Was geschieht, wenn Museen abends ihre Tore schließen, hat schon auf unterschiedliche Weise die Fantasie beflügelt: Das New Yorker Naturkundemuseum wurde beispielsweise zum Schauplatz des Films „Nachts im Museum“, in dem ein Dinosaurierskelett und ausgestopfte Tiere zum Leben erwachen. Der belarusische Designer Lesha Limonov interessierte sich dagegen für die Nächte in der Gemäldesammlung des niederländischen Rijksmuseums. Die Vorstellung, wie die Porträtierten die ganze Nacht über mit offenen Augen in die dunklen Ausstellungssäle schauen, inspirierte ihn zu einer Serie von Schlafmasken, die mit den Augen dieser Schlaflosen bedruckt sind. Mit seiner Kreation „Masterpieces never sleep“ gewann Limonov 2017 den Rijksstudio-Award – einen Preis, den das Museum in Kooperation mit Etsy verlieh, einem Online-Marktplatz für Selbstgemachtes. Damit wollte das Museum dazu anregen, die digital bereitgestellten Bilder der Sammlung des Hauses auf kreative Weise zu nutzen.
New Museology – digital
Das Amsterdamer Museum war einer der Vorreiter für den Sprung der jahrhundertealten Institution in die digitale Welt. Während es aufgrund von Renovierungsarbeiten für zehn Jahre geschlossen war, präsentierte es sich 2012 mit einem neuen Ansatz im Netz. Die frisch gelaunchte Website war von Anfang an darauf ausgelegt, nicht nur als digitales Schaufenster ins Museum hinein zu dienen, sondern gezielt die Sammlung nach außen zu bringen, indem sowohl digitale Nutzung auf der Plattform als auch die kostenlose Nachnutzung der Bilder für alle denkbaren Zwecke ermöglicht wurde – wie zum Beispiel die Verwendung des Porträts eines blau gekleideten Mädchens für die Gestaltung einer Schlafmaske. Taco Dibbits, der damalige Direktor des Rijksmuseum, sagte in der New York Times:
Wenn die Leute einen Vermeer auf ihrem Toilettenpapier haben wollen, dann sollen sie lieber ein qualitativ hochwertiges Vermeer-Bild auf dem Toilettenpapier haben als eine miese Reproduktion.
Wie in einem Brennglas zeigt sich an dieser provokanten Aussage und den sehr unterschiedlichen Reaktionen darauf der langsame Wandel im Selbstverständnis von Museen. Deren Rolle in der Gesellschaft wird seit den 1970er-Jahren unter Schlagworten wie „New Museology“ kritisch diskutiert. Museen sind demnach nicht einfach die Hüter des kulturellen Erbes mit einer exklusiven Deutungshoheit darüber, was wert ist, gesammelt, bewahrt, beforscht und ausgestellt zu werden. Sie müssen sich vielmehr damit auseinandersetzen, dass sie gesellschaftliche Akteure sind, die an der Reproduktion gesellschaftlicher Macht- und Unterdrückungsstrukturen beteiligt sind und die insofern auch Verantwortung dafür übernehmen sollten, zu sozialer Gerechtigkeit beizutragen.
Museumsbesucher*innen sind nicht länger nur eine Zielgruppe, der Wissen vermittelt wird. Sie werden vielmehr als Communitys verstanden, die Ansprüche auf Einbindung im Sinne von Zugang, Repräsentation und Partizipation stellen. Museen müssen sich damit auseinandersetzen, wie das Wissen und das kulturelle Erbe bestimmter gesellschaftlicher Gruppen in der Sammlung, Darstellung und Erzählung ihres Hauses repräsentiert sind. Wie können sie die mit ihrer Arbeit verbundenen Communitys an der Wissensproduktion und Ausstellungspraxis beteiligen? Wie können sie für die Öffentlichkeit Zugänge eröffnen und kulturelles Erbe für alle nutzbar machen?
The Big Picture
Diese Fragen von Zugang, Repräsentation und Partizipation berühren natürlich viele Aspekte der Museumspraxis. Wenn der Fokus dieses Beitrags auf den Bildern bzw. ihren digitalen Reproduktionen und beschreibenden Metadaten liegt, scheint er nur auf den ersten Blick sehr eng gewählt zu sein, denn diese Daten sind Teil einer umfassenden „Kultur der Digitalität“ (2018), wie sie der Kultur- und Medienwissenschaftler Felix Stalder beschreibt. Stalder fasst darunter einen weitreichenden gesellschaftlichen Wandel, in dem soziales Handeln zunehmend in komplexe Technologien eingebettet ist. Hierbei sieht er zum einen eine gefährliche politische Entwicklungslinie, die er als Postdemokratie bezeichnet und die mit datengetriebener und flächendeckender Überwachung und Kontrolle in autoritäre Gesellschaften führt. Zum anderen beschreibt er aber auch die gegenläufige Tendenz hin zu den Commons, die das Potenzial in sich tragen, Demokratie radikal zu erneuern.
Das Konzept der Commons (oder der Allmende, der Gemeingüter) ist nicht neu und wurde für die Beschreibung ganz unterschiedlicher Traditionen auf der Welt genutzt. Die international bekannte Commons-Forscherin und -Aktivistin Silke Helfrich beschreibt „Commons“ (2014) als gemeinschaftlich genutzte Ressourcen, die durch vertrauensvolle und faire soziale Beziehungen geschützt und weiterentwickelt werden, wobei der Fokus auf der kollektiven Verantwortung und dem gemeinsamen Nutzen für die Gemeinschaft liegt. Konkret werden darunter sowohl natürliche und erschöpfbare Ressourcen wie Wasser, Wald oder Land als auch erneuerbare, soziale und kulturelle Dinge wie Wissen, Saatgut oder Software verstanden.
Die Freie-Software-Bewegung hat in den 1980er-Jahren das Prinzip des freien Quellcodes (Open Source) etabliert. In den folgenden Jahrzehnten entstanden weitere Open-Bewegungen in Bereichen wie Wissenschaft (Open Access, Open Science), Bildung (Open Education), Kultur und öffentliche Verwaltung (Open GLAM, Open Data). Gemeinsam ist ihnen das Ziel, Wissen, Daten und kreative Werke als Wissensallmende zugänglich zu machen. Sie basieren auf einer Definition von Offenheit, die Wissen dann als offen versteht, wenn jede*r frei darauf zugreifen, es nutzen, verändern und teilen kann. Das wird maßgeblich vereinfacht durch freie Lizenzen wie die der gemeinnützigen Organisation Creative Commons, die eine standardisierte Nutzungserlaubnis einräumen, so dass keine individuellen Vereinbarungen getroffen werden müssen. Im Gegensatz zum traditionellen Urheberrecht, das besagt „alle Rechte vorbehalten“, gilt hier: „Jeder darf meine Inhalte in folgender Weise und unter folgenden Bedingungen nutzen.“
Freie Bilder!
In den letzten Jahren hat auch im Bereich der Museen sowie Kultur- und Gedächtnisinstitutionen insgesamt ein Paradigmenwechsel begonnen. Open-Access-Politiken machen bereits vielerorts Sammlungen für die digitale Öffentlichkeit zugänglich, indem Bestände überhaupt erst einmal digitalisiert und dann frei nutzbar gemacht werden. Diese Entwicklung hat nicht nur die Sichtbarkeit und Reichweite des kulturellen Erbes erhöht, sondern auch neue Möglichkeiten für Bildung, Forschung und kreative Nutzungen geschaffen. Freie Bilder sind das Ausgangsmaterial für unspektakuläre Kleinstverwendungen, für die Produktentwicklung in der Kultur- und Kreativwirtschaft (Schlafbrillen, Toilettenpapier…), für die Erstellung von Lernmaterialien oder für (internationale) Forschungsprojekte beispielsweise im Bereich der Digital Humanities, die neue kulturgeschichtliche Zusammenhänge und Erkenntnisse zu Tage fördern.
Freie Bilder können für Museen selbst aber auch ein Ausgangspunkt für eigene Projekte sein, die Zugang und Partizipation zu den Themen und Sammlungen des Hauses ermöglichen. 362 Museen, Archive, Bibliotheken, Gedenkstätten und andere Kulturinstitutionen beteiligten sich zwischen 2014 und 2022 am Kultur-Hackathon Coding da Vinci. Rund 2.000 Teilnehmende aus technikaffinen und kulturbegeisterten Communitys setzten sich mit den offenen Kulturdaten kreativ auseinander und schufen gemeinsam innovative Prototypen für Apps, Spiele, Augmented-Reality-Anwendungen oder anderes mehr.
Wenn hier von Kulturdaten die Rede ist, beschränken sich diese natürlich nicht auf digitalisierte Bilder, sondern umfassen ganz unterschiedliche Datensätze und beschreibende Metadaten. Deren Aufbereitung in maschinenlesbarer Form und ihre Verknüpfung mit Normdateien macht es möglich, dass sie eindeutig identifizierbar sind und so Zusammenhänge über Institutionen- und Ländergrenzen hinweg sichtbar werden. Ihre Bereitstellung als Linked Open Data ist essenziell, um eine Auffindbarkeit und wirkliche Nutzbarkeit sicherzustellen. Die freie und offene Wissensdatenbank Wikidata ist beispielsweise einer der zentralen Knoten in der Linked Open Data Cloud und ermöglicht es, Daten aus Kultur- und Gedächtnisinstitutionen und Forschungsökosystemen in der ganzen Welt miteinander zu vernetzen. Die Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Communitys eröffnet für Museen das Potenzial, die in ihrem Haus erzeugten Kulturdaten anzureichern, zu rekontextualisieren und auf diese Weise gemeinsam neues Wissen zu schaffen.
Trotz der offensichtlichen Vorteile sind es aber vermutlich noch weniger als 1 Prozent der Kultur- und Gedächtnisinstitutionen weltweit, die Inhalte offen zur Nachnutzung teilen. Deren Ausgangsbedingungen und Ausstattungen sind je nach nationalem Kontext, Sektor und Einrichtung sehr unterschiedlich. Gemeinsam haben die meisten Institutionen, dass sie vor akuten Finanzierungsherausforderungen stehen, wozu Kosten für digitale Technologien, Datenaufbereitung und -verwaltung sowie die dafür notwendige technische und rechtliche Expertise beitragen. Rechtliche Unsicherheiten und traditionelle Denkweisen erschweren zusätzlich den Wandel. Eine aktuelle Fallstudie zu offenen Lizenzierungsmodellen im Bereich des kulturellen Erbes hat jüngst gezeigt, dass die Sorge vor Nachteilen durch eine Abgabe von Kontrolle, Rechten und (Daten-)Hoheit unbegründet ist. Sie liefert interessante Anhaltspunkte dafür, dass offene Lizenzierung Institutionen hilft, ihren öffentlichen Auftrag besser zu erfüllen, indirekte finanzielle Vorteile zu erzielen, Kosten im Bereich der ineffizienten Vermarktung von Bildrechten einzusparen sowie effektiver mit Communitys und externen Plattformen zusammenzuarbeiten.
Open Everything?
Soll der Appell also lauten: „Open Everything“? Ein Szenenwechsel vom niederländischen Rijkskmuseum ins neuseeländische Auckland Museum rückt die ethischen Aspekte dieser Frage ins Zentrum. Das Auckland Museum ist eine Kriegsgedenkstätte mit sozial- und militärgeschichtlichen Sammlungen, naturkundlichen und kunstgewerblichen Beständen sowie bedeutenden Māori- und Pazifik-Sammlungen. Etwa zur selben Zeit, als das Rijksmuseum damit begann, seine Sammlung ins Netz zu bringen, launchte auch das Auckland Museum im Rahmen seiner Strategie „Future Museum“ eine Datenbank mit mehr als einer Million Sammlungsdatensätzen. Es war der erste Schritt auf dem Weg zu einem digitalen Museum, das sich einem globalen Publikum gegenüber verpflichtet sieht und dem Leitsatz folgt: „Wir sind im Normalfall offen – in Ausnahmefällen geschlossen“ – also „open by default“ statt „open everything“.
Dies ist vor allem vor dem Hintergrund interessant, dass dieses Museum als koloniale Institution auf dem traditionellen Territorium der Māori liegt und heute in einer komplexen kulturpolitischen Landschaft agiert, die in besonderem Maß von Debatten um das Fortbestehen kolonialer Machtstrukturen geprägt ist. Dies hat nicht nur Auswirkungen auf die Governance des Museums insgesamt, sondern auch auf die Praxis der Freigabe von Bildern, die Menschen, Objekte oder Themen der Māori und Moana enthalten. In einem breit angelegten Konsultationsprozess mit diesen Wissensgemeinschaften wurden vier Prinzipien für die Online-Darstellung dieser Bilder und auch für Nutzungsanfragen durch Dritte entwickelt. Hierzu gehört unter anderem, dass das Museum versucht, Beziehungen zu diesen Gemeinschaften aufzubauen und, wo möglich, Anfragen an sie weiterzuleiten.
Dies ist ein gutes Beispiel für eine Museumspraxis, in der die Anerkennung der Souveränität und des Selbstbestimmungsrechts indigener Gruppen eines der Hauptanliegen ist. Es zeigt außerdem, dass es neben der Sorgfalt für die ethnografischen Objekte auch einer ebenso großen Sorgfalt in Bezug auf die Digitalisierung dieser Objekte bedarf – stehen doch ethische Fragen des Eigentums und des institutionellen Umgangs mit der Kolonialität der Sammlungen in einem engen Zusammenhang mit solchen der öffentlichen Zugänglichmachung. Für Sammlungen aus kolonialen Kontexten gibt es die von den Rechtswissenschaftlerinnen Mathilde Pavis und Andrea Wallace erarbeitete klare Empfehlung, jede Online-Veröffentlichung digitaler Bestände nur mit dem Einverständnis der Herkunftsgemeinschaften vorzunehmen und sie sorgfältig nach Risiken und Vorteilen abzuwägen.
Das traditionelle Wissen indigener Gruppen umfasst ein breites Spektrum von Objekten, Ausdrucksformen und Praktiken, die kollektiv entwickelt und über Generationen hinweg bewahrt und weitergegeben wurden. Das westliche Urheberrecht, das auf Originalität, Autor*innenschaft und persönlichem geistigem Eigentum beruht, steht in einem Widerspruch zu Vorstellungen kollektiver Verantwortung für das kulturelle Erbe einer Gemeinschaft. Das mit dem Urheberrecht verbundene Konzept der Gemeinfreiheit und die auf ihm aufbauenden freien Lizenzen kennen diese Form kollektiver Verantwortung – etwa für heilige oder sensible Inhalte – nicht.
Es stellt sich die Frage, welche Informationen oder Technologien Daten online begleiten können, um einen sensibleren Umgang mit ihnen zu fördern. Einen Ansatz dafür hat die globale Initiative Local Contexts entwickelt, die Label und Hinweise für den Zugang zu traditionellem Wissen von indigenen Gemeinschaften bereitstellt. Ähnlich wie die Lizenzen und Werkzeuge von Creative Commons ermöglichen sie es, Berechtigungen oder Einschränkungen für digitales Material wie Bilder festzulegen – etwa wenn sie religiöse oder sensible Informationen enthalten oder nur für Angehörige eines bestimmten Geschlechts vorgesehen sind.
Silke Helfrich hat in ihrem Beitrag „Allmende statt Open Everything“ darauf hingewiesen, dass „Offenheit“ einen bestimmten Denkrahmen aktiviert: „offen oder geschlossen“ so wie „an oder aus“, „ganz oder gar nicht“. Dabei gerät die Vielfalt dazwischen aus dem Blick:
Sinn und Zweck eines Commons ist es, gemeinsam verantwortete Verfügung zu sichern und die Vorteile für alle Beteiligten zu maximieren. Das erfordert durchdachte und situationsspezifische Zugangs- und Nutzungsregeln.
Der Begriff der Allmende, wie ihn Helfrich formuliert, hebt die gemeinsame Verantwortung hervor und betont, dass der Zugang zu und die Nutzung von Ressourcen im digitalen Raum im Interesse aller gestaltet werden müssen – was durchaus machtkritisch zu verstehen ist und dazu auffordert, den jeweiligen Kontext zu betrachten und marginalisierte Perspektiven zu zentrieren.
Darauf aufbauend schließt dieser Beitrag mit einem Plädoyer an Kultur- und Gedächtnisinstitutionen, sich über den Horizont ihrer baulichen Hülle und eigenen Sammlung hinaus einer doppelten Verantwortung anzunehmen: Diese umfasst zum einen, das verwahrte kulturelle Erbe als Wissensallmende zu pflegen und dafür zu sorgen, dass dieses Erbe so frei zugänglich, nutzbar und nützlich wie möglich ist; zum anderen bedeutet diese Verantwortung auch, bestehende Ungleichheiten sowie epistemische Gewalt im Digitalen nicht zu reproduzieren – wofür partizipative Aushandlungsprozesse und situationsspezifische Zugangs- und Nutzungsregeln unabdingbar sind.