Ein Klick, dann das kurze, niedrigfrequente Surren der Aktivierung. Nachdem die sperrige Vorrichtung an der Vorderseite des Helms eingerastet ist, taucht das vieräugige Nachtsichtgerät die Welt in ein körniges, unwirkliches Grün. In dieser entfärbten Realität gleiten Männer in hochtechnisierter Ausrüstung nahezu lautlos durch die Gänge. „Slow is smooth, smooth is fast“ – so lautet das Mantra der Quiet Professionals, jener Spezialeinheiten, deren „Flow“ beim CQB (Close Quarter Battle) mehr an eine moderne Tanzchoreografie erinnert als an eine Gefechtssituation.
Militainement, oder der Operator als Marke
Spätestens mit Kathryn Bigelows Film Zero Dark Thirty (2012) wurde die „Coolness“ der Kriegsführung zu einem Sehnsuchtsphänomen für junge Konsument:innen von Special-Forces-Content. Das Abseilen aus geheimen Tarnhelikoptern und das lautlose Eindringen in Osama bin Ladens Anwesen erscheint auf den Leinwänden weniger als heroische Kampfhandlung, denn als stylishe Kriegsperformance, in der jeder Schritt, jede Geste auratisch aufgeladen, präzise und kühl wirkt. Seitdem findet sich kaum ein Kriegsfilm oder Kriegsserie über militärische Eliteeinheiten, der auf das Nachtsichtgrün als Stilmittel verzichtet (Lone Survivor, SEAL Team, Sicario, The Terminal List). Es ist zum Signum des so genannten „Tacticool“ geworden – jener Ikonografie des US-amerikanischen Operators, die den Krieg verhüllt und zugleich verführerisch ästhetisiert. Einst Schattenfigur des Militärs, ist der Operator heute ein breit vermarktetes Fetischobjekt.

© Aleksey Kashmar, Quelle: unsplash
In den USA ist aus dieser Figur des Operators eine Marke und ein florierender Markt entstanden, der nach Deutschland nur sporadisch hinüberschwappt. Firmen wie die von ehemaligen Navy SEALs gegründete GBRS Group zeigen, wie aus geheimen Operationen eine konsumierbare Ökonomie entsteht. Aus den realen US-Elitesoldaten werden heute immer mehr Unternehmer und Storyteller, die ihre im Kampf erworbene Autorität monetarisieren und scheinbar alles in Wert setzen, das mit militärtaktischem Wissen zu tun hat. Die GBRS Group bietet Trainingskurse für Militärs, Polizisten, aber auch explizit für Zivilisten an, in denen Techniken wie der Häuserkampf, schnelles Nachladen der Waffe und die taktische Bewegung im Team geübt werden. Die von dem ehemaligen Navy SEAL gehostete Shawn Ryan Show hat sich im Bereich des „Militainments“ zu einer medialen Größe entwickelt und zählt allein auf YouTube über vier Millionen Abonnent:innen. Einzelne Episoden, insbesondere Interviews mit anderen Veteranen oder politisch kontroversen Figuren, erreichen regelmäßig ein Publikum von mehreren Millionen und erzielen Aufrufzahlen, die teilweise weit über zehn Millionen hinausgehen. Andere, wie die FNG Academy, betreiben YouTube-Kanäle, auf denen die beiden ehemaligen Army Green Berets in „Reacting Videos“ bei einem Bier humorvoll die taktische Glaubwürdigkeit von Kriegsfilmen analysieren. Ihr Format mit dem Namen „Beers and Breakdowns“ erzielt hohe Aufrufzahlen. Der Kanal hat 231.000 Abonnent:innen.

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Das Prinzip ist simpel und effektiv: Medialer Content übersetzt militärisches Wissen in Unterhaltung und stärkt die Marke. Spezialisierte und teure Ausrüstung, in der Szene als „Gucci Gear“ bezeichnet, wird als Luxusartikel inszeniert, denn die Welt der Luxusmarken und die der Elitesoldaten basieren offenbar auf derselben sozialen Logik. Sie schaffen durch Exklusivität, Ästhetisierung und teuer erkaufte Codes einen Raum der Distinktion, der das Begehren nach diesen Objekten noch mehr anfacht. Der vornehmlich männliche Konsument kauft sich damit einen Anteil am Mythos der Unverwundbarkeit, während der Markt die Militärfantasie in ein modisches Konsumgut übersetzt, das die blutige Realität des Krieges hinter dem Glanz des Markenförmigen zum Verschwinden bringt.
Waffen als Designprodukte
Der Begriff „Gear Porn“, offensichtlich analog zum Begriff „Food Porn“ verwendet, beschreibt die dekontextualisierte und hochästhetisierte Zurschaustellung von militärischer Ausrüstung. Er markiert damit keinen Widerspruch zur klassischen Pornografie, die den Körper fetischisiert, sondern scheint eine besonders perfide Konsequenz davon zu sein. Der Begriff radikalisiert die Objektivierung, in dem es den organischen Körper überspringt und direkt die technologische Prothese zum Gegenstand macht. Das wird deutlich in Hochglanzbildern auf Social Media, wo modifizierte Waffen wie Luxusprodukte oder Designobjekte in Szene gesetzt werden. So bekommen Hersteller von Lasern, Aufnähern oder diversen Visieren ein Feature oder empfiehlt das Profil. Einige Betreiber der Profile, häufig Gear-Influencer ohne militärischen Hintergrund, posten Erfahrungsberichte vom Schießstand über Handhabbarkeit, Nützlichkeit und natürlich Ästhetik der Produkte. Auf der „professionellen“ Seite teilen wiederum Veteranen in Video-Podcasts ihr bestes „Loadout“, also eine spezifische Konfiguration der Waffe oder ihres Helmaufbaus. In reddit-Foren, wird anhand von Hinweisen auf dem Tarnmuster der Ausrüstung oder der Patches auf Fotos aus den Einsatzgebieten des Nahen Ostens darüber gerätselt, zu welcher geheimen Einheit welcher Operator wohl gehören könnte.

Ausschnitt des instragram-Accounts „Special Warfare Zone“
Dies sind nur ein paar Beispiele für die Konjunktur des gegenwärtigen Special Forces-Hypes aus den USA. Es sind subtile Zeichen, mit denen sich reale Elitekämpfer und Fans ohne professionellen militärischen Hintergrund gleichermaßen identifizieren: zerschlissene Baseball-Kappen mit Patches, auf denen sich oft eine martialische, nordische Ikonografie findet: Äxte, Wikingersymbole, Kreuze, Runen und die Beschwörung Walhallas. Diese Anspielungen sind kein Zufall. Sie verorten die Bruderschaft außerhalb des staatlichen Gewaltmonopols in einem archaischen Kriegerkult, dessen reale, brandgefährliche Entladung sich etwa im Skandal um einige Soldaten des deutschen Kommando Spezialkräfte zeigte, wo bei einer Feier zu Rechtsrock und Hitlergruß mit Schweineköpfen geworfen worden.
Ein neuer Männlichkeitstypus?
Handelt es sich hier um eine neue Bildlichkeit des kriegerischen Männlichkeitytypus? Vielleicht ist sie nicht neu, aber die Inszenierung des Elitesoldaten der Gegenwart verschiebt den ideologisch aufgeladenen GI-Joe-Typus des Kalten Krieges. Die Inszenierung des fahnenschwingenden Patrioten bekommt Konkurrenz durch den zurückhaltenden, Oakley-Sonnenbrille tragenden und damit schwer greifbaren Quiet Professional. Jüngste Hollywoodproduktionen haben diese Figur in unzähligen Filmen popularisiert und zum Ideal des „stillen Wassers“ stilisiert. Es ist der schweigsame Anti-Held, der nach seinen Einsätzen in einer Bar sitzt, sein Kriegstrauma in Whiskey ertränkt und sich weigert, von seinem Erlebten zu erzählen. Durch dieses Schweigen strahlt er offenbar Authentizität und gefährliche Anziehungskraft aus, die in den letzten Jahrzehnten zu einer profitablen Geschichte der visuellen Kultur in den USA wurde. Clint Eastwoods Porträt von Chris Kyle in American Sniper (2014) oder der in sich gekehrte Ben Edwards (Taylor Kitsch) in der aktuell ausgestrahlten Serie The Terminal List: Dark Wolf (2025) sind Prototypen dafür.
Was diese Figur für Hollywood und den Markt so begehrenswert macht, scheint die Kulmination aus der Präzision des Chirurgen und der Gewaltbereitschaft eines Berserkers zu sein – der jederzeit zwischen einem zivilisierten Bürger und einem eiskalten Killer hin und her changieren kann. Ästhetik und politische Haltung gehen hier in eins. Seine Loyalität gilt nicht dem Staat, dem er – wie die Podcasts von ehemaligen Soldaten der Szene zeigen – oft mit tiefem Misstrauen begegnet, sondern einem elitären Kreis von Ausgewählten. Die ideologische Nähe zum Trumpismus liegt auf der Hand. Es ist kein Zufall, dass viele dieser Akteure als lautstarke „Trump Supporter“ auftreten. Trumps America First-Rhetorik und seine Inszenierung als Anti-Establishment-Führer, der die „Krieger“ verehrt und den „Deep State“ verachtet, bietet die perfekte politische Heimat für einen Männlichkeitstypus, der seine Loyalität nicht mehr dem abstrakten Staat, sondern dem mythischen „Stamm“ schenkt.
Der Skandal um Eddie Gallagher, ein Navy SEAL, der angeklagt war, bei dem Kampf um die Stadt Mosul 2017 einen schwerverletzten IS-Kämpfer erstochen und sich mit dessen Leiche fotografiert zu haben, ist hierfür symptomatisch. Obwohl es einschlägige Beweise für den Mord gab und zahlreiche Kameraden ihn intern als „freaking evil“ beschrieben, wurde er von den schwersten Anklagen freigesprochen, allein für das Posieren mit dem Toten verurteilt und schließlich von Donald Trump öffentlich begnadigt. Davon abgesehen, dass Trump die Vorfälle zum Anlass nahm, die Muskeln der Exekutive gegenüber der Judikative spielen zu lassen, zeigt dieser Skandal, wie flexibel Moral in diesen Einheiten gehandhabt wird, denn das Beispiel Gallagher ist nur eines von vielen.
Der Operator als Unternehmer und Storyteller
Ob Robert O’Neill, der Navy SEAL, der bei der berüchtigten Razzia in Pakistan mutmaßlich die tödlichen Schüsse auf Osama Bin Laden abgegeben hat, oder Marcus Luttrell, dessen Buch „Lone Survivor“ zur Vorlage für Peter Bergs gleichnamigen Film wurde – beide sind erfolgreiche Beispiele dafür, wie man diese Aura in eine ökonomisch verwertbare Lifestyle-Marke überführt. Sie reüssieren heute als Storyteller und übersetzen ihre Kampferfahrung in die Sprache der Businesswelt als gefragte Motivational Speaker und Anbieter von Leadership-Kursen. Die im Kampf erprobte Souveränität wird so im Handumdrehen zur Managementtugend, der Soldat zum Coach eines Unternehmens.
Wie es scheint, katalysiert vor allem die Gamifizierung die Faszination am Elitekrieger. Die Übertragung von Spielelementen in außerspielerische Kontexte sickert als „Militainment“ in die Alltagskultur ein. Der Operator wird zum Avatar, seine Ausrüstung zum modularen „Legobausatz“, aus dem sich Konsumenten ihre eigene Fantasie der Stärke zusammenstellen können. Dieser Bausatz-Charakter ist keine bloße Metapher. Unternehmen wie Battle Brick Customs verkaufen hochdetaillierte Legofiguren von Special-Forces. Der Krieg wird buchstäblich zum Kinderspiel. Ihre kommerziell erfolgreichste Vollendung findet diese Logik in der Gaming-Branche. Und Blockbuster-Games wie Call of Duty haben seit geraumer Zeit ihr Geschäftsmodell auf den Verkauf von „Operator-Skins“ umgestellt.
Die Ästhetisierung des Krieges
Hier wird der Soldat zum reinen, digitalen Warenfetisch. Die Skins, d. h. die äußere Erscheinung der eigenen Spielerfigur und damit rein kosmetische Oberfläche, sind die digitale Entsprechung des „Gucci Gear“. Sie erlauben es den Spielern, sich die Aura der soldatischen Elite zu kaufen. Hier schließt sich der Kreis mit der ikonischen Ideologiefigur des G.I. Joe. War G.I. Joe noch ein klares Instrument staatlicher Propaganda für den Kalten Krieg, ist der G.I. Joe der Gegenwart eine unberechenbare, kalte und vor allem poststaatliche Figur. Der Mythos des US-amerikanischen Operators ist damit weitaus mehr als nur ein popkulturelles Phänomen. Er ist ein Symptom des ästhetischen Kapitalismus: Wert wird nicht mehr durch Funktion, sondern durch Form, Erzählung und Affekt generiert. Diese Logik erzwingt die Ästhetisierung des Krieges, bei der die traumatische Realität der Gewalt durch eine saubere, „Tacticool“-Oberfläche ersetzt wird. Der Krieg wird so zu einer spielerischen, nahezu harmlosen Größe, seine Werkzeuge zu Designobjekten. Die Konsequenzen dieser ästhetischen Militarisierung in Form von coolen Assets und verruchten Anti-Helden sind schwer absehbar. Jedoch lässt sich anhand der online Popularität vermuten, dass diese ziemlich reibungslose und „coole“ Soldatenmännlichkeit für viele junge Erwachsene der USA zum erstrebenswerten Ideal geworden ist.
Die Ästhetisierung des Militärischen findet eine Entsprechung auf offener Straße. Die Grenzen zwischen Polizei und Militär verschwimmen bereits seit geraumer Zeit in den USA, wenn Polizeibeamt:innen in Ausrüstung patrouillieren, die kaum noch von der eines Elitesoldaten zu unterscheiden ist: ballistische Helme, Plattenträger und militärische Tarnmuster gehören bei vielen Einheiten längst zum Standard. Bereits seit den Vorfällen in Ferguson 2014 sprechen Beobachter:innen von einer „Militarisierung der Polizei“, die durch Maßnahmen wie das „1033-Programm“ des frisch umgetauften Kriegsministeriums befeuert wird, über das überschüssige Militärausrüstung an lokale Polizeibehörden weitergegeben wird. Gleichzeitig wird die Präsenz des Militärs im Inneren ebenso zur Normalität. Aktuell patrouillieren tausende Nationalgardisten in Washington D.C. – entsandt im Sommer 2025 als Teil einer umstrittenen Anti-Kriminalitäts-Operation der Regierung. Bilder von gemächlich schlendernden Soldaten, die noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wären, sind zum neuen „Stadtbild“ der Hauptstadt der USA geworden.
Angesichts dieser sich immer weiter einschreibenden Ästhetik muss man sich die beunruhigende Frage stellen: Inwiefern trägt diese Ästhetisierung maßgeblich dazu bei, dass die USA heute weiter als je zuvor von einer wirksamen Änderung ihrer Waffengesetze entfernt sind? Und wie kann eine politische Debatte über Gewalt und Waffengesetze noch geführt werden, wenn die Ästhetik des Krieges den Alltag längst infiltriert hat und die Waffe vom Tötungsinstrument zum begehrenswerten Designobjekt eines Lifestyles geworden ist?