Gespenster der Gegenwart

Spätestens seit dem Brexit und der Wahl Donald Trumps erscheint die Welt vom „Gespenst des Populismus“ heimgesucht. Dies ist mehr als eine Metapher. Populistische Politik folgt vielmehr der Logik einer Geisterbeschwörung.



Artikel URL: https://geschichtedergegenwart.ch/gespenster-der-gegenwart/

Seit Karl Marx’ berühmter Rede vom „Gespenst des Kommunismus“ lassen sich Gegenwart und Politik auch als Orte der Heimsuchung denken. Die Vorstellung einer gespenstischen Gegenwart kann hierbei in doppelter Hinsicht verstanden werden: Zum einen lässt sich die Gegenwart als ein von Wiedergängern und Untoten bevölkerter Zeitraum deuten, der von Unerledigtem und Verdrängtem durchspukt wird. Zum anderen kann die Gegenwart selbst zu einem gespenstischen Zustand werden, wenn sie von Mächten heimgesucht wird, die unsichtbare, unwirkliche und furchteinflößende Dinge suggerieren.

Die Spannweite reicht von den guten Geistern der Vergangenheit bis hin zu den bedrohlichen Gespenstern der Gegenwart: Knapp 150 Jahre nach Marx hat Jacques Derrida die Idee des Gespenstischen in seinem Buch Marx’ Gespenster in eine „Hauntologie“ – also eine Geisterlehre – verwandelt und gefordert, zu „lernen mit Gespenstern zu leben“. 2010 schrieb Joseph Vogl vom „Gespenst des Kapitals“ und 2017 warnte Bernd Stegemann vor dem „Gespenst des Populismus“, das gegenwärtig mit vermeintlich totgeglaubten Identitäten wie Volk, Rasse oder der christlich-abendländischen Kultur durch die Gegend geistert. Aktuell erinnert speziell die Wiederkehr populistischer, manchmal bürgerlich verkleideter, teils aber auch gänzlich unmaskierter rechtsextremer Positionen an eine Zeile aus George A. Romeros Zombie-Kultfilm Dawn of the Dead von 1978: „Wenn in der Hölle kein Platz mehr ist, kommen die Toten auf die Erde zurück.“

Diese Untoten wollen uns mit neuen Schreckgespenstern Furcht einflößen und suggerieren Überfremdung, Flüchtlingskrise und Islamisierung als Angstszenarien. Es könnte also hilfreich sein, den Gedanken vom „Gespenst des Populismus“ für einen Moment ernster und wörtlicher zu nehmen, als dies vielleicht zulässig ist, um danach zu fragen, wie Gespenster eigentlich gerufen werden. Geisterbeschwörung und populistische Politik ähneln sich nämlich nicht nur darin, uns Angst einjagen zu wollen. Sie teilen auch eine Reihe von Praktiken und Medien, mit denen sie ihre Gespenster zur Erscheinung bringen.

Tanzende Tische – in Gesellschaft der Gespenster

In seinem Buch Leben mit den Toten über die Entstehung des Geisterglaubens in Deutschland beschreibt der Historiker Diethard Sawicki die Mitte des 19. Jahrhunderts zur Mode gewordene Technik des Tischrückens. Dieses Phänomen, bei dem durch die Vermittlung eines „Mediums“ Kontakt zu den Verstorbenen aufgenommen wurde, die als Geister in der Tischgesellschaft Platz nahmen und angesprochen werden konnten, wurde in kürzester Zeit so populär, dass ihm selbst Marx eine Zeile gewidmet hat. Mit Blick auf die chinesische Taiping-Revolution, die Reaktionsära nach 1848 und das ab 1853 in Europa grassierende Tischrücken schrieb er im Kapital: „Man erinnert sich, daß China und die Tische zu tanzen anfingen, als alle übrige Welt still zu stehn schien.“ Es herrschte also ein Klima des politischen Rückschritts, eine Auflösung liberaler Hoffnungen, das diesem Phänomen zu seiner sprunghaften Verbreitung verhalf.

Beim Tischrücken versammelte sich eine Gruppe an einem Tisch und bildete mit gespreizten Händen eine „Kette“.  Die meist weiblichen „Medien“, so Sawicki, „entwickelten eine Reihe von Techniken, ihrem Publikum pochende Geister vorzuführen – unter anderem, indem sie Klopf- und Knarrgeräusche durch Manipulation an dem Tisch produzierten, um den sie mit den Besuchern ihrer Séance Platz genommen hatten.“

Entscheidend in doppelter Hinsicht war die geschlossene „Kette“ am Tisch: Zum einen weil alle Anwesenden zunächst prinzipiell an die Existenz von Geistern glauben mussten, damit der Spuk funktionierte. Zum anderen weil sich die minimalen und unbewussten Bewegungen jedes Einzelnen in der Gruppe gegenseitig verstärkten, bis der Tisch schließlich zu wackeln und klopfen begann. Doch welche Funktion erfüllten diese Séancen im Deutschland der gescheiterten Revolution? Nicht zuletzt ging es um die Erzeugung eines Gemeinschaftsgefühls, für das sogar die Geister der Verstorbenen bemüht werden mussten.

Gehirnwäsche-Séancen des Kalten Krieges

Auch wenn das wahre Zeitalter der Gespenster vielleicht das 18. und 19. Jahrhundert war, so hat auch der Kalte Krieg seine ganz eigenen Formen der Beschwörung hervorgebracht. Der Ort des Geschehens war nun nicht mehr der bürgerliche Salon, sondern das wissenschaftliche Labor – und in Verbindung mit dem Ortswechsel hatten sich auch die Medien gewandelt.

Der Ausgangspunkt waren Gerüchte über kommunistische Gehirnwäsche-Techniken, die während des Korea-Kriegs an amerikanischen Kriegsgefangenen praktiziert worden seien, um diese propagandistisch zu indoktrinieren. Verbreitung fanden die Vermutungen maßgeblich durch das 1951 publizierte Buch Brainwashing in Red China des Journalisten Edward Hunter. Zur Untersuchung dieser mysteriösen Praktiken fanden sich am 1. Juni 1951 im Ritz-Carlton-Hotel in Montreal vier verschiedene Parteien zusammen, um ein Forschungsprojekt zu vereinbaren: Donald O. Hebb, Psychologe an der McGill University, sowie Mitarbeiter des kanadischen Defense Research Board, des britischen Verteidigungsministeriums und der Central Intelligence Agency (CIA).

Hebb hatte die kühne Idee für eine Studie, bei der die Versuchspersonen, abgeschottet von allen äußeren Umwelteinflüssen, in einer schalldichten und gleichförmig beleuchteten Isolationszelle untergebracht werden sollten. Um ihre Wahrnehmung noch weiter einzuschränken, lagen sie auf einer Pritsche, zudem wurden sie mit einer halbtransparenten Sichtblende ausgerüstet, die lediglich ein diffuses Licht durchließ. Zur Geräuschunterdrückung wurde der Kopf der Teilnehmer in einem U-förmigem Kissen platziert. Hebbs Gesprächspartner waren von dieser Idee sofort überzeugt. Rasch wurde eine Finanzierung vereinbart und bereits wenige Monate nach dem Treffen konnten die „Sensory Deprivation Studies“ an der McGill University beginnen. Die Versuchsteilnehmer rekrutierten sich aus den Kreisen der Studenten und wurden mit 20 Dollar pro Tag dafür entschädigt, regungslos im Isolationsraum zu liegen.

Als die Ergebnisse dieser Experimente 1956 unter der Überschrift „The Pathology of Boredom“ im Scientific American vorgestellt wurden, schien sich das Schlimmste zu bestätigen. Fast alle Probanden hatten während der Isolation Halluzinationen entwickelt, die auch nach Beendigung des Experiments noch einige Tage anhielten. Um zu testen, wie sich dieser Zustand auf die Beeinflussbarkeit der Personen auswirken könnte, verwandelten die Psychologen ihr Experiment kurzerhand in eine Gehirnwäsche-Séance. So wurden einem Teil der Versuchspersonen während der Isolation Tonbandaufnahmen vorgespielt, „auf denen die Existenz von Gespenstern, Poltergeistern und anderen übernatürlichen Phänomenen behauptet wurde“. Das Ergebnis war beunruhigend: Die Isolation hatte die Versuchspersonen tatsächlich anfällig für Suggestion gemacht. „Viele berichteten einige Tage nach dem Ende des Experiments, noch immer Angst zu haben, Gespenster zu sehen.“

In den „Sensory Deprivation Studies“ kamen sich Geisterbeschwörung und politische Manipulation gefährlich nahe. Hatten die Psychologen der McGill University vielleicht noch Marx’ Rede vom kommunistischen Gespenst im Hinterkopf, als sie ausgerechnet spiritistische Botschaften nutzen, um die chinesischen Gehirnwäsche-Praktiken zu simulieren? Um die Geister des Kalten Krieges herbeizurufen, hatten sie in jedem Fall ein höchst effektives Setting gefunden, dessen Medien eine schalldichte Kammer, Tonbandgeräte und Kopfhörer waren.

Trumps Gespensterjäger

Allen Gespenstern scheint der Umstand gemeinsam, dass sie erst durch Medien der Vermittlung zur Anwesenheit gebracht werden müssen. Inzwischen haben sich die Tischgesellschaften des 19. Jahrhunderts und die Sensory Deprivation Rooms des Kalten Krieges allerdings ins Digitale verschoben. Sie sind als Filter Bubbles und Echokammern zurückgekehrt, deren Algorithmen die Nutzer zunehmend von kritischen Stimmen, gegensätzlichen Positionen oder widersprechenden Fakten isolieren. Gespenster werden dort mit ähnlichen Mitteln präsent gemacht. Es geht um Suggestion durch Verstärkung, Synchronisierung und Wiederholung in sich stimmiger Meinungen. Spiritistische Kette, spooky tape-loops, Algorithmen – der Modus ist der gleiche und produziert vor allem Rückkopplungseffekte.

Wie eng anti-kritisches und übersinnliches Denken miteinander zusammenhängen, zeigt ein aktueller Fall. Am 7. September 2017 hat Präsident Trump den Anwalt Brett Talley für einen Posten als Richter am Bundesbezirksgerichtshof des Middle District of Alabama nominiert. Von der American Bar Association wurde Trumps Kandidat bereits einstimmig für ungeeignet für diese Position eingestuft. Doch nicht nur Talleys fachliche Qualifikation erscheint fragwürdig. Medienberichten zufolge hatte er sich in der Vergangenheit bereits mehrfach auf rechtsextremen Internetplattformen herabwürdigend gegen Barack Obama und Hilary Clinton geäußert. Außerdem ist er ein bekennender Anhänger der National Rifle Association und befürwortet den Gebrauch von Schusswaffen zur Durchsetzung seiner politischen Interessen. Schlimm genug, aber mehr noch: Talley ist ein begeisterter Geisterjäger.

Er gehörte einer Gruppe an, die sich unter dem Namen „The Tuscaloosa Paranormal Research Group“ der Suche nach übersinnlichen Phänomen widmet. Zusammen mit dem Gründer der Gruppe, David Higdon, veröffentlichte Talley sogar ein Buch über diese Geisterjagd: „Haunted Tuscaloosa“. Am 9. November wurde seine Nominierung dennoch vom Senate Judiciary Committee mit 11 zu 9 Stimmen angenommen. Nun steht nur noch die Entscheidung des Senats aus, von der ein ähnliches Ergebnis erwartet wird.

Wenn aktuell also die „Gespenster des Populismus“ spuken, dann auch, weil sie nach der Logik einer Geisterbeschwörung funktionieren: Sie wollen uns Dinge sehen machen, die nicht da sind, Geräusche hören lassen, wo keine sind – und haben sich aus dem öffentlichen Raum in die intellektuelle Isolation schalldichter Echokammern zurückgezogen. Es geht ihnen um Angsteinjagen sowie Suggestion durch endlose Wiederholung unheimlicher Botschaften. An die Stelle des Paranormalen setzen sie Verschwörungstheorien und kultivieren die Hervorbringung von Gespenstern als Politikform. Ihr Modus ist das Irrationale. Genau wie die Séancen des 19. Jahrhunderts soll das gemeinsame Fürchten Gemeinschaft stiften, genau wie damals funktioniert der Zauber nur, wenn alle glauben und keiner kritisch fragt. Dass sich Rechte wie Talley nun nicht mehr nur vom eigenen Spuk, sondern auch von tatsächlichen Gespenstern an der Nase herumführen lassen, ist da nur konsequent.