Als GdG-Herausgeber:innen haben wir uns erneut auf ein paar Bücher besonnen, die uns im laufenden Jahr beschäftigt haben. Eskapismus? Nein danke: Hier folgen unsere GdG-Weihnachtsempfehlungen 2025!

  • GdG-Team

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In der vorweih­nacht­li­chen Dunkel­heit am frühen Morgen unter­hielt sich der Mode­rator im Deutsch­land­radio Kultur letzte Woche mit einem Experten über den plötz­li­chen Rück­gang der Verkaufs­zahlen bei Sach­bü­chern. Die beiden rätselten über mögliche Gründe, wo die poli­ti­sche Lage doch eher nach mehr Infor­ma­tion, mehr Einord­nung und nach Refle­xi­ons­an­ge­boten verlangt. Er selbst, meinte der Mode­rator, habe immer schon lieber Fiktion gelesen, Romane und Erzäh­lungen – dabei lerne man doch auch was. Sein Gesprächs­partner hingegen bekannte sich klar zum Sach­buch und sprach die Befürch­tung aus, dass poten­zi­elle Sachbuchleser:innen sich lieber in fiktive Welten flüchten würden, als sich mit der von Kriegen und dem Vormarsch der auto­ri­tären Rechten geprägten Realität ausein­an­der­zu­setzen. Die stei­genden Zahlen bei den verkauften Fantasy-Romanen seien doch Beleg genug für den zuneh­menden Eskapismus. 

Damit spra­chen die beiden ein Thema an, das die GdG-Herausgeber:innen im vergan­genen Jahr umge­trieben hat, nämlich das Verhältnis von Erzählen und poli­ti­scher Realität. Um sich in Fiktion zu flüchten, dazu benö­tigt man heute gar keine Lite­ratur mehr. Viel­leicht haben wir noch nie in einer Zeit gelebt, in der die Verbrei­tung von Alltags­phan­tastik so leicht war – von grossen Verschwö­rungs­er­zäh­lungen bis hin zu Fake News. 

Erzählen, ob in fiktio­nalen Texten oder im Sach­buch, ist immer mit gesell­schaft­li­chen Reali­täten verflochten und gestaltet sie mit – inso­fern ist Lesen, Filme und Serien schauen, Gamen immer politisch. 

Wer sich etwa vorge­nommen hat, über Weih­nachten endlich einmal oder wieder einmal Tolkiens Lord of the Rings-Trilogie zu lesen, wird nicht darum herum­kommen, sich Gedanken über auto­ri­täre Herr­schaft und Zerstö­rungswut zu machen. Und sich der Frage zu stellen, wie ein von seinem Autor als anti­fa­schis­tisch konzi­piertes Werk bei Rechten, unter anderem bei Tech-Broligarchen wie Peter Thiel, so grossen Anklang findet. 

Vor diesem Hinter­grund schlagen die GdG-Herausgeber:innen vor, es gar nicht zu versu­chen mit dem Eska­pismus, sondern Lektü­re­er­fah­rungen als wesent­li­chen Teil unserer Realität zu sehen, die uns neue Erkennt­nisse und vor allem eine Auswei­tung der Denk­räume erlaubt. Denn diese geraten in der Hektik des Alltags zu sehr in Bedrängnis ange­sichts der zirku­lie­renden Erzäh­lungen, dass die Welt, wie sie heute ist, alter­na­tivlos sei. 

Das bedeutet nicht, dass Bücher Mut machen und Hoff­nung verbreiten müssen; oft geht es, wie im Fall von Doro­thee Elmi­gers mehr­fach preis­ge­kröntem Roman Die Hollän­de­rinnen (2025), um eine Bewe­gung des Aufbre­chens von stereo­typen Erzähl­mus­tern, um eine Öffnung hin zu einer Viel­stim­mig­keit und eine Schär­fung der Wahrnehmung. 

Chris­tine Lötscher

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Ilija Trojanow: Das Buch der Macht. Wie man sie erringt und (nie) wieder loslässt, Berlin: Aufbau-Verlag 2025, Reihe: Die andere Biblio­thek, 273 Seiten.

Ilija Trojanow: Das Buch der Macht (Buch­cover)

Mitunter kann man sich auch mit der Realität ausein­an­der­setzen, indem man zu fiktio­nalen histo­ri­schen Sach­bü­chern greift. Das machte Ilija Trojanow in seinem 2025 publi­zierten Buch der Macht. Wie man sie erringt und nie wieder loslässt. Er las dafür Stojan Michai­low­skis Buch für das bulga­ri­sche Volk aus dem Jahre 1897 und über­setzte es nicht nur erst­mals ins Deut­sche, sondern auch in die Sprache der Gegen­wart. Denn wenn man Michai­low­skis „Lehren“ über das Funk­tio­nieren von Herr­schaft liest, in denen „Bösar­tiges gesab­bert wird“, dann wähnt man sich in einem Ober­se­minar von Trump oder Putin. Als Lehr­stunde hatte es Michai­lowski vor über hundert Jahren auch ange­legt: Er hatte sich einen fiktiven Herr­scher, den Wesir Abdul­rahman Pascha, ausge­dacht, der seine Weis­heiten bzw. sein Testa­ment an seinen Neffen weiter­geben will. Der daraus entstan­dene 15 Tage andau­ernde Pseu­do­dialog, denn der Neffe schweigt meis­tens, handelt vom Einmal­eins der Auto­kratie: von Lügen und Lastern, die man säen, von Wissen­schaft und Kultur, die man abschaffen, vom „Virus der Krie­cherei“, den man verbreiten solle: „Beherr­sche die Methode der Unter­wer­fung, verbreite den Virus der Krie­cherei, erziehe Spei­chel­le­cker der Macht“. 

Ilija Trojanow liest den Text in seinem infor­ma­tiven Nach­wort als Satire, aber eigent­lich wird hier nichts zuge­spitzt oder über­trieben, sondern dem Macht­miss­brauch, damals wie heute, wird einfach der Spiegel vorge­halten. Im Spiegel sieht man sich dabei auch selbst, nicht nur als „schwei­gender Neffe“, sondern auch als imagi­nierte Mario­nette oder, um es mit Michailowski/Trojanow zu sagen, als „domp­tierter Dumm­bart“. Besten­falls regt sich, wenn man das Buch liest, schon beim Lesen Wider­stand.  So verwan­delt sich das Testa­ment des Wesirs, das als Anlei­tung für künf­tige Herr­scher gedacht war, eher in eine rheto­risch ausge­klü­gelte Impfung gegen Unterwerfung.

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Sylvia Sasse

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Juan S. Guse: Tausendmal so viel Geld wie jetzt, Frank­furt am Main: S. Fischer 2025, 192 Seiten.

Juan S. Guse: Tausendmal so viel Geld wie jetzt (Buch­cover)

Für den Sozio­logen Georg Simmel war Geld ein Inbe­griff der Rela­ti­vität aller Dinge. Denn eigent­lich ist Geld ja nichts, sondern bekommt seinen Wert nur aus dem zuge­schrie­benen Vertrauen. Natür­lich mag einem, wenn man zu wenig davon hat, die Theorie des Geldes egal sein. Auch vor Weih­nachten wachsen die Vermö­gens­un­gleich­heiten, steigen die Mieten und die Infla­ti­ons­raten. „Und da kommt nun eine neue Tech­no­logie daher, die Block­chain, die den ganzen Bumms ändern können will, vorge­stellt von enthu­si­as­ti­schen Typen unter vierzig, die an dieser so basalen Kritik der Verhält­nisse ando­cken, mit ambi­tio­nierten Plänen und so singenden Wörtern wie DeFi, Passive Income, Ledger, Hash-Rate, to the Moon.“

Der Autor und Sozio­loge Juan S. Guse erzählt – halb auto­fik­tional erfin­dend, halb teil­neh­mend beob­ach­tend – von Männern, denen man es nicht ansieht, dass sie sehr reich sind: so genannten Slee­pern. Basti, Arne, Malte und andere haben gemeinsam, dass sie mit Kryp­to­wäh­rungen (oder, um es „lieb und normal“ zu sagen, im Web3) mehrere Millionen Euro schwer geworden sind. Dennoch kaufen sie keine einsamen Inseln oder Polo­ge­stüte, sondern fahren in den glei­chen alten Autos durch die Gegend und gehen ihren obskuren Hobbys nach. Mit ihrem Reichtum wissen sie erstaun­lich wenig anzu­fangen, von Utopien ist sowieso keine Rede mehr. Dies ist höchst (selbst-)ironisch, unter­haltsam und treff­si­cher. Die tech­no­lo­gi­schen und ökono­mi­schen Bedin­gungen erläu­tert Guse kaum, viel mehr inter­es­sieren ihn seine Prot­ago­nisten. Durch das Geld, so legen die teil­weise absurden Schil­de­rungen nahe, verän­dert sich zwar alles, aber eigent­lich bleibt alles gleich.

Caspar Battegay

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Stefanie Fischer, Kim Wünsch­mann, Liz Clarke: Ober­bre­chen. A German Village Confronts its Nazi Past. A Graphic History, Oxford: Oxford Univer­sity Press 2025, 296 Seiten.

Stefanie Fischer, Kim Wünsch­mann, Liz Clarke: Ober­bre­chen. A German Village Confronts its Nazi Past. A Graphic History (Buch­cover)

Einst als unse­riöse und kindi­sche Lektüre verschrien, hat sich der Status von Comics, zu „Graphic Novels“ geadelt, längst gewan­delt. Spätes­tens seit “Mendoza the Jew” (2013), der gezeich­neten Geschichte eines britisch-jüdischen Boxers im 18. Jahr­hun­dert, gilt das Genre auch als Medium zur Popu­la­ri­sie­rung von Geschichte wie auch zur Verhand­lung genuiner histo­rio­gra­phi­scher Frage­stel­lungen. „Mendoza the Jew“ erschien in der renom­mierten Oxford Univer­sity Press, wie auch der hier wärms­tens zu empfeh­lende, jüngst erschie­nene Band „Ober­bre­chen: A German Village Confronts its Nazi Past“. Die Histo­ri­ke­rinnen Stefanie Fischer und Kim Wünsch­mann präsen­tieren zusammen mit der Zeich­nerin Liz Clarke die Geschichte des Zusam­men­le­bens von jüdi­schen und nicht­jü­di­schen Deut­schen im hessi­schen Dorf Ober­bre­chen, des gewalt­samen Endes dieser weit­ge­hend symbio­ti­schen Bezie­hung unter der NS-Herrschaft, und der zaghaften Versuche der „Wieder­gut­ma­chung“ gegen­über den im Exil über­le­benden ehema­ligen Dorfbewohner:innen in der Nachkriegszeit. 

Anschau­lich und mit großem Einfühl- und Refle­xi­ons­ver­mögen legt der Band viele der breiten Öffent­lich­keit weniger bekannte Aspekte deutsch-jüdischer Geschichte offen: etwa die enge Verflech­tung zwischen jüdi­schen und nicht­jü­di­schen Lebens­welten im länd­li­chen Raum, wo Juden vor 1933 etwa als Vieh­händler und -züchter vieler­orts fester Teil der Dorf­ge­mein­schaft waren; der süddeut­sche Katho­li­zismus als Ressource für Verwei­ge­rung und Eigen­sinn gegen­über den NS-Maßnahmen inklu­sive des verord­neten Juden­hasses, oftmals jedoch auch einher­ge­hend mit der Bereit­schaft, von der Entrech­tung und Vertrei­bung der Juden zu profi­tieren; schließ­lich die deut­schen Kontakt­an­bah­nungen zu denje­nigen ehema­ligen Dorfbewohner:innen, die es unter größten Schwie­rig­keiten geschafft hatten, nach Übersee zu fliehen. Diesem Aspekt kommt in dem Band die wohl größte Aufmerk­sam­keit zu, und es wird sichtbar, wie sehr diese Art von „Wieder­gut­ma­chung“ auf lokaler Ebene von einzelnen enga­gierten Personen getragen wurde, die sich gegen die „Schlussstrich“-Mentalität der Mitbürger:innen durch­zu­setzen hatten. Im Fall Ober­bre­chens war es ein enga­gierter Lehrer und Lokal­his­to­riker, der die Rücken­de­ckung des Bürger­meis­ters (Kim Wünsch­manns Groß­vater) hatte und in den 1970er Jahren als nicht­be­las­teter, zu NS-Zeiten in katho­li­schen Jugend­gruppen sozia­li­sierter Deut­scher Kontakte zu vertrie­benen Dorfbewohner:innen knüpfen konnte, aus denen auch Besuche dieser Über­le­benden im Dorf resultieren.

Die Ambi­va­lenzen dieser, wie es zunächst scheint, Erfolgs­ge­schichte werden in dem Band subtil und dennoch deut­lich adres­siert. Auch wenn die Initia­toren aufrichtig von Wieder­gut­ma­chung und Völker­ver­brü­de­rung ange­trieben waren, hatten diese Kontakte für die Deut­schen zugleich einen nicht über­seh­baren Exkul­pa­ti­ons­cha­rakter – nicht zuletzt auch damit verbunden, das den Juden durch die „Arisie­rung” ihrer Besitz­tümer ange­tane Unrecht auf „freund­schaft­liche“ Weise unter den Teppich zu kehren. Die Über­le­benden hingegen, die das Dorf­leben noch als Kinder mitge­macht hatten, ließen sich bereit­willig auf diese Kontakte ein, um an die unbe­schwerte Zeit anknüpfen zu können, bevor sich die Mehr­heit ihrer Mitbürger:innen gegen sie gewandt hatte.

Diese „Graphic History“ erzählt nicht bloß eine verges­sene, trans­na­tional verfloch­tene Lokal­ge­schichte – sie legt auch, wie es gute Forschung tut, die perspek­ti­vi­schen Probleme und die blinden Flecken der Über­lie­fe­rung offen, indem die beiden Histo­ri­ke­rinnen eben­falls zu Prot­ago­nis­tinnen der gezeich­neten Erzäh­lung werden und Einblicke in ihre eigene Wege zum Thema, die Mühen der Archiv­ar­beit und den Umgang mit Zeitzeug:innen geben. Zudem bietet “Ober­bre­chen” neben dem gezeich­neten Teil auch einen Doku­men­ten­an­hang, der alle für die Erzäh­lung benutzten Doku­mente im Origi­nal­text (bzw. in engli­scher Über­set­zung) beinhaltet, mehrere ausführ­liche Text­bei­träge zum histo­ri­schen Kontext, sowie eine Reihe von Muster-Fragestellungen zur Nutzung des Comics in der Lehre. Es ist ein Gesamt­paket, das sowohl eine Geschichte präsen­tiert, die es aufgrund ihres vermeint­lich peri­pheren Charak­ters nicht zu einer herkömm­li­chen Mono­gra­phie geschafft hätte, als auch Hand­rei­chungen liefert, um durch dieses lokale Prisma zentrale Themen deutsch-jüdischer Geschichte in geschichts­di­dak­ti­sche Praxis umzu­setzen. Und nicht zuletzt kommt eine solche Graphic History solchen Leser:innen entgegen, die eine Geschichte eher visuell denn über reinen Text aufnehmen. Es bleibt zu hoffen, dass eine deutsch­spra­chige Ausgabe in Planung ist.

Gleb J. Albert

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Michael Clune, Pan, New York: Penguin 2025, 336 Seiten.

Michael Clune, Pan (Buch­cover)

Der US-amerikanische Autor Michael Clune hat in seiner „crea­tive nonfic­tion“, vor allem aber in seinem ersten Roman Pan, der bisher nur im ameri­ka­ni­schen Original vorliegt, einen schrägen philo­so­phi­schen und poeti­schen Zugang zu den Heraus­for­de­rungen des Erwach­sen­wer­dens gefunden. Als subtiles Kontrast­pro­gramm zu den in TV-Serien allge­gen­wär­tigen Jugend­li­chen, denen die Rettung der Welt vor dem Bösen, das die Erwach­se­nen­welt bis zur Selbst­zer­stö­rung mani­pu­liert hat, aufge­bürdet wird (aktuell spielt sich dies auf Sky beim It-Prequel Welcome to Derry und auf Netflix in der fünften und letzten Staffel von Stranger Things ab) beleuchtet Clune die Inten­sität und Radi­ka­lität des jugend­li­chen Erle­bens, das sich in allem anderen gar nicht so sehr von späteren Lebens­phasen unterscheidet. 

Für den 15jährigen Ich-Erzähler Nicholas ist die Begeg­nung mit Kunst eine Thera­pie­form, die ihm hilft, sich mit seinen Panik­at­ta­cken in eine grös­sere und umfas­sen­dere Welt hinein­zu­denken und Teil davon zu sein. Weder das Musik­hören noch das Lesen lässt die Panik verschwinden, aber sie locken den Gott Pan hervor. „Good writing, I came to believe, was the careful, pains­ta­king repla­ce­ment of each part of the world with a part that looked the same, but was deeper, more myste­rious, richer.“ Dabei ist Nicholas immer klar, dass er Gefahr läuft, seine psychi­sche Krank­heit zu idea­li­sieren, und das Pathos, mit dem er seine Bach-Exzesse und seine psyche­de­li­schen Oscar-Wilde-Trips beschreibt, gleicht er durch einen harten selbst­iro­ni­schen Blick aus. Im Roman löst sich die Vorstel­lung, zu einem konsis­tenten Subjekt heran­zu­wachsen, das sich selbst unter Kontrolle hat, langsam auf. Dafür öffnet sich die Welt für Nicholas, bis er keine Angst mehr hat vor seiner Panik. 

Chris­tine Lötscher

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Clemens J. Setz, Das All im eigenen Fell, Berlin: Suhr­kamp 2024, 192 Seiten.

Clemens J. Setz, Das All im eigenen Fell (Buch­cover)

Viel­leicht sollte man dieses Buch wirk­lich als gedrucktes Buch haben und lesen, nicht als E-Book? Zu haben und zu lesen ist es in beiderlei Form. Der Anlass dazu ist ein bedenk­li­cher. Denn eigent­lich hätte es dieses Buch gar nicht geben sollen: „Lange habe ich herum­ge­kräht“, schreibt Setz gleich am Anfang, „dass ich keine Gedichte mehr in Buch­form, sondern nur noch auf Twitter veröf­fent­li­chen möchte. Und jetzt das. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Twitter so rasch verschwinden würde. Es heißt jetzt ‚X‘ und funk­tio­niert ganz anders. Das Zeichen­limit wurde entfernt. Man kann jetzt, wenn man will, auch Romane auf X veröf­fent­li­chen. Das ist natür­lich eine Kata­strophe. Es ist unge­fähr so, als würde man auf allen Tennis­plätzen der Erde die Netze entfernen.“ (S. 9).

Das Buch handelt von der Welt der Twit­ter­poesie, die es nicht mehr gibt. Zum Glück aber, so könnte man sagen, gibt es die Welt des Buches noch. Auch wenn dieses Glück ein melan­cho­li­sches ist: „Das gedruckte Buch hat nun leider, zumin­dest, was Lang­le­big­keits­ver­spre­chen angeht, eindeutig gegen Twitter gewonnen. Laut den dort nun waltenden Regeln sollen alle inaktiv blei­benden Accounts nach einer Weile auto­ma­tisch gelöscht werden, was bedeutet, dass auch meiner bald verschwinden wird. Bei einem Buch geht das nicht so leicht.“ (S. 10)

Was bei Büchern fehlt, ist die rasche Inter­ak­tion und Reak­tion auf das, was gerade in Kurz­form publi­ziert wird und ebenso rasch in Kurz­form kommen­tiert oder weiter­ge­sponnen werden kann. Diese Art von agiler kolla­bo­ra­tiver Poetik wird neue Platt­formen zu finden haben. In Setz’ Buch kann man sich, fast wie in einem Museum, noch einmal in die verloren gegan­gene Welt der Twit­ter­poesie vertiefen, wenn auch eben nur in Buch­form. Im ersten Teil findet sich eine Auswahl an Twit­ter­poesie aus den Jahren 2015-2022, im zweiten Teil wird eine „kurze Geschichte der Twit­ter­poesie“ erzählt, alles aus dem fragilen Fundus der Erin­ne­rung zusammengesetzt. 

Jetzt, wo mit Twitter / X und anderen Unter­nehmen auch die poli­ti­schen Gefahren mani­fest geworden sind, die scheinbar offene und vermeint­lich kosten­freie digi­tale Platt­formen darstellen, wird man den Beschö­ni­gungen, die der Begriff ‚Social Media‘ nahe­legt, erst einmal mit einigem Mißtrauen begegnen. Vom angeb­li­chen Nicht-Vergessen des Inter­nets – schön wär’s in manchen Fällen – ganz zu schweigen. Setz’ Buch ist Doku­men­ta­tion und Spuren­suche in einem, melan­cho­lisch und komisch zugleich. Wer es liest, bleibt nicht ohne Hoff­nung zurück. Nur wünscht man sich Platt­formen und Medien, in denen die Poetik des Alltags, der Gegen­wart, der elegant-abwegigen Einfälle und des enga­gierten Austauschs wieder mehr Reso­nanz gewinnen kann.

Sandro Zanetti