Spätestens seit dem Brexit und der Wahl Donald Trumps erscheint die Welt vom „Gespenst des Populismus“ heimgesucht. Dies ist mehr als eine Metapher. Populistische Politik folgt vielmehr der Logik einer Geisterbeschwörung.

  • Patrick Kilian ist Doktorand an der Universität Zürich und arbeitet zur Wissenschaftsgeschichte der bemannten Raumfahrt im Kalten Krieg. Er ist Mitherausgeber des interdisziplinären Open-Access Journals Le foucaldien.

Seit Karl Marx’ berühmter Rede vom „Gespenst des Kommu­nismus“ lassen sich Gegen­wart und Politik auch als Orte der Heim­su­chung denken. Die Vorstel­lung einer gespens­ti­schen Gegen­wart kann hierbei in doppelter Hinsicht verstanden werden: Zum einen lässt sich die Gegen­wart als ein von Wieder­gän­gern und Untoten bevöl­kerter Zeit­raum deuten, der von Uner­le­digtem und Verdrängtem durch­spukt wird. Zum anderen kann die Gegen­wart selbst zu einem gespens­ti­schen Zustand werden, wenn sie von Mächten heim­ge­sucht wird, die unsicht­bare, unwirk­liche und furcht­ein­flö­ßende Dinge suggerieren.

Die Spann­weite reicht von den guten Geis­tern der Vergan­gen­heit bis hin zu den bedroh­li­chen Gespens­tern der Gegen­wart: Knapp 150 Jahre nach Marx hat Jacques Derrida die Idee des Gespens­ti­schen in seinem Buch Marx’ Gespenster in eine „Haun­to­logie“ – also eine Geis­ter­lehre – verwan­delt und gefor­dert, zu „lernen mit Gespens­tern zu leben“. 2010 schrieb Joseph Vogl vom „Gespenst des Kapi­tals“ und 2017 warnte Bernd Stege­mann vor dem „Gespenst des Popu­lismus“, das gegen­wärtig mit vermeint­lich totge­glaubten Iden­ti­täten wie Volk, Rasse oder der christlich-abendländischen Kultur durch die Gegend geis­tert. Aktuell erin­nert speziell die Wieder­kehr popu­lis­ti­scher, manchmal bürger­lich verklei­deter, teils aber auch gänz­lich unmas­kierter rechts­ex­tremer Posi­tionen an eine Zeile aus George A. Romeros Zombie-Kultfilm Dawn of the Dead von 1978: „Wenn in der Hölle kein Platz mehr ist, kommen die Toten auf die Erde zurück.“

Ghost­bus­ters von 1984, Regie: Ivan Reitman, Quelle: zekefilm.org

Diese Untoten wollen uns mit neuen Schreck­ge­spens­tern Furcht einflößen und sugge­rieren Über­frem­dung, Flücht­lings­krise und Isla­mi­sie­rung als Angst­sze­na­rien. Es könnte also hilf­reich sein, den Gedanken vom „Gespenst des Popu­lismus“ für einen Moment ernster und wört­li­cher zu nehmen, als dies viel­leicht zulässig ist, um danach zu fragen, wie Gespenster eigent­lich gerufen werden. Geis­ter­be­schwö­rung und popu­lis­ti­sche Politik ähneln sich nämlich nicht nur darin, uns Angst einjagen zu wollen. Sie teilen auch eine Reihe von Prak­tiken und Medien, mit denen sie ihre Gespenster zur Erschei­nung bringen.

Tanzende Tische – in Gesell­schaft der Gespenster

In seinem Buch Leben mit den Toten über die Entste­hung des Geis­ter­glau­bens in Deutsch­land beschreibt der Histo­riker Diethard Sawicki die Mitte des 19. Jahr­hun­derts zur Mode gewor­dene Technik des Tisch­rü­ckens. Dieses Phänomen, bei dem durch die Vermitt­lung eines „Mediums“ Kontakt zu den Verstor­benen aufge­nommen wurde, die als Geister in der Tisch­ge­sell­schaft Platz nahmen und ange­spro­chen werden konnten, wurde in kürzester Zeit so populär, dass ihm selbst Marx eine Zeile gewidmet hat. Mit Blick auf die chine­si­sche Taiping-Revolution, die Reak­ti­onsära nach 1848 und das ab 1853 in Europa gras­sie­rende Tisch­rü­cken schrieb er im Kapital: „Man erin­nert sich, daß China und die Tische zu tanzen anfingen, als alle übrige Welt still zu stehn schien.“ Es herrschte also ein Klima des poli­ti­schen Rück­schritts, eine Auflö­sung libe­raler Hoff­nungen, das diesem Phänomen zu seiner sprung­haften Verbrei­tung verhalf.

Remake von Ghost­bus­ters 2016, Regie: Paul Feig, Quelle: digitalspy.com

Beim Tisch­rü­cken versam­melte sich eine Gruppe an einem Tisch und bildete mit gespreizten Händen eine „Kette“.  Die meist weib­li­chen „Medien“, so Sawicki, „entwi­ckelten eine Reihe von Tech­niken, ihrem Publikum pochende Geister vorzu­führen – unter anderem, indem sie Klopf- und Knarr­ge­räu­sche durch Mani­pu­la­tion an dem Tisch produ­zierten, um den sie mit den Besu­chern ihrer Séance Platz genommen hatten.“

Entschei­dend in doppelter Hinsicht war die geschlos­sene „Kette“ am Tisch: Zum einen weil alle Anwe­senden zunächst prin­zi­piell an die Exis­tenz von Geis­tern glauben mussten, damit der Spuk funk­tio­nierte. Zum anderen weil sich die mini­malen und unbe­wussten Bewe­gungen jedes Einzelnen in der Gruppe gegen­seitig verstärkten, bis der Tisch schließ­lich zu wackeln und klopfen begann. Doch welche Funk­tion erfüllten diese Séancen im Deutsch­land der geschei­terten Revo­lu­tion? Nicht zuletzt ging es um die Erzeu­gung eines Gemein­schafts­ge­fühls, für das sogar die Geister der Verstor­benen bemüht werden mussten.

Gehirnwäsche-Séancen des Kalten Krieges

Auch wenn das wahre Zeit­alter der Gespenster viel­leicht das 18. und 19. Jahr­hun­dert war, so hat auch der Kalte Krieg seine ganz eigenen Formen der Beschwö­rung hervor­ge­bracht. Der Ort des Gesche­hens war nun nicht mehr der bürger­liche Salon, sondern das wissen­schaft­liche Labor – und in Verbin­dung mit dem Orts­wechsel hatten sich auch die Medien gewandelt.

Der Ausgangs­punkt waren Gerüchte über kommu­nis­ti­sche Gehirnwäsche-Techniken, die während des Korea-Kriegs an ameri­ka­ni­schen Kriegs­ge­fan­genen prak­ti­ziert worden seien, um diese propa­gan­dis­tisch zu indok­tri­nieren. Verbrei­tung fanden die Vermu­tungen maßgeb­lich durch das 1951 publi­zierte Buch Brain­wa­shing in Red China des Jour­na­listen Edward Hunter. Zur Unter­su­chung dieser myste­riösen Prak­tiken fanden sich am 1. Juni 1951 im Ritz-Carlton-Hotel in Mont­real vier verschie­dene Parteien zusammen, um ein Forschungs­pro­jekt zu verein­baren: Donald O. Hebb, Psycho­loge an der McGill Univer­sity, sowie Mitar­beiter des kana­di­schen Defense Rese­arch Board, des briti­schen Vertei­di­gungs­mi­nis­te­riums und der Central Intel­li­gence Agency (CIA).

Ghost­bus­ters 2016, Regie: Paul Feig, Quelle: thegeekabides.com

Hebb hatte die kühne Idee für eine Studie, bei der die Versuchs­per­sonen, abge­schottet von allen äußeren Umwelt­ein­flüssen, in einer schall­dichten und gleich­förmig beleuch­teten Isola­ti­ons­zelle unter­ge­bracht werden sollten. Um ihre Wahr­neh­mung noch weiter einzu­schränken, lagen sie auf einer Prit­sche, zudem wurden sie mit einer halb­trans­pa­renten Sicht­blende ausge­rüstet, die ledig­lich ein diffuses Licht durch­ließ. Zur Geräusch­un­ter­drü­ckung wurde der Kopf der Teil­nehmer in einem U-förmigem Kissen plat­ziert. Hebbs Gesprächs­partner waren von dieser Idee sofort über­zeugt. Rasch wurde eine Finan­zie­rung verein­bart und bereits wenige Monate nach dem Treffen konnten die „Sensory Depri­va­tion Studies“ an der McGill Univer­sity beginnen. Die Versuchs­teil­nehmer rekru­tierten sich aus den Kreisen der Studenten und wurden mit 20 Dollar pro Tag dafür entschä­digt, regungslos im Isola­ti­ons­raum zu liegen.

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Als die Ergeb­nisse dieser Expe­ri­mente 1956 unter der Über­schrift „The Patho­logy of Boredom“ im Scien­tific American vorge­stellt wurden, schien sich das Schlimmste zu bestä­tigen. Fast alle Probanden hatten während der Isola­tion Hallu­zi­na­tionen entwi­ckelt, die auch nach Been­di­gung des Expe­ri­ments noch einige Tage anhielten. Um zu testen, wie sich dieser Zustand auf die Beein­fluss­bar­keit der Personen auswirken könnte, verwan­delten die Psycho­logen ihr Expe­ri­ment kurzer­hand in eine Gehirnwäsche-Séance. So wurden einem Teil der Versuchs­per­sonen während der Isola­tion Tonband­auf­nahmen vorge­spielt, „auf denen die Exis­tenz von Gespens­tern, Polter­geis­tern und anderen über­na­tür­li­chen Phäno­menen behauptet wurde“. Das Ergebnis war beun­ru­hi­gend: Die Isola­tion hatte die Versuchs­per­sonen tatsäch­lich anfällig für Sugges­tion gemacht. „Viele berich­teten einige Tage nach dem Ende des Expe­ri­ments, noch immer Angst zu haben, Gespenster zu sehen.“

In den „Sensory Depri­va­tion Studies“ kamen sich Geis­ter­be­schwö­rung und poli­ti­sche Mani­pu­la­tion gefähr­lich nahe. Hatten die Psycho­logen der McGill Univer­sity viel­leicht noch Marx’ Rede vom kommu­nis­ti­schen Gespenst im Hinter­kopf, als sie ausge­rechnet spiri­tis­ti­sche Botschaften nutzen, um die chine­si­schen Gehirnwäsche-Praktiken zu simu­lieren? Um die Geister des Kalten Krieges herbei­zu­rufen, hatten sie in jedem Fall ein höchst effek­tives Setting gefunden, dessen Medien eine schall­dichte Kammer, Tonband­ge­räte und Kopf­hörer waren.

Trumps Gespens­ter­jäger

Allen Gespens­tern scheint der Umstand gemeinsam, dass sie erst durch Medien der Vermitt­lung zur Anwe­sen­heit gebracht werden müssen. Inzwi­schen haben sich die Tisch­ge­sell­schaften des 19. Jahr­hun­derts und die Sensory Depri­va­tion Rooms des Kalten Krieges aller­dings ins Digi­tale verschoben. Sie sind als Filter Bubbles und Echo­kam­mern zurück­ge­kehrt, deren Algo­rithmen die Nutzer zuneh­mend von kriti­schen Stimmen, gegen­sätz­li­chen Posi­tionen oder wider­spre­chenden Fakten isolieren. Gespenster werden dort mit ähnli­chen Mitteln präsent gemacht. Es geht um Sugges­tion durch Verstär­kung, Synchro­ni­sie­rung und Wieder­ho­lung in sich stim­miger Meinungen. Spiri­tis­ti­sche Kette, spooky tape-loops, Algo­rithmen – der Modus ist der gleiche und produ­ziert vor allem Rückkopplungseffekte.

Ghost­bus­ters 2016, Regie: Paul Veig, Quelle: thegeekabides.com

Wie eng anti-kritisches und über­sinn­li­ches Denken mitein­ander zusam­men­hängen, zeigt ein aktu­eller Fall. Am 7. September 2017 hat Präsi­dent Trump den Anwalt Brett Talley für einen Posten als Richter am Bundes­be­zirks­ge­richtshof des Middle District of Alabama nomi­niert. Von der American Bar Asso­cia­tion wurde Trumps Kandidat bereits einstimmig für unge­eignet für diese Posi­tion einge­stuft. Doch nicht nur Talleys fach­liche Quali­fi­ka­tion erscheint frag­würdig. Medi­en­be­richten zufolge hatte er sich in der Vergan­gen­heit bereits mehr­fach auf rechts­ex­tremen Inter­net­platt­formen herab­wür­di­gend gegen Barack Obama und Hilary Clinton geäu­ßert. Außerdem ist er ein beken­nender Anhänger der National Rifle Asso­cia­tion und befür­wortet den Gebrauch von Schuss­waffen zur Durch­set­zung seiner poli­ti­schen Inter­essen. Schlimm genug, aber mehr noch: Talley ist ein begeis­terter Geisterjäger.

Er gehörte einer Gruppe an, die sich unter dem Namen „The Tusca­loosa Para­normal Rese­arch Group“ der Suche nach über­sinn­li­chen Phänomen widmet. Zusammen mit dem Gründer der Gruppe, David Higdon, veröf­fent­lichte Talley sogar ein Buch über diese Geis­ter­jagd: „Haunted Tusca­loosa“. Am 9. November wurde seine Nomi­nie­rung dennoch vom Senate Judi­ciary Committee mit 11 zu 9 Stimmen ange­nommen. Nun steht nur noch die Entschei­dung des Senats aus, von der ein ähnli­ches Ergebnis erwartet wird.

Wenn aktuell also die „Gespenster des Popu­lismus“ spuken, dann auch, weil sie nach der Logik einer Geis­ter­be­schwö­rung funk­tio­nieren: Sie wollen uns Dinge sehen machen, die nicht da sind, Geräu­sche hören lassen, wo keine sind – und haben sich aus dem öffent­li­chen Raum in die intel­lek­tu­elle Isola­tion schall­dichter Echo­kam­mern zurück­ge­zogen. Es geht ihnen um Angst­ein­jagen sowie Sugges­tion durch endlose Wieder­ho­lung unheim­li­cher Botschaften. An die Stelle des Para­nor­malen setzen sie Verschwö­rungs­theo­rien und kulti­vieren die Hervor­brin­gung von Gespens­tern als Poli­tik­form. Ihr Modus ist das Irra­tio­nale. Genau wie die Séancen des 19. Jahr­hun­derts soll das gemein­same Fürchten Gemein­schaft stiften, genau wie damals funk­tio­niert der Zauber nur, wenn alle glauben und keiner kritisch fragt. Dass sich Rechte wie Talley nun nicht mehr nur vom eigenen Spuk, sondern auch von tatsäch­li­chen Gespens­tern an der Nase herum­führen lassen, ist da nur konsequent.

  • Patrick Kilian ist Doktorand an der Universität Zürich und arbeitet zur Wissenschaftsgeschichte der bemannten Raumfahrt im Kalten Krieg. Er ist Mitherausgeber des interdisziplinären Open-Access Journals Le foucaldien.