• Antoine Acker teaches and researches in the field of global history at the University of Zurich. He is the author of a book on Volkswagen in the Amazon and several contributions about Brazil's international connections during the period of the military regime.

Rio de Janeiro am 5. Oktober 2018, sieben Monate nach der Ermor­dung der femi­nis­ti­schen Akti­vistin Mari­elle Franco, der Stimme der schwarzen Bevöl­ke­rung, der Favelas und der LGBTQI im dortigen Stadtrat. Nach jetzigem Stand der Poli­zei­er­mitt­lungen kommen die Haupt­ver­däch­tigten für dieses Verbre­chen aus para­mi­li­tä­ri­schen Kreisen mit engen Bezie­hungen zur Familie Jair Bolso­naros, dem neuen Präsi­denten Brasi­liens. Zur Ehrung Mari­elles hängten ihre Unter­stützer unmit­telbar nach ihrem Tod Stras­sen­schilder mit dem Namen ‘Rua Mari­elle Franco’ auf.

Wilson Witzel (rechts) am 8.10.2018 in Rio de Janeiro; Quelle: extra.globo.com

Auf dem Bild rechts sieht man, wie ein solches Schild von zwei dama­ligen Kandi­daten aus Bolso­naros Partei PSL mit Stolz zerstört wird. Derje­nige, der sich am rechten Rand des Bildes so sehr darüber freut, dass er die Faust erheben muss, ist Wilson Witzel, ein enger Verbün­deter Bolso­naros und mitt­ler­weile Gouver­neur des Bundes­staates Rio de Janeiro.

Roberto Cortes und Wilson Witzel am 7.3.2019; Quelle: autoestrada.uol.com.br

Witzel findet man auch auf einem zweiten Foto wieder. Dort insze­niert er sich kürz­lich an der Seite des Vorstands­vor­sit­zenden von Volks­wagen Camin­hões e Ônibus (der lokalen LKW-Filiale der Volks­wagen AG) als wirt­schafts­freund­li­cher Regie­rungs­chef. Hierauf reagierte man in Deutsch­land eher pein­lich berührt, so dass der Dach­ver­band der Kriti­schen Aktio­nä­rinnen und Aktio­näre es in einer Pres­se­mit­tei­lung verur­teilte. Schliess­lich ist Witzel, genauso wie Bolso­naro, ein Poli­tiker, der Verbre­chen und Gewalt­kultur verherr­licht und in der Wahl­land­schaft Europas nur mit Vertre­tern hard­core-rechter Bewe­gungen wie der grie­chi­schen Goldenen Morgen­röte zu verglei­chen ist.

Doch bereits Anfang November begrüsste Pablo Di Si, der Gene­ral­di­rektor von VW in Latein­ame­rika, den Macht­auf­stieg der rechts­ra­di­kalen Wahl­sieger in über­ra­schend unvor­sich­tigen Worten. In der argen­ti­ni­schen Presse beschrieb er die Wahl Bolso­naros als eine Chance für die Wirt­schaft und Grund für Opti­mismus. Hat VW also Sympa­thie für die menschen­rechts­ver­ach­tende Regie­rung in Brasi­lien? Ange­sichts der bishe­rigen Haltung der lokalen Firmen­ver­treter dürfte man mindes­tens von falsch verstan­dener poli­ti­scher Neutra­lität spre­chen.

„Falsch verstan­dene poli­ti­sche Neutra­lität“

„Falsch verstan­dene poli­ti­sche Neutra­lität“ ist der Ausdruck, mit dem der Histo­riker Chris­to­pher Kopper der Univer­sität Biele­feld die Posi­tion des deut­schen VW-Vorstands in Wolfs­burg während des brasi­lia­ni­schen Mili­tär­re­gimes (1964-1984) beschrieb. 2016 hatte ihn VW beauf­tragt, mögliche Miss­bräuche durch die brasi­lia­ni­sche Konzern­tochter in der auto­ri­tären Periode zu klären, weil vernich­tende Vorwürfe vorlagen.

Es kam heraus, dass der Werk­schutz  linke Arbeiter im VW Werk São Bernardo do Campo bei São Paulo miss­han­delt, an die poli­ti­sche Polizei ausge­lie­fert und damit Folter- und Inhaf­tie­rungs­fällen Beihilfe geleistet hatte. Ausserdem besass die Auto­ge­sell­schaft von 1973 bis 1986 im Amazo­nas­ge­biet eine 140,000 Hektar grosse Rinder­farm, für deren massive Abhol­zung brasi­lia­ni­sche Arbeiter unter brutalen Zwangs­be­din­gungen einge­setzt worden waren. Obwohl letz­tere durch lokale Subun­ter­nehmen ange­stellt waren, wurde VW spätes­tens ab 1983 regel­mässig über die Vorfälle infor­miert, unter­nahm aber nichts.

Zwangs­ar­beit ist ein Begriff, der bei VW schmerz­hafte Erin­ne­rungen an einen völlig anderen histo­ri­schen Kontext hervor­ruft. Denn zwischen 1939 und 1944 wurden Tausende Kriegs­ge­fan­gene, Zivi­listen insbe­son­dere aus Osteu­ropa sowie Häft­linge aus Konzen­tra­ti­ons­la­gern für die Rüstungs­pro­duk­tion im Wolfs­burger Volks­wa­gen­werk ausge­beutet. Es war eine Premiere unter deut­schen Gross­un­ter­nehmen, als VW 1986 eine unab­hän­gige histo­ri­sche Studie über diese dunkle Vergan­gen­heit in Auftrag gab.

Auf Empfeh­lung des Histo­ri­kers Hans Mommsen stellte der Firmen­vor­stand 1991 zwölf Millionen D-Mark zur Verfü­gung, um in den Ursprungs­län­dern der ehema­ligen Zwangs­ar­beiter kultu­relle und soziale Projekte zu unter­stützen. Nach Veröf­fent­li­chung des Buches Das Volks­wa­gen­werk und seine Arbeiter im Dritten Reich (1996) folgte eine Serie von Initia­tiven zum Gedenken an die Opfer. Unter Führung des Histo­ri­kers Manfred Grieger, der zusammen mit Mommsen das Buch geschrieben hatte, wurde 1997 die VW-Abteilung „Histo­ri­sche Kommu­ni­ka­tion“ gegründet, deren Arbeit für Medien und die Wissen­schaft zum Mass­stab wurde.  

Natür­lich wusste jeder, dass hinter der Entschei­dung, dem öffent­li­chen Wunsch nach histo­ri­scher Aufklä­rung entge­gen­zu­kommen, auch Unter­neh­mens­in­ter­esse steckte. Die Aufar­bei­tung der eigenen Geschichte hatte für VW den Vorteil, mögliche firmen­schä­di­gende Aufde­ckungen durch Dritte und somit auch Skan­da­li­sie­rungen vorzu­beugen. Zudem entstand mit dem Ausbau der „Histo­ri­schen Kommu­ni­ka­tion“ eine Kultur des histo­ri­schen Marke­tings, die für den Auto­bauer Teil der Produkt­pro­mo­tion wurde. Neben Publi­ka­tionen, wie etwa der 2005 erschie­nenen, beach­tens­werten Samm­lung von Berichten ehema­liger jüdi­scher Zwangs­ar­beiter, die das in Wolfs­burg began­gene Unrecht scho­nungslos darstellten, wurden auch Bücher mit glän­zenden Auto­bil­dern veröf­fent­licht, die die klas­si­sche Erzäh­lung einer Nach­kriegs­er­folgs­ge­schichte wider­spie­gelten.

VW in Brasi­lien: Schlep­pende Aufar­bei­tung

So fing VW erst dann an, seiner eigenen Geschichte in der vom Unter­nehmen lange Zeit so genannten „Dritten Welt“ Aufmerk­sam­keit zu schenken, als aus dem zu einer emerged power gewor­denen Brasi­lien öffent­li­cher Druck kam. Bereits in der von der ehema­ligen Präsi­dentin Dilma Rousseff beru­fenen und 2014 abge­schlos­senen Natio­nalen Wahr­heits­kom­mis­sion (CNV), die die Verant­wor­tung für die unter der Mili­tär­dik­tatur began­genen Verbre­chen aufschlüs­seln sollte, tauchte der Verdacht auf, VW hätte sich an der poli­ti­schen Verfol­gung von Gewerk­schaft­lern unter der Diktatur betei­ligt. Im Jahr darauf meldeten sich zwölf mutmass­liche Opfer im Rahmen einer von Gewerk­schaften und NGOs mitge­tra­genen Sammel­klage, die Ermitt­lungen der brasi­lia­ni­schen Staats­an­walt­schaft gegen den Auto­mo­bil­her­steller auslösten.

Produk­ti­ons­strasse bei VW do Brasil, o.J.; Quelle: handelsblatt.com

Dieser Kontext veran­lassten die „Histo­ri­sche Kommu­ni­ka­tion“ von VW, Recher­chen über die Rolle des Konzerns im brasi­lia­ni­schen Mili­tär­re­gime zu beginnen. Durch erste Archiv­be­suche, Versuche, einen (nicht immer einfa­chen) Dialog mit den betrof­fenen Arbei­tern herzu­stellen, und die Orga­ni­sa­tion einer Konfe­renz an der Univer­sität Göttingen hatten Grieger und sein Team 2014 sogar schon ange­fangen, sich mit der Frage, wie man das Verhalten multi­na­tio­naler Unter­nehmen in auto­ri­tären Staaten bewertet, ernst­haft zu beschäf­tigen. Aber mitten in diesem Prozess trennte sich im Oktober 2016 das Unter­nehmen von Grieger. Dabei soll seine Rezen­sion über eine die Konzern­tochter Audi betref­fende Auftrags­studie eine ausschlag­ge­bende Rolle gespielt haben. Durch kriti­sche Argu­mente hatte er ange­deutet, dass die Studie aus mangelnder Distanz zum Auftrags­geber ihr Ziel verfehlt habe, die Verstri­ckungen Audis mit dem NS-Regime lückenlos zu analy­sieren. Vermut­lich war auch die von Grieger über die Jahre hinweg konse­quent umge­setzte Philo­so­phie, auch die schmerz­haf­testen histo­ri­schen Fragen nicht zu igno­rieren, nie völlig in der Unter­neh­mens­men­ta­lität ange­kommen. Laut einer ARD-Reportage vom 24. Juli 2017 ging auch seine Recherche zu Brasi­lien dem Vorstand zu weit. Die betriebs­in­terne Panik um den Abgas­skandal seit Herbst 2015 war dabei für eine weitere Ausein­an­der­set­zung mit den Schat­ten­seiten der Firmen­ge­schichte nicht beson­ders hilf­reich.

Gutachten aus dem In- und Ausland

Der auf Wunsch der Unter­neh­mens­lei­tung erfolgten Kündi­gung Grie­gers folgten laute Proteste aus der Histo­ri­ke­rIn­nen­ge­mein­schaft in Deutsch­land sowie enttäuschte Medien- und Gewerk­schafts­be­richte in Brasi­lien. Im Kontext dieser kriti­schen Reak­tionen bat VW unmit­telbar danach den Histo­riker Chris­to­pher Kopper, ein unab­hän­giges Gutachten zum Verhältnis des Konzerns zur brasi­lia­ni­schen Staats­re­pres­sion zu erstellen.

Doch ging es VW tatsäch­lich darum, seine recht­liche Verant­wor­tung zu klären? Wollte der Konzern wissen, was in seinem eigenen Werk genau passiert war? Dann hätte sich das Unter­nehmen auch auf eine Studie des Poli­tik­wis­sen­schaft­lers Guaracy Mingardi verlassen können, die einige Monate zuvor von der brasi­lia­ni­schen Staats­an­walt­schaft in Auftrag gegeben worden war. Aber der verant­wort­liche Staats­an­walt Pedro Machado erklärte, dass er VW vergeb­lich dazu eingeladen habe, sich mit der Aushän­di­gung von firmen­in­ternen Archiv­do­ku­menten an der Unter­su­chung zu betei­ligen.  

VW hätte ebenso die brasi­lia­ni­schen Forsche­rInnen unter­stützen können, die sich in Arbeits­gruppen wie Mais Verdade in Rio de Janeiro oder dem IIEP (Inter­câmbio, Infor­ma­ções, Estudos e Pesquisas) in São Paulo seit längerer Zeit für die Aufar­bei­tung der Unter­neh­mens­ver­ant­wor­tung unter dem Mili­tär­re­gime inter­es­sieren. Insge­samt mangelt es in Brasi­lien nicht an hoch­kom­pe­tenten Histo­ri­ke­rInnen zur Geschichte der Diktatur. Die Entste­hungs­be­din­gungen der VW-Auftragsstudie hinter­lassen deshalb den Eindruck, dass in den Augen des Firmen­vor­stands nur ein deut­scher Wissen­schaftler ein Garant für Serio­sität und Sach­lich­keit sei, egal, ob dieser im Vorfeld eine ernst­hafte Kenntnis der Zeit­ge­schichte, Verhält­nisse und Sprache Brasi­liens habe oder nicht.

Denn Kopper gab gegen­über ARD-Journalisten zu, dass er sich zuerst komplett in den Gegen­stand habe einar­beiten müssen. Liest man den Endbe­richt des Biele­felder Forschers, wird deut­lich, dass ihm das gelungen ist. Gleich­zeitig ist allen Histo­ri­ke­rInnen bewusst, wie wesent­lich sprach­liche und kontex­tu­elle Kennt­nisse für die histo­ri­sche Arbeit sind. So konnte Kopper trotz fleis­siger Recher­che­ar­beit viele Doku­mente aus der poli­ti­schen Polizei des Staates São Paulo sowie vom brasi­lia­ni­schen Sicher­heits­dienst, die im Endbe­richt von Guaracy Mingardi analy­siert und repro­du­ziert werden, in seiner eigenen Recherche nicht berück­sich­tigen.

VW verhielt sich gegen­über der Mili­tär­re­gie­rung „unein­ge­schränkt loyal“

Trotz dieser Hinder­nisse legte Kopper im Herbst 2017 einen seriösen und sach­lich belegten 126 seitigen Text vor, der (ähnlich wie der kurz zuvor bei der Staats­an­walt­schaft einge­reichte Mingardi-Bericht) einen Gross­teil der Verdachts­fälle gegen den Konzern bestä­tigen konnte: Die Filiale VW do Brasil beur­teilte den Mili­tär­putsch von 1964 positiv und „verhielt sich gegen­über der Mili­tär­re­gie­rung unein­ge­schränkt loyal“. Es fand zwischen 1969 und 1979 eine „Zusam­men­ar­beit des Werk­schutzes mit der poli­ti­schen Polizei des Regimes“ statt und dies „mit dem still­schwei­genden Wissen des Vorstands“. Der Werk­schutz erleich­terte die Verhaf­tung von Werk­be­schäf­tigten zu einem Zeit­punkt, in dem der Einsatz von Folter „bereits in der deut­schen und in der brasi­lia­ni­schen Öffent­lich­keit bekannt war“. Es wurden auch Arbeiter über­wacht und poli­tisch moti­vierte „schwarze Listen“ erstellt und mit anderen Unter­nehmen ausge­tauscht, um die Beschäf­ti­gung von als subversiv wahr­ge­nom­menen Indi­vi­duen in der gesamten Auto­branche zu unter­binden. Bezüg­lich der Ausbeu­tung von länd­li­chen Arbei­tern auf seiner Amazonas-Farm spricht Kopper von „mittel­barer Verant­wor­tung“ des Konzerns.

Anläss­lich der Publi­ka­tion der „Kopper-Studie“ wurden die klagenden Opfer am 14. Dezember 2017 zu einer öffent­li­chen Veran­stal­tung in São Bernardo do Campo einge­laden. Infor­ma­tionen zum Ablauf der Veran­stal­tung erhielten sie jedoch nicht, so dass sich die klagenden Arbeiter für eine Demons­tra­tion vor den Werks­toren entschieden und gegen das Posieren beim Hand­schlag mit Unter­neh­mens­ver­tre­tern: „Wir wollen keine Party, wir wollen Gerech­tig­keit“, stand auf den Trans­pa­renten.

Protes­tie­rende VW-Arbeiter; Quelle: dw.com

Im Konfe­renz­saal des Werkes nutzte VW die Veröf­fent­li­chung des Kopper-Berichtes, um sich als geschichts­be­wusstes multi­na­tio­nales Unter­nehmen feiern zu lassen. Doch in diesem Rahmen wurde eine zwie­späl­tige Botschaft vermit­telt, die eher nach einer Ableh­nung der eigenen histo­ri­schen Verant­wor­tung klang. Trotz der bishe­rigen Anstren­gungen der Firmen­lei­tung, die Recher­che­ar­beit von deut­schen Forschern erle­digen zu lassen, war kein deut­scher Vorstand anwe­send; als ob die Ange­le­gen­heit plötz­lich zu einem ausschliess­lich lokalen Problem geworden sei.

Der Spre­cher des Konzerns, Pablo di Si, schrieb die im Bericht aufge­zeich­neten Miss­bräuche „Einzel­tä­tern“ zu, brachte im Namen der Firma seine „Reue“ zum Ausdruck, ohne die erwar­tete „Entschul­di­gung“ auszu­spre­chen, und enthüllte eine Gedenk­tafel zu Ehren der „Opfer der Diktatur“, auf der kein Hinweis auf VW und die durch dessen Werk­schutz miss­han­delten Arbeiter stand.

Verant­wor­tung in der Gegen­wart

Die weiteren Forde­rungen des Berichts fielen unter den Tisch. Kopper war in Brasi­lien zu unbe­kannt, als dass seine im deut­schen Fern­sehen geäus­serte Empfeh­lung, das Unter­nehmen solle sich bei den Opfern entschul­digen und sie entschä­digen, zu einer öffent­li­chen Forde­rung in der brasi­lia­ni­schen Gesell­schaft hätte werden können. Mit dem Erfolg des rechten Wahl­kampfes Bolso­naros im Jahr 2018 und der Macht­er­grei­fung von Nost­al­gi­kern der Diktatur, die die Arbeit der natio­nalen Wahr­heits­kom­mis­sion sowie die Erin­ne­rung an die Opfer des Mili­tär­re­gimes am liebsten unter­binden würden, geriet sein Bericht prak­tisch in Verges­sen­heit.

Poli­tisch stammt der ehema­lige Armee­of­fi­zier Bolso­naro aus dem extremen rechten Rand des von ihm verehrten Mili­tär­re­gimes, dem er aller­dings vorhält, nicht genug Oppo­si­tio­nelle getötet zu haben. Im Verlauf der letzten drei Jahr­zehnte vertei­digte er offen faschis­ti­sche Werte und Prak­tiken wie Folter, Massen­mord und poli­ti­sche Gefan­gen­nahmen. Trotz rasch schrump­fender Popu­la­rität im eigenen Land und eines kata­stro­phalen diplo­ma­ti­schen Auftre­tens hofft seine Regie­rung mittels einer markt­ra­di­kalen Budget­po­litik darauf, durch die Unter­stüt­zung globaler Wirt­schafts­ak­teure auf inter­na­tio­naler Ebene salon­fähig zu werden. Wie VW in diesem Kontext und als der wich­tigste Auto­her­steller Brasi­liens mit der Frage der histo­ri­schen Verant­wor­tung umgehen wird, muss ernst­haft beob­achtet werden. Im Moment laufen Verhand­lungen mit den klagenden Arbei­tern, auf die sich die Firma erst unter Andro­hung eines Gerichts­pro­zesses einliess.

Würde sich VW zu einem versöhn­li­chen Ansatz der Vergan­gen­heits­auf­ar­bei­tung bekennen und an der Seite der Opfer für eine Politik der mate­ri­ellen und symbo­li­schen Wieder­gut­ma­chung enga­gieren, wäre ein histo­ri­scher Schritt getan. Damit könnte das Auto­un­ter­nehmen eine längst über­fäl­lige Aufar­bei­tung der Mili­tär­dik­tatur anregen, die Brasi­lien gerade im heutigen Kontext so drin­gend braucht wie nie zuvor: Für den 31. März hat Bolso­naro offi­zi­elle Feier­lich­keiten zum 55. Jahrestag des Mili­tär­put­sches orga­ni­siert. Kehrt VW jedoch die Ange­le­gen­heit unter den Teppich und behan­delt die Regie­rung Bolso­naros weiterhin wie einen ganz normalen Gesprächs­partner, wäre dies nicht nur verhee­rend für die Demo­kratie in Brasi­lien. Es würde auch zeigen, dass VW von über dreissig Jahren Gedächt­nis­ar­beit in Deutsch­land wenig gelernt hat.

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