Die Ästhetisierung des Krieges in Videospielen hat den Faszinationstypus des Elitekriegers kreiert. In dieser Figur kristallisiert sich eine modische Aufladung von Waffen und Rüstungstechnologien, die vor allem in den USA den Alltag und die Politik prägt.

  • Georg Dickmann

    Georg Dickmann forscht derzeit an narrativen Strategien im Think Tank f_LAB an der Agentur Fischer-Appelt und ist Lehrbeauftragter an der Universität der Künste Berlin. Der Literaturwissenschaftler und Philosoph war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) Berlin und promovierte am DFG-Graduiertenkolleg »Das Wissen der Künste« an der Universität der Künste Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind Philosophien des neuen Materialismus, Theorien des Körpers, Posthumanismus und Autotheorien der Gegenwart.

Ein Klick, dann das kurze, nied­rig­fre­quente Surren der Akti­vie­rung. Nachdem die sper­rige Vorrich­tung an der Vorder­seite des Helms einge­rastet ist, taucht das vier­äu­gige Nacht­sicht­gerät die Welt in ein körniges, unwirk­li­ches Grün. In dieser entfärbten Realität gleiten Männer in hoch­tech­ni­sierter Ausrüs­tung nahezu lautlos durch die Gänge. „Slow is smooth, smooth is fast“ – so lautet das Mantra der Quiet Profes­sio­nals, jener Spezi­al­ein­heiten, deren „Flow“ beim CQB (Close Quarter Battle) mehr an eine moderne Tanz­cho­reo­grafie erin­nert als an eine Gefechtssituation.

Mili­taine­ment, oder der Operator als Marke

Spätes­tens mit Kathryn Bige­lows Film Zero Dark Thirty (2012) wurde die „Cool­ness“ der Kriegs­füh­rung zu einem Sehn­suchts­phä­nomen für junge Konsument:innen von Special-Forces-Content. Das Abseilen aus geheimen Tarn­he­li­ko­ptern und das laut­lose Eindringen in Osama bin Ladens Anwesen erscheint auf den Lein­wänden weniger als heroi­sche Kampf­hand­lung, denn als stylishe Kriegs­per­for­mance, in der jeder Schritt, jede Geste aura­tisch aufge­laden, präzise und kühl wirkt. Seitdem findet sich kaum ein Kriegs­film oder Kriegs­serie über mili­tä­ri­sche Elite­ein­heiten, der auf das Nacht­sicht­grün als Stil­mittel verzichtet (Lone Survivor, SEAL Team, Sicario, The Terminal List). Es ist zum Signum des so genannten „Tacti­cool“ geworden – jener Ikono­grafie des US-amerikanischen Opera­tors, die den Krieg verhüllt und zugleich verfüh­re­risch ästhe­ti­siert. Einst Schat­ten­figur des Mili­tärs, ist der Operator heute ein breit vermark­tetes Fetischobjekt.

© Aleksey Kashmar, Quelle: unsplash

In den USA ist aus dieser Figur des Opera­tors eine Marke und ein florie­render Markt entstanden, der nach Deutsch­land nur spora­disch hinüber­schwappt. Firmen wie die von ehema­ligen Navy SEALs gegrün­dete GBRS Group zeigen, wie aus geheimen Opera­tionen eine konsu­mier­bare Ökonomie entsteht. Aus den realen US-Elitesoldaten werden heute immer mehr Unter­nehmer und Storyteller, die ihre im Kampf erwor­bene Auto­rität mone­ta­ri­sieren und scheinbar alles in Wert setzen, das mit mili­tär­tak­ti­schem Wissen zu tun hat. Die GBRS Group bietet Trai­nings­kurse für Mili­tärs, Poli­zisten, aber auch explizit für Zivi­listen an, in denen Tech­niken wie der Häuser­kampf, schnelles Nach­laden der Waffe und die takti­sche Bewe­gung im Team geübt werden. Die von dem ehema­ligen Navy SEAL gehos­tete Shawn Ryan Show hat sich im Bereich des „Mili­tain­ments“ zu einer medialen Größe entwi­ckelt und zählt allein auf YouTube über vier Millionen Abonnent:innen. Einzelne Episoden, insbe­son­dere Inter­views mit anderen Vete­ranen oder poli­tisch kontro­versen Figuren, errei­chen regel­mäßig ein Publikum von mehreren Millionen und erzielen Aufruf­zahlen, die teil­weise weit über zehn Millionen hinaus­gehen. Andere, wie die FNG Academy, betreiben YouTube-Kanäle, auf denen die beiden ehema­ligen Army Green Berets in „Reac­ting Videos“ bei einem Bier humor­voll die takti­sche Glaub­wür­dig­keit von Kriegs­filmen analy­sieren. Ihr Format mit dem Namen „Beers and Break­downs“ erzielt hohe Aufruf­zahlen. Der Kanal hat 231.000 Abonnent:innen.

Screen­shot Suchanfrage

Das Prinzip ist simpel und effektiv: Medialer Content über­setzt mili­tä­ri­sches Wissen in Unter­hal­tung und stärkt die Marke. Spezia­li­sierte und teure Ausrüs­tung, in der Szene als „Gucci Gear“ bezeichnet, wird als Luxus­ar­tikel insze­niert, denn die Welt der Luxus­marken und die der Elite­sol­daten basieren offenbar auf derselben sozialen Logik. Sie schaffen durch Exklu­si­vität, Ästhe­ti­sie­rung und teuer erkaufte Codes einen Raum der Distink­tion, der das Begehren nach diesen Objekten noch mehr anfacht. Der vornehm­lich männ­liche Konsu­ment kauft sich damit einen Anteil am Mythos der Unver­wund­bar­keit, während der Markt die Mili­tär­fan­tasie in ein modi­sches Konsumgut über­setzt, das die blutige Realität des Krieges hinter dem Glanz des Marken­för­migen zum Verschwinden bringt.

Waffen als Designprodukte

Der Begriff „Gear Porn“, offen­sicht­lich analog zum Begriff „Food Porn“ verwendet, beschreibt die dekon­tex­tua­li­sierte und hoch­äs­the­ti­sierte Zurschau­stel­lung von mili­tä­ri­scher Ausrüs­tung. Er markiert damit keinen Wider­spruch zur klas­si­schen Porno­grafie, die den Körper feti­schi­siert, sondern scheint eine beson­ders perfide Konse­quenz davon zu sein. Der Begriff radi­ka­li­siert die Objek­ti­vie­rung, in dem es den orga­ni­schen Körper über­springt und direkt die tech­no­lo­gi­sche Prothese zum Gegen­stand macht. Das wird deut­lich in Hoch­glanz­bil­dern auf Social Media, wo modi­fi­zierte Waffen wie Luxus­pro­dukte oder Design­ob­jekte in Szene gesetzt werden. So bekommen Hersteller von Lasern, Aufnä­hern oder diversen Visieren ein Feature oder empfiehlt das Profil. Einige Betreiber der Profile, häufig Gear-Influencer ohne mili­tä­ri­schen Hinter­grund, posten Erfah­rungs­be­richte vom Schieß­stand über Hand­hab­bar­keit, Nütz­lich­keit und natür­lich Ästhetik der Produkte. Auf der „profes­sio­nellen“ Seite teilen wiederum Vete­ranen in Video-Podcasts ihr bestes „Loadout“, also eine spezi­fi­sche Konfi­gu­ra­tion der Waffe oder ihres Helm­auf­baus. In reddit-Foren, wird anhand von Hinweisen auf dem Tarn­muster der Ausrüs­tung oder der Patches auf Fotos aus den Einsatz­ge­bieten des Nahen Ostens darüber gerät­selt, zu welcher geheimen Einheit welcher Operator wohl gehören könnte.

Ausschnitt des instragram-Accounts „Special Warfare Zone“

Dies sind nur ein paar Beispiele für die Konjunktur des gegen­wär­tigen Special Forces-Hypes aus den USA. Es sind subtile Zeichen, mit denen sich reale Elite­kämpfer und Fans ohne profes­sio­nellen mili­tä­ri­schen Hinter­grund glei­cher­maßen iden­ti­fi­zieren: zerschlis­sene Baseball-Kappen mit Patches, auf denen sich oft eine martia­li­sche, nordi­sche Ikono­grafie findet: Äxte, Wikin­ger­sym­bole, Kreuze, Runen und die Beschwö­rung Walhallas. Diese Anspie­lungen sind kein Zufall. Sie verorten die Bruder­schaft außer­halb des staat­li­chen Gewalt­mo­no­pols in einem archai­schen Krie­ger­kult, dessen reale, brand­ge­fähr­liche Entla­dung sich etwa im Skandal um einige Soldaten des deut­schen Kommando Spezi­al­kräfte zeigte, wo bei einer Feier zu Rechts­rock und Hitler­gruß mit Schwei­ne­köpfen geworfen worden.

Ein neuer Männlichkeitstypus?

Handelt es sich hier um eine neue Bild­lich­keit des krie­ge­ri­schen Männ­lich­kei­ty­typus? Viel­leicht ist sie nicht neu, aber die Insze­nie­rung des Elite­sol­daten der Gegen­wart verschiebt den ideo­lo­gisch aufge­la­denen GI-Joe-Typus des Kalten Krieges. Die Insze­nie­rung des fahnen­schwin­genden Patrioten bekommt Konkur­renz durch den zurück­hal­tenden, Oakley-Sonnenbrille tragenden und damit schwer greif­baren Quiet Profes­sional. Jüngste Holly­wood­pro­duk­tionen haben diese Figur in unzäh­ligen Filmen popu­la­ri­siert und zum Ideal des „stillen Wassers“ stili­siert. Es ist der schweig­same Anti-Held, der nach seinen Einsätzen in einer Bar sitzt, sein Kriegs­trauma in Whiskey ertränkt und sich weigert, von seinem Erlebten zu erzählen. Durch dieses Schweigen strahlt er offenbar Authen­ti­zität und gefähr­liche Anzie­hungs­kraft aus, die in den letzten Jahr­zehnten zu einer profi­ta­blen Geschichte der visu­ellen Kultur in den USA wurde. Clint East­woods Porträt von Chris Kyle in American Sniper (2014) oder der in sich gekehrte Ben Edwards (Taylor Kitsch) in der aktuell ausge­strahlten Serie The Terminal List: Dark Wolf (2025) sind Proto­typen dafür.

Was diese Figur für Holly­wood und den Markt so begeh­rens­wert macht, scheint die Kulmi­na­tion aus der Präzi­sion des Chir­urgen und der Gewalt­be­reit­schaft eines Berser­kers zu sein – der jeder­zeit zwischen einem zivi­li­sierten Bürger und einem eiskalten Killer hin und her chan­gieren kann. Ästhetik und poli­ti­sche Haltung gehen hier in eins. Seine Loya­lität gilt nicht dem Staat, dem er – wie die Podcasts von ehema­ligen Soldaten der Szene zeigen – oft mit tiefem Miss­trauen begegnet, sondern einem elitären Kreis von Ausge­wählten. Die ideo­lo­gi­sche Nähe zum Trum­pismus liegt auf der Hand. Es ist kein Zufall, dass viele dieser Akteure als laut­starke „Trump Supporter“ auftreten. Trumps America First-Rhetorik und seine Insze­nie­rung als Anti-Establishment-Führer, der die „Krieger“ verehrt und den „Deep State“ verachtet, bietet die perfekte poli­ti­sche Heimat für einen Männ­lich­keits­typus, der seine Loya­lität nicht mehr dem abstrakten Staat, sondern dem mythi­schen „Stamm“ schenkt.

Der Skandal um Eddie Gallagher, ein Navy SEAL, der ange­klagt war, bei dem Kampf um die Stadt Mosul 2017 einen schwer­ver­letzten IS-Kämpfer ersto­chen und sich mit dessen Leiche foto­gra­fiert zu haben, ist hierfür sympto­ma­tisch. Obwohl es einschlä­gige Beweise für den Mord gab und zahl­reiche Kame­raden ihn intern als „frea­king evil“ beschrieben, wurde er von den schwersten Anklagen frei­ge­spro­chen, allein für das Posieren mit dem Toten verur­teilt und schließ­lich von Donald Trump öffent­lich begna­digt. Davon abge­sehen, dass Trump die Vorfälle zum Anlass nahm, die Muskeln der Exeku­tive gegen­über der Judi­ka­tive spielen zu lassen, zeigt dieser Skandal, wie flexibel Moral in diesen Einheiten gehand­habt wird, denn das Beispiel Gallagher ist nur eines von vielen.

Sie können uns unter­stützen, indem Sie diesen Artikel teilen: 

Der Operator als Unter­nehmer und Storyteller

Ob Robert O’Neill, der Navy SEAL, der bei der berüch­tigten Razzia in Paki­stan mutmaß­lich die tödli­chen Schüsse auf Osama Bin Laden abge­geben hat, oder Marcus Lutt­rell, dessen Buch „Lone Survivor“ zur Vorlage für Peter Bergs gleich­na­migen Film wurde – beide sind erfolg­reiche Beispiele dafür, wie man diese Aura in eine ökono­misch verwert­bare Lifestyle-Marke über­führt. Sie reüs­sieren heute als Storyteller und über­setzen ihre Kampf­erfah­rung in die Sprache der Busi­ness­welt als gefragte Moti­va­tional Speaker und Anbieter von Leadership-Kursen. Die im Kampf erprobte Souve­rä­nität wird so im Hand­um­drehen zur Manage­ment­tu­gend, der Soldat zum Coach eines Unternehmens.

Wie es scheint, kata­ly­siert vor allem die Gami­fi­zie­rung die Faszi­na­tion am Elite­krieger. Die Über­tra­gung von Spiel­ele­menten in außer­spie­le­ri­sche Kontexte sickert als „Mili­tain­ment“ in die Alltags­kultur ein. Der Operator wird zum Avatar, seine Ausrüs­tung zum modu­laren „Lego­bau­satz“, aus dem sich Konsu­menten ihre eigene Fantasie der Stärke zusam­men­stellen können. Dieser Bausatz-Charakter ist keine bloße Meta­pher. Unter­nehmen wie Battle Brick Customs verkaufen hoch­de­tail­lierte Lego­fi­guren von Special-Forces. Der Krieg wird buch­stäb­lich zum Kinder­spiel. Ihre kommer­ziell erfolg­reichste Voll­endung findet diese Logik in der Gaming-Branche. Und Blockbuster-Games wie Call of Duty haben seit geraumer Zeit ihr Geschäfts­mo­dell auf den Verkauf von „Operator-Skins“ umgestellt.

Die Ästhe­ti­sie­rung des Krieges

Hier wird der Soldat zum reinen, digi­talen Waren­fe­tisch. Die Skins, d. h. die äußere Erschei­nung der eigenen Spie­ler­figur und damit rein kosme­ti­sche Ober­fläche, sind die digi­tale Entspre­chung des „Gucci Gear“. Sie erlauben es den Spie­lern, sich die Aura der solda­ti­schen Elite zu kaufen. Hier schließt sich der Kreis mit der ikoni­schen Ideo­lo­gie­figur des G.I. Joe. War G.I. Joe noch ein klares Instru­ment staat­li­cher Propa­ganda für den Kalten Krieg, ist der G.I. Joe der Gegen­wart eine unbe­re­chen­bare, kalte und vor allem post­staat­liche Figur. Der Mythos des US-amerikanischen Opera­tors ist damit weitaus mehr als nur ein popkul­tu­relles Phänomen. Er ist ein Symptom des ästhe­ti­schen Kapi­ta­lismus: Wert wird nicht mehr durch Funk­tion, sondern durch Form, Erzäh­lung und Affekt gene­riert. Diese Logik erzwingt die Ästhe­ti­sie­rung des Krieges, bei der die trau­ma­ti­sche Realität der Gewalt durch eine saubere, „Tacticool“-Oberfläche ersetzt wird. Der Krieg wird so zu einer spie­le­ri­schen, nahezu harm­losen Größe, seine Werk­zeuge zu Design­ob­jekten. Die Konse­quenzen dieser ästhe­ti­schen Mili­ta­ri­sie­rung in Form von coolen Assets und verruchten Anti-Helden sind schwer absehbar. Jedoch lässt sich anhand der online Popu­la­rität vermuten, dass diese ziem­lich reibungs­lose und „coole“ Solda­ten­männ­lich­keit für viele junge Erwach­sene der USA zum erstre­bens­werten Ideal geworden ist.

Die Ästhe­ti­sie­rung des Mili­tä­ri­schen findet eine Entspre­chung auf offener Straße. Die Grenzen zwischen Polizei und Militär verschwimmen bereits seit geraumer Zeit in den USA, wenn Polizeibeamt:innen in Ausrüs­tung patrouil­lieren, die kaum noch von der eines Elite­sol­daten zu unter­scheiden ist: ballis­ti­sche Helme, Plat­ten­träger und mili­tä­ri­sche Tarn­muster gehören bei vielen Einheiten längst zum Stan­dard. Bereits seit den Vorfällen in Ferguson 2014 spre­chen Beobachter:innen von einer „Mili­ta­ri­sie­rung der Polizei“, die durch Maßnahmen wie das „1033-Programm“ des frisch umge­tauften Kriegs­mi­nis­te­riums befeuert wird, über das über­schüs­sige Mili­tär­aus­rüs­tung an lokale Poli­zei­be­hörden weiter­ge­geben wird. Gleich­zeitig wird die Präsenz des Mili­tärs im Inneren ebenso zur Norma­lität. Aktuell patrouil­lieren tausende Natio­nal­gar­disten in Washington D.C. – entsandt im Sommer 2025 als Teil einer umstrit­tenen Anti-Kriminalitäts-Operation der Regie­rung. Bilder von gemäch­lich schlen­dernden Soldaten, die noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wären, sind zum neuen „Stadt­bild“ der Haupt­stadt der USA geworden.

Ange­sichts dieser sich immer weiter einschrei­benden Ästhetik muss man sich die beun­ru­hi­gende Frage stellen: Inwie­fern trägt diese Ästhe­ti­sie­rung maßgeb­lich dazu bei, dass die USA heute weiter als je zuvor von einer wirk­samen Ände­rung ihrer Waffen­ge­setze entfernt sind? Und wie kann eine poli­ti­sche Debatte über Gewalt und Waffen­ge­setze noch geführt werden, wenn die Ästhetik des Krieges den Alltag längst infil­triert hat und die Waffe vom Tötungs­in­stru­ment zum begeh­rens­werten Design­ob­jekt eines Life­styles geworden ist?