Geschichtengläubigkeit. Was Literatur zum Storytelling zu sagen hat

Der "Fall Relotius" wird gerade zu den Akten gelegt. Die Diskussion um das Storytelling im Journalismus ist aber noch nicht abgeschlossen. Und wo findet man den besten Kommentar dazu? Bei Heinrich von Kleist!



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Erinnern Sie sich noch an den „Fall Relotius“? Genau, das war der Spiegel-Journalist, der in einer ganzen Reihe von ‚Reportagen‘ Geschichten erzählte, die sich als Tatsachenberichte verkaufen ließen. Dabei bestanden diese Geschichten zu großen Teilen aus Erfindungen. Am Ende flog alles auf. Am 19. Dezember 2018 machte Der Spiegel die Angelegenheit öffentlich. Kurz darauf setzte er eine „Aufklärungskommission“ ein. Auf der Spiegel-Website kann man (hier oder hier) im Einzelnen nachlesen, welche Fälschungen identifiziert worden sind, wo es noch offene Fragen gibt oder kein Verdacht auf Manipulation besteht. Vor wenigen Wochen, am 25. Mai 2019, legte die Aufklärungskommission ihren Abschlussbericht vor. Dieser ist auf der Spiegel-Website ebenfalls frei einsehbar.

Vom Boom und von der Herkunft des „Storytelling“ im Journalismus war hier bereits die Rede. Auch davon, dass Literatur und Storytelling keineswegs gleichbedeutend sind. Am Abschlussbericht zum „Fall Relotius“ fällt nun auf, dass um das Wort „Storytelling“ ein großer Bogen gemacht wird: Es kommt nicht vor. Um so mehr springen die häufigen Abgrenzungen gegenüber „der Literatur“ ins Auge. Dabei wird „Literatur“ schlicht mit „Fiktion“ gleichgesetzt. So ist – kritisch – vom „Werkzeugkasten des Films, der Comics und der Literatur, also der Fiktion“ die Rede. Oder es wird erklärt, dass das – wiederum kritisch in den Blick genommene – „Verdichten“ das „literarische Zusammenführen“ von „Fakten“ sei, „die in Wahrheit aus verschiedenen Zusammenhängen stammen.“ Oder es wird gesagt, dass durch die „Ausschmückung von Szenen oder die Illumination von Orten, Verhältnissen, Gedanken und Beziehungen“ die „Grenze zur Literatur“ verwischt werde.

Nach der Lektüre des Abschlussberichts möchte man fast meinen, dass Literatur nichts anderes kann, als Erfindungen zu produzieren. Unwahrheiten! Wie eine Durchhalteparole liest sich dagegen die journalistische Selbstermunterung, die gegen Ende des Berichts in eine These gepackt wird: „Fakten schlagen die vermeintlich literarische Qualität.“ Immerhin: „vermeintlich“. Das ist gut, denn hier deutet sich dann doch noch an, dass Literatur vielleicht mehr und anderes kann, als Erfindungen in die Welt zu setzen. Beispiele gefällig? In der Literatur ist es etwa möglich, das ganze Rahmenwerk zu reflektieren, innerhalb dessen Fakten ein Gewicht gewinnen können – denn Fakten „schlagen“ nie von sich aus. Oder zu zeigen, wie Nichtfakten wider besseres Wissen als glaubwürdige ‚Fakten‘ dargestellt werden können. Und wie es möglich ist, dass diese auch Anklang finden.

Unwahrscheinliche Wahrhaftigkeiten

Vor über zweihundert Jahren publizierte Heinrich von Kleist in seinen Berliner Abendblättern einen Text, der sich heute wie ein – literarischer – Kommentar zum „Fall Relotius“ liest. Der Text heißt „Unwahrscheinliche Wahrhaftigkeiten“. In ihm tritt ein Offizier auf, der einem Kreis von Zuhörern drei höchst unwahrscheinliche Geschichten erzählt. Doch lesen wir selbst, wie Kleist die Erzählsituation eröffnet und die Figur des Offiziers sprechen lässt:

„Drei Geschichten“, sagte ein alter Offizier in einer Gesellschaft, „sind von der Art, daß ich ihnen zwar selbst vollkommenen Glauben beimesse, gleichwohl aber Gefahr liefe, für einen Windbeutel gehalten zu werden, wenn ich sie erzählen wollte. Denn die Leute fordern, als erste Bedingung, von der Wahrheit, daß sie wahrscheinlich sei; und doch ist die Wahrscheinlichkeit, wie die Erfahrung lehrt, nicht immer auf Seiten der Wahrheit.“

Mit diesem Intro, das führt der Text im Anschluss vor, sind die Zuhörer im Grunde schon geködert: Denn wer würde bestreiten wollen, dass „die Wahrscheinlichkeit […] nicht immer auf Seiten der Wahrheit“ ist? Und wer mit diesem Satz so glaubhaft um Verständnis wirbt – wird der, zumal als respektable Offiziersperson, nicht überhaupt Recht haben in dem, was er sagt und erzählt?

Es war Aristoteles, der in seiner Poetik die berühmt gewordene Unterscheidung zwischen Geschichtsschreibung und Dichtung formulierte. Geschichtsschreibung – und, so könnte man heutzutage ergänzen: Journalismus – muss sich Aristoteles zufolge an die Tatsachen halten, und zwar auch dort, wo diese unwahrscheinlich sind. Dichtung dagegen soll sich an das Wahrscheinliche halten (weshalb Aristoteles der Dichtung auch eine Nähe zur Philosophie zugesteht, die das Allgemeine im Sinn hat). Allerdings hält auch schon Aristoteles fest, es sei „wahrscheinlich, dass sich vieles gegen die Wahrscheinlichkeit abspielt“. Und damit wird die Sache kompliziert: Wenn es wahrscheinlich ist, „dass sich vieles gegen die Wahrscheinlichkeit abspielt“, und wenn Literatur – wie bei Kleist! – diese Art von Wahrscheinlichkeit ins Zentrum ihres Interesses stellt, dann eignet sie sich auch als Denkanstoß dazu, über das Verhältnis von Unwahrscheinlichkeit und Wahrheit – im Sinne von: Wirklichkeit, Tatsächlichkeit, Faktizität – nachzudenken: über Geschichtsschreibung, über Journalismus, über die Frage, wie mit Unwahrscheinlichem als Bestandteil des Wirklichen umzugehen ist.

Kleists „Unwahrscheinliche Wahrhaftigkeiten“ laufen darauf hinaus, dass die drei erzählten Geschichten allesamt unwahrscheinlich sind, es dem Erzähler – dem Offizier – aber durch einen Kniff gelingt, Unwahrscheinlichkeit gerade so zu definieren, dass sie als Beleg für ihren Realitätsgehalt Anerkennung finden kann. Das zeigen die von Kleist jeweils vorgeführten Reaktionen der Zuhörer auf die Geschichte. Hier die erste davon:

Beim Himmel! platzte ein Landedelmann los: da haben Sie recht; diese Geschichte ist von der Art, daß man sie nicht glaubt!

Die erste Geschichte – eine Anekdote – handelt von einem Soldaten, der „1792 in der Rheincampagne“ von einem Schuss getroffen worden sein soll. Vorne in der Brust soll dieser Schuss eingetreten und hinten am Rücken wieder rausgekommen sein – ohne dass der Soldat davon eine ernsthafte Verletzung davongetragen hätte (die Kugel sei „um den ganzen Leib herumgeglitscht“).

Und ja, diese Geschichte ist tatsächlich „von der Art, daß man sie nicht glaubt“. Ebenso verhält es sich mit den beiden folgenden Geschichten, die der Offizier erzählt. Dabei scheint die Glaubwürdigkeit in dem Maße zu wachsen, wie der Offizier selbst einräumt, wie schwer das alles zu glauben sei – wobei die Zuhörer eben durch diese Versicherung besonders bereit scheinen, den Geschichten zu glauben.

Glaubt man’s?

Geschichtengläubigkeit, so kann man von Kleist lernen, hat mit der Bereitschaft zu tun, Unwahrscheinliches oder Unglaubwürdiges als wahr anzuerkennen. Wenn es nur interessant genug ist. Und wenn dazu nur genügend glaubwürdige Versicherungen geliefert werden: markierte Zweifel der Erzählinstanzen selbst, detaillierte Verweise auf Daten, Orte und, wenn möglich, auch Dokumente.

Die zweite unglaubwürdige Geschichte in Kleists „Unwahrscheinlichen Wahrhaftigkeiten“ handelt von einem Felssturz (1803), der einen Flusskahn rein durch den entstandenen Luftdruck vom Wasser ans Ufer befördert haben soll: „Seltsam!“ Und die dritte unglaubwürdige Geschichte handelt davon, wie ein „Junker, Haut und Haar, samt Fahne und Gepäck“ an der „Elbe“ bei „Königstein in Sachsen“ durch eine Explosion von einer Flussseite auf die andere katapultiert worden sei: „ohne daß ihm das mindeste auf dieser Reise zugestoßen“ sei. Woraufhin einer der Zuhörer, nachdem die Forderung nach Quellenangabe laut wird, abwinkt und sagt:

die Geschichte steht in dem Anhang zu Schillers Geschichte vom Abfall der vereinigten Niederlande; und der Verf. bemerkt ausdrücklich, daß ein Dichter von diesem Faktum keinen Gebrauch machen könne, der Geschichtsschreiber aber, wegen der Unverwerflichkeit der Quellen und der Übereinstimmung der Zeugnisse, genötigt sei, dasselbe aufzunehmen.

Das ist nun mehrfach verdreht. Zum einen, weil der erwähnte „Anhang zu Schillers Geschichte vom Abfall der vereinigten Niederlande“ die Geschichte (hier nachzulesen) anders erzählt. Zum anderen, weil man es erneut nur mit einer Strategie der Vergewisserung und Beglaubigung zu tun hat, die ihrerseits auf Belege verweist, die in den zentralen Punkten ungreifbar sind (was im Grunde auch für sämtliche Vergewisserungsstrategien vonseiten des Offiziers gilt).

Sensationshunger

Der Offizier tritt am Ende der „Unwahrscheinlichen Wahrhaftigkeiten“ ab von der Szene: Wir werden mit den – inszenierten – Reaktionen alleine gelassen. Eben dadurch aber lenkt Kleists Text die Aufmerksamkeit auf das ganze Rahmenwerk der kommunikativen Situation: auf die ‚Löcherigkeit‘ der Argumentation aufseiten des Offiziers, auf den Sensationshunger der Zuhörerschaft, um den es am Ende primär zu gehen scheint, auf das Spiel des Offiziers mit eben diesem Hunger.

Kleists Text erschien – wie die Reportagen von Relotius – in einem journalistischen Kontext: den Berliner Abendblättern, die Kleist selbst herausgab, wobei die „Unwahrscheinlichen Wahrhaftigkeiten“ keine Autorangabe enthielten. Der Sprung zu Relotius liegt nun deshalb so nah, weil dieser im Vergleich mit dem Offizier bei Kleist frappant ähnliche rhetorische Kniffe anwandte. So lesen wir im Spiegel-Artikel „Warum ein Gericht einen lebendigen Mann für tot erklärte“ folgende beglaubigende Rahmung der Geschichte:

Die Geschichte von Constantin Reliu ist die Geschichte eines Mannes, der unsichtbar werden wollte – und es eines Tages, zu seinem eigenen Unglück, auch wurde. Seine Geschichte könnte auch im Kopf von Franz Kafka entstanden sein, aber sie ist wahr und begann vor 26 Jahren.

Dass die „Geschichte […] auch im Kopf von Franz Kafka entstanden sein“ könnte, mag man – in Fortsetzung der Linie von Aristoteles zu Kleist – als Hinweis gerade auf die Fiktionalität des Berichteten werten. Wenn da nur der Beisatz nicht wäre: „aber sie ist wahr und begann vor 26 Jahren.“ Der Kniff ist gleichwohl demjenigen vergleichbar, den Kleist mit der Figur des Offiziers vorführt: Aha, das ist ja wirklich unwahrscheinlich, aber der Erzähler – hier der Journalist – sagt das ja selbst, also wird’s schon stimmen. Außerdem ist es ja eine tolle Geschichte!

Ein ähnliches Muster zeigt sich im sensationsgeladenen Artikel vom 29. Juni 2018 mit dem Titel „Schlange, Bär, Hai. Wie ein Amerikaner drei Tierattacken überlebte. ‚Das Ding, was da knackte, war mein Schädel‘“. Hier dreht Relotius die Schraube aber noch weiter und geht explizit auf die Unwahrscheinlichkeit der Situation ein: dass ein Mann, Dylan McWilliams, gleich dreimal einen lebensgefährlichen Angriff von Tieren überlebt. Nur dass Relotius die Unwahrscheinlichkeit diesmal aus der Perspektive des Protagonisten selbst wiedergibt:

Wenn man Dylan McWilliams heute fragt, was er in diesem Augenblick gedacht habe, so redet er nicht zuallererst von Todesangst, von Panik, er redet von mathematischen Wahrscheinlichkeiten: Wie unwahrscheinlich sei es, das habe er sich in jenem Moment wirklich gefragt, in nur einem Menschenleben von drei der gefährlichsten Tiere der Welt, von einer Schlange, einem Bären und nun auch noch von einem Hai, attackiert zu werden?

Der ‚Faktencheck‘ des Spiegels vermerkt dazu:

Beim Haiangriff gibt es offenkundig starke Übertreibungen. So ist es unwahrscheinlich, dass McWilliams das ‚aufgerissene Gebiss‘ des Tieres gesehen und diesem aufs Auge geschlagen hat. Diese Details tauchen in anderen Berichten über den Fall nicht auf. Unglaubwürdig ist auch, dass McWilliams im Moment des Haiangriffs darüber nachgedacht hat, wie unwahrscheinlich es sei, nacheinander von einer Schlange, einem Bären und einem Hai attackiert zu werden. Und dass McWilliams diese Wahrscheinlichkeiten später selbst ausrechnet – und dabei auf exakt jene Werte kommt, die die Zeitschrift ‚National Geographic‘ aus mehreren Quellen recherchiert hat.

So gut wie Literatur?

Ist Relotius’ (oder McWilliams’) Geschichte nun so gut erzählt, dass man sie – wie Kleists Text – als Literatur durchgehen lassen kann? Im Spiegel-Abschlussbericht ist mehrfach davon die Rede, wie Relotius die möglichen „Zweifel“ oder „Gedächtnisschwächen“ in seinen Texten selbst thematisiert. Und eine Leserin, die den Verdacht hatte, es könnte sich bei einer der ‚Reportagen‘ (zur Todesstrafe in den USA) „um eine erfundene Geschichte handeln“, wird vom Autor nach kritischen Nachfragen selbst so geschickt getäuscht, dass sie ihm „auf den Leim“ geht: „Weil er [Relotius] glaubwürdig wirkte, weil er für den SPIEGEL schrieb“ und weil er selbst einräumte „mehr Fragen als Antworten“ zu haben.

Und wäre eine solche Volte immer noch als Literatur zu rechtfertigen? Kleists Text führt vor, wie der Erzähler (der Offizier) sich am Ende aus der Szene verabschiedet – man könnte auch sagen: für die Glaubwürdigkeit seiner Erzählungen keine Verantwortung übernimmt. Diese Unverantwortlichkeit, so könnte man allerdings sagen, ist eine Eigenschaft, die der Literatur selbst zukommt. Und zwar in einem positiven Sinne. Denn Literatur kann die Frage nach der Verantwortung nur dann sinnvoll stellen oder ins Spiel bringen, wenn sie diese Frage nicht selbst schon beantwortet, sondern den Leserinnen und Lesern zumutet. Eben dies geschieht in Kleists Text – und eben dies geschieht in den erwähnten Reportagen von Relotius nicht, weil darin die möglichen Fragen dann doch immer schon beantwortet sind.

Daraus lassen sich am Ende zwei Lehren ziehen. Erstens: Ja, lieber Spiegel, nehmt doch bitte die Standards ernst, die jetzt im Abschlussbericht formuliert sind, vor allem den Punkt mit der Transparenz. Zweitens: Wir müssen mehr Literatur wie diejenige von Kleist lesen, damit wir verstehen, dass nicht alles, was erfunden, gute Literatur ist. Mehr Literatur: damit wir lernen, der eigenen Geschichtengläubigkeit zu misstrauen, ihr kritisch zu begegnen, ohne dabei die Lust an Geschichten zu verlieren. Und noch mehr Literatur: damit es uns leichter fällt, erfundene Reportagen, die unter dem Etikett der „Wahrhaftigkeit“ oder auch nur des „Storytelling“ daherkommen und gleichzeitig eine bestimmte Form von sensationshungriger Lektüre stimulieren, als das zu erkennen, was sie sind: Machwerk.