Die Qualität von Mutterschaft wird bis heute gerne mit der frühkindlichen Ernährung verknüpft. Eine historische Analyse der Stillkampagnen der La Leche League seit den 1950er Jahren zeigt, wie diese Verknüpfung sowohl feministisch als auch anti-feministisch interpretiert wurde.

  • Lotta Danz

    Lotta Danz studiert im Master Geschichte und Gender Studies an der Universität Zürich. Sie arbeitet seit 2020 am Lehrstuhl für Geschichte der Neuzeit von Prof. Dr. Monika Dommann.

„Good Mothe­ring Through Breast­fee­ding“, so lautet das Motto der La Leche League (LLL), der welt­weit grössten Orga­ni­sa­tion zur Förde­rung des Stil­lens. Gegründet 1956 in den USA besteht sie heute mit Able­gern in 80 Ländern, darunter die Schweiz und Deutsch­land, und arbeitet in offi­zi­ellen Part­ner­schaften mit der WHO und UNICEF zusammen. Das Motto findet sich in nur leicht verän­dertem Wort­laut bis heute in den Publi­ka­tionen der LLL und steht sinn­bild­lich für deren Philo­so­phie. Es deutet ausserdem auf einen grund­sätz­li­chen Punkt hin, den ich in diesem Artikel verfolgen möchte: Die LLL war von Anfang an nicht nur eine Orga­ni­sa­tion zur Förde­rung des Stil­lens, sondern verknüpfte das Stillen explizit mit norma­tiven Vorstel­lungen zur Mutter­schaft.

Um diese norma­tive Unter­füt­te­rung der Still­kam­pagne der LLL zu verstehen, ist die Gründungs- und Etablie­rungs­phase der LLL in den 1950er und 60er-Jahre und eine Veror­tung im dama­ligen histo­ri­schen Kontext zentral, beson­ders in Bezug auf das Dogma der scien­tific mother­hood und dem zeit­ge­nös­si­schen Diskurs des mother-blamings. Inzwi­schen hat sich die LLL heutigen Verän­de­rungen ange­passt und ihre Philo­so­phie weiter­ent­wi­ckelt. Auf ihrer Webseite prokla­miert sie Enga­ge­ment und Verpflich­tung zu Inklu­sion, Diver­sität und Zugäng­lich­keit für alle. Dies war jedoch nicht immer so.

Sieben stil­lende Mütter erlangen inter­na­tio­nalen Einfluss

Die LLL wurde 1956 in einem Vorort von Chicago von sieben jungen katho­li­schen Müttern gegründet. Ursprüng­lich als lokale Gruppe gedacht, beru­hend auf dem Prinzip des Mutter-zu-Mutter-Supportes, sammelte und verbrei­tete sie Infor­ma­tionen und Wissen zur früh­kind­li­chen Ernäh­rung. Während regel­mäs­siger Treffen wurden (und werden) inter­es­sierten Frauen grund­le­gende Infor­ma­tionen über das Stillen vermit­telt und sie durch den gemein­schaft­li­chen Austausch zum Stillen ermu­tigt. Am Anfang wurden diese Treffen von den sieben «foun­ding mothers» geleitet. Mit der Zeit entwi­ckelte die LLL ein Verfahren, in dem sich andere im Stillen erfah­rene Mütter zu soge­nannten „Leadern“ quali­fi­zieren, um dann eigene offi­zi­elle LLL-Gruppen in anderen Orten, Städten oder Ländern zu gründen und zu leiten. So entwi­ckelte sich die LLL inner­halb kurzer Zeit zu einer inter­na­tional tätigen Orga­ni­sa­tion. Bereits in den 1980er Jahren zählte die LLL über 4’000 Gruppen in 48 Ländern und hatte sich in den USA bei vielen Frauen den Ruf erar­beitet, die primäre Quelle für Fach­wissen über Mutter­schaft und das Stillen zu sein. Die wich­tigste Publi­ka­tion der LLL ist ihr millio­nen­fach aufge­legtes Hand­buch The Womanly Art of Breast­fee­ding. Die erste Fassung erschien 1958 und war für Frauen gedacht, welche nicht vor Ort an den Treffen der LLL teil­nehmen konnten. Mitt­ler­weile ist das Hand­buch bereits in acht über­ar­bei­teten Fassungen erschienen, zuletzt 2010, und wurde in etliche Spra­chen übersetzt.

Obwohl sich die LLL von Beginn an als konfes­si­ons­lose Non-Profit-Organisation bezeich­nete und in ihren „Ursprungs­er­zäh­lungen“ ihre katho­li­schen Bezüge verschlei­erte, ist der Einfluss des christlich-religiösen Hinter­grundes der LLL-Gründerinnen nicht zu unter­schätzen. Bereits der Name La Leche League bezieht sich auf die Inschrift eines Madonna-Schreins in Florida. Reli­giöse Bezüge waren in allen LLL-Publikationen noch über zehn Jahre nach ihrer Grün­dung explizit präsent. Zudem war, wie auch die Histo­ri­kerin Joanna Paxton Federico fest­stellt, der katho­li­sche Hinter­grund der Grün­de­rinnen und der Fakt, dass sie alle Mitglieder der katho­li­schen Orga­ni­sa­tion Chris­tian Family Move­ment (CFM) waren, prägend für die Zusam­men­set­zung ihrer Gruppen. In der Etablie­rungs­phase der LLL in den 1950er und 60er-Jahren waren ihre Mitglieder über­wie­gend weisse Frauen der Mittel­klasse, die spezi­fi­sche Ansichten zum Leben in Einklang mit einem gött­li­chen Plan für Fami­lien teilten und in einer Arbeits­tei­lung zwischen Mann und Frau lebten, in der die Frau zuhause in den Vorstädten die Kinder betreute, den Haus­halt führte und finan­ziell abhängig vom berufs­tä­tigen Ehemann war.

Entspre­chende Formu­lie­rungen, welche das Stillen als „Nature’s Plan“ oder „God’s plan for mothers and babies“ bezeich­neten, waren in dieser Zeit wieder­holt in allen LLL-Publikationen zu finden. Erst Anfang der 1970er-Jahre entschied sich die LLL explizit gegen den Gebrauch reli­giöser Sprache und auch gegen klare poli­ti­sche Posi­tio­nie­rungen, um damit keine Mitglieder abzu­schre­cken und für alle offen zu sein.

Trotz den späteren Verän­de­rungen lag der Philo­so­phie der LLL in der Gründungs- und Etablie­rungs­phase ein binäres Geschlech­ter­ver­ständnis inner­halb religiös-heteronormativer Kern-Familienkonstellationen zu Grunde. Die Geschlechter Mann und Frau wurden aufgrund biolo­gisch deter­mi­nierter Faktoren als gegen­sätz­lich konzi­piert. Die biolo­gi­sche wurde dabei direkt mit der psycho­lo­gi­schen Ebene verbunden und Weib­lich­keit oder die Iden­tität als Frau und Mutter mit dem Vorhan­den­sein eines Uterus verknüpft. Um auf den Hinter­grund der sozialen Konstruk­tion dieser Kate­go­rien hinzu­weisen, werden Frau, Mann, Mutter und damit verbun­dene Worte in diesem Artikel kursiv geschrieben.

Verant­wort­lich und unfähig zugleich

Der grosse Erfolg der LLL lässt sich anhand verschie­dener globaler Entwick­lungen vor und während ihrer Grün­dungs­zeit einordnen. Mitte des 20. Jahr­hun­derts galt es weithin als normal, Säug­linge mit Säug­lings­nah­rung aus der Flasche zu ernähren und die Still­quoten in den USA, Europa und weiteren Welt­re­gionen, befanden sich kurz vor einem histo­ri­schen Tief­punkt. So wurden 1956 in den USA 63 % der Neuge­bo­renen beim Verlassen des Spitals ausschliess­lich mit Säug­lings­nah­rung aus der Flasche ernährt. Die soge­nannte „künst­liche“ Säug­lings­nah­rung war Ende des 19. Jahr­hun­derts in Europa entwi­ckelt worden. Als erst­mals sichere alter­na­tive Ernäh­rungs­form für Säug­linge (neben der Mutter-/Ammen-Milch) verbrei­tete sie sich rasch welt­weit. Ein bekannter Hersteller war bereits damals die Firma des Schweizer Unter­neh­mers Hein­rich Nestlé.

In der ersten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts fanden zudem in den west­li­chen Ländern und speziell den USA zwei weitere Entwick­lungen statt. Zum einen weitete sich ab den 1920er Jahren das soge­nannte mother-blaming von den ärmeren Gesell­schafts­schichten auf die brei­tere Gesell­schaft aus und erreichte in den 1940 und 1950er Jahren seinen Zenit. Dabei wurden Mütter in erster Linie für das Verhalten ihrer (erwach­senen) Kinder und folg­lich von verschie­denen Seiten für die meisten Probleme einer Gesell­schaft verant­wort­lich gemacht. Zum anderen fand eine „Verwis­sen­schaft­li­chung“ und „Medi­ka­li­sie­rung“ der Geburt, Schwan­ger­schaft, Säug­lings­pflege und dadurch der Mutter­schaft statt, welche heute in der histo­ri­schen Forschung als scien­tific mother­hood bezeichnet wird. Dabei wurden Mütter nicht mehr als fähig erachtet, ihre Kinder richtig zu pflegen oder zu erziehen und sollten sich daher auch bei gesunden Säug­lingen und Kindern von Fach­per­sonen führen lassen. Die Ernäh­rung durch die Flasche wurde entspre­chend als „scien­tific infant feeding“ geför­dert und von der Mehr­heit der medi­zi­ni­schen Fach­per­sonen als prak­ti­scher, kontrol­lier­barer und besser als die Mutter-Milch gehan­delt. Wer trotzdem stillen wollte, war mit einem Mangel an medi­zi­ni­schen und prak­ti­schen Infor­ma­tionen und oft mit vorpre­schenden (Selbst-)Zweifeln an der eigenen Still­fä­hig­keit konfrontiert.

Die Histo­ri­kerin Jessica Martucci stellt bereits für die USA der späten 1920er Jahre fest, dass Frauen, die sich dem Dogma der scien­tific mother­hood wider­setzten, im besten Fall als igno­rant verhöhnt und im schlimmsten Fall als Bedro­hung für das Über­leben ihrer Kinder und sogar der Zivi­li­sa­tion erachtet wurden. Als Konse­quenz des Phäno­mens der scien­tific mother­hood und der Inter­ak­tion mit dem Diskurs des mother-blamings wurden Mütter also gleich­zeitig als verant­wort­lich und als nicht fähig erachtet. Zuneh­mend verloren sie Kontrolle und Wissen über die körper­ei­genen biolo­gi­schen Vorgänge.

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Wissen­schaft­liche Diskurse oder medi­zi­ni­sche Prak­tiken sind jedoch selten einheit­lich. Einer­seits fanden paral­lele Entwick­lungen in der Psycho­ana­lyse statt, welche eine verän­derte Art und Weise der Säug­lings­pflege mit Orien­tie­rung an den Bedürf­nissen des Kindes und Nähe statt Distanz propa­gierte. Dabei wurden durchaus Stimmen laut, die das Stillen gegen­über anderen früh­kind­li­chen Ernäh­rungs­formen bevor­zugten. Wie die Histo­ri­kerin Susanne Schmidt aufzeigt, wurden teil­weise Konzepte erar­beitet, welche Frauen in miso­gyner Manier auf die angeb­liche Bestim­mung redu­zierten, eine gute Umwelt für ihre Kinder und Ehemänner zu verkör­pern und so die „gesell­schaft­li­chen Ordnung“ zu erhalten. Andere wiederum konklu­dierten frauenfreund­li­cher, dass es auf liebe­volle Zuwen­dung durch eine konstante Bezugs­person und nicht darauf ankomme, ob die Ernäh­rung über die Brust oder die Flasche geschehe. Ande­rer­seits verän­derte sich die Dogmatik der scien­tific mother­hood im Laufe des 20. Jahr­hun­derts. Domi­nante Aspekte wurden neu inter­pre­tiert, psycho­lo­gi­sche Ansätze inte­griert. Einzelne wissen­schaft­liche und medi­zi­ni­sche Auto­ri­täts­fi­guren weichten die Hier­ar­chie und Defi­ni­ti­ons­macht des Wissens von Fach­per­sonen gegen­über dem Wissen von Müttern etwas auf. Die Ansicht, dass Mütter grund­sätz­lich von medi­zi­ni­schen und wissen­schaft­li­chen Fach­leuten geleitet werden sollten, blieb jedoch bestehen.

Wertung durch Abgrenzung

Die Grün­de­rinnen der LLL erach­teten die nied­rigen Still­quoten als ein grund­le­gendes Problem und sahen die Ursa­chen dafür sowohl im Mangel an medi­zi­ni­schen und prak­ti­schen Infor­ma­tionen zum Stillen als auch in der Norm der Flaschen­er­näh­rung. Sie sammelten und konden­sierten deshalb ihr eigenes, erfah­rungs­ori­en­tiertes sowie verfüg­bares medi­zi­ni­sches und psycho­lo­gi­sches Wissen zur früh­kind­li­chen Ernäh­rung und der Mutter-Kind-Beziehung und vermit­telten es den Frauen, die ihre Treffen besuchten oder ihre Publi­ka­tionen lasen. Die Grün­de­rinnen der LLL vertraten die Ansicht, dass die Flaschen­füt­te­rung nicht nur eine Frage der früh­kind­li­chen Ernäh­rung sei, sondern zu einem völlig neuen Stil von „mothe­ring“ und einer grund­sätz­lich anderen Mutter-Kind-Beziehung führe. Sie erach­teten dabei die Mutter-Kind-Beziehung, die sich beim Stillen ergebe, als eindeutig besser und „erfolg­rei­cher“. So schrieb die LLL 1958 in der ersten Ausgabe ihres Hand­bu­ches: „Our goal is to help you successfully breast feed your babies and so successfully mother them.”

Bei ausge­dehnter Lektüre der frühen Publi­ka­tionen der LLL zeigt sich, dass sie von Anfang an nicht nur auf eine Unter­stüt­zung und Förde­rung des Stil­lens abzielte. Sie sugge­rierte mit der Anfüh­rung einer „erfolg­rei­chen“ und „guten“ Mutter­schaft, dass es auch eine „uner­folg­reiche“ oder „schlechte“ geben könne, was sie wiederum implizit mit der Flaschen­er­näh­rung verband. Die LLL reihte sich dabei in ihrer Argu­men­ta­tion geschickt in den zeit­ge­nös­si­schen Diskurs des mother-blamings ein. Sie statu­ierte, dass die Art und Weise, wie die Mutter ihr Kind pflege und dessen Bedürf­nisse erfülle, entschei­dend dafür sei, wie gut oder schlecht der Mensch sich später im Leben gegen­über anderer Menschen verhalte und in die Gesell­schaft einglie­dere. Die Lösung für diesen hohen Anspruch an die Mutter sah die LLL im Stillen.

Eine ambi­va­lente Beziehung

Neben der Einrei­hung in den Diskurs des mother­bla­mings stand die LLL auch in einer ambi­va­lenten Bezie­hung zum Dogma der scien­tific mother­hood. Im Kontext des mütter­li­chen Auto­ri­täts­ver­lustes wollte die LLL die Domäne der Repro­duk­tion „zurück­er­obern“ und die Säug­lings­pflege sowie das Stillen als „womanly Art“ den Frauen „zurück­geben“. In einer ahis­to­ri­schen Roman­ti­sie­rung der Vergan­gen­heit prokla­mierte die LLL 1958 eine Rück­kehr zum «original plan for care and feeding» und betonte 1966 in ihrer Zeit­schrift: „Nursing, the feeding of well babies, isn’t really a medical problem at all.“

Gleich­zeitig stützte sich die LLL intensiv auf medi­zi­ni­sche Fach­li­te­ratur und Ratgeber und grün­dete ein eigenes Medical Advi­sory Board, mit dessen Ärzten (über­wie­gend Männer) sie eng zusam­men­ar­bei­tete. Die LLL baute sich so ein Netz­werk an Fach­per­sonen auf, die das Stillen und ihre Ansichten zur Mutter-Kind-Beziehung unter­stützten und legi­ti­mierten und gelangte über die Jahre hinweg zu Akzep­tanz inner­halb der wissen­schaft­li­chen und medi­zi­ni­schen Fach­welt in den USA. Länger­fristig kann sogar von einer Wech­sel­wir­kung dieser Glaub­wür­dig­keit gespro­chen werden, denn je mehr die LLL an Auto­rität gewann, desto mehr konnten auch umge­kehrt Expert:innen ihre eigene Glaub­wür­dig­keit durch Aner­ken­nung der LLL stärken.

Die LLL stützte sich jedoch nur auf ausge­wählte Lite­ratur und Aussagen von Mediziner:innen, die sich explizit für das Stillen ausspra­chen. Sie verfolgte dabei eine Rhetorik der abso­luten Wahr­heit, indem sie breite wissen­schaft­liche Diskurse zur früh­kind­li­chen Ernäh­rung und der Mutter-Kind-Beziehung als eindeutig und ihre Philo­so­phie unter­stüt­zend darstellte. Die LLL blieb somit in ihren Publi­ka­tionen wider­sprüch­lich und ambi­va­lent, wer mass­ge­bend sein solle zum Thema Stillen: die erfah­renen Mütter oder medi­zi­ni­sche Fach­per­sonen. Sie kann daher nicht als eindeu­tige Gegen­be­we­gung zur scien­tific mother­hood verstanden werden.

Für Mütter auf Kosten der Mütter

Die histo­ri­sche, sozi­al­wis­sen­schaft­liche und femi­nis­ti­sche Forschung hat gezeigt, dass die Frage, wie und durch wen Säug­linge ernährt werden sollen, von der Antike bis heute von poli­ti­schen, ökono­mi­schen, reli­giösen und sozialen (Macht)Interessen geprägt wurde und wird. Dies hatte teil­weise verhee­rende Konse­quenzen für Menschen, die Kinder gebären und oder ernähren. Von einer Teil­nahme an dieser Dynamik ist auch die LLL nicht ausge­nommen. Die Erzie­hungs­wis­sen­schaft­lerin Sabine Seichter betont, dass mit der Grün­dung der La Leche League, ein „neues Kapitel der Still­ge­schichte“ einsetzte.

Und femi­nis­ti­sche Forscher:innen wie Lynn Weiner oder Chris Bobel kamen zu dem Schluss, dass die LLL gleich­zeitig als Vorrei­terin und als Oppo­si­tion der aufstre­benden femi­nis­ti­schen Bewe­gungen bezeichnet werden kann: als Vorrei­terin, da sie die Auto­rität der Mütter stärkte; als Oppo­si­tion, da sie die Frau über ihr propa­giertes Mutterkonzept wiederum einengte und auf die Mutter­schaft als einzig wahre weib­liche Beru­fung redu­zierte. Mit ihrer inhä­rent para­doxen Philo­so­phie bewegte sich die LLL in ihrer Gründungs- und Etablie­rungs­phase auf der einen Seite gegen­läufig zur dama­ligen Realität und Praxis der früh­kind­li­chen Ernäh­rung und inter­agierte auf der anderen Seite zentral mit dem Dogma der scien­tific mother­hood und dem zeit­ge­nös­si­schen Diskurs des mother-blamings. Dabei agierte die LLL über eine starke Mora­li­sie­rung und norma­tive Aufla­dung auf Kosten der Mütter, indem sie das Stillen als Bedin­gung für gutes mothe­ring und Mutterliebe zemen­tierte.

Liest man heute Inhalte auf der Webseite der LLL, erscheint sie einiges offener und inklu­siver. Beispiels­weise gibt es einen Eintrag, der Hilfe anbietet für Eltern, die Stillen möchten, ohne das Kind geboren zu haben, soge­nannte „non-gestational parents“. Dabei werden explizit nicht nur Adop­tiv­el­tern genannt, sondern auch Personen, die nicht fruchtbar sind oder keinen Uterus/Eierstöcke haben. Die Verbin­dung von Vorstel­lungen zur Mutter­schaft oder Eltern­schaft mit dem Stillen und eine gewisse norma­tive Konno­ta­tion bleiben jedoch bestehen. Fest steht, dass die LLL ein wich­tiges Puzzle­teil in der Poli­ti­sie­rung und Verwis­sen­schaft­li­chung des Stil­lens im 20. Jahr­hun­dert darstellt. Die Argu­mente und der Einfluss der LLL wirken sich bis heute auf die Konstruk­tion und norma­tive Aufla­dung der früh­kind­li­chen Ernäh­rung, der Mutter­schaft und des Frau-Seins an sich aus. Und bis heute ist es keine Selbst­ver­ständ­lich­keit, dass die Entschei­dung, ob ein Säug­ling gestillt wird oder nicht, bei der Person liegen sollte, die poten­ziell stillen könnte und dass diese Entschei­dung keinen Einfluss auf die Qualität der Eltern­schaft hat.