Fussball und Politik: Lange Tradition, geringe Wirkung

Im Vorfeld der WM wurden Befürchtungen laut, dass der Kreml den Anlass politisch ausschlachten werde. Ein Blick in die Geschichte zeigt jedoch, dass Diktatoren wie Demokraten immer wieder den Glanz des WM-Ruhms suchten – davon aber kaum je profitiert haben.



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Das Dogma der Trennung von Sport und Politik ist so alt wie der moderne Sport selbst. Und genau so lange wird dagegen verstossen. Der Fussball als populärste Sportart macht hier keine Ausnahme. Die begründete Sorge vor politischer Vereinnahmung der WM in Russland durch dessen Machthaber ist allgegenwärtig. Umgekehrt drohte der britische Aussenminister auf dem Höhepunkt der Skripal-Affäre mit einem Boykott der WM und verschiedene Medien, auch in der Schweiz, erhoben ähnliche Forderungen. Der World Cup 2018 steht damit freilich in einer langen Tradition. Dass der wichtigste Wettbewerb im Weltfussball nicht von Vereinen, sondern Nationalmannschaften ausgespielt wird, die als Repräsentanten ganzer Länder gelten, macht ihn für politische Instrumentalisierungsversuche besonders anfällig – seit den Anfängen sind die Ehrentribünen mit politischer Prominenz bestückt. Die von Niklas Luhmann dem Fussball zugeschriebene Dialektik von Leichtigkeit und Schwere, sein Changieren zwischen vielfältigen gesellschaftlichen Bezügen und einer spezifischen Eigengesetzlichkeit, setzen der politischen Instrumentalisierbarkeit der WM allerdings Grenzen. Erfolge lassen sich im Fussball weniger gut planen als in anderen Sportarten. Und selbst wo dies gelungen ist, war der politische Ertrag häufig bescheiden.

Politischer Auftakt in den Dreissigerjahren

Schon die erste WM hatte 1930 eine politische Konnotation: Sie fand zum hundertjährigen Jubiläum der Unabhängigkeit Uruguays im „Estadio Centenario“ von Montevideo statt. Deutlicher wurde die Vermischung von Fussball und Politik vier Jahre später: Das Turnier in Italien wurde zu einer Inszenierung des Faschismus. Dessen ewiger Herrschaftsanspruch manifestierte sich auch in neuen Stadien, die nicht mehr aus Eisen und Holz, sondern aus Beton gebaut waren. Einige trugen faschistische Namen. Die Arena in Florenz wies die Form des Buchstabens „D“ auf – D für Duce. Am Turnier selbst gab es zahlreiche Unregelmässigkeiten: Die Gastgeber setzten vier ehemalige argentinische Nationalspieler ein, die nicht spielberechtigt waren. Verschiedene skandalöse Schiedsrichterentscheide zugunsten Italiens gaben ebenfalls zu reden. Wie aktuelle Forschungen zeigen, wurden diese Manipulationen nicht direkt von Mussolini angeordnet, sondern gingen auf eine Allianz von Funktionären und Schiedsrichtern zurück. Beim Endspiel sollte der „Duce“ dann auf der Tribüne dem FIFA-Präsidenten Jules Rimet demonstrativ die Sicht verdecken und sich als grosser Sieger aufführen. Eine kommunistische Gegen-WM in Paris erlangte wenig Beachtung. Sie wurde standesgemäss von der Sowjetunion gewonnen, die in der Zwischenkriegszeit den „bürgerlichen“ Sportdachverbänden fernblieb und mit der Roten Sportinternationale eine proletarisch-revolutionäre Weltsportbewegung aufzubauen versuchte.

Auch die WM 1938 verlief nicht ohne politische Nebentöne. Das qualifizierte Österreich wurde wenige Wochen vor Turnierbeginn von Deutschland annektiert und fiel aus. Stattdessen lief in Paris eine „grossdeutsche“ Elf auf, die auf Anordnung von oben aus Spielern aus dem „Altreich“ und der „Ostmark“ kombiniert war, welche ganz unterschiedliche Spielstile pflegten. Das Team unterlag bereits in der Vorrunde überraschend der Schweiz, die vom französischen Publikum lautstark unterstützt wurde. Der Sieg gegen den grossen Nachbarn rief in der Schweiz eine Euphorie hervor, die weit über sportliche Begeisterung hinausging. Sie widerspiegelte die Heterogenität der Geistigen Landesverteidigung und reichte von linkem Antifaschismus bis zur Beschwörung alteidgenössischer Mythen. Am Schluss ging die Coupe Jules Rimet indessen abermals nach Italien, dessen Team zum Viertelfinale gegen Frankreich demonstrativ im faschistischen Schwarz angetreten war.

Nebenschauplätze des Kalten Krieges

Die Systemkonfrontation zwischen Ost und West wurde auch auf Aschenbahnen, Eisfeldern und in Turnhallen ausgetragen. Ein enormer Ressourceneinsatz für Talentsichtung, Trainingsprogramme und Dopingentwicklung führte von den 1950er bis in die 80er Jahre zu olympischen Medaillen am Fliessband für die beiden Supermächte wie auch für das „Sportwunderland“ DDR. Immer wieder kam es vor, dass das eine oder andere Lager sportliche Grossanlässe wegen politischer Ereignisse boykottierte, so bei den Eishockey-Weltmeisterschaften 1957 und 1962, den Fussball-Europapokalwettbewerben 1968/69 und den Olympischen Sommerspielen 1980 und 1984.

Da die USA und die Sowjetunion im Fussball keine Supermächte waren, tangierte der Zentralkonflikt des Kalten Krieges die Fussball-Weltmeisterschaften eher peripher und ungeplant. Das „Wunder von Bern“, der sensationelle Sieg des Teams der jungen Bundesrepublik gegen die hoch favorisierten Ungarn im WM-Final 1954 ist oft als mentale Geburtsstunde des westdeutschen Staates betrachtet worden. Die neuere Forschung hat diese Vorstellung indessen stark relativiert. Weniger bekannt sind die Ausschreitungen in Budapest nach der überraschenden Finalniederlage, die als Vorboten des Volksaufstandes von 1956 gesehen werden können.

20 Jahre später errang die Bundesrepublik im eigenen Land den zweiten WM-Titel. Auf dem Weg dahin kam es zum ersten und einzigen Aufeinandertreffen mit der DDR. Deren Presse versuchte das Spiel, für das man mit einer Niederlage rechnete, im Vorfeld auf möglichst kleinem Feuer zu kochen. Auf bundesdeutscher Seite gab es Diskussionen darüber, wie der Gegner in der Berichterstattung denn überhaupt zu bezeichnen sei. Die Anzeigetafel im Hamburger Volksparkstadion folgte der offiziellen Sprachregelung der FIFA: „DDR – BR Deutschland“, was für erstere einen diplomatischen Erfolg darstellte. Die 60’000 Zuschauerinnen und Zuschauer, darunter 1’500 von der Stasi in langwierigen Verfahren handverlesene Gäste aus dem Osten, sahen eine langweilige Partie, bis Jürgen Sparwasser – der dann 1988 „Republikflucht“ begehen sollte – in der 78. Minute den Siegtreffer für die DDR erzielte. Die Staats- und Parteiführung hielt sich in der Folge mit Triumphalismus zurück, zu unerwartet war der Erfolg gekommen, der auch kaum wiederholbar schien.

Putschgeneräle als Weltmeister

Stärker als der Ost-West-Konflikt politisierten in jenen Jahren die Militärdiktaturen Lateinamerikas die Fussball-Weltmeisterschaften. Im Vorfeld der WM 1970 kam es zum „Fussballkrieg“ zwischen Honduras und El Salvador. Zwischen den beiden von Generälen regierten Nachbarn hatten sich seit Längerem Spannungen aufgebaut, vor allem wegen der Migration salvadorianischer Kleinbauern auf brachliegenden Grossgrundbesitz in Honduras. Unmittelbar nach dem Sieg El Salvadors im Qualifikationsspiel gegen Honduras liessen beide Regierungen Truppen aufmarschieren. Der fünftägige Krieg forderte über 3’000 Menschleben. Zeitgleich investierte das Militärregime Brasiliens, das 1964 an die Macht gekommen war, Unsummen in den Gewinn eines dritten WM-Titels. Militärfachleute wurden für die Entwicklung der Trainingswissenschaften und ihre Anwendung abkommandiert. Der Ausbau der Übertragungstechnik ermöglichte es schliesslich 40% der Bevölkerung, die Spiele in Mexiko live zu verfolgen. General Emílio Garrastazu Médici kostete dann den dritten Titel, der Brasilien zur erfolgreichsten Fussballnation der Welt machte, als Sinnbild für die angeblich goldene Zukunft ausgiebig aus.

Im Vorfeld der nächsten WM gab der Putsch in Chile zu reden. Erneut spielte der Fussball eine traurige Rolle: Das „Estadio Nacional“ in Santiago, Schauplatz des WM-Finales 1962, wurde 1973 temporär zum Gefangenen-, Folter- und Exekutionslager mit bis zu 7’000 Insassen. Als ein Kreuzvergleich zwischen Chile und der Sowjetunion um den letzten zu vergebenden WM-Platz mit dem Segen der FIFA just in diesem Stadion ausgetragen werden sollte, weigerten sich die Sowjets, zur Partie anzutreten. Daraufhin gab es eine propagandistische Inszenierung, bei der der chilenische Captain ins leere Tor schoss und auf der Anzeigetafel ein 1 : 0-Sieg verkündet wurde. Während der Endrunde kam es dann bei den Partien Chiles verschiedentlich zu Protestaktionen.

1978 fand die WM in Argentinien statt, wo seit zwei Jahren eine Militärjunta regierte und folterte. Diese wollte mit dem Turnier der Welt das Bild eines „sauberen“ Landes vermitteln. Beraten von der PR-Agentur Burson-Marsteller entfaltete die Junta eine weltweite Inserate-Offensive mit positiven Informationen über Argentinien. Zudem investierte sie 700 Millionen Dollar – 10% des Staatsbudgets und etwa dreimal soviel wie das Gastgeberland der folgenden WM – in Stadien, Verkehrs- und Kommunikationsinfrastruktur. Das River-Plate-Stadion in Buenos Aires, das neun Partien, inklusive das Finale, beherbergte, wurde auf ein Fassungsvermögen von 76’000 Zuschauern erweitert. Es lag in unmittelbarer Nähe zur „Escuela de Mecánica de la Armada“, wo während der Diktatur etwa 5’000 Menschen gefoltert und ermordet wurden. Eine von Frankreich ausgehende Boykottkampagne fand Resonanz in den Niederlanden, Dänemark, Italien, der Bundesrepublik, der Schweiz, den USA, Schweden, Finnland, Mexiko, Spanien und Israel, bewirkte aber nichts. Jedoch reisten statt der erwarteten 50’000 nur rund 7’000 ausländische Fans an die WM, so dass diese mit einem grossen Defizit endete und die Auslandsverschuldung vermehrte.

Sportlich lief das Turnier für die Generäle rund, in einem Fall war aber offenbar ihr Eingreifen nötig: Im letzten Spiel der Zwischenrunde benötigte Argentinien gegen Peru einen Sieg mit mindestens vier Toren Unterschied, um ins Endspiel einzuziehen. Der 6 : 0-Erfolg heizte Spekulationen über ein abgekartetes Spiel an. Angeblich hatte die argentinische Junta Getreidelieferungen nach Lima in Aussicht gestellt und General Jorge Rafael Videla der peruanischen Mannschaft vor dem Spiel einen Besuch abgestattet. Auch fiel auf, dass der Trainer Perus einige Schlüsselspieler auf der Ersatzbank liess. Nach dem argentinischen Finalsieg verweigerten die unterlegenen Niederländer sowie gerüchteweise der linke argentinische Trainer César Luis Menotti den Generälen den Handschlag. Ein weiteres Zeichen des Protests waren schwarze Bänder am unteren Ende der Torstangen. Platzwarte hatten sie im Gedenken an die vielen „verschwundenen“ Menschen angebracht. Die FIFA-Spitze feierte dagegen zusammen mit den Generälen das in ihren Augen gelungene Hochamt des Weltfussballs.

Lohnt sich die politische Instrumentalisierung der WM?

Die WM-Titel Brasiliens 1970 und Argentiniens 1978 gaben den beiden Militärregimen nur kurzfristig Auftrieb, in beiden Fällen erodierte die negative Wirtschaftsentwicklung bald die Basis der Junta, was sich im Falle Argentiniens durch den missratenen Befreiungsschlag mit der Besetzung der Falkland-Inseln noch beschleunigte. Auch der Sieg des Iran in einer politisch hochbrisanten Partie gegen die USA an der WM 1998 führte zwar zu ausgelassenen Feiern in Teheran und iranischen Exil-Communities, kaum aber zu verstärkten Sympathien für die Mullahs.

Auch demokratische Regierungen vermochten vom WM-Ruhm kaum je zu profitieren. Dies zeigen die Beispiele der europäischen Teams, die im eigenen Land den WM-Titel errangen: Premier Harold Wilson brachte den englischen Triumph von 1966 mit seiner Regierung in Zusammenhang, in der Folge verlor seine Labour Party aber in Lokalwahlen massiv Mandate und 1970 auch die Mehrheit im Unterhaus. Nach der WM 1974 erlitt die SPD in fast allen Landtagswahlen Verluste und in der Bundestagswahl 1976 hielt sich die sozialliberale Koalition nur knapp. Und in Frankreich schnitten die regierenden Sozialisten in den Wahlen, die allerdings erst vier Jahre nach der WM 1998 stattfanden, schlecht ab, während der Rechtsextremist Jean-Marie Le Pen, der die multikulturelle „Equipe Tricolore“ als unfranzösisch beschimpft hatte, erstmals in die zweite Runde der Präsidentschaftswahlen einzog.

Die Luhmann’sche Charakterisierung des Fussballs als zugleich von Leichtigkeit und Schwere geprägtes Kulturphänomen manifestiert sich damit auch in den Beziehungen zur Politik: Mag ein WM-Turnier auch noch so grosse Emotionen und gar nationale Euphorie hervorrufen, einen dauerhaften politischen Fussabdruck hinterlässt es kaum.