Die Diskussion ums „Gendern“ ist ohne Frage zentraler Brennpunkt eines andauernden „Kulturkampfes“, nicht nur an deutschen Universitäten. Jedoch gehört geschlechterinklusive Sprache zur guten akademischen Praxis, um queere Geschichte schreiben zu können. Sprachverbote stehen damit konträr zur Aufarbeitung der Vergangenheit.

  • Sabrina Mittermeier

    Sabrina Mittermeier ist derzeit wissenschaftliche Mitarbeiterin (Habilitandin) in nordamerikanischer Geschichte an der Universität Kassel. Sie arbeitet u.a. zu queerer Mediengeschichte der BRD und den USA, sowie zur US-Amerikanischen Populärkultur.
  • Sébastien Tremblay

    Sébastien Tremblay ist derzeit wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Geschichte und Geschichtsdidaktik und am interdisziplinären Europaforschungszentrums der Europa-Universität Flensburg. Seine Forschung konzentriert sich auf euro-amerikanische queere Erinnerungspolitik und visuelle Begriffsgeschichte sowie auf Mobilität und europäische Kulturlandschaften.

In letzter Zeit wurde viel über die Verwen­dung von geschlech­ter­ge­rechter Sprache an Univer­si­täten geschrieben – viel­leicht zu viel. Auch gerade deshalb ist dieser Beitrag ein Versuch, diese Debatte, die sich im Kern um ein hart­nä­ckiges Gerücht (!) dreht, wieder etwas auf den Boden der Tatsa­chen zurück­zu­bringen. Dass Studie­rende an deut­schen Univer­si­täten dazu gezwungen würden, zu gendern, um Punk­te­abzug zu vermeiden, entspricht nicht der Realität. Diese alar­mis­ti­sche Debatte ist nichts weiter als ein Schlacht­feld eines neu erstarkten Kultur­kampfes, die einher­geht mit einer Dämo­ni­sie­rung von Queer­fe­mi­nismus, und dem Aufbau eines Feind­bildes eines diffusen „Wokismus“.

Nun jedoch hat die baye­ri­sche Landes­re­gie­rung ein höchst zwei­fel­haftes und umstrit­tenes Gesetz verab­schiedet, dass die Verwen­dung von gender­in­k­lu­siver Sprache in öffent­li­chen Ämtern, an Schulen und Univer­si­täten verbietet – und sogar noch weiter geht, indem es Bußgeld für dieje­nigen vorschlägt, die sich nicht an das Gesetz halten wollen. Sie haben es geschafft! Die CSU, eine Partei, die ein angeb­li­ches Sprach­verbot auf lokaler, regio­naler und Bundes­ebene anpran­gerte, machte sich damit – wenig über­ra­schend – wieder einmal selbst zur Verbots­partei. Die hessi­sche CDU plante, ihrer Schwes­ter­partei zu folgen und die inklu­sive Sprache an den Univer­si­täten zu verbieten, was in jeder Hinsicht gegen die Vorstel­lung von akade­mi­scher Frei­heit verstoßen würde. Der Präsi­dent der Goethe-Universität in Frank­furt am Main hat das geplante Gesetz bereits zurück­ge­wiesen. Auch der Präsi­dent der TU München hat solche Gesetze kriti­siert. Nun wurde das Gendern zunächst in der hessi­schen Verwal­tung verboten, in der Lehre und Forschung bleibt es jedoch erlaubt – alar­mie­rend ist diese Entwick­lung dennoch.

Da wir keine Jurist*innen sind, wird es in diesem Artikel aller­dings nicht um die akade­mi­sche Frei­heit und dieses Gesetz als solches gehen. Da wir auch keine Sprachwissenschaftler*innen sind, wird dieser Artikel auch keine ortho­gra­phi­sche Analyse oder Unter­su­chung der Entwick­lung einer inklu­siven deut­schen Sprache sein. Wir wollen jedoch auf zwei Dinge hinweisen. Erstens: Es gibt es diese Praxis schon, und sie beruht auf einer Ethik der Fürsorge und Empa­thie. Zwei­tens: Im Gegen­satz zu dem, was einige zu denken scheinen, wird das Erlernen einer Sprache nicht schwie­riger, wenn diese inte­grativ ist. Es ist übri­gens inter­es­sant, dass sich einige konser­va­tive Politiker*innen plötz­lich um die angeb­lich entspre­chenden Probleme von Migrant*innen kümmern wollen, wenn es darum geht, eine inklu­sive Sprache zu diskre­di­tieren… Aber zurück zur Sache.

Was tun Historiker*innen? 

Eine kurze Bemer­kung für alle, die mit der Geschichte als wissen­schaft­li­cher Diszi­plin nicht vertraut sind. Historiker*innen schreiben histo­ri­sche Erzäh­lungen und disku­tieren Inter­pre­ta­tionen histo­ri­scher Fakten auf der Grund­lage ihrer Analyse histo­ri­scher Quellen. Sie listen nicht objek­tive Wahr­heiten auf, sondern schreiben Analysen, die sich aus ihren Begeg­nungen mit Ereig­nissen in der Vergan­gen­heit ergeben, die im Archiv durch ihre Erkennt­nisse aus Quel­len­ar­beit und durch Oral-History-Interviews mit histo­ri­schen Akteur*innen entstehen. Aus Respekt vor ihren Gesprächspartner*innen und vor dem Hand­werk wird daher von Historiker*innen erwartet, dass sie stets Belege für das liefern, was sie schreiben, dass sie eine selbst­kri­ti­sche Haltung zu ihren Erkennt­nissen einnehmen – und dass sie ihre Quellen diver­si­fi­zieren. Um ihre Narra­tive zu Papier zu bringen, setzen sie sich mit Diskursen und Deutungs­mus­tern ausein­ander und haben Werk­zeuge entwi­ckelt, um ihre histo­ri­schen Quellen zu bear­beiten. Inklu­sive Sprache ist, so unsere These, eines dieser Werkzeuge.

Quellen verstehen: Der Berliner „Tunten­streit“

Inklu­sive Sprache hilft uns, unsere Quellen zu verstehen.  Beginnen wir zum Beispiel mit dem West-Berlin der 1970er Jahre, zur Blüte­zeit der Schwu­len­be­we­gung nach der ersten Reform des §175 StGB, der Sex zwischen allen Männern – egal welchen Alters– unter Strafe gestellt hatte. Einige der Aktivist*innen der Schwu­len­be­we­gung waren soge­nannte „Tunten“, schwule Aktivist*innen, die mit ihrer Geschlech­ter­rolle spielten und typisch „weib­liche“ Namen benutzten. Sie standen im Zentrum eines wich­tigen Moments der west­deut­schen Schwu­len­ge­schichte, dem soge­nannten „Tunten­streit“, um die Rolle der „effemi­nierten“ schwulen Männer (Tunten) inner­halb der Bewe­gung. Einige Aktivist*innen spra­chen sich für ihre Einbe­zie­hung aus, da sie die Viel­falt queerer Lebens­welten abbil­deten und tradi­tio­nelle Geschlech­ter­normen in Frage stellten. Andere waren dagegen, weil sie befürch­teten, dass diese Stereo­typen verstärken und so einer brei­teren gesell­schaft­li­chen Akzep­tanz schwuler und bise­xu­eller Männer entge­gen­stehen würde. Die Debatte machte die Span­nungen zwischen den verschie­denen Grup­pie­rungen deut­lich, die sich für die Rechte von queeren Menschen einsetzen.

Dies wirft die Frage auf, wie wir als Historiker*innen damit umgehen sollen, wenn cis Männer mit ihrer Geschlech­ter­rolle spielen und weib­liche Namen in ihren Doku­menten verwenden, ohne sich als trans zu iden­ti­fi­zieren. Die Protagonist*innen dieser Ära sind „Helene“ oder „Anna“, die über ihre Gefühle als schwule, „effemi­nierte“ Männer schrieben und die Diskri­mi­nie­rung kriti­sierten, der sie inner­halb der Linken ausge­setzt waren, weil sie sich nicht an die norma­tive Geschlech­ter­rolle hielten, die von „linken Männern“ erwartet wurde. Wenn wir in den Quellen also über die Leben von „Anna“ oder „Helene“ stol­pern, sagen diese Namen allein uns noch nichts über ihre Geschlechts­iden­tität. Wir wissen, dass sie mit der Schwu­len­be­we­gung in Verbin­dung standen und über ihr „Schwul­sein“ schrieben, so dass es irre­füh­rend, wenn nicht schlichtweg falsch sein könnte, sie als Trans-Aktivist*innen zu inter­pre­tieren. Hier ist „Aktivist*in“ eine bessere Option als „Akti­vist“ oder „Akti­vistin“. Wie Jonah Garde schrieb, erlauben uns der Raum und der Glot­tis­schlag zwischen dem „t“ und dem „in“ damit einen gewissen Wider­stand gegen die Entschei­dungs­ge­walt der Historiker*innen. Diese Schreib­weise unter­streicht damit die unzäh­ligen Möglich­keiten, wie „Anna“ oder „Helene“ mit dem Geschlecht spielten. Sie ermög­licht es uns, das Dazwi­schen­sein und die Flui­dität der „Tunten­po­litik“ zu verstehen.

Die Quellen respek­tieren: Queere Opfer des NS-Regimes

Eine geschlech­ter­ge­rechte Sprache ermög­licht es uns, unsere Quellen nuan­cierter zu betrachten. Nehmen wir das Beispiel der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Verfol­gungen von queeren Menschen. Unter dem 1935 verschärften §175 – der erst 1969, dann 1973 refor­miert wurde – depor­tierte das Nazi-Regime offi­ziell Männer, die der Homo­se­xua­lität bzw. homo­se­xu­ellen Verhal­tens beschul­digt wurden. Verhalten meinte hier nicht nur sexu­elle Akte, oft reichte ein Blick­aus­tausch in einer Bar. Tausende von ihnen starben in Konzen­tra­ti­ons­la­gern, andere wurden nach deren Befreiung inhaf­tiert. Als Historiker*innen können wir uns jedoch nicht immer sicher sein, wie diese Männer ihre Sexua­lität oder Geschlechts­iden­tität beschrieben, siehe z.B. die Aufar­bei­tung des Falles Liddy Bacroff. Neuere Forschung hat gezeigt, dass Personen, die wegen ihrer „Homo­se­xua­lität“ verfolgt und depor­tiert wurden, auch trans Frauen gewesen sein können. Wenn wir uns mit den vom Nazi-Regime geschaf­fenen Kate­go­rien begnügen, repro­du­zieren wir also die Logik eines brutalen homo­phoben, aber auch trans­phoben Regimes.

Die Forschung über die Verfol­gung von Lesben im NS-Regime hat außerdem gezeigt, dass die Arbeit mit den von den Täter*innen geschaf­fenen Kate­go­rien sogar zu Span­nungen in der Erin­ne­rungs­po­litik und damit der erschwerten Aufar­bei­tung der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Vergan­gen­heit führen kann. Eine Möglich­keit, um in der Aufar­bei­tung eben nicht die Kate­go­ri­sie­rung des NS-Regimes zu repro­du­zieren, könnte daher auch hier eine geschlech­ter­ge­rechte Sprache sein. Ähnlich wie der Flui­dität eines Begriffes wie „queer“, mit dem wir Depor­tierte beschreiben, die andere Konzepte als „Homo­se­xua­lität“ oder über­haupt kein Konzept für ihre Sexua­lität und ihre Begehren gefunden hatten, könnte das inklu­sive Gendern einen Ausweg aus einem Dilemma darstellen. Eine geschlechts­neu­trale Sprache ermög­licht uns Empa­thie und öffnet eine Tür zur ange­mes­senen Erin­ne­rung an die Opfer. Diese Sprache erlaubt es uns also beispiel­weise, auf die Exis­tenz eines „Mannes“ in den repres­siven Akten der Nazis hinzu­weisen – und gleich­zeitig die tatsäch­liche Geschlechts­iden­tität einer trans Frau anzu­er­kennen, die wegen ihrer Homo­se­xua­lität verfolgt und depor­tiert wurde, aber in denselben Akten zu finden ist.

In anderen Worten: Geschlech­ter­in­k­lu­sive Sprache ermög­licht es uns, mit der nötigen Nuance über diese Personen zu schreiben; sie ermög­licht uns Respekt. Und eine gute akade­mi­sche Praxis braucht beides. Gute Wissen­schaft ist weder ohne nuan­cierten Umgang mit, noch ohne Respekt vor den Quellen und Akteur*innen möglich.

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Diese beiden Beispiele aus der deut­schen queeren Geschichte sind nur zwei von vielen Fällen, in denen eine geschlech­ter­ge­rechte Sprache, das inklu­sive Gendern, nicht nur eine queer-feministische Entschei­dung für die Gegen­wart ist, sondern auch eine gute akade­mi­sche Praxis, um die Vergan­gen­heit aufzu­ar­beiten. Als Historiker*innen sind wir entsetzt, dass der Frei­staat Bayern und andere Landes­re­gie­rungen uns jetzt diese Möglich­keit nehmen will bzw. in Teilen schon hat.

Der Respekt vor unseren Kolleg*innen und Studie­renden ist ein alltäg­li­cher Grund, warum inklu­sive Sprache an deut­schen Univer­si­täten unbe­dingt erlaubt bleiben muss. Der Respekt vor den queeren Menschen der Vergan­gen­heit ist ein immer­wäh­render. Wenn rechte Politiker*innen uns und ihnen diesen Respekt nehmen wollen, ist dies ein Armuts­zeugnis für die Wissenschafts- und Meinungs­frei­heit in diesem Land.