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  • Alfred Messerli lehrte von 1986 bis 2019 an der Universität Zürich am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft. Er forscht über populäres Erzählen, Selbstzeugnisse, Massenbilder und die Geschichte des Lesens.

„Als ich einmal durch den Token­house Yard in Loth­bury [in der City von London] ging, wurde plötz­lich direkt über mir ein Fenster heftig aufge­rissen, und eine Frau stieß dreimal einen schreck­li­chen Schrei aus und rief dann mit unnach­ahm­li­cher Stimme: O Tod, Tod, Tod!, was mir unge­heuren Schre­cken einjagte und das Blut in den Adern gefrieren ließ. In der ganzen Straße war niemand zu sehen, noch öffnete sich sonst ein Fenster, denn nichts mehr konnte die Neugier der Leute erregen, auch konnte keiner mehr einem andern helfen, so ging ich weiter in die Bell Alley.

Diese Passage findet sich in einem Buch aus dem Jahr 1722 mit dem umständ­li­chen Titel A Journal of the Plague Year: Being Obser­va­tions or Memo­rials, Of the Most Remar­kable Occur­rences, As well Publick as Private, Which happened in London During the last Great Visi­ta­tion in 1665. Written by a Citizen who conti­nued all the while in London. Never made publick before. Es handelt sich bei diesem Journal um den vermeint­lich authen­ti­schen auto­bio­gra­phi­schen Bericht über die letzte große Pest in London im Jahr 1665; der nicht genannte Autor ist Daniel Defoe, der berühmte Verfasser des Robinson Crusoe.

Defoe, der im Pest­jahr 1665 fünf Jahre alt war, konstru­iert für das Journal die Perspek­tive des erwach­senen Ich-Erzählers „H. F.“, der als Beob­achter und Augen­zeuge jung, wahr­schein­lich unver­hei­ratet, kritisch abwä­gend, sowohl reli­giös als auch rational denkend ist. Vor allem aber ist er neugierig, was ihn immer wieder aus dem Haus treibt. Er spaziert in Gegenden Londons, in denen ich eigent­lich nichts zu tun hatte. Und auch im August, kurz vor dem Höhe­punkt der Epidemie, nachdem er sich mit Mehl und Malz versehen hatte, um in seinem Haus selber Brot zu backen und Bier zu brauen, konnte er seiner nimmer­satten Neugier doch nicht soweit gebieten, dass er selber stets im Hause blieb.

Die Pest in London

„Lord, Have Mercy On London”: Zeit­ge­nös­si­scher Holz­schnitt

London war, folgt man dem Journal von Defoe, in den Sommer­mo­naten 1665 bis zur Unkennt­lich­keit verän­dert. Die Straßen, die gewöhn­lich so belebt waren, lagen wie ausge­storben da. Selbst auf großen Straßen mitten in der City, ja sogar vor der Börse, wuchs Gras zwischen den Pflas­ter­steinen. Theater waren geschlossen, ebenso Spiel­banken, öffent­liche Tanz­hallen und Vergnü­gungs­stätten. Und schließ­lich wurden viele Wohn­häuser durch die Behörde geschlossen, sobald diese erfuhr, dass sich darin ein von der Pest Befal­lener befand. Dass die Häuser fortan weder betreten noch verlassen wurden, dafür sorgten Wach­leute rund um die Uhr.

Die betrof­fenen Menschen wiederum, die diese Maßnahme als „sehr grausam und unchrist­lich“ empfanden, versuchten ihrer­seits, die Behörde und Wach­leute auszu­tricksen. In zahl­rei­chen Geschichten berichtet H. F. über die geglückten und geschei­terten Versuche, Wach­leute zu bestechen, sie betrunken zu machen, heim­lich eine Kopie des Schlüs­sels anfer­tigen zu lassen oder im Vorder­haus für die Wach­leute ein Theater der Norma­litätaufzu­führen, während man insge­heim durch die aufge­bro­chene Hintertür entwich. Ob sich damit die Seuche eindämmen ließe, darüber kommt H. F. zu keiner endgül­tigen Antwort. Zwar recht­fer­tige das Gemein­wohl das private Miss­ge­schick, doch führten die drohenden Maßnahmen auch dazu, dass man der Behörde nach Möglich­keit verheim­liche, wenn jemand im Haus an der Pest erkrankte.

Ein statis­ti­scher Blick auf den Tod

H. F. beob­achtet die Bewe­gung der Pest im Raum London, indem er die Zahlen der Toten der einzelnen Pfarr­sprengel, wie sie in den Bills of Morta­lity wöchent­lich publi­ziert wurden, vergleicht. Der Pestzug begann am west­li­chen Ende der Stadt und bewegte sich nur sehr langsam auf das Zentrum zu. Und noch im Monat Juli stellt H. F. fest: Wie wir bemerkten, hielt sich die Infek­tion vorerst mehr in den Außen­be­zirken; da diese sehr bevöl­kert waren, beson­ders von Armen, fand das Übel dort eher seine Opfer als in der City, […]. Die Unter­schicht, die Dienst­mäd­chen, Mägde, Haus­diener usw. waren auch deshalb am gefähr­detsten, weil sie für die Herr­schaften das Haus verlassen mussten, um einzu­kaufen. Die Ärmsten und die durch die um sich grei­fende große Arbeits­lo­sig­keit verarmten Arbeiter, Bediens­tete und Hand­werker seien immer auf der Straße gewesen, da sie sich keine Vorräte anlegen konnten. Und aus Hunger hätten sie jede, auch die gefähr­lichste, Arbeit ange­nommen.

Bills of Morta­lity, Dezember 1664; Quelle: christies.com

In den nun wöchent­lich erschei­nenden Bills of Morta­lity wurden die in den Kirchen­ge­meinden des Stadt­ge­bietes Londons und einer Anzahl angren­zender Kirch­ge­meinden gesam­melten Zahlen der an der Pest Verstor­benen in geord­neten und verdich­teten Daten­sätzen präsen­tierten. Sie erfor­derten eine neue Wahr­neh­mung. Im Funda­mental Law der 1660 gerün­deten briti­schen Gelehr­ten­ge­sell­schaft Royal Society heißt es, bisher habe es den Wissen­schaften nicht an der Menge der Beob­ach­tungen und am Scharf­sinn ihrer Verwer­tung gefehlt, sondern daran, die Beob­ach­tungen, aus denen Schlüsse gezogen werden können, so zu erheben, zu kodieren und zu spei­chern, dass sie akku­mu­liert und vergli­chen werden können.

Dies leis­teten nun die Bills of Morta­lity, die H. F. viel­fach in das Journal einfügte. Er reflek­tiert wieder­holt die Grenze der Zuver­läs­sig­keit der Zahlen, ohne ihren Wert grund­sätz­lich in Frage zu stellen. Als im September die Seuche mit all ihrer Wucht über uns kam, nahm sie uns jede Über­sicht. Die Menschen starben unge­zählt und zahllos: Man mochte zwar eine wöchent­liche Liste aufstellen und sieben- und acht­tau­send oder was einem einfiel drauf­schreiben; sicher ist nur, dass sie haufen­weise starben und haufen­weise, und das heißt: unge­zählt, begraben wurden. H. F. aber hält sich an die offi­zi­ellen Angaben, die nied­ri­gere Zahlen ausweisen, als die kolpor­tierten, weshalb er guten Gewis­sens sagen könne, alles ohne Über­trei­bung und eher zu mild als zu grell darge­stellt zu haben.

Gerüchte, Geschichten

Das Jahr 1665 fiel, medi­en­ge­schicht­lich gespro­chen, in eine Übergangs- und Krisen­zeit, die sich durch ein gestei­gertes Nach­rich­ten­be­dürfnis der Bevöl­ke­rung einer­seits und ein noch sehr limi­tiertes Nach­rich­ten­an­gebot ande­rer­seits auszeich­nete: Als Wochen­blätt­chen mit ledig­lich 2 Seiten Umfang erschienen in London The Newes und The Intel­li­gencer; dazu kam, sogar zweimal wöchent­lich, The London Gazette, jeweils ein Blatt, das vorne und hinten bedruckt war. Kein Wunder, dass bei diesem überaus beschränkten Zugang zu gedruckten Infor­ma­tionen münd­lich zirku­lie­rende Gerüchte und Geschichten auf frucht­baren Boden fielen.

Die Beer­di­gung von Pest­toten in einem Massen­grab, London 1665, Holz­schnitt von 1834; Quelle: welt.de

Der Chro­nist H. F. liefert eindrück­liche Beispiele, so die Geschichte vom Dudel­sack­pfeifer, die in aller Leute Munde war. Dieser hilf­lose alte Mann, der sonst des Nachts in den Schenken pfei­fend das Mitleid der Gäste erregte, die ihm manchmal auch ein paar Pfen­nige gaben, hatte während der Pest eine sehr schlechte Zeit. Fast verhun­gert schlief er eines Abends an einem Torein­gang ein, an dem man für gewöhn­lich die Leichen aus den Häusern hinlegte, damit sie von den Toten­grä­bern mitge­nommen würden. Diese luden ihn tatsäch­lich auf den Toten­karren; erst kurz bevor man den Karren mit seinem Inhalt in die Grube kippte, erwachte er. Aber ich bin doch wohl nicht tot, oder? sagte der Dudel­sack­pfeifer, was die Toten­gräber ein wenig zum Lachen brachte. Sie halfen ihm herunter vom Wagen und der arme Kerl ging seines Weges.

Dieser Geschichte vom karne­val­esken Wider­streit zwischen Tod und Leben eignet hier die utopi­sche Gewiss­heit, man werde die Pest über­leben. Es ist das Gelächter wider das große Sterben. Gleich einer Wander­sage zirku­lierte die Geschichte deshalb auch in Wien im Pest­jahr 1679. Es ist der schwer betrun­kene Sack­pfeifer namens Augustin, der, von den Zieh­knechten für tot gehalten, in die Grube geworfen wird, bis ihm die Toten­gräber im letzten Moment heraus halfen, wie Johann Constantin Feige die Geschichte in seinem 1693 erschie­nenen Werk Wunder­bahrer Adlers-Schwung erzählt. Diesem Augustin wurde auch das berühmte Lied O, du lieber Augustin zuge­schrieben, in dem es heißt: O, du lieber Augustin, / s Geld is hin, s Mensch [das Mädchen] is hin,/ o, du lieber Augustin, Alles ist hin! Und: Wär schon des Lebens quitt,/ Hätt ich nit noch Kredit. Und weiter: Jeden Tag war sonst ein Fest,/ Jetzt aber habn wir die Pest! Und die fünfte und letzte Strophe beginnt mit: O, du lieber Augustin,/ Leg nur ins Grab Dich hin, […].

Urban legends und fake news

Im Journal kommt H. F. auch auf ein beson­deres Thema zu spre­chen: Man erzählte sich damals viele schreck­liche Geschichten von Pfle­ge­rinnen und Wach­leuten, die nach den Ster­benden sahen; ich meine damit ange­stellte Pfle­ge­rinnen [nurses], welche die Ange­steckten zu versorgen hatten; nämlich, dass sie diese rück­sichtslos behan­delten, sie verhun­gern oder ersti­cken ließen oder auf andere Weise ihr Ende beschleu­nigten, mit andern Worten, sie umbrachten. Der skep­ti­sche Ich-Erzähler hält es für möglich, dass solche Dinge vorge­kommen seien, jedoch nicht so häufig, wie die umlau­fenden Geschichten dies sugge­rierten. Denn es gab zu viele solcher Geschichten. Man erzählte H. F. von einer Pfle­gerin in einem bestimmten Haus, die auf das Gesicht eines Ster­benden, den sie versorgte, ein nasses Tuch gelegt und ihn auf diese Weise umge­bracht habe.

H. F. hatte seine Zweifel an dieser Geschichte, die er viel­fach hörte, aber als bloße Geschichten betrachte[te], mit denen sich die Leute immer­fort gegen­seitig ängs­tigten. Denn zum ersten, wo immer wir sie hörten, waren sie am andern Ende der Stadt passiert, entge­gen­ge­setzt oder möglichst weit weg von der Stelle, wo man sie hörte. Hörte man sie in Whitec­hapel, war es in St. Giles oder West­minster oder Holborn oder sonstwo in jener Gegend der Stadt geschehen. Hörte man aber an jenem Ende der Stadt davon, dann war es wieder in Whitec­hapel, der Mino­ries oder in der Gemeinde Cripple­gate geschehen. Hörte mans in der Altstadt, nun, dann wars in Southwark passiert; und erfuhr mans in Southwark, dann in der Altstadt und so weiter.

Zum zweiten fiel ihm auf, dass die Einzel­heiten solcher Geschichte sich glichen, wo immer ihr Schau­platz auch gewesen sein sollte. Immer wurde ein nasser gefal­teter Lappen auf das Gesicht eines Ster­benden gepresst oder eine junge Dame erstickt; daraus ergebe sich eindeutig, mindes­tens seiner Meinung nach, dass es sich bei all dem mehr um Märchen als um Tatsa­chen handelte. Es war, mit anderen Worten, eine der ersten urban legends, die man als Früh- und Keim­form der fake news bezeichnen könnte. Die Diskus­sion über Wahr­heit oder Lüge sind bei den urban legends Teil der Erzäh­lung, und das trifft auch bei Defoes Journal zu, auch wenn ihm dafür nur das Wort „Tale“ („Erzäh­lung“) zur Verfü­gung steht. Der Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler Watson Nicholson, der die zahl­rei­chen histo­ri­schen Quellen von Defoes Journal zusam­men­stellte, konnte auch die Quelle der wicked nurses nach­weisen. Sie findet sich in der von Natha­niel Hodges verfassten Schrift Loimo­logia, or, an Histo­rical Account of the Plague in London in 1665, die 1672 zuerst in Latein und 1720, zwei Jahre vor Defoes Journal, in engli­scher Sprache erschienen war. Nach Nicholson ist die Tötungsart sogar schon im Alten Testa­ment, im 2. Buch der Könige, Kapitel 8, Vers 15 belegt – Des andern Tages aber nahm er die Bett­decke und tauchte sie in Wasser und brei­tete sie über sein Ange­sicht; da starb er, und Hasael ward König an seiner Statt– und harrte also nur der Aktua­li­sie­rung im London der Pest.

Diese urban legend jeden­falls handelt von der Figur der Kran­ken­wär­terin als der Feindin im Hause. Die nurse wird gemeinhin asso­zi­iert mit mütter­li­chen Eigen­schaften; ihrer Hilfe und Pflege wird der hilf­lose Kranke anver­traut. Diese Situa­tion des Vertrauens kippt hier aber in eine des Miss­trauens. In Zeiten der Pest löste die soziale Vermi­schung zwischen den „nurses“ aus der Unter­schicht, die die kranke Herr­schaft aus dem Mittel­stand und der Ober­schichte pflegten, offenbar extreme Ängste aus – und produ­zierte gefähr­liche Gerüchte.

Und danach?

Daniel Defoe alias H.F. stellte am Schluss des Romans fest, dass der Umgang mit dem nahen Tod die Londoner, die damals in unzäh­lige reli­giöse Gruppen, Glau­bens­rich­tungen und Sekten gespalten waren, tole­ranter gemacht habe. Als die Pest immer weniger Tote forderte, fielen sich auch Leute, die sich nicht kannten, auf der Straße gar in die Arme. Der Chro­nist wünschte, er könnte sagen, „dass so wie sich das Ange­sicht der Stadt erneuert hatte, auch die Lebensart der Leute eine Auffri­schung erfuhr“ – doch er musste enttäuscht fest­stellen: Nach der Pest verhielten sich die Londoner im allge­meinen ebenso wie vorher – eine Verän­de­rung war kaum fest­zu­stellen.

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  • Alfred Messerli lehrte von 1986 bis 2019 an der Universität Zürich am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft. Er forscht über populäres Erzählen, Selbstzeugnisse, Massenbilder und die Geschichte des Lesens.