Wohl kaum etwas ist so verlet­zend und macht so wütend, wie das Gefühl, unge­recht behan­delt zu werden. Das betrifft offenbar nicht nur Menschen, sondern auch nicht-menschliche Primaten wie Kapu­zi­ner­affen und Schim­pansen. In einem bekannten Versuch tauschen zwei eifrige Kapu­zi­ner­äff­chen so lange einen Spiel­stein gegen ein Stück­chen Gurke, bis einer von den beiden für den glei­chen Stein eine viel schö­nere Beloh­nung, nämlich eine Wein­traube bekommt. Dann wird der benach­tei­ligte Affe sehr böse, rüttelt am Gitter und wirft die Gurken­stücke auf den Versuchs­leiter. Dessen unge­rechtes Verhalten, so die Inter­pre­ta­tion der Forscher­gruppe um Frans de Waal, führt zur Frus­tra­tion bei den Kapu­zi­ner­äff­chen und zeigt deren Sinn für Gerech­tig­keit. In einem Folge­ver­such mit Schim­pansen gab ein anderes Forscher­team vom Max-Planck-Institut für evolu­tio­näre Anthro­po­logie in Leipzig unter der Leitung von Michael Toma­sello die Beloh­nung für den Spiel­stein abwech­selnd mit einer Maschine, und hier stellte sich heraus, dass die Tiere von den Menschen, nicht aber von den Maschinen eine „gerechte“ Behand­lung erwar­teten. Die Anwe­sen­heit eines zweiten Schim­pansen, Neid und Konkur­renz also, spielte hier offenbar keine grosse Rolle.

Unab­hängig aber von der jewei­ligen Versuchs­an­ord­nung wird deut­lich, dass Affen enttäuscht sind, wenn soziale Partner ihnen einmal bessere, einmal schlech­tere Beloh­nungen anbieten. Kann man hier von einem (rudi­men­tären) Gerech­tig­keits­sinn spre­chen? Diese Termi­no­logie ist natür­lich klärungs­be­dürftig, denn mit der Beschrei­bung von Verhalten wird immer zugleich eine Inter­pre­ta­tion gelie­fert – und das gilt nicht nur für Beob­ach­tungen an nicht-menschlichen Primaten. Geht es im jewei­ligen Fall um Ärger, Enttäu­schung, Futter­neid, Frus­tra­tion, Wut, Verlet­zung, mangelnde Gerech­tig­keit…?

Was also ist Gerech­tig­keit?

Licht­in­stal­la­tion von John Hodges „With Liberty and Justice for All“ vor dem Kunst­mu­seum in Austin, Quelle: www.thecontemporaryaustin.org

Elisa­beth Holz­leithner, Profes­sorin am Institut für Rechts­phi­lo­so­phie an der Univer­sität Wien und Pionierin im Gebiet der Legal Gender Studies, hat ein eher dünnes, aber umso gehalt­vol­leres Buch zum Thema Gerech­tig­keit geschrieben. Es handelt sich um eine theo­re­ti­sche und histo­ri­sche Einfüh­rung von 130 Seiten, die sich ein wenig sperrig und zugleich sehr char­mant liest. Char­mant, weil es ihr in bewun­derns­werter Weise gelingt, äusserst gelehrt über das kompli­zierte Thema zu schreiben, ohne dabei beleh­rend zu wirken. Und ein wenig sperrig, weil sie nur sehr selten Beispiele zur Erläu­te­rung der disku­tierten Ideen und Theo­rien anführt. Aller­dings macht dies gerade die Nütz­lich­keit des Textes aus, denn aktu­elle Anwen­dungs­bei­spiele veralten rasch oder verleiten umge­hend zu Inter­pre­ta­tionen, die vom eigent­li­chen Gegen­stand wegführen. Werden die Beispiele hingegen sehr abstrakt konstru­iert (wenn A und B über ein Gut X streiten…), helfen sie in der Regel auch nicht weiter.

In einem ersten Teil, der bezeich­nen­der­weise „Warum Gerech­tig­keit?“ und nicht „Was ist Gerech­tig­keit?“ heisst, wird zunächst das Ideal der Gerech­tig­keit in seinen Bedeu­tungen umrissen. Gefragt wird hier nach dem Unter­schied zwischen perso­naler Tugend und insti­tu­tio­na­li­sierten Anfor­de­rungen, den Grund­mass­stäben (Gleich­heit und Unpar­tei­lich­keit) sowie Grund­formen der Gerech­tig­keit – und schliess­lich nach den unter­schied­li­chen wissen­schaft­li­chen Diszi­plinen, die sich mit Gerech­tig­keit befassen. Dazu gehören Theo­logie, Poli­tik­wis­sen­schaft, Philo­so­phie und natür­lich die Rechts­wis­sen­schaften selbst. Im zweiten Teil wird in sechs Kapi­teln „Gerech­tig­keit im Profil“ erör­tert: Nach einem histo­ri­schen Abriss im ersten Kapitel folgt im zweiten Kapitel eine Vorstel­lung von Theo­rien der Gerech­tig­keit, das dritte Kapitel befasst sich mit Sozi­al­staat und Nahbe­zie­hungen, Kapitel vier mit Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit, gefolgt von einer Unter­su­chung des Verhält­nisses von Recht und Gerech­tig­keit in Kapitel fünf und im abschlies­senden sechsten Kapitel einigen Über­le­gungen zur globalen Gerech­tig­keit.

Soli­da­rität und Gemein­sinn

Gerech­tig­keit ist das, „was wir einander wech­sel­seitig schulden: an Verhalten, an Gütern und Lasten, an Rechten und Pflichten“ – und sie hat eine subjek­tive und eine objek­tive Dimen­sion: Gerech­tig­keit kann subjektiv vom Indi­vi­duum geübt werden und verweist objektiv auf Insti­tu­tionen – sie ist sogar, so der Philo­soph John Rawls in seinem Haupt­werk A Theory of Justice, die „erste Tugend sozialer Insti­tu­tionen“.

John Hodges, „With Liberty And Justice For All“ (2014-2017), Cour­tesy of Chicago Park District, Quelle: www.expochicago.com

Gerech­tig­keit muss immer ausge­han­delt werden, denn sie betrifft stets die Person in Bezie­hung zu anderen. Und damit sind auch Gemein­sinn und gesell­schaft­li­cher Zusam­men­halt ange­spro­chen, die nicht unmit­telbar auf die eigenen Bedürf­nisse zielen. Das zeigt sich derzeit über­deut­lich an der Schweizer No-Billag-Initiative, die sich gegen ein gebüh­ren­fi­nan­ziertes Radio und Fern­sehen richtet. Es wird argu­men­tiert: Wenn ich die Programme blöd finde oder nicht schaue, dann möchte ich auch keinen Beitrag zahlen. Das mag zunächst einleuchten, und ähnliche Vorstösse gab es auch bereits in Deutsch­land. Aller­dings kaufe ich mit meinem Beitrag nicht eine bestimmte Ware, sondern es geht um die gemein­schaft­liche Finan­zie­rung von Infor­ma­tion, Unter­hal­tung und Kultur im Sinne eines Bildungs­auf­trags. Über dessen Umset­zung kann und soll zwei­fellos gestritten werden. Von „Staats­funk“ und „Propa­ganda“ kann nicht die Rede sein, zumal die Schweizer SRG so orga­ni­siert ist, dass Politik und Parla­ment keinen Einfluss auf die Programme nehmen können.

Elisa­beth Holz­leithner schreibt von dem schwin­denden Vertrauen in Recht und Politik als grossem Problem, sind es doch genau diese, „welche den Löwen­an­teil der Last der Reali­sie­rung gerechter Verhält­nisse tragen sollen: wer sonst, ausser demo­kra­tisch legi­ti­mierten Insti­tu­tionen, soll denn im grossen Mass­stab für gerechte Verhält­nisse sorgen“? Damit eine Gesell­schaft gerecht wird, müssen auch ihre Insti­tu­tionen gerecht sein. Aber strikt liber­täre Ansätze lehnen das Konzept der sozialen Gerech­tig­keit bekannt­lich im Namen freier Personen und freier Märkte ab, auch wenn es offen­sicht­lich ist, und zwar nicht erst seit der welt­weiten Finanz­krise, dass Märkte selbst Unge­rech­tig­keit schaffen. Eine der wich­tigsten poli­ti­schen Fragen derzeit ist es wohl, warum gerade dieje­nigen, für die eine ausglei­chende Gerech­tig­keit am wich­tigsten wäre, neoli­be­ralen Atta­cken gegen Ideen der Vertei­lungs­ge­rech­tig­keit gera­dezu begeis­tert folgen.

Globale Gerech­tig­keit

John Hodges, „With Liberty and Justice for All“, Aspen Art Museum, Colo­rado 2014, Quelle: brooklynresearch.com

Auch im globalen Mass­stab wird der von Holz­leithner beschrie­bene Anspruch, dass demo­kra­tisch legi­ti­mierte Insti­tu­tionen für gerechte Verhält­nisse sorgen sollen, in entschei­denden Fragen wie zum Beispiel der welt­weiten Wasser­ver­sor­gung und Wasser­po­litik nicht umge­setzt. Hier herr­schen, wie die Poli­tik­wis­sen­schaft­lerin Petra Dobner in ihren Forschungen gezeigt hat, Insti­tu­tionen wie das World Water Council oder die Global Water Part­nership, deren Mitglieder sich gegen­seitig koop­tieren und ihre fehlende demo­kra­ti­sche Legi­ti­ma­tion unter Verweis auf Fach­wissen und Renommee vom Tisch fegen.

Im Kapitel zur globalen Gerech­tig­keit disku­tiert Elisa­beth Holz­leithner aller­dings nach zwei kurzen Abschnitten zu Aspekten einer inter­na­tio­nalen poli­ti­schen Gerech­tig­keit und globaler sozialer Gerech­tig­keit vor allem die Frage der univer­sellen Bedeu­tung von Menschen­rechten als „wesent­li­chem Bezugs­punkt globaler Gerech­tig­keit“. Hier zeigt sich, dass die Juristin und Philo­so­phin immer auch histo­risch argu­men­tiert. In Entgeg­nung auf den Vorwurf, mit dem Anspruch auf die Univer­sa­lität von Menschen­rechten fände ein euro­zen­tri­scher Kultur­im­port statt, schreibt sie:

Vor diesem Hinter­grund ist daran zu erin­nern, dass die Menschen­rechte keine Kopf­ge­burt sind, sondern sich einer Geschichte verdanken, inner­halb derer sie sich als notwendig erwiesen haben, um die viel­fach brutale Macht des Staates im Zaum zu halten. […] Menschen­rechte stellen ein notwen­diges Korrektiv zu jenen Ausschlüssen dar, die Staaten vornehmen, wenn sie die Inte­grität und den Schutz kultu­reller oder reli­giöser Werte auf ihre Fahnen heften […].

Nur allzu gern wird bei aller notwen­digen kriti­schen Selbst­be­fra­gung vergessen, dass sich oppo­si­tio­nelle Gruppen auf eben­jene Grund­rechte berufen, die ihnen von den despo­ti­schen und dikta­to­ri­schen Regimes verwehrt werden, gegen die sie kämpfen.

Ein unend­li­ches Gespräch

Was genau Gerech­tig­keit für das Indi­vi­duum, für eine Gruppe, für eine Gesell­schaft und ihre Insti­tu­tionen bedeutet, wie Recht und Gerech­tig­keit mitein­ander in Bezie­hung stehen (sollen), das sind kompli­zierte und komplexe Fragen, die einer stän­digen Diskus­sion bedürfen. Es geht dabei um das Verhan­deln konkur­rie­render Inter­essen und poli­ti­scher Posi­tionen. Doch diese Formen gesell­schaft­li­cher Ausein­an­der­set­zung sind anschei­nend kaum noch auszu­halten. Es gilt: Wer wider­spricht begeht Zensur, noch so kruder Rassismus ist auch nur eine Meinung unter anderen, das höchste Ziel der Debatte ist Ausgleich. Das Ringen und Streiten um Wahr­heit zielt aller­dings nicht darauf, dass jeder etwas Recht hat, damit Ruhe ist. Streit ist etwas Gutes, darauf könnten wir uns in der besinn­li­chen Zeit viel­leicht einigen. Gesell­schaft bedarf eines unend­li­chen Gesprä­ches (Hannah Arendt). Machen wir aus der stillen Nacht also lieber eine Nacht der lustigen und lauten Streit­ge­spräche, lassen wir die Gänse und Karpfen leben (und wenn nicht, dann danken wir ihnen), und öffnen die Flaschen und die Herzen.

Und wie steht es mit dem Herbergs­wirt? Elisa­beth Holz­leithner beginnt ihr Buch mit einer kurzen Skizze dessen, worum es bei Gerech­tig­keit geht. Sie kommt zumeist in Konflikt­si­tua­tionen ins Spiel, wenn also Inter­essen und Bedürf­nisse diver­gieren, betrifft jedoch nicht jene Haltungen, die zwar bewun­derns­würdig sind – etwa das eigene Bett anzu­bieten und selbst im Stroh zu schlafen –, „die Menschen aber nicht unter Beru­fung auf die Gerech­tig­keit vonein­ander verlangen können: Wohl­wollen und Nächs­ten­liebe ebenso wie Pflichten gegen sich selbst“. In diesem Sinne Frohe Weih­nachten!

Elisa­beth Holz­leithner, Gerech­tig­keit, Wien: UTB 2009.

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