Es ist vorbei. Trump tritt ab und mit ihm seine politische Ikonographie: die Faust. Symbolisierte sie ‚nur‘ seine verdrehte Politik, die den Machthaber zum Unterdrückten stilisiert, oder wird sie als Symbol eines latenten Bürgerkriegs der radikalen Rechten erhalten bleiben?

  • Claus Leggewie ist Ludwig Börne-Professor an der Universität Gießen und hat 2011 mit Anne Lang das Buch „Der Kampf um die europäische Erinnerung. Ein Schlachtfeld wird besichtigt“ bei C.H. Beck/München veröffentlicht.

Am 20. Januar 2017 sah man Donald Trump erst­mals als Poli­tiker mit erho­bener Faust, eine Sieges- und Droh­geste, die er sich schon als Priva­tier, Geschäfts­mann und Fern­seh­star zuge­legt hatte, die im Zusam­men­hang mit seiner schau­rigen Antritts­rede aber zum poli­ti­schen Symbol seines Herr­scher­wil­lens wurde. Die hoch­ge­reckte Faust drohte dem Washing­toner Estab­lish­ment, diesem „Sumpf“, den er trocken­zu­legen versprach, und stachelte seine (damals spär­lich anwe­sende) Basis zum Wider­stand gegen eben diese Macht­elite an.

Trump am Mount Rushmore National Memo­rial in Keystone, South Dakota, 3. Juli 2020, Quelle: bbc.com

Schon am Tag der Inau­gu­ra­tion begann so der Wahl­kampf um eine zweite Amts­zeit, von da an wurde die Faust zum noto­ri­schen Gruß­symbol – auf der Treppe der Air Force One, in tele­genen Auftritten vor der „roten Wand“ aus Trump-Plakaten und MAGA-Kappen, selbst im Hohen Haus des Kongresses nach einer aufge­bla­senen „State of the Union“-Ansprache, beim Tanz mit seiner Frau Melania, bei seiner Selbst­er­he­bung vor Mount Rushmore, auf dem Weg zu der selt­samen Bibel­stunde vor der St. John’s Kirche neben dem Weißen Haus, als die Heilige Schrift in der Faust steckte, auf dem Balkon des Weißen Hauses nach seiner Gene­sung von der Corona-Infektion.

Die Faust wurde auch dynas­tisch vererbt auf seinen Sohn Trump jr. Fist-pumping wurde zum Marken­zei­chen, bisweilen erhob der Präsi­dent beide Fäuste wie zum Boxkampf, mit dem erstaunten nord­ko­rea­ni­schen Diktator wie zu einem freund­li­chen Gerangel unter Buben.

Trump mit Kim Jong-un 2017, Quelle: aldianews.com

Die geballte Faust und ihre Geschichte

Was Poli­tiker in der Öffent­lich­keit mit ihren Händen tun, ist fast nie belanglos: Zum Beispiel der pseudo-soldatische Gruß von Richard Nixon nach seinem Rück­tritt 1974, Angela Merkels Raute, die Winke-Hand der Queen Eliza­beth, der sozia­lis­ti­sche Gruß roter Revo­lu­tio­näre und Staats­ober­häupter, das Victory-Zeichen Winston Chur­chills – nicht zu vergessen der „deut­sche Gruß“, den Adolf Hitler sorg­fältig einstu­diert hatte. Auch Poli­tiker der zweiten Reihe schüt­teln Hände, deuten mit dem Zeige­finger auf Anhänger, winken der Menge zu, reißen die Arme hoch, schlagen mit der flachen Hand aufs Redner­pult, falten ihre Hände osten­tativ zum Gebet und helfen einem Argu­ment mit einer Hand­be­we­gung nach.

Honoré Daumier, „L’Emeute“ (1848), Quelle Wikipedia.

Die poli­ti­sche Ikono­grafie der geballten Faust ist bereits alt und ursprüng­lich wohl kein Symbol der Aufleh­nung. Berichtet wird von Fäusten in natür­li­cher Größe aus Metall in der frühen Neuzeit, die „Personen abge­nommen worden <waren>, die verbal oder physisch Wider­stand gegen die Staats­ge­walt geleistet hatten… Die in effigie einge­zo­genen und wie Trophäen präsen­tierten Fäuste stellten den Rechts­frieden wieder her.“ Immer schon war die geballte Faust eine spon­tane Geste der Wut und Drohung, Symbol einer körper­li­chen Gewalt, aus der sich ein kollek­tiver Wider­stand formen konnte. Ausdruck gegeben hat dem Fran­cisco de Goya mit seinem Gemälde „El Colosso“ (1808-1812), ein nackter Riese, der zum imagi­nären Kampf gegen einen unsicht­baren Gegner antritt, in dem die napo­leo­ni­sche Besat­zung Spaniens gesehen wurde, auch ein Gegen­bild zum Fron­tispiz von Hobbes‘ Levia­than. Im 19. und frühen 20. Jahr­hun­dert wurde die Faust klarer verortet und asso­zi­iert, als Symbol bürgerlich-revolutionären Aufstands gegen Monar­chie, Adel und Klerus, dann noch eindeu­tiger konno­tiert als Symbol des prole­ta­ri­schen Wider­stands gegen Ausbeu­tung und Unter­drü­ckung. Als erstes derar­tiges Bild einer Person mit geballter Faust gilt Honoré Daumiers „L’Emeute“ von 1848.

John Heart­field „Alle Fäuste zu einer geballt“ in der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung vom Oktober 1934. Quelle: Wikipedia

1848 erscheint auch Karl Marx auf einem Flug­blatt zur „Frei­heit der Meinung“ mit erho­bener Faust. Ikono­gra­fisch kodi­fi­ziert wurde diese linke Vari­ante durch John Heart­fields Abzei­chen des Roten Front­kämp­fer­bundes (1924-29) und sein berühmtes Plakat „Alle Fäuste zu einer geballt“ in der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung vom Oktober 1934, even­tuell beein­flusst durch ein 1917 erschie­nenes Cartoon in der Zeit­schrift „Soli­da­rity“ der Inter­na­tional Workers of the World (IWW)-Gewerkschaft.

In den 1930er Jahren wurde die Faust zu einem anti­fa­schis­ti­schen Symbol (vor allem im Spani­schen Bürger­krieg), schon bei Heart­field auch zu einem anti­ras­sis­ti­schen Zeichen, das für Aufrufe zur inter­na­tio­nalen Soli­da­rität einge­setzt wurde. Die Faust war dann ein Propa­gan­da­mittel sozia­lis­ti­scher und kommu­nis­ti­scher Dikta­tur­staaten, wie das Beispiel einer Monu­men­tal­skulptur aus der DDR zeigt.

Im „real­exis­tie­renden Sozia­lismus“ gehörte die rote Faust zum Ritual. Das in 1969 in Halle/Salle errich­tete (und 2003 abge­baute) „Monu­ment der revo­lu­tio­nären Arbei­ter­be­we­gung“ ist ein stei­nernes Symbol dieser damals schon längst verstei­nerten Tradition.

Auch in der Plakat­kunst des Atelier Popu­laire während der Mai-Revolte 1968 war die rote Faust ein promi­nentes Propagandamittel.

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“Monu­ment der revo­lu­tio­nären Arbei­ter­be­we­gung”, oder “Fäuste” war ein Denkmal in Halle (Saale), das von 1970 bis 2003 auf dem dortigen Ernst-Thälmann- bzw. Riebeck­platz stand.

Weiter setzten auch sozia­lis­ti­sche und euro­kom­mu­nis­ti­sche Parteien auf die Faust, im Fall der fran­zö­si­schen Parti Socia­liste mit einer Rose verziert und zivi­li­siert. Adap­tiert wurde das Symbol dann für die Kämpfe neuer sozialer Bewe­gungen (Women Power, Black Power, im südame­ri­ka­ni­schen Boli­va­rismus, von Otpor! in der Oppo­si­tion gegen Milošević). Heute ist die geballte Faust noch bei den „Auto­nomen“ und Antifa-Gruppen im Gebrauch. Auf Plakaten, Buttons, als T-Shirt-Aufdruck und Emoji ist die Faust ganz unab­hängig von poli­ti­schen Orga­ni­sa­tionen allgegenwärtig.

Die Faust, „in der poli­ti­schen Praxis der Gegen­wart das Wider­stands­symbol schlechthin“ (Heusinger), hat alle gesell­schaft­li­chen Bereiche (wie den Sport) erfasst – und eben damit seine eindeu­tige Links-Kodierung verloren. Nelson Mandela schwang die Faust nach seiner Frei­las­sung aus dem Gefängnis ebenso wie Anders Breivik, der „iden­ti­täre“ norwe­gi­sche Massen­mörder, zur Eröff­nung seines Prozesses die erho­bene rechte Hand zur Faust ballte, der Kennedy-Attentäter Lee Harvey Oswald nach seiner Fest­nahme ebenso wie Ramírez Sánchez, bekannt als Carlos, bei seinem Prozess.

Poli­ti­sche Symbole flot­tieren frei und deswegen können linke Symbol­zei­chen selbst­ver­ständ­lich auch von rechts und ganz rechts „gestohlen“, ange­eignet und verän­dert werden. „Eiserne Faust“, frei nach Götz von Berli­chin­gens Hand­pro­these, nannte sich auch schon eine 1919 gegrün­dete Orga­ni­sa­tion völki­scher Reichswehr-Offiziere, später wurde sie der Name einer SS-Division. Speziell in Deutsch­land wurde die „deut­sche Faust“ zum Symbol eines anti­de­mo­kra­ti­schen Kampfes gegen die Linke. Die durch Digi­ta­li­sie­rung und soziale Netz­werke verviel­fachte Möglich­keit der Zirku­la­tion und Repro­duk­tion, auch der Bear­bei­tung, des Schnitts und des Morphing von Bildern erlaubt solche Appro­pria­tionen und Re-Appropriationen von Zeichen, Memes und Symbolen, die ihre histo­ri­sche Aura und Textur verlieren und in fast belie­biger Weise gesam­pelt werden können. Das erklärt die Karriere der erho­benen Faust vom Symbol des Wider­stands der Ohnmäch­tigen gegen über­le­gene Gewalt hin zum Propa­gan­da­in­stru­ment von „White Power“, des weißen Supre­ma­tismus und Rassismus.

Die Faust am Arm von Donald Trump

Die blaue Faust des Gewerk­schafts­ver­bands AFL-CIO, Quelle: buttonmuseum.org

Und so kam die Faust an den Arm von Donald Trump. Er hat sie geklaut, wie so vieles, und nutzt sie als Anführer eines vermeint­li­chen Volks­auf­standes gegen Eliten und so dekla­rierte Volks­feinde. Trump, der sich gerne als Außen­seiter und Spiel­ver­derber geriert hat, behält seine falsche Wider­stands­geste auch, wenn er die Macht innehat und signa­li­siert so, dass er immer noch in Oppo­si­tion zu ihr steht.

Die geballte Faust wird in den Händen vermeint­li­cher Anwälte, Tribune und Führer des Volkes zum Vorspiel einer Regie­rung mit „eiserner Hand“. Neonazis ballen die Faust als verkappten Hitler­gruß, der Ku-Klux-Klan und weiße Rassisten recken sie hoch, um Trump vor der Wahl­nie­der­lage zu retten. Das führt zur Verwir­rung; ist die blaue Faust aus Wisconsin ein Banner von Trumps Unter­stütz­ermob, oder, wie in dem abge­bil­deten Fall, eine Mani­fes­ta­tion der Gewerk­schafts­ver­bands AFL-CIO?

Man hat das kindi­sche Greinen und Grinsen des unter­le­genen US-Präsidenten, wenn er wie nebenbei die Faust zu Gruß ballt, dahin­ge­hend unter­schätzt, dass ihm diese Bezüge unbe­wusst geblieben seien. Von Beginn an war der faschis­ti­sche Coup d’Etat ange­legt, und Trumps kata­stro­phaler Abgang erhob die Faust zum Symbol eines weiterhin latenten Bürger­kriegs, den die radi­kale Rechte über einen bloßen Faust­kampf im Capitol hinaus­zu­treiben im Sinn hat.

Aus der Gattung der Faust­memes, Quelle: facebook

 

  • Claus Leggewie ist Ludwig Börne-Professor an der Universität Gießen und hat 2011 mit Anne Lang das Buch „Der Kampf um die europäische Erinnerung. Ein Schlachtfeld wird besichtigt“ bei C.H. Beck/München veröffentlicht.