In letzter Zeit wurde viel über die Verwendung von geschlechtergerechter Sprache an Universitäten geschrieben – vielleicht zu viel. Auch gerade deshalb ist dieser Beitrag ein Versuch, diese Debatte, die sich im Kern um ein hartnäckiges Gerücht (!) dreht, wieder etwas auf den Boden der Tatsachen zurückzubringen. Dass Studierende an deutschen Universitäten dazu gezwungen würden, zu gendern, um Punkteabzug zu vermeiden, entspricht nicht der Realität. Diese alarmistische Debatte ist nichts weiter als ein Schlachtfeld eines neu erstarkten Kulturkampfes, die einhergeht mit einer Dämonisierung von Queerfeminismus, und dem Aufbau eines Feindbildes eines diffusen „Wokismus“.
Nun jedoch hat die bayerische Landesregierung ein höchst zweifelhaftes und umstrittenes Gesetz verabschiedet, dass die Verwendung von genderinklusiver Sprache in öffentlichen Ämtern, an Schulen und Universitäten verbietet – und sogar noch weiter geht, indem es Bußgeld für diejenigen vorschlägt, die sich nicht an das Gesetz halten wollen. Sie haben es geschafft! Die CSU, eine Partei, die ein angebliches Sprachverbot auf lokaler, regionaler und Bundesebene anprangerte, machte sich damit – wenig überraschend – wieder einmal selbst zur Verbotspartei. Die hessische CDU plante, ihrer Schwesterpartei zu folgen und die inklusive Sprache an den Universitäten zu verbieten, was in jeder Hinsicht gegen die Vorstellung von akademischer Freiheit verstoßen würde. Der Präsident der Goethe-Universität in Frankfurt am Main hat das geplante Gesetz bereits zurückgewiesen. Auch der Präsident der TU München hat solche Gesetze kritisiert. Nun wurde das Gendern zunächst in der hessischen Verwaltung verboten, in der Lehre und Forschung bleibt es jedoch erlaubt – alarmierend ist diese Entwicklung dennoch.
Da wir keine Jurist*innen sind, wird es in diesem Artikel allerdings nicht um die akademische Freiheit und dieses Gesetz als solches gehen. Da wir auch keine Sprachwissenschaftler*innen sind, wird dieser Artikel auch keine orthographische Analyse oder Untersuchung der Entwicklung einer inklusiven deutschen Sprache sein. Wir wollen jedoch auf zwei Dinge hinweisen. Erstens: Es gibt es diese Praxis schon, und sie beruht auf einer Ethik der Fürsorge und Empathie. Zweitens: Im Gegensatz zu dem, was einige zu denken scheinen, wird das Erlernen einer Sprache nicht schwieriger, wenn diese integrativ ist. Es ist übrigens interessant, dass sich einige konservative Politiker*innen plötzlich um die angeblich entsprechenden Probleme von Migrant*innen kümmern wollen, wenn es darum geht, eine inklusive Sprache zu diskreditieren… Aber zurück zur Sache.
Was tun Historiker*innen?
Eine kurze Bemerkung für alle, die mit der Geschichte als wissenschaftlicher Disziplin nicht vertraut sind. Historiker*innen schreiben historische Erzählungen und diskutieren Interpretationen historischer Fakten auf der Grundlage ihrer Analyse historischer Quellen. Sie listen nicht objektive Wahrheiten auf, sondern schreiben Analysen, die sich aus ihren Begegnungen mit Ereignissen in der Vergangenheit ergeben, die im Archiv durch ihre Erkenntnisse aus Quellenarbeit und durch Oral-History-Interviews mit historischen Akteur*innen entstehen. Aus Respekt vor ihren Gesprächspartner*innen und vor dem Handwerk wird daher von Historiker*innen erwartet, dass sie stets Belege für das liefern, was sie schreiben, dass sie eine selbstkritische Haltung zu ihren Erkenntnissen einnehmen – und dass sie ihre Quellen diversifizieren. Um ihre Narrative zu Papier zu bringen, setzen sie sich mit Diskursen und Deutungsmustern auseinander und haben Werkzeuge entwickelt, um ihre historischen Quellen zu bearbeiten. Inklusive Sprache ist, so unsere These, eines dieser Werkzeuge.
Quellen verstehen: Der Berliner „Tuntenstreit“
Inklusive Sprache hilft uns, unsere Quellen zu verstehen. Beginnen wir zum Beispiel mit dem West-Berlin der 1970er Jahre, zur Blütezeit der Schwulenbewegung nach der ersten Reform des §175 StGB, der Sex zwischen allen Männern – egal welchen Alters– unter Strafe gestellt hatte. Einige der Aktivist*innen der Schwulenbewegung waren sogenannte „Tunten“, schwule Aktivist*innen, die mit ihrer Geschlechterrolle spielten und typisch „weibliche“ Namen benutzten. Sie standen im Zentrum eines wichtigen Moments der westdeutschen Schwulengeschichte, dem sogenannten „Tuntenstreit“, um die Rolle der „effeminierten“ schwulen Männer (Tunten) innerhalb der Bewegung. Einige Aktivist*innen sprachen sich für ihre Einbeziehung aus, da sie die Vielfalt queerer Lebenswelten abbildeten und traditionelle Geschlechternormen in Frage stellten. Andere waren dagegen, weil sie befürchteten, dass diese Stereotypen verstärken und so einer breiteren gesellschaftlichen Akzeptanz schwuler und bisexueller Männer entgegenstehen würde. Die Debatte machte die Spannungen zwischen den verschiedenen Gruppierungen deutlich, die sich für die Rechte von queeren Menschen einsetzen.
Dies wirft die Frage auf, wie wir als Historiker*innen damit umgehen sollen, wenn cis Männer mit ihrer Geschlechterrolle spielen und weibliche Namen in ihren Dokumenten verwenden, ohne sich als trans zu identifizieren. Die Protagonist*innen dieser Ära sind „Helene“ oder „Anna“, die über ihre Gefühle als schwule, „effeminierte“ Männer schrieben und die Diskriminierung kritisierten, der sie innerhalb der Linken ausgesetzt waren, weil sie sich nicht an die normative Geschlechterrolle hielten, die von „linken Männern“ erwartet wurde. Wenn wir in den Quellen also über die Leben von „Anna“ oder „Helene“ stolpern, sagen diese Namen allein uns noch nichts über ihre Geschlechtsidentität. Wir wissen, dass sie mit der Schwulenbewegung in Verbindung standen und über ihr „Schwulsein“ schrieben, so dass es irreführend, wenn nicht schlichtweg falsch sein könnte, sie als Trans-Aktivist*innen zu interpretieren. Hier ist „Aktivist*in“ eine bessere Option als „Aktivist“ oder „Aktivistin“. Wie Jonah Garde schrieb, erlauben uns der Raum und der Glottisschlag zwischen dem „t“ und dem „in“ damit einen gewissen Widerstand gegen die Entscheidungsgewalt der Historiker*innen. Diese Schreibweise unterstreicht damit die unzähligen Möglichkeiten, wie „Anna“ oder „Helene“ mit dem Geschlecht spielten. Sie ermöglicht es uns, das Dazwischensein und die Fluidität der „Tuntenpolitik“ zu verstehen.
Die Quellen respektieren: Queere Opfer des NS-Regimes
Eine geschlechtergerechte Sprache ermöglicht es uns, unsere Quellen nuancierter zu betrachten. Nehmen wir das Beispiel der nationalsozialistischen Verfolgungen von queeren Menschen. Unter dem 1935 verschärften §175 – der erst 1969, dann 1973 reformiert wurde – deportierte das Nazi-Regime offiziell Männer, die der Homosexualität bzw. homosexuellen Verhaltens beschuldigt wurden. Verhalten meinte hier nicht nur sexuelle Akte, oft reichte ein Blickaustausch in einer Bar. Tausende von ihnen starben in Konzentrationslagern, andere wurden nach deren Befreiung inhaftiert. Als Historiker*innen können wir uns jedoch nicht immer sicher sein, wie diese Männer ihre Sexualität oder Geschlechtsidentität beschrieben, siehe z.B. die Aufarbeitung des Falles Liddy Bacroff. Neuere Forschung hat gezeigt, dass Personen, die wegen ihrer „Homosexualität“ verfolgt und deportiert wurden, auch trans Frauen gewesen sein können. Wenn wir uns mit den vom Nazi-Regime geschaffenen Kategorien begnügen, reproduzieren wir also die Logik eines brutalen homophoben, aber auch transphoben Regimes.
Die Forschung über die Verfolgung von Lesben im NS-Regime hat außerdem gezeigt, dass die Arbeit mit den von den Täter*innen geschaffenen Kategorien sogar zu Spannungen in der Erinnerungspolitik und damit der erschwerten Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit führen kann. Eine Möglichkeit, um in der Aufarbeitung eben nicht die Kategorisierung des NS-Regimes zu reproduzieren, könnte daher auch hier eine geschlechtergerechte Sprache sein. Ähnlich wie der Fluidität eines Begriffes wie „queer“, mit dem wir Deportierte beschreiben, die andere Konzepte als „Homosexualität“ oder überhaupt kein Konzept für ihre Sexualität und ihre Begehren gefunden hatten, könnte das inklusive Gendern einen Ausweg aus einem Dilemma darstellen. Eine geschlechtsneutrale Sprache ermöglicht uns Empathie und öffnet eine Tür zur angemessenen Erinnerung an die Opfer. Diese Sprache erlaubt es uns also beispielweise, auf die Existenz eines „Mannes“ in den repressiven Akten der Nazis hinzuweisen – und gleichzeitig die tatsächliche Geschlechtsidentität einer trans Frau anzuerkennen, die wegen ihrer Homosexualität verfolgt und deportiert wurde, aber in denselben Akten zu finden ist.
In anderen Worten: Geschlechterinklusive Sprache ermöglicht es uns, mit der nötigen Nuance über diese Personen zu schreiben; sie ermöglicht uns Respekt. Und eine gute akademische Praxis braucht beides. Gute Wissenschaft ist weder ohne nuancierten Umgang mit, noch ohne Respekt vor den Quellen und Akteur*innen möglich.
Diese beiden Beispiele aus der deutschen queeren Geschichte sind nur zwei von vielen Fällen, in denen eine geschlechtergerechte Sprache, das inklusive Gendern, nicht nur eine queer-feministische Entscheidung für die Gegenwart ist, sondern auch eine gute akademische Praxis, um die Vergangenheit aufzuarbeiten. Als Historiker*innen sind wir entsetzt, dass der Freistaat Bayern und andere Landesregierungen uns jetzt diese Möglichkeit nehmen will bzw. in Teilen schon hat.
Der Respekt vor unseren Kolleg*innen und Studierenden ist ein alltäglicher Grund, warum inklusive Sprache an deutschen Universitäten unbedingt erlaubt bleiben muss. Der Respekt vor den queeren Menschen der Vergangenheit ist ein immerwährender. Wenn rechte Politiker*innen uns und ihnen diesen Respekt nehmen wollen, ist dies ein Armutszeugnis für die Wissenschafts- und Meinungsfreiheit in diesem Land.
Gendern ist Ausdruck gesellschaftlichen Wandels, Fortschritts. Das läuft in Schritten. Deshalb sollte Gendern weder verordnet noch verboten werden. Sprache ist wesentlicher Teil persönlicher Identität. Eine erzwungene „Neusprache “ kann als schwere Verletzung dieser aufgefasst werden. Wer deutsch neu als Fremdsprache lernt, kann erzwungenes Gendern zusätzliche Probleme machen. Er/sie sollte wählen dürfen. Noch gibt es viele Gender-Variationen: Welche ist korrekt? – Gendern wird sich entsprechend gesellschaftlichem Bewusstseinswandel entwickeln. Nicht mittels Zwangsmaßnahmen. Das schafft Unfrieden bis Hass. Weil Sprache Teil unserer Identität ist.