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Fuss­ball und Politik: Lange Tradi­tion, geringe Wirkung

Das Dogma der Tren­nung von Sport und Politik ist so alt wie der moderne Sport selbst. Und genau so lange wird dagegen verstossen. Der Fuss­ball als popu­lärste Sportart macht hier keine Ausnahme. Die begrün­dete Sorge vor poli­ti­scher Verein­nah­mung der WM in Russ­land durch dessen Macht­haber ist allge­gen­wärtig. Umge­kehrt drohte der briti­sche Aussen­mi­nister auf dem Höhe­punkt der Skripal-Affäre mit einem Boykott der WM und verschie­dene Medien, auch in der Schweiz, erhoben ähnliche Forde­rungen. Der World Cup 2018 steht damit frei­lich in einer langen Tradi­tion. Dass der wich­tigste Wett­be­werb im Welt­fuss­ball nicht von Vereinen, sondern Natio­nal­mann­schaften ausge­spielt wird, die als Reprä­sen­tanten ganzer Länder gelten, macht ihn für poli­ti­sche Instru­men­ta­li­sie­rungs­ver­suche beson­ders anfällig – seit den Anfängen sind die Ehren­tri­bünen mit poli­ti­scher Promi­nenz bestückt. Die von Niklas Luhmann dem Fuss­ball zuge­schrie­bene Dialektik von Leich­tig­keit und Schwere, sein Chan­gieren zwischen viel­fäl­tigen gesell­schaft­li­chen Bezügen und einer spezi­fi­schen Eigen­ge­setz­lich­keit, setzen der poli­ti­schen Instru­men­ta­li­sier­bar­keit der WM aller­dings Grenzen. Erfolge lassen sich im Fuss­ball weniger gut planen als in anderen Sport­arten. Und selbst wo dies gelungen ist, war der poli­ti­sche Ertrag häufig bescheiden.

Poli­ti­scher Auftakt in den Dreissigerjahren

„D“ wie Duce: Das WM-Stadion in Florenz 1934; Quelle: wikipedia.org

Schon die erste WM hatte 1930 eine poli­ti­sche Konno­ta­tion: Sie fand zum hundert­jäh­rigen Jubi­läum der Unab­hän­gig­keit Uruguays im „Estadio Centen­ario“ von Monte­video statt. Deut­li­cher wurde die Vermi­schung von Fuss­ball und Politik vier Jahre später: Das Turnier in Italien wurde zu einer Insze­nie­rung des Faschismus. Dessen ewiger Herr­schafts­an­spruch mani­fes­tierte sich auch in neuen Stadien, die nicht mehr aus Eisen und Holz, sondern aus Beton gebaut waren. Einige trugen faschis­ti­sche Namen. Die Arena in Florenz wies die Form des Buch­sta­bens „D“ auf – D für Duce. Am Turnier selbst gab es zahl­reiche Unre­gel­mäs­sig­keiten: Die Gast­geber setzten vier ehema­lige argen­ti­ni­sche Natio­nal­spieler ein, die nicht spiel­be­rech­tigt waren. Verschie­dene skan­da­löse Schieds­rich­ter­ent­scheide zugunsten Italiens gaben eben­falls zu reden. Wie aktu­elle Forschungen zeigen, wurden diese Mani­pu­la­tionen nicht direkt von Musso­lini ange­ordnet, sondern gingen auf eine Allianz von Funk­tio­nären und Schieds­rich­tern zurück. Beim Endspiel sollte der „Duce“ dann auf der Tribüne dem FIFA-Präsidenten Jules Rimet demons­trativ die Sicht verde­cken und sich als grosser Sieger aufführen. Eine kommu­nis­ti­sche Gegen-WM in Paris erlangte wenig Beach­tung. Sie wurde stan­des­ge­mäss von der Sowjet­union gewonnen, die in der Zwischen­kriegs­zeit den „bürger­li­chen“ Sport­dach­ver­bänden fern­blieb und mit der Roten Sport­in­ter­na­tio­nale eine proletarisch-revolutionäre Welt­sport­be­we­gung aufzu­bauen versuchte.

Schweizer Fans beju­beln den Sieg über die „gross­deut­sche“ Equipe des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deutsch­land (1938); Quelle: Archiv Schwei­ze­ri­scher Fussballverband

Auch die WM 1938 verlief nicht ohne poli­ti­sche Neben­töne. Das quali­fi­zierte Öster­reich wurde wenige Wochen vor Turnier­be­ginn von Deutsch­land annek­tiert und fiel aus. Statt­dessen lief in Paris eine „gross­deut­sche“ Elf auf, die auf Anord­nung von oben aus Spie­lern aus dem „Altreich“ und der „Ostmark“ kombi­niert war, welche ganz unter­schied­liche Spiel­stile pflegten. Das Team unterlag bereits in der Vorrunde über­ra­schend der Schweiz, die vom fran­zö­si­schen Publikum laut­stark unter­stützt wurde. Der Sieg gegen den grossen Nach­barn rief in der Schweiz eine Euphorie hervor, die weit über sport­liche Begeis­te­rung hinaus­ging. Sie wider­spie­gelte die Hete­ro­ge­nität der Geis­tigen Landes­ver­tei­di­gung und reichte von linkem Anti­fa­schismus bis zur Beschwö­rung alteid­ge­nös­si­scher Mythen. Am Schluss ging die Coupe Jules Rimet indessen aber­mals nach Italien, dessen Team zum Vier­tel­fi­nale gegen Frank­reich demons­trativ im faschis­ti­schen Schwarz ange­treten war.

Neben­schau­plätze des Kalten Krieges

Die System­kon­fron­ta­tion zwischen Ost und West wurde auch auf Aschen­bahnen, Eisfel­dern und in Turn­hallen ausge­tragen. Ein enormer Ressour­cen­ein­satz für Talent­sich­tung, Trai­nings­pro­gramme und Doping­ent­wick­lung führte von den 1950er bis in die 80er Jahre zu olym­pi­schen Medaillen am Fliess­band für die beiden Super­mächte wie auch für das „Sport­wun­der­land“ DDR. Immer wieder kam es vor, dass das eine oder andere Lager sport­liche Gross­an­lässe wegen poli­ti­scher Ereig­nisse boykot­tierte, so bei den Eishockey-Weltmeisterschaften 1957 und 1962, den Fussball-Europapokalwettbewerben 1968/69 und den Olym­pi­schen Sommer­spielen 1980 und 1984.

Da die USA und die Sowjet­union im Fuss­ball keine Super­mächte waren, tangierte der Zentral­kon­flikt des Kalten Krieges die Fussball-Weltmeisterschaften eher peri­pher und unge­plant. Das „Wunder von Bern“, der sensa­tio­nelle Sieg des Teams der jungen Bundes­re­pu­blik gegen die hoch favo­ri­sierten Ungarn im WM-Final 1954 ist oft als mentale Geburts­stunde des west­deut­schen Staates betrachtet worden. Die neuere Forschung hat diese Vorstel­lung indessen stark rela­ti­viert. Weniger bekannt sind die Ausschrei­tungen in Buda­pest nach der über­ra­schenden Final­nie­der­lage, die als Vorboten des Volks­auf­standes von 1956 gesehen werden können.

Welt­weis­ter­schaft und Partei­po­litik: WM-Broschüre der SPD 1974; Quelle: Schwei­ze­ri­sches Sozialarchiv

20 Jahre später errang die Bundes­re­pu­blik im eigenen Land den zweiten WM-Titel. Auf dem Weg dahin kam es zum ersten und einzigen Aufein­an­der­treffen mit der DDR. Deren Presse versuchte das Spiel, für das man mit einer Nieder­lage rech­nete, im Vorfeld auf möglichst kleinem Feuer zu kochen. Auf bundes­deut­scher Seite gab es Diskus­sionen darüber, wie der Gegner in der Bericht­erstat­tung denn über­haupt zu bezeichnen sei. Die Anzei­ge­tafel im Hamburger Volks­park­sta­dion folgte der offi­zi­ellen Sprach­re­ge­lung der FIFA: „DDR – BR Deutsch­land“, was für erstere einen diplo­ma­ti­schen Erfolg darstellte. Die 60’000 Zuschaue­rinnen und Zuschauer, darunter 1’500 von der Stasi in lang­wie­rigen Verfahren hand­ver­le­sene Gäste aus dem Osten, sahen eine lang­wei­lige Partie, bis Jürgen Spar­wasser – der dann 1988 „Repu­blik­flucht“ begehen sollte – in der 78. Minute den Sieg­treffer für die DDR erzielte. Die Staats- und Partei­füh­rung hielt sich in der Folge mit Trium­pha­lismus zurück, zu uner­wartet war der Erfolg gekommen, der auch kaum wieder­holbar schien.

Putsch­ge­ne­räle als Weltmeister

Stärker als der Ost-West-Konflikt poli­ti­sierten in jenen Jahren die Mili­tär­dik­ta­turen Latein­ame­rikas die Fussball-Weltmeisterschaften. Im Vorfeld der WM 1970 kam es zum „Fuss­ball­krieg“ zwischen Honduras und El Salvador. Zwischen den beiden von Gene­rälen regierten Nach­barn hatten sich seit Längerem Span­nungen aufge­baut, vor allem wegen der Migra­tion salva­do­ria­ni­scher Klein­bauern auf brach­lie­genden Gross­grund­be­sitz in Honduras. Unmit­telbar nach dem Sieg El Salva­dors im Quali­fi­ka­ti­ons­spiel gegen Honduras liessen beide Regie­rungen Truppen aufmar­schieren. Der fünf­tä­gige Krieg forderte über 3’000 Mensch­leben. Zeit­gleich inves­tierte das Mili­tär­re­gime Brasi­liens, das 1964 an die Macht gekommen war, Unsummen in den Gewinn eines dritten WM-Titels. Mili­tär­fach­leute wurden für die Entwick­lung der Trai­nings­wis­sen­schaften und ihre Anwen­dung abkom­man­diert. Der Ausbau der Über­tra­gungs­technik ermög­lichte es schliess­lich 40% der Bevöl­ke­rung, die Spiele in Mexiko live zu verfolgen. General Emílio Garras­tazu Médici kostete dann den dritten Titel, der Brasi­lien zur erfolg­reichsten Fuss­ball­na­tion der Welt machte, als Sinn­bild für die angeb­lich goldene Zukunft ausgiebig aus.

Protest gegen die WM 1978 in Argen­ti­nien; Quelle: sozialarchiv.ch

Im Vorfeld der nächsten WM gab der Putsch in Chile zu reden. Erneut spielte der Fuss­ball eine trau­rige Rolle: Das „Estadio Nacional“ in Sant­iago, Schau­platz des WM-Finales 1962, wurde 1973 temporär zum Gefangenen-, Folter- und Exeku­ti­ons­lager mit bis zu 7’000 Insassen. Als ein Kreuz­ver­gleich zwischen Chile und der Sowjet­union um den letzten zu verge­benden WM-Platz mit dem Segen der FIFA just in diesem Stadion ausge­tragen werden sollte, weigerten sich die Sowjets, zur Partie anzu­treten. Daraufhin gab es eine propa­gan­dis­ti­sche Insze­nie­rung, bei der der chile­ni­sche Captain ins leere Tor schoss und auf der Anzei­ge­tafel ein 1 : 0-Sieg verkündet wurde. Während der Endrunde kam es dann bei den Partien Chiles verschie­dent­lich zu Protestaktionen.

1978 fand die WM in Argen­ti­nien statt, wo seit zwei Jahren eine Mili­tär­junta regierte und folterte. Diese wollte mit dem Turnier der Welt das Bild eines „sauberen“ Landes vermit­teln. Beraten von der PR-Agentur Burson-Marsteller entfal­tete die Junta eine welt­weite Inserate-Offensive mit posi­tiven Infor­ma­tionen über Argen­ti­nien. Zudem inves­tierte sie 700 Millionen Dollar – 10% des Staats­bud­gets und etwa dreimal soviel wie das Gast­ge­ber­land der folgenden WM – in Stadien, Verkehrs- und Kommu­ni­ka­ti­ons­in­fra­struktur. Das River-Plate-Stadion in Buenos Aires, das neun Partien, inklu­sive das Finale, beher­bergte, wurde auf ein Fassungs­ver­mögen von 76’000 Zuschauern erwei­tert. Es lag in unmit­tel­barer Nähe zur „Escuela de Mecá­nica de la Armada“, wo während der Diktatur etwa 5’000 Menschen gefol­tert und ermordet wurden. Eine von Frank­reich ausge­hende Boykott­kam­pagne fand Reso­nanz in den Nieder­landen, Däne­mark, Italien, der Bundes­re­pu­blik, der Schweiz, den USA, Schweden, Finn­land, Mexiko, Spanien und Israel, bewirkte aber nichts. Jedoch reisten statt der erwar­teten 50’000 nur rund 7’000 auslän­di­sche Fans an die WM, so dass diese mit einem grossen Defizit endete und die Auslands­ver­schul­dung vermehrte.

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Schwarze Bänder als Zeichen des Protestes: Das Tor im WM-Finale 1978 in Argen­ti­nien; Quelle: pinterest.at

Sport­lich lief das Turnier für die Gene­räle rund, in einem Fall war aber offenbar ihr Eingreifen nötig: Im letzten Spiel der Zwischen­runde benö­tigte Argen­ti­nien gegen Peru einen Sieg mit mindes­tens vier Toren Unter­schied, um ins Endspiel einzu­ziehen. Der 6 : 0-Erfolg heizte Speku­la­tionen über ein abge­kar­tetes Spiel an. Angeb­lich hatte die argen­ti­ni­sche Junta Getrei­de­lie­fe­rungen nach Lima in Aussicht gestellt und General Jorge Rafael Videla der perua­ni­schen Mann­schaft vor dem Spiel einen Besuch abge­stattet. Auch fiel auf, dass der Trainer Perus einige Schlüs­sel­spieler auf der Ersatz­bank liess. Nach dem argen­ti­ni­schen Final­sieg verwei­gerten die unter­le­genen Nieder­länder sowie gerüch­te­weise der linke argen­ti­ni­sche Trainer César Luis Menotti den Gene­rälen den Hand­schlag. Ein weiteres Zeichen des Protests waren schwarze Bänder am unteren Ende der Torstangen. Platz­warte hatten sie im Gedenken an die vielen „verschwun­denen“ Menschen ange­bracht. Die FIFA-Spitze feierte dagegen zusammen mit den Gene­rälen das in ihren Augen gelun­gene Hochamt des Weltfussballs.

Lohnt sich die poli­ti­sche Instru­men­ta­li­sie­rung der WM?

Die WM-Titel Brasi­liens 1970 und Argen­ti­niens 1978 gaben den beiden Mili­tär­re­gimen nur kurz­fristig Auftrieb, in beiden Fällen erodierte die nega­tive Wirt­schafts­ent­wick­lung bald die Basis der Junta, was sich im Falle Argen­ti­niens durch den miss­ra­tenen Befrei­ungs­schlag mit der Beset­zung der Falkland-Inseln noch beschleu­nigte. Auch der Sieg des Iran in einer poli­tisch hoch­bri­santen Partie gegen die USA an der WM 1998 führte zwar zu ausge­las­senen Feiern in Teheran und irani­schen Exil-Communities, kaum aber zu verstärkten Sympa­thien für die Mullahs.

Auch demo­kra­ti­sche Regie­rungen vermochten vom WM-Ruhm kaum je zu profi­tieren. Dies zeigen die Beispiele der euro­päi­schen Teams, die im eigenen Land den WM-Titel errangen: Premier Harold Wilson brachte den engli­schen Triumph von 1966 mit seiner Regie­rung in Zusam­men­hang, in der Folge verlor seine Labour Party aber in Lokal­wahlen massiv Mandate und 1970 auch die Mehr­heit im Unter­haus. Nach der WM 1974 erlitt die SPD in fast allen Land­tags­wahlen Verluste und in der Bundes­tags­wahl 1976 hielt sich die sozi­al­li­be­rale Koali­tion nur knapp. Und in Frank­reich schnitten die regie­renden Sozia­listen in den Wahlen, die aller­dings erst vier Jahre nach der WM 1998 statt­fanden, schlecht ab, während der Rechts­ex­tre­mist Jean-Marie Le Pen, der die multi­kul­tu­relle „Equipe Trico­lore“ als unfran­zö­sisch beschimpft hatte, erst­mals in die zweite Runde der Präsi­dent­schafts­wahlen einzog.

Die Luhmann’sche Charak­te­ri­sie­rung des Fuss­balls als zugleich von Leich­tig­keit und Schwere geprägtes Kultur­phä­nomen mani­fes­tiert sich damit auch in den Bezie­hungen zur Politik: Mag ein WM-Turnier auch noch so grosse Emotionen und gar natio­nale Euphorie hervor­rufen, einen dauer­haften poli­ti­schen Fuss­ab­druck hinter­lässt es kaum.