"Freiheit für Angela Davis!" - Über den Doppelsinn eines Slogans

Die Unterstützung von Widerstandsbewegungen in anderen Ländern kann Leben retten. Andererseits wird Widerstand gerne vereinnahmt, auch von jenen, die selbst Andere und Anderes unterdrücken. Über die Solidaritätskampagne für Angela Davis im ehemaligen Ostblock und wie ungarische Künstler darauf reagierten.



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Vor ein paar Tagen wurde bekannt, dass die Stadt Birmingham in Alabama (USA) den Fred Shuttlesworth Human Rights Award nicht Angela Davis, der Ikone der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, zuerkennen will – obwohl sie dafür vorgeschlagen worden war. Seither mutmasst die Presse über die Gründe für diese Kehrtwende, eine Erklärung des Preiskomitees gibt es nicht. Davis selbst, die schon viele Ehrungen erhalten hat, reagierte zu Recht verwundert: “I have devoted much of my own activism to international solidarity and, specifically, to linking struggles in other parts of the world to US grassroots campaigns against police violence, the prison industrial complex, and racism more broadly.”

Internationale Solidarität von Widerstandsbewegungen war schon immer politisch heikel. Vermutlich hat das Birmingham Civil Rights Institute den von ihm verliehenen Award nicht Angela Davis zuerkannt, weil diese aus der Perspektive der Preisgeber eine Form von ‚falscher’ Solidarität ausübt, nämlich mit der pro-palästinensischen und antizionistischen, mitunter antisemitischen BDS-Kampagne. Wer sich mit wem wie solidarisiert, hat nämlich nicht nur erhebliche Konsequenzen für das Überleben von Unterdrückten oder Verfolgten, sondern konnte und kann auch Teil politischer Instrumentalisierung sein. Das zeigt sich gerade auch am Beispiel von Angela Davis, die einerseits im ehemaligen Ostblock von den Regierungen zur Widerstandsikone gemacht wurde, sich andererseits aber nie mit den Unterdrückten und Andersdenkenden in den Parteidiktaturen Osteuropas solidarisiert hat. Es waren oppositionelle KünstlerInnen im ehemaligen Ostblock, die diese fehlende Solidarität von Davis und die heuchlerische Solidarität ihrer Regierungen kritisiert haben. So kam es, dass sowohl Erich Honecker als auch oppositionelle Künstler „Freiheit für Angela Davis!“ riefen. Während Honecker auf die Unterdrückung im Westen zielte, wollten die Künstler – mit dem gleichen Slogan – auf ihre eigene Unterdrückung aufmerksam machen.

Freiheit für Angela Davis!

„Freiheit für Angela Davis!“ wurde ab 1971 zum Slogan einer globalen Solidaritätskampagne im Kalten Krieg. Der Slogan war von den USA über Kuba bis in die Sowjetunion ein Aufschrei gegen die Ungerechtigkeit des kapitalistischen Systems, gegen den Missbrauch der Justiz sowie gegen die Unterdrückung und Diskriminierung der schwarzen BürgerInnen der USA. Die Kampagne wurde – nachdem die Sowjetunion die Richtung vorgegeben hatte – in allen Ostblock-Staaten übernommen und mit großem medialem Aufwand verfolgt. Ziel des KGB war es, mit der Unterstützung von Kuba und dem Einsatz von Agenten die USA innen- und außenpolitisch zu destabilisieren. Dazu gehörte auch die Aufwertung der Propaganda- und Desinformationsabteilung des KGB im Jahr 1970, die Kampagne für Angela Davis war Teil dieser Strategie.

Entsprechend wurde etwa in der DDR Davis’ Freilassung aus dem Gefängnis, in dem sie aufgrund des Vorwurfs der Unterstützung terroristischer Akte zwei Jahre in Untersuchungshaft verbracht hatte, 1972 als Erfolg der Massen-Solidaritätskampagne der Ostblock-Staaten gefeiert. Die Versendung von Millionen Postkarten an Angela Davis während ihrer Haft und die regelmäßige Presseberichterstattung über den Prozess, wurden als Teil dieses Erfolgs präsentiert. Die Devise war: In der DDR gibt es keinen Rassismus!

Davis, die ein aktives und prominentes Mitglied der kommunistischen Partei der USA (CPUSA) war, unterstützte diese Sichtweise, als sie nach ihrer Freilassung durch die kommunistischen Länder tourte, um sich für die beispiellose Solidaritätswelle, insbesondere aus der DDR, zu bedanken. Gleichzeitig nutzten Erich Honecker und ranghohe Offiziere der DDR die Gelegenheit, um mit Angela Davis auf zahlreichen öffentlichen Veranstaltungen zu posieren und sich als Freiheitskämpfer zu inszenieren. Dies wurde auch von den westlichen Medien wahrgenommen, die Davis als „regierende Heldin der DDR“ beschrieben.

Was von den Medien im Osten vertuscht wurde: Die Mobilisierung der Jugend für die internationale Solidarität geriet in der DDR teilweise außer Kontrolle: Bei der Ankunft von Angela Davis am Flughafen Berlin/Schönefeld kamen anstatt der angekündigten zwei- bis dreitausend jungen Menschen fünfzigtausend. Der sorgfältig geplante Empfang wurde dadurch zu einem unkalkulierbaren Ereignis, gleichsam zu einer hysterischen Massenbegrüßungsaktion eines Pop-Stars. Auch bei der Kranzniederlegung vor der Neuen Wache in Berlin, zur Zeit der DDR Mahnmal für die Opfer des Militarismus und Faschismus, ging etwas schief: Dort umarmte Davis ausgerechnet und als einzige Erika Bertold, die damals in der „Kommune 1 Ost“ wohnte, eine WG kritischer Funktionärskinder. Das Foto von diesem missglückten Staatsakt erschien deshalb wenig überraschend auch nicht in der Presse.

Mit Davis gegen den Staat

In Ungarn wurde Davis’ Tour durch Ostberlin und die Sowjetunion genauso verfolgt wie ihr zwei Jahre dauernder Prozess in den USA. In zahlreichen Jugendklubs (KISZ) hing ihr Porträt, sogar eine Baubrigade in Dunaújváros benannte sich nach ihr.

Allerdings begannen ungarische KünstlerInnen sehr schnell zu begreifen, dass man die verordnete Propagandakampagne auch gegen die staatliche Unterdrückung im eigenen Land richten kann. Die Rockband Illés etwa widmete ihr Album „Human Rights“ – eine Hommage an die universellen Menschenrechte – Angela Davis. Dadurch wurde das Erscheinen der Platte überhaupt erst möglich, denn das Thema Menschenrechte war im damaligen Ungarn – trotz des staatlichen Enthusiasmus für die Befreiung von Angela Davis – ein Tabu. Ironischerweise waren es sogar leitende Entscheidungsträger gewesen, die der Band diese Widmung empfahlen.

Riskanter war die subversive Tarnung in der Happening-Szene. Während Erich Honecker mit Angela Davis posierte und „Freiheit für Angela Davis!“ rief, inszenierte Tamás Szentjóby, einer der radikalsten Künstler des Ostblocks, ein Happening ebenfalls mit dem Titel „Freiheit für Angela Davis!“. So konnte er nicht nur den Inhalt tarnen, sondern auch gleich noch das Happening als Kunstform in der Öffentlichkeit präsentieren.

Dies erkannte auch der Agent, der von der Staatssicherheit zur Beobachtung des Happenings geschickt worden war. Er merkte, dass Angela Davis „nur der Aufhänger“ war. In seinem Bericht heißt es: „Es war Szentjóby, der sich nicht zum Schweigen bringen ließ“. Entsprechend wertete der Spitzel die Aktion zwar auch als Kritik an Amerika, doch erkannte er sehr wohl, dass diese Performance eine Kritik war, die sich gegen die sozialistische Gesellschaft richtete:

Sz. [anonymisiert] kam auf die Bühne und fing an, den offenen Brief von James Baldwin an Angela Davis vorzulesen. Er folgte dem Wortlaut der Übersetzung des Briefes aus einer ungarischen Tageszeitung. Während Sz. versuchte, den Brief vorzulesen, war Margit Rajczy bemüht, ihm den Text mit einem Besen aus den Händen zu schlagen. Doch Sz. las unbeeindruckt weiter, woraufhin Rajczy immer aggressivere und härtere Methoden einsetzte, um ihn zum Schweigen zu bringen: Sie verband seinen Mund mit einer Strumpfhose, kitzelte ihn an der Nase, presste einen Wattebausch zwischen seine Beine, fesselte einen seiner Unterschenkel an den Oberschenkel und kippte ihm Bier über den Kopf. Aber Szentjóby las unbeeindruckt weiter und Rajczy warf den auf einem Bein hinkenden Szentjóby mit dem Besen zu Boden. So las Sz. auf dem Boden liegend weiter, während sie einen Tisch über ihn stellte. Immer noch unbeeindruckt las Sz. weiter und beendete den Brief.

Der legendäre Brief von James Baldwin, einem der damals bekanntesten amerikanischen Schriftsteller, bezog sich auf das Handschellenfoto von Angela Davis auf dem Cover der Newsweek. Baldwins Brief schloss mit einem Satz über staatliche Willkür und Gewalt in den USA: „For, if they take you in the morning, they will be coming for us that night.“ Schwarze AktivistInnen, die in den USA im Gefängnis saßen, nannten diese von Baldwin geschilderte Praxis einen „weißen Terrorismus gegen schwarze Körper“. Doch die Autos, die nachts vorfuhren und Oppositionelle abholten, kannte man auch in den Ostblock-Staaten.

Solidarität mit Angela Davis, nicht aber mit Bobby Seale

Die Gegensätzlichkeit von Honecker und Szentjóby, die beide Davis als ihre Projektionsfläche nutzten, könnte größer nicht sein. Szentjóby bezog sich genau in dem Moment auf die Prozesse gegen führende schwarze BürgerrechtlerInnen, als die ungarische Regierung versuchte, ihn mit einer massiven „operativen Bearbeitung“ durch die Staatssicherheit mundtot zu machen.

Doch wo hörte die Solidarität der Herrschenden im Ostblock mit der schwarzen Bürgerrechtsbewegung auf? Im Gegensatz zu Angela Davis blieb im Falle von Bobby Seale, Mitbegründer der Black Panther Party (BPP), eine von den Satellitenstaaten der Sowjetunion unterstützte Solidaritätswelle weitgehend aus. Die BPP wurde in der sowjetischen Presse und auch in der DDR offiziell angegriffen, weil sie die nationale Selbstbestimmung der schwarzen Bevölkerung forderte. Das war in Ungarn nicht anders. Die Black Panther Party wurde propagandistisch als Gegenpol zu Angela Davis inszeniert, obwohl Davis der Bewegung selbst angehörte und sich offen mit ihren Zielen solidarisierte.

Umso interessanter ist Szentjóbys Reaktion auf die ausbleibende Solidarität. Er entschloss sich 1972 zu einem weiteren Happening, das er Bobby Seale widmete. Mit dem Titel „Sit Out! Be Forbidden! Sitting on a Chair with Strapped Up Mouth“ hielt er öffentlich in Budapest ein Reenactment der Gerichtsszene ab, in der Bobby Seale vom Richter an den Stuhl gefesselt mit zugeklebtem Mund saß. Diesmal ging es nicht um Tarnung, sondern um das Zeigen von Solidarität, die der Staat vermissen ließ. Und diese ‚falsche‛ Solidarität mit Seale trug dazu bei, dass Szentóby als „negativ-feindliches Element” 1975 des Landes verwiesen wurde.

Solidarität polarisiert – auch heute

Es war Herbert Marcuse, Angela Davis’ Doktorvater, der sich bereits in den 1970er Jahren trotz seiner generellen Unterstützung der Solidaritätskampagne kritisch über Davis’ Bereitschaft äußerte, Staatschefs autoritärer Regime des Ostblocks zu umarmen, während in den Gefängnissen dort zahlreiche politische Gefangene saßen, die genauso wenig Chancen auf einen gerechten juristischen Prozess hatten wie ehedem Davis in Kalifornien.

Auch osteuropäische Exilanten, u.a. Alexander Solschenizyn, kritisierten Davis und forderten sie auf, ihr Schweigen zu diesem Thema zu brechen. Davis hat dieses Dilemma nie analysiert oder öffentlich gemacht. Auch heute äußert sie sich nicht zu den Vorwürfen der (damaligen) Exilanten, aber betont nach wie vor die enorme Bedeutung der staatlichen Solidaritätskampagnen – eine Solidarität, die ihr Leben gerettet habe.

Angela Davis war nicht die einzige, die den Widerstand im Ostblock übersah oder falsch einschätzte. Das hatte unter anderem damit zu tun, dass die osteuropäischen Staaten alles daran setzten, Dissidenz und Widerstand im eigenen Land entweder totzuschweigen oder als Ergebnis amerikanischer Einflussnahme und Interessen zu verkaufen, also gerade jener Interessen, gegen die Davis auftrat.

Der Mythos, die USA steuerten und finanzierten Dissidenten, wird bis heute gepflegt. Wann immer sich Widerstandsbewegungen in Osteuropa formieren, wie z.B. in der Ukraine, wird das Gerücht, diese seien maßgeblich von den USA beeinflusst, wiederbelebt. Diese von unterschiedlichen politischen Akteuren gepflegte Verschwörungstheorie ist vor allem dazu da, Solidarität mit diesem Widerstand zu verhindern. Das betrifft aber auch andere Formen von Solidarität. Sich zum Beispiel mit Kriegsflüchtlingen zu solidarisieren, gilt heute in Ungarn als „staatsfeindlich“. Mit dieser Kriminalisierung gelingt es, die Arbeit von NGOs zu diskreditieren und zu unterbinden. Es sind jene Organisationen, die jetzt gegen die repressive Regierung kämpfen und für Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und die Unabhängigkeit der Justiz, für Gendergerechtigkeit und Demokratie, einstehen. Sie könnten eine Welle der internationalen Solidarisierung mehr gebrauchen denn je.