Der gefährlichste Ort für Frauen war immer schon ihre Beziehung. Doch anstatt sich mit den Ursachen auseinanderzusetzen, wird Gewalt gegen Frauen häufig als Problem der vermeintlich „Anderen“ oder „Fremden“ dargestellt. Diese Projektion hat eine lange Geschichte.

  • Julia Schneidawind

    Julia Schneidawind ist Historikerin und Akademische Rätin auf Zeit am Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur der Ludwig-Maximilians-Universität München. In ihrem Habilitationsprojekt befasst sie sich mit Gewalt gegen Frauen in Deutschland nach 1945. Dabei untersucht sie insbesondere, wie entsprechende Gewalterfahrungen in der sich demokratisierenden deutschen Nachkriegsgesellschaft marginalisiert, tabuisiert oder aus dem öffentlichen Bewusstsein ausgeblendet wurde.

Als Bundes­kanzler Fried­rich Merz am 25. März 2026 im Deut­schen Bundestag von weib­li­chen Abge­ord­neten aufge­for­dert wurde, zum Thema Gewalt gegen Frauen Stel­lung zu nehmen, war diesem zunächst der Hinweis wichtig, dass sich ja nicht „nur die Frauen“ mit dieser Frage beschäf­tigten, sondern auch „viele Männer“. Nach Ausfüh­rungen zu jüngsten Geset­zes­ent­wick­lungen folgte schließ­lich der Satz, auf den es Merz beson­ders anzu­kommen schien: „Dann müssen wir auch anspre­chen, dass ein beacht­li­cher Teil dieser Gewalt aus den Gruppen der Zuwan­derer in die Bundes­re­pu­blik Deutsch­land kommt. Auch das gehört zur Voll­stän­dig­keit des Bildes dazu.“

Der Kanzler war nach Schutz von Frauen vor Gewalt im Netz und im alltäg­li­chen Leben gefragt worden – ein Thema, das in den Wochen zuvor erheb­liche Öffent­lich­keit auf sich zog, nachdem die Schau­spie­lerin und Mode­ra­torin Collien Fernandes öffent­lich gemacht hatte, in ihrer Ehe über Jahre schwerer digi­taler sexua­li­sierter Gewalt ausge­setzt gewesen zu sein. Aber warum kam der deut­sche Kanzler nun in diesem Zusam­men­hang auf das Thema Migra­tion zu spre­chen? Wenn Witze im Nach­hinein aufwendig erklärt werden müssen, sind sie nicht beson­ders gelungen. Ähnli­ches gilt für poli­ti­sche State­ments. Bereits im Oktober 2025 hatte Merz auf die Frage, wie denn der Zulauf zur AfD gestoppt werden könne, mit dem Thema „Migra­tion“ zu antworten versucht: Seine Regie­rung habe die Zahl der Asyl­an­träge stark redu­ziert, es gebe aber weiterhin „ein Problem im deut­schen Stadt­bild“. Auf die Bitte um Einord­nung, entgeg­nete Merz, man möge doch mal die eigenen Töchter fragen. Beide Aussagen von Merz zogen heftige Reak­tionen nach sich. 

Die Verbin­dung von Stadt­bild, Migra­tion und Gewalt, die Merz herstellt, ist sicher kein Zufall. Sie folgt dem Griff in die alte Motten­kiste: Wer das „Stadt­bild“ stört, gehört nicht dazu, und wer nicht dazu­ge­hört, ist gefähr­lich. Was in diesem Bild unter­geht: die stetig stei­genden Zahlen im Kontext von häus­li­cher Gewalt, wie sie die Bundes­kri­mi­nal­sta­tistik zeigt, und das noch größere Dunkel­feld. Aus der fast schon emble­ma­tisch gewor­denen Formel, dass in Deutsch­land „jeden dritten Tag“ eine Frau durch ihren (Ex-)Partner getötet wird, ist im Jahr 2024 beinahe „jeden zweiten Tag“ geworden. Vor diesem Hinter­grund bemerkte der Vorsit­zende des Bundes Deut­scher Krimi­nal­be­amter, Dirk Peglow, in einem später zum Meme gewor­denen Inter­view mit dem ZDF auf die Frage, welchen Rat man Frauen geben könne:

Wenn man nach der statis­ti­schen Anzahl geht, besser keine Bezie­hung mit einem Mann eingehen. Dann ist das Risiko erheb­lich höher, Opfer von psychi­scher oder physi­scher Gewalt zu werden.

Die aktu­ellen Zahlen bestä­tigen den Anstieg der Gewalt im soge­nannten „Nahraum“: Die Zahl der erfassten Fälle von Verge­wal­ti­gung, sexu­eller Nöti­gung und sexu­ellen Über­griffen im beson­ders schweren Fall (einschließ­lich jener mit Todes­folge) stieg um 8,5 % auf 14.454 Taten. Die Daten zur Täter-Opfer-Beziehung zeigen, dass diese Gewalt in den meisten Fällen nicht von Unbe­kannten ausgeht. Viel­mehr stammen die Tatver­däch­tigen bei schweren Sexu­al­de­likten über­wie­gend aus dem sozialen Umfeld: Freunde, Bekannte sowie aktu­elle oder ehema­lige Partner. Der gefähr­lichste Ort für eine Frau ist somit keines­wegs die dunkle Gasse im vermeint­lich bedroh­li­chen Stadt­raum, sondern das eigene Zuhause. Darauf verweisen nicht nur die Statis­tiken, sondern die zahl­rei­chen aktu­ellen Fälle, die unwei­ger­lich an das erin­nern, was Gisèle Pelicot wider­fahren war und das mutige Zeichen, das sie gesetzt hat: Die Scham muss die Seite wech­seln, wenn ein vertrauter Mensch das Zuhause zum Tatort macht. Hinzu kommt, dass solche Taten nicht im Verbor­genen bleiben, sondern von Netz­werken im Internet beob­achtet, kommen­tiert oder gar mitge­tragen werden. Dennoch wird Gewalt gegen Frauen häufig als Problem der vermeint­lich „Anderen“ oder „Fremden“ darge­stellt. Die Verant­wor­tung wird damit nach außen verla­gert, anstatt sich mit den gesell­schaft­li­chen Struk­turen und Verhält­nissen ausein­an­der­zu­setzen, in denen diese Gewalt tatsäch­lich entsteht. Auch dieses Muster ist keines­wegs neu, sondern lässt sich histo­risch in den unter­schied­lichsten Kontexten beobachten.

Skan­da­li­sie­rung, Schau­lust und der fremde Täter

Quelle: https://www.dff.film/besuch/ausstellungen/plakat-maedchenhandel/

Bereits um 1900 wurde die Öffent­lich­keit eindring­lich vor dem soge­nannten „Mädchen­handel“ gewarnt, im engli­schen Sprach­raum als „White Slavery“ bezeichnet, ein Begriff, der schon andeutet, dass es hier weniger um das Phänomen selbst geht als um die Empö­rung darüber, wen es betrifft. Das Thema beherrschte Kongresse, Flug­schriften und Zeitungen, später auch die Popkultur: Thea­ter­stücke und Filme über „weiße Skla­vinnen“ oder „Vermisste Töchter“ bedienten eine Schau­lust, die mit dem vermeint­li­chen Aufklä­rungs­an­liegen Hand in Hand ging. 

Mit dem Begriff verband sich eine Geschichte, die in zahl­losen Vari­anten kursierte: Eine junge Frau aus der Provinz kommt in die große Stadt, verschwindet unter myste­riösen Umständen. Später stellt sich heraus, dass sie in ein Bordell entführt und zur Prosti­tu­tion gezwungen worden ist. Die Debatten füllten die Tages­presse und waren von einem eigen­tüm­li­chen Voyeu­rismus durch­zogen. Plakate warnten allein­rei­sende oder auswan­dernde Frauen vor unheim­li­chen Männern, die ihnen auf Bahn­höfen und in Groß­stadt­straßen auflau­erten. Die Botschaft war eindeutig: Die Gefahr kommt von außen, von Fremden und betrifft Frauen, die so töricht waren, das vermeint­lich sichere Zuhause zu verlassen. Der skan­da­li­sierte „Mädchen­handel“ betraf in den seltensten Fällen jene bürger­li­chen Frauen, an die sich die Boule­vard­presse richtete.

Häus­liche und struk­tu­relle Gewalt stellten um 1900 eine weitaus größere Gefahr dar, als der fremde Mann, der die Frauen in Bordelle nach Buenos Aires entführte. Die davon weitaus am häufigsten betrof­fenen Frauen waren vor allem osteu­ro­päi­sche, nicht selten jüdi­sche Frauen – als Opfer einer ebenso struk­tu­rell bedingten recht­li­chen und wirt­schaft­li­chen Schutz­lo­sig­keit. Im öffent­li­chen Diskurs trat das kaum hervor. Was sich statt­dessen festigte, war die Figur des „ostjü­di­schen Mädchen­händ­lers“: umher­wan­dernd, fremd, mora­lisch korrum­piert, gefähr­lich. In Wirk­lich­keit waren diese Täter­netz­werke sehr viel­fältig; dass es auch jüdi­sche Akteure darunter gab, war Tatsache, wurde aber anti­se­mi­tisch instru­men­ta­li­siert, indem die gesamte Täter­schaft auf diese Gruppe verengt wurde, wie die Histo­ri­kerin Nelly Las schreibt. Die mora­li­sche Panik war damit doppelt funk­tional: Sie produ­zierte sowohl das Bild des gefähr­li­chen Fremden als auch das des bedrohten, schutz­be­dürf­tigen Mädchens.

Dieses Narrativ wurde von unter­schied­li­chen Akteuren aufge­griffen, darunter auch Frau­en­recht­le­rinnen, die damit auf reale Gefähr­dungen von Frauen und Mädchen aufmerksam machen wollten, manchmal aber auch zur Verbrei­tung des Deutungs­mus­ters beitrugen. Unsichtbar blieb dagegen, was näher lag und allge­gen­wärtig war: die Gewalt im Nahraum, in der Familie und in der Ehe. Das galt lange als Privat­sache, die niemanden etwas angehen sollte. Doch Frauen nahmen diese Verhält­nisse keines­wegs wider­standslos hin. Bereits 1846 beschrieb die deut­sche Schrift­stel­lerin Louise Aston die recht­liche und gesell­schaft­liche Unter­ord­nung von Frauen:

Sie können uns unter­stützen, indem Sie diesen Artikel teilen: 

Ich weiß es, welcher Entwür­di­gung eine Frau unter dem heiligen Schutze des Gesetzes und der Sitte ausge­setzt ist; […] und das Recht zum Adju­tanten brutaler Gewalt wird!

Aston verstand die Ehe als Insti­tu­tion weib­li­cher Abhän­gig­keit und machte auf die Gewalt aufmerksam, die sich hinter gesell­schaft­li­chen Normen verbergen konnte. Für ihre poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Ansichten wurde sie schließ­lich aus Berlin ausgewiesen.

Wenige Jahr­zehnte später machte die irische Frau­en­recht­lerin Frances Power Cobbe mit ihrem Essay Wife-Torture in England (1878) Gewalt gegen Ehefrauen zu einem öffent­li­chen Thema. Sie gehörte zu den ersten, die syste­ma­tisch darauf hinwiesen, dass die größte Gefahr für viele Frauen nicht von Fremden ausging, sondern aus dem eigenen Haus­halt kam. Solange es Gewalt gegen Frauen gibt, haben Frauen sich dagegen zur Wehr gesetzt. Viele dieser Stimmen wurden jedoch margi­na­li­siert oder aus den domi­nanten histo­ri­schen Erzäh­lungen ausge­schlossen, was schon Karen Offen in ihrer Geschichte des euro­päi­schen Femi­nismus bis 1950 zeigte.

Mit der Macht­er­grei­fung der Natio­nal­so­zia­listen wurden in Deutsch­land und darüber hinaus viele dieser Errun­gen­schaften jäh zunichte gemacht, zahl­reiche Vorrei­te­rinnen (und auch Vorreiter) ermordet oder ins Exil getrieben. Während Gewalt gegen all jene, die aus der vermeint­li­chen „Volks­ge­mein­schaft“ ausge­schlossen waren, öffent­lich propa­giert und ausgeübt wurde, prägten auto­ri­täre und gewalt­volle Verhal­tens­weisen auch den Alltag. Sie zeigten sich in Familie und Erzie­hung, in strikten Geschlecht­er­ord­nungen sowie in der gesell­schaft­li­chen Akzep­tanz körper­li­cher Bestra­fung. Diese Gewalt­kul­turen wirkten über 1945 hinaus fort und verschwanden nicht plötz­lich mit dem Ende des Nationalsozialismus. 

Demo­kra­ti­sie­rung – der fremde Täter bleibt

Die Kapi­tu­la­tion im Mai 1945 markierte das Ende des Krieges, nicht jedoch das Ende des Leids vieler Verfolgter. Für unzäh­lige Über­le­bende der Lager, darunter zahl­reiche Frauen, wirkten die erlit­tenen Gewalt­er­fah­rungen fort und blieben lange Zeit unge­hört. Was mit Blick auf das Thema Gewalt nach 1945 die Forschung und das kollek­tive Gedächtnis lange vorrangig beschäf­tigt hat, waren etwa die Verge­wal­ti­gungen „deut­scher Frauen“ durch sowje­ti­sche Soldaten. Dass die Situa­tion weitaus viel­schich­tiger war, von den Deut­schen, aber auch etwa den US-Amerikanern genauso Gewalt­akte ausgingen, ist wenig beleuchtet. Was eben­falls nahezu voll­kommen aus dem Blick geriet: das Leid der Margi­na­li­sierten und damit auch das Leid der weib­li­chen Displaced Persons, der jüdi­schen Über­le­benden, der Zwangs­ar­bei­te­rinnen, Sintize und Romnja. Viele Über­le­bende spra­chen erst Jahr­zehnte später in Zeit­zeu­gen­in­ter­views darüber, dass sie im Zuge der Befreiung Opfer sexu­eller Gewalt wurden. Viele betonten, dass ihnen abge­raten wurde, darüber zu spre­chen, ihren Fami­lien wollten sie nicht noch mehr Leid aufbürden – und natür­lich spielte Scham eine Rolle.

Im Nach­kriegs­deutsch­land domi­nierte zunächst viel­fach das Selbst­mit­leid. In einem Augs­burger Wochen­be­richt an die Alli­ierten aus dem Jahr 1947 hieß es etwa, „daß ein schneller Tod durch Gaskam­mern sicher­lich nicht unhu­maner ist, als ein sich allmäh­lich anbah­nendes Verhun­gern eines gesamten Volkes“ – eine dras­ti­sche Gleich­set­zung, mit der die vermeint­li­chen Folgen der alli­ierten Politik beschrieben wurden. Gleich­zeitig hielt sich die Über­zeu­gung, die eigent­liche Gefahr komme von außen: von den soge­nannten Displaced Persons, den „Fremden“ und „Verschleppten“. In baye­ri­schen Poli­zei­akten der unmit­tel­baren Nach­kriegs­zeit lässt sich nach­voll­ziehen, wie Straf­taten mit unge­klärter Täter­schaft oftmals reflex­artig den Bewoh­nern der DP-Lager zuge­schrieben wurden – mitunter unter Verweis auf die gestreiften Häft­lings­hemden als vermeint­li­ches Erkennungsmerkmal.

Anstatt sich mit den Ursa­chen von Krimi­na­lität und Gewalt in der eigenen Gesell­schaft ausein­an­der­zu­setzen, wurden die Verdäch­ti­gungen auf dieje­nigen proji­ziert, die weiter als „fremd“ galten. Die von den US-Amerikanern heraus­ge­ge­bene Neue Zeitung berich­tete bereits im Dezember 1945 über diese Praxis: 

Ein Teil der deut­schen Bevöl­ke­rung benutzt diese Situa­tion, um alle Verbre­chen, die heute in Deutsch­land begangen werden und bei denen die Täter nicht sogleich ding­fest gemacht werden können, den Zwangs­ver­schleppten zur Last zu legen. In einigen Fällen dieser Art stellte es sich bei Nach­for­schungen heraus, daß der Täter kein Ausländer, sondern Deut­scher war.

In Bayern wurden derweil Listen über „Notzucht­fälle durch Ausländer“ geführt, wie etwa eine Recherche im Staats­ar­chiv München belegt. Die Gewalt in Ehe und Familie blieb demge­gen­über recht­lich weit­ge­hend unsichtbar. Verge­wal­ti­gung in der Ehe blieb in der Bundes­re­pu­blik bis 1997 straf­frei. Über die Folgen von Gewalt aber entschieden auch in der unmit­tel­baren Nach­kriegs­zeit Männer – und die Logik dieser Entschei­dungen lässt sich ablesen. Der baye­ri­sche Minis­ter­prä­si­dent Wilhelm Hoegner notierte im Juli 1945: „Wenn Verge­wal­ti­gung durch Farbige vorliegt, sind die Ärzte drin­gend für Abtrei­bung, ebenso Gerichte und Staats­an­walt­schaft.“ Abtrei­bung, in der Nach­kriegs­zeit weiterhin grund­sätz­lich verboten, konnte im Ausnah­me­fall von einer Kommis­sion geneh­migt werden, sofern eine medi­zi­ni­sche oder eben krimi­no­lo­gi­sche Indi­ka­tion (etwa eine Verge­wal­ti­gung) vorlag. Geneh­mi­gungen erfolgten häufig dann unkom­pli­zierter, wenn ange­geben wurde, dass der Täter ein Schwarzer ameri­ka­ni­scher oder fran­zö­si­scher Soldat war.

Dass der meist männ­liche Blick auf die Fälle auch den betrof­fenen Frauen gegen­über miss­trau­isch blieb, zeigt ein zeit­ge­nös­si­sches krimi­no­lo­gi­sches Stan­dard­werk. Günter Schulz schrieb 1958 in „Die Notzucht. Täter, Opfer, Situa­tionen“: „Notzuch­t­an­zeigen stellen sich nicht selten als falsche Anschul­di­gungen heraus. Die angeb­lich Genot­züch­tigte ist geschwän­gert worden und versucht nun, ihren in Wahr­heit began­genen Fehl­tritt durch wissent­lich falsche Behaup­tungen zu verde­cken.“ Und weiter: „Es ist auch möglich, daß das Opfer in der Verge­wal­ti­gung eine Erfül­lung seiner Wünsche erblickt und aus diesem Grunde die Gewalt­an­wen­dung verneint, weil ihm der Geschlechts­ver­kehr gar nicht so ‚unge­legen‘ kam.“

Wie fokus­siert man weiter auf die Bedro­hung durch Fremde war, zeigt ein Bericht der Süddeut­schen Zeitung vom 9. Mai 1960 aus Donau­eschingen. Der Gemein­derat hatte Bundes­kanzler Adenauer tele­gra­fiert: Die Bevöl­ke­rung fühle sich durch die marok­ka­ni­schen Soldaten der fran­zö­si­schen Garnison „insbe­son­dere Frauen und Mädchen … aufs äußerste bedroht“. Der Bürger­meister versi­cherte, „Rassen­vor­ur­teile“ spielten keine Rolle – um dann fort­zu­fahren: „Aber die Marok­kaner passen nun einmal nicht in unser Städt­chen.“ Tausend „Wüsten­söhne“ auf zehn­tau­send Einwohner sei „rein optisch ein Mißver­hältnis“. Fran­zö­si­sche Offi­ziere recht­fer­tigten Über­griffe mit Alkohol und dem „großen Verlangen nach Frauen“ der Soldaten. Der Landrat sprach deshalb davon, Frauen und Mädchen müssten „in einem wahr­haften Ghetto leben“.

Was der Artikel nicht thema­ti­sierte: die Gewalt, die Frauen in Donau­eschingen – wie überall – im eigenen Zuhause erlebten. Insge­samt wurden in der Bundes­re­pu­blik im Jahr 1960 6.436 Fälle von „Notzucht“ regis­triert, wovon 92,1 % von deut­schen Tätern begangen wurden. In den poli­zei­li­chen Krimi­nal­sta­tis­tiken des Jahres 1960 exis­tiert keine eigene Kate­gorie „häus­liche Gewalt“ – allein „Kinds­tö­tungen“ oder „Fami­li­en­strei­tig­keiten“ als Selbst­mord­mo­tive finden darin Erwähnung.

Der Fremde als Täter – ein poli­ti­sches Bedürfnis

Die Vorstel­lung, Gewalt gegen Frauen gehe vor allem von Fremden aus, gehört zu den hart­nä­ckigsten Erzäh­lungen moderner Gesell­schaften. Sie entlastet die Mehr­heits­ge­sell­schaft, weil sie Gewalt als ein Problem von außen erscheinen lässt, und verdeckt zugleich, dass sie häufig im sozialen Nahraum statt­findet. So bleibt ihre struk­tu­relle Dimen­sion unsichtbar. Entspre­chend wird die poli­ti­sche Debatte um Gewalt­er­fah­rungen immer wieder auf Migra­tion und Abschie­bungen verengt. Beson­ders die AfD greift dieses Narrativ seit Jahren auf und insze­niert den Schutz „deut­scher Frauen“ vor Auslän­dern als zentrales poli­ti­sches Motiv. So erklärte der AfD-Abgeordnete Rainer Galla am 8. Mai 2026 im Bundestag, „in den west­li­chen Zivi­li­sa­tionen“ sei „Gewalt gegen Schwä­chere seit Gene­ra­tionen geächtet“. Dass die Aussage sugge­riert, Gewalt gegen Frauen sei vor allem ein Problem kultu­rell Anderer und nicht der eigenen Gesell­schaft, kommt aus dieser Ecke wenig über­ra­schend. Als Fried­rich Merz ähnliche Deutungs­muster bediente, applau­dierte denn auch die AfD. Brisant ist dabei, dass Merz selbst dies wohl als Stra­tegie versteht, die der Partei Wähler­stimmen abnehmen soll. Damit räumt er nicht nur indi­rekt ein, dass er im Kampf gegen die AfD ihre rheto­ri­schen Muster über­nimmt. Gleich­zeitig wirkt vor diesem Hinter­grund sein Anliegen, Frauen schützen zu wollen, wenig glaubwürdig.Wählerinnen erkennen durchaus, wenn ihre Inter­essen ledig­lich vorge­schoben werden, um andere poli­ti­sche Botschaften zu trans­por­tieren. Die Über­nahme rechter Deutungs­muster und die Instru­men­ta­li­sie­rung von Frau­en­rechten, um Ressen­ti­ments zu bedienen – beides ist mit Blick auf die Geschichte und auf die Zukunft enttäuschend.