Der Slogan „From the river to the sea palestine will be free“, der auf Demonstrationen in Europa und Nordamerika skandiert wird, ist weitaus vieldeutiger, als es scheint. Ihn pauschal als antisemitisch zu verurteilen, führt in die Irre.

  • Amos Goldberg

    Amos Goldberg ist Professor für Holocaust Geschichte an der Hebrew University in Jerusalem. Sein Buch über Holocaust-Erinnerung wird in Israel erscheinen, wenn der Krieg beendet sein wird.
  • Alon Confino

    Alon Confino ist Professor für Geschichte und Jüdische Studien an der University of Massachusetts at Amherst. Sein letztes Buch ist „The Coast of Tantura: The Destruction of a Palestinian Village, 1948”, Pardes Press, Israel, 2023.

In letzter Zeit hat sich in Israel und bei vielen Jüd:innen und Nichtjüd:innen im Ausland die Meinung durch­ge­setzt, die Phrase „From the River to the Sea Pales­tine will be free“ sei ein anti­se­mi­ti­scher Slogan, der zur Zerstö­rung des Staates Israel und zur ethni­schen Säube­rung oder Ermor­dung aller in Israel lebenden Jüd:innen aufrufe.

Jüdi­sche Orga­ni­sa­tionen und andere poli­ti­sche Akteure auf der ganzen Welt fordern ein Verbot der Verwen­dung dieses Slogans. In Groß­bri­tan­nien hat die Labour-Partei ihren Abge­ord­neten Andy McDo­nald suspen­diert, weil er ihn auf einer Demons­tra­tion geäu­ßert hatte, und der engli­sche Fußball­ver­band hat seinen Spie­lern verboten, den Satz auf ihren privaten Facebook-Konten zu verwenden. Noch drama­ti­scher ist die Situa­tion in Deutsch­land. In Berlin beispiels­weise verbietet die Polizei die Verwen­dung des Slogans auf Demons­tra­tionen und nimmt Demons­tranten fest, die ihn rufen. Und die Welt ging sogar so weit zu behaupten, „Free Pales­tine ist das neue Heil Hitler“. Nichts weniger als das!

In Israel schrieb der Haaretz-Journalist Ravit Hecht, es handele sich um einen Aufruf zur „ethni­schen Säube­rung, ähnlich der, die [am 7. Oktober] in der Umge­bung von Gaza statt­ge­funden hat… Es geht nicht darum, zu den Grenzen von 1967 zurück­zu­kehren oder die Besat­zung zu beenden, sondern darum, die jüdi­sche Heim­stätte zu zerstören und die Juden von dort zu vertreiben“. Diese Inter­pre­ta­tion ist jedoch proble­ma­tisch und irreführend.

„Groß-Israel“-Träume

Zunächst lohnt es sich, diesen Slogan mit der paral­lelen Posi­tion von Jüd:innen (und Nichtjüd:innen) zu verglei­chen, die die Forde­rung nach einem „Groß-Israel“ („Eretz Israel hash­lema“) unter­stützen. Denn wenn wir die extreme Inter­pre­ta­tion akzep­tieren, dass ein Paläs­ti­nenser, der die „Befreiung Paläs­tinas vom Jordan bis zum Meer“ fordert, die Juden aus Israel vertreiben will, dann verlangt die Fair­ness, dass auch das Gegen­teil wahr ist: Das heißt, dass alle, die die „Groß-Israel“-Vision unter­stützen – vom Dichter Nathan Alterman (einer der wich­tigsten israe­li­schen Dichter, der sich poli­tisch mit der Arbei­ter­partei iden­ti­fi­zierte) und den Unter­zeich­nern des „Eretz-Israel“-Manifests von 1967 bis hin zur gegen­wär­tigen Regie­rung und der Öffent­lich­keit, die sie an den Wahl­urnen unter­stützt hat – in Wirk­lich­keit die Vernich­tung oder Vertrei­bung der Paläs­ti­nenser unterstützen.

Die Wahr­heit sieht etwas anders aus. Wer die israe­li­sche Kontrolle über das gesamte Gebiet zwischen Fluss und Meer fordert, verwei­gert den Paläs­ti­nen­se­rinnen und Paläs­ti­nen­sern zual­ler­erst das Recht auf Selbst­be­stim­mung und hindert sie daran, eine natio­nale Heimat aufzu­bauen und gleiche Bürger- und Persön­lich­keits­rechte zu genießen. In der Praxis bedeutet ihre Posi­tion in den meisten Fällen die Anwen­dung von Apart­heid, wie B‘Tselem (und andere Orga­ni­sa­tionen) in ihrem Bericht vom Januar 2021 mit dem Titel „Ein Regime jüdi­scher Vorherr­schaft vom Jordan bis zum Mittel­meer: Das ist Apart­heid“ schreiben.) In den Augen der großen Mehr­heit der Jüdinnen und Juden in Israel und wahr­schein­lich in der ganzen Welt ist dies eine legi­time poli­ti­sche Posi­tion, auch wenn sie umstritten ist und bekämpft wird. Jede Möglich­keit eines paläs­ti­nen­si­schen Staates zu hinter­treiben, war die Politik Israels in den letzten Jahr­zehnten, und der Sied­lungsbau sollte dies sicher­stellen. Der israe­li­sche Premier­mi­nister Benjamin Netan­jahu hat kürz­lich öffent­lich geschworen, sich jedem Versuch, einen paläs­ti­nen­si­schen Staat zu gründen, zu wider­setzen und die israe­li­sche Kontrolle vom Fluss bis zum Meer aufrecht­zu­er­halten. Es ist jedoch klar, dass (zumin­dest derzeit) nicht alle, die diese Posi­tion vertreten, tatsäch­lich eine ethni­sche Säube­rung oder die Ermor­dung aller Paläs­ti­nenser zwischen dem Fluss und dem Meer unter­stützen. Diese Art von gewalt­samer „Lösung“ könnte zwar rechts­extremen Poli­ti­kern wie dem israe­li­schen Finanz­mi­nister Bezalel Smot­rich zuge­schrieben werden, dessen „Decisive Plan“ in diese Rich­tung geht, aber nicht allen Befür­wor­tern eines „Groß-Israel“.

Die paläs­ti­nen­si­sche Perspektive

Im paläs­ti­nen­si­schen Kontext ist die Bedeu­tung des Slogans wesent­lich komplexer. Bei seiner Inter­pre­ta­tion ist es wichtig, auf die histo­ri­sche Rich­tig­keit zu achten und Anachro­nismen zu vermeiden: Die Bedeu­tung des Slogans ist offen und hängt vom konkreten und histo­ri­schen Kontext ab, in dem er gesagt wird, und natür­lich von der persön­li­chen Absicht derer, die ihn verwenden.

Der Slogan bezieht sich auf Paläs­tina, d. h. auf das geogra­phi­sche Gebiet zwischen Mittel­meer und Jordan, das als „Mandats­ge­biet Paläs­tina“ defi­niert wurde und von den Paläs­ti­nen­sern als ihre histo­ri­sche Heimat betrachtet wird. Wie wir alle wissen, ist ein beträcht­li­cher Teil der Palästinenser:innen zwar prin­zi­piell zu einem Kompro­miss über die Grün­dung eines souve­ränen paläs­ti­nen­si­schen Staates im West­jor­dan­land, in Ostje­ru­salem und im Gaza­streifen bereit, die etwa 22% des Mandats­ge­biets Paläs­tina ausma­chen, sie betrachten aber dennoch ganz Paläs­tina als ihr Heimatland.

Aus paläs­ti­nen­si­scher Sicht – die der histo­ri­schen Wahr­heit entspricht – wurde ihnen ihr Heimat­land von den Groß­mächten wegge­nommen und einer Gruppe von Sied­lern über­lassen, die sie gewaltsam zu einer Minder­heit in ihrem eigenen Land machten und die Kontrolle über den größten Teil ihres Landes über­nahmen. So gesehen befinden sich alle Paläs­ti­nen­se­rinnen und Paläs­ti­nenser, die in diesem Gebiet und auch außer­halb leben, in einem Zustand der Ungleich­heit und Unfrei­heit. Die Palästinenser:innen in Gaza leben seit 16 Jahren unter Bela­ge­rung und werden jetzt jede Woche zu Tausenden ermordet. Palästinenser:innen im West­jor­dan­land stehen unter direkter Besat­zung, in Ostje­ru­salem gelten sie als Einwohner:innen und nicht als Staatsbürger:innen; nur Palästinenser:innen inner­halb der Grünen Linie, der Waffen­still­stands­line von 1949, genießen teil­weise gleiche Rechte. Flücht­linge, die 1948 vertrieben wurden oder geflohen sind und nicht zurück­kehren durften, haben nicht einmal das Recht, in ihrer Heimat zu leben.

Deshalb behauptet die große Mehr­heit der Paläs­ti­nen­se­rinnen und Paläs­ti­nenser zu Recht, dass die Gebiete ihres Heimat­landes, also Paläs­tina, derzeit nicht „befreit“ sind, was bedeutet, dass die dort lebenden Paläs­ti­nen­se­rinnen und Paläs­ti­nenser nicht frei und gleich­be­rech­tigt sind. Wie können wir also die Situa­tion ändern und Paläs­tina von diesem diskri­mi­nie­renden und ausgren­zenden Regime befreien? Dazu gibt es viele unter­schied­liche Meinungen. Was folgt, ist eine sehr sche­ma­ti­sche und daher unvoll­stän­dige Darstel­lung von Ideen, die in Wirk­lich­keit viel dyna­mi­scher, nuan­cierter und kompli­zierter sind und in Bezug auf die sich ändernden Umstände immer wieder intern disku­tiert werden.

Sie können uns unter­stützen, indem Sie diesen Artikel teilen: 

„…will be free“?

Unter den Paläs­ti­nen­se­rinnen und Paläs­ti­nen­sern, wie auch unter den Jüdinnen und Juden, gibt es eine Kluft zwischen dem Traum, den Gene­ra­tionen von der voll­stän­digen Kontrolle und Befreiung ganz Palästinas/des Landes Israel geträumt haben, und der Art und Weise, wie sie sich das Leben in der Befreiung realis­tisch und poli­tisch vorstellen. Einige Paläs­ti­nen­se­rinnen und Paläs­ti­nenser sehen die einzige realis­ti­sche, wenn auch nur teil­weise Befreiung Paläs­tinas in der Grün­dung zweier Staaten und der gleich­zei­tigen Aner­ken­nung des Rück­kehr­rechts der Flücht­linge in der einen oder anderen Form. Dies ist die offi­zi­elle Posi­tion der PLO, die von vielen Paläs­ti­nen­sern unter­stützt wird. Diese Lösung wird auch von vielen Israelis unter­stützt, erscheint aber heute aufgrund der lang­jäh­rigen Siedlungs- und Anne­xi­ons­po­litik Israels wahr­schein­lich nicht mehr realisierbar.

Andere glauben, dass die Errich­tung eines säku­laren und egali­tären Staates für alle seine Bewohner, Juden und Araber, der Weg zur Befreiung Paläs­tinas ist. Viele Paläs­ti­nen­se­rinnen und Paläs­ti­nenser auf der ganzen Welt, in den besetzten paläs­ti­nen­si­schen Gebieten (OPT) und in Israel (sowie einige Jüd:innen und sogar Israelis) unter­stützen diese Idee. Die arabisch-israelische poli­ti­sche Partei Balad vertritt eine etwas andere Version dieser Idee: die Umwand­lung Israels in den Grenzen von 1967 in einen säku­laren Staat für alle seine Bürge­rinnen und Bürger (statt eines jüdi­schen Staates wie heute) und mit glei­chen Rechten für alle, sowie die Been­di­gung der Besat­zung und die Grün­dung eines paläs­ti­nen­si­schen Staates in den besetzten Gebieten. Einige sind schließ­lich der Ansicht, dass verschie­dene föde­rale oder bina­tio­nale Rege­lungen als Befreiung Paläs­tinas betrachtet werden können. Solche Ideen haben in den letzten Jahren unter paläs­ti­nen­si­schen und jüdisch-israelischen Intel­lek­tu­ellen an Popu­la­rität gewonnen und wurden beispiels­weise von der gemein­samen israelisch-palästinensischen Bewe­gung „Ein Land für alle“ in detail­lierte poli­ti­sche Pläne umge­setzt. Und dann gibt es dieje­nigen, die an ein isla­mi­sches Dhimmi-Regime denken, in dem die in Paläs­tina verblie­benen Juden einen minder­wer­tigen Status haben, aber von den Behörden geschützt werden.

Einige Passagen der Hamas-Charta unter­stützen eine solche Lösung, und einige in der Hamas stellen sie sich als poli­ti­sche Lösung vor. Wiederum andere hingegen – einige Säku­la­risten, die Alge­rien als Modell für die Entko­lo­nia­li­sie­rung sehen, und sicher­lich einige in der Hamas sowie in radi­ka­leren Gruppen wie dem Paläs­ti­nen­si­schen Isla­mi­schen Dschihad und natür­lich bei ISIS und radi­kalen dschi­ha­dis­ti­schen Gruppen – sehen in der Vertrei­bung oder gar Ermor­dung der Juden die endgül­tige „Befreiung“ Paläs­tinas. Diese „Lösung“ wird auch von Teilen der Hamas-Charta unter­stützt. Es ist jedoch erwäh­nens­wert, dass der Zusatz zur Charta von 2017 (Absatz 20) die Idee eines paläs­ti­nen­si­schen Staates entlang der Grenzen vom 4. Juni 1967 als „Formel des natio­nalen Konsenses“ akzep­tiert. Die Hamas hat im Laufe der Jahre auch mehr­mals einen lang­fris­tigen Waffen­still­stand (Hudna) mit Israel vorge­schlagen. Es gibt sogar Stimmen inner­halb der Hamas, die sich für die Aner­ken­nung des Staates Israel aussprechen.

Soweit wir wissen, ist es schwierig, einen Paläs­ti­nenser oder einen Unter­stützer der paläs­ti­nen­si­schen Sache zu finden, der sich nicht mit dem Befrei­ungs­slogan From the river to the sea, Pales­tine will be free iden­ti­fi­ziert, da er allge­mein gehalten ist und keine konkrete Lösung andeutet. Nur wer die „Lösung“ der erwähnten ganz radi­kalen Kräfte gutheißt, befür­wortet tatsäch­lich einen Genozid oder eine ethni­sche Säube­rung der Jüd:innen in Israel. Aber der Slogan selbst und die Art und Weise, wie er auf den Demons­tra­tionen in Europa und Nord­ame­rika skan­diert wird, sagt darüber nichts aus.

Viele Bedeu­tungen

Wie Maha Nasser, Geschichts­pro­fes­sorin an der Univer­sity of Arizona, gezeigt hat, wurde der „From the River…“-Slogan in den 1960er Jahren während der Entko­lo­nia­li­sie­rungs­kämpfe in Afrika und Asien in Fatah-Kreisen populär. Die Vorstel­lung damals zielte auf die Errich­tung eines säku­laren, demo­kra­ti­schen und egali­tären Staates in ganz Paläs­tina, in dem die Juden volle Gleich­be­rech­ti­gung genießen sollten, aber ohne die Privi­le­gien des Zionismus.

Seither hat dieser Slogan jedoch, wie wir gesehen haben, verschie­dene Bedeu­tungen ange­nommen und ist, sofern aus dem Kontext nichts anderes hervor­geht, sehr allge­mein gehalten. Für die Paläs­ti­nen­se­rinnen und Paläs­ti­nenser ist er Ausdruck ihres legi­timen natio­nalen Kampfes, für viele andere ist er ein allge­meiner Slogan zur Unter­stüt­zung des paläs­ti­nen­si­schen Kampfes. Dieser Slogan wird seit Jahren von vielen, auch jüdi­schen Menschen, bei Demons­tra­tionen und Kund­ge­bungen auf der ganzen Welt gerufen. Er spie­gelt die Tatsache wider, dass aus paläs­ti­nen­si­scher Sicht das besetzte Heimat­land nicht nur die West­bank und der Gaza­streifen sind, sondern das gesamte Mandats­ge­biet Paläs­tina, aber er sagt nichts über die poli­ti­sche Art und Weise, wie dieses Heimat­land befreit werden soll.

Juden und Nicht-Juden sollten diese Wahr­heit verstehen und aner­kennen. Diesen Slogan als „anti­se­mi­tisch“ zu bezeichnen, ist ein mäch­tiges Instru­ment in den israe­li­schen, deut­schen und anderen poli­ti­schen tool­boxes, um die Exis­tenz des paläs­ti­nen­si­schen Volkes und seine Verbin­dung zu Paläs­tina zu leugnen, die Besat­zung und Unter­drü­ckung zu verfes­tigen und den Schrei nach Frei­heit und nach Recht zum Schweigen zu bringen. Es ist genau das, was immer mehr Paläs­ti­nen­se­rinnen und Paläs­ti­nenser darüber verzwei­feln lässt, ob ein Dialog mit Israelis und Deut­schen über­haupt möglich ist.

Notwen­dige Klärung

Nach dem Massaker vom 7. Oktober bekam der „Free Palestine…“-Slogan aller­dings noch eine neue Bedeu­tung. Einige in Europa und den Verei­nigten Staaten nutzten ihn, um ihre Unter­stüt­zung für die Gräu­el­taten der Hamas auszu­drü­cken und sie als Akte der „Entko­lo­nia­li­sie­rung“ und „Befreiung“ Paläs­tinas zu bezeichnen. In diesem Zusam­men­hang ist das mithin kein Befrei­ungs­slogan, sondern unmit­telbar Ausdruck der Unter­stüt­zung von massen­haften Grau­sam­keiten, von Massa­kern, Geisel­nahmen und Vergewaltigungen.

In Anbe­tracht der vielen verschie­denen Bedeu­tungen des Slogans, darunter in letzter Zeit wie gesagt auch die Unter­stüt­zung der Verbre­chen der Hamas, liegt es heute an jenen, die ihn benutzen, Wege finden, um zu klären, was sie meinen, wenn sie ihn verwenden: Ob ihre Absicht darin besteht, das von der Hamas verübte Massaker zu unter­stützen, oder darin, den Wunsch nach Befreiung, Gleich­heit und Frieden auszudrücken.

Tatsäch­lich schlugen einige vor, den Slogan zu ändern. In Berlin zeigte ein Demons­trant ein Plakat mit der Aufschrift „From the river to the sea we demand equa­lity“. Das Plakat wurde jedoch von der Polizei entfernt, die die Forde­rung nach Gleich­heit als anti­se­mi­tisch einstufte. Leila Farsakh, eine palästinensisch-amerikanische Profes­sorin für Poli­tik­wis­sen­schaft an der Boston Univer­sity, schlug vor: „From the river to the sea ever­yone must be free“. Diese Formu­lie­rung, so versi­cherte sie uns in einem privaten Gespräch, konzen­triere sich auf den Kern des israe­li­schen sied­lungs­ko­lo­nialen Apart­heid­re­gimes – die grund­le­gende poli­ti­sche Ungleich­heit und die Verwei­ge­rung von Rechten –, und unter­streiche das Streben nach Frei­heit und Gleich­heit für alle, die zwischen dem Fluss und dem Meer leben. Wir halten diesen Slogan für poli­tisch wirksam und präzise.

Aber das Nach­denken über diesen Slogan, von dem viele behaupten, er leugne die Exis­tenz der Juden in Israel, muss letzt­lich zu uns, den israe­li­schen Jüdinnen und Juden, und zu unserem Leben in Israel zurück­kehren. Denn es ist erschre­ckend, dass Israel und seine Unter­stützer dieje­nigen, die diesen Slogan skan­dieren, beschul­digen, einen Völker­mord zu unter­stützen, während Israels mörde­ri­scher Angriff auf den Gaza­streifen bisher mehr als 26.000 Paläs­ti­nen­se­rinnen und Paläs­ti­nenser getötet hat, von denen die große Mehr­heit Kinder und Frauen sind.

Gaza…

Der israe­li­sche Angriff wird derzeit vom Inter­na­tio­nalen Gerichtshof (IGH bzw. ICJ) unter­sucht, um fest­zu­stellen, ob er den Tatbe­stand des Völker­mords erfüllt. Das Urteil ist noch lange nicht gespro­chen – aber das Gericht hat bereits entschieden, dass es plau­sibel ist, dass Israel tatsäch­lich das Verbre­chen des Völker­mords begeht und hat eine Reihe von vorläu­figen Maßnahmen ange­ordnet. Dennoch ist jetzt schon klar, dass in Israel Aufrufe zum Völker­mord in Bezug auf den Gaza­streifen alltäg­lich geworden sind. Der israe­li­sche Staats­prä­si­dent Yitzhak Herzog erklärte am 13. Oktober, dass es in Gaza keine Unschul­digen gebe, und machte damit prak­tisch alle Bewoh­ne­rinnen und Bewohner zu legi­timen Angriffs­zielen. Vertei­di­gungs­mi­nister Yoav Galant verkün­dete am 9. Oktober die totale Bela­ge­rung des Gaza­strei­fens: „Es wird keinen Strom, keine Lebens­mittel, keinen Treib­stoff geben, alles wird geschlossen sein“. Tali Gott­lieb, ein Likud-Mitglied der Knesset, schrieb am 10. Oktober auf X: „Es ist Zeit für die Welt­un­ter­gangs­waffe. Starke Raketen ohne Grenzen abfeuern. Nicht nur ein Viertel ausra­dieren, sondern ganz Gaza zerstören und ausra­dieren. Sonst werden wir nichts erreicht haben. Nicht mit Slogans, sondern mit durch­drin­gendem Bombar­de­ment. Gnadenlos! Erbar­mungslos!“ Zwei Monate später, am 17. Dezember, sagte Shimon Riklin, der wich­tigste poli­ti­sche Kommen­tator von Channel 14, dem Sprach­rohr der Regie­rung, zur besten Sende­zeit: „Ich kann nicht gut schlafen, ohne die Häuser in Gaza einstürzen zu sehen… Mehr, mehr, mehr Häuser, mehr Türme. Damit sie nirgendwo mehr hin können [….] Sie müssen sich daran erin­nern, dass sie Amale­kiter sind… Ich bin für Kriegs­ver­bre­chen“. Und Zvi Yehez­keli, ein leitender Analyst von Channel 13, beklagte schließ­lich am 20. Dezember, dass die IDF in den ersten Tagen des Krieges keine 100.000 Paläs­ti­nenser getötet habe… Dies sind nur einige der mehr als 500 öffent­li­chen israe­li­schen Aufrufe zum Völker­mord, die bisher regis­triert wurden. Der öffent­liche Diskurs in Israel ist offen geno­zidal geworden.

Abge­sehen von der Bedeu­tung, die Menschen in Übersee dem „From the River to the Sea“-Slogan beimessen, gibt es eine einfache, aber entschei­dende Tatsache, die selbst die abscheu­li­chen Gräu­el­taten des 7. Oktober nicht verde­cken können: die anhal­tende und lang­jäh­rige Verwei­ge­rung des Staates Israel und des Groß­teils der jüdi­schen Gesell­schaft gegen­über der gerechten und grund­le­genden Forde­rung der Paläs­ti­nen­se­rinnen und Paläs­ti­nenser nach vollen und glei­chen persön­li­chen, recht­li­chen, bürger­li­chen und natio­nalen Rechten im Rahmen einer wie auch immer gear­teten poli­ti­schen Lösung.

Diese Weige­rung ist für die meisten israe­li­schen Jüdinnen und Juden so selbst­ver­ständ­lich wie die Luft, die sie atmen. Wir müssen so schnell wie möglich nüch­tern werden. Wenn diese Nüch­tern­heit eintritt, werden alle in Israel/Palästina besser atmen können.