sammelte und verbreitete sie Informationen und Wissen zur frühkindlichen Ernährung. Während regelmässiger Treffen wurden (und werden) interessierten Frauen grundlegende Informationen über das Stillen vermittelt und sie durch den gemeinschaftlichen Austausch zum Stillen ermutigt. Am Anfang wurden diese Treffen von den sieben «founding mothers» geleitet. Mit der Zeit entwickelte die LLL ein Verfahren, in dem sich andere im Stillen erfahrene Mütter zu sogenannten „Leadern“ qualifizieren, um dann eigene offizielle LLL-Gruppen in anderen Orten, Städten oder Ländern zu gründen und zu leiten. So entwickelte sich die LLL innerhalb kurzer Zeit zu einer international tätigen Organisation. Bereits in den 1980er Jahren zählte die LLL über 4’000 Gruppen in 48 Ländern und hatte sich in den USA bei vielen Frauen den Ruf erarbeitet, die primäre Quelle für Fachwissen über Mutterschaft und das Stillen zu sein. Die wichtigste Publikation der LLL ist ihr millionenfach aufgelegtes Handbuch The Womanly Art of Breastfeeding. Die erste Fassung erschien 1958 und war für Frauen gedacht, welche nicht vor Ort an den Treffen der LLL teilnehmen konnten. Mittlerweile ist das Handbuch bereits in acht überarbeiteten Fassungen erschienen, zuletzt 2010, und wurde in etliche Sprachen übersetzt.
Obwohl sich die LLL von Beginn an als konfessionslose Non-Profit-Organisation bezeichnete und in ihren „Ursprungserzählungen“ ihre katholischen Bezüge verschleierte, ist der Einfluss des christlich-religiösen Hintergrundes der LLL-Gründerinnen nicht zu unterschätzen. Bereits der Name La Leche League bezieht sich auf die Inschrift eines Madonna-Schreins in Florida. Religiöse Bezüge waren in allen LLL-Publikationen noch über zehn Jahre nach ihrer Gründung explizit präsent. Zudem war, wie auch die Historikerin Joanna Paxton Federico feststellt, der katholische Hintergrund der Gründerinnen und der Fakt, dass sie alle Mitglieder der katholischen Organisation Christian Family Movement (CFM) waren, prägend für die Zusammensetzung ihrer Gruppen. In der Etablierungsphase der LLL in den 1950er und 60er-Jahren waren ihre Mitglieder überwiegend weisse Frauen der Mittelklasse, die spezifische Ansichten zum Leben in Einklang mit einem göttlichen Plan für Familien teilten und in einer Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau lebten, in der die Frau zuhause in den Vorstädten die Kinder betreute, den Haushalt führte und finanziell abhängig vom berufstätigen Ehemann war.
Entsprechende Formulierungen, welche das Stillen als „Nature’s Plan“ oder „God’s plan for mothers and babies“ bezeichneten, waren in dieser Zeit wiederholt in allen LLL-Publikationen zu finden. Erst Anfang der 1970er-Jahre entschied sich die LLL explizit gegen den Gebrauch religiöser Sprache und auch gegen klare politische Positionierungen, um damit keine Mitglieder abzuschrecken und für alle offen zu sein.
Trotz den späteren Veränderungen lag der Philosophie der LLL in der Gründungs- und Etablierungsphase ein binäres Geschlechterverständnis innerhalb religiös-heteronormativer Kern-Familienkonstellationen zu Grunde. Die Geschlechter Mann und Frau wurden aufgrund biologisch determinierter Faktoren als gegensätzlich konzipiert. Die biologische wurde dabei direkt mit der psychologischen Ebene verbunden und Weiblichkeit oder die Identität als Frau und Mutter mit dem Vorhandensein eines Uterus verknüpft. Um auf den Hintergrund der sozialen Konstruktion dieser Kategorien hinzuweisen, werden Frau, Mann, Mutter und damit verbundene Worte in diesem Artikel kursiv geschrieben.
Verantwortlich und unfähig zugleich
Der grosse Erfolg der LLL lässt sich anhand verschiedener globaler Entwicklungen vor und während ihrer Gründungszeit einordnen. Mitte des 20. Jahrhunderts galt es weithin als normal, Säuglinge mit Säuglingsnahrung aus der Flasche zu ernähren und die Stillquoten in den USA, Europa und weiteren Weltregionen, befanden sich kurz vor einem historischen Tiefpunkt. So wurden 1956 in den USA 63 % der Neugeborenen beim Verlassen des Spitals ausschliesslich mit Säuglingsnahrung aus der Flasche ernährt. Die sogenannte „künstliche“ Säuglingsnahrung war Ende des 19. Jahrhunderts in Europa entwickelt worden. Als erstmals sichere alternative Ernährungsform für Säuglinge (neben der Mutter-/Ammen-Milch) verbreitete sie sich rasch weltweit. Ein bekannter Hersteller war bereits damals die Firma des Schweizer Unternehmers Heinrich Nestlé.
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fanden zudem in den westlichen Ländern und speziell den USA zwei weitere Entwicklungen statt. Zum einen weitete sich ab den 1920er Jahren das sogenannte mother-blaming von den ärmeren Gesellschaftsschichten auf die breitere Gesellschaft aus und erreichte in den 1940 und 1950er Jahren seinen Zenit. Dabei wurden Mütter in erster Linie für das Verhalten ihrer (erwachsenen) Kinder und folglich von verschiedenen Seiten für die meisten Probleme einer Gesellschaft verantwortlich gemacht. Zum anderen fand eine „Verwissenschaftlichung“ und „Medikalisierung“ der Geburt, Schwangerschaft, Säuglingspflege und dadurch der Mutterschaft statt, welche heute in der historischen Forschung als scientific motherhood bezeichnet wird. Dabei wurden Mütter nicht mehr als fähig erachtet, ihre Kinder richtig zu pflegen oder zu erziehen und sollten sich daher auch bei gesunden Säuglingen und Kindern von Fachpersonen führen lassen. Die Ernährung durch die Flasche wurde entsprechend als „scientific infant feeding“ gefördert und von der Mehrheit der medizinischen Fachpersonen als praktischer, kontrollierbarer und besser als die Mutter-Milch gehandelt. Wer trotzdem stillen wollte, war mit einem Mangel an medizinischen und praktischen Informationen und oft mit vorpreschenden (Selbst-)Zweifeln an der eigenen Stillfähigkeit konfrontiert.
Die Historikerin Jessica Martucci stellt bereits für die USA der späten 1920er Jahre fest, dass Frauen, die sich dem Dogma der scientific motherhood widersetzten, im besten Fall als ignorant verhöhnt und im schlimmsten Fall als Bedrohung für das Überleben ihrer Kinder und sogar der Zivilisation erachtet wurden. Als Konsequenz des Phänomens der scientific motherhood und der Interaktion mit dem Diskurs des mother-blamings wurden Mütter also gleichzeitig als verantwortlich und als nicht fähig erachtet. Zunehmend verloren sie Kontrolle und Wissen über die körpereigenen biologischen Vorgänge.
Wissenschaftliche Diskurse oder medizinische Praktiken sind jedoch selten einheitlich. Einerseits fanden parallele Entwicklungen in der Psychoanalyse statt, welche eine veränderte Art und Weise der Säuglingspflege mit Orientierung an den Bedürfnissen des Kindes und Nähe statt Distanz propagierte. Dabei wurden durchaus Stimmen laut, die das Stillen gegenüber anderen frühkindlichen Ernährungsformen bevorzugten. Wie die Historikerin Susanne Schmidt aufzeigt, wurden teilweise Konzepte erarbeitet, welche Frauen in misogyner Manier auf die angebliche Bestimmung reduzierten, eine gute Umwelt für ihre Kinder und Ehemänner zu verkörpern und so die „gesellschaftlichen Ordnung“ zu erhalten. Andere wiederum konkludierten frauenfreundlicher, dass es auf liebevolle Zuwendung durch eine konstante Bezugsperson und nicht darauf ankomme, ob die Ernährung über die Brust oder die Flasche geschehe. Andererseits veränderte sich die Dogmatik der scientific motherhood im Laufe des 20. Jahrhunderts. Dominante Aspekte wurden neu interpretiert, psychologische Ansätze integriert. Einzelne wissenschaftliche und medizinische Autoritätsfiguren weichten die Hierarchie und Definitionsmacht des Wissens von Fachpersonen gegenüber dem Wissen von Müttern etwas auf. Die Ansicht, dass Mütter grundsätzlich von medizinischen und wissenschaftlichen Fachleuten geleitet werden sollten, blieb jedoch bestehen.
Wertung durch Abgrenzung
Die Gründerinnen der LLL erachteten die niedrigen Stillquoten als ein grundlegendes Problem und sahen die Ursachen dafür sowohl im Mangel an medizinischen und praktischen Informationen zum Stillen als auch in der Norm der Flaschenernährung. Sie sammelten und kondensierten deshalb ihr eigenes, erfahrungsorientiertes sowie verfügbares medizinisches und psychologisches Wissen zur frühkindlichen Ernährung und der Mutter-Kind-Beziehung und vermittelten es den Frauen, die ihre Treffen besuchten oder ihre Publikationen lasen. Die Gründerinnen der LLL vertraten die Ansicht, dass die Flaschenfütterung nicht nur eine Frage der frühkindlichen Ernährung sei, sondern zu einem völlig neuen Stil von „mothering“ und einer grundsätzlich anderen Mutter-Kind-Beziehung führe. Sie erachteten dabei die Mutter-Kind-Beziehung, die sich beim Stillen ergebe, als eindeutig besser und „erfolgreicher“. So schrieb die LLL 1958 in der ersten Ausgabe ihres Handbuches: „Our goal is to help you successfully breast feed your babies and so successfully mother them.”
Bei ausgedehnter Lektüre der frühen Publikationen der LLL zeigt sich, dass sie von Anfang an nicht nur auf eine Unterstützung und Förderung des Stillens abzielte. Sie suggerierte mit der Anführung einer „erfolgreichen“ und „guten“ Mutterschaft, dass es auch eine „unerfolgreiche“ oder „schlechte“ geben könne, was sie wiederum implizit mit der Flaschenernährung verband. Die LLL reihte sich dabei in ihrer Argumentation geschickt in den zeitgenössischen Diskurs des mother-blamings ein. Sie statuierte, dass die Art und Weise, wie die Mutter ihr Kind pflege und dessen Bedürfnisse erfülle, entscheidend dafür sei, wie gut oder schlecht der Mensch sich später im Leben gegenüber anderer Menschen verhalte und in die Gesellschaft eingliedere. Die Lösung für diesen hohen Anspruch an die Mutter sah die LLL im Stillen.
Eine ambivalente Beziehung
Neben der Einreihung in den Diskurs des motherblamings stand die LLL auch in einer ambivalenten Beziehung zum Dogma der scientific motherhood. Im Kontext des mütterlichen Autoritätsverlustes wollte die LLL die Domäne der Reproduktion „zurückerobern“ und die Säuglingspflege sowie das Stillen als „womanly Art“ den Frauen „zurückgeben“. In einer ahistorischen Romantisierung der Vergangenheit proklamierte die LLL 1958 eine Rückkehr zum «original plan for care and feeding» und betonte 1966 in ihrer Zeitschrift: „Nursing, the feeding of well babies, isn’t really a medical problem at all.“
Gleichzeitig stützte sich die LLL intensiv auf medizinische Fachliteratur und Ratgeber und gründete ein eigenes Medical Advisory Board, mit dessen Ärzten (überwiegend Männer) sie eng zusammenarbeitete. Die LLL baute sich so ein Netzwerk an Fachpersonen auf, die das Stillen und ihre Ansichten zur Mutter-Kind-Beziehung unterstützten und legitimierten und gelangte über die Jahre hinweg zu Akzeptanz innerhalb der wissenschaftlichen und medizinischen Fachwelt in den USA. Längerfristig kann sogar von einer Wechselwirkung dieser Glaubwürdigkeit gesprochen werden, denn je mehr die LLL an Autorität gewann, desto mehr konnten auch umgekehrt Expert:innen ihre eigene Glaubwürdigkeit durch Anerkennung der LLL stärken.
Die LLL stützte sich jedoch nur auf ausgewählte Literatur und Aussagen von Mediziner:innen, die sich explizit für das Stillen aussprachen. Sie verfolgte dabei eine Rhetorik der absoluten Wahrheit, indem sie breite wissenschaftliche Diskurse zur frühkindlichen Ernährung und der Mutter-Kind-Beziehung als eindeutig und ihre Philosophie unterstützend darstellte. Die LLL blieb somit in ihren Publikationen widersprüchlich und ambivalent, wer massgebend sein solle zum Thema Stillen: die erfahrenen Mütter oder medizinische Fachpersonen. Sie kann daher nicht als eindeutige Gegenbewegung zur scientific motherhood verstanden werden.
Für Mütter auf Kosten der Mütter
Die historische, sozialwissenschaftliche und feministische Forschung hat gezeigt, dass die Frage, wie und durch wen Säuglinge ernährt werden sollen, von der Antike bis heute von politischen, ökonomischen, religiösen und sozialen (Macht)Interessen geprägt wurde und wird. Dies hatte teilweise verheerende Konsequenzen für Menschen, die Kinder gebären und oder ernähren. Von einer Teilnahme an dieser Dynamik ist auch die LLL nicht ausgenommen. Die Erziehungswissenschaftlerin Sabine Seichter betont, dass mit der Gründung der La Leche League, ein „neues Kapitel der Stillgeschichte“ einsetzte.
Und feministische Forscher:innen wie Lynn Weiner oder Chris Bobel kamen zu dem Schluss, dass die LLL gleichzeitig als Vorreiterin und als Opposition der aufstrebenden feministischen Bewegungen bezeichnet werden kann: als Vorreiterin, da sie die Autorität der Mütter stärkte; als Opposition, da sie die Frau über ihr propagiertes Mutterkonzept wiederum einengte und auf die Mutterschaft als einzig wahre weibliche Berufung reduzierte. Mit ihrer inhärent paradoxen Philosophie bewegte sich die LLL in ihrer Gründungs- und Etablierungsphase auf der einen Seite gegenläufig zur damaligen Realität und Praxis der frühkindlichen Ernährung und interagierte auf der anderen Seite zentral mit dem Dogma der scientific motherhood und dem zeitgenössischen Diskurs des mother-blamings. Dabei agierte die LLL über eine starke Moralisierung und normative Aufladung auf Kosten der Mütter, indem sie das Stillen als Bedingung für gutes mothering und Mutterliebe zementierte.
Liest man heute Inhalte auf der Webseite der LLL, erscheint sie einiges offener und inklusiver. Beispielsweise gibt es einen Eintrag, der Hilfe anbietet für Eltern, die Stillen möchten, ohne das Kind geboren zu haben, sogenannte „non-gestational parents“. Dabei werden explizit nicht nur Adoptiveltern genannt, sondern auch Personen, die nicht fruchtbar sind oder keinen Uterus/Eierstöcke haben. Die Verbindung von Vorstellungen zur Mutterschaft oder Elternschaft mit dem Stillen und eine gewisse normative Konnotation bleiben jedoch bestehen. Fest steht, dass die LLL ein wichtiges Puzzleteil in der Politisierung und Verwissenschaftlichung des Stillens im 20. Jahrhundert darstellt. Die Argumente und der Einfluss der LLL wirken sich bis heute auf die Konstruktion und normative Aufladung der frühkindlichen Ernährung, der Mutterschaft und des Frau-Seins an sich aus. Und bis heute ist es keine Selbstverständlichkeit, dass die Entscheidung, ob ein Säugling gestillt wird oder nicht, bei der Person liegen sollte, die potenziell stillen könnte und dass diese Entscheidung keinen Einfluss auf die Qualität der Elternschaft hat.